Cover: Hera die Pilgerin

Hera die Pilgerin


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-7116-1269-4
Erscheinungsdatum: 19.02.2026
Hera konnte nicht ahnen, wie die erste Begegnung mit einem Mann ihr Leben für immer verändern würde. An der Seite ihres treuen Begleiters Koko entdeckt sie nicht nur eine ihr fremde Welt, voller Wunder und Gefahren, sondern findet auch zu sich selbst.
Der Mann im Schiff

Die Pilgerfahrt einer Amazone signalisiert ihre Volljährigkeit. Eine erfolgreiche Pilgerfahrt endet damit, dass die Pilgerin eine neue Generation von Amazonen in sich trägt, wenn sie in ihren Clan zurückkehrt. Sollte ein Junge geboren werden, so muss dieser unverzüglich aus der Gemeinschaft entfernt werden. Die Mutter eines Jungen wird zu einer Arbeiterin degradiert und muss von nun an in Schande ihrem Clan dienen.


Buch der Pilgerin Kapitel 1 § 1.0

Ein heller Blitz schlängelt sich durch die dunklen Regenwolken.
„Scheiße. Auch das noch! Mist, ich bin doch schon fast da! Ein Zischen faucht durch den Regen. Oh nein, Koko, Mist, Mist, Mist! Das bekommen wir wieder hin.“ Der kleine Fuchs strauchelt hin und her. Die dicken Regentropfen verdampfen auf seiner braunen Metallhaut. Die zwei kleinen Schornsteine, die in seinen Ohren versteckt sind, stoßen dicken, pechschwarzen Rauch aus. Beschwerlich geht er immer langsamer auf sie zu. Das Zischen wird lauter, bis der Fuchs mit seinem letzten Lebensfunken vor ihren Füßen stehen bleibt und zu ihr hinaufschaut. „Oh nein. Die Reinigung und das neue Befeuern werden ein Vermögen kosten.“
Mit einem schweren Seufzer legt sie sich neben den Fuchs und blickt in den Himmel, der immer wieder hell aufleuchtet, gefolgt von lautem Donner. Sie schließt ihre Augen und lässt den Regen auf ihr Gesicht fallen und seufzt! „Wie damals an dem Tag, als ich dich zum ersten Mal sah.“ Ihre Blicke wandern zu dem Fuchs rüber, der starr neben ihr steht, er zischt immer noch leicht im Inneren. „Wo du wohl jetzt bist? Ob du dich überhaupt an mich erinnerst?“ Sie umklammert eine kleine Schraube, die an einer Kette um ihren Hals hängt. Ihr Blick wandert wieder Richtung Himmel. „Ach, damals war alles viel leichter.“ Sie schließt ihre Augen erneut.

Ein Jahr zuvor.
„Hera. Hera! Komm rein, es wird gleich regnen. Dieses Kind macht mich verrückt.“
„Ach, bleib ruhig. Sie ist schon alt genug, um gegen Regen anzukämpfen!“
Die zwei Frauen fangen an zu lachen.
„Du wirst wohl recht haben.“
„Ich bereite die Mahlzeit schon mal vor. Was machst du da eigentlich?“
Eine Dame mit rotem, lang gelocktem Haar und tiefblauen Augen wendet sich von dem Fenster ab, wo nun dicke Regentropfen auf die Scheibe klatschen. Sie geht zu einem Tisch, der in der Mitte des Raumes steht. Dort sitzt eine mindestens zehn Jahre jüngere Frau mit kurzen schwarzen Haaren, einem spitz zulaufenden Gesicht und dunklen Augen. Sie trägt eine Art-Metall-Hut, der mehrere Lupen über ihr linkes Auge wirft. Beide Frauen tragen die übliche Amazonenkleidung, ein ärmelloses Korsett, das aus dunkelbraunem Leder besteht, dazu einen langen grünen Rock, der hinten fast bis zum Boden hängt und von vorne leicht über die Knie geht. Dazu tragen sie lange dunkle Stiefel mit Absatz. Auf der rechten oberen Handfläche tragen sie dieselbe Tätowierung: eine Schraube, die im Inneren einen Stern prägt und in alle Himmelsrichtungen ihre Spitzen streckt. Auf dem gesamten Tisch ist goldenfarbiges Werkzeug verteilt, die Frau, die am Tisch sitzt, scheint an etwas zu arbeiten.
