Gabriels Geschichten
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-7116-0188-9
Erscheinungsdatum: 23.01.2025
Träume hat jeder, doch nicht jeder kann sie erleben. Doch was, wenn sich der anfängliche Traum als tödlicher Albtraum entpuppt und alles anders kommt? Denn als sich Gabriels Träume zu erfüllen scheinen, muss er sich ihnen stellen – oder darin umkommen.
Teil 1: Blitzsuperhelden
Prolog
Es war ein warmer Frühlingstag. Die Sonne schien vom Himmel und verursachte eine angenehme Wärme auf der Haut. Gabriel stand auf dem Schulhof der Grundschule und überwachte das Spielen der jungen Schüler. Ein leises Lächeln huschte ihm über das Gesicht. Ja, anfangs war sein Praktikum hier sehr unangenehm für ihn gewesen. Ein notwendiges Übel, wenn man auf die Fachoberschule gehen wollte. Aber inzwischen genoss er die Arbeit in der anderen Schule in vollen Zügen. Es machte Spaß, mit den Kindern zu sprechen, ihnen manchmal sogar Extrawissen zu vermitteln und ihnen im Schulalltag zu helfen. Aber auch die anderen Arbeiten hier waren sehr vielseitig, weshalb es nie langweilig wurde, auch wenn das Praktikum häufig anstrengend war. Aber was wäre das Leben schon, wenn alles einfach wäre? Außerdem: Bald hatte er sowieso Feierabend. Jetzt musste Gabriel nur noch auf die Schüler der Nachmittagsbetreuung aufpassen, dann konnte er seine Freizeit genießen. Endlich. Auch, wenn er seine Arbeit hier liebte, die Aufsicht draußen auf dem Schulhof war eine ganz eigene Art von Herausforderung: Hier musste man stur die Kinder im Auge behalten, keine Abwechslung, die meiste Zeit einfach nur aufmerksam sein. Es half alles nichts, da musste er durch.
Mit der Hand strich Gabriel sich seine dunkelblonden Haare aus der Stirn und schob die Brille auf seiner Nase etwas weiter in Richtung Nasenwurzel.
Mit einem Mal bemerkte er, wie ein kleines Mädchen ihn schüchtern ansah. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er freundlich.
„Ich dachte, du könntest uns vielleicht eine Geschichte erzählen“, sagte das Mädchen leise.
„Jetzt?“, wollte Gabriel wissen. Das Mädchen nickte.
Gabriel warf einen Blick auf die anderen Grundschüler. Wenn er sich irgendwo hinsetzen und gleichzeitig die spielenden Kinder im Auge behalten konnte… Da, einige Meter entfernt, stand eine kleine Bank. Perfekt! Von hier aus konnte er seine Pflichten als Aufsichtsperson fortführen und gleichzeitig erzählen.
Apropos erzählen: Was eigentlich? Vielleicht ein Märchen? Die kinderfreundlichen kannten die Grundschüler wahrscheinlich alle schon. Eine erfundene Geschichte? Da würde er sich wahrscheinlich irgendetwas Sinnloses zusammenreimen. Vielleicht… Aber… Also gut. Gabriel schloss kurz die Augen. Wenn er diese Geschichte richtig erzählte, würde sie genau das bleiben, was sie war: eine Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger. So würde sie auch im Gedächtnis der Schüler bleiben. Gabriel blickte zu dem kleinen Mädchen hinab. „Wer will denn alles eine Geschichte hören?“
„Ich und ein paar andere Kinder“, antwortete die Kleine.
„Okay“, meinte Gabriel. „Dann sag deinen Freunden, sie sollen mitkommen. Ich setze mich da hinten auf die Bank. Am besten holt ihr euch ein paar Sitzkissen. Die Geschichte, die ich euch erzählen werde, ist ein bisschen lang.“
„Ist es eine Zauberergeschichte?“, fragte das kleine Mädchen begeistert.
„Ja, ist es“, sagte Gabriel lächelnd. „Und nun ab mit dir. Je eher ihr vor mir sitzt, desto eher kann ich mit dem Erzählen anfangen.“
Eine halbe Minute später saß Gabriel auf seiner Bank ungefähr sieben Grundschülern gegenüber. Er staunte. Dass so viele Kinder eine Geschichte hören wollten, hätte er nicht vermutet. Er blickte in die Gesichter, die alle erwartungsvoll zu ihm aufsahen, und begann…
Kapitel 1: Wie es begann…
Vor langer, langer Zeit, als das Geheimnis der Magie noch nicht verschwunden war, und es noch wahre Magier gab, bildete sich ein Orden von Zauberern, die es sich zum Ziel gemacht hatten, die Welt vor dem Bösen zu schützen. Sie nannten sich zuerst Thororden, weil sie Elektrizität nutzen konnten, vor allem die Macht von Blitzen, was sie dem alten Donnergott Thor ähneln ließ, der mit seinem Donnerkeil in der Mythologie Blitz und Donner auf seine Feinde warf. Durch ihre Gaben konnten die Magier beindruckende Magie freisetzen und wurden von ihren Verbündeten verehrt und ihren Feinden gefürchtet.
Nicht jeder konnte Mitglied dieses Magierordens werden. Jeder mögliche neue Zauberschüler wurde einer langen Reihe von Prüfungen unterzogen, die sein Herz auf Reinheit testen sollten. Nur wer bei höchstens zwei Prüfungen versagte, wurde aufgenommen. Es wurde nicht verlangt, ein wahrhaft fehlerfreier Mensch zu sein. Aber man sollte mit seinem Herzen und Willen auf der guten Seite stehen und anderen helfen. Selbstsucht, Rachgier und Ähnliches hatten in diesem Orden keinen Platz.
