Science Fiction & Fantasy

Intrigen der Macht

Tino Steinchen

Intrigen der Macht

Die Prophezeiung des Kartun

Leseprobe:

Kapitel 1

Nichts konnte die Taten, die hier begangen worden waren, überdecken, auch nicht der Frühling mit seiner bezaubernden Blütenpracht. Die Hauptstadt Sirad war wie immer ein Sinnbild für Schönheit und Prunk. Die aufwendig verzierten Häuserfronten, die mit Frühlingsblumen geschmückten Straßen und die extravagant gekleideten Personen riefen ihr dies förmlich zu, doch Sitara konnte hinter diese Fassade blicken. Aus ihrem kleinen Kräuterwagen musterte sie ihre Umgebung und sah, was anderen verborgen blieb. Sie sah das Blut des Unrechts auf den Straßen und an den Händen der Vorbeiziehenden. Viele waren bereit gewesen, diesen Preis zu bezahlen, um an der Macht von Sirad teilhaben zu können. Schließlich stellte die Hauptstadt das Zentrum des Blutreichs dar. Der Blutpalast an dessen südlicher Grenze war dafür das Symbol, ein leuchtendes Sinnbild der Macht, der Hinterhältigkeit und der Intrigen. Sitara wusste genau darüber Bescheid, denn sie war einst ebenfalls eine der Adeligen des Bluthofs und einem der mächtigen Häuser zugehörig gewesen. Hier und jetzt in ihrem Wagen aber schien dies alles weit entfernt in ihrer Vergangenheit zu liegen, hatte sie sich doch schon lange vom Blutpalast gelöst. Ihr Ziel lag nicht mehr darin, den Thron des Blutpalastes zu erringen, sondern einen Weg zu beschreiten, der wesentlich dunkler war.
Schwermütig ließ Sitara die kurzen Vorhänge ihres Fensters fallen und setzte sich zurück auf die kleine Bank im Wagen. Sie atmete den beruhigenden Duft der sie umgebenden Kräuter ein und versuchte, die Erinnerungen an den Blutpalast, an ihre Vergangenheit, zu verdrängen.
Sie war nun ein Kräuterweib und auch alt geworden. Ihr hagerer Körper, ihre lederne, braun gebrannte Haut und ihre weißen Haare ließen daran keinen Zweifel, doch straften ihre klaren Augen und ihre gesunden Zähne diesen Eindruck Lügen. Mit einem Lächeln dachte sie daran, dass sie die Lebensspanne ihrer Rasse, der Rassat, mittlerweile um das Dreifache überschritten hatte. Die Rassat oder Schmeichler, wie sie auch genannt wurden, waren einst ihre große Familie gewesen. Das umschmeichelnde Wesen ihrer Rasse hatte sie immer noch, doch hatte sie die Zeit mehr von den Ihrigen entfernt, als ihr lieb war. Längst kannte sie keine anderen Rassat mehr, waren alle ihre Bekannten bereits in den Tod gegangen, manche davon sogar auf natürliche Weise. Die Einzigen, die ihr geblieben waren, waren die wenigen Mitstreiter auf ihrem Weg. Zwei davon, die beiden Numa Tern und Eret, saßen außerhalb des Wagens auf dem Kutschbock und lenkten das Gefährt. Tern und Eret gaben sich gerne als Brüder aus, hatten aber bis auf ihre Rasse nichts gemeinsam. Ihre für Numa typisch helle Hautfarbe, ihre durchschnittliche Körpergröße und die dunklen Haare sorgten für eine entfernte Ähnlichkeit, aber ansonsten konnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Eret war überschwänglich und neugierig, während Tern gerne überlegt und vorsichtig vorging. Eine gute Kombination, fand Sitara, wogen sich die beiden in ihren Stärken und Schwächen doch perfekt auf. Als Fortuna ihr die Burschen zur Unterstützung zur Seite gestellt hatte, war sie allerdings davon noch nicht überzeugt gewesen. Aber ihre Freundin, eine Hellseherin aus Berufung, hatte sich wie immer nicht geirrt.