„Das ist für Hera. Sie hat doch bald ihre Pilgerreise. Ich will ihr mit diesem Geschenk etwas helfen, dass der Weg nicht zu anstrengend für sie wird. Du weißt doch, sie ist unser Sensibelchen in der Familie Aiko.“
Die ältere Frau schaut etwas böse zu ihr über den Tisch und sagt mit einer ernsteren Stimme.
„Sandra, da muss sie durch. Sie ist bald volljährig. Uns hat auch niemand geholfen, oder? Ihr jüngeren Amazonen wollt immer, dass es einfacher wird und die alten Tugenden verändern. Seit Generationen macht die Familie Aiko es immer auf dieselbe Art und es hat funktioniert. Der letzte Junge, der in die Familie geboren wurde, ist schon 100 Jahre her. Hera wird daran nichts ändern, auch wenn sie etwas sanfter ist als andere.“
Sandras Blick wird traurig und wandert nach unten.
„Lass mich wenigstens das für Hera machen, ok? Wenn ich ihr schon keine Schwester schenken konnte! Wir sind immerhin auch beide für sie verantwortlich und das ist das Einzige, was ich für sie tun kann. Ich weiß, du magst keine Technik, aber lass mich das für sie machen, Tamara.“ Die ältere Frau kniet sich neben sie und umklammert sanft ihre Hand.
„So war das nicht gemeint, Sandra. Verzeih mir. Kann ich dir vielleicht helfen?“
„Oh bitte nicht! Du machst alles nur durcheinander!“
Sie fangen an zu lachen, als ein heller Blitz durch das Zimmer geht, gefolgt von einem lauten Donner, der beide zusammenzucken lässt. Sandra schaut nun doch besorgt zum Fenster, wo sie kaum noch hinausschauen kann, vom starken Regen „Sie wird schon gleich nach Hause kommen!“
Ein junges Mädchen, nicht älter als siebzehn Jahre, liegt angelehnt an einen Baum. Sie hat schulterlanges, gelocktes, rotes Haar und strahlend hellblaue Augen, die ihr junges, unschuldiges Gesicht schmücken. Auch sie trägt die typische Amazonenkleidung. Mähdampfmaschinen bearbeiten Stück für Stück große Bäume, die mit einem lauten Knatschen zu Boden fallen. Sie studiert aufmerksam ein Buch, das den Titel trägt: Buch der Pilgerin. Erst als Regentropfen auf die Seiten herabfallen, merkt sie, dass es angefangen hat zu regnen. Sie springt auf. „Mist! Ich muss schnell die Mähdampfmaschinen abschalten!“ Sie rennt so schnell, wie sie kann, zu der ersten Maschine, übersieht aber den rutschigen Baumstumpf. Ihre Beine verlassen den festen Boden und wandern Richtung Himmel. So schnell, wie sie rennt, so schnell liegt sie auf dem Rücken. „Aua, das zieht.“ Vor Schmerzen krümmend, dreht sie ihren Kopf zur Seite und sieht, wie die Mähdampfmaschinen immer langsamer werden und mit einem lauten Zischen ausgehen. „Doppelmist! Das bedeutet, morgen den ganzen Tag Kessel schrubben und trocknen.“ Als sie an sich herabschaut, kann sie sehen, wie schmutzig ihr grünen Rock geworden ist. “Dreifachmist! Das wird Mutter Tamara gar nicht gefallen.“ Mit einem tiefen Seufzer lässt sie sich nach hinten fallen, sodass der Regen in ihr Gesicht prasselt. Im Geiste geht sie ihre Optionen durch, wie sie heil aus der Sache herauskommt. „Mutter Sandra wird mir schon helfen. Sie hilft mir einfach immer.“ Ein weißes Licht zuckt durch ihre geschlossenen Augenlider, gefolgt von einem lauten Knall. Ihr ist sofort klar, dass der Knall kein Donner gewesen sein kann. Als sie ihre Augen wieder öffnet und den Regen, der sich wie eine kleine Pfütze auf ihrem Gesicht gebildet hat, wegwischt, sieht sie ein großes graues Objekt am Himmel vorbeiziehen. Es sieht aus wie ein großer, ovaler Ballon, der einen Feuerschweif hinter sich herzieht. „Ein Flugschiff? Ja, das muss eins sein, murmelt sie vor sich her. „Es scheint, als ob es vom Blitz getroffen worden ist.