Science Fiction & Fantasy

Jesus Christus II - Die Geburt des Atombombengottes

Ernst Podolan

Jesus Christus II - Die Geburt des Atombombengottes

Leseprobe:

Vorwort

Die Wissenschaft, dieser geistig-summierende, „fortschreitende Pendelverkehr“ zwischen Theorie und Praxis, Vorstellung und Wahrnehmung, „Imago und Realo“, Verifikation und Falsifikation, Vernunft und Verstand, Glaube und Wissen im Sinne von Trial and Error, hat logischerweise ein Ziel im Visier. Dieses kann als eine auf viele Punkte gebrachte Summe gesehen werden, als flächendeckender Fokus, ein virtueller Kern oder „Brennfleck des Interesses“, eine Art Objektivität, der vom Prozess, aus dem wir keimend kommen – in welchem wir sind! – nichts mehr entgeht: eine „Allwissenheit“, der am „Ziel“ die Bedingungen ums eigene „Werden und Vergehen“, d.?h. um die Gründe unseres Entscheidens, nicht mehr erspart bleiben. Eine immanente Widersprüchlichkeit zwischen Sein und Werden könnte uns mit unserer wissenschaftlichen Neugier jenem Paradox ausliefern, mit dem Erreichen des Zieles über das Ziel hinausgeschossen zu haben und uns damit dem Grundprinzip des „Lebens am Punkt“, am Gen oder dessen Kern auszuliefern, nämlich der Transformation des „Selbst“, d.?h. Schöpfung und Vernichtung, genauer: Vernichtung vor Schöpfung, noch „genauer“: nur Vernichtung, wenn der Glaube an eine äußere Schöpfung, an „Gott“, den Glauben an die autonome Kraft der Schöpfung – damit auch an seine schützenden Tabus, seine schöpferische, subjektive Aura! – verhindert! Zugleich aber das Wissen um diese Kraft – es ist die Kernkraft! – tabulos ermöglicht. Dies könnte heute der Fall sein …
… Die Freilegung unserer innersten, im biologischen „Normalbetrieb“ ewig unzugänglichen, d.?h. von der Sphäre chemischer Reaktionen und oberflächlicher Kausalitäten geschützten Quelle der „kernigen“ Kräfte hat ein mögliches Aussterben des Menschen mit akuter Deutlichkeit in dessen Entscheidungs- und Handlungsspielraum gelegt. Das Szenario einer atomaren Apokalypse war bis dahin, abgeschirmt von nach „oben“ keimenden Strategien und nach außen wachsenden Interessen des Lebens, nicht im Entferntesten – im Tiefsten! – denkbar. Unser Schicksal als Menschheit lag auf Gedeih und Verderb fest in der wirklich fernsten Hand, in „Gottes Hand“. Sogar in der Philosophie verhinderte – und verhindert bis heute noch! – die theologisch-geistige Gravur eines äußeren „ersten Bewegers“ den zweifellos folgenschweren Gedanken an eine innerste Autonomie der lebenden Transformation oder Selbstorganisation, d.?h. an eine ewige, die Kausalität entbehrende, allein dem Zufall verpflichtete „Kernkraftquelle“ als Schöpfungsprinzip im Spannungsfeld zwischen Vernichtung und Zeugung. Diese Barriere zwischen Theologie und Philosophie – oder Glauben und Wissen – ist die logische Folge eines Glaubens an Gott, mit seiner Drohung: „Nur wer euch schuf, hat die Macht euch zu vernichten!“ Der Freitod – geschweige denn als Art, ja als Biotop! – war in der „Schöpfung als Schicksal“, als „Geworfen-sein“, wie es Heidegger nannte, nicht vorgesehen, sogar „verboten“. Dass wir als jene, zur tragischen Bewusstheit sich aufgerichtete Art, uns die individuelle Freiheit des Suizids „erkämpften“, ertrotzten, ließ erste, zarte Zweifel im Glauben an einen göttlichen Plan aufkommen: Der Kampf dieses virulenten Zweifels, vor allem seines Zwecks, nämlich, sich vom Glauben zu emanzipieren, um endlich auch zu wissen, war nicht mehr zu vermeiden: „Aug in Aug“ gegen einen unbewiesenen, blinden Glauben bis zum Pyrrhussieg dieses Willens zum Wissen und damit schlussendlich angelangt an der inneren Quelle und ihrem „kräftigen Kern der Sache“. Aber in