Cover: Fünf Welten zu dir

Fünf Welten zu dir
Eine Reise durch parallele Welten auf der Suche nach der großen Liebe


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 310
ISBN: 978-3-7116-0245-9
Erscheinungsdatum: 19.11.2024
Gefangen in einer lieblosen Ehe und der unmöglichen Liebe zu einem Mann, den sie nicht haben kann, erhält Jenna Barnes die Möglichkeit, in alternative Welten zu reisen und neue Wege zu beschreiten. Wird sie dort ihr Glück finden?
Kapitel 1


Jenna Barnes saß gelangweilt, das Kinn auf den Unterarm gestützt, am Tisch und beobachtete mit ausdruckslosem Gesicht, wie ihre Schwiegermutter sich noch eine Ladung Bacon in den Mund schaufelte. Es war das dritte Frühstück in diesem kalten März, welches sie mit der Familie ihres Ehemannes über sich ergehen lassen musste.
Sie mochte das kleine Café „Philly“ am Schuylkill River, das am Fuße des Museum of Art lag. Durch die großen Fensterscheiben konnte sie die vereisten Stufen sehen, die einst Rocky Balboa hinaufgelaufen war. Jenna liebte diese Filme mit Stallone abgöttisch. Sie hatte immer so getan, als hätte es diesen unglaublichen Boxer wahrhaftig gegeben. Sogar das Filmgrab von Adrian, das im Norden Philadelphias auf dem Laurel Hill Friedhof lag, besuchte sie fast jeden Monat.

Jenna nippte verträumt an ihrem Kaffee und ließ ihren Blick über die wenig befahrene Straße schweifen. Philadelphia hatte sich in den letzten Jahren verändert, fand sie. Alles war so friedlich und entspannt geworden. Sogar der Ortsteil Strawberry Mansion, in dem Jenna aufgewachsen war und bis heute noch lebte, hatte sich mit der Zeit zum Positiven verändert. Es gab viel Natur, hübsche neue Häuschen und das Wasser des Schuylkill Rivers schien klarer als je zuvor.
Jenna fragte sich nun, während sie die politische Diskussion ihres Ehemannes mit seinem Vater bewusst ignorierte, ob nur sie diese Friedlichkeit Philadelphias empfand. Vielleicht war alles so laut und stressig, wie es immer gewesen war.
Sie wusste, dass sie immer ein wenig in ihrer eigenen kleinen Welt gelebt hatte. Schon als Teenager hatte sie sich oft gefragt, ob sie die Welt anders sah als die Menschen um sie herum. Sie mochte weder große Menschenmengen noch gefiel ihr die Art, wie die Menschen heutzutage lebten. Der permanente Dauerstress, dass man überall und zu jeder Zeit irgendwo erwartet wurde, machte sie traurig. Sie hätte sich gerne irgendwohin verkrochen, wo die Zeit keine Rolle spielte, doch leider war das einfach nicht möglich.

„Jenna? Hast du was?“ Vollkommen aus ihren Gedanken gerissen löste sich Jenna vom Anblick der Straße. Sie betrachtete aufmerksam den fragenden Gesichtsausdruck ihres Mannes und zuckte dann wortlos mit den Schultern. Es war schon erstaunlich wie kurz Coles Aufmerksamkeitsspanne war, denn ohne auf eine Antwort seiner offensichtlich nachdenklichen Frau zu warten, lehnte er sich wieder zu seinem Vater hinüber und stieg erneut in die heiße Diskussion ein. Jenna betrachtete das Profil ihres Mannes und runzelte genervt die Stirn, als sie das penetrante Schmatzen ihrer Schwiegermutter vernahm.