“ Das Feuer breitet sich immer weiter auf dem Schiff aus und es verliert schnell an Höhe. Das junge Mädchen springt auf und rennt dem Schiff hinterher. Sie rennt ihm mindestens zehn Minuten nach, als ein weiterer Knall ertönt, gefolgt von einer dicken, schwarzen Rauchwolke. Das Flugschiff zerschellt 100 Meter vor ihr in einem kleinen Tal. Abrupt bleibt sie stehen und überlegt, ob sie vielleicht umkehren und ihren Müttern davon erzählen soll, aber ein lauter Schrei reißt sie aus ihren panischen Gedanken. „Kapitän? Wo seid ihr?“ Sie nähert sich dem Flugschiff vorsichtig, das an mehreren Stellen auseinandergerissen wurde und brennt. Durch die dicken Regentropfen und den dichten Rauch kann sie eine Silhouette erkennen, die sich schwerfällig auf den Beinen halten kann. Sie folgt der Person unauffällig in einen Teil des Flugschiffs, der noch intakt scheint. Brennende Blätter und dichter Rauch erschweren ihr die Sicht. Schiffsteile liegen kreuz und quer herum. „Das Schiff muss auf der Seite liegen“, denkt sie sich, da sie über viele Paneele und Rohre steigen muss. Schotten sind über ihrem Kopf. Nach einer Zeit stoppt die Person vor ihr und fällt neben eine Gestalt, die auf dem Boden liegt, zu Boden. „Ihr dummer Narr! Ich habe euch gesagt, wir sollten den Sturm umfliegen. Aber ihr wart ja zu stolz, um auf einen jungen Kerl zu hören. Das habt ihr nun davon!“ Als sie versucht, unauffällig näher zu kommen, zerspringt eine Glasscheibe unter ihren Füßen, die mit einem lauten Knacken in mehrere Stücke bricht. Ein junger Mann dreht sich sofort um und zieht einen Revolver aus seinem Ärmel. Er schaut das junge Mädchen verwundert an. Sie kann die Person nun deutlich erkennen. Vor ihr steht ein junger Mann, höchstens 25 Jahre alt. Er hat kurze braune Haare, ein sehr markantes Gesicht mit leichtem Drei-Tage-Bart und große, smaragdgrüne Augen. Bekleidet ist er mit einem dicken, dunklen Mantel aus feinem Leder, der ihm über die Knie ragt. Über den Mantel ist eine Scherpe gestreift, die voll mit Werkzeug bestückt ist, das sie noch nie gesehen hat. Er ist durchzogen von Ruß und Öl. Sie greift automatisch nach ihrer Dampfpistole, die sie an ihrer Hüfte trägt, und richtet sie auf den Fremden. Beide stehen nun mit gezogenen Waffen gegenüber und blicken sich angespannt an. Keiner sagt etwas oder bewegt sich. Die Stille wird nur durch den Regen unterbrochen, der von außen auf das Flugschiff fällt, gefolgt von einzelnen Donnerschlägen. Nach einer Weile unterbricht der Fremde die Stille.
„Nun gut, wie lange wollen wir denn jetzt noch uns anschweigen? Mir tut langsam das Bein etwas weh.“
Sie schaut an ihm herunter und sieht, dass ein Metallstück sein linkes Bein durchbohrt. Blut fließt aus der Wunde.Ich sehe schon, die Dame macht auf schüchtern, also fang ich mal an. Mein Name ist Tiberius Glen. Ich will dir nichts Böses. So, jetzt bist du dran, in Ordnung?“
Er zeigt mit offener Hand nach ihr.
„Jetzt du?“ Er schaut sie fragend an.
Sie starrt ihn an und bekommt keinen Ton heraus. In Gedanken wird sie panisch.
„Ist das ein Mann? Ich habe nur Säuglinge gesehen, die männlich waren. Warum ist er so groß? Warum hat er so viele Haare im Gesicht? Was trägt er da für Werkzeug? Soll ich ihn lieber erschießen? Das ist ein Mann!“
Tiberius merkt recht schnell, dass sie mit der Situation überfordert ist.
„Mhh, so kommen wir hier nicht weiter. Ich nehme jetzt meine Waffe runter, ok?“
Ein lauter Knall lässt das Mädchen zusammenzucken.