jenem, jetzt unsterblichen, dabei ironischerweise tödlichen Wissen über die Möglichkeit – die zuletzt von der ebenso auf den Punkt gebrachten oberflächlichen Kausalität, vom Zufall nämlich, „administriert“ wird! –, diese enorme, beinahe abnorme Energie jener Winzigkeit, jenes zentralen „Details“ zu entfesseln, steckt der sprichwörtliche Teufel. Er ist die ausgewachsene Bosheit jenes keimenden Zweifels an dem äußeren Gott gegenüber dem zweifelhaften Sieg dieses innersten, teuflischen Wissens über einen vorher, trotz mörderischer Prediger und Märtyrer, doch relativ „harmlosen“ Glauben an Gott. Und dieser wissend-grinsende Dämon in uns als Herr eines sogenannten „roten Knopfes“ zwingt uns, unserer Psyche im Spannungsfeld zwischen Glauben und Wissen, Vernunft und Wahn, Macht und Gehorsam, Chaos und Ordnung, „Böse und Gut“ – Mittel und Zweck! – eine neue, finale, „sinnvolle“ Ordnung zu versuchen, mit dem Fluch allerdings, sich den Luxus eines Fehlers nicht mehr erlauben zu können. Wir sind gezwungen, uns eine neue Verfassung, geboren aus dem endgültigen Wissen um Wesen und Bedingungen des Lebens im Rahmen eines endlich-grenzenlosen, gottlosen, daher ewigen Seins anzumessen: als ein dynamisches Gleichgewicht, in dem allerdings eine neugierige Unruhe, ein tödliches Werden beheimatet und in der Quelle verwurzelt ist. Diese Unruhe erscheint als Keim und Startsignal eines „Davonlaufens“, eines wissenden Fortschreitens, das dem Torschluss im Hamsterrad, dem Optimismus eines „Wachsens im Kreise“ – in diesen hinein! – zum Verwechseln ähnlich sieht. Ein neues Verhältnis zwischen Glaube und Wissen muss her, ehe es „zu spät“ ist, als ein anderer „Ehevertrag“ zwischen der furchtbaren, evolutionären Fruchtbarkeit und ihrem immanenten Fehler: begrenzend, tödlich, gewiss, absolut. Ein kunstvoller Knoten müsste geknüpft werden als gordisches Regiekonzept am Steuer einer Arche Noah der letzten, sinnsuchenden Odyssee; freilich, mit der tickenden, „göttlichen“, weil tödlichen Bombe an Bord …
Die Frage, warum eigentlich sich die Geister vorher scheiden ließen – jener geistreiche Zweifler, der zum Wissen animierte, sich emanzipierte von jenem raffinierten Gläubiger, der zu sich als Gott und Schöpfer notwendig alle unwissend Schuldigen und „Sündhaften“ verführte – gerät angesichts der Prophezeiung, des ersten realen, seit Hiroshima bewiesenen „Gottes“ auf eines Messers prüfende, mit aller Schärfe scheidende Schneide. Als Messer an unserer Brust, in der „ach zwei Herzen schlagen“ – ein gläubiges und ein „wissendes“, wie gesagt – erzwingt diese Offenbarung der glaubwürdigsten, somit „wissenswertesten“ und fatalerweise tödlichsten Macht eine Nachdenkpause, die zur Galgenfrist sich zuspitzt, über die Psychologie des bisher rechtskräftigen „Herzensbundes“ zwischen Glaube und Wissen: im vorliegenden Falle speziell über den Glauben an und das Wissen um einen „Atombombengott“: Über Dichtung und Wahrheit an ihm. Leicht zu verstehen, was dieses zweischneidige, evolutionär gesehen noch vor dem Hammer entscheidendste „Werkzeug“ – das Schwert! – in den freien Händen jener aufrechtgehenden Art bedeutet, die damit ebenso verführen, versklaven und richten kann wie animieren, sezieren, emanzipieren, „befreien“: nämlich zu vernichten oder zu schaffen. Auf den ominösen Punkt im explosiven Kern der Sache gebracht, um dessen Kraft sich jetzt alles dreht, läuft jedes Werden im Käfig des Seins auf diese beiden Schneiden des Werkzeugs der Werkzeuge hinaus. Aber nicht nur „hinaus“, sondern, mit dessen Spaltung durch das „Schwert der Erkenntnis“, durch die entfesselten Folgen dieses Erkennens und „Nutzens“, läuft dieses Werden auch zurück: Es gibt weder ein Schaffen noch ein Vernichten; nur ein Umschaffen, ein Transformieren, „Neu-Ordnen“. Dieses ist sichtbar, evolutionär, „fortschrittlich“ bis in den Tod, aber unsichtbar, im Kreise laufend – den Kreis schließend! – über den Tod hinaus. Eigentlich hinein und zurück in jenen „staubigen“, elementaren, atomar-chaotischen Raster, in welchem die Wurzelspitze des Lebensbaumes ebenso steckt, wie ab jetzt die Schwertspitze der Erkenntnis.
