Science Fiction & Fantasy

Flüstern reiner Herzen

Isabella Kubinger

Flüstern reiner Herzen

Legende der Auserwählten

Leseprobe:

Vor mehr als 17 Jahren

Nur noch ein weiteres Mal, dann ist es geschafft!


Schon seit sich früh am Morgen der Himmel blutrot gefärbt hatte, fand man auf der Straße ein nervöses Wurmen vor. Jeder Zentimeter des grauen unebenen Pflasters wurde von ledernen Schuhsohlen der nicht müde werdenden Einwohner Onayas’ ausgefüllt. Die flüchtigen Blicke zum Balkon der Königsburg waren nur ein weiteres Zeugnis dafür, dass heute ein äußerst besonderer Tag sein sollte. Schnell zwängte ich mich noch zwischen zwei hölzernen Marktwägen hindurch und lief weiter durch das Gedränge auf die Burg zu. Bei der nächsten Hausecke blieb ich um mich blickend stehen, um wieder ruhiger atmen zu können. Schweiß rann mir die Stirn hinunter. Mit einer einzigen Bewegung meiner rechten Hand wischte ich mir die salzigen Tropfen aus dem Gesicht. Ein einziger Blick reichte, um mir zu bestätigen, dass die Dienstbotentreppe heute stark benutzt wurde. Dennoch konnte ich nicht warten oder einen anderen umständlicheren Weg nehmen.
Mein Spiegelbild im gegenüberliegenden Fenster zeigte mir, dass das hellbraune Tuch noch immer perfekt um meine Haare gebunden war. Selbst das leichte Kleid, das sich um meine weiblichen Kurven schmiegte, saß perfekt. Einmal noch ein tiefer Atemzug und ich lief los. Alle schienen heute auf schnellem Fuße unterwegs zu sein. Ich fiel keinem einzigen der Dienstmädchen auf, als ich an ihnen vorbei zur Treppe schoss.
Früher wurde ich immer schrill angeschrien, wenn meine Mutter wieder einmal erfuhr, dass ich mich in den Gängen der Königsburg umherschlich. Sie meinte dann, ich würde ihre Stelle am Hof riskieren und könnte bald selbst versuchen, mit Betteln mein Maul zu stopfen. Doch heute war ich einerseits stark erleichtert, wie auch ein klein bisschen stolz, mich hier in den Gängen so gut zurechtzufinden. Diese Treppe führte nicht nur in die Dienstbotenkammer, sondern in viele verwinkelte kleine Gänge durch die ganze Burg, einige alt und unbenutzt. Den Bediensteten wurde stets davon abgeraten, sich auf diesen dunklen Wegen zu bewegen. Ein Märchen, das jedem Kind hier im Königreich erzählt wird, besagt, dass sich hier in der Burg immer noch Geister der Verstorbenen aufhalten würden. Natürlich waren das nur Geschichten, um die kleinen Scheißer zu erschrecken. Ich hatte mich nie davor gefürchtet und kannte deshalb jeden kalten Winkel, jeden herabgefallenen Stein und jede zusammengebrochene Treppe.
Hinter mir nahm ich ein genervtes Schnauben wahr. Da hatte es wohl jemand eiliger als ich. Bei der nächsten Stufe blieb ich kurz stehen und drückte meinen Rücken gegen die kalte Mauer. Dankend flog einer der Bediensteten an mir vorbei. Ich eilte ebenfalls schnell weiter, vorbei an der Dienstbotenkammer die Treppe hinauf. Bereits dieser Teil der Gänge wurde schon weniger benutzt. Teilweise hingen tiefe Spinnennetze bis in meine Reichweite. Ekelige kleine Krabbeldinger. Soweit ich mich nicht täuschte, musste nach dem nächsten Guckloch, welches das wenige Licht für die Treppe spendete, die Wege abzweigen, die mir heute nützlich werden würden. Ich bewegte mich rasch auf den mir vertrauten Pfaden. Gelegentlich hielt ich inne und spähte durch einen kleinen Spalt, um mich zu vergewissern, dass es nicht die Räumlichkeiten waren, die ich suchte.
