Jawra
Die Erwählten
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 346
ISBN: 978-3-99146-840-0
Erscheinungsdatum: 15.05.2024
Was, wenn du an deinem 18. Geburtstag erfährst, dass du nicht ein einfacher Mensch bist und auch dein bester Freund nicht der ist, der er zu sein vorgibt? Plötzlich bist du die Erwählte in einer Welt von Gestaltwandlern, Magiern und Sehern ...
Kapitel 1
Lexi
Ich schwebe durch den nächtlichen Wald. Einen Wald, den ich kennen sollte, doch es fühlt sich irgendwie komisch an, ihn aus dieser Perspektive zu sehen. Darum dauert es auch einen Moment, bis ich ihn erkenne.
Als Nächstes höre ich Geräusche. Geräusche, die nicht ganz hierhin gehören. Als ich mich umsehe, entdecke ich, was es verursacht, es ist tatsächlich ein Wolf. Nicht einfach ein Wolf, sondern der schönste und imposanteste, den ich je gesehen habe. Nicht, dass ich jemals einen echten Wolf gesehen hätte. Sein Fell ist hellbraun und schimmert auf eine Art und Weise, die mich sofort in ihren Bann zieht.
Ich schwebe näher zu ihm heran, erst da bemerke ich, dass er in einem sehr hohen Tempo unterwegs ist und von zwei Männern verfolgt wird. Erstaunlich ist, dass diese Männer keine Probleme damit zu haben scheinen, den Wolf in einem Tempo zu verfolgen, das nicht menschlich ist. Als ich sie genauer betrachte, sehe ich, dass sie mit Pfeil und Bogen sowie mit einem Schwert ausgerüstet sind. Sowas hat doch heute keiner mehr …
Es wirkt fast so, als habe der Wolf Spaß daran, von diesen Männern gejagt zu werden. Ich verfolge das Geschehen gespannt und folge ihnen. Plötzlich sehe ich, dass direkt vor dem Wolf die große Schlucht in Sicht kommt. Ich möchte ihm zurufen und ihn warnen, dass er abbremsen und die Richtung ändern muss, doch es kommt nichts aus meinem Mund.
Die Schlucht ist viel zu breit, um einfach darüber zu springen, er wird unweigerlich in den Tod stürzen, wenn er nicht endlich abdreht. Doch es wirkt, als ob der Wolf noch an Tempo zulegt. Er steuert geradewegs auf diese Schlucht zu. Automatisch halte ich den Atem an. Ich möchte meine Augen schließen, doch ich kann mich nicht von dieser Szene losreißen. Kurz bevor er in die Tiefe stürzt, stößt er sich kraftvoll vom Boden ab und segelt federleicht über die Schlucht. Als er auf der anderen Seite ankommt, stürzen die Männer auf die Schlucht zu, können aber im letzten Moment abbremsen, ohne in die Tiefe zu stürzen. Ich atme erleichtert aus …
Der Wolf bremst und wendet sich im Schutz der nahen Bäume den Männern zu. Ich sehe sogar von hier, wie seine Augen spitzbübisch leuchten. Als er dann noch triumphierend aufheult, kann ich ein Grinsen nicht unterdrücken. Fasziniert von seiner Schönheit kann ich den Blick fast nicht abwenden und mustere ihn ausgiebig. Seinen starken Körper mit seinen kräftigen Beinen und großen Pfoten, seinen kräftigen Schwanz. Auch sein ausdrucksstarkes Gesicht mit den spitzen Ohren, die lange Schnauze mit den scharfen Zähnen.
Und dann diese Augen, ich weiß, ich kenne diese Augen. Doch als ich noch näher zu ihm heran möchte, spannen die Männer ihre Bogen und schießen auf ihn. Aber bevor sie ihn erreichen können, ist er schon in der Tiefe des Waldes verschwunden. Sofort folge ich ihm …
Piiiep, Piiiiiep, Piiiiiep, Piiiiep, Piiiiiep … Ich schrecke aus meinem Traum hoch, als ich den Wecker höre. Einen Moment bin ich völlig orientierungslos und sitze stocksteif und perplex in meinem Bett. Als mir dann nach einigen Augenblicken klar wird, wo ich bin, bekomme ich den Wecker zu fassen und stelle ihn stöhnend aus. Ich bette meinen Kopf nochmal aufs Kissen und versuche, mich an alle Details dieses Traums zu erinnern. Es ist schon komisch, eigentlich sollte mich das Gesehene nicht so in seinem Bann halten, da ich sowieso schon eine sehr lebhafte Fantasie besitze. Doch dieser Wolf war unglaublich faszinierend und seine Augen – ich kenne doch diese Augen von irgendwoher …
Ich schüttle den Kopf, öffne verschlafen die Augen und schiele auf den Wecker. Sofort springe ich aus dem Bett naja, eher falle ich aus dem Bett, da ich mich in meiner Decke verheddere. Verdammt, ich habe länger an diesen Traum gedacht, als ich wollte. Fen wird heute schon wieder auf mich warten müssen.
Schon, wenn ich an ihn denke, fühle ich, wie sich ein wohliger Schauer in mir ausbreitet. Er ist mein bester Freund seit nun fast zehn Jahren und eigentlich heißt er Fenrir, doch alle nennen ihn Fen. Seine Familie zog im gleichen Jahr nach Neufundland wie wir, somit waren wir beide neu an der Schule und freundeten uns deshalb schnell an.
Ich rapple mich vom Boden auf und gehe zum Kleiderschrank, reiße frische Unterwäsche raus und flitze ins Bad, um kurz zu duschen. Irgendwie muss ich diesen Traum loswerden, da wir heute noch einen Test in Geschichte schreiben und ich mich voll und ganz darauf konzentrieren muss. Also hoffe ich, dass das warme Wasser meine rasenden Gedanken beruhigen kann.