Cole war viele Jahre lang Jennas bester Freund gewesen. Er hatte ihre oft seltsame Art immer schon akzeptiert und wusste, dass sie ein sehr emotionaler Mensch war. Zwar versteckte Jenna ihre Gefühle grundsätzlich vor ihren Mitmenschen, doch gerade diese Eigenart war für Cole ein wichtiger Grund dafür, weshalb ihr Zusammenleben harmonisch war. Er selbst war so emotionslos wie ein Felsbrocken.
Als Jenna so darüber nachdachte, fragte sie sich, warum sie Cole geheiratet hatte. Im März 2014 hatte sie ihm das Jawort gegeben, und ein Jahr später saß sie mit ihrem Gatten und seinen Eltern in ihrem Lieblingscafé und fragte sich, wie das alles hatte passieren können.
Es war keine alles erschütternde Liebe gewesen, die sie damals dazu gebracht hatte, Cole an sich heranzulassen. Es war schlicht und einfach Sicherheit gewesen. Wie sehr sie auch manchmal die Stille und das Alleinsein genoss, sie hatte Angst vor der Einsamkeit. Diese widersprüchlichen Gefühle machten sie oft wütend und nachdenklich. Die eine Seite von Jenna schrie regelrecht danach, für sich allein zu bleiben und alles Negative von sich abzuhalten. Doch die andere Seite hatte Panik davor, dass niemals jemand den Unterschied bemerken würde, ob sie nun da war oder nicht.
Vielleicht hatte sie sich deshalb für Cole entschieden. Während sie nämlich versuchte, ihre komplizierte Eigenart zu begreifen, lebte er vollkommen entspannt und lässig das Leben. Es gab weder Streit noch Schmerz darin. Keine Forderungen. Cole Barnes war einfach da. An Jennas Seite.

Nachdem ihre hagere Schwiegermutter Jane endlich aufgehört hatte, zu essen, beschloss Jenna, nun auf ein Glas Sekt umzusteigen. Schließlich war es schon nach 11 Uhr. „Also, Kinder!“, brüllte Jane etwas zu energisch und erntete dafür einen ernsten Blick von ihrem Mann Charles, der die politische Diskussion mit seinem Sohn bereits aufgegeben hatte. „Wann bekomme ich endlich das lang ersehnte Enkelkind?“ Janes Stimme klang wie eine Kreissäge in Jennas empfindlichen Ohren, und bevor sie auf die altbekannte Frage antwortete, betrachtete sie ihre Schwiegereltern noch einmal eindringlich.

Sie waren alle miteinander eine vollkommen emotionslose Bande von Arbeitstieren. Wie hätte Cole da anders werden können? Jenna hatte immer das Gefühl, dass sie nicht dazugehörte, und obwohl sie selbst keine Familie mehr hatte, wollte sie unter keinen Umständen in Coles passen. „Ihr wisst genau, dass Jenna keine Kinder will, Mama.“, sagte Cole trocken und nippte an seinem Orangensaft. Sie will keine Kinder, wiederholte Jenna in Gedanken und war nicht einmal überrascht, dass Coles Worte so vorwurfsvoll geklungen hatten. Er hatte es gewusst, bevor er sie geheiratet hatte, und trotzdem tat Cole so, als hätte sie es ihm gerade erst an den Kopf geknallt.
Überhaupt wurde Jenna ständig und überall dafür verurteilt, dass sie keine Kinder bekommen wollte. Mit ihren dreiunddreißig Jahren war sie scheinbar in genau dem richtigen Alter, um sich ein Kind machen zu lassen. In diesem Moment, während sie ihr erstes Glas Sekt zügig hinunterspülte, konnte sie es kaum erwarten, alt zu werden.
Nach einer weiteren Stunde voller unangenehmer Gespräche, vorwurfsvoller Blicke und ein wenig mehr Alkohol, als es zu dieser Tageszeit üblich war, streckte Jenna ihre müden Glieder und rutschte unruhig auf ihrem Platz herum. „Wollen wir los?“, fragte Cole seine abwesende Frau und hob die Augenbrauen. „Was hast du denn heute bloß?“ Selbst diese Frage aus Coles Mund klang vorwurfsvoll. Es ist kein Wunder, dass ich lieber eine halbe Stunde unter der Dusche heule, als ihm mein Herz auszuschütten, dachte Jenna genervt und beschloss, wie so oft, ihr Grübeln zu beenden und den Frust einfach zu belächeln. „Fahren wir, Cole. Ich muss morgen wieder früh raus.“, sagte sie an ihre Schwiegereltern gewandt und schnappte sich ihre schwarze Handtasche.