Gerade als ich wieder weitereilen wollte, erkannte ich die Königin, die auf einem weichen Bett lag. Sie lehnte an einem Berg aus kunstvoll bestickten Polstern, doch als ich in ihr Gesicht blickte, war es verkrampft voller Schmerzen und Erschöpfung. „Nur noch ein letztes Mal, dann ist es geschafft.“ Die Frauen neben ihr versuchten, die Königin zu ermutigen. Sie fing zu schreien an, doch die Frauen unterstützten sie darin. Ich hatte noch nie so etwas gesehen, nur gehört, wie meine Mutter bei der Geburt meines Bruders bei jeder Wehe vor Schmerzen winselte. „Ich kann das Köpfchen schon sehen, nur noch ein bisschen pressen, dann ist es vorbei!“ Die Königin tat, wie ihr gesagt wurde, und fing ein weiteres Mal an, zu pressen. Gleich darauf erklangen die seidigen Schreie des frisch geborenen Winzlings. Die Hebamme wickelte das kleine Baby in ein blaues Tuch und überreichte es der frischgebackenen Mutter. „Meine Königin, es ist ein Junge und noch dazu ein kräftiger und gesunder. Er wird einen starken Kronprinzen abgeben.“ Mit einem müden stolzen Blick strich sie dem Kind über die noch gerötete Wange. „Ja, das wird er.“
Kurz verweilte ich noch in meiner geschützten Position in den Gängen, dann drehte ich mich um und wollte schon den Rückweg antreten, doch dann betrat seine königliche Majestät höchstpersönlich den Raum. Schnell drückte ich mich wieder gegen das feuchte Gemäuer, um nichts zu verpassen. Er blieb eilig vor dem Bett stehen. Seine Brust hob und senkte sich, als wäre er gerade von einer Herde Büffel gejagt worden. „Ist es wahr?“, seine Stimme brach ab. Ich verstand nicht, was er damit meinte. Er wirkte erschrocken, wenn nicht sogar ängstlich. „Kyria, antworte mir, ist es wahr, was das Dienstmädchen behauptet hat?“ Verständnislos verfolgte ich weiter die ungewöhnliche Situation, die sich da vor mir abspielte. Die Spannungen zwischen dem königlichen Paar knisterten gefährlich. Irgendetwas war vorgefallen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, was dieses etwas sein sollte. Mir schien der Junge, wie die Hebamme meinte, gesund und kräftig. Die Königin sah von ihrem Neugeborenen direkt in die Augen des Königs. Ihre Augen bargen einen unheilvollen Glanz, als sie zu sprechen begann: „Ja, Triton, es ist die Wahrheit.“ Eine Träne rann ihr über die Wange. Ihre Lippen zitterten, als sie weitersprach: „Wir wurden von den Göttern mit Drillingen gesegnet. Einem Jungen und zwei Mädchen.“ Weitere Tränen rannen über ihre Wangen. Der Kleine fing an, unheilvoll zu schreien, als würde er verstehen, was die ängstlichen Worte seiner Eltern bedeuten würden. Nach der kurzen eisigen Starre des Königs schien es, als würde er die Bedeutung erst jetzt verstehen. Es schien, als bräuchte die Wahrheit einige ewig wirkende Sekunden, um zu sickern. Er ging um die Hebamme herum und fiel vor dem Bett der Königin auf die Knie, küsste seine Sohn liebevoll auf die Stirn. Dann sah er zu seiner geliebten Frau auf wischte ihr sachte die Tränen aus dem Gesicht, wobei ihm selbst die salzigen Perlen über die Wangen liefen.
‚Drillinge. Das kann nicht sein.‘ Schockiert entfernte ich mich von der kleinen Lücke in der Mauer. Doch so konnte ich nicht zurücklaufen. Ich musste mir gewiss sein. Diese Informationen durften nicht fälschlich weitergegeben werden. Verzweifelt versuchte ich, mehr im Zimmer zu erkennen. Doch gerade als ich aufgeben wollte, da mir nur das Bild des weinenden Paares mit dem Thronfolger ersichtlich war, kamen die Hebamme und ein zierlich wirkendes Dienstmädchen mit zwei weiteren winselnden, in Tücher gewickelten Geschöpfen herein und übergaben sie sachte den Eltern. ‚Es ist die Wahrheit‘ Ich konnte meinen Blick nicht von dem ungewöhnlichen Bild abwenden. Doch ich musste zurück, so schnell wie möglich. Rasch drehte ich