Nach der Dusche trockne ich meine Haare mit dem Föhn, da ich sie zum größten Teil kurz trage, geht das zum Glück schnell. Ich trage ein wenig schwarzen Eyeliner und Wimperntusche auf. Dann renne ich zurück in mein Zimmer und ziehe mich fertig an. Da heute Freitag ist und ich nach der Schule mit Fen in seinen Geburtstag reinfeiern möchte, entscheide ich mich für eine enge löchrige helle Jeans und ein Top einer meiner Lieblings-Rockbands.
Ich betrachte mich im Spiegel und bin ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Kurz betrachte ich mich genauer, meine grünen Augen haben mir schon immer am besten gefallen. Und jetzt durch meine knallroten Haare und den Eyeliner kommen sie erst recht zur Geltung. Auch mag ich meine Lippen, die schön geschwungen und voll sind, aber danach hat es sich auch schon mit meiner Zufriedenheit. Ich lasse meinen Blick weiter wandern und er bleibt an meinen Brüsten hängen, die für meinen Geschmack einfach zu groß sind. Auch mein Bauch könnte ein wenig kleiner sein, doch ich esse einfach zu gerne … Zum Glück sind meine Beine vorzeigbar, was einiges wieder rausreißt, finde ich. Trotzdem seufze ich kurz auf. Dann wandern meine Gedanken automatisch wieder zu meinem Traum und diesem wunderschönen Wolf und ich seufze erneut.
Plötzlich höre ich meine Mam von unten rufen: „Alexandra, beeil dich! Fenrir ist da und muss wie immer auf dich warten!“ Ich packe sofort meine Schultasche, meine Sporttasche und meine schwarze Lederjacke. Mein Handy, das noch auf meiner Kommode liegt, werfe ich in die Schultasche und stürme die Treppe hinunter. Ein Wunder, dass ich immer heil diese Treppe runterkomme, da ich tagtäglich in einem Affenzahn nach unten rennen muss.
Mam wartet schon an der Haustüre auf mich, wie immer. Sie schüttelt lächelnd den Kopf, hält mir eine Lunch-Tüte hin und drückt mir zwei Müsliriegel in die Hand. „Gib einen davon Fenrir und hab einen schönen Tag und pass auf dich auf!“ Sie drückt mir einen Kuss auf die Schläfe und zwinkert mir zu. Ich verstaue meinen Lunch in der Schultasche und grinse sie an.
„Danke, Mam und ja, Mam, ich wünschte, die Schule wäre schon vorbei, diese Geschichtsprüfung macht mir ein wenig Sorgen. Ach ja, nach der Schule bin ich bei Fen.“
Als ich nach draußen laufe, folgt mir Mam und ruft: „Hallo, Fenrir, habt einen tollen Tag und pass mir gut auf meine Tochter auf! Tschüss zusammen!“
Sofort fällt mein Blick auf Fen, der lässig neben seinem Wagen steht und meiner Mam lächelnd zuwinkt und „Vielen Dank, Mrs. Foxx“ ruft. Sein Wagen ist ein blauer Ford Pick-up F350, 7.5 Liter mit 245 PS und Jahrgang 1986. Wieso ich das alles weiß? Weil er sein Auto über alles liebt und als er ihn bekam, nur noch davon gesprochen hat. Besser gesagt von ihr, denn er nennt sie liebevoll Blue.
Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, machen meine Schmetterlinge im Bauch einen Looping und mein Herz setzt einen Schlag aus, um danach schneller zu schlagen als üblich. Er sieht einfach umwerfend aus. Er ist 198 cm groß, hat ein wunderschönes symmetrisches Gesicht mit braunen welligen kurzen Haaren, die ihm ein wenig in die Stirn fallen, dann seine unglaublichen karamellfarbenen Augen, die mich anstrahlen, und sein umwerfendes Lächeln mit seinen wunderschön geschwungenen Lippen.
Er ist einfach perfekt, so wie er neben seinem Ford steht, groß und muskulös. Ich laufe lächelnd auf ihn zu und wir umarmen uns.
„Hi, Fen!“
„Hi, Lexi, warst du wieder Mal in deiner Tagträumerei gefangen?“
Er kennt mich einfach zu gut. Ich boxe ihm auf den Arm. „Nein, diesmal war es ein richtiger Traum, der mich die Zeit vergessen lassen hat. Komm, wir müssen los, ich erzähl es dir während der Fahrt zur Schule.“
Als wir im Ford sitzen und losfahren, öffne ich einen Müsliriegel und strecke ihn ihm entgegen. Er nimmt ihn lächelnd entgegen und meint: „Deine Mam ist die Beste.“ Genüsslich beißt er in den Riegel und seufzt wohlig.
Ich öffne den zweiten Riegel und beiße ein Stück ab. „Also, dieser Traum war echt irre!“ Als ich ihm den ganzen Traum haarklein erzählt habe, muss ich selber staunen, dass ich noch all diese Details weiß. Irgendwie hat sich mir alles so genau in mein Hirn eingebrannt, sodass ich sogar den Geruch beschreiben könnte, wenn ich müsste.
Fen hat alles stillschweigend aufgenommen und auf die Straße gestarrt.
„Was meinst du dazu?“, will ich gespannt wissen. Er schaut mich an und meint lächelnd: „Du fängst ja langsam aber sicher an, echt schräge Dinge zu träumen. Vor allem, welche Männer sind heute noch mit Pfeil und Bogen und Schwert bewaffnet? Vielleicht ist das eine Reaktion auf die heutige Geschichtsprüfung. Die Wikinger haben schließlich auch mit solchen Waffen gekämpft.“
Ich sehe ihn von der Seite an und bin ein wenig enttäuscht von seiner Antwort. „Ja, vielleicht hast du Recht“, seufze ich.
Er blickt stur geradeaus, doch ich kann sehen, wie er die Stirn in Falten legt und nachdenklich auf die Straße starrt. „Ist alles okay?“, frage ich ihn.
Er schüttelt leicht den Kopf, als ob er sich aus seinen Gedanken reißen müsste, und sieht dann lächelnd zu mir rüber und meint: „Na klar, ich bin nur ein wenig nervös wegen der Geschichtsprüfung.“
Ich merke, dass das Lächeln seine Augen nicht erreicht. Prüfend mustere ich ihn.