Dann kam die Zeit der Hexenverbrennungen. Viele Zauberer wurden geschnappt und hingerichtet, und so verschwanden zahlreiche Magierorden für immer. Nur der Thororden schaffte es, dieses schlimme Zeitalter zu überstehen, wahrscheinlich, weil die Magier die Gefahr durch die Inquisitoren frühzeitig erkannt und sich rechtzeitig in den Untergrund zurückgezogen hatten. Seitdem traten nur gelegentlich einzelne Zauberer in der Öffentlichkeit auf, wo sie zu Legenden wurden. Merlin, der Lehrmeister des legendären König Artus, war ein ehemaliges Mitglied des Thorordens gewesen, der seine Magie weitergebildet hatte.
So ging es mehrere Jahrhunderte gut. Die Magie geriet in Vergessenheit, doch der Magierorden blieb im Verborgenen bestehen. Sein Name änderte sich im Laufe der Zeit von Thororden zu Blitzmagier-Orden zu Blitzorden zu Blitzsuperheldenorden (dieser Name entstand durch das Erscheinen der ersten Comic-Superhelden) und schlussendlich zu den Blitzsuperhelden. Unter diesem Namen existierte die Magier-Gemeinschaft zwanzig Jahre lang. Bis dann der Tag kam, an dem zu viel Ehrgeiz den Orden erst spaltete und dann endgültig vernichtete. Ein einzelner Magier wandte sich gegen seine ehemaligen Kameraden. Er wollte Veränderungen, wünschte sich, dass der Orden sich der Welt zu erkennen gab und die Magier ihrer wahren Bestimmung folgten: als Herrscher der Menschheit. Seine Ideologie fand Anhänger, neunzehn der vierzig anderen Magier wurden ihm hörig. Doch der Rest des Ordens hielt an den alten Lehren fest, die besagten, dass der Orden ein Geheimnis für die Menschheit bleiben sollte und die Magier selbst nur Phantome in der Weltgeschichte. Weil der damalige Ordensleiter aufseiten der konservativen Zauberer stand, wurde nichts geändert. Bald erkannte der Abtrünnige, dass Worte nichts ändern würden. So schmiedete er einen teuflischen Plan: Während einer Versammlung zückten er und seine Anhänger plötzlich ihre Schwerter und gingen auf die anderen Magier los. Ein Kampf entbrannte. Die Aufständischen waren dem Rest des Ordens durch den Überraschungseffekt vollkommen überlegen, doch gelang es den anderen Magiern sich zu verteidigen und ihre Gegner mit dem Mut der Verzweiflung zurückzudrängen. Schließlich standen sich der Anführer des Ordens und der Anführer der Abtrünnigen Auge in Auge gegenüber, beide bereits geschwächt aber entschlossen, für ihre Sache zu kämpfen. Lange Minuten kämpften sie, wobei keiner von ihnen wirklich die Oberhand gewann. Am Ende gelang es dem Abtrünnigen seinen Kontrahenten zu entwaffnen. Während dieser auf den endgültigen Hieb wartete, sah er, wie ein junger Magier, der auf seiner Seite gestanden hatte, sein Schwert aufhob und sich auf den Abtrünnigen werfen wollte. Doch er schüttelte den Kopf und rief: „Gib dieses Schwert einer würdigen Person! Das Schicksal des Ordens wird in ihrer Hand liegen!“ Als sein Gegner zum letzten Schlag ausholte, schrie er dem Abtrünnigen entgegen: „So mögest du eins werden mit der Dunkelheit, die du in dein Herz gelassen hast!“
In diesem Moment schlug der Aufständische zu. Noch während die Schwertspitze in den Anführer drang, löste sich ein Blitz aus dessen Hand und traf seinen Mörder mit voller Wucht in die Brust. Dieser merkte nicht, wie seine Kleider langsam dunkel wurden, sodass sie aussahen, als wären sie aus Finsternis gemacht. Die Dunkelheit kroch über ihn, bedeckte alles an ihm. Er schrie auf, als sie seine Haut berührte. Rauchschwaden stiegen auf. Seine Hände rauchten, als wären sie aus Kohlen. Schwärze breitete sich über sie aus und verwandelte sie, bis sie wie verdichteter Rauch aussahen. Doch damit war der Fluch noch nicht am Ende. Auch sein Gesicht machte dieselbe Verwandlung durch.
Der junge Magier, der das Schwert seines Anführers aufgehoben hatte, erkannte mit Schrecken, dass der Abtrünnige sich äußerlich in das Monster verwandelt hatte, das er innerlich schon gewesen war. Das Gesicht des Dunklen war aus verdichtetem Rauch geschaffen, wobei man die Gesichtszüge noch immer gut erkennen konnte. Auch seine Hände wirkten wie zusammengeballte Rauchwolken. Mit Entsetzen begriff der Abtrünnige. Langsam drehte er sich um, bis er dem jungen Magier gegenüberstand. „Das war nicht das letzte Mal, dass ihr mir begegnet seid!“, sagte er leise, wobei seine Stimme einen tiefen Klang angenommen hatte, als würde sie aus der Hölle kommen. Er drehte sich weg und lief mit schnellen Schritten davon.
Der junge Magier blinzelte und versuchte, das eben Geschehene zu begreifen. Langsam blickte er um sich. Von den Abtrünnigen waren die meisten getötet worden. Die restlichen Anhänger des Bösen waren wahrscheinlich wie ihr Anführer geflohen. Von den anderen Magiern hatten außer ihm zwei den Kampf überlebt.
Der junge Magier legte das Schwert des Anführers auf den Boden und blickte zu seinen beiden Kameraden. „Ich werde einen Menschen finden, der dieses Schwert hier tragen kann“, sagte er.