mich von dem Mauerwerk weg, dem Gang zu, aus dem ich gekommen war. Mir pochte meine linke Schläfe von den schwerwiegenden Neuigkeiten, die ich zu überbringen hatte. Meine Gedanken wirbelten wirr in meinem Kopf. Einige Male strauchelte ich und fiel beinahe die Dienstbotentreppe kopfüber hinunter. Zu meinem Glück konnte ich mich immer rechtzeitig noch an den Mauersteinen stützen und mein Fallen verhindern. Auf dem belebteren Teil der Treppe überrannte ich wortwörtlich jegliche mir entgegenkommende Person. Mir wurden Flüche und geschimpfte Ausdrücke nachgeworfen, da meist die sauberen Tücher und Kleider oder frisches Gemüse und Obst auf den staubigen Boden fiel. Doch ich musste weiter. Als ich aus der Burg stürzte, atmete ich kurz tief die frische Luft ein. Ich konnte immer noch nicht begreifen, was ich dort oben durch den Mauerspalt beobachtet hatte. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Eilig nahm ich wieder mein Lauftempo an und zwängte mich auf den belebten Markt, wo nun noch mehr heitere Gesichter vorzufinden waren. All jene, die mir in den Weg kamen, schubste ich aus meiner Reichweite, soweit das mit meinem mageren Körper ging und bohrte mich zielsicher auf das andere Ende des Platzes zu. Als sich endlich die Menschenmenge etwas lichtete, zwang ich meine müden Beine, sich noch schneller zu bewegen. Nur noch drei oder vier kleine Gassen, dann den Hügel hinauf durch den Wald und dann zur Lichtung am kleinen Schwimmteich. Ich glaubte schon, mein Ziel nicht mehr rechtzeitig zu erreichen. Schlussendlich brach ich nach Luft ringend durch die Brombeerstauden und stand auf der besagten Lichtung. Vor mir erhob sich stolz das schwarze Pferd meines Auftraggebers. Ich blickte vorsichtig von meinen mit einer Schmutzschicht überzogenen Händen zu dem Mann auf. Er sah mich forschend an. „Und? Hast du, was ich brauche?“ Meine Versuche, nicht zu zittern, waren zwecklos. Selbst meine Stimme glich mehr der eines zu Tode erschreckten Kindes und zeugte keineswegs von meinem sonst so selbstsicheren Tonfall. „Ja, Sir.“ Ich erlaubte mir eine kurze Pause, bevor ich weitersprach. „Sir, es sind drei Kinder. Es sind Drillinge!“ Der Reiter wirkte überhaupt nicht verwirrt oder ängstlich, mehr als wären es alltägliche Vorkommnisse. Meine Worte brachten einen nachdenklichen Ausdruck in seine Augen. Doch schnell wich dieser wieder der undurchdringbaren Maske und fing erneut meinen Blick. „Bist du dir auch ganz sicher?“ Ich brauchte nicht zu überlegen. Es war nun mal die Wahrheit. „Ja, Sir, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen! Ein Junge und zwei Mädchen.“ Meine Stimme gewann wieder an Festigkeit. Nun nickte er zustimmend, griff unter seinen schweren Mantel und zog ein kleines Säckchen hervor. Der Reiter warf das Säckchen, welches meine Belohnung war, vor meine Knie, nahm die Zügel und gab seinem Pferd mit einem leichten Ruck den Befehl, sich zu drehen. Kurz hielt er noch inne, als wollte er sich noch einmal an mich richten, doch dann besann er sich eines Besseren und ritt durch die Bäume davon.
Ich blieb noch lange kniend auf der Lichtung sitzen, den Blick auf das Säckchen gerichtet. Irgendwann, ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, Minuten, Stunden, ich konnte es nicht sagen, nahm ich das Säckchen in die wunden Hände und stand mit zitternden Knien auf. Ohne einen Blick auf den Inhalt zu erhaschen, schob ich es in die Tasche meines Kleides und verschwand genauso wie der schwarz gekleidete Reiter vor mir im Wald. Das einzige, an das ich auf meinem Weg nach Hause dachte, war die Neuigkeit. Drillinge.



