Science Fiction & Fantasy

Ich Werwolf, du Vampir!

Kasinéo Parisé

Ich Werwolf, du Vampir!

Leseprobe:

An einem sonnigen und warmen Samstag gingen Luna und ich shoppen. Endlich war der Schnee weg und die Straßen und Wege waren wieder begehbar. Vogelstimmen erklangen kräftig und ausdauernd an jeder Ecke und einige Frühblüher zeigten ihre Pracht. Die Sonne warf warme Strahlen zu uns herab. Der dunkle, kalte Winter war lang gewesen, aber der Frühling war endlich da. Von Tag zu Tag wurde es nun immer wärmer, und dieser Tag schien besonders schön zu werden. Es war ein Tag mitten im April und wir waren am Ende der Osterferien angekommen. Luna hatte sehr gute Laune. Sie hüpfte regelrecht zum Center. Dabei hopsten ihre blonden langen Locken im Takt mit. Ihre dunklen Augen strahlten mit der Sonne um die Wette. Das rote Kleid, das sie heute trug, stand ihr besonders gut und schwang ebenfalls im Takt mit. Meine Laune hielt sich in Grenzen, obwohl ich gern shoppen ging. Zu meinen hellblonden Haaren, die knapp über der Schulter aufhörten, trug ich ein schlichtes T-Shirt und eine Dreiviertelhose. Meine Sonnenbrille hatte ich zu Hause vergessen. Mit meinen grünblauen Augen blinzelte ich zur Sonne hoch. Luna schaute zu mir und sagte: „Mach nicht so ein Gesicht, Fiona. Die Sonne strahlt, das Wetter ist herrlich.“ Ich erwiderte ihren Blick und antwortete: „Ja, das Wetter ist herrlich, aber ich brauche neue Unterwäsche und ich will auf keinen Fall von einem Bekannten gesehen werden. Das wäre peinlich.“ Dabei verzog ich mein Gesicht zu einer sieben-Tage-Regen-Grimasse. Luna erwiderte: „So schlimm? Ich bin doch bei dir.“ Natürlich war ich heilfroh, dass sie mitkam. Ich musste sie nicht bitten. Wir erreichten nach einer Ampelkreuzung das Center, welches aus mehreren Etagen bestand. Gemeinsam gingen wir durch eine Drehtür und zwei Rolltreppen höher. Gleich der Laden auf der rechten Seite war der richtige. Es war unser Lieblingscenter und sehr groß. Insgesamt vier Etagen mit vielen schönen Läden. Luna trat entschlossen durch die Ladentür, ich folgte ihr zögernd. Ich redete mir ein, dass in dem Moment kein Mensch hier sein würde, während ich schnell Unterwäsche kaufte. Ich sah Unmengen an Klamotten und fühlte mich überfordert. Ich erblickte hinten links die Damenunterwäsche und machte mich auf den Weg. Mir war das alles ziemlich peinlich, aber irgendwie musste es doch klappen. Ich lief nicht direkt nach hinten links, sondern lief einen Umweg, um dort hinzukommen. Hatten eigentlich alle Probleme damit, sich Unterwäsche zu kaufen, oder war ich mal wieder die Einzige? Ich schlich mich durch die Reihen, in der eine Unterwäsche neben der anderen hing. Beim Durchgehen, schnappte ich mir unauffällig zwei Mal weiße Unterwäsche und war auch schon in der Kabine verschwunden. Das klappte doch gut, würde ich jetzt jedenfalls behaupten. Ich zog mich schnell um. Ich hätte am liebsten den Laden auf direktem Wege wieder verlassen und ich würde dieses Jahr nicht wiederkommen. Durch einen kleinen Schlitz lugte ich durch den Vorhang. Der Laden war zum Glück nicht überfüllt. In der Damenabteilung hielt sich so gut wie keiner auf, obwohl heute Samstag war und die Läden hätten eigentlich überfüllt sein müssen. Darüber wunderte ich mich schon irgendwie, aber das sollte mir nur recht sein. Luna, bist du in der Nähe? Ja, komm raus, ich sehe dich. Da war ein Junge, der so merkwürdig geguckt hat, deshalb habe ich mich unsichtbar gemacht. Ich seufzte und antwortete laut: „Du hast es gut, das will ich jetzt auch können.