Die beiden anderen nickten. „Ich werde einen Ort finden, wo der Orden von Neuem beginnen kann“, verkündete einer von ihnen.
„Und ich werde Verbündete finden“, sagte der andere. Sie zückten ihre Schwerter und nickten einander zu. „So werden sich unsere Wege fürs Erste trennen“, stellte der junge Magier fest.
„Doch nicht für immer“, erwiderte der zweite Zauberer. „Wir werden Mittel und Wege finden, den Orden wieder aufzurichten.“
„Sobald wir unsere Aufgaben erledigt haben, werden sich unsere Wege wieder zu einem vereinigen“, endete der dritte Magier.
„So möge unser Licht nie verblassen und das Feuer in unserem Inneren nie erlöschen!“, sprach der junge Zauberer jene Worte aus, die das Motto der Blitzsuperhelden bildeten.
„So möge unsere Magie uns schützen“, sagte der zweite Magier.
„Was auch immer geschehen mag: Möge das Gute in uns Fortbestand haben, möge es uns leiten und auf den richtigen Pfad führen“, sprach der dritte Zauberer und beendete so den Leitspruch der Blitzsuperhelden.
„Es sei!“, sagten alle drei Magier gleichzeitig, wandten sich voneinander ab und gingen jeder seiner Wege.
Kapitel 1: Folge mir!
Fünf Jahre später…
(Gabriel begann natürlich erst hier mit dem Erzählen, denn schließlich darf man einem Grundschüler verständlicherweise keine blutrünstigen Details berichten.)
„Es war einmal ein junger Schüler“, begann er, „der auf eine Schule wie diese hier ging. Er spielte in der Pause manchmal allein auf dem Pausenhof, doch meistens saß er einsam auf einer Bank und träumte. Er war anders als die anderen Kinder, doch damals wusste er das noch nicht. Er wusste nur, dass er von mehreren Kindern geärgert wurde, aber den Grund dafür kannte er nicht. Weil er häufig gehänselt wurde, setzte er sich oft einsam irgendwo hin, auch weil er genau wusste, dass die anderen Grundschüler ihn nicht bei ihren Spielen mitmachen lassen würden. So ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Bis dann eines Tages etwas passierte, was das Leben des Jungen für immer veränderte.“
Wir verlassen jetzt für einige Zeit Gabriel und die Grundschule, in der er sein Praktikum macht, und reisen in diese andere Schule aus der Geschichte.
„Die Pause ist aus!“, ertönte der Ruf der Lehrerin. Erleichtert stand Tom von der Bank auf und lief zu seiner Klasse. Wahrscheinlich war er der Einzige, der sich darüber freuen konnte, jetzt wieder ins Klassenzimmer gehen zu müssen. Aber das Ende der Pause bedeutete auch, dass es bis Schulschluss nicht mehr lange hin war, er also nicht mehr allzu lange in der Schule bleiben musste. Zum Glück!
Keiner seiner Mitschüler sagte etwas zu ihm, als er sich mit seiner Klasse vor der Schultüre in einer Zweierreihe aufstellte. Alle redeten miteinander, nur Tom schwieg. Worüber sollte er denn auch mit den anderen Kindern reden?
Langsam setzte seine Klasse sich in Bewegung. Immer näher kam das Klassenzimmer und mit ihm Hefteinträge und Hausaufgaben. Jeden Tag dasselbe… Und danach nach Hause, Hausaufgaben machen… und dann, nachdem alle Arbeiten getan waren, raus in den Garten und ab auf die Schaukel! Dort ließen sich so tolle Geschichten ausdenken! Besser als Fernsehen und Videospiele zusammen! Okay, das Fernsehen war vielleicht doch ein bisschen besser… aber nur ein bisschen!
Jetzt nur noch die restlichen Schulstunden mehr oder weniger aushalten und dann kam… der Nachhauseweg! Oh nein, wie hatte Tom den vergessen können! Dieser Weg war die wahre Hölle auf Erden! Nicht, dass Tom das Laufen verabscheute, das machte ihm sehr wenig aus. Aber dass Florian und Dorian auch diesen Weg liefen, das machte aus der Strecke einen wahren Spießrutenlauf. Keiner liebte es mehr, Tom zu hänseln, als diese beiden Jungen. Teufel, dachte sich Tom manchmal, seine beiden Mitschüler waren wie Teufel in Menschengestalt. Was half es da schon, dass er nach Hause rannte? Wenn man ihn verspottete, dann konnte er nicht schnell genug davonrennen. Die beiden holten ihn immer ein, schließlich war er nie der Schnellste gewesen. Wenn sie ihn dann ärgerten, wünschte Tom sich manchmal, er würde um ein paar Zentimeter wachsen und kräftiger werden. Dann würde er den beiden einheizen, und wie!
Doch leider war er, wie er war: klein, mit dunkelblondem Haar und vom Körperbau her sehr schmächtig, weder durchtrainiert noch groß.
Er wehrte sich zwar oft mit Worten, stichelte gegen Florian und Dorian zurück, aber einer gegen zwei, da hatte er nie die besten Karten gehabt. Außerdem hatte eine Situation bereits gezeigt, dass er besser sein vorlautes Mundwerk im Zaum hielt. Damals war es fast zu einem Elternstreit gekommen, weil Tom Dorian gegenüber behauptet hatte, dass selbst seine Eltern ihn für einen Dummkopf halten würden. Oh weh, was hatte es damals nur für einen Ärger gegeben… Genug, damit Tom es sich nun lieber zweimal überlegte, was er sagte. Aber, das musste er sich insgeheim eingestehen, dass Dorian ein Dummkopf war, das stimmte schon!