Verwundert schaut sie an sich herab. Blut strömt aus ihrem Bauch. Instinktiv presst sie ihre Hände gegen die Wunde, ihr Blick wandert zu ihm. „Du bist ein Mann!“ Kurz darauf bricht sie zusammen.
„Wo bin ich? Mutter Tamara? Ist es denn schon in der Früh?“ Das junge Mädchen öffnet ihre Augen. Sie schaut in helle Sonnenstrahlen, die durch die Löcher in der Metalldecke hineinscheinen. Der Raum selbst ist nicht besonders groß, überall liegen Blätter mit Bauplänen. Neben ihr liegen Männerklamotten auf dem zusammengebrochenen Bett herum, in dem sie liegt. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie sich wieder an alles erinnert. Voller Schock will sie aufspringen, doch ein starker Schmerz durchzieht ihren Bauch. Erst jetzt bemerkt sie, dass jemand sie zugedeckt hat. Als sie die Decke von sich schmeißt, um nachzuschauen, warum sie solche Schmerzen hat, bemerkt sie, dass sie kein Oberteil mehr trägt. Eine große Wunde schmückt ihren rechten unteren Bauch. Sie greift automatisch zur Wunde und verzieht schmerzerfüllt ihr Gesicht. Sie sieht sich um und entdeckt ihr Korsett schön gefaltet neben sich. Hektisch zieht sie sich an, als kurze Zeit darauf Tiberius den Raum betritt.
„Na, Schlafmütze, bist du endlich wach? Ich habe schon gedacht, du schaffst es nicht. Musste dich in einem brennenden Flugschiff mit kaum Ausrüstung wieder zusammenflicken! Ja, ab und zu übertreffe ich mich schon selbst.“
Sofort will sie sich nach hinten von ihm wegziehen, knallt aber mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Sie schaut den Mann von oben bis unten an und denkt sich: „Arrogantes Arschloch!“ In diesem Moment wird ihr klar, dass er ihr Oberteil ausgezogen haben muss. Ihr Gesicht färbt sich knallrot. Tiberius bemerkt das und lächelt. Er trägt ein Tablett, das mit einem Stück Brot und Tee gedeckt ist. Er geht auf sie zu und beugt sich langsam und vorsichtig zu ihr herunter. Sie zieht sich leicht in die Ecke des Bettes.
„Du bist nicht die erste Frau, die ich nackt gesehen habe. Also bleib locker. Oder soll ich dich das nächste Mal draufgehen lassen?“
Sie schnappt hungrig nach dem Stück Brot.
„Du hast auf mich geschossen und du bist auch nicht der erste Mann, den ich sehe!“
„Oh nein, so schlecht habe ich noch nie gelogen. Das hat er bestimmt gemerkt,“ denkt sie sich und beißt in das Brot. Es ist trocken und schon hart an der Kruste. Mit einem Grinsen schaut er zu ihr „Schau an, die Dame kann sprechen! Ich habe nicht auf dich geschossen. Neben dir ist ein Rohr hochgegangen und du hast was abbekommen. Eigentlich habe ich dich gerettet, aber nichts zu danken. Du bist eine Amazone, wenn ich mich nicht ganz irre? Die Tätowierung an deiner rechten Hand ist die deiner Familie, oder?“ Er beobachtet ihre Reaktion „Wie alt bist du? Du warst wohl noch nicht auf deiner Pilgerfahrt, oder?“ Sie schaut voller Scham auf den Boden. „Habe ich mir gedacht, das bedeutet, dass wir weit vom Kurs abgekommen sind.“
Tiberius steht wieder auf und geht im Zimmer nachdenklich auf und ab.
„Ach ja, hier ein Andenken an mich.“ Er schmeißt ihr eine kleine Schraube aus Bronze zu. „Die habe ich mühsam aus dir herausgeholt. Versuch aufzustehen. Aber langsam, du hast 2 Tage durchgeschlafen.“
„Zwei Tage! Warum sagst du das nicht gleich. Ich muss sofort heim. Meine Mütter sind bestimmt krank vor Sorge.“
Sie kämpft sich aus dem Bett. Dabei merkt sie, wie leicht ihr Oberteil verrutschen kann und wie Tiberius scheinbar sehr amüsiert sie anschaut. „Schau weg!“
„Glaub mir, das habe ich alles schon gesehen.“
„Du Schwein!“ Mit starken Schmerzen geht sie Richtung Tür, sie will gerade hinaus, als sie kurz innehält. Sie dreht sich nochmal zu ihm um.