„Du weißt, dass du dir am allerwenigsten Sorgen um eine Geschichtsprüfung machen musst? In diesem Fach bist du der Beste. Also nochmal, was ist los, Fen?“
Ich merke, wie er sich mit dem Lächeln mehr Mühe gibt.
„Lexi, es ist wirklich alles okay. Lass uns nochmal über die Wikinger sprechen, damit du dieses Mal bei der Prüfung nicht völlig verloren bist.“
Also sprechen wir die restliche Fahrt zur Schule über die Wikinger und ganz ehrlich, ich bin froh darüber, denn ich brauche noch eine gute Note in Geschichte, damit mein Abschluss kein Desaster wird.
Als wir in der Schule ankommen, ist mein Wissen über die Wikinger so weit so gut, dass es für die Prüfung reichen sollte. Fen parkt auf einem freien Parkplatz und da wir ein wenig spät dran sind, wie immer, wegen mir, müssen wir uns ein wenig beeilen.
Wie üblich warten Ella und Ethan vor der Schule auf uns. Ella ist mit mir im Volleyball-Team, sie ist meine einzige echte Freundin. Sie ist echt toll, obwohl sie ein Auge auf Fen geworfen hat.
Als sie ihn entdeckt, strahlt sie ihn schon von Weitem an und er lächelt, charmant, wie er ist, zurück.
Okay, ich kann es ihm nicht verübeln, denn sie ist nicht nur nett, sondern auch echt hübsch und lustig. Sie ist gleich groß wie ich, 165 cm, hat braune schulterlange lockige Haare und schöne dunkle Augen, ihre Lippen sind voll und lächeln immer ein wenig und sie hat eine süße Stupsnase mit ganz dezenten Sommersprossen.
Quirlig, wie sie ist, läuft sie uns entgegen und umarmt zuerst mich und dann Fen, ihn ein bisschen länger als nötig, was mir sofort einen kleinen Stich versetzt. Doch ich kann nicht lange darüber nachdenken, denn Ethan steht schon vor mir und zieht mich an sich.
Wäre Fen nicht, könnte ich mich glatt in Ethan verlieben. Er ist mit Fen im Footballteam und darum auch sehr groß und durchtrainiert. Er hat braune kurze Haare, freundliche braune Augen und feine Lippen. Ich glaube, Ethan mag mich ein bisschen mehr, als mir lieb ist, aber da er sehr schüchtern ist, würden von ihm nie irgendwelche blöden Flirtversuche kommen und darüber bin ich echt froh. Denn ich mag ihn als Freund sehr, aber ich möchte ihn nicht zurückweisen müssen, das würde unserer Freundschaft einen echten Knacks verpassen. Als er mich wieder freigibt, begrüßt er Fen mit einem Handschlag und einem breiten Grinsen.
Ella packt mich am Arm.
„Ihr seid schon wieder ziemlich spät dran! Ich hoffe, du hast für die Prüfung gelernt, Lexi?“
Sie zieht mich ins Schulgebäude, wo schon die meisten Schüler verschwunden sind. Die Jungs folgen uns und ich höre, wie sie über das Football-Spiel vom kommenden Sonntag sprechen. Ich antworte ihr mit einem Augenrollen.
„Klar habe ich dafür gelernt und Fen hat mir während der Autofahrt nochmal das Wichtigste darüber eingetrichtert. Ich denke, dass ich die Prüfung schaffen sollte.“
Fen fasst mir von hinten an die Schulter und meint zu ihr: „Keine Angst, Ella, ich habe ihr alles nochmals eingebläut, was Mr. Sheppard fragen könnte.“
Als er das sagt, ist er mir so nahe, dass mein Puls zu rasen beginnt und mich sein erdig männlicher Geruch einhüllt. Er drückt nochmal meine Schulter und nimmt dann die Hand wieder weg, was mich einen Moment aus dem Gleichgewicht bringt.
Es ist kaum zu glauben, was so eine kleine Berührung von ihm in mir auslöst. Ich wende mich ihm zu und lächle ihn dankend an. Ethan stellt sich zwischen uns und sagt: „Viel Glück da drin, Lexi, du schaffst das schon.“
Wir betreten alle das Klassenzimmer und gehen zu unseren Plätzen.
Mr. Sheppard ist ein kleiner, rundlicher Mann mit grauen Haaren und braunen, freundlichen Augen, die hinter einer Brille stecken. Als alle Schüler auf ihren Plätzen sitzen, schließt er die Tür und wendet sich uns zu.
„Guten Morgen, alle zusammen! Ich hoffe, ihr habt euch alle gut auf diese allerletzte Prüfung vorbereitet. Ich hoffe auch Sie, Mrs. Foxx, haben sich Mühe gegeben, denn für Sie wird die Note ausschlaggebend für ihren Abschluss sein.“
Ich ziehe automatisch den Kopf ein und laufe rot an. Ich bekomme nicht gerne die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse. Im Allgemeinen bin ich nicht gerne im Mittelpunkt. Sofort grinsen mich Liam und Medison höhnisch an. Sie sind das Traumpaar an unserer Schule, beide sind sie sehr attraktiv und sehen supergut aus. Doch mit ihrem Charakter könnten sie nicht einmal einen Blumentopf gewinnen … Da sie das Gefühl haben, was Besseres zu sein, behandeln sie alle, außer ihre Clique, ziemlich beschissen.
Ja klar, sie sind hübsch, sind gut in der Schule und Liam ist der Quarterback vom Footballteam und Medison ist der Captain von unserem Volleyballteam. Aber ich finde, das berechtigt sie nicht dazu, uns andere schlecht zu behandeln. Tja, so ist die High School nun mal.
Mr. Sheppard verteilt die Prüfung, wünscht jedem viel Glück und setzt sich an sein Pult. Ich blicke kurz zu Fen rüber, der direkt links neben mir sitzt. Er lächelt mir aufmunternd zu und ich lächle nervös zurück.
Also, Lexi, jetzt heißt es alles geben! Ich atme tief durch und wende mich der Prüfung zu. Zu meinem Erstaunen läuft es gar nicht so schlecht. Ich kann alle Fragen beantworten, was zum größten Teil daran liegt, dass mir Fen am Morgen das Wichtigste nochmal erklärt hat.