Während Cole noch eine Weile mit Jane und Charles auf dem kleinen Parkplatz des Cafés plauderte, lehnte Jenna sich rücklings an ihren kleinen VW und sog gierig den frischen Duft der kalten Märzluft ein.
Nach fast drei Stunden mit ihren Schwiegereltern war ihr nun klar geworden, dass Coles Familie endlich aufgehört hatte, sie in ihre Gemeinschaft zu zwingen. Sie hatten sie mehr oder minder in Frieden gelassen und akzeptiert, dass Jenna Barnes kein Familienmensch war. Dass Cole ihren Familiennamen angenommen hatte, weil Jenna sich nicht hatte vorstellen können, ihren eigenen Namen abzulegen, schienen sie mittlerweile auch akzeptiert zu haben. Wenn auch mit knirschenden Zähnen.

Nachdem Cole sich von seinen Eltern verabschiedet hatte und träge auf Jenna zuging, stieg diese in ihren VW und startete den Motor. „Hauen wir uns gleich auf die Couch?“ Jenna nickte abwesend und setzte den Wagen zurück, während Cole die Heizung aufdrehte.

Der Weg nach Hause kam ihr ewig vor. Es lag vermutlich daran, dass Cole ihr von seinem Bürojob erzählte. Es interessierte sie keineswegs, welchen Menschen er täglich welche Versicherungen andrehte, aber sie hörte ihm grundsätzlich sowieso nur mit einem Ohr zu. Es wäre respektlos gewesen ihm einfach zu sagen, er solle die Klappe halten. Also nickte und lächelte Jenna einfach, während Cole von seiner höchst interessanten Arbeit sprach.
Sie glaubte, dass er sie zu einem besseren Menschen machte. Er selbst war ein außergewöhnlich guter Mensch, der regelmäßig Blut spendete, zu helfen versuchte, wo er nur konnte, und sich in die Politik einbrachte. Cole wusste scheinbar über alles Bescheid, und Jenna gefiel das sehr. Mit ihm an ihrer Seite schien niemand zu bemerken, wie wenig Interesse sie an ihrem Umfeld hatte. Sie lebte in ihrer eigenen kleinen Welt, die manchmal so still war, dass sie glaubte, sie sei der einzige Mensch darin.

Jenna bog in die Lehigh Avenue am Mount Vernon Friedhof. Dort war sie geboren und aufgewachsen. Nachdem ihre Mutter vor vielen Jahren nach Kanada gezogen war, hatte sie sich weiter um das kleine Haus in der Douglas Street gekümmert. Ihr Vermieter war schon sehr alt und meldete sich kaum. Jenna hatte schon früh gelernt, sich um sich selbst zu kümmern. So erledigte sie den monatlichen Papierkram, pflegte den kleinen Vorgarten ihres Wohnhauses und versuchte, es in Stand zu halten, so gut sie konnte.
Trotz ihres Jobs in einer kleinen Blumenhandlung in der Nähe schaffte sie es immer, ihren Ehemann nicht zu vernachlässigen. Cole Barnes stand mit seinen dreißig Jahren in der Blüte seines Lebens. Jedenfalls hätte man das annehmen sollen. Jenna wusste nicht mehr genau, wann sie sich daran gewöhnt hatte, dass dieser Mann für absolut gar nichts zu gebrauchen war. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie täglich nach der Arbeit noch allein kochte, putzte und sich um Coles Wäsche kümmerte, während dieser den ganzen Abend auf der Couch hockte und entspannt auf den nächsten Tag wartete.
Oft fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlen mochte, jemanden zu haben, der sich um sie kümmerte. Der hin und wieder den Müll hinausbrachte und ihr Frühstück machte.
Vielleicht liegt es an mir, dachte Jenna geknickt, während sie in der Küche stand und auf eine der vielen Postkarten starrte, die an der Kühlschranktür hingen.

Fast jedes Jahr bekam Jenna von ihrer Mutter Megan eine Karte zu Weihnachten. Meist stand dort nur unwichtiges und oberflächliches Zeug. Im März letzten Jahres hatte sie sogar eine zweite Karte erhalten, auf der ihre Mutter dem frischgebackenen Ehepaar alles Gute für die Zukunft gewünscht hatte. Sie war nicht betrübt darüber, dass ihre Mutter und sie keine Beziehung zueinander hatten. Schon als Teenager hatte sie mit ihr nichts gemein gehabt und das Leben zu Hause als furchtbar stressig empfunden. Verwandt oder nicht. Wenn man so verschieden ist, kann das einfach nicht funktionieren, dachte Jenna etwas entspannter und warf ihren Autoschlüssel auf den kleinen Küchentisch.