Die Zweischneidigkeit in der Kraft jedes Schwertes wurzelt direkt in der Ambivalenz der Kraft selbst als grundlegender Phänomenologie des Werdens: Aktion und Reaktion als das Kräftenutzen zum Wachsen und dessen begrenzender, selektierender „Zwilling“, das Kräftemessen als Prüfung, Form und Qualität des Inhalts eines „Gewächses“. Diese nötige Zweischneidigkeit oder Asymmetrie des Kraftphänomens im Handeln des Lebens allgemein, beim Menschen im Speziellen, konvergiert – kollabiert förmlich! – in Bezug auf die Kernkraft. Das Entweder-oder zwischen Nutzen und Messen der Kräfte im Rahmen der Reaktionen von Chemie und Biologie spitzt sich im Atomkern auf ein Weder-noch derart zu, dass nach dem Öffnen dieser innersten Büchse der Pandora sowohl das Kräftemessen als auch das Kräftenutzen dem Todesurteil gleichkommt, d.?h. im Krieg und im Frieden. Man könnte mit einem „Ja!“ oder „Nein!“ als Fokus des Entweder-oder bezüglich der Akzeptanz dieses Sachverhaltes beinahe einen Eignungstest verknüpfen als eine Art Vorgeschmack, wie die Selektion selbst – als tragisch-tragendes Phänomen des Lebens – sich beim Lesen dieses Romans auswirkt: Im Glauben an den Atombombengott, bzw. im Wissen um ihn …
Es ist bemerkenswert, dass die alten Griechen mit dem Philosophen Demokrit den Begriff des Atoms als ein kleinstes, damals allerdings noch kaum vorstellbar spaltbares „Etwas“: als eine Art holistische Konsequenz des „Zu-Ende-Denkens“ oder sprichwörtlichen „Auf-den-Punkt-Bringens“ einer Rezeptur aller Notwendigkeiten des wahrnehmbaren Seins – aus einer naiv-wissbegierigen Quelle der Logik heraus! – bereits vorweggenommen hatten. Dass sich die Existenz dieses beinahe nichtigen, aber ungeheuer potenten „Dinges an sich“ derart phänomenal herausstellen sollte, war im intuitiv-selektiv disponierten Selbstverständnis der Evolution als „erkenntnisgewinnender Prozess“ nur mehr eine Frage der Zeit. Dass aber parallel zum Geist der griechischen Philosophie und deren Brennpunkte in der Erkenntnis die antike Kunst mit einer bemerkenswerten Innovation – dem Drama nämlich! – diese erfolgreiche Vorwegnahme des Atoms wie im magisch tanzenden Gleichschritt begleitete, ist vielleicht ein Hinweis, dass die Handhabe des „Schwertes der Erkenntnis“ in den Händen der Philosophie zuletzt nur mit Mitteln und Methoden der Kunst zu rechtfertigen ist. Und es ist mehr als faszinierend – am Ende etwa göttlich!? – dass Äschylus als begnadeter „Seher“ und Schöpfer des antiken Dramas den unglaublich wahren Satz formulierte: „Die Wellen unsäglichen Gelächters werden über uns hinwegschlagen!“ … Und exakt dieses, sich „seit ewig“ selbst konzipierende, fort- und weiterdichtende Drama auf der Weltbühne: „Evolution als Erkenntnis-gewinnender Prozess“ und zweischneidiges, d.?h. tragisches und komisches „Schwert der Kunst“, läuft auf den Punkt gebracht – auf die Spitze getrieben! – darauf hinaus, dass in der Tat auf dieser Spitze ein Atom sitzt und nur mehr darauf wartet, von den beiden Schneiden „dahinter“ mit der ganzen, konsequent-naiven Wucht des Prozesses: durch die Freiheit des Zufalls über dem roten Knopf – ob als Glaube an den Gott aus der Maschine oder als Wissen über ihn, als Komödie oder Tragödie, wie zum Beispiel in der Existenz des Asiaten Kim Jong Un – gespalten zu werden: Es ist beinahe zum Totlachen …