Ich bin so vertieft in die Prüfung, dass ich gar nicht bemerke, dass alle schon fertig sind und das Klassenzimmer verlassen haben.
Mr. Sheppard schaut mich erwartungsvoll an. Ich packe lächelnd meine Sachen zusammen und gehe mit der Prüfung zu seinem Pult.
„Na, Mrs.Foxx wie ist es gelaufen?“, will er wissen.
„Naja, Mr. Sheppard, ich habe tatsächlich ein gutes Gefühl.“
Er sieht mir prüfend in die Augen, ich halte seinem Blick stand und lächle ihn an.
„Na gut, ich hoffe, dass dein Gefühl dich nicht trügt. Diese Note ist wirklich sehr wichtig für dich, ich hoffe, du nimmst das nicht auf die leichte Schulter.“
„Keine Angst, Mr. Sheppard, ich weiß, was auf dem Spiel steht. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Na gut, danke, das wünsche ich dir auch, Lexi.“
Ich verlasse das Klassenzimmer. Als ich auf den Gang trete, stellt sich Fen vor mich und sieht mich fragend an. Ich falle ihm glücklich lachend um den Hals, er drückt mich fest an sich, hebt mich hoch und schmiegt sein Gesicht an meinen Hals.
Vor lauter Glück und Schmetterlingen im Bauch vergesse ich fast zu atmen. Er riecht einfach umwerfend, nach Freiheit, Wildheit und nach Wald, männlich halt. Ich nehme den Geruch tief in mir auf und würde ihn am liebsten nie mehr loslassen. Genau jetzt könnte die Zeit einfach stehen bleiben …
Doch dann höre ich ein Quieken und Ella kommt angestürmt. Er lässt mich mit einem scheuen Lächeln wieder runter. Kaum berühren meine Füße den Boden, umarmt Ella mich auch schon.
„Na, Lexi, so, wie du strahlst, ist die Prüfung gut gelaufen?“
„Ja, ich habe ein sehr gutes Gefühl. Ich denke, es sollte reichen, um meinen Abschluss zu kriegen.“
„Das freut mich sehr für dich, das sollten wir heute Abend feiern, was meint ihr?“
Sie sieht Fen und mich fragend an, auch Ethan ist wieder zu uns gestoßen. Dieser meint sofort: „Das klingt gut, ich bin dabei.“
Er sieht mir direkt in die Augen, ich kann ein bisschen Hoffnung darin erkennen. Doch ich sage nur: „Naja, eigentlich wollten Fen und ich heute Abend in seinen Geburtstag reinfeiern.“
Ich sehe zu ihm und stelle fest, dass er sich nicht wohl zu fühlen scheint, denn er tritt von einem Fuß auf den anderen. Ohne mich anzusehen, sagt er dann: „Lexi, darüber wollte ich noch mit dir reden. Meine Brüder möchten den Abend mit mir alleine verbringen, frauenfreie Zone, du weißt ja, wie sie sind. Es tut mir leid, aber wir wollten ja morgen Abend alle zusammen ins Kino gehen, dann können wir alle zusammen meinen Geburtstag feiern.“
Seine Worte versetzen mir einen Stich ins Herz, ich stammle nur: „Ohh, okay, na dann …“
Ella merkt nichts von der Stimmung, die gerade gekippt ist. Sie ruft nur: „Also dann geht das klar, Ethan, Lexi und ich gehen heute ihre bestandene Prüfung feiern und morgen feiern wir Fens Geburtstag. Aber jetzt müssen wir zuerst den restlichen Schultag überstehen.“
Den restlichen Morgen kann ich mich nicht mehr wirklich auf den Unterricht konzentrieren. Wieso hat Fen mir nicht früher gesagt, dass er den heutigen Abend nicht mit mir verbringen möchte? Ich bin enttäuscht und auch wütend auf ihn, obwohl ich weiß, dass ich kein Recht habe, wütend zu sein, da wir ja keine Beziehung führen.
Als wir uns alle wieder treffen, um zusammen zu Mittag zu essen, bin ich nicht sonderlich gesprächig, da ich in meinen eigenen Gedanken und Gefühlen gefangen bin. Doch das scheint niemandem aufzufallen. Ella spricht wie immer ohne Punkt und Komma. Heute über den Abschlussball, der nächstes Wochenende stattfinden soll. Was mir ganz recht ist …
Wir haben schon lange ausgemacht, dass wir da zu viert hingehen. Fen, Ethan, Ella und ich. Eigentlich freue ich mich auf den Abschlussball. Doch im Moment ist meine Stimmung so getrübt, dass ich nicht mitbekommen habe, wie Ella mich was gefragt hat, da ich nur mit halbem Ohr dabei bin. Ethan, der neben mir sitzt, stößt mich leicht an und sieht mir fragend ins Gesicht.
Ich schrecke hoch und sage schnell: „Sorry, Leute, was habe ich verpasst?“
Ella meint kopfschüttelnd: „Deine Tagträumerei ist manchmal echt anstrengend, Lexi. Ich wollte wissen, ob du morgen mit mir in die Stadt fährst, um ein Kleid zu kaufen. Oder hast du schon eines?“
„Nein, Ella, ich habe noch kein Kleid und ich komme gerne morgen mit dir einkaufen. Ich hoffe, wir finden was Schönes.“ Und das meine ich ernst, ich möchte Fen aus den Socken hauen mit meinem Outfit.
Da ich mir vorgenommen habe, ihm an diesem Abend meine Gefühle, die ich für ihn habe, zu gestehen, muss ich einfach das perfekte Kleid finden. Ethan rümpft die Nase.
