Hüter der Sprache

Hüter der Sprache

Christian Gutte


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 362
ISBN: 978-3-99038-889-1
Erscheinungsdatum: 02.07.2015

Leseprobe:

Beginn Band 2

Es kam ihm vor, als hätte er in seinem Leben noch nichts anderes als die schattenhaften Illusionen seiner von Schmerzen geprägten Albträume wahrgenommen, dementsprechend schwer fiel seinen Augen die Reaktivierung. Eine Suppe aus verschwimmenden Details, gewürzt mit dem Tanz funkelnder Sterne auf seiner Netzhaut, angeschmiegt an den rot pulsierenden Schleier, der als Nebenwirkung der stechenden Kopfschmerzen auftrat. Dazwischen huschten verschwommene Gestalten in der Suppe her, dunstige Mitesser, die sich allerdings hinter einem Vorhang unscharfer Konturen geschickt zu verbergen wussten.
Es dauerte eine unendlich erscheinende Weile, in der die Bewegungen der Gestalten immer hektischer wurden, sie scheinbar mehr erwarteten als lediglich heftiges Blinzeln seinerseits, bis dem Feuerwerk endlich die Sprengkörper ausgingen. Der Krieger der Worte wusste jedoch nicht, ob es ratsam war, die wilden Träume einer Begegnung mit denjenigen vorzuziehen, die offensichtlich die Fäden hinter dieser ganzen Entführung gesponnen hatten.
Wie er erschrocken bemerkte, hatte sich sein Gedächtnis hinter geschlossenen Lidern einige Zeit zu nehmen, die Sammlung seiner Erinnerungen zu einem Sinn ergebenden Bild zu kartieren. Er war der Krieger der Worte, Held der Wortklans, Bezwinger der Sprachlosen, Erlöser der Unterdrückten, Anführer eines Volkes und zudem Ehemann und stolzer Vater zweier manchmal zu jugendlichem Widerstand neigender Söhne. Er war aufgrund eines Traumes, dessen Ähnlichkeit mit einer Vision zu überwältigend gewesen war, um unbeachtet zu bleiben, nach Schreckenshort aufgebrochen, wo sich die Vision eines erneut offen stehenden Portals bestätigt hatte. Lange hatte er den Reizen des Dimensionstors widerstanden, hatte allerlei Schmeicheleien erdulden müssen und war schlussendlich mit Mydron belohnt worden, einem alten Bekannten, der ihn nach mühsamem Ringen niedergeschlagen hatte …
Diese Geschichte war so unglaublich, dass manch ein Erzähler Unsummen dafür hingeblättert hatte, doch das Unglaublichste war, dass er noch lebte. Zwar etwas angeschlagen und in physischen sowie psychischen Kompetenzen leicht eingeschränkt, aber am Leben.
„Wach auf, kleiner Mensch!“ Ein weiterer Schrei erklang, sowie seine Augen sich klärten und mit gleichwohl schmerzerfülltem wie finsterem Blick den Täter suchten, als scharfes Metall einen heißen, blutenden Schnitt auf seiner Wange hinterließ. Er konnte jetzt klar sehen, so stechend klar, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb, doch was seine Augen erfassten, hatte er sich nie zu sehen gewünscht.
Vor ihm, umhüllt von einer schattenverhangenen Düsternis, schwebte das in zerfetzten Hautsträhnen herabhängende Gesicht Mydrons, ein Anblick, ob dessen er seine Freude am liebsten herausgeschrien hätte. Das Äußere des Gehörnten mochte sich gewandelt haben, ob zum Besseren war ein heftig umstrittener Diskussionspunkt, doch das Gesicht war noch dasselbe, der gleiche spöttische Ausdruck lag in den blutroten Augen des Fantasielosen. Gleichwohl hatte er auch etwas Anklagendes, was angesichts dessen, dass der Krieger der Worte ihn seines Meisters, seiner beiden Diener und nicht zuletzt seiner Ehre beraubt hatte, durchaus nachvollziehbar war.
„Na endlich, du bist wach!“ Anthony öffnete den Mund, diese von ausgeprägtem Begriffsvermögen zeugende Aussage mit einer bissigen Antwort zu bedenken, doch seine Zunge verweigerte den Dienst. Wie ein Klumpen fleischiger, fauliger Masse hing sie in seinem Mund, zeigte so viel Verständnis angesichts seiner verzweifelten Versuche, sie zur Kooperation zu bewegen, wie wenn er den Gehörnten mit freundlichem Lächeln um sofortige Kapitulation gebeten hätte.
„Ich glaube, es will etwas sagen!“ Seine Augen schweiften auf der Suche nach dem Sprecher, über das Groteskum Mydrons und versuchten, mühsam um die Einstellung der Schärfe in der Ferne ringend, die gesamte Szenerie zu erfassen. Es gelang ihm nur teilweise, da sich seine Augen schwer daran taten, etwas gegen die Unschärfe der Konturen einiger Dinge zu unternehmen, doch das sich ihm erschließende Bild missfiel seiner Vorstellung einer lauschigen Umgebung.
Zunächst einmal stellte er fest, dass Boden und Himmel nahezu dieselbe Farbe aufwiesen, lediglich durch einen schmalen, pechschwarzen Horizont und leichte Variationen ihrer Nuancen differierten. Die Ebene war kahl und öde, keinerlei Pflanzen wagten es, ihre Wurzeln in die Erde zu treiben oder gar als ganze Populationen zu versuchen, dem Land etwas von seiner Leblosigkeit zu nehmen. Ebenso trist greinte der Himmel auf sie herab, nicht eine Wolke bäumte sich wie ein bockendes, von Gewitter kündendes Untier am Firmament auf, was die Unterscheidung von Himmel und Erde noch erschwerte.
Der Krieger der Worte atmete keuchend, sah sich mit einem Druck auf seiner Lunge konfrontiert, der wohl darin zu begründen war, dass seine Lungenflügel Schwierigkeiten bei der Aufgabe hatten, das bewusste Atmen wieder aufzunehmen. Oder aber selbst die Atmosphäre dieses Ortes war von einem drückenden Unheil, senkte sich wie ein schwarzes Leichentuch auf die allgemeine Stimmung, kündete vom Tod aller Freude und Hoffnung, die zu hegen man noch gepflegt hatte.
„Es scheint Interesse an unserer Welt zu hegen!“ Verärgert darüber, erneut mit einem exotischen, wissenschaftlichen Studien zu unterziehenden Tier in Vergleich gestellt zu werden, machte er sich nun auf die Suche nach dem Sprecher. Sogleich drängte sich neben dem grinsend seinen Sieg in vollen Zügen auskostenden Mydron eine weitere, nicht minder mit Hässlichkeit beschlagene Gestalt in sein Sichtfeld, deren glühende Augenbälle den Menschen einer eingehenden Musterung unterzogen.
Dieser Gehörnte war eher schmächtig, vergleichbar mit der Statur eines Sprachlosen der Stufe zwei, doch verströmte er eine nicht minder, gar noch intensivere Aura der Magie, wie nur ein professioneller Magier zu erlangen sie vermochte. Das Schicksal hatte gewöhnungsbedürftigen Humor gezeigt, das Wesen gleich mit drei Hörnern auszustatten, ansonsten mit gefährlichen Auswüchsen oder anderen zur Folter oder Angriff zu missbrauchenden Extremitäten aber eher sparsam umzugehen. So waren die Klauen und Krallen des Gehörnten verglichen mit denen des Assassinen geradezu kläglich.
„Er ist äußerst hässlich! Und du sagst, diese … Menschen müssen Partner finden, um Nachkommen hervorzubringen? Ich frage mich, wie das angesichts solcher Hässlichkeit zu bewerkstelligen ist!“ Der zynische Ton, den das Wesen dabei anschlug, löste seine Zunge aus ihrer Verankerung, schüttelte den Staub aus ihrem Getriebe und hauchte dem fleischigen Klumpen neues Leben ein, um verständliche Laute zu bilden.
„Heute schon mal einen Blick in den Spiegel geworfen, Heuchler?“ Seine Stimme war kratzig, kaum mehr als schwer zu verstehendes Raspeln, was Bände darüber erzählte, wie es während seiner Ohnmacht um seine Versorgung mit Nahrung und Wasser gestanden hatte. Aber was konnte er von Wesen, deren Körperöffnungen mit grauer Haut verwachsen waren, und die ihn mit unverkennbarem wissenschaftlichem Interesse und Belustigung im Blick musterten, wie es das mit den drei Hörnern gerade tat, schon groß erwarten?
„Es kann sprechen? Interessant! Erzähl mir doch etwas aus der Welt der Menschen! Vielleicht darf ich das Ding in seinem Mund untersuchen! Was meint ihr?“ Der Krieger der Worte presste die Lippen aufeinander, denn der belustigte Gesichtsausdruck des Assassinen verriet, dass er von dieser Vorstellung nicht abgeneigt war. Dass seine Lippen dadurch weiß hervortraten und den Protest unterstrichen, welchen er der Entfernung diverser seiner Körperteile entgegenbrachte, schien das Wesen mit den drei Hörnern nur in neue Höhen wissenschaftlicher Ekstase zu katapultieren.
„Es gefällt mir, oh ja, es ist wundervoll! Dürfen wir es behalten?“
„Wir sollten es einfach töten!“ Ein Schauer kroch über seinen Rücken, einerseits wegen der deutlichen Äußerung, wie sehr seine Anwesenheit geschätzt wurde, andererseits wegen des schaurigen Klangs der Stimme, der makabre Bilder des Sprechers in die Köpfe der Hörenden pinselte. Seine Augen wanderten vom Dreihörnigen zu einer korpulenten Gestalt, die sich etwas hinter Mydron am Grau des Himmels und der Erde abzeichnete.
Der Gehörnte war gigantisch. Er musste allein den Krieger der Worte um das Doppelte überragen, und das war nichts im Vergleich zur Masse der Muskeln, welche sich unter der zum Zerreißen gespannt scheinenden, grauen Haut ungeduldig zu regen schien. Auf seiner bulligen Stirn zeichneten sich gleich zwei prächtige Hornpaare ab, und die geballten Fäuste, auf welchen er sein immenses Körpergewicht abzufangen versuchte, mussten den Durchmesser von Anthonys Brustkorb haben. Es stand außer Zweifel, dass ein einziger Hieb jener gewaltigen Pranken ausreichen würde, ihn kilometerweit ziellos durch die Luft trudeln zu lassen.
„Was ist das?“ Das Monstrum knurrte, das Spiel der Muskeln unter seiner Haut stieß finstere Verwünschungen aus, als es einen donnernden Schritt auf ihn zumachte, die gefurchte Stirn zerrte an der festen Verankerung der Hörner, verlieh ihnen tanzendes Leben. Der Krieger der Worte wollte instinktiv zurückweichen, doch am kläglichen Scheitern dieses Versuchs registrierte er zum ersten Mal, seit seine fünf Sinne und sein Verstand ihre Tätigkeit wieder entfacht hatten, dass er angekettet war.
Ein eiserner Pfahl war in die Erde getrieben worden, vermutlich von einer Faust des Monsters höchstpersönlich, denn nicht zu einem Wank ließ er sich ob der größten Anstrengungen des Menschen bewegen. An den Pfahl waren seine Ketten angegossen, je ein Paar für die Gelenke an seinen Händen und Füßen.
Als er sich der Sinnlosigkeit hinter seinen verzweifelten Versuchen gewahr wurde, erschlafften seine Bemühungen, hingen leblos wie ein Sack Kartoffeln in den Ketten, bis er schließlich den Kopf hob und dem zugewachsenen Grinsen des Assassinen begegnete.
„Das ist Karon, Krieger der Worte! Und mir will nicht scheinen, dass er nicht sonderlich Freude an dir hegt!“ Das als Karon bezeichnete Monster von einem Gehörnten knurrte erneut, aus der Art seiner Äußerung ging die Beschränkung hervor, welche zugunsten seiner körperlichen Vorteile seinen geistigen Fähigkeiten auferlegt worden war.
„Kann ich von mir auch nicht unbedingt behaupten!“ Er seufzte und unternahm noch einen letzten Versuch, sich unter der Aufbringung seiner letzten Kräfte aus den Ketten herauszuwinden, bevor er die Vollkommenheit jenes bindenden Eisens bestätigt und sich endgültig in Gefangenschaft sah.
„Es hat keinen Zweck, kleiner Mensch! Die Ketten sind aus demselben Eisen wie die Waffen meiner Krieger, mit welchen du schon so oft Bekanntschaft gemacht hast. Und der Pfahl ist von Karon persönlich in die Erde getrieben worden!“
„Das heißt, du kommst nicht weg!“ Verärgert über diese Naivität, die in der einfachen Wahl dieser Worte mitschwang und sich ihres Intellekts derart überlegen zu fühlen schien, drehte der Krieger der Worte den Kopf und benetzte den Boden vor Karon mit einem Klumpen schleimiger Spucke.
„Darauf wäre ich nie gekommen, du Genie! Bist wirklich ein helles Köpfchen, wir sollten dich als Laterne verkaufen!“ Der gigantische, gleich vierfach Gehörnte ließ ein tiefes Grollen aus seinen Gedanken aufsteigen und machte einige donnernde Schritte auf ihn zu, die selbst den Boden unter seinen angeketteten Füßen schwankend verunsicherten. Gewiss hätte ihn eine jener von ihm mit Furcht betrachteten Fäuste zu Brei verarbeitet, hätte Mydron, dessen Einfluss gar so weit reichte, ein Monster wie dieses unter in seine Fittiche zu nehmen, nicht handwedelnd etwas dagegen gehabt.
„Beruhige dein erhitztes Gemüt, Reueloser! Der Meister möchte sich persönlich um den Menschen kümmern! Und du kennst die Konsequenzen, sollte er verärgert werden!“ Besagter Meister musste wahrlich mächtig sein, dass er gar einem Gehörnten wie Karon ein Winseln und die lammfromme Befolgung sämtlicher erteilter Befehle zu entlocken wusste. Sein überraschender Aufenthalt in dieser Welt gestaltete sich mit jeder verstreichenden Sekunde ungesunder angesichts des Grolls, der ihm hier offensichtlich in Massen entgegengebracht wurde.
„V… von welchem Meister genau sprechen wir?“
„Von einem, dessen Gnade du es verdankst, überhaupt noch am Leben zu sein!“
„Jetzt wo du es erwähnst! Warum bin ich überhaupt noch am Leben? Deine messerscharfe Klinge ist doch herabgefahren …“
„… und erzielt wohl kaum ihre tödliche Wirkung, wenn lediglich der Knauf eingesetzt wird!“ Der Assassine grinste ob der Erkenntnis, die wie ein feuerroter Sonnenaufgang im Gesicht des Kriegers der Worte dämmerte, und begann, an einer knitterigen Stelle an einem seiner Flügel herumzustreichen. „Ja, ich habe dich mit dem Knauf niedergeschlagen, dich deiner Ausrüstung beraubt und dich hierher verschleppt, wie es der Meister befohlen hat!“ Seine glühenden Augen verengten und näherten sich dem Gesicht des Menschen. „Ich vermag mir gar nicht auszumalen, welch schreckliche Folter du zu erdulden haben wirst!“
„Ah ja, sehr schön! Dass du mich mit dem Knauf niedergeschlagen hast, erklärt zumindest die Kopfschmerzen!“
„Kopfschmerzen? Was ist das?“
„Ach, egal! Apropos …“ Anthony sah an sich herab, betrachtete seine alltägliche Kleidung, das von Flecken und dem grauen Staub dieser Welt gepflasterte Wams, die in Fetzen an seinen Beinen herabhängende Hose, zerrissen von allerlei Schnitten während des Kampfes. Diese und die Ärmel seines Wamses, unter welchen sich wohl auf die Hitze zurückzuführende Schweißflecken gebildet hatten, waren hochgekrempelt worden, dass seine Gelenke von den Kettengliedern hatten umschlossen werden können. „Wo ist meine Ausrüstung jetzt?“
„Sie schmort im Bauch des Vulkans vor sich hin, vermutlich neben der Leiche Tallarons!“ Die kochende Hitze in seinem Inneren gedeihender Wut stachelte seine Muskeln zur Äußerung seines Unmuts an, und der Assassine wich instinktiv einen Schritt vor dem wie wild an seinen Ketten zerrenden Menschen zurück.
„Verdammter Bastard!“ Der Krieger der Worte erwartete beinahe jeden Moment, dass das kreischende Quietschen sich aus ihren Verankerungen lösender Ketten seine Ohren zum Klingeln brachte, doch auch dieser Hoffnungsschimmer ertrank im Ozean der kalten Realität. Nach einigen Herzschlägen wutentbrannten Reißens und Ausstoßens derbster Flüche fingen seine ohnehin geschundenen Gelenke ob des beißenden Metalls zu protestieren an und seine Bemühungen begannen abzuebben.
Karon grunzte. „Er ist süß!“ Diese deutliche Äußerung, welch geringe Meinung der Gehörnte von seinen Fähigkeiten hatte, wusste der Mensch nur mit einem ermatteten, leisen Knurren zu würdigen, was dem Assassinen ein gedanklich lautes Lachen entlockte.
„Nur fürchte ich, wird der Meister dir nicht erlauben, mit ihm zu spielen!“ Wieder näherten sich die blutroten Augenbälle dem Gesicht des Kriegers der Worte, eine solch verdreckte, eingesunkene Fratze von Unterernährung zeugender Züge, dass die Auswirkung seiner mangelhaften Ernährung sogar ihm selbst nicht zu entgehen vermochte. „Der Meister würde doch so gerne noch einige Worte mit unserem Gast wechseln!“
„Gast? Wohl kaum!“ Der Mangel an klarem, im Moment so köstlich erscheinendem Wasser, dessen kühler Schwall seine Kehle hinabrann und seinen Gaumen benetzte, machte sich in der kratzigen Art seiner Äußerung immer deutlicher bemerkbar. „Was wollt ihr von mir?“
„Selbst wenn ich es wüsste, meine Lippen blieben verschlossen!“ Das Gesicht des Assassinen entfernte sich wieder, die Augen richteten sich mit scheinbar hohem Interesse auf einen Punkt außerhalb des Gesichtsfeldes des Menschen. „Das war ein Scherz! Als wären meine Lippen jemals nicht verschlossen gewesen!“ Der Dreihörnige begann zu gackern, selbst Karon versuchte in Form hervorgewürgter Grunzlaute seine Belustigung zu äußern, doch jegliches Gelächter erstarb, als der Funken sprühende Blick Mydrons es im Keim erstickte.
„Du entführst mich, ohne den genauen Grund für dein Handeln zu kennen? An solch kleingeistigen Handlungen lässt sich immer wieder gut eure Herkunft nachvollziehen!“ Die Stille, die dem Gelächter gefolgt war, wurde nach diesen Worten von Spannung geschwängert, einer von finsteren Blicken geprägten Spannung, welche sich plötzlich im raschen Aufblitzen eines Dolches entlud. Anthony keuchte auf vor Schmerz, als auch seine andere Wange plötzlich von Blut benetzt wurde, das aus einem quer über sein Gesicht gezogenen Schnitt quoll. Es setzte seinen kriechenden Weg eifrig fort und begann von seinem Kinn auf den Boden zu tropfen.
„Ich habe dich entführt, weil der Meister es befohlen hat! Welche Grausamkeiten er an dir zu verüben vermag, weiß ich weder noch kann ich es mir ansatzweise ausmalen! Nur hoffe ich, dass ich dir zusehen darf bei deinem Leiden!“ Eine Blutspur fand ihren vernetzten Weg zu seinen Lippen, schien sich zwischen den Fransen festsetzen und bitteren Geschmack in seinen Gaumen flößen zu wollen, was der Krieger der Worte durch Ausspucken vor die Füße des Assassinen zu verhindern wusste.
Lange Zeit breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus, ein zumindest in seinen Augen mehr niedergeschlagenes denn vor Spannung knisterndes Schweigen, das nur gelegentlich durch das Knirschen über den staubigen Boden schleifender Krallen unterbrochen wurde. Während dieser Zeit widmete sich der Mensch einer eingehenden Musterung des Spuckeklumpens vor ihm auf dem Boden, dessen interessante Komposition aus gleichermaßen blutigen und klebrigen Anteilen etwas magisch Anziehendes zu haben schien. Schließlich verscheuchte seine Neugier jedoch die Stille, und er wies mit schwachem Nicken auf Karon und den Dreihörnigen.
„Wer sind die?“ Mydron, irritiert durch den Unterbruch des Schweigens, verengte die Augenbälle.
„Wie, wer sind die?“
„Ich meine, was sind die?“
„Ach so!“ Ein bösartiges Lächeln zog an den verwachsenen Zügen des Gehörnten, als habe er nur darauf gewartet, diese Frage zu empfangen. „Nun, einerseits sind sie bescheuert!“ Der Assassine ignorierte das finstere Grummeln, das seiner Bemerkung antwortete, und breitete stattdessen die Flügel aus, um jegliche Zweifel ob seiner Vormachtstellung in dieser Runde zu vertreiben. „Aber um deiner Frage gerecht zu werden, sie sind die Anführer zweier der drei Völker der Altvorderen!“
„Der Altvorderen?“
„Du hast nicht die geringste Ahnung, oder?“
„Wie sollte ich, wenn meine Hand- und Fußgelenke an einen Pfahl gekettet sind, pochende Kopfschmerzen meine Sinne beeinträchtigen und mir lediglich mit keineswegs komischen Bemerkungen auf meine ernst gemeinten Fragen geantwortet wird?“
„Ich dachte, dein göttliches Blut verschaffe dir gewisses … Wissen!“
„Dann setzt du zu viele Erwartungen in mein göttliches Blut! Also, wer oder was sind diese Altvorderen?“
„Die Altvorderen … die Vorfahren der Sprachlosen, die drei mächtigen fantasielosen Völker, die Träger unserer Macht, List und Zauberkraft!“ Mydron wies mit einer Klaue auf das Wesen mit der pulsierenden Aura und den drei Hörnern, das sein Interesse an dem Menschen trotz dessen Missmut darüber einfach nicht zu zügeln wusste. „Das ist Gorgoron. Er ist der Anführer der Fantasielosen, das altvordere Volk der Gehörnten, in dessen Adern gewissermaßen schwarze Magie zirkuliert! Gewiss ist deinem Gespür nicht die Aura entgangen, deren Intensität Magiekundigen als Leuchtfeuer erscheinen muss!“
„Freut mich, dich kennenzulernen!“ Der grinsende Fantasielose streckte dem Krieger der Worte eine kümmerliche Klauenhand entgegen, die er allerdings auch nicht geschüttelt hätte, wenn seine Ketten dies zugelassen hätten.
„Kann ich von mir nicht behaupten! Nimm deine Griffel weg, sonst sehe ich mich gezwungen, erneut zu spucken!“ Die Hand zuckte zurück, als habe der Speichel des Menschen eine ätzende Wirkung, und der gleichermaßen beleidigte wie angewiderte Gesichtsausdruck Gorgorons zeigte seine Abscheu vor den Körperflüssigkeiten des Gefangenen.
„Nimm dich in Acht, der spuckwütige Mensch hat auch mich schon mehrmals beglückt!“ Mydron schmunzelte ob der sich ihm bietenden Szene. „Nun, wie bereits erwähnt, die Fantasielosen sind Schwarzmagier erster Klasse, tödlicher als jeder Sprachlose der Stufe zwei, gerissener als jeder dritte Sprachlose. Nur leider erweisen sie sich als recht aufmüpfig, und es kostet mich massenhaft mentale Energie, sie unter meinen Fittichen zu halten!“ Ein finsterer, bedeutungsschwangerer Blick wurde zwischen den beiden Gehörnten ausgetauscht, eine erzählte Geschichte, die von allerlei Feindseligkeiten und ausgefochtenen Kämpfen um die Herrschaft zu berichten wusste.
„Interessant! Und was ist mit dem dort?“ Mit blutverschmiertem Kinn wies Anthony auf Karon, einige Spritzer zäher Flüssigkeit besprenkelten den grauen Boden, segelten auch geradewegs auf die Füße des Assassinen, wo sie die Krallen in blutige Reißzähne verwandelten.

Beginn Band 2

Es kam ihm vor, als hätte er in seinem Leben noch nichts anderes als die schattenhaften Illusionen seiner von Schmerzen geprägten Albträume wahrgenommen, dementsprechend schwer fiel seinen Augen die Reaktivierung. Eine Suppe aus verschwimmenden Details, gewürzt mit dem Tanz funkelnder Sterne auf seiner Netzhaut, angeschmiegt an den rot pulsierenden Schleier, der als Nebenwirkung der stechenden Kopfschmerzen auftrat. Dazwischen huschten verschwommene Gestalten in der Suppe her, dunstige Mitesser, die sich allerdings hinter einem Vorhang unscharfer Konturen geschickt zu verbergen wussten.
Es dauerte eine unendlich erscheinende Weile, in der die Bewegungen der Gestalten immer hektischer wurden, sie scheinbar mehr erwarteten als lediglich heftiges Blinzeln seinerseits, bis dem Feuerwerk endlich die Sprengkörper ausgingen. Der Krieger der Worte wusste jedoch nicht, ob es ratsam war, die wilden Träume einer Begegnung mit denjenigen vorzuziehen, die offensichtlich die Fäden hinter dieser ganzen Entführung gesponnen hatten.
Wie er erschrocken bemerkte, hatte sich sein Gedächtnis hinter geschlossenen Lidern einige Zeit zu nehmen, die Sammlung seiner Erinnerungen zu einem Sinn ergebenden Bild zu kartieren. Er war der Krieger der Worte, Held der Wortklans, Bezwinger der Sprachlosen, Erlöser der Unterdrückten, Anführer eines Volkes und zudem Ehemann und stolzer Vater zweier manchmal zu jugendlichem Widerstand neigender Söhne. Er war aufgrund eines Traumes, dessen Ähnlichkeit mit einer Vision zu überwältigend gewesen war, um unbeachtet zu bleiben, nach Schreckenshort aufgebrochen, wo sich die Vision eines erneut offen stehenden Portals bestätigt hatte. Lange hatte er den Reizen des Dimensionstors widerstanden, hatte allerlei Schmeicheleien erdulden müssen und war schlussendlich mit Mydron belohnt worden, einem alten Bekannten, der ihn nach mühsamem Ringen niedergeschlagen hatte …
Diese Geschichte war so unglaublich, dass manch ein Erzähler Unsummen dafür hingeblättert hatte, doch das Unglaublichste war, dass er noch lebte. Zwar etwas angeschlagen und in physischen sowie psychischen Kompetenzen leicht eingeschränkt, aber am Leben.
„Wach auf, kleiner Mensch!“ Ein weiterer Schrei erklang, sowie seine Augen sich klärten und mit gleichwohl schmerzerfülltem wie finsterem Blick den Täter suchten, als scharfes Metall einen heißen, blutenden Schnitt auf seiner Wange hinterließ. Er konnte jetzt klar sehen, so stechend klar, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb, doch was seine Augen erfassten, hatte er sich nie zu sehen gewünscht.
Vor ihm, umhüllt von einer schattenverhangenen Düsternis, schwebte das in zerfetzten Hautsträhnen herabhängende Gesicht Mydrons, ein Anblick, ob dessen er seine Freude am liebsten herausgeschrien hätte. Das Äußere des Gehörnten mochte sich gewandelt haben, ob zum Besseren war ein heftig umstrittener Diskussionspunkt, doch das Gesicht war noch dasselbe, der gleiche spöttische Ausdruck lag in den blutroten Augen des Fantasielosen. Gleichwohl hatte er auch etwas Anklagendes, was angesichts dessen, dass der Krieger der Worte ihn seines Meisters, seiner beiden Diener und nicht zuletzt seiner Ehre beraubt hatte, durchaus nachvollziehbar war.
„Na endlich, du bist wach!“ Anthony öffnete den Mund, diese von ausgeprägtem Begriffsvermögen zeugende Aussage mit einer bissigen Antwort zu bedenken, doch seine Zunge verweigerte den Dienst. Wie ein Klumpen fleischiger, fauliger Masse hing sie in seinem Mund, zeigte so viel Verständnis angesichts seiner verzweifelten Versuche, sie zur Kooperation zu bewegen, wie wenn er den Gehörnten mit freundlichem Lächeln um sofortige Kapitulation gebeten hätte.
„Ich glaube, es will etwas sagen!“ Seine Augen schweiften auf der Suche nach dem Sprecher, über das Groteskum Mydrons und versuchten, mühsam um die Einstellung der Schärfe in der Ferne ringend, die gesamte Szenerie zu erfassen. Es gelang ihm nur teilweise, da sich seine Augen schwer daran taten, etwas gegen die Unschärfe der Konturen einiger Dinge zu unternehmen, doch das sich ihm erschließende Bild missfiel seiner Vorstellung einer lauschigen Umgebung.
Zunächst einmal stellte er fest, dass Boden und Himmel nahezu dieselbe Farbe aufwiesen, lediglich durch einen schmalen, pechschwarzen Horizont und leichte Variationen ihrer Nuancen differierten. Die Ebene war kahl und öde, keinerlei Pflanzen wagten es, ihre Wurzeln in die Erde zu treiben oder gar als ganze Populationen zu versuchen, dem Land etwas von seiner Leblosigkeit zu nehmen. Ebenso trist greinte der Himmel auf sie herab, nicht eine Wolke bäumte sich wie ein bockendes, von Gewitter kündendes Untier am Firmament auf, was die Unterscheidung von Himmel und Erde noch erschwerte.
Der Krieger der Worte atmete keuchend, sah sich mit einem Druck auf seiner Lunge konfrontiert, der wohl darin zu begründen war, dass seine Lungenflügel Schwierigkeiten bei der Aufgabe hatten, das bewusste Atmen wieder aufzunehmen. Oder aber selbst die Atmosphäre dieses Ortes war von einem drückenden Unheil, senkte sich wie ein schwarzes Leichentuch auf die allgemeine Stimmung, kündete vom Tod aller Freude und Hoffnung, die zu hegen man noch gepflegt hatte.
„Es scheint Interesse an unserer Welt zu hegen!“ Verärgert darüber, erneut mit einem exotischen, wissenschaftlichen Studien zu unterziehenden Tier in Vergleich gestellt zu werden, machte er sich nun auf die Suche nach dem Sprecher. Sogleich drängte sich neben dem grinsend seinen Sieg in vollen Zügen auskostenden Mydron eine weitere, nicht minder mit Hässlichkeit beschlagene Gestalt in sein Sichtfeld, deren glühende Augenbälle den Menschen einer eingehenden Musterung unterzogen.
Dieser Gehörnte war eher schmächtig, vergleichbar mit der Statur eines Sprachlosen der Stufe zwei, doch verströmte er eine nicht minder, gar noch intensivere Aura der Magie, wie nur ein professioneller Magier zu erlangen sie vermochte. Das Schicksal hatte gewöhnungsbedürftigen Humor gezeigt, das Wesen gleich mit drei Hörnern auszustatten, ansonsten mit gefährlichen Auswüchsen oder anderen zur Folter oder Angriff zu missbrauchenden Extremitäten aber eher sparsam umzugehen. So waren die Klauen und Krallen des Gehörnten verglichen mit denen des Assassinen geradezu kläglich.
„Er ist äußerst hässlich! Und du sagst, diese … Menschen müssen Partner finden, um Nachkommen hervorzubringen? Ich frage mich, wie das angesichts solcher Hässlichkeit zu bewerkstelligen ist!“ Der zynische Ton, den das Wesen dabei anschlug, löste seine Zunge aus ihrer Verankerung, schüttelte den Staub aus ihrem Getriebe und hauchte dem fleischigen Klumpen neues Leben ein, um verständliche Laute zu bilden.
„Heute schon mal einen Blick in den Spiegel geworfen, Heuchler?“ Seine Stimme war kratzig, kaum mehr als schwer zu verstehendes Raspeln, was Bände darüber erzählte, wie es während seiner Ohnmacht um seine Versorgung mit Nahrung und Wasser gestanden hatte. Aber was konnte er von Wesen, deren Körperöffnungen mit grauer Haut verwachsen waren, und die ihn mit unverkennbarem wissenschaftlichem Interesse und Belustigung im Blick musterten, wie es das mit den drei Hörnern gerade tat, schon groß erwarten?
„Es kann sprechen? Interessant! Erzähl mir doch etwas aus der Welt der Menschen! Vielleicht darf ich das Ding in seinem Mund untersuchen! Was meint ihr?“ Der Krieger der Worte presste die Lippen aufeinander, denn der belustigte Gesichtsausdruck des Assassinen verriet, dass er von dieser Vorstellung nicht abgeneigt war. Dass seine Lippen dadurch weiß hervortraten und den Protest unterstrichen, welchen er der Entfernung diverser seiner Körperteile entgegenbrachte, schien das Wesen mit den drei Hörnern nur in neue Höhen wissenschaftlicher Ekstase zu katapultieren.
„Es gefällt mir, oh ja, es ist wundervoll! Dürfen wir es behalten?“
„Wir sollten es einfach töten!“ Ein Schauer kroch über seinen Rücken, einerseits wegen der deutlichen Äußerung, wie sehr seine Anwesenheit geschätzt wurde, andererseits wegen des schaurigen Klangs der Stimme, der makabre Bilder des Sprechers in die Köpfe der Hörenden pinselte. Seine Augen wanderten vom Dreihörnigen zu einer korpulenten Gestalt, die sich etwas hinter Mydron am Grau des Himmels und der Erde abzeichnete.
Der Gehörnte war gigantisch. Er musste allein den Krieger der Worte um das Doppelte überragen, und das war nichts im Vergleich zur Masse der Muskeln, welche sich unter der zum Zerreißen gespannt scheinenden, grauen Haut ungeduldig zu regen schien. Auf seiner bulligen Stirn zeichneten sich gleich zwei prächtige Hornpaare ab, und die geballten Fäuste, auf welchen er sein immenses Körpergewicht abzufangen versuchte, mussten den Durchmesser von Anthonys Brustkorb haben. Es stand außer Zweifel, dass ein einziger Hieb jener gewaltigen Pranken ausreichen würde, ihn kilometerweit ziellos durch die Luft trudeln zu lassen.
„Was ist das?“ Das Monstrum knurrte, das Spiel der Muskeln unter seiner Haut stieß finstere Verwünschungen aus, als es einen donnernden Schritt auf ihn zumachte, die gefurchte Stirn zerrte an der festen Verankerung der Hörner, verlieh ihnen tanzendes Leben. Der Krieger der Worte wollte instinktiv zurückweichen, doch am kläglichen Scheitern dieses Versuchs registrierte er zum ersten Mal, seit seine fünf Sinne und sein Verstand ihre Tätigkeit wieder entfacht hatten, dass er angekettet war.
Ein eiserner Pfahl war in die Erde getrieben worden, vermutlich von einer Faust des Monsters höchstpersönlich, denn nicht zu einem Wank ließ er sich ob der größten Anstrengungen des Menschen bewegen. An den Pfahl waren seine Ketten angegossen, je ein Paar für die Gelenke an seinen Händen und Füßen.
Als er sich der Sinnlosigkeit hinter seinen verzweifelten Versuchen gewahr wurde, erschlafften seine Bemühungen, hingen leblos wie ein Sack Kartoffeln in den Ketten, bis er schließlich den Kopf hob und dem zugewachsenen Grinsen des Assassinen begegnete.
„Das ist Karon, Krieger der Worte! Und mir will nicht scheinen, dass er nicht sonderlich Freude an dir hegt!“ Das als Karon bezeichnete Monster von einem Gehörnten knurrte erneut, aus der Art seiner Äußerung ging die Beschränkung hervor, welche zugunsten seiner körperlichen Vorteile seinen geistigen Fähigkeiten auferlegt worden war.
„Kann ich von mir auch nicht unbedingt behaupten!“ Er seufzte und unternahm noch einen letzten Versuch, sich unter der Aufbringung seiner letzten Kräfte aus den Ketten herauszuwinden, bevor er die Vollkommenheit jenes bindenden Eisens bestätigt und sich endgültig in Gefangenschaft sah.