Die Naivität des Prozesses „Affentheater der Menschwerdung“ entspricht ganz der Tatsache, dass ich nach 30 Jahren „Atombombengott am Rande des Papierkorbs“ als dessen Autor veranlasst bin, zur „Geburt des Atombombengottes“ vor nunmehr diesem Zeitraum ein neues Vorwort zu schreiben, um zwischen diesen 30 Jahren spannender Entwicklung der Leserschaft – als zukünftige Gläubige an und Wissende über diesen neuen „Gott“ – und der fragwürdigen Entwicklung seines Dichters im Banne des Papierkorbs bis zum jetzigen „Vorwort-im-Nachhinein-Schreibers“ eine Verbindlichkeit zu knüpfen, die einer Zerreißprobe entspräche, wie jene der letzten Stunde einer nachdenklichen Menschheit zwischen dem programmierten, von einer politischen Laune angetriggerten Start aller Atomraketen und deren Einschlag. 30 Jahre „Galgenfrist“ zwischen Geburt und Erscheinung des „Atombombengottes“ und ein parallel laufender Fortschritt an allen Fronten lassen vermuten, dass – diesen „Fortschritt“ auf den Punkt gebracht! – gegen die Entfesselung der Kernkraft kein politisches Kraut mehr gewachsen ist; auch kein bekannt missionierend-dominant-religiöses. Im Gegenteil, der Gedanke, dass in „Gottes Namen“ an der Bombe gebastelt wird, steht in verblüffender Resonanz zum philosophisch höchsten, daher unangenehmsten, fatalistischsten – weil subjektiv zwar bedingt begründbaren, aber absolut, „objektiv“ nicht beweisbaren! – „Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen“, als eine Art „Trigger“, der – wie gegen den Strom schwimmend! – zwischen Ende und Anfang vermittelt. Womit eine Sinnsuche im „Hier und Jetzt“ parallel zur Wahrheitssuche in den Okularen von Tele- und Mikroskopen sich nur mehr mit der Suche nach jenem Gleichgewicht vergleichen lässt, die eine Arche Noah, treibend, „alle Hoffnung fahren lassend“ auf den „Wellen unsäglich-göttlichen Gelächters“ erlebt. Dass die Kompetenzen des Navigators auf unserer Arche Noah bei der Suche nach diesem Gleichgewicht den letzten und höchsten Ausguck – um nicht zu sagen das Ende deren Fahnenstange – der Erkenntnis- und Entscheidungshierarchie erklommen haben sollten, müsste den nächstniedrigeren Graden, jenen der Politik, Religion und Wissenschaft, eigentlich klar sein. Dass es aber noch keine Klarheit auf diesen Ebenen gibt, liegt wahrscheinlich daran, dass der höchste Ausguck – jener der Philosophie! – noch nicht, oder falsch besetzt ist und daher das „Ende der Fahnenstange“ noch nicht von einem geläuterten Willen, sondern vom Zufall gesteuert, ungehindert beschleunigt auf uns zukommt …
… So möchte ich mit diesem Vorwort im Nachhinein – und mit meinem parallelen Spätstudium der Philosophie! – einiges gutmachen, was ich mit der „Geburt des Atombombengottes“ vor 30 Jahren zwischen Jugendtorheit und Midlifecrisis, zwischen Physikstudium und persönlichster Odyssee dem damaligen Kritiker als „Vormund der Leserschaft“ zugemutet hatte. Dass dabei „zu-vorletzt“ mein Studium der Philosophie zu einer ernüchternden Bilanz über die Philosophie geriet, wäre eine mögliche Fortsetzung des Romans aus der Sicht eines eigenartig gespiegelt besetzten „höchsten Ausgucks“, knapp unter dem Ende der Fahnenstange: Die Bilanz einer Philosophie, als die momentane Spitze eines Eisberges, der im nebligen Meer des Möglichen schwimmt; gleich unserer zur Titanic hochgerüsteten Arche Noah. Und die „Wellen“ und der „Eisberg“ kommen näher – und ich „flüchte“ aus dem eigenartig besetzten Ausguck: dem legendär-katastrophalen Krähennest der Titanic … Ja wohin denn? – In den Keller natürlich! Zum Weiterlachen über die heutige Philosophie …