„Ich hoffe, ihr braucht uns nicht, um die Kleider zu kaufen?“
Fen schaut uns mit großen Augen an, doch Ella erwidert nur: „Nein, Jungs, das ist eine reine Mädelsangelegenheit. Wir kaufen euch die passenden Krawatten zu unseren Kleidern und geben sie euch dann am Montag in der Schule, sodass wir farblich als Paare zusammenpassen. Eure Aufgabe ist es, einen schönen Anzug zu kaufen oder zu mieten und uns tolle Ansteckblumen an diesem Abend zu überreichen.“
…
Lexi
Ich schwebe durch den nächtlichen Wald. Einen Wald, den ich kennen sollte, doch es fühlt sich irgendwie komisch an, ihn aus dieser Perspektive zu sehen. Darum dauert es auch einen Moment, bis ich ihn erkenne.
Als Nächstes höre ich Geräusche. Geräusche, die nicht ganz hierhin gehören. Als ich mich umsehe, entdecke ich, was es verursacht, es ist tatsächlich ein Wolf. Nicht einfach ein Wolf, sondern der schönste und imposanteste, den ich je gesehen habe. Nicht, dass ich jemals einen echten Wolf gesehen hätte. Sein Fell ist hellbraun und schimmert auf eine Art und Weise, die mich sofort in ihren Bann zieht.
Ich schwebe näher zu ihm heran, erst da bemerke ich, dass er in einem sehr hohen Tempo unterwegs ist und von zwei Männern verfolgt wird. Erstaunlich ist, dass diese Männer keine Probleme damit zu haben scheinen, den Wolf in einem Tempo zu verfolgen, das nicht menschlich ist. Als ich sie genauer betrachte, sehe ich, dass sie mit Pfeil und Bogen sowie mit einem Schwert ausgerüstet sind. Sowas hat doch heute keiner mehr …
Es wirkt fast so, als habe der Wolf Spaß daran, von diesen Männern gejagt zu werden. Ich verfolge das Geschehen gespannt und folge ihnen. Plötzlich sehe ich, dass direkt vor dem Wolf die große Schlucht in Sicht kommt. Ich möchte ihm zurufen und ihn warnen, dass er abbremsen und die Richtung ändern muss, doch es kommt nichts aus meinem Mund.
Die Schlucht ist viel zu breit, um einfach darüber zu springen, er wird unweigerlich in den Tod stürzen, wenn er nicht endlich abdreht. Doch es wirkt, als ob der Wolf noch an Tempo zulegt. Er steuert geradewegs auf diese Schlucht zu. Automatisch halte ich den Atem an. Ich möchte meine Augen schließen, doch ich kann mich nicht von dieser Szene losreißen. Kurz bevor er in die Tiefe stürzt, stößt er sich kraftvoll vom Boden ab und segelt federleicht über die Schlucht. Als er auf der anderen Seite ankommt, stürzen die Männer auf die Schlucht zu, können aber im letzten Moment abbremsen, ohne in die Tiefe zu stürzen. Ich atme erleichtert aus …
Der Wolf bremst und wendet sich im Schutz der nahen Bäume den Männern zu. Ich sehe sogar von hier, wie seine Augen spitzbübisch leuchten. Als er dann noch triumphierend aufheult, kann ich ein Grinsen nicht unterdrücken. Fasziniert von seiner Schönheit kann ich den Blick fast nicht abwenden und mustere ihn ausgiebig. Seinen starken Körper mit seinen kräftigen Beinen und großen Pfoten, seinen kräftigen Schwanz. Auch sein ausdrucksstarkes Gesicht mit den spitzen Ohren, die lange Schnauze mit den scharfen Zähnen.
Und dann diese Augen, ich weiß, ich kenne diese Augen. Doch als ich noch näher zu ihm heran möchte, spannen die Männer ihre Bogen und schießen auf ihn. Aber bevor sie ihn erreichen können, ist er schon in der Tiefe des Waldes verschwunden. Sofort folge ich ihm …
Piiiep, Piiiiiep, Piiiiiep, Piiiiep, Piiiiiep … Ich schrecke aus meinem Traum hoch, als ich den Wecker höre. Einen Moment bin ich völlig orientierungslos und sitze stocksteif und perplex in meinem Bett. Als mir dann nach einigen Augenblicken klar wird, wo ich bin, bekomme ich den Wecker zu fassen und stelle ihn stöhnend aus. Ich bette meinen Kopf nochmal aufs Kissen und versuche, mich an alle Details dieses Traums zu erinnern. Es ist schon komisch, eigentlich sollte mich das Gesehene nicht so in seinem Bann halten, da ich sowieso schon eine sehr lebhafte Fantasie besitze. Doch dieser Wolf war unglaublich faszinierend und seine Augen – ich kenne doch diese Augen von irgendwoher …
Ich schüttle den Kopf, öffne verschlafen die Augen und schiele auf den Wecker. Sofort springe ich aus dem Bett naja, eher falle ich aus dem Bett, da ich mich in meiner Decke verheddere. Verdammt, ich habe länger an diesen Traum gedacht, als ich wollte. Fen wird heute schon wieder auf mich warten müssen.
Schon, wenn ich an ihn denke, fühle ich, wie sich ein wohliger Schauer in mir ausbreitet. Er ist mein bester Freund seit nun fast zehn Jahren und eigentlich heißt er Fenrir, doch alle nennen ihn Fen. Seine Familie zog im gleichen Jahr nach Neufundland wie wir, somit waren wir beide neu an der Schule und freundeten uns deshalb schnell an.
Ich rapple mich vom Boden auf und gehe zum Kleiderschrank, reiße frische Unterwäsche raus und flitze ins Bad, um kurz zu duschen. Irgendwie muss ich diesen Traum loswerden, da wir heute noch einen Test in Geschichte schreiben und ich mich voll und ganz darauf konzentrieren muss. Also hoffe ich, dass das warme Wasser meine rasenden Gedanken beruhigen kann.
Nach der Dusche trockne ich meine Haare mit dem Föhn, da ich sie zum größten Teil kurz trage, geht das zum Glück schnell. Ich trage ein wenig schwarzen Eyeliner und Wimperntusche auf. Dann renne ich zurück in mein Zimmer und ziehe mich fertig an. Da heute Freitag ist und ich nach der Schule mit Fen in seinen Geburtstag reinfeiern möchte, entscheide ich mich für eine enge löchrige helle Jeans und ein Top einer meiner Lieblings-Rockbands.