Es dämmerte bereits, als sie sich endlich neben Cole auf der Couch niedergelassenen hatte und mit gerunzelter Stirn dabei zusah, wie ihr Mann einen Rekord im Durchzappen der TV-Sender aufstellte. Für Jenna war es kein entspannter und ruhiger Sonntag gewesen. Sie hatte Stunden mit ihren Schwiegereltern verbringen müssen, hatte das Bad geputzt, die Mülltonne an die Straße gestellt und Cole etwas zum Essen warm gemacht. Und Morgen würde alles wieder von vorn beginnen.
Während Jenna gerade versuchte, den zahlreichen Sendungen im Fernsehen zu folgen, lehnte sich Cole etwas näher zu ihr und betrachtete ihr ausdrucksloses Gesicht. „Sag mal, wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Sex?“ Jenna drehte sich zu ihm und betrachtete die trüben, blassgrünen Augen ihres Mannes. Einen Moment lang dachte sie über die Antwort nach und hob dann belustigt ihre Mundwinkel.
„Ich schätze, vor drei Monaten.“ Cole begann zu grinsen als sie, etwas überrascht von ihrer eigenen Antwort, die Augenbrauen hob. „Wow! Wir sind wie ’ne Wohngemeinschaft geworden.“, stellte Cole lachend fest und wandte sich wieder dem Fernseher zu. Er hat recht, grübelte Jenna vor sich hin und betrachtete weiter sein Profil. Der Sex mit Cole hatte Jenna immer gefallen. Was war also der Grund dafür, dass sie seit Monaten keine Lust hatte, mit ihm zu schlafen? „Also, ich wäre jetzt auf jeden Fall nicht abgeneigt.“, nuschelte Cole, wobei er sie keines Blickes würdigte. Aha. Das ist der Grund, spekulierte Jenna gedanklich und atmete hörbaraus. Wie sollte sie in Stimmung kommen, wenn dieser unglaublich faule Kerl sich nicht einmal bewegte? Wenn sie wirklich mit ihm schlafen wollte, hätte sie sich schon nackt auf ihn setzen müssen. Was für ein leidenschaftlicher Verführer, dachte sie ironisch und starrte dann gedankenverloren aus dem kleinen Wohnzimmerfenster in die aufkommende Dunkelheit.

Der Montagmorgen erwies sich als klar und sonnig. Cole war bereits in sein Büro gefahren, als Jenna die Haustür hinter sich verschloss und durch ihren Vorgarten spazierte. Sie atmete genussvoll die kühle Luft ein und fragte sich, wie lange es wohl noch dauerte, bis endlich die ersten Frühjahrsblüher aus der Erde sprossen.
Nachdenklich blickte sie über die kleinen Nachbarhäuser bis hin zum Mount Vernon Friedhof, der gegenüber lag. Egal wie laut und stressig es in der Welt auch werden konnte, auf dem Friedhof fand sie immer ihre notwendige Ruhe.
Jenna wusste, dass einige Nachbarn es merkwürdig fanden, dass sie ständig auf diesem Friedhof herumschlenderte, aber das machte ihr nichts aus. Sie wollte sowieso nicht dazugehören. Sie war sich sicher, dass sie anders war. Sie konnte durchaus amüsant und gesellig sein, aber zog meistens die Einsamkeit vor. Und oft hatte sie das Gefühl, als hätte sie nie Zeit genug für sich.
Mit diesen Gedanken stieg Jenna in ihren VW, fuhr ihn sachte aus der schmalen Einfahrt und machte sich auf den Weg zur Arbeit.