Der Schulgong ertönte. Jetzt hieß es für Tom sich schnell anzuziehen und loszulaufen. Je eher er aus dem Schulhaus kam, desto größer war sein Vorsprung gegenüber Florian und Dorian. Der zweite Schuh, jetzt noch die Jacke… und los ging es! Wie ein Wirbelwind sauste Tom durch das Schulhaus, vorbei an der Putzfrau, die ihm verwirrt nachblickte, einige Treppen nach oben und dann direkt durch die Schultüre nach draußen. Dort blieb Tom kurz stehen, um zu verschnaufen. Kaum war er wieder zu Atem gekommen, ging es auch schon weiter. Den Berg hinab, bis zur Ampel. Tom drehte sich um und sah Florian und Dorian, wie sie den Berg hinabstiefelten. Ausgerechnet jetzt stand die Ampel auf Rot. Ade, du schöner Friede…
„Hast wohl gedacht, du könntest uns entkommen?“, rief Florian. Tom juckte es, mit einem dummen Spruch zu kontern, doch leider fiel ihm nichts ein, was er hätte sagen können. Einfach nur warten, bis es grün wurde…
„Der Tom, der ist ein Stinkeschuh!“, sang Dorian.
„Bin ich nicht!“, rief Tom.
„Bist du doch!“, sagte Dorian. „Stinkeschuh, Stinkeschuh, Stinkeschuh!“
„Lasst mich in Ruhe!“, fauchte Tom.
„Stinkeschuh, Stinkeschuh, Stinkeschuh!“, sang Dorian weiter, Florian machte mit.
Da, endlich, erschien das grüne Männchen auf der Ampel. Ehe Florian und Dorian reagieren konnten, war Tom auch schon davongesaust. Doch er hatte vergessen, dass die beiden Jungen noch immer schneller als er waren. So rannten sie noch eine Weile neben ihm her und riefen „Stinkeschuh, Stinkeschuh!“, bis Tom endlich die Straße erreichte, die zu seinem Zuhause führte. Dort mussten Florian und Dorian einen anderen Weg nehmen als er, und Tom hatte seine Ruhe.
Als seine Mutter die Haustüre öffnete, fragte sie nur: „Haben sie dich wieder geärgert?“
Tom nickte nur und sagte nichts.
Der nächste Schultag. Noch immer drei Tage übrig. Traurig schleppte Tom sich zur Schule. Und wieder dasselbe Spiel. Tagein, tagaus, jeden Tag, solange er hier auf diese Grundschule ging. Schon seit der ersten Klasse, also schon ganze zwei Jahre lang, lief das so. Tom hatte jedes neue Schuljahr gehofft, dass die Hänseleien irgendwann enden würden, doch nun, als Drittklässler, hatte er diesen Wunsch aufgegeben. Die würden ihn nie in Ruhe lassen! Nie! Wütend schoss Tom einen Stein mit dem Fuß nach vorne. Wenn er wenigstens Freunde hätte. Vernünftige Freunde, die vernünftige Spiele mit ihm spielen würden. So zu tun, als wäre man jemand anders, das hatte Tom nie gekonnt. Er sah auch keinen Sinn in diesen Spielen. Was sollte es bringen, wenn man so tat, als wäre man ein Autorennfahrer oder ein Polizist? So verbrachte er die meiste Zeit allein mit Lesen oder Schaukeln. Beim Schaukeln konnte er sich vorstellen, dass er ein Held war, der Menschen rettete. Vor allem einen Menschen: Cordelia aus der Parallelklasse. Seit Tom sie damals in der ersten Klasse zum ersten Mal gesehen hatte, konnte er kaum die Augen von ihr lassen. Schulterlanges hellblondes Haar, blaue Augen… ein Traum! Beim Gedanken an sie wurde Tom immer leicht rot.
Ein Glitzern am Straßenrand holte Tom zurück in die Realität. Was war das? Neugierig kam er näher.
Glänzendes Metall, zu einer schlanken Klinge geschmiedet, auf der sich ein Muster von königsblauen Blitzen von der elegant geschwungenen Parierstange bis zu der Spitze erstreckte. Blaue Edelsteine zwischen Griff und Klinge, die in der Sonne funkelten wie schillernde Wassertropfen. Tom interessierte sich sehr für das Mittelalter, doch selbst ein völlig ungebildetes Kind hätte erkannt, worum es sich bei dem Ding vor ihm handelte: ein Ritterschwert! Ehrfürchtig streckte er eine Hand nach dem Griff aus.
„Sieh mal einer an!“, rief eine Stimme. Tom fuhr erschrocken herum. Hinter ihm stand ein junger Mann. Er hatte kurze schwarze Haare, die er zu einem Seitenscheitel gekämmt hatte. Seine Augen waren braun, er musterte Tom mit einem leichten Lächeln. Er trug normale Alltagskleidung: schwarze Schuhe, Jeans und einen orangen Pullover. „Wenn das mal nicht ein Junge ist, der sich für Schwerter interessiert!“
Tom nickte beschämt und senkte den Blick.
„Keine Sorge, Kleiner“, sagte der Mann. „Ich verstehe dich. Es ist ja auch ein schönes Exemplar, oder?“
Wieder nickte Tom.
Das Lächeln des Mannes wurde noch breiter. „Möchtest du es einmal halten?“, bot er Tom an. Tom riss die Augen auf, woraufhin der Mann lachte. „Also ja.“
Er packte den Schwertgriff und hob die Waffe mit Leichtigkeit auf. Dann nahm er das Schwert an der Klinge und hielt Tom den Griff hin. Zögernd legte Tom seine Hände darum.