Ich betrachte mich im Spiegel und bin ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Kurz betrachte ich mich genauer, meine grünen Augen haben mir schon immer am besten gefallen. Und jetzt durch meine knallroten Haare und den Eyeliner kommen sie erst recht zur Geltung. Auch mag ich meine Lippen, die schön geschwungen und voll sind, aber danach hat es sich auch schon mit meiner Zufriedenheit. Ich lasse meinen Blick weiter wandern und er bleibt an meinen Brüsten hängen, die für meinen Geschmack einfach zu groß sind. Auch mein Bauch könnte ein wenig kleiner sein, doch ich esse einfach zu gerne … Zum Glück sind meine Beine vorzeigbar, was einiges wieder rausreißt, finde ich. Trotzdem seufze ich kurz auf. Dann wandern meine Gedanken automatisch wieder zu meinem Traum und diesem wunderschönen Wolf und ich seufze erneut.
Plötzlich höre ich meine Mam von unten rufen: „Alexandra, beeil dich! Fenrir ist da und muss wie immer auf dich warten!“ Ich packe sofort meine Schultasche, meine Sporttasche und meine schwarze Lederjacke. Mein Handy, das noch auf meiner Kommode liegt, werfe ich in die Schultasche und stürme die Treppe hinunter. Ein Wunder, dass ich immer heil diese Treppe runterkomme, da ich tagtäglich in einem Affenzahn nach unten rennen muss.
Mam wartet schon an der Haustüre auf mich, wie immer. Sie schüttelt lächelnd den Kopf, hält mir eine Lunch-Tüte hin und drückt mir zwei Müsliriegel in die Hand. „Gib einen davon Fenrir und hab einen schönen Tag und pass auf dich auf!“ Sie drückt mir einen Kuss auf die Schläfe und zwinkert mir zu. Ich verstaue meinen Lunch in der Schultasche und grinse sie an.
„Danke, Mam und ja, Mam, ich wünschte, die Schule wäre schon vorbei, diese Geschichtsprüfung macht mir ein wenig Sorgen. Ach ja, nach der Schule bin ich bei Fen.“
Als ich nach draußen laufe, folgt mir Mam und ruft: „Hallo, Fenrir, habt einen tollen Tag und pass mir gut auf meine Tochter auf! Tschüss zusammen!“
Sofort fällt mein Blick auf Fen, der lässig neben seinem Wagen steht und meiner Mam lächelnd zuwinkt und „Vielen Dank, Mrs. Foxx“ ruft. Sein Wagen ist ein blauer Ford Pick-up F350, 7.5 Liter mit 245 PS und Jahrgang 1986. Wieso ich das alles weiß? Weil er sein Auto über alles liebt und als er ihn bekam, nur noch davon gesprochen hat. Besser gesagt von ihr, denn er nennt sie liebevoll Blue.
Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, machen meine Schmetterlinge im Bauch einen Looping und mein Herz setzt einen Schlag aus, um danach schneller zu schlagen als üblich. Er sieht einfach umwerfend aus. Er ist 198 cm groß, hat ein wunderschönes symmetrisches Gesicht mit braunen welligen kurzen Haaren, die ihm ein wenig in die Stirn fallen, dann seine unglaublichen karamellfarbenen Augen, die mich anstrahlen, und sein umwerfendes Lächeln mit seinen wunderschön geschwungenen Lippen.
Er ist einfach perfekt, so wie er neben seinem Ford steht, groß und muskulös. Ich laufe lächelnd auf ihn zu und wir umarmen uns.
„Hi, Fen!“
„Hi, Lexi, warst du wieder Mal in deiner Tagträumerei gefangen?“
Er kennt mich einfach zu gut. Ich boxe ihm auf den Arm. „Nein, diesmal war es ein richtiger Traum, der mich die Zeit vergessen lassen hat. Komm, wir müssen los, ich erzähl es dir während der Fahrt zur Schule.“
Als wir im Ford sitzen und losfahren, öffne ich einen Müsliriegel und strecke ihn ihm entgegen. Er nimmt ihn lächelnd entgegen und meint: „Deine Mam ist die Beste.“ Genüsslich beißt er in den Riegel und seufzt wohlig.
Ich öffne den zweiten Riegel und beiße ein Stück ab. „Also, dieser Traum war echt irre!“ Als ich ihm den ganzen Traum haarklein erzählt habe, muss ich selber staunen, dass ich noch all diese Details weiß. Irgendwie hat sich mir alles so genau in mein Hirn eingebrannt, sodass ich sogar den Geruch beschreiben könnte, wenn ich müsste.
Fen hat alles stillschweigend aufgenommen und auf die Straße gestarrt.
„Was meinst du dazu?“, will ich gespannt wissen. Er schaut mich an und meint lächelnd: „Du fängst ja langsam aber sicher an, echt schräge Dinge zu träumen. Vor allem, welche Männer sind heute noch mit Pfeil und Bogen und Schwert bewaffnet? Vielleicht ist das eine Reaktion auf die heutige Geschichtsprüfung. Die Wikinger haben schließlich auch mit solchen Waffen gekämpft.“
Ich sehe ihn von der Seite an und bin ein wenig enttäuscht von seiner Antwort. „Ja, vielleicht hast du Recht“, seufze ich.
Er blickt stur geradeaus, doch ich kann sehen, wie er die Stirn in Falten legt und nachdenklich auf die Straße starrt. „Ist alles okay?“, frage ich ihn.
Er schüttelt leicht den Kopf, als ob er sich aus seinen Gedanken reißen müsste, und sieht dann lächelnd zu mir rüber und meint: „Na klar, ich bin nur ein wenig nervös wegen der Geschichtsprüfung.“
Ich merke, dass das Lächeln seine Augen nicht erreicht. Prüfend mustere ich ihn.
„Du weißt, dass du dir am allerwenigsten Sorgen um eine Geschichtsprüfung machen musst? In diesem Fach bist du der Beste. Also nochmal, was ist los, Fen?“
Ich merke, wie er sich mit dem Lächeln mehr Mühe gibt.