“ Ich schaute noch mal nach links und rechts, aber keiner war zu sehen. Langsam kam ich aus meiner schützenden Kabine heraus. Es war ein komisches Gefühl, sich fast nackt zu präsentieren, als wäre ich ein Model. Gleich würden sich Paparazzi vor mir auf die Knie werfen und dann würde ein Gewitter aus tausend Blitzen mich überwältigen. Okay, ich schaute vermutlich zu viele Filme, zurück in die Realität. Ich fragte etwas leiser: „Wie findest du mich?“ Ich stand vor einem Spiegel und drehte mich ein paar Mal, um mich selbst zu begutachten. Es sieht gut und praktisch aus, Fiona. Ich konnte mich schon immer mit Luna in Gedanken unterhalten, ich wusste nur nicht, wieso wir das konnten. Ich spürte, wie sie plötzlich in meinem Kopf verstummte und sich zurückzog. Zuerst wusste ich nicht, was los war, doch dann sah ich ihn. Hinter einem langen Kleiderständer ging ein kurzhaariger, blonder Junge entlang und lachte leise. Zuerst erblickte ich ihn nur kurz zwischen den Kleidern, die an einem Ständer hingen und nur, wenn sich eine Lücke zwischen den Kleidern befand. Sein Lachen war amüsiert und leise. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich schlang erschrocken die Hände vor meinen Körper, denn irgendwann war der Ständer zu Ende und ich sah ihn von Kopf bis Fuß. Er kam auf mich zu und trug ein schwarzes T-Shirt mit einem Totenkopfmotiv, eine blaue und zerrissene Hose, seine Turnschuhe waren groß und seine hellblauen Augen leuchteten. Merkwürdige Augen, so welche hatte ich noch nie gesehen, und warum leuchteten sie? Lag das an der Beleuchtung des Ladens? Ich war gefesselt von seinen Augen und versuchte mich wieder loszureißen. Es gelang mir unauffällig. Der Junge sprach, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: „An wen war die Frage gerichtet? Wenn keiner hier ist, kann ich doch meine Meinung mitteilen, oder? Es steht dir nicht, es ist zu blass. Versuch es lieber mit kräftigen Farben. Du bist ein heller Hauttyp und dir steht gewiss schwarz oder rot besser.“ Ich fuhr ihn an: „Hau ab! Such dir ein anderes Mädel zum Angaffen. Ich pfeif auf dich!“ Ich war von einer Sekunde auf die nächste angepisst. Was denkt der sich eigentlich? Was denkt er, wer er ist? Hat er ein Problem? Kindisch! Affig! Und mich auch noch gefangen halten mit seinen schönen Augen, gewiss Kontaktlinsen. Er sagte immer noch mit ruhiger Stimme: „Man sieht sich immer zweimal im Leben. Dieser Spruch hat etwas Wahres an sich.“ Ich fauchte: „Darauf kann verzichten!“ Jetzt wird er auch noch frech! „Du vielleicht, ich nicht.“ Er verschwand mit einem schelmischen Lächeln. Sofort machte sich Luna wieder sichtbar und sagte aufgebracht: „Genau den Jungen hab ich vorhin gemeint. Er ist ja eigentlich ganz süß, aber viel zu aufdringlich.“ Ich sagte nur: „Wenn ich ihn nur nicht noch einmal sehen muss. Komm wir gehen bezahlen und danach bloß weg von hier. Mir reicht’s für heute.“ Ich eilte erneut in die Umkleide und zog mich wütend um. Ich hätte die Kabine nicht verlassen sollen, das würde ich mir fürs nächste Mal merken.