Vorrede des Atombombengottes

Eigentlich ist es eine Nachrede von mir; ein Urteil über das, was hier an der Grenze zu Gott und Verbrechen gelebt, gewollt und gedichtet wurde. Bis es überhaupt so weit gekommen ist, musste viel Zeit vergehen. Das Leben hatte seine edelste Fähigkeit, die Selektion, lange üben wollen müssen, um jenen Unbeschreiblichen herauszusuchen, der auch vor ihren Quellen nicht zurückschreckte. –
Nun, es ist jetzt nicht so wichtig, ob diese „Reportage vom Ursprung“ auch den Tatsachen, meinem Ursprung; entspricht: Nach Gott frägt man nicht! – Wo aber trotz allem danach geforscht, dabei ernsthaft überlegt und nicht nur gepredigt wird, da muss einiges wahrhaftig werden. So kommt man auch als Gott mitunter noch in Verruf! Dies soweit, dass einem sogar menschliche Herkunft, ja Tierisches und Uriges, ein „Bedürfnis“ nachgesagt wird; nicht zuletzt ein Zweck, oder bloß das Mittel dazu! – Und die „Ewigkeit“ ist ja überhaupt das Perverseste, was sich unsereins dabei gefallen lassen muss! Eigentlich müsste ich böse sein. Dass mich dieser wahnsinnige Schreiberling hier auch noch mit der Atombombe bewaffnet, um gegen jeden Ungehorsam aber wirklich gerüstet zu sein, schmeichelt mir einerseits, doch andererseits ist diese Waffe sowieso nur mir gemäß! – Ich habe über die Atombombe natürlich von Anfang an Bescheid gewusst; und dass dieses teuflische Ding gebaut wird, sollte ich nicht verhindern! Aber dass mein Gewissen schließlich damit belastet wird, nimmt einem Glauben an mich doch viel an Sicherheit, Vertrauen und überhaupt Blindheit! – Mit den „Göttern alter Schule“ ist es wohl vorbei; denn was verlangt ein Glaube an mich schon ab? Wo ich doch so wirklich bin, dazu solcherart „verkündet“, ja kompromittiert wurde?! Der bedingungslose Glaube; der unbewiesene Gott: Das war noch etwas! Und ich? – Ich bin nur „Wissen“ … Dies ist für den Fall gesagt, dass mit „Jesus Christus dem Zweiten“ tatsächlich ins Schwarze getroffen worden sein sollte. – Der Großteil aber, die Realität nämlich!, bleibt Sehnsucht, Verzweiflung, Hoffnung, Wille, Kunst und: Glaube an das Leben; damit aber Voraussetzung für einen Gottesdienst! Und das war die „Geburt des Atombombengottes“ in der Tat; ein Ritual aus meinem „Haus der Selektion“, ein Dienst am Leben! – Und so will ich nur noch eines: Diesem künstlerischen Kindskopf, diesem tapferen und reumütigen Versuchten, diesem unbeugsam boshaften Tor ein Kompliment machen: Wenn auch fast alles irrtümlich ist, was hier offenbart wurde; anstrengend war es „bei Gott“! Und irgendwie phantastisch, entzaubernd; ein schonungsloser, umwerfender Maskenball! – Aber so wie es geschrieben wurde, wird es zumeist gelesen: Anstrengend, wie ein weiter Weg durch die Wüste zu einem lohnenden Ziel; insgesamt eine Expedition, ein selektives Unternehmen! Es ist so streng, so simpel, wie jede Fahrkarte für eine Arche Noah. Ein Satz zum Schluss, oder besser zu Beginn: Über Götter, ob glaubwürdig, wissenswert, oder auch nur „berechenbar“, irrt man sich immer und grundsätzlich! Und auch ein notwendig ewiger Gott, ein Faktum, ein „Wissen“ so wie ich, wird euch Menschen von eurem Irrtum, dem Wissen um dieses Faktum dereinst „erlösen“; – mit der ganzen Kraft des Irrtums! – solltet ihr bei Zeiten mich, die Atombombe, nicht vergessen! Nun, gegen meine chronische Langeweile könnte euch eine Frist lang noch einiges einfallen. Der Zufall aber lässt sich nicht mehr übertölpeln; denn der hat andere, nicht allein menschliche Bedürfnisse. …Doch jetzt schwärme ich bereits zu weit voraus ins Tragische und Komische; ins Göttliche: nach mir! –