Wie freute sich Sitara, Fortuna auf dem Jahrmarkt endlich wiederzusehen. Vieles mussten sie besprechen, vor allem ihr weiteres Vorgehen, weshalb Sitara auch auf dem Weg zu ihr war. Bisher waren ihre Pläne gut vorangeschritten, aber ein einziger Fehler, eine einzige Unachtsamkeit konnte alles zerstören. Ihre gemeinsamen Pfade waren weder einfach noch schnell zu beschreiten, allerdings jede Mühe wert.
Durch das abrupte Halten des Wagens wurde Sitara aus ihren Gedanken gerissen. Sie hoffte, dass sie endlich den Jahrmarkt erreicht hatten und nicht wieder irgendein Straßenhändler sie aufgehalten hatte, aus Angst, dass ihr Zugtier, ein riesiger Popatt, seinen Stand zertrampeln würde. Diese Sorge konnte sie sogar verstehen, waren Popatt doch bullige Tiere mit sechs kurzen, dicken Beinen, Unmengen an langem zotteligem Fell und einem großen Kopf mit einem ebenso beeindruckenden Maul. Wäre das Maul mit scharfen Reißzähnen besetzt gewesen, hätten sich die Händler wirklich sorgen müssen, doch Popatt waren gutmütige Pflanzenfresser, und so zierten nur Mahlzähne ihre Mäuler. Mit einem raschen Blick aus dem Wagenfenster erkannte Sitara, dass sie den Jahrmarkt erreicht hatten, aber zwei Stadtwachen ihnen den Weg hinein versperrten. Angespannt stieg Sitara am hinteren Ende durch die kleine Tür aus dem Wagen und schloss zu Eret und Tern auf, die wild gestikulierend mit den Wachen stritten. Der kleine Eret sprang dabei wie eine Springmaus vor Wut auf und ab, während Tern ihn mit Müh und Not unter Kontrolle zu halten versuchte. Obwohl Tern ein Bulle von Mann war, verlor er bereits die Kontrolle über Eret. Sitara musste sich beeilen und einschreiten, bevor die Wachen ihre Waffen gegen die beiden einsetzen würden. Ruhig und bestimmt schritt sie zwischen die Wachen und die Brüder.
„Ich grüße Euch, Wächter der Stadt“, mischte sich Sitara in den Streit ein und beendete ihn damit kurzfristig.
Eine der Wachen fasste sich und baute sich übertrieben vor Sitara auf. Dabei sollte seine Rüstung wie eine Drohung auf Sitara wirken. Auf seiner Lederrüstung prangte das Zeichen des Blutkaisers, sein Helm wurde von langen roten Federn, dem Zeichen der Hauptstadt Sirad, geschmückt, und sein stählernes Langschwert hing locker an seinem Gürtel. Sie jedoch ließ sich davon nicht beeindrucken, hatte sie doch schon anderen Wachen gegenübergestanden, die weitaus bedrohlicher wirkten als die in schwarzen Obsidian gerüsteten Wächter des Blutpalastes.
„Gibt es ein Problem, weswegen wir nicht passieren dürfen?“, erkundigte sich Sitara. Sie war schon lange nicht mehr in Sirad gewesen und auch noch nie auf dem Jahrmarkt. Dieser war erst nach ihrer Zeit im Blutpalast als dauerhafte Vergnügungsstätte in der Hauptstadt errichtet worden. Wie alle Jahrmärkte war auch dieser von Ort zu Ort gezogen, bis ihn einer der Blutkaiser schließlich nicht mehr gehen lassen wollte. So musste dieser Jahrmarkt immer an derselben Stelle verweilen, und mit ihm seine Schausteller.
„Ein Problem?“, prustete der Wächter laut los, war es doch für ihn nicht begreiflich, wie dumm der Pöbel sein konnte. „Ihr seid Gemeine!“
Verdutzt blickte Sitara die Wache an, da sie mit der Aussage nichts anzufangen wusste. Auch wenn es ihr lange schwergefallen war, hatte sie sich mittlerweile daran gewöhnt, eine Gemeine zu verkörpern. Trotzdem sah sie in ihrem gespielten Stand keine Begründung dafür, einen Jahrmarkt nicht betreten zu dürfen.