„Vorsicht“, warnte der Fremde, „es ist sehr schwer.“ Er lockerte den Griff um die Klinge und ließ diese dann ganz los. Dann beobachtete er Tom, der ohne große Mühe das Schwert hielt. „Wow“, sagte er, „spürst du kein Gewicht?“
Tom schüttelte den Kopf. „Das fühlt sich so leicht an“, murmelte er.
...
Prolog
Es war ein warmer Frühlingstag. Die Sonne schien vom Himmel und verursachte eine angenehme Wärme auf der Haut. Gabriel stand auf dem Schulhof der Grundschule und überwachte das Spielen der jungen Schüler. Ein leises Lächeln huschte ihm über das Gesicht. Ja, anfangs war sein Praktikum hier sehr unangenehm für ihn gewesen. Ein notwendiges Übel, wenn man auf die Fachoberschule gehen wollte. Aber inzwischen genoss er die Arbeit in der anderen Schule in vollen Zügen. Es machte Spaß, mit den Kindern zu sprechen, ihnen manchmal sogar Extrawissen zu vermitteln und ihnen im Schulalltag zu helfen. Aber auch die anderen Arbeiten hier waren sehr vielseitig, weshalb es nie langweilig wurde, auch wenn das Praktikum häufig anstrengend war. Aber was wäre das Leben schon, wenn alles einfach wäre? Außerdem: Bald hatte er sowieso Feierabend. Jetzt musste Gabriel nur noch auf die Schüler der Nachmittagsbetreuung aufpassen, dann konnte er seine Freizeit genießen. Endlich. Auch, wenn er seine Arbeit hier liebte, die Aufsicht draußen auf dem Schulhof war eine ganz eigene Art von Herausforderung: Hier musste man stur die Kinder im Auge behalten, keine Abwechslung, die meiste Zeit einfach nur aufmerksam sein. Es half alles nichts, da musste er durch.
Mit der Hand strich Gabriel sich seine dunkelblonden Haare aus der Stirn und schob die Brille auf seiner Nase etwas weiter in Richtung Nasenwurzel.
Mit einem Mal bemerkte er, wie ein kleines Mädchen ihn schüchtern ansah. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er freundlich.
„Ich dachte, du könntest uns vielleicht eine Geschichte erzählen“, sagte das Mädchen leise.
„Jetzt?“, wollte Gabriel wissen. Das Mädchen nickte.
Gabriel warf einen Blick auf die anderen Grundschüler. Wenn er sich irgendwo hinsetzen und gleichzeitig die spielenden Kinder im Auge behalten konnte… Da, einige Meter entfernt, stand eine kleine Bank. Perfekt! Von hier aus konnte er seine Pflichten als Aufsichtsperson fortführen und gleichzeitig erzählen.
Apropos erzählen: Was eigentlich? Vielleicht ein Märchen? Die kinderfreundlichen kannten die Grundschüler wahrscheinlich alle schon. Eine erfundene Geschichte? Da würde er sich wahrscheinlich irgendetwas Sinnloses zusammenreimen. Vielleicht… Aber… Also gut. Gabriel schloss kurz die Augen. Wenn er diese Geschichte richtig erzählte, würde sie genau das bleiben, was sie war: eine Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger. So würde sie auch im Gedächtnis der Schüler bleiben. Gabriel blickte zu dem kleinen Mädchen hinab. „Wer will denn alles eine Geschichte hören?“
„Ich und ein paar andere Kinder“, antwortete die Kleine.
„Okay“, meinte Gabriel. „Dann sag deinen Freunden, sie sollen mitkommen. Ich setze mich da hinten auf die Bank. Am besten holt ihr euch ein paar Sitzkissen. Die Geschichte, die ich euch erzählen werde, ist ein bisschen lang.“
„Ist es eine Zauberergeschichte?“, fragte das kleine Mädchen begeistert.
„Ja, ist es“, sagte Gabriel lächelnd. „Und nun ab mit dir. Je eher ihr vor mir sitzt, desto eher kann ich mit dem Erzählen anfangen.“
Eine halbe Minute später saß Gabriel auf seiner Bank ungefähr sieben Grundschülern gegenüber. Er staunte. Dass so viele Kinder eine Geschichte hören wollten, hätte er nicht vermutet. Er blickte in die Gesichter, die alle erwartungsvoll zu ihm aufsahen, und begann…
Kapitel 1: Wie es begann…
Vor langer, langer Zeit, als das Geheimnis der Magie noch nicht verschwunden war, und es noch wahre Magier gab, bildete sich ein Orden von Zauberern, die es sich zum Ziel gemacht hatten, die Welt vor dem Bösen zu schützen. Sie nannten sich zuerst Thororden, weil sie Elektrizität nutzen konnten, vor allem die Macht von Blitzen, was sie dem alten Donnergott Thor ähneln ließ, der mit seinem Donnerkeil in der Mythologie Blitz und Donner auf seine Feinde warf. Durch ihre Gaben konnten die Magier beindruckende Magie freisetzen und wurden von ihren Verbündeten verehrt und ihren Feinden gefürchtet.
Nicht jeder konnte Mitglied dieses Magierordens werden. Jeder mögliche neue Zauberschüler wurde einer langen Reihe von Prüfungen unterzogen, die sein Herz auf Reinheit testen sollten. Nur wer bei höchstens zwei Prüfungen versagte, wurde aufgenommen. Es wurde nicht verlangt, ein wahrhaft fehlerfreier Mensch zu sein. Aber man sollte mit seinem Herzen und Willen auf der guten Seite stehen und anderen helfen. Selbstsucht, Rachgier und Ähnliches hatten in diesem Orden keinen Platz.