Am Sonntagabend saß der Junge am Tisch in seinem Zimmer. Es war ein kleines Zimmer mit zwei Fenstern, Bett, Regal, Schrank und Spielkonsole. Es war ein ordentliches Zimmer, alles stand säuberlich im Regal oder war unter dem Bett verstaut, um den Weg zur Tür freizuhalten. An der Wand hingen ein paar Poster von Rockstars und ein schlichter Traumfänger. Der Junge war gerade über sein Tagebuch gebeugt und schrieb:

Liebes Tagebuch,
ich bin den zwei Mädchen gefolgt.
Ich sollte es eigentlich nicht tun, aber ich konnte es einfach nicht lassen.
Ich wollte sie persönlich sehen und nicht nur auf einem Bild.
Morgen gehe ich in die Schule. Ich war lange nicht mehr in einer.
Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, meinen Auftrag auszuführen.
Wenn die Mädchen mich nerven und
meinen Auftrag in irgendeiner Weise behindern,
dann können sie was erleben.
Ganz easy!
Mal sehen, wie der Tag morgen wird.
Bitte positiv!
Dein Monster

Erster Schultag! Montag! Wer liebt diesen Tag nicht? Es war der Tag, an dem man sich gelangweilt auf den Weg machte, das vergangene Wochenende vermisste und sich nach dem nächsten Wochenende sehnte. Ich war die, welche an jedem Montag schon ans nächste Wochenende dachte. Vor allem nach den Ferien gab ich mich am Montag nur trotzig dem Schulalltag hin. Aber Schule war wichtig und das würde auch immer so bleiben, obwohl ich die Schulzeit gut damit verbringen könnte, ein spannendes Buch zu lesen. Luna und ich standen vor dem Spiegel im Bad. Eine Dusche, eine Toilette, eine große Herzbadewanne, ein Waschbecken, ein paar Handtuchhalter und eine Handtuchheizung standen für die tägliche Hygiene bereit. Durch ein Fenster stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen. Luna kämmte gerade ihr Haar. „Wenn ich diesen Jungen, wie auch immer er heißen mag, heute treffen sollte, musst du mir einen Gefallen tun.“ Luna lächelte und antwortete: „Egal, was kommen mag, du wirst dich nicht verwandeln. Zuerst brennt die Schule ab, glaub mir, ich werde dafür sorgen. Ich denke nicht, dass er auftauchen wird. Die Wahrscheinlichkeit ist so gering, dass es fast unmöglich ist.“ Ich lächelte sie erleichtert an. „Danke.“ Als wir fertig waren, gingen wir nach unten. Wir wohnten in einem alten Haus mit Balkon und zwei Etagen. Die Hauswand war an der Vorderseite vollständig mit Efeu bewachsen. Das gesamte Haus war ein bisschen altmodisch möbliert, aber es gefiel uns sehr. Im Flur hing ein großer alter Spiegel mit goldenem Rahmen. In der Küche stand Elenore und machte für uns etwas zu essen. Wir wussten beide, dass wir mit Elenore nicht verwandt waren. Sie war schon ein bisschen älter und sah zum Fürchten aus, aber sie war sehr sympathisch. Man musste sich Elenore so vorstellen, wie eine alte Hexe aus einem Märchen, nur dass sie nicht garstig und verbittert, sondern nett und freundlich war. Ihr Äußeres war nicht so wunderbar, wie ihr Charakter, aber ich glaube, sie war mit ihrem Aussehen zufrieden. Elenore war die meiste Zeit im Haus und ging nicht gern auf die Straße, aber scheu war sie auf keinen Fall. Sie sorgte sich schon seit Jahren um uns, als hätte sie uns adoptiert, doch sie drängte sich nicht wie eine Ersatzmutter auf. Elenore war einfach nur da, wenn wir sie brauchten. Von unseren beiden Eltern wussten wir nicht viel, aber wir fragten auch nicht nach. Luna und ich waren es einfach gewohnt, als beste Freundinnen zusammen in einem Haus aufzuwachsen und es gefiel uns so, wie es war, denn so war es unser Zuhause und unser Leben. Elenore drehte sich vom Herd weg und sprach: „Guten Morgen ihr zwei! Habt ihr gut geschlafen?“ Luna erwiderte: „Ja danke! Ich habe geschlafen wie ein Stein.“ Mit einem kurzen Blick auf die alte Wanduhr registrierte ich, wie spät es schon war. „Luna, wir müssen heute ohne Frühstück los, sonst kommen wir zu spät. Ich hole mir nur noch schnell Wechselsachen und dann können wir aufbrechen.“ Luna protestierte: „Nein, wir laufen, dich könnte jemand sehen.“ Ich argumentierte: „Was genau sieht derjenige dann? Einen riesigen weißen Hund und du machst dich einfach unsichtbar.