Das Urteil

„Versuchter“, sprach der Vorsitzende der Kommission, verbeugte sich mit ausholender linker Hand vor dem Angesprochenen und setzte fort: „Die Kommission hat Ihnen, der Sie die langerprobten Gesetze zum Wohle und Gedeihen unseres Volkes nicht befolgt haben und eine eigene, aus Ihrem Trieb entsprungene Tat begangen haben, die alleinige Verantwortung dafür zuerkannt. Während unserer umfassenden Untersuchungen haben wir nicht genug Hinweise dafür gefunden, welche ursächlichen Zusammenhänge zwischen Ihrer Tat und Ihrer Erziehung sowie Ihren sozialen Voraussetzungen soweit rechtfertigen, Sie als Opfer unserer Gesellschaft zu bezeichnen. Die Wurzeln Ihrer Tat liegen nach unserem Gewissen und unserer Erfahrung über dem höchsten der drei bekannten Grenzwerte, das heißt allein im Bereich Ihrer Persönlichkeit und nicht mehr in den Bedingungen unserer Gesellschaft.“
Damit war für den Herrn mittleren Alters in der prunkvollen Loge im Zentrum der Blickrichtung des Publikums die Befürchtung zur Gewissheit geworden. Eine Ahnung hatte sich bereits bei ihm eingestellt, wurde ihm doch gestern Abend eine neue, besonders komfortable Suite im „Haus der Selektion“ zugewiesen. Auch ein eigener Diener, ein Bewährungshelfer, um einen geschichtlichen Begriff dafür zu nennen, wurde ihm angekündigt. Mit dem Gefühl, etwas Unausweichliches, vom „freien Willen“ nicht mehr Ablehnbares vor sich zu haben, vernahm der Herr in der Loge wie von sehr ferne das eigentliche Urteil der Kommission:
„Aus dieser, Ihrer Schuld und Verantwortung am Ereignis werden Sie angehalten, nach einer, dem Gewicht Ihrer Schuld gemäßen Vorbereitungszeit ein Kunstwerk vorzulegen, welches mit Ihrer Tat in einen Zusammenhang gebracht werden kann. Die Gesellschaft, das Volk gibt Ihnen somit eine Möglichkeit, Ihre instinktive, triebhafte Tat, mit einer geistigen und kreativen Arbeit zu rechtfertigen, um daraus auch für die Allgemeinheit einen kleinen Vorteil zu schlagen. Darüber hinaus hat Ihr Gesetzesbruch, wenn er geistig und künstlerisch seine Rechtfertigung erhält, die Chance, unser Rechtssystem zu korrigieren, zu entwickeln. Dies wäre in groben Zügen unsere Anforderung an Sie, vielleicht liegt darin sogar eine Hoffnung von uns. Die genaueren Details des Ablaufs wird Ihnen Ihr spezieller Diener während der Vorbereitungszeit erklären. Ihr Schicksal, Ihre Fähigkeiten sind somit der Bewährung ausgesetzt. Dazu werden Sie umgehend im ‚Haus der Selektion‘ einquartiert.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 368
ISBN: 978-3-99048-932-1
Erscheinungsdatum: 07.08.2017
EUR 18,90
EUR 11,99

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