„Ihr Gesindel habt auf dem Jahrmarkt von Sirad nichts zu suchen!“, schnauzte der Mann Sitara nun direkt an, hatte er keine Lust, sich weiter mit ihr herumzuschlagen. „So will es das Gesetz.“
Damit hatte er alles gesagt, was notwendig war. Mit einem letzten abfälligen Blick in Sitaras Richtung wandte er sich ab, wodurch Eret wieder in Rage verfiel und nur durch die kräftigen Arme von Tern zurückgehalten wurde. Sitara tadelte den kleinen Wüterich mit einem bösen Blick, der diesen sofort den Kopf senken und zur Ruhe kommen ließ.
„Natürlich, Herr“, biederte sich Sitara an, während sie ein Papier von Fortuna aus ihren einfachen Kleidern zog. „Ich habe vergessen, Euch unsere Genehmigung zu zeigen.“
Wollte man als Gemeine gelten, musste man sich auch wie eine Gemeine anziehen. Nur so war es möglich gewesen, in der gesichtslosen Masse der Unbedeutenden unterzutauchen. Eine Notwendigkeit, die ihre Ziele forderten.
„Zeig her!“, brummte die Wache missmutig, nachdem sie sich wieder zu Sitara umgedreht hatte. Die Unterredung dauerte dem Mann bereits viel zu lange. „Woher hast du eine Genehmigung?“
Mit verärgerten Blicken musterte er zuerst das Dokument und dann Sitara, konnte er sich doch kaum vorstellen, dass die alte Frau die Genehmigung auf legalem Wege erlangt hatte.
„Von einer der Magiekundigen auf dem Jahrmarkt“, erklärte Sitara, wobei sie so unterwürfig wie möglich zu wirken versuchte, um den Ärger der Wache zu dämpfen. „Von der Hellseherin Dame Fortuna.“
Sie konnte sich nicht auch noch mit einer wütenden Wache herumärgern, wenn doch so viel wichtigere Dinge ihrer harrten. Missmutig knurrte die Wache, musste sie aufgrund des Schreibens die Alte doch noch den Jahrmarkt betreten lassen.
„Von mir aus“, spuckte der Mann die Worte aus und warf Sitara die Genehmigung vor die Füße, sodass diese sich bücken musste, um sie wieder aufzuheben. Eine kleine Genugtuung für den revidierten Befehl. „Du darfst passieren.“
In ihrer Zeit als Adelige hätte sie diese Behandlung mit Zorn erfüllt und Rachdurst wäre in ihr aufgestiegen. Nach all den Jahren aber war ihr nur mehr das Ergebnis wichtig, und das fiel zu ihrer vollsten Zufriedenheit aus.
„Ich danke Euch“, ließ Sitara die Wache wissen. Sie spielte ihre Rolle als unterwürfige Gemeine perfekt, dank der jahrelangen Übung darin, „und ich verspreche, dass wir keinen Schaden anrichten werden.“
Unerwartet trat ein böses Glitzern in die Augen der Wache. Wieder hatte sich eine Möglichkeit eröffnet, die Alte zu schi­kanieren.
„Nicht so eilig!“, hielt die Wache Sitara davon ab, wieder in ihrem Wagen zu verschwinden. Genüsslich ging der Mann die wenigen Schritte auf die Alte zu, die diese von ihm weggemacht hatte. „Ich sagte, du darfst passieren. Sonst niemand.“
Sitara hatte zwar nicht mit einer weiteren Gängelung gerechnet, nahm sie aber trotzdem mit einer stoischen Ruhe auf. Geduld war eine ihrer Tugenden, die sie in einer harten Schule hatte erlernen müssen.
„Natürlich, Herr“, gab sich Sitara demütig und setzte selbst noch nach, um der Wache die Befriedigung zu geben, die sie anscheinend brauchte. „Verzeiht meine Dummheit.“
Wie sie vermutet hatte, war der Mann damit zufrieden und ließ endgültig von ihr ab. Nachdem er sich schon einige Schritte von Sitara entfernt hatte, drehte er sich noch einmal zu ihr um.
„Und bleib nicht zu lange, sonst kommen wir dich holen!“, rief er ihr böse lachend zu, arrogant und fröhlich, doch noch sein Bedürfnis nach Unterdrückung befriedigt zu haben.