„Hera Aiko, das ist mein Name, danke dir.“
Sie ist selbst überrascht, warum sie das gesagt hat „Freut mich, dich kennenzulernen, Hera.“
Erwiderte Tiberius, der sich auf das Bett geworfen hat, eine Pfeife aus seinem Mantel holt und diese genüsslich raucht. Hera mustert ihn nochmal gründlich und geht hinaus.

Sie läuft voller Schmerzen stundenlang wieder nach Hause. Sie kann nicht ganz fassen, was passiert ist. „Er ist ein Mann! So ganz in Echt! Habe ich jetzt gegen den Kodex verstoßen? Habe ich meinen Müttern Schande gebracht? Nein, Hera! Du konntest nichts dafür! Ich sag einfach Tamara und Sandra nichts.“ In diesem Moment blieb sie stehen und machte einen lauten Seufzer. „Mist, was erzähl ich den beiden?“ In der Ferne kann sie schon ihr Zuhause sehen. Es ist ein kleines Dorf, Einstöckige, runde Hütten sind um einen Platz aufgebaut, beschützt von einer kleinen Dorfmauer aus Holzpfählen. Es leben rund 100 Amazonen darin. Sie zuckt zusammen, als ein Knacken neben ihr ertönt. Als sie sich zu dem Geräusch umdreht, sieht sie Lucia. Eine hübsche Blondine mit langen, gelockten Haaren, die ihr über die Hüfte gehen, sie steht gute 15 Meter neben Hera. Lucia ist im gleichen Alter wie sie selbst und die einzige Amazone, die mit ihr die Pilgerfahrt in einem Jahr beginnen wird. Lucia ist eher eine ruhige Genossin, sie vermeidet Kontakt zu anderen, aber ist fasziniert von allem, was mit Technik und Dampf zu tun hat.
„Hallo Lucia. Hey, ich rede mit dir!“
Lucia kümmert sich nicht um die Rufe von Hera und geht weiter Richtung Dorf.
„He Lucia, schau doch mal die Schraube, die ich gefunden hab“
Mit einem Ruck dreht Lucia sich zu Hera um. Mit hartem Gang geht sie schnurstracks auf sie zu, was Hera plötzlich überrumpelt und merkt, wie sie 2 Schritte zurückweicht.
„Was für eine? Zeig sie mir!“
Hera nimmt die Schraube aus ihrer Tasche, die Tiberius aus ihrem Bauch holte, und zeigte sie Lucia.
„Woher hast du die? Gibt es da noch mehr von?“
„Mhh, habe ich gefunden und ja, da gibt es noch mehr von. Ich könnte dir welche mitbringen, aber dafür musst du auch was für mich machen.“
Lucia starrt auf die Schraube, die Hera in der Hand hält.
„Ok, und das wäre?“
„Komm mit mir nach Hause und erzähl meinen Müttern, dass wir unterwegs waren, um …“
Hera überlegte scharf nach.
„In Ordnung. Lucia drehte sich wieder zackig Richtung Dorf um Ich rede, du bist still.“ zischt Lucia voraus.
Hera überlegte nicht lange und folgte ihr. Zuhause angekommen, merkte Hera, wie nervös sie ist. Sie spielt alles im Kopf durch, von heulenden Augen bis Schläge. Mit Herzklopfen öffnete sie die Eingangstür und tritt in die Stube. Es ist alles schön aufgeräumt. Der Dampfherd schmort gerade Fleisch. Tamara und Sandra sitzen gemeinsam am Tisch. Beide haben rote Augen und schmutzige Stiefel. Sie sehen aus, als ob sie die letzten Tage durch Dreck und Geröll gelaufen sein mussten. Als Erstes springt Sandra auf und rennt zu Hera. „Sehr gut, erst Mutter Sandra. Keine Schläge als Erstes“. Sandra umarmte Hera so stark, dass man Angst haben musste, dass sie ihr die Rippen bricht. Sandra flüstert Hera ins Ohr. „Ich wusste, dass du wieder kommst! Ich kenne doch meine Hera. Aber jetzt mach dich auf Haue gefasst.“ Hera ist den Tränen nah. Nicht, weil sie so gerührt war, sondern weil sie die Schmerzen der Wunde am Bauch, ohne das Gesicht zu verziehen, ertragen muss. Kaum war Sandra von ihr ab, stand auch Tamara schon vor ihr. Sie wollte gerade ausholen, als Lucia hinter ihr stand.