„Miss Barnes? Könnten Sie bitte zur Warenannahme gehen? Die frischen Lilien sind eingetroffen!“ Mrs Townsend brüllte, so wie sie es immer tat, durch den gesamten Verkaufsraum der kleinen Blumenhandlung „Flowers“, als Jenna gerade einem älteren Herrn aus der Eingangstür half. Warum schreit sie nur immer so? Ich bin doch nicht taub, dachte sie peinlich berührt. Die fünfundsechzig Jahre alte Mrs Townsend führte das „Flowers“ am Benjamin Franklin Parkway nun schon seit dreißig Jahren, und das immer noch erfolgreich. Ihre zahlreichen Stammkunden wussten um ihr schlechtes Gehör und ließen sich regelmäßig und ohne Beschwerden von ihr anbrüllen. Jenna fragte sich immer, warum jemand mit einem schlechten Gehör so laut schreien musste. Schließlich war sie, Mrs Townsend, es doch, die nichts verstand.
„Ich kümmere mich darum, Mrs Townsend!“, rief sie in Richtung Büro und eilte dann zur Warenannahme.
„Was?“
Jenna hielt kurz in der Bewegung inne und rollte genervt mit den Augen. „Ich sagte, ich gehe schon!“ Ihre Stimme schien sogar für sie selbst zu laut. Wissend, dass die sinnlose Unterhaltung damit noch nicht beendet war, hob sie grinsend den Zeigefinger und wartete auf den Showdown.
„Telefon? Es hat doch gar nicht geklingelt!“
Jenna hielt sich auflachend die Hand vor den Mund und eilte dann amüsiert zur Warenannahme.

Der Montagnachmittag verlief sehr ruhig. Jenna konnte sich dadurch viel Zeit für die fünf bestellten Gestecke nehmen und steckte ihre gesamte Geschicklichkeit in die Arbeit. Sie hatte Blumen schon immer geliebt und arbeitete gerne im „Flowers“. Sogar die alte Mrs Townsend, die zwar nicht hören konnte und oft durcheinander war, hatte sie gern.
Sie fand es erstaunlich, dass die alte Dame scheinbar in allen Lebenslagen Probleme hatte, aber wenn es um die Buchhaltung des Geschäftes ging, war ihr Verstand so scharf wie kein anderer.
Jenna musste lächeln, als ihre Fantasie wieder einmal mit ihr durchging. Wahrscheinlich hört sie ebenso gut, wie sie rechnet. Bestimmt tut sie bloß so, als könnte sie nichts verstehen, spekulierte sie belustigt, während sie die fertigen Gestecke in die Kühlkammer stellte.
Gähnend schaute sie auf die Uhr und runzelte die Stirn darüber, dass ihr Arbeitstag erst in drei Stunden vorbei sein würde. Danach musste sie noch einkaufen gehen und den Geschirrspüler ausräumen.
Ein leises Seufzen kam Jenna über die Lippen, als ihr klar wurde, dass sie zurzeit scheinbar ein großes Tief erlebte. Nicht einmal die Arbeit gefiel ihr mehr so richtig. Cole nervte sie schon allein durch seine Anwesenheit, und ihr gemütliches Zuhause schien kalt und finster geworden zu sein. Was ist nur los mit dir, Jenna?, fragte sie sich selbst und ließ sich schwerfällig auf einen Hocker fallen. Ein vertrautes Pochen machte sich in ihrer Brust breit, was sie nur noch mehr verunsicherte.
Seit drei Jahren arbeitete sie nun im „Flowers“. Das unangenehme Pochen, das hin und wieder auftauchte, hatte Jenna noch von ihrem alten Job zurückbehalten. Es fühlte sich an, als würde ihr Blutdruck vollkommen verrückt spielen, doch sie wusste, dass sie gesund war wie ein Pferd.
Zehn Jahre lang hatte sie einen großen Supermarkt in Fishtown geleitet. Sie hatte alles gegeben und wenig dafür erhalten. Die Zeit war einfach so an ihr vorbeigezogen, während sie sich um die Buchhaltung, das Personal, den Einkauf und die Umsatzsteigerung gekümmert hatte. Eines Tages hatte ihr Körper dann einfach aufgehört, zu funktionieren. Die Ärzte hatten es „psychosomatische Erkrankung durch Stress“ genannt.
Jenna hatte sich gegen eine Behandlung beim Psychologen entschieden. Irgendwann hatte sie akzeptieren müssen, dass sie sich vollkommen verausgabt hatte, und aufgehört, sich dafür bei ihren Mitmenschen zu rechtfertigen. Niemand hatte ihre Abgeschlagenheit und ihre Depressionen verstanden. Jenna hatte ihren Job an den Nagel gehängt, gelernt positiv zu denken, und die Sorgen einfach fortgelächelt. Im Großen und Ganzen hatte diese Therapie funktioniert. Nur selten überfiel sie eine erschöpfende Schlaflosigkeit oder eben dieses penetrante Pochen in ihrer Brust. Es war ein Opfer, das sie gerne brachte. Denn jetzt, da sie diese schweren Jahre allein durchgestanden hatte, wusste Jenna, dass sie nichts und niemanden brauchte und dass sie stark sein konnte.
„Miss Barnes? Geht es Ihnen gut? Sie sehen ja so blass aus!“, stellte Mrs Townsend sorgenvoll fest. Bevor Jenna ihr antwortete, betrachtete sie nachdenklich das faltige und braungebrannte Gesicht ihrer Chefin. Wie jeden Tag hatte Mrs Townsend ihr langes, graues Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Jenna fand, dass es der alten Dame Würde verlieh. Sie schenkte ihrer Chefin ein leichtes Lächeln und nickte dann. „Es geht mir gut, Mrs Townsend. Tut mir leid. Ich bin wohl zurzeit etwas gestresst.“
Die alte Dame kam näher und betrachtete prüfend das hübsche Gesicht ihrer Angestellten. Liebevoll strich sie ihr durch das lange, blonde Haar, das der jungen Frau bis weit über die Schultern fiel. Mrs Townsend schaute gerne in diese tiefgrünen Augen, die stets blickten, als könnten sie durch alles und jeden hindurchsehen. Und manchmal, wenn das Licht stimmte, erkannte sie die gelbbraunen Sprenkel und den dunkelblauen Rand um die grüne Iris herum. Es war ein fantastisches Farbspiel, fand die alte Dame.
„Schätzchen. Heute ist es ruhig. Wie wäre es, wenn Sie sich die letzten drei Stunden einfach freinehmen?“ Jenna lächelte kurz liebevoll und stand dann zaghaft auf. „Kommen Sie denn wirklich allein zurecht?“ Mrs Townsend war bereits wieder Richtung Büro geschlendert und deutete mit einer unsanften Handbewegung zur Eingangstür. „Wir sehen uns morgen, Miss Barnes.“ Jenna atmete einmal tief durch, schnappte sich ihre Handtasche vom Tresen und ging zur Eingangstür. Mit einem aufkommenden, schlechten Gewissen drehte sie sich noch einmal um und rief lauthals durch den Verkaufsraum. „Aber wenn etwas ist, dann rufen Sie mich sofort auf dem Handy an, okay?“ Während Jenna still dastand und auf eine Antwort wartete, hatte Mrs Townsend sich bereits in ihren uralten Bürosessel niedergelassen. „Was tut Ihnen weh, Schätzchen?“, brüllte die alte Dame zurück und brachte damit Jenna einmal mehr zum Lachen. Grinsend schüttelte sie den Kopf und warf dann zügig die Eingangstür der kleinen Blumenhandlung hinter sich zu.