1. Kapitel
Reena


Heute


„Prinzessin Reena, bleiben Sie sofort stehen!“ Die schrille, mit Zorn erfüllte Stimme des Gelehrten war wieder einmal deutlich wahrnehmbar, als er mir aus dem kleinen Lehrzimmer für die königlichen Kinder nachschrie. Ich konnte mir mein selbstsicheres Grinsen nicht verkneifen und lief die Gänge mit dem glattpolierten Marmorboden entlang. Die Dienstmädchen sprangen schon aus langer Erfahrung zur Seite, damit die frisch duftende Kleidung oder die mit dampfenden Tassen bestückten Tabletts nicht zu Boden fielen.
Der königliche Gelehrte hatte bereits seit Jahren aufgegeben, mir hinterherzueilen. Als er mir jedoch damals immer dicht auf den Fersen klebte, sprintete ich mit meinen kurzen Beinen die geheimen Gänge entlang, darauf achtend zwischen den Wegen zu variieren. Meist gelangte man dann an eingestürzte Gewölbe, über die nur kleine Wesen klettern konnten. Da ich viele Nächte und auch teils Tage in diesen Geheimgängen in den Gemäuern der Burg verbrachte, kannte ich die Wege wie meine Rocktasche. Der Gelehrte jaulte dann immer Flüche hinter den Schutthaufen und brauchte auf seinem Rückweg zurück zur Dienstbotentreppe gefühlte Stunden. Durch diese kleinen Fangspiele ermöglichte ich mir und meinem Bruder Malik einen freien Nachmittag draußen auf den duftenden Feldern und schattigen Wäldern Katalynias.
Ich erreichte die kühle Dienstbotenkammer, an deren Ende sich die staubige Dienstbotentreppe befand. Mein Ziel lag genau vor meinen Augen und keiner stellte sich mir in den Weg. Als mich Madeleine, ein Dienstmädchen, vorbeiflitzen sah, ließ sie die nassen Lappen wieder in das bereits trübe Wasser im Becken zurückfallen und rannte mir nach. Madeleine schenkte mir ein bezauberndes und zugleich unschuldiges Lächeln, als ich über meine rechte Schulter zu ihr sah. Obwohl sie ihre tägliche Arbeit wiederholt fallen ließ, wurde sie noch nie mit schwerwiegenden Konsequenzen bestraft. Das verdankte sie wohl ihrer hochangesehenen Stellung als meine beste Freundin seit Kindertagen.
Wir nahmen zugleich mehrere Stufen auf einmal, während wir die Dienstbotentreppe hinunterhasteten. Dabei rissen die ältesten Angestellten die Augen immer so weit auf, dass man Angst haben musste, die glitschigen Augäpfel könnten ihnen jeden Moment herausfallen. Voller Vorfreude stolperten Madeleine und ich ins Freie hinaus und fielen uns lachend in die Arme. Mit ihr erschien das langweilige Hofleben so viel leichter und freier. Gemeinsam drehten wir uns wild im Kreis zwischen den fleißig arbeiteten Bediensteten. Sie warfen uns immer noch mürrische Blicke zu, obwohl sie sich schon an das Schauspiel gewöhnt hatten. Selbst die Ältesten hatten schon aufgegeben, uns zu rügen, da dies nie zu einem gewünschten Ergebnis führte.
Wir wollten gerade hinaus auf den Markt laufen, als wir Jeb, den Stalljungen, hinter uns schreien hörten. Auf seinen Knien aufgestützt schnaufte er wie ein wütender Stier. Mit vor Freude glänzenden Augen sah er durch seine dunkelbraunen Locken, die verschwitzt über seine Stirn fielen, zu uns auf. „Prinzessin, es tut mir schrecklich leid, aber Ihr braucht definitiv männlichen Begleitschutz auf Eurer Reise ins unbekannte Marktgewimmel!“ Herausfordern sah er mich an. Ich blickte zu Madeleine hinüber und wir prusteten zugleich los. Jeb wusste, wie er uns zum Lachen bringen konnte. „Dann müssen wir damit leben, dass du uns begleitest, edler Ritter.“ Sein Grinsen wurde noch breiter, wenn das überhaupt noch möglich war.