Dann kam die Zeit der Hexenverbrennungen. Viele Zauberer wurden geschnappt und hingerichtet, und so verschwanden zahlreiche Magierorden für immer. Nur der Thororden schaffte es, dieses schlimme Zeitalter zu überstehen, wahrscheinlich, weil die Magier die Gefahr durch die Inquisitoren frühzeitig erkannt und sich rechtzeitig in den Untergrund zurückgezogen hatten. Seitdem traten nur gelegentlich einzelne Zauberer in der Öffentlichkeit auf, wo sie zu Legenden wurden. Merlin, der Lehrmeister des legendären König Artus, war ein ehemaliges Mitglied des Thorordens gewesen, der seine Magie weitergebildet hatte.
So ging es mehrere Jahrhunderte gut. Die Magie geriet in Vergessenheit, doch der Magierorden blieb im Verborgenen bestehen. Sein Name änderte sich im Laufe der Zeit von Thororden zu Blitzmagier-Orden zu Blitzorden zu Blitzsuperheldenorden (dieser Name entstand durch das Erscheinen der ersten Comic-Superhelden) und schlussendlich zu den Blitzsuperhelden. Unter diesem Namen existierte die Magier-Gemeinschaft zwanzig Jahre lang. Bis dann der Tag kam, an dem zu viel Ehrgeiz den Orden erst spaltete und dann endgültig vernichtete. Ein einzelner Magier wandte sich gegen seine ehemaligen Kameraden. Er wollte Veränderungen, wünschte sich, dass der Orden sich der Welt zu erkennen gab und die Magier ihrer wahren Bestimmung folgten: als Herrscher der Menschheit. Seine Ideologie fand Anhänger, neunzehn der vierzig anderen Magier wurden ihm hörig. Doch der Rest des Ordens hielt an den alten Lehren fest, die besagten, dass der Orden ein Geheimnis für die Menschheit bleiben sollte und die Magier selbst nur Phantome in der Weltgeschichte. Weil der damalige Ordensleiter aufseiten der konservativen Zauberer stand, wurde nichts geändert. Bald erkannte der Abtrünnige, dass Worte nichts ändern würden. So schmiedete er einen teuflischen Plan: Während einer Versammlung zückten er und seine Anhänger plötzlich ihre Schwerter und gingen auf die anderen Magier los. Ein Kampf entbrannte. Die Aufständischen waren dem Rest des Ordens durch den Überraschungseffekt vollkommen überlegen, doch gelang es den anderen Magiern sich zu verteidigen und ihre Gegner mit dem Mut der Verzweiflung zurückzudrängen. Schließlich standen sich der Anführer des Ordens und der Anführer der Abtrünnigen Auge in Auge gegenüber, beide bereits geschwächt aber entschlossen, für ihre Sache zu kämpfen. Lange Minuten kämpften sie, wobei keiner von ihnen wirklich die Oberhand gewann. Am Ende gelang es dem Abtrünnigen seinen Kontrahenten zu entwaffnen. Während dieser auf den endgültigen Hieb wartete, sah er, wie ein junger Magier, der auf seiner Seite gestanden hatte, sein Schwert aufhob und sich auf den Abtrünnigen werfen wollte. Doch er schüttelte den Kopf und rief: „Gib dieses Schwert einer würdigen Person! Das Schicksal des Ordens wird in ihrer Hand liegen!“ Als sein Gegner zum letzten Schlag ausholte, schrie er dem Abtrünnigen entgegen: „So mögest du eins werden mit der Dunkelheit, die du in dein Herz gelassen hast!“
In diesem Moment schlug der Aufständische zu. Noch während die Schwertspitze in den Anführer drang, löste sich ein Blitz aus dessen Hand und traf seinen Mörder mit voller Wucht in die Brust. Dieser merkte nicht, wie seine Kleider langsam dunkel wurden, sodass sie aussahen, als wären sie aus Finsternis gemacht. Die Dunkelheit kroch über ihn, bedeckte alles an ihm. Er schrie auf, als sie seine Haut berührte. Rauchschwaden stiegen auf. Seine Hände rauchten, als wären sie aus Kohlen. Schwärze breitete sich über sie aus und verwandelte sie, bis sie wie verdichteter Rauch aussahen. Doch damit war der Fluch noch nicht am Ende. Auch sein Gesicht machte dieselbe Verwandlung durch.
Der junge Magier, der das Schwert seines Anführers aufgehoben hatte, erkannte mit Schrecken, dass der Abtrünnige sich äußerlich in das Monster verwandelt hatte, das er innerlich schon gewesen war. Das Gesicht des Dunklen war aus verdichtetem Rauch geschaffen, wobei man die Gesichtszüge noch immer gut erkennen konnte. Auch seine Hände wirkten wie zusammengeballte Rauchwolken. Mit Entsetzen begriff der Abtrünnige. Langsam drehte er sich um, bis er dem jungen Magier gegenüberstand. „Das war nicht das letzte Mal, dass ihr mir begegnet seid!“, sagte er leise, wobei seine Stimme einen tiefen Klang angenommen hatte, als würde sie aus der Hölle kommen. Er drehte sich weg und lief mit schnellen Schritten davon.
Der junge Magier blinzelte und versuchte, das eben Geschehene zu begreifen. Langsam blickte er um sich. Von den Abtrünnigen waren die meisten getötet worden. Die restlichen Anhänger des Bösen waren wahrscheinlich wie ihr Anführer geflohen. Von den anderen Magiern hatten außer ihm zwei den Kampf überlebt.
Der junge Magier legte das Schwert des Anführers auf den Boden und blickte zu seinen beiden Kameraden. „Ich werde einen Menschen finden, der dieses Schwert hier tragen kann“, sagte er.
Die beiden anderen nickten. „Ich werde einen Ort finden, wo der Orden von Neuem beginnen kann“, verkündete einer von ihnen.
„Und ich werde Verbündete finden“, sagte der andere. Sie zückten ihre Schwerter und nickten einander zu. „So werden sich unsere Wege fürs Erste trennen“, stellte der junge Magier fest.
„Doch nicht für immer“, erwiderte der zweite Zauberer. „Wir werden Mittel und Wege finden, den Orden wieder aufzurichten.“
„Sobald wir unsere Aufgaben erledigt haben, werden sich unsere Wege wieder zu einem vereinigen“, endete der dritte Magier.
„So möge unser Licht nie verblassen und das Feuer in unserem Inneren nie erlöschen!“, sprach der junge Zauberer jene Worte aus, die das Motto der Blitzsuperhelden bildeten.
„So möge unsere Magie uns schützen“, sagte der zweite Magier.
„Was auch immer geschehen mag: Möge das Gute in uns Fortbestand haben, möge es uns leiten und auf den richtigen Pfad führen“, sprach der dritte Zauberer und beendete so den Leitspruch der Blitzsuperhelden.
„Es sei!“, sagten alle drei Magier gleichzeitig, wandten sich voneinander ab und gingen jeder seiner Wege.
Kapitel 1: Folge mir!
Fünf Jahre später…
(Gabriel begann natürlich erst hier mit dem Erzählen, denn schließlich darf man einem Grundschüler verständlicherweise keine blutrünstigen Details berichten.)
„Es war einmal ein junger Schüler“, begann er, „der auf eine Schule wie diese hier ging. Er spielte in der Pause manchmal allein auf dem Pausenhof, doch meistens saß er einsam auf einer Bank und träumte. Er war anders als die anderen Kinder, doch damals wusste er das noch nicht. Er wusste nur, dass er von mehreren Kindern geärgert wurde, aber den Grund dafür kannte er nicht. Weil er häufig gehänselt wurde, setzte er sich oft einsam irgendwo hin, auch weil er genau wusste, dass die anderen Grundschüler ihn nicht bei ihren Spielen mitmachen lassen würden. So ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Bis dann eines Tages etwas passierte, was das Leben des Jungen für immer veränderte.“
Wir verlassen jetzt für einige Zeit Gabriel und die Grundschule, in der er sein Praktikum macht, und reisen in diese andere Schule aus der Geschichte.
„Die Pause ist aus!“, ertönte der Ruf der Lehrerin. Erleichtert stand Tom von der Bank auf und lief zu seiner Klasse. Wahrscheinlich war er der Einzige, der sich darüber freuen konnte, jetzt wieder ins Klassenzimmer gehen zu müssen. Aber das Ende der Pause bedeutete auch, dass es bis Schulschluss nicht mehr lange hin war, er also nicht mehr allzu lange in der Schule bleiben musste. Zum Glück!
Keiner seiner Mitschüler sagte etwas zu ihm, als er sich mit seiner Klasse vor der Schultüre in einer Zweierreihe aufstellte. Alle redeten miteinander, nur Tom schwieg. Worüber sollte er denn auch mit den anderen Kindern reden?
Langsam setzte seine Klasse sich in Bewegung. Immer näher kam das Klassenzimmer und mit ihm Hefteinträge und Hausaufgaben. Jeden Tag dasselbe… Und danach nach Hause, Hausaufgaben machen… und dann, nachdem alle Arbeiten getan waren, raus in den Garten und ab auf die Schaukel! Dort ließen sich so tolle Geschichten ausdenken! Besser als Fernsehen und Videospiele zusammen! Okay, das Fernsehen war vielleicht doch ein bisschen besser… aber nur ein bisschen!
Jetzt nur noch die restlichen Schulstunden mehr oder weniger aushalten und dann kam… der Nachhauseweg! Oh nein, wie hatte Tom den vergessen können! Dieser Weg war die wahre Hölle auf Erden! Nicht, dass Tom das Laufen verabscheute, das machte ihm sehr wenig aus. Aber dass Florian und Dorian auch diesen Weg liefen, das machte aus der Strecke einen wahren Spießrutenlauf. Keiner liebte es mehr, Tom zu hänseln, als diese beiden Jungen. Teufel, dachte sich Tom manchmal, seine beiden Mitschüler waren wie Teufel in Menschengestalt. Was half es da schon, dass er nach Hause rannte? Wenn man ihn verspottete, dann konnte er nicht schnell genug davonrennen. Die beiden holten ihn immer ein, schließlich war er nie der Schnellste gewesen. Wenn sie ihn dann ärgerten, wünschte Tom sich manchmal, er würde um ein paar Zentimeter wachsen und kräftiger werden. Dann würde er den beiden einheizen, und wie!
Doch leider war er, wie er war: klein, mit dunkelblondem Haar und vom Körperbau her sehr schmächtig, weder durchtrainiert noch groß.
Er wehrte sich zwar oft mit Worten, stichelte gegen Florian und Dorian zurück, aber einer gegen zwei, da hatte er nie die besten Karten gehabt. Außerdem hatte eine Situation bereits gezeigt, dass er besser sein vorlautes Mundwerk im Zaum hielt. Damals war es fast zu einem Elternstreit gekommen, weil Tom Dorian gegenüber behauptet hatte, dass selbst seine Eltern ihn für einen Dummkopf halten würden. Oh weh, was hatte es damals nur für einen Ärger gegeben… Genug, damit Tom es sich nun lieber zweimal überlegte, was er sagte. Aber, das musste er sich insgeheim eingestehen, dass Dorian ein Dummkopf war, das stimmte schon!