„Lexi, es ist wirklich alles okay. Lass uns nochmal über die Wikinger sprechen, damit du dieses Mal bei der Prüfung nicht völlig verloren bist.“
Also sprechen wir die restliche Fahrt zur Schule über die Wikinger und ganz ehrlich, ich bin froh darüber, denn ich brauche noch eine gute Note in Geschichte, damit mein Abschluss kein Desaster wird.
Als wir in der Schule ankommen, ist mein Wissen über die Wikinger so weit so gut, dass es für die Prüfung reichen sollte. Fen parkt auf einem freien Parkplatz und da wir ein wenig spät dran sind, wie immer, wegen mir, müssen wir uns ein wenig beeilen.
Wie üblich warten Ella und Ethan vor der Schule auf uns. Ella ist mit mir im Volleyball-Team, sie ist meine einzige echte Freundin. Sie ist echt toll, obwohl sie ein Auge auf Fen geworfen hat.
Als sie ihn entdeckt, strahlt sie ihn schon von Weitem an und er lächelt, charmant, wie er ist, zurück.
Okay, ich kann es ihm nicht verübeln, denn sie ist nicht nur nett, sondern auch echt hübsch und lustig. Sie ist gleich groß wie ich, 165 cm, hat braune schulterlange lockige Haare und schöne dunkle Augen, ihre Lippen sind voll und lächeln immer ein wenig und sie hat eine süße Stupsnase mit ganz dezenten Sommersprossen.
Quirlig, wie sie ist, läuft sie uns entgegen und umarmt zuerst mich und dann Fen, ihn ein bisschen länger als nötig, was mir sofort einen kleinen Stich versetzt. Doch ich kann nicht lange darüber nachdenken, denn Ethan steht schon vor mir und zieht mich an sich.
Wäre Fen nicht, könnte ich mich glatt in Ethan verlieben. Er ist mit Fen im Footballteam und darum auch sehr groß und durchtrainiert. Er hat braune kurze Haare, freundliche braune Augen und feine Lippen. Ich glaube, Ethan mag mich ein bisschen mehr, als mir lieb ist, aber da er sehr schüchtern ist, würden von ihm nie irgendwelche blöden Flirtversuche kommen und darüber bin ich echt froh. Denn ich mag ihn als Freund sehr, aber ich möchte ihn nicht zurückweisen müssen, das würde unserer Freundschaft einen echten Knacks verpassen. Als er mich wieder freigibt, begrüßt er Fen mit einem Handschlag und einem breiten Grinsen.
Ella packt mich am Arm.
„Ihr seid schon wieder ziemlich spät dran! Ich hoffe, du hast für die Prüfung gelernt, Lexi?“
Sie zieht mich ins Schulgebäude, wo schon die meisten Schüler verschwunden sind. Die Jungs folgen uns und ich höre, wie sie über das Football-Spiel vom kommenden Sonntag sprechen. Ich antworte ihr mit einem Augenrollen.
„Klar habe ich dafür gelernt und Fen hat mir während der Autofahrt nochmal das Wichtigste darüber eingetrichtert. Ich denke, dass ich die Prüfung schaffen sollte.“
Fen fasst mir von hinten an die Schulter und meint zu ihr: „Keine Angst, Ella, ich habe ihr alles nochmals eingebläut, was Mr. Sheppard fragen könnte.“
Als er das sagt, ist er mir so nahe, dass mein Puls zu rasen beginnt und mich sein erdig männlicher Geruch einhüllt. Er drückt nochmal meine Schulter und nimmt dann die Hand wieder weg, was mich einen Moment aus dem Gleichgewicht bringt.
Es ist kaum zu glauben, was so eine kleine Berührung von ihm in mir auslöst. Ich wende mich ihm zu und lächle ihn dankend an. Ethan stellt sich zwischen uns und sagt: „Viel Glück da drin, Lexi, du schaffst das schon.“
Wir betreten alle das Klassenzimmer und gehen zu unseren Plätzen.
Mr. Sheppard ist ein kleiner, rundlicher Mann mit grauen Haaren und braunen, freundlichen Augen, die hinter einer Brille stecken. Als alle Schüler auf ihren Plätzen sitzen, schließt er die Tür und wendet sich uns zu.
„Guten Morgen, alle zusammen! Ich hoffe, ihr habt euch alle gut auf diese allerletzte Prüfung vorbereitet. Ich hoffe auch Sie, Mrs. Foxx, haben sich Mühe gegeben, denn für Sie wird die Note ausschlaggebend für ihren Abschluss sein.“
Ich ziehe automatisch den Kopf ein und laufe rot an. Ich bekomme nicht gerne die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse. Im Allgemeinen bin ich nicht gerne im Mittelpunkt. Sofort grinsen mich Liam und Medison höhnisch an. Sie sind das Traumpaar an unserer Schule, beide sind sie sehr attraktiv und sehen supergut aus. Doch mit ihrem Charakter könnten sie nicht einmal einen Blumentopf gewinnen … Da sie das Gefühl haben, was Besseres zu sein, behandeln sie alle, außer ihre Clique, ziemlich beschissen.
Ja klar, sie sind hübsch, sind gut in der Schule und Liam ist der Quarterback vom Footballteam und Medison ist der Captain von unserem Volleyballteam. Aber ich finde, das berechtigt sie nicht dazu, uns andere schlecht zu behandeln. Tja, so ist die High School nun mal.
Mr. Sheppard verteilt die Prüfung, wünscht jedem viel Glück und setzt sich an sein Pult. Ich blicke kurz zu Fen rüber, der direkt links neben mir sitzt. Er lächelt mir aufmunternd zu und ich lächle nervös zurück.
Also, Lexi, jetzt heißt es alles geben! Ich atme tief durch und wende mich der Prüfung zu. Zu meinem Erstaunen läuft es gar nicht so schlecht. Ich kann alle Fragen beantworten, was zum größten Teil daran liegt, dass mir Fen am Morgen das Wichtigste nochmal erklärt hat.
Ich bin so vertieft in die Prüfung, dass ich gar nicht bemerke, dass alle schon fertig sind und das Klassenzimmer verlassen haben.