Eine ganze Weile saß Jenna noch grübelnd in ihrem VW, den sie vor dem „Flowers“ geparkt hatte und starrte durch die Windschutzscheibe. „Wenn ich jetzt nach Hause fahre, mache ich doch nur wieder Hausarbeit.“, stöhnte sie genervt. Drei Stunden Freizeit lagen vor ihr, und sie hatte absolut keine Ahnung, was sie damit anfangen sollte. „Das ist wirklich traurig, Jenna Barnes!“ Sie fuhr sich durch das blonde Haar und prüfte im Rückspiegel ihr Make-up.
Stöhnend startete sie den Wagen und beschloss, erst einmal einkaufen zu gehen. Das dumpfe Pochen in ihrer Brust schien langsam abzuklingen, was Jenna etwas beruhigte. Sie entschied sich, zu lächeln. So wie sie es immer tat.
...
5 Sterne
Interessante Charaktere! - 04.04.2025
Jenny B.V.

Die Geschichte wird erst richtig interessant wenn der Antiquitätenhändler auftaucht, den ich von Anfang an ins Herz geschlossen habe. Ich wollte unbedingt wissen, wen Jenna noch so alles trifft und was ihr passiert. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen. Viele Lacher sind auch dabei. Coole Story!

5 Sterne
Fünf Welten zu dir - 04.03.2025

Die Leseprobe gefällt mir, kurzweilig und interssant geschrieben, animiert zum direkten Weiterlesen.

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