Schwungvoll hängte wir uns an beiden Seiten bei Jeb unter und zogen ihn mit uns auf den vollen Marktplatz. Zu dritt schlenderten wir von einem Marktstand zum anderen. Von frischen Brotlaiben, Milch und Käse, bis hin zu den buntesten Stoffen und den fein verarbeiteten Schmuckstücken wurde alles Mögliche zum Verkauf angeboten. Die Frauen und Männer hinter ihren Ständen schenkten mir ein freundliches Lächeln, da sie alle wussten, dass ich des Königs Tochter war. Bei mir wurden die Verkäufer nie aufdringlich, um keine Probleme mit den königlichen Soldaten zu bekommen. Trotzdem wussten sie, dass ich eine gute Kundschaft abgab, da ich stets eine Kleinigkeit kaufte, um die schmackhaften Leckerbissen und weichen Stoffe den bettelnden Jungen und Mädchen zu schenken. Auf unserem Weg durch die Stadt schlossen sich immer mehr Kinder und Jugendliche an, um wie üblich auf der bunten Wiese vor den hohen Stadtmauern zu spielen.
Kurz vor dem großen hölzernen Tor blickte ich zur Stadtmauer hoch. Es befanden sich einige Soldaten auf ihrer Wachposition, jedoch machte mir das keine Sorgen. Die Soldaten waren immer dort oben, um die Sicherheit der Bewohner Onayas’ zu garantieren. Nur aufgrund dieser Wachposten erlaubte mir Vater diese Ausflüge ohne königlichen Geleitschutz hinter die Stadtmauern. Auch wenn Vater nicht wirklich begeistert von meinen Fluchtversuchen vor dem königlichen Gelehrten war, konnte er mich durch die Wachposten zumindest im Auge behalten. Noch immer bei Jeb untergehängt spazierten wir durch das schwere Tor und sahen den bereits vorgestürmten Kindern nach, wie sie auf der bunten Wieser herumtollten.
„Guten Morgen, Prinzessin.“ Ich sah zur grauen Mauer hinauf und fand meinen Blick in Halvars Gesicht wieder, der mich schüchtern angrinste. Halvar war der beste Freund meines Bruders Malik und befand sich mit ihm in der Ausbildung zum Soldaten für die königliche Armee. Genau wie mein Bruder konnte er sein Schwert schwingen, als läge es ihm im Blut, er hatte aber zugleich ein viel zu gutmütiges Herz, sodass ich ihn mir nicht im Krieg vorstellen konnte. In manchen Nächten, wenn ich mich aus meinem Zimmer in der Burg schleichen konnte, trafen wir uns im Wald auf einer Lichtung. Sowohl meine Schwertkünste als auch das zielgenaue Treffen mit kleinen Dolchen hatte er mir beigebracht. Auch wenn es mir als Königstochter untersagt war, das Kämpfen und Verteidigen zu erlernen, beschlossen ich und mein Bruder, dass ich diese Künste bei geheimen Treffen lernen würde. Ich war beiden, meinem Bruder und Halvar, dankbar, dass sie mir halfen, obwohl es ihnen teilweise viele Nerven zu kosten schien. „Es ist schon fast Mittag, aber danke.“ Scherzend schickte ich Halvar einen leichten Luftkuss zur Stadtmauer hinauf, dann wandte ich mich wieder mit Madeleine und Jeb unserem Weg über die Blumenwiese zu. Im Gegensatz zu den anderen wild umherhüpfenden Kindern schlenderten wir an den Waldrand und ließen uns auf das weiche dunkelgrüne Moos im wohligen Schatten fