Science Fiction & Fantasy

Hüter der Sprache

Christian Gutte

Hüter der Sprache

Die Chroniken der Wortklans - Band 1

Leseprobe:

Prolog
(vor 18 Jahren, in der Welt der Sprachlosen)

Der Titan regte sich in der ewigen Dunkelheit seines Gefängnisses. Er spürte, wie sich eine mächtige Präsenz erst einige Kilometer weit weg, dann direkt vor den Toren des Zellentraktes, materialisierte, dessen am tiefsten liegender und finsterster Teil extra für ihn von göttlicher Hand angefertigt worden war. Genauer gesagt waren es drei Präsenzen, eine jede war dem eingekerkerten Herrscher über die ihm nicht zugängliche Welt dort draußen vertraut. Die Erste stammte zweifellos von einem seines Volkes, einem gehörnten, der Fantasielosigkeit entsprungenen Wesen, dessen Name er mit der unglaublichen Macht seines Geistes im Innersten des Gehörnten ertasten konnte.
Die zweite stammte von einem ihm noch besser vertrauten Objekt, das er selbst vor Urzeiten angefertigt hatte und dessen Macht von einem persönlichen Teil seines schwarzen Ichs stammte. Der Stab hatte durch die verdorbene Magie der Fantasie viele Dellen und Risse bekommen, doch seine Macht war noch immer ungebrochen.
Die dritte, wahrscheinlich mächtigste Präsenz erregte ihn innerlich genauso, wie sie ihn auch abschreckte. Denn ein Teil von ihr strahlte eine dermaßen hohe Konzentration an Fantasie aus, dass es den Titan, der sich wegen der vorherrschenden Dunkelheit längst nicht mehr auf seinen Sehsinn verließ, beinahe ins innere Auge stach. Der andere, viel kleinere dunkle Teil, der sich in einem Mantel verderblicher Fantasie verbarg, war ihm vertraut, denn er war genauso ein Teil von ihm wie der Stab, den der Gehörnte bei sich trug.
Der Gott, der vor so ewig langer, für einen Gott aber nur als Moment verstreichender Zeit den Titan hier eingeschlossen hatte, hatte einen Teil der Macht des Gefangenen dazu verwendet, die Schutzzauber, die sein Gefängnis versiegelten, aufrechtzuerhalten und schließlich den Teil des dunklen Titanen im Medaillon zu versenken, welcher die dritte Präsenz der Macht ausstrahlte. Er verfluchte den Tag, an dem der Schöpfer der Fantasiewelten ihn in Ketten gelegt und zu einem Dasein in ewiger Dunkelheit verdammt hatte, aus Gründen, die seinen Hass stets neuerlich nährten.
Damals hatte das verweichlichte Volk der Sprachlosen noch nicht existiert, vielmehr war der Titan in den Genuss gekommen, über einige viel mächtigere, ebenfalls hier unten eingekerkerte und somit den Sprachlosen unbekannte Völker zu herrschen. Diese Völker mochten zwar äußerlich Ähnlichkeiten mit den Gehörten aufweisen, waren aber wilder, unzivilisierter, weshalb der Titan sie so schätzte, und vor allem innerlich von dem Hass auf die Fantasie geradezu zerfressen. Und jetzt stand die Möglichkeit vor den Toren des Kerkers, nicht nur die letzten Verbliebenen dieser Völker, sondern auch ihn selbst aus dieser ihn umschmeichelnden Finsternis zu befreien.
Seine ihn seit Urzeiten zähmenden und doch noch nie rostig gewordenen Ketten knirschten, als sich der Titan gen oben reckte, wo er mit seinen geschlossenen, doch alles erspürenden Augen das Gitter erkennen konnte, das ihn vom Rest der Kerkeranlage trennte. Er spürte mit seinem die ganze Welt der Fantasielosigkeit einnehmendem Geist, wie der Sprachlose das Amulett hochhielt und dazu ansetzte, den Zauber zu sprechen, der die Entfesselung eines auf Rache sinnenden Gottes zur Folge hätte. Die Entfesselung seiner Rache.
Die Zeit, die sich in dem Gefängnis ausdehnte wie eine zähe Flüssigkeit, mochte zwar seine beiden glühenden Augäpfel und auch den Rest seiner körperlichen Sinne in Mitleidenschaft gezogen haben, war aber für die Förderung seiner Geistesstärke und die Intensität seiner Meditation, die machtvolle schwarze Magie in Aussicht stellte, sehr förderlich gewesen. So hatte sich sein Geist ungeachtet magischer Barrieren mit der Zeit ausgedehnt, bis er schließlich das ganze Land der Sprachlosen, das von der unüberwindbaren Wortsuppe eingeschlossen wurde, auf einmal spüren konnte.
Er hatte Kriege zwischen den verschiedenen Sprachlosenarmeen miterlebt, den Aufstieg und Niedergang mächtiger Gehörnter, ja selbst ein Stück einer anderen Welt hatte er gespürt, als es ihm vor längerer Zeit gelungen war, mithilfe seiner Willenskraft ein Portal in die Welt der Wörter zu erschaffen, in welcher sich der Schlüssel zu seiner Befreiung befunden hatte. Den Willen, dieses Amulett unbedingt in diese Welt schaffen, in den Kopf des Sprachlosenführers Tallaron zu setzen, war schließlich nur noch eine Fingerübung gewesen.
Die meditative Zeit, deren Spanne eine ähnliche Größe wie die Zeit des Nachdenkens erreicht hatte, hatte nebenbei noch seinen Geist gestählt und ihn auf den Tag vorbereitet, an dem er in der Lage wäre, mit einem einzigen Gedanken eine ganze Armee zu vernichten. Das Einzige, was ihn in der Euphorie dieser Vorstellung störte, waren die Wächter, die der Gott zurückgelassen hatte, ihn zu bewachen. Deren uralte Macht dem Sprachlosen, der immer noch mit dem Tor beschäftigt war, schwer zu schaffen machen könnte. Seine Geisteskraft mochte zwar alles, was vor sich ging, spüren, konnte darauf aber keinen Einfluss nehmen. Das Portal und Tallaron waren eine Ausnahme gewesen, bei der er das Dimensionstor nur unter der Aufbringung seiner ganzen Kraft hatte öffnen können, doch er bezweifelte, dass er die von der Magie des Gottes erfüllten Kreaturen in seinem Zustand bezwingen konnte.
Im Gang seiner Gedanken spürte er plötzlich, wie die Schutzzauber zu schwinden begannen, und seine Hoffnung auf eine baldige Befreiung wuchs.