“ Luna lenkte ein: „Okay, aber es war deine Idee! Ich mag nur nicht am ersten Schultag zu spät kommen.“ Wenn ich zum Werwolf wurde, zerrissen meine Klamotten bei der Verwandlung. Die Nähte platzten und die Kleidung war hin. Luna konnte sich nicht verwandeln und daher ritt sie auf mir. Bis zur Schule war es nur ein Katzensprung. Wir kamen sogar zehn Minuten früher an. Luna ging vor und ich schlich mich hinter die Schule und wurde wieder ein Mensch. Dann zog ich mir die Ersatzklamotten an. Hauptsache, mich hatte niemand gesehen. Danach lief ich zu Luna, die sich mit anderen Mitschülern auf dem Schulhof unterhielt. Luna rief erfreut: „Da bist du ja! Es klingelt in zwei Minuten. Auf zu Frau Häsel, auf zu Englisch.“ Wir gingen eine lange, steinige Treppe empor, bis zum hölzernen Schultor. Danach folgten mehrere Treppen im Schulhaus in die jeweiligen Etagen. Die Schule war hauptsächlich aus Stein erbaut worden. Unser Klassenraum lag im dritten Stock, den wir nun erreichten. Jetzt noch den langen, mit Porzellanfliesen gepflasterten Flur entlanglaufen, bis wir die braune Tür mit dem Namen unserer Lehrerin erreicht hatten. Rechts an den Wänden hingen alte Bilder. Manche Bilder zeigten die Baustelle der Schule, andere besondere Personen, die eh keiner kannte, und andere zeigten die Lehrer mit ihren Klassen. Alle Bilder waren mit Silberrahmen verziert. Die Fenster im Flur reihten sich links von uns auf. Man sah die Kronen der alten Eichen sich auf dem Hof im Wind wiegen. Am Ende des Gangs stand lässig an unsere Klassentür gelehnt ein Junge, der mir nicht gleich aufgefallen war. Ich schimpfte leise, damit es nur Luna mitbekam: „Das ist nicht wahr!“ Luna beschwichtigte mich: „Okay Fiona, tief durchatmen und los, du schaffst das ohne, na, du weißt schon.“ Er begrüßte uns mit einem Lächeln und sagte: „Ich hatte schon Angst, ich würde keinen kennen, aber dich kann man nicht übersehen.“ Ich sagte mit bebender Stimme: „Danke für das nicht gelungene Kompliment.“ Ich ging schnell an ihm vorbei. Keine Lust auf ein Gespräch, schon gar nicht mit dem! Zielstrebig lief ich an meinen Platz und guckte mich in der Klasse um. Sonst war alles gleich geblieben, und das empfand ich als sehr erholsam. Im Großen und Ganzen waren wir eine vernünftige Klasse und wir kamen immer gut miteinander aus. Wie heißt der Neue überhaupt? Thorsten vielleicht, dann könnte der Spitzname „Trottel“ gut passen, oder Amin für „du armseliges Würstchen“. Diese Überlegungen zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen, ohne dass ich es mitbekam. Auf einmal fielen mir mehr Spitznamen ein und ich fing an, ihn regelrecht zu hassen. Dann betrat plötzlich Frau Häsel den Raum und mein Augenmerk fiel auf ihre Bekleidung. Sie trug eine schwarze Hose, eine dunkle Jacke, darunter eine farbige Bluse und schwarze Hackenschuhe. Eine niedliche, bunte Blume hatte sie sich heute an ihre Jacke gesteckt. Frau Häsel hörte man oft schon von Weitem, wenn sie sich auf dem Flur näherte, denn dann machte es immer klick klack klick klack. Frau Häsel begrüßte uns mit den Worten: „Guten Morgen. Wie ihr seht, haben wir einen neuen, reizenden Mitschüler. Sein Name ist Miles. Er wird sich für die ersten Tage neben Fiona setzen. Luna, bitte setzte dich eine Reihe nach hinten.“ Ich hatte nun ein großes Problem. Warum musste genau er neben mir sitzen? Warum war das Schicksal nur so grausam? Hätte nicht jetzt ein Amokläufer in die Schule kommen und ihn umbringen können? Warum fiel er nicht tot um? Warum hatte ich keinen Kräutertrank oder ein Messer dabei? Warum musste genau er unser neuer Mitschüler sein? Warum, Gott, warum traf es mich? Frau Häsel fügte noch hinzu: „Es wäre entzückend, wenn du Miles ein bisschen rumführst. Ist das okay?“ Ich antwortete nicht. Das übernahm Miles für mich: „Meinetwegen, dann kann ich Fiona endlich näher kennen lernen. Wir haben uns am Samstag zufällig getroffen.