Der Schulgong ertönte. Jetzt hieß es für Tom sich schnell anzuziehen und loszulaufen. Je eher er aus dem Schulhaus kam, desto größer war sein Vorsprung gegenüber Florian und Dorian. Der zweite Schuh, jetzt noch die Jacke… und los ging es! Wie ein Wirbelwind sauste Tom durch das Schulhaus, vorbei an der Putzfrau, die ihm verwirrt nachblickte, einige Treppen nach oben und dann direkt durch die Schultüre nach draußen. Dort blieb Tom kurz stehen, um zu verschnaufen. Kaum war er wieder zu Atem gekommen, ging es auch schon weiter. Den Berg hinab, bis zur Ampel. Tom drehte sich um und sah Florian und Dorian, wie sie den Berg hinabstiefelten. Ausgerechnet jetzt stand die Ampel auf Rot. Ade, du schöner Friede…
„Hast wohl gedacht, du könntest uns entkommen?“, rief Florian. Tom juckte es, mit einem dummen Spruch zu kontern, doch leider fiel ihm nichts ein, was er hätte sagen können. Einfach nur warten, bis es grün wurde…
„Der Tom, der ist ein Stinkeschuh!“, sang Dorian.
„Bin ich nicht!“, rief Tom.
„Bist du doch!“, sagte Dorian. „Stinkeschuh, Stinkeschuh, Stinkeschuh!“
„Lasst mich in Ruhe!“, fauchte Tom.
„Stinkeschuh, Stinkeschuh, Stinkeschuh!“, sang Dorian weiter, Florian machte mit.
Da, endlich, erschien das grüne Männchen auf der Ampel. Ehe Florian und Dorian reagieren konnten, war Tom auch schon davongesaust. Doch er hatte vergessen, dass die beiden Jungen noch immer schneller als er waren. So rannten sie noch eine Weile neben ihm her und riefen „Stinkeschuh, Stinkeschuh!“, bis Tom endlich die Straße erreichte, die zu seinem Zuhause führte. Dort mussten Florian und Dorian einen anderen Weg nehmen als er, und Tom hatte seine Ruhe.
Als seine Mutter die Haustüre öffnete, fragte sie nur: „Haben sie dich wieder geärgert?“
Tom nickte nur und sagte nichts.
Der nächste Schultag. Noch immer drei Tage übrig. Traurig schleppte Tom sich zur Schule. Und wieder dasselbe Spiel. Tagein, tagaus, jeden Tag, solange er hier auf diese Grundschule ging. Schon seit der ersten Klasse, also schon ganze zwei Jahre lang, lief das so. Tom hatte jedes neue Schuljahr gehofft, dass die Hänseleien irgendwann enden würden, doch nun, als Drittklässler, hatte er diesen Wunsch aufgegeben. Die würden ihn nie in Ruhe lassen! Nie! Wütend schoss Tom einen Stein mit dem Fuß nach vorne. Wenn er wenigstens Freunde hätte. Vernünftige Freunde, die vernünftige Spiele mit ihm spielen würden. So zu tun, als wäre man jemand anders, das hatte Tom nie gekonnt. Er sah auch keinen Sinn in diesen Spielen. Was sollte es bringen, wenn man so tat, als wäre man ein Autorennfahrer oder ein Polizist? So verbrachte er die meiste Zeit allein mit Lesen oder Schaukeln. Beim Schaukeln konnte er sich vorstellen, dass er ein Held war, der Menschen rettete. Vor allem einen Menschen: Cordelia aus der Parallelklasse. Seit Tom sie damals in der ersten Klasse zum ersten Mal gesehen hatte, konnte er kaum die Augen von ihr lassen. Schulterlanges hellblondes Haar, blaue Augen… ein Traum! Beim Gedanken an sie wurde Tom immer leicht rot.
Ein Glitzern am Straßenrand holte Tom zurück in die Realität. Was war das? Neugierig kam er näher.
Glänzendes Metall, zu einer schlanken Klinge geschmiedet, auf der sich ein Muster von königsblauen Blitzen von der elegant geschwungenen Parierstange bis zu der Spitze erstreckte. Blaue Edelsteine zwischen Griff und Klinge, die in der Sonne funkelten wie schillernde Wassertropfen. Tom interessierte sich sehr für das Mittelalter, doch selbst ein völlig ungebildetes Kind hätte erkannt, worum es sich bei dem Ding vor ihm handelte: ein Ritterschwert! Ehrfürchtig streckte er eine Hand nach dem Griff aus.
„Sieh mal einer an!“, rief eine Stimme. Tom fuhr erschrocken herum. Hinter ihm stand ein junger Mann. Er hatte kurze schwarze Haare, die er zu einem Seitenscheitel gekämmt hatte. Seine Augen waren braun, er musterte Tom mit einem leichten Lächeln. Er trug normale Alltagskleidung: schwarze Schuhe, Jeans und einen orangen Pullover. „Wenn das mal nicht ein Junge ist, der sich für Schwerter interessiert!“
Tom nickte beschämt und senkte den Blick.
„Keine Sorge, Kleiner“, sagte der Mann. „Ich verstehe dich. Es ist ja auch ein schönes Exemplar, oder?“
Wieder nickte Tom.
Das Lächeln des Mannes wurde noch breiter. „Möchtest du es einmal halten?“, bot er Tom an. Tom riss die Augen auf, woraufhin der Mann lachte. „Also ja.“
Er packte den Schwertgriff und hob die Waffe mit Leichtigkeit auf. Dann nahm er das Schwert an der Klinge und hielt Tom den Griff hin. Zögernd legte Tom seine Hände darum.
„Vorsicht“, warnte der Fremde, „es ist sehr schwer.“ Er lockerte den Griff um die Klinge und ließ diese dann ganz los. Dann beobachtete er Tom, der ohne große Mühe das Schwert hielt. „Wow“, sagte er, „spürst du kein Gewicht?“
Tom schüttelte den Kopf. „Das fühlt sich so leicht an“, murmelte er.
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