Mr. Sheppard schaut mich erwartungsvoll an. Ich packe lächelnd meine Sachen zusammen und gehe mit der Prüfung zu seinem Pult.
„Na, Mrs.Foxx wie ist es gelaufen?“, will er wissen.
„Naja, Mr. Sheppard, ich habe tatsächlich ein gutes Gefühl.“
Er sieht mir prüfend in die Augen, ich halte seinem Blick stand und lächle ihn an.
„Na gut, ich hoffe, dass dein Gefühl dich nicht trügt. Diese Note ist wirklich sehr wichtig für dich, ich hoffe, du nimmst das nicht auf die leichte Schulter.“
„Keine Angst, Mr. Sheppard, ich weiß, was auf dem Spiel steht. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Na gut, danke, das wünsche ich dir auch, Lexi.“
Ich verlasse das Klassenzimmer. Als ich auf den Gang trete, stellt sich Fen vor mich und sieht mich fragend an. Ich falle ihm glücklich lachend um den Hals, er drückt mich fest an sich, hebt mich hoch und schmiegt sein Gesicht an meinen Hals.
Vor lauter Glück und Schmetterlingen im Bauch vergesse ich fast zu atmen. Er riecht einfach umwerfend, nach Freiheit, Wildheit und nach Wald, männlich halt. Ich nehme den Geruch tief in mir auf und würde ihn am liebsten nie mehr loslassen. Genau jetzt könnte die Zeit einfach stehen bleiben …
Doch dann höre ich ein Quieken und Ella kommt angestürmt. Er lässt mich mit einem scheuen Lächeln wieder runter. Kaum berühren meine Füße den Boden, umarmt Ella mich auch schon.
„Na, Lexi, so, wie du strahlst, ist die Prüfung gut gelaufen?“
„Ja, ich habe ein sehr gutes Gefühl. Ich denke, es sollte reichen, um meinen Abschluss zu kriegen.“
„Das freut mich sehr für dich, das sollten wir heute Abend feiern, was meint ihr?“
Sie sieht Fen und mich fragend an, auch Ethan ist wieder zu uns gestoßen. Dieser meint sofort: „Das klingt gut, ich bin dabei.“
Er sieht mir direkt in die Augen, ich kann ein bisschen Hoffnung darin erkennen. Doch ich sage nur: „Naja, eigentlich wollten Fen und ich heute Abend in seinen Geburtstag reinfeiern.“
Ich sehe zu ihm und stelle fest, dass er sich nicht wohl zu fühlen scheint, denn er tritt von einem Fuß auf den anderen. Ohne mich anzusehen, sagt er dann: „Lexi, darüber wollte ich noch mit dir reden. Meine Brüder möchten den Abend mit mir alleine verbringen, frauenfreie Zone, du weißt ja, wie sie sind. Es tut mir leid, aber wir wollten ja morgen Abend alle zusammen ins Kino gehen, dann können wir alle zusammen meinen Geburtstag feiern.“
Seine Worte versetzen mir einen Stich ins Herz, ich stammle nur: „Ohh, okay, na dann …“
Ella merkt nichts von der Stimmung, die gerade gekippt ist. Sie ruft nur: „Also dann geht das klar, Ethan, Lexi und ich gehen heute ihre bestandene Prüfung feiern und morgen feiern wir Fens Geburtstag. Aber jetzt müssen wir zuerst den restlichen Schultag überstehen.“
Den restlichen Morgen kann ich mich nicht mehr wirklich auf den Unterricht konzentrieren. Wieso hat Fen mir nicht früher gesagt, dass er den heutigen Abend nicht mit mir verbringen möchte? Ich bin enttäuscht und auch wütend auf ihn, obwohl ich weiß, dass ich kein Recht habe, wütend zu sein, da wir ja keine Beziehung führen.
Als wir uns alle wieder treffen, um zusammen zu Mittag zu essen, bin ich nicht sonderlich gesprächig, da ich in meinen eigenen Gedanken und Gefühlen gefangen bin. Doch das scheint niemandem aufzufallen. Ella spricht wie immer ohne Punkt und Komma. Heute über den Abschlussball, der nächstes Wochenende stattfinden soll. Was mir ganz recht ist …
Wir haben schon lange ausgemacht, dass wir da zu viert hingehen. Fen, Ethan, Ella und ich. Eigentlich freue ich mich auf den Abschlussball. Doch im Moment ist meine Stimmung so getrübt, dass ich nicht mitbekommen habe, wie Ella mich was gefragt hat, da ich nur mit halbem Ohr dabei bin. Ethan, der neben mir sitzt, stößt mich leicht an und sieht mir fragend ins Gesicht.
Ich schrecke hoch und sage schnell: „Sorry, Leute, was habe ich verpasst?“
Ella meint kopfschüttelnd: „Deine Tagträumerei ist manchmal echt anstrengend, Lexi. Ich wollte wissen, ob du morgen mit mir in die Stadt fährst, um ein Kleid zu kaufen. Oder hast du schon eines?“
„Nein, Ella, ich habe noch kein Kleid und ich komme gerne morgen mit dir einkaufen. Ich hoffe, wir finden was Schönes.“ Und das meine ich ernst, ich möchte Fen aus den Socken hauen mit meinem Outfit.
Da ich mir vorgenommen habe, ihm an diesem Abend meine Gefühle, die ich für ihn habe, zu gestehen, muss ich einfach das perfekte Kleid finden. Ethan rümpft die Nase.
„Ich hoffe, ihr braucht uns nicht, um die Kleider zu kaufen?“
Fen schaut uns mit großen Augen an, doch Ella erwidert nur: „Nein, Jungs, das ist eine reine Mädelsangelegenheit. Wir kaufen euch die passenden Krawatten zu unseren Kleidern und geben sie euch dann am Montag in der Schule, sodass wir farblich als Paare zusammenpassen. Eure Aufgabe ist es, einen schönen Anzug zu kaufen oder zu mieten und uns tolle Ansteckblumen an diesem Abend zu überreichen.“
…