“ Zufällig, aber ganz gewiss nicht gewollt. Aber was für ein Zufall, wenn ich darüber nachdachte, langsam zweifelte ich daran, dass es wirklich so zufällig war, aber ich konnte es mir anders nicht vorstellen. Es klopfte gerade an der Tür. Caro kam herein, stammelte ein unverständliches „Schuldigung“ und setzte sich hastig auf ihren Platz, wobei sie Miles einen interessierten Blick zuwarf und kicherte. Frau Häsel schrieb die Verspätung ins Klassenbuch und stellte sich vor die Tafel. Dann begann sie mit ihrem Unterricht, aber ich war zu wütend, als dass ich mich konzentrieren konnte. Warum? Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich überlegte schon, wie ich die Schule wechseln könnte, aber ich wollte mich nicht verjagen lassen. Ich war ein Werwolf und er nur ein Mensch, oder nicht? Er roch so komisch, so süß … Igitt! Ich kann ihn nicht riechen und muss doch neben ihm sitzen. Das ist das Schlimmste, was es nur gibt. Nein, fast das Schlimmste. Das Schlimmste wäre, wenn ich mich jetzt noch verwandeln würde. Aber ich war mir sicher, dass ich stark genug wäre, um es nicht zu tun. Ich bin stark! Ich bin stark! … Es klingelte gerade und alle stürzten hinaus, außer mir. „Es hat geklingelt.“ Luna zischte Miles an: „Lass das! Zisch ab!“ Und schon war er weg. Ich sagte zu ihr: „Danke, Süße. Sein ekelhafter süßer Geruch vernebelt mir meinen Kopf und ich kann mich nicht konzentrieren.“ Luna meinte: „Komm, wir haben Sport mit Herrn Kupfge. Tut mir leid, dass du neben ihm sitzen musst. Obwohl ich hinter ihm sitze, rieche ich es auch. Sally meinte, sie wäre von seinem Geruch hin und weg. So ein Blödsinn!“ Ich antwortete: „Wenn er denkt, ich zeige ihm die Schule, dann hat er sich geschnitten.“ Ganz ruhig! Lass uns aus dem Raum gehen. Frische Luft tut gut! Als wir gerade aus der Tür gehen wollten, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. Miles stand an der Tür und hatte alles mit angehört. Das war noch lange nicht das, was mich verwirrte. Er schien auf mich zu warten. Miles sagte sachlich und ernst: „Luna, könnte ich mal kurz allein mit Fiona reden?“ Luna antwortete: „Das ist keine gute Idee, aber wenn du dein Glück herausfordern willst? Bitte! Wir sehen uns, Fiona.“ Und schon war sie weg, einfach so! Nur jetzt nicht die Nerven verlieren. Alles wird gut! Ich stand ja nur mit Miles vor unserer Klassentür, also kein Grund zur Panik. Neben uns stürmen Schüler in andere Klassen und ich darf mich nicht vor Wut verwandeln. Denn dann hätte ich ein Problem, welches ich nicht lösen könnte. Alle sehen mich, ich kann die Schule wechseln und werde auf dem Titelblatt der Zeitung erscheinen. Einmal richtig sauer sein und ich habe den Hauptgewinn. Miles sagte plötzlich hastig: „Okay, also du musst mir die Schule nicht zeigen, die kann ich mir auch alleine anschauen, und unser Start war auch nicht der Beste.“ Ich fragte ungeduldig: „War’s das?“ Miles erwiderte jetzt ruhiger: „Gleich! Ich habe noch eine Frage. Es ist nichts Persönliches, aber wann hast du dich das letzte Mal gewaschen? Oder nein, hast du einen Hund? Du riechst nämlich ein wenig nach Hund.“ Ich fuhr ihn an: „Noch geht’s dir gut, oder was? Sag mal, spinnst du? Tickst du noch ganz richtig? So eine Frechheit!“ Ich ging, ich hatte keine Lust auf so eine blöde Frage zu antworten. Er rief mir noch hinterher: „Ich werde es herausfinden!“ Was wollte er herausfinden? Wie es ist, wenn wir alleine sind und ich ihm meine Zähne in die Schulter ramme? Oder wie ich ihm die Gliedmaßen einzeln herausziehe und er anfängt, nach Mama zu schreien? So eine wilde Wut hatte ich noch nie im Bauch verspürt. Bis jetzt noch nie, aber ich würde mich nicht verwandeln, den Gefallen tat ich ihm nicht. Luna fragte in der Sportstunde noch mal nach, ich erzählte ihr alles und sie lachte nicht einmal. Sie nahm es ernst! Ich war mir nicht so sicher, was ich glauben sollte, oder was ich von diesem Typ halten sollte, ob ich darüber lachen, oder nachdenken sollte. Eigentlich doch völliger Blödsinn. Wozu sollte er sich die Mühe machen, zu erraten, was ich eigentlich bin? Jedoch, wer weiß, was er eigentlich will. Oder wer er ist. Weshalb kommt er zufällig im Halbjahr in unsere Klasse und hängt sich direkt an meine Fersen? Er hat etwas zu verbergen, genau wie ich vor ihm. Das Spiel konnte beginnen.