„Ich werde mich beeilen“, antwortete Sitara laut, sodass die Wache es hören konnte, aber nicht so kräftig, dass man ihr Selbstbewusstsein dahinter heraushören konnte.
„Ich grüße Euch“, verabschiedete sie sich unnötigerweise, waren die Wachen doch bereits außer Hörweite. Trotzdem musste die Vorstellung komplett sein, wusste man doch nie, wann fremde Ohren lauschten. Mit einem kaum erkennbaren Kopfschütteln wandte sich Sitara vom Anblick der sich entfernenden Wache ab und widmete sich den beiden vermeintlichen Brüdern. Ruhig hatten sie hinter Sitara gewartet, bis diese ihr Gespräch mit der Wache beendet hatte.
„Sucht einen Platz für die Nacht!“, wies Sitara die beiden an. Sie wusste, dass ihr Gespräch mit Fortuna länger dauern würde, als die anbrechende Nacht Stunden hatte. „Einen günstigen Stall für unser großes Fellknäuel und ein paar Betten für uns.“
Wie zu erwarten konnte sie nur in Terns Augen Ruhe und Zustimmung finden, denn Erets Blick strotzte nur so vor Wut und Rachdurst.
„Ja, Sitara“, schien auch nur Tern ihren Anweisungen folgen zu wollen. Eret hingegen blieb trotzig und starrte die entfernte Wache mit unverhohlenem Hass an.
„Und Eret“, flüsterte Sitara, nachdem sie sich zu diesem hinuntergekniet hatte, um ihm direkt in die Augen blicken zu können. „Keine Flüche.“
Mit einem undefinierbaren Grummeln und einem harten Nicken bekundete Eret nach einigen Momenten sein Einverständnis. Er schätzte Sitara zu sehr, um gegen ihre Befehle zu verstoßen. Als Eret wie ein kleiner Junge davonstürmte, amüsierte sie sich über den Anblick, den diese kurze Unterhaltung einem Außenstehenden geboten haben musste. Eine Großmutter spricht mit ihrem kleinen Enkel. Sie wusste aber, dass dies ganz und gar nicht der Wirklichkeit entsprach. Nicht nur, dass Sitara nicht Erets Großmutter war, konnte dieser selbst ein Großvater sein, genauso wie Tern. Wie sie selbst hatten auch die Brüder ihr Aussehen mit Bedacht gewählt. Ein Vorteil, den ihre Gruppierung, die der Zeitlosen, hatte. Sie konnten Aussehen und Alter frei wählen. So trug Sitara meist das Aussehen einer Großmutter, Tern das eines Erwachsenen kurz nach den Jugendjahren, und Eret das eines kleinen Jungen. Als sie die Gabe erhalten hatte, hatte Sitara gedacht, dass sie ihr Alter öfter ändern würde. Im Nachhinein gesehen war dies aber nur wenige Male passiert und immer war sie sich in ihrer Gestalt unwirklich vorgekommen. Ihr jetziges Alter war perfekt, konnte sie sich damit doch so verhalten, wie sie war, ruhig und weise.
Mit schwerfälligen Bewegungen, die ihr hohes Alter verdeutlichen sollten, erhob sich Sitara und trat ihren Weg zu Fortuna an. Ohne dem bunten Eingangstor des Jahrmarkts Aufmerksamkeit zu schenken, bahnte sich Sitara ihren Weg durch die Massen. Unter unzähligen Künstlern und Schauspielern, Artisten und Magiekundigen, Adeligen und Dienern suchte sie das kleine Zelt ihrer Freundin. Wie immer lag es nahe dem Zentrum des Jahrmarkts, dem großen Platz, von dem aus Straßen den Jahrmarkt sternförmig unterteilten. Mit schnellen Schritten hatte Sitara die Distanz zu dem kleinen Zelt überwunden und betrat es, ohne Aufsehen zu erregen. Im Inneren starrten die anwesenden Adeligen gebannt auf die Zurschaustellung einer Séance von Fortuna, die an einem kleinen Tisch auf einer von Vorhängen umgebenen Bühne saß. Sie murmelte mit weit aufgerissenen Augen in einer Sprache vor sich hin, die nicht von dieser Welt war. Sitara verfolgte das Schauspiel und versuchte, dabei ernst zu bleiben. Ätherische Klänge aus dem Hintergrund vermischten sich mit geisterhaftem Bodennebel und unterstützten damit die Vorstellung der Hellseherin.
Fortuna war eine herausragende Seherin, die es sogar mit dem großen Orakel Sersii aufnehmen konnte, wusste Sitara, aber um die Taschen der Adeligen zu öffnen, war theatralischer Schein wichtiger als wahre Begabung. Mit gesenktem Kopf, um ihr Schmunzeln zu verbergen, blieb Sitara im hinteren Teil des Zeltes stehen und wartete darauf, dass das Schauspiel endete. Es dauerte auch nicht lange, bis Fortuna aus ihrer Séance erwachte und ihre Erkenntnisse den Umgebenden mitteilte, was mit leisem Gemurmel und dem Spenden von klimpernden Münzen in eine aufgestellte Schale beantwortet wurde. Nach und nach verließen die Adeligen anschließend das Zelt, während sie sich aufgeregt flüsternd unterhielten. Sitara versuchte dabei, möglichst unauffällig im Hintergrund zu bleiben, während sie Fortuna musterte. Die kleine Hellseherin war nur etwas mehr als einen halben Meter groß, von der Rasse einer anderen Welt, was nur wenige wussten, und wirkte wie ein verschrumpeltes Kind. Ihre Kleidung war dem Jahrmarkt angepasst, bunt und lustig, was so gar nicht zu Fortunas Charakter passte. Die immer ernste Frau hatte schon lange ihr Lachen verloren, zu viel Schlimmes hatte sie gesehen und auch getan. Aber man musste tun, was notwendig war. Das hatte auch Sitara längst gelernt.
„Schließ die Zeltplane“, wies Fortuna Sitara schroff an, während sie die Münzen aus der Schale nahm und in ihrem Geldbeutel verstaute. Auch wenn sie eine große Seherin war, musste sie doch von irgendetwas leben.
„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen“, begegnete Sitara der unfreundlichen Begrüßung ihrer Freundin. Mit zusammengezogenen Augenbrauen machte sie sich aber unverzüglich daran, die Zeltplane vor dem Eingang herunterzuziehen und mit den dafür vorgesehenen Haken festzubinden.
„Beeil dich, bevor wieder Kundschaft kommt“, trieb Fortuna Sitara unnötigerweise an, während sie sich wieder an ihren kleinen Tisch auf der Bühne setzte. Die langweiligen Vorstellungen ermüdeten sie, waren es doch nur endlos an Zahl scheinende Wiederholungen des gleichen Schauspiels.
„Deine Laune ist ja heute wieder ausgezeichnet“, kommentierte Sitara die Stimmung der kleinen Hellseherin, während sie sich zu ihr auf die Bühne gesellte. Da die Stühle viel zu klein für Sitara waren, kniete sich diese auf den Boden vor dem Tischchen nieder.
„Scharfsinnig wie immer“, konterte Fortuna, ohne auch nur die Andeutung eines Lächelns zu zeigen. Sie beobachtete Sitara, die mit ihrer Sitzhaltung sehr unzufrieden war und gerade versuchte, diese hin- und herrutschend zu verbessern. „Bist du endlich fertig?“
Sitara hatte sich auf das Wiedersehen mit Fortuna nach langer Zeit gefreut, hatte dabei aber vergessen, wie mürrisch und grummelig sie sein konnte.
„Ja“, antwortete Sitara und legte so viel Enttäuschung wie möglich in ihre Worte. Sie wollte Fortuna dazu bringen, zumindest ein wenig netter zu sein, auch wenn es nur gespielt wäre.
„Was hast du mir zu berichten?“, setzte Fortuna unbeeindruckt fort, ohne Sitaras Gefühlen auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Zu viele Gedanken schwirrten der Hellseherin durch den Kopf, besonders jene, die ihre Zukunft bestimmen würden.
„Ein ‚Wie ist es dir ergangen?‘ wäre wohl zu freundlich gewesen“, ließ Sitara nicht locker, da sie Fortunas verdrießliche Laune nicht das ganze Gespräch über ertragen wollte.
„Wir haben keine Zeit für diese Floskeln“, lenkte Fortuna mit freundlicherer Stimme ein, was aber nur für Personen erkennbar war, die sie wirklich gut kannten. Sitara, auch wenn sie eine der wenigen Freunde war, die Fortuna in dieser Welt hatte, fiel nicht darunter.
„Wir haben keine Zeit?“, lachte Sitara freudlos. Sie waren doch jene Wesen, die mehr Zeit als alle anderen haben sollten. „Wir sind Zeitlose!“
Fortuna schüttelte wissend den Kopf und faltete ihre Hände auf dem Tisch. Sie konnte die Zukunft sehen und auch, wie zerbrechlich sie war.
„Und trotzdem läuft uns gerade die Zeit davon“, zwang sich Fortuna freundlich, aber doch bestimmt zu sein. Sie brauchte dringend Informationen über den Verlauf der Gegenwart, denn diesen konnte sie mit ihrer Gabe nicht sehen. „Haben wir die Zukunft erreicht, die ich gesehen habe?“
Resignierend fügte sich Sitara Fortunas Wünschen, obwohl sie gehofft hatte, mehr ein Gespräch unter Freundinnen führen zu können denn eine Unterhaltung über ihre Pläne.
„Ja, das haben wir“, bestätigte Sitara ihre Fortschritte. Sie hatte sich genau an Fortunas Anweisungen gehalten und exakt die Eingriffe in den Verlauf der Ereignisse gesetzt, die ihr aufgetragen worden waren.
„Vorläufig“, zeigte Fortuna ihre pessimistische Seite. Sie wusste, dass ihre Bemühung leicht zerstört werden konnte, sollte sie in dieser chaotischen Zeit, in der sich die Zukunft von einem Moment zum anderen änderte, nicht vorsichtig sein. Zu viele Seher mischten sich in den Verlauf der Dinge ein.
„Ich habe sie gefunden, dort, wo du es vorhergesehen hast“, stützte Sitara ihr erfolgreiches Vorgehen, um dem Pessimismus ihrer Freundin entgegenzuwirken. „Sie trägt eines meiner Nachtamulette, auch jetzt noch.“
Als Meisterin der Artefaktschmiedekunst konnte Sitara Dinge von außergewöhnlicher Macht herstellen. Amulette waren dabei ihre Glanzstücke, besonders diese eine Ausführung mit einem verzauberten Onyx. Sie verbarg ihren Träger vor den Augen aller Seher, auch vor dem mächtigen Orakel. So stellen die Zeitlosen schon lange sicher, dass sich Sersii nicht in die Zukunft mancher Personen einmischen konnte. Bei ihrem ersten Treffen mit dem Mädchen hatte sie diesem geholfen, sich ungesehen als Gemeine auf der Straße zu bewegen, und ihr dabei auch das Amulett überlassen. Ein nicht uneigennütziges Geschenk.
„Das heißt, Sersii kann sie nicht sehen“, fragte Fortuna bohrend nach, obwohl sie ohnehin wusste, dass dem so war. Sie selbst, so wie auch alle anderen Zeitlosen, trugen Sitaras Nachtamulette, um sich vor dem Orakel zu schützen. Sollte Sersii sie jemals aufspüren, konnte dies einem Todesurteil gleichkommen.
„Ja, unmöglich“, erwiderte Sitara selbstsicher. Sie hatte ihre Kunst in vielen Jahren perfektioniert und auch ihre Amulette. Niemand würde jemals die Nebel durchblicken können, die die Nachtamulette um eine Person legten.
„Bist du sicher?“, hakte Fortuna zweifelnd nach. Sie mussten sich darauf verlassen können, dass Sitaras Amulett Sersii auch wirklich von ihren Plänen fernhielt.
„Versuch sie doch zu sehen“, forderte Sitara Fortuna heraus. Die Hellseherin kam dieser Aufforderung zu Sitaras Missfallen auch umgehend nach und blickte mit geschlossenen Augen in die Zukunft. Einige Momente verharrten die beiden Frauen schweigen nebeneinander, bis Fortuna die Augen wieder öffnete.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 712
ISBN: 978-3-99038-496-1
Erscheinungsdatum: 21.07.2014
EUR 21,90
EUR 13,99

Krampus & Nikolo