„Dies ist nicht nötig, Miss Aiko. Hera und ich waren für unsere Pilgerfahrt Trainieren und lernen. Haben Sie meine Nachricht nicht erhalten? Sie sollte mit einem Postballon eigentlich vor …“
Hektisch ergänzt Hera „Zwei Tagen“
„Genau zwei Tage bei Ihnen angekommen sein“
Tamara senkte die Hand und schaut sehr unglaubwürdig die beiden an. „Bestimmt hat der schwere Sturm ihn zum Absturz gebracht!“ Ergänzte Hera noch schnell und musste ein bisschen schmunzeln, da ja wirklich ein Ballon abgestürzt ist. „Was Tiberius wohl jetzt allein macht?“, fragte sie sich auf einmal und muss dran denken, wie allein er jetzt in dem kaputten Schiff sein muss. Sie wird aus den Gedanken gerissen, als sie eine Umarmung spürt. „Du dummes Kind! Wenn dir was passieren würde, wüsste ich nicht, was ich machen soll!“ Das war das erste Mal, dass sie Tamara mit Tränen in den Augen sieht, und ihr wird bewusst, wie sehr ihre Mütter sie lieben. Hera ist den Tränen nah. „Das ist mir zu viel Drama. Hera, du bist in der Bringschuld!“ Lucia drehte sich um und verlässt das Haus. Die Tage verstreichen und Hera muss immer wieder an Tiberius denken. Es vergeht eine Woche, als sie den Entschluss fasst, nachzuschauen, ob er noch dort ist. Sie will aber nicht mit leeren Händen gehen und so steht sie vor dem Dampfherd und bereitet ein Mahl zu.
„Was denn mit dir, Hera? Du kochst sonst nie.“ Sandra stellt sich hinter Hera. „Lass mal probieren.“ Sie nimmt einen Löffel und schlürfte ein wenig von der Soße. Ihr Gesicht verzieht sich auf Anhieb. „Was ist das? Soll das Schmiermittel für mein Werkzeug werden?“ Lachend streichelte sie ihr über den Kopf. „Hast du schon mal was über Salzkohle gehört? Soll alles retten können.“
„Du musst es ja nicht essen! Wobei es eh besser wäre, wenn du weniger isst!“
Schnauzt Hera zurück.
„Touché, meine Liebe.“
Beide fangen herzhaft an zu lachen. „Nein, Spaß zur Seite! Wenn du keinen damit umbringen willst oder Schrauben polieren magst, hau da Salzkohle rein.“ Hera öffnete den Schrank und kippte ordentlich von dem Salz in den Kessel. Sie machte ihren Rucksack fertig und verlässt das Haus.
„Du schuldest mir noch was!“
Hera erschreckt. Neben der Tür steht Lucia.
„Standest du den ganzen Tag da?“
„Irrelevant, du schuldest mir Schrauben.“
„Ja, die bekommst du heute Abend. Versprochen.“
Hera ist die Situation sehr unangenehm und sie macht einen schnellen Schritt nach vorne, ihr Blick Richtung Absturzstelle. Nach einem langen Fußmarsch findet sie das Flugschiff genau da, wo sie es das letzte Mal verlassen hat. Lautes Hämmern und Schweißen ertönt neben dem kaputten Flugschiff. Tiberius baut gerade ein neues Schiff aus den Resten. Es ist ein kleineres Schiff und bietet nur Platz für eine Person. Hera beobachtet ihn eine Zeit lang, ohne dass er sie bemerkt, als dicke Regentropfen in ihr Haar fallen, macht sie sich bemerkbar. Als Tiberius sie bemerkt, kommt er mit erhobenen Armen auf sie zu.
5 Sterne
HERA Die PILGERIN - 08.08.2026
Irene Ullrich-Kroh

Das Buch ist sehr gut und unterhaltsam geschrieben. Koko ist mir besonders ans Herz gewachsen. Für ein Erstlingswerk sehr gelungen. Hoffentlich folgen noch weitere Erzählungen.

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