„Es hat keinen Zweck, kleiner Mensch! Die Ketten sind aus demselben Eisen wie die Waffen meiner Krieger, mit welchen du schon so oft Bekanntschaft gemacht hast. Und der Pfahl ist von Karon persönlich in die Erde getrieben worden!“
„Das heißt, du kommst nicht weg!“ Verärgert über diese Naivität, die in der einfachen Wahl dieser Worte mitschwang und sich ihres Intellekts derart überlegen zu fühlen schien, drehte der Krieger der Worte den Kopf und benetzte den Boden vor Karon mit einem Klumpen schleimiger Spucke.
„Darauf wäre ich nie gekommen, du Genie! Bist wirklich ein helles Köpfchen, wir sollten dich als Laterne verkaufen!“ Der gigantische, gleich vierfach Gehörnte ließ ein tiefes Grollen aus seinen Gedanken aufsteigen und machte einige donnernde Schritte auf ihn zu, die selbst den Boden unter seinen angeketteten Füßen schwankend verunsicherten. Gewiss hätte ihn eine jener von ihm mit Furcht betrachteten Fäuste zu Brei verarbeitet, hätte Mydron, dessen Einfluss gar so weit reichte, ein Monster wie dieses unter in seine Fittiche zu nehmen, nicht handwedelnd etwas dagegen gehabt.
„Beruhige dein erhitztes Gemüt, Reueloser! Der Meister möchte sich persönlich um den Menschen kümmern! Und du kennst die Konsequenzen, sollte er verärgert werden!“ Besagter Meister musste wahrlich mächtig sein, dass er gar einem Gehörnten wie Karon ein Winseln und die lammfromme Befolgung sämtlicher erteilter Befehle zu entlocken wusste. Sein überraschender Aufenthalt in dieser Welt gestaltete sich mit jeder verstreichenden Sekunde ungesunder angesichts des Grolls, der ihm hier offensichtlich in Massen entgegengebracht wurde.
„V… von welchem Meister genau sprechen wir?“
„Von einem, dessen Gnade du es verdankst, überhaupt noch am Leben zu sein!“
„Jetzt wo du es erwähnst! Warum bin ich überhaupt noch am Leben? Deine messerscharfe Klinge ist doch herabgefahren …“
„… und erzielt wohl kaum ihre tödliche Wirkung, wenn lediglich der Knauf eingesetzt wird!“ Der Assassine grinste ob der Erkenntnis, die wie ein feuerroter Sonnenaufgang im Gesicht des Kriegers der Worte dämmerte, und begann, an einer knitterigen Stelle an einem seiner Flügel herumzustreichen. „Ja, ich habe dich mit dem Knauf niedergeschlagen, dich deiner Ausrüstung beraubt und dich hierher verschleppt, wie es der Meister befohlen hat!“ Seine glühenden Augen verengten und näherten sich dem Gesicht des Menschen. „Ich vermag mir gar nicht auszumalen, welch schreckliche Folter du zu erdulden haben wirst!“
„Ah ja, sehr schön! Dass du mich mit dem Knauf niedergeschlagen hast, erklärt zumindest die Kopfschmerzen!“
„Kopfschmerzen? Was ist das?“
„Ach, egal! Apropos …“ Anthony sah an sich herab, betrachtete seine alltägliche Kleidung, das von Flecken und dem grauen Staub dieser Welt gepflasterte Wams, die in Fetzen an seinen Beinen herabhängende Hose, zerrissen von allerlei Schnitten während des Kampfes. Diese und die Ärmel seines Wamses, unter welchen sich wohl auf die Hitze zurückzuführende Schweißflecken gebildet hatten, waren hochgekrempelt worden, dass seine Gelenke von den Kettengliedern hatten umschlossen werden können. „Wo ist meine Ausrüstung jetzt?“
„Sie schmort im Bauch des Vulkans vor sich hin, vermutlich neben der Leiche Tallarons!“ Die kochende Hitze in seinem Inneren gedeihender Wut stachelte seine Muskeln zur Äußerung seines Unmuts an, und der Assassine wich instinktiv einen Schritt vor dem wie wild an seinen Ketten zerrenden Menschen zurück.
„Verdammter Bastard!“ Der Krieger der Worte erwartete beinahe jeden Moment, dass das kreischende Quietschen sich aus ihren Verankerungen lösender Ketten seine Ohren zum Klingeln brachte, doch auch dieser Hoffnungsschimmer ertrank im Ozean der kalten Realität. Nach einigen Herzschlägen wutentbrannten Reißens und Ausstoßens derbster Flüche fingen seine ohnehin geschundenen Gelenke ob des beißenden Metalls zu protestieren an und seine Bemühungen begannen abzuebben.
Karon grunzte. „Er ist süß!“ Diese deutliche Äußerung, welch geringe Meinung der Gehörnte von seinen Fähigkeiten hatte, wusste der Mensch nur mit einem ermatteten, leisen Knurren zu würdigen, was dem Assassinen ein gedanklich lautes Lachen entlockte.
„Nur fürchte ich, wird der Meister dir nicht erlauben, mit ihm zu spielen!“ Wieder näherten sich die blutroten Augenbälle dem Gesicht des Kriegers der Worte, eine solch verdreckte, eingesunkene Fratze von Unterernährung zeugender Züge, dass die Auswirkung seiner mangelhaften Ernährung sogar ihm selbst nicht zu entgehen vermochte. „Der Meister würde doch so gerne noch einige Worte mit unserem Gast wechseln!“
„Gast? Wohl kaum!“ Der Mangel an klarem, im Moment so köstlich erscheinendem Wasser, dessen kühler Schwall seine Kehle hinabrann und seinen Gaumen benetzte, machte sich in der kratzigen Art seiner Äußerung immer deutlicher bemerkbar. „Was wollt ihr von mir?“
„Selbst wenn ich es wüsste, meine Lippen blieben verschlossen!“ Das Gesicht des Assassinen entfernte sich wieder, die Augen richteten sich mit scheinbar hohem Interesse auf einen Punkt außerhalb des Gesichtsfeldes des Menschen. „Das war ein Scherz! Als wären meine Lippen jemals nicht verschlossen gewesen!“ Der Dreihörnige begann zu gackern, selbst Karon versuchte in Form hervorgewürgter Grunzlaute seine Belustigung zu äußern, doch jegliches Gelächter erstarb, als der Funken sprühende Blick Mydrons es im Keim erstickte.
„Du entführst mich, ohne den genauen Grund für dein Handeln zu kennen? An solch kleingeistigen Handlungen lässt sich immer wieder gut eure Herkunft nachvollziehen!“ Die Stille, die dem Gelächter gefolgt war, wurde nach diesen Worten von Spannung geschwängert, einer von finsteren Blicken geprägten Spannung, welche sich plötzlich im raschen Aufblitzen eines Dolches entlud. Anthony keuchte auf vor Schmerz, als auch seine andere Wange plötzlich von Blut benetzt wurde, das aus einem quer über sein Gesicht gezogenen Schnitt quoll. Es setzte seinen kriechenden Weg eifrig fort und begann von seinem Kinn auf den Boden zu tropfen.
„Ich habe dich entführt, weil der Meister es befohlen hat! Welche Grausamkeiten er an dir zu verüben vermag, weiß ich weder noch kann ich es mir ansatzweise ausmalen! Nur hoffe ich, dass ich dir zusehen darf bei deinem Leiden!“ Eine Blutspur fand ihren vernetzten Weg zu seinen Lippen, schien sich zwischen den Fransen festsetzen und bitteren Geschmack in seinen Gaumen flößen zu wollen, was der Krieger der Worte durch Ausspucken vor die Füße des Assassinen zu verhindern wusste.
Lange Zeit breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus, ein zumindest in seinen Augen mehr niedergeschlagenes denn vor Spannung knisterndes Schweigen, das nur gelegentlich durch das Knirschen über den staubigen Boden schleifender Krallen unterbrochen wurde. Während dieser Zeit widmete sich der Mensch einer eingehenden Musterung des Spuckeklumpens vor ihm auf dem Boden, dessen interessante Komposition aus gleichermaßen blutigen und klebrigen Anteilen etwas magisch Anziehendes zu haben schien. Schließlich verscheuchte seine Neugier jedoch die Stille, und er wies mit schwachem Nicken auf Karon und den Dreihörnigen.
„Wer sind die?“ Mydron, irritiert durch den Unterbruch des Schweigens, verengte die Augenbälle.
„Wie, wer sind die?“
„Ich meine, was sind die?“
„Ach so!“ Ein bösartiges Lächeln zog an den verwachsenen Zügen des Gehörnten, als habe er nur darauf gewartet, diese Frage zu empfangen. „Nun, einerseits sind sie bescheuert!“ Der Assassine ignorierte das finstere Grummeln, das seiner Bemerkung antwortete, und breitete stattdessen die Flügel aus, um jegliche Zweifel ob seiner Vormachtstellung in dieser Runde zu vertreiben. „Aber um deiner Frage gerecht zu werden, sie sind die Anführer zweier der drei Völker der Altvorderen!“
„Der Altvorderen?“
„Du hast nicht die geringste Ahnung, oder?“
„Wie sollte ich, wenn meine Hand- und Fußgelenke an einen Pfahl gekettet sind, pochende Kopfschmerzen meine Sinne beeinträchtigen und mir lediglich mit keineswegs komischen Bemerkungen auf meine ernst gemeinten Fragen geantwortet wird?“
„Ich dachte, dein göttliches Blut verschaffe dir gewisses … Wissen!“
„Dann setzt du zu viele Erwartungen in mein göttliches Blut! Also, wer oder was sind diese Altvorderen?“
„Die Altvorderen … die Vorfahren der Sprachlosen, die drei mächtigen fantasielosen Völker, die Träger unserer Macht, List und Zauberkraft!“ Mydron wies mit einer Klaue auf das Wesen mit der pulsierenden Aura und den drei Hörnern, das sein Interesse an dem Menschen trotz dessen Missmut darüber einfach nicht zu zügeln wusste. „Das ist Gorgoron. Er ist der Anführer der Fantasielosen, das altvordere Volk der Gehörnten, in dessen Adern gewissermaßen schwarze Magie zirkuliert! Gewiss ist deinem Gespür nicht die Aura entgangen, deren Intensität Magiekundigen als Leuchtfeuer erscheinen muss!“
„Freut mich, dich kennenzulernen!“ Der grinsende Fantasielose streckte dem Krieger der Worte eine kümmerliche Klauenhand entgegen, die er allerdings auch nicht geschüttelt hätte, wenn seine Ketten dies zugelassen hätten.
„Kann ich von mir nicht behaupten! Nimm deine Griffel weg, sonst sehe ich mich gezwungen, erneut zu spucken!“ Die Hand zuckte zurück, als habe der Speichel des Menschen eine ätzende Wirkung, und der gleichermaßen beleidigte wie angewiderte Gesichtsausdruck Gorgorons zeigte seine Abscheu vor den Körperflüssigkeiten des Gefangenen.
„Nimm dich in Acht, der spuckwütige Mensch hat auch mich schon mehrmals beglückt!“ Mydron schmunzelte ob der sich ihm bietenden Szene. „Nun, wie bereits erwähnt, die Fantasielosen sind Schwarzmagier erster Klasse, tödlicher als jeder Sprachlose der Stufe zwei, gerissener als jeder dritte Sprachlose. Nur leider erweisen sie sich als recht aufmüpfig, und es kostet mich massenhaft mentale Energie, sie unter meinen Fittichen zu halten!“ Ein finsterer, bedeutungsschwangerer Blick wurde zwischen den beiden Gehörnten ausgetauscht, eine erzählte Geschichte, die von allerlei Feindseligkeiten und ausgefochtenen Kämpfen um die Herrschaft zu berichten wusste.
„Interessant! Und was ist mit dem dort?“ Mit blutverschmiertem Kinn wies Anthony auf Karon, einige Spritzer zäher Flüssigkeit besprenkelten den grauen Boden, segelten auch geradewegs auf die Füße des Assassinen, wo sie die Krallen in blutige Reißzähne verwandelten.

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