Am Abend saß Miles erneut an seinem Schreibtisch, er hatte einen Stift in der Hand und schrieb in sein Tagebuch:

Liebes Tagebuch,
Der Tag hätte besser sein können, aber es lief okay.
Ich sollte nicht zu viel erwarten, ich wusste,
es würde nicht leicht werden.
Ich hoffe, dass Fiona kein Mensch ist.
Aber ich habe schließlich alle Zeit der Welt, um es herauszufinden.
Okay, meine Geduld hält sich dagegen in Grenzen.
Ich kann mich nicht wirklich
mit den Leuten aus der Klasse anfreunden.
Alle sind irgendwie komisch, halt alles nur Menschen!
Ich würde mich also nur auf die Mission konzentrieren, weiter nichts.
Dein Monster Miles

Heute hielt sich Miles von mir fern. Er sagte nichts, er machte nichts. Im Unterricht saß er auf seinem Platz neben mir und blickte so starr nach vorne an die Tafel, dass Löcher in der Wand hätten entstehen müssen. Es war unheimlich und fast so, als würde neben mir eine Statue sitzen. Ich sah ein paar Mal zu ihm rüber, um mich zu vergewissern, dass er noch atmete. Ich wusste nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte, er war immer noch ein Fremder für mich, und so unterließ ich jede verbale Kommunikation. In den Pausen verließ er plötzlich den Klassenraum, lehnte sich jedoch auf dem Flur gegen eine Wand und blickte geradeaus. Nach meiner Interpretation ging er somit allen Gesprächen aus dem Weg. Er mied seine Klassenkameraden bewusst. Wieso machte ich mir überhaupt Gedanken über ihn und sein heutiges Verhalten? Des Weiteren kreuzte ein neuer Lehrer im Flur auf und grüßte alle Schüler. Ich grüßte anfangs zurück. Dann, eine Stunde später, erfuhr ich von Nhu Ying, dass er die unteren Klassen unterrichten würde. Seitdem grüßte ich ihn nicht mehr. Er wirkte leicht unsympathisch, aber das bildete ich mir vielleicht nur ein. Ich traute mich nicht, dies mit meinen Klassenkameraden zu besprechen. Er trug an dem Tag schwarze Schuhe, eine schwarze Hose, ein dunkelgraues T-Shirt und einen hellkarierten Westover. Seine Brille hatte zwei megagroße, quadratische Gläser, die von dicken schwarzen Innen- und bunten Außenrändern umrahmt wurde. Sein Gang war seltsam, jedoch mit Worten unbeschreiblich. Unsere Chemie- und Biologielehrerin Frau Lindt war eine gute Lehrerin. Sie war sehr nett und rücksichtsvoll zu uns. Sie mochte die Gerüche von chemischen Stoffen. Sie fragte uns öfter, ob wir mal riechen wollten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 404
ISBN: 978-3-95840-224-9
Erscheinungsdatum: 11.10.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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