Mydron sah zu, wie das Symbol auf dem riesigen Steintor kurz aufleuchtete, dann wie Nebel verschwamm, sich schließlich auflöste und die beiden Torflügel sich ungehindert aufschwingen ließen. Die Schwärze dahinter drohte augenblicklich, ihn zu verschlingen, als er einen Schritt auf sie zutrat, dabei die immer noch aufklappenden, maulartigen Torflügel beobachtend. Der Stab der Stille, den er abwehrend vor sich erhoben hatte, gab ihm mit seiner Macht etwas Schutz, doch immerzu musste Mydron an die Metapher mit dem Maul denken, das jederzeit zuklappen und ihn nie mehr freigeben konnte. Zugunsten seines in der Dunkelheit gefangenen Gottes und dem Ruhm, den er bei seiner Befreiung ernten würde, überwand er seine Vorsicht und trat in das vom Lektor erschaffene Gefängnis.
Seine durch eine Assassinen-Ausbildung an die Dunkelheit gewöhnten Augen konnten die ungewöhnlich finstere Schwärze nicht durchdringen, daher musste er das vermutlich magisch bedingte Hindernis mit etwas erleuchtender Hilfe seines Stabes überwinden. Selbst die machtvolle schwarze Magie konnte die Schatten nur wenige Meter weit verscheuchen, daher nutzte Mydron das Potenzial des Stabes noch mehr aus und verstärkte den Lichtzauber. Schlagartig, als hätte es eine Explosion gegeben, weitete sich das Licht aus, bis es schließlich die ganze Höhle erfüllte. Der Assassine, der sich noch nicht so richtig an die gewaltige Macht der Waffe in seinen Händen gewöhnt hatte, zuckte kurz zusammen, bevor er sich die Höhle genauer besehen konnte.
Erst meinte er, in einer Sackgasse gelandet zu sein, dann entdeckte er an einem Ende der Höhle einen Gang, der selbst für das Licht des Stabes zu weit weg und damit in Dunkelheit gehüllt war. Schon wollte er, sich dabei misstrauisch umblickend, weil er meinte, etwas vernommen zu haben, sich zu dem Durchgang begeben, als er an der Wand daneben schwach leuchtende Lettern in einer ihm unbekannten Sprache entdeckte. Für zusätzliche Informationen dankbar griff er erneut auf die Macht des Stabes der Stille zurück und murmelte eine Formel, die er bis zur Berührung mit der Waffe nicht gekannt hatte. Die Lettern veränderten sich daraufhin zwar nicht an der Wand, wohl aber vor der Netzhaut seiner Glutaugen, falls die glühenden Bälle unter den zugewachsenen Augenlidern denn eine Netzhaut besaßen. Jedenfalls konnte er den Text nun lesen, als wäre er in einer ihm bekannten Schrift verfasst.
Es stellte sich als eine Warnung heraus, deren spürbare Macht die Bestätigung der Wahrheit der Worte war und die ihm einen Schauer über den grauen Rücken laufen ließ:

Dem Überwinder der Schutzzauber vor diesem Kerker wird das Lob des Erschaffers dieser und der anderen Welten ausgesprochen. Sollte er durch Zufall mithilfe des Amuletts hier hineingelangt sein, so wird ihm empfohlen, so schnell wie möglich das Weite zu suchen, denn in der Tiefe dieses Gefängnisses lauern Kreaturen jenseits aller Fantasie. Doch sollte er mit Absicht und dem Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten hier eingedrungen sein, so sollen diese Worte eine Warnung an den Narren sein, der glaubt, die Wächter der hier unten Gefangenen überwinden zu können.
Die Forderung dieser Warnung sollte unbedingt befolgt werden, doch im Falle einer Missachtung sei dem Eindringling gesagt, dass er mit der Überwindung jeglicher weiterer Schutzzauber und der Wächter möglicherweise das Ende des Universums in der Fantasie einläutet.

Mydron schnaubte angesichts dieses kläglichen Versuchs, seinen Willen auf die Befreiung seines Meisters zu brechen. Glaubte der Lektor tatsächlich, mithilfe leerer Worte und ausdrucksloser Drohungen ließe sich ein Sprachloser seines Kalibers, der zudem mit dem legendären Stab der Stille ausgestattet war, von seinem Vorhaben abbringen? Sollten in den Tiefen des Kerkers tatsächlich noch Wächter umherschleichen, so würde er ihnen mit seiner schwarzen Magie ein schnelles Ende bereiten.
Der Warnung einen letzten, verächtlichen Blick zuwerfend, begab er sich zu dem Durchgang, erhellte ihn mit dem Licht seines Stabes, warf einen letzten Blick auf den erleichternde Weite anbietenden Höhlenausgang und machte sich schließlich an den Abstieg auf dem glücklicherweise nur leicht abfallenden Weg. Vielleicht täuschte er sich, doch das Tageslicht hatte von hier drinnen viel matter ausgesehen, als es ihm vor seinem Eindringen in den Kerker erschienen war.
Der Felsengang war so schmucklos, wie es sich für einen Gang gehörte, der zur Zelle einer urgefährlichen Kreatur führte, die wohl keinerlei Sinn für Innenausstattung hatte. Entsprechend langweilig empfand er seinen Abstieg, nur ein wenig durch den neben ihm wandernden, stetig größer und kleiner werdenden Schatten seiner selbst, erzeugt durch das Licht des Stabes.
Nach einer kleinen, von nervösen Blicken Mydrons auf seinen Schatten erfüllten Weile, weil dieser mit seinen synchronen Bewegungen immer wieder den Angreifer-Reflex des Gehörnten anregte, meinte er, vor sich ein schwaches Licht ausmachen zu können und löschte vorsichtshalber dasjenige seines Stabes. Gab es hier unten noch Wächter, wie die Warnung behauptete, so wollte er wenigstens das Überraschungsmoment auf seiner Seite haben.
Das konstante Leuchten stellte sich nicht als Lichtquelle für etwaige Wächter, sondern als ein einzelner Kristall in der Wand heraus, dessen Kraft zu Leuchten wohl magischen Ursprungs sein musste, denn außer ihm gab es hier unten nichts, was ihn beleuchten könnte. Mydron verdrehte die Augen, was man wegen deren einheitlicher Farbe, orange, nicht sehen konnte, und fügte den schwachen Versuchen des Kristalls, die Dunkelheit zu vertreiben, das Licht seines Stabes hinzu. Dieses brach sich hundertfach in dem kristallinen Gebilde und warf tanzende Flecken an die Wände, die auch den Schatten des Gehörnten löcherten.
Dank des zusätzlichen Lichts konnte er nun erkennen, dass der Kristall in einer Wand steckte, die die Trennwand zweier Gänge war, die abgesehen von dem Gang, den er hierhergenommen hatte, die einzigen waren, die von dieser Höhle wegführten. Bang wurde ihm bewusst, dass er sich entscheiden musste, wollte er seine Ungeduld, endlich den Ruhm durch die Befreiung des Titanen zu ernten, befriedigen. Also wandte er sich spontan nach rechts.
Bereits wenige Minuten nach seiner Entscheidung bereute er diese, denn der Weg wurde plötzlich holprig, war von Steinen, Rissen und Stalagmiten übersäht und erschwerte sein Vorankommen deutlich. Außerdem schien die Dunkelheit hier noch erdrückender zu sein als in anderen Teilen des Höhlensystems, denn das Licht seines Stabes reichte plötzlich nur noch halb so weit wie vorhin. Er meinte schon, mit dem stur geradeaus führenden rechten Gang die falsche Wahl getroffen zu haben und wollte umkehren, als er vor sich ein Licht erblickte; ähnlich dem schwachen Leuchten des Kristalls an der Kreuzung, was ihn dazu bewegte, seinen Weg unbeirrt fortzusetzen.
Tatsächlich stammte das Licht von einem Kristall, der eine weitere Kreuzung mit zwei identischen, in verschiedene Richtungen wegführenden Gängen markierte. Mydron stockte, als er das Gebilde an der Wand erblickte, nachdem sich das Licht seines Stabes darin gebrochen und sowohl die Höhle als auch den Kristall hell erleuchtet hatte. Er kramte in seinem Gedächtnis nach der Form und dem Aussehen des Kristalls an der letzten Kreuzung, die er sich im Falle einer Verirrung vorsichtshalber genauestens eingeprägt hatte. Dann verglich er das Bild in seinem Kopf mit dem Gebilde vor sich. Seine Wahrnehmung hatte ihn nicht getäuscht. Diese kristalline Ausgeburt der Erde hatte genau dieselbe Form wie sein Geschwister an der vorherigen Kreuzung, doch die Chance eines solchen Falles war viel zu klein, um auf einem solch kleinen Gebiet aufzutreten.
Das konnte nur bedeuten, dass er tatsächlich die falsche Entscheidung getroffen und der gewählte Gang eine scharfe, von ihm unbemerkte Rechtskurve eingeschlagen hatte, die ihn bis zurück zur Kreuzung im Kreis geführt hatte. Er drehte sich einer Bestätigung halber um, erstarrte aber, als der Anblick gänzlich von seinen Erwartungen abwich. Sowohl der Gang, den er vom Eingang hierhergenommen hatte, als auch den, den er eben verlassen hatte, waren verschwunden und einer kalten, ausdruckslosen Steinwand gewichen, deren Muster aus Rissen ihn böse anzugrinsen schien. Die Warnung am Eingang vor weiteren Schutzzaubern drängte sich in sein Gedächtnis, doch er dachte nicht daran, sich davon aus dem Konzept bringen zu lassen.
Da er keine andere Wahl hatte und der rechte Gang jetzt wahrscheinlich in einer Sackgasse mündete, deren Rückweg sich möglicherweise erneut veränderte, wenn er ihn anschlug, nahm er die linke Verzweigung. Diese stellte sich aber als kein bisschen besser heraus als der rechte Weg. Die Hindernisse in Form von Steinen und Auswüchsen aus dem Fels warfen sich ihm geradezu auf Schritt und Tritt in den Weg, die Dunkelheit schien mit jedem weiteren Schritt ein wenig mehr die Oberhand zu gewinnen. Mydron versuchte zwar, etwaige Kurven im Gang zu erkennen, fand aber auf seiner Suche keine Wand und ging daher einfach geradeaus, da er sonst womöglich in Gefahr lief, aus Versehen umzukehren und zurück zur Kreuzung zu gehen.
Enttäuschung machte sich in ihm breit, als nach einiger Zeit das schwache, aber konstante Leuchten des identischen Kristalls erschien, dessen Beharrlichkeit ihn zu verspotten schien. Nur etwas hatte sich verändert, als er ein weiteres Mal an derselben Kreuzung ankam: Die beiden Durchgänge waren verschwunden, nichts deutete auf ihre ehemalige Existenz hin.
Rasch drehte sich Mydron um und schoss auf den eben passierten Durchgang zu, prallte aber, sich dabei einen pochenden Schädel zuziehend, an einer Felswand ab und strauchelte beinahe. Fluchend rieb sich der Gehörnte die schmerzende Stelle zwischen seinem Hörnerpaar, sah sich verzweifelt in der Höhle um, konnte aber keinen weiteren oder neuen Durchgang entdecken, nur kantigen, grauen Fels. Er war gefangen, noch bevor er überhaupt zu seinem Meister durchgedrungen war, noch bevor er den Kerker überhaupt richtig betreten hatte. Das konnte, musste alles nur eine Illusion sein. Was für Spielchen spielte der Lektor mit ihm?
Seiner Wut freien Lauf lassend stieß er einen gedanklich lauten, widerhallenden Schrei aus und feuerte aus der Spitze des Stabes der Stille einen schwarzen Blitz ab, der knisternd durch die Höhle rauschte und sie einen Moment mit schwarzer Energie erfüllte. Das Geschoss prallte an einer Wand ab, verfehlte knapp den rechten Arm des Assassinen, prallte erneut ab und traf dann den Kristall, dessen Licht der schwarzen Magie des Blitzes nichts entgegenzusetzen wusste. In einer Explosion aus Kristallscherben und Gesteinssplittern wurde das kristalline Gebilde gesprengt wie eine ergiebige Ader in einem Erzbergwerk, nur eine hauchdünne, kristalline Schicht und einen Rußfleck zurücklassend.
Mydron wurde durch die Druckwelle der Explosion umgeworfen, war danach aber wieder schnell genug bei Sinnen, um zu sehen, wie die für undurchdringlich gehaltene Steinwand plötzlich flackerte und einen neuen, bisher durch die Illusion geschützten Gang freigab. Auch der Gang, der ihm vom Eingang hierhergeführt hatte, war wieder da, nur die beiden Abzweigungen, die wohl beide ebenfalls Illusionen gewesen waren, blieben verschwunden. Rasch, als befürchtete er, sein Sieg sei nur von kurzer Dauer, machte sich der Gehörnte daran, diese verfluchte Höhle zu verlassen, um nun hoffentlich auf dem richtigen Weg seine Reise fortzusetzen.
Schon bald darauf kam er in eine weitere Höhle, die deutlich größer war als ihre Vorgängerin und, zu seinem Verdruss, mit Kristallen derselben Art geradezu gespickt. In der Annahme, auch diese kristallinen Gebilde seien Ursprünge von die Sinne verwirrenden Illusionen, feuerte er gleich mehrere vor schwarzer Magie strotzende Zauber ab, die viele der Kristalle sprengten und den Gehörnten in einen Regen aus Splittern tauchten. Dieser beachtete die kleinen Risse auf seiner grauen Haut hinterlassenden Stücke nicht, ebenso wenig den gleichfarbigen Staub, der aus den Wunden rieselte und den Boden in eine graue Winterlandschaft tauchte.
Er hatte seine glühenden Augen gespannt auf die wegen der Größe der Höhle und dem etwas kleineren Lichtradius seines Stabes nur schwach beleuchteten Wände gerichtet, in der Hoffnung, eine Veränderung in der ausgangslosen Höhle zu erkennen. Es veränderte sich so wenig, dass es spannender gewesen wäre, seinen rasch verheilenden Wunden zuzusehen. Doch anhand der Zahl der Kristalle nahm Mydron an, dass der Lektor den Eindringling verwirren wollte, weshalb er munter weiter auf die Gebilde feuerte und seinen verheilten Wunden frische hinzufügte.
Als der Boden mit Kristallsplittern, er mit Wunden und die Steinwände mit Rußflecken übersäht waren, erkannte er endlich die Unsinnigkeit seiner Tat und stellte das Feuer ein. Um nicht zu viel seines Staubes zu verlieren und nicht plötzlich an eines zu großen Staubverlustes zu sterben, schloss er seine Wunden mit der Magie des Stabes. Er sah sich mit seinen geschulten Augen aufmerksam in der Höhle um, nach weiteren Hinweisen für sein erfolgreiches Vorankommen Ausschau haltend.
Dieses Vorhaben wurde durch zweierlei Tatsachen zunichtegemacht; einerseits durch die plötzlich wie Wackelpudding vibrierenden Wände, die eine genaue Betrachtung verunmöglichten, und andererseits durch die bebende Höhle, die den Sprachlosen zu Boden warf und ihn mit herabfallenden Felsbrocken bombardierte, was er mithilfe des Stabes größtenteils abzuwehren wusste.
Nachdem sich das Ganze etwas beruhigt und sich der Staub gelegt hatte, grub sich Mydron aus dem Geröll aus und blickte sich nach der Ursache der sich plötzlich erbost sträubenden Höhle um. Was er erblickte, erinnerte ihn nur allzu stark an die vor Kurzem geschlagene Schlacht gegen die Wörter, an der sich eifrig auch Überzeugungen mit ihren riesigen Steinfäusten beteiligt hatten. Nur waren die beiden Kreaturen mindestens doppelt so breit, um ein Vielfaches älter, zog man ihre seit Urzeiten bestehende Aufgabe, den eingesperrten Titanen zu bewachen, in Betracht, und außerordentlich wütend, wie man ihren Glutaugen zu entnehmen wusste.
Diese saßen auf einem vergleichsweise viel zu kleinen, seinerseits viel zu tief sitzenden Kopf, der nur vom riesigen Buckel der Kreaturen übertroffen wurde. Sie waren annähernd so groß wie eine Überzeugung, jedoch muskulöser gebaut, konnte man ihre steinerne Konsistenz als muskulös bezeichnen, und mit Kristallen oder dem, was nach Mydrons Attacken davon übrig war, übersät. Wären nicht ihre knirschenden, erwartungsvoll geballten Fäuste und der Blick ihrer feuerroten Augen gewesen, der jeden seiner langsam sich von ihnen entfernenden Schritte verfolgte, hätte man sie für Statuen halten können.
Während seiner langsamen, bangen Flucht, stieß er plötzlich mit dem Rücken gegen eine Wand, tastete sich panisch weiter an ihr entlang, als die Kreaturen ihm mit riesigen Schritten nachsetzten. Ein Kristall, der auf einmal in seinem Sichtfeld neben ihm erschien, den er vorhin übersehen hatte und der ihn am weiteren Vorankommen hinderte, stoppte seine Flucht und zerstörte die Hoffnung, ohne einen kräftezehrenden Kampf an den Kreaturen vorbeizukommen.
Er glaubte schon, durch eine herabsausende Faust an der Wand zu Mus verarbeitet zu werden, als ihn etwas mit zwei Fingern an den Hörnern packte, ihn unter seinen protestierenden und schmerzerfüllten Schreien hochhob und sich vor das Gesicht hielt. Mydron erkannte durch den Schleier der Schmerzen, verursacht an seinen Hornansätzen, einen weiteren Steinriesen mit Kristallüberzug, der sich bis jetzt in der Wand verborgen hatte. Gleichzeitig meinte er dort, wo der Riese gekauert hatte, kein einfaches Loch in der Wand, sondern ein Durchgang zu erkennen, der offensichtlich von dem Wächter beschützt worden war. Eine teuflische Falle.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 400
ISBN: 978-3-99038-887-7
Erscheinungsdatum: 23.06.2015
EUR 18,90
EUR 11,99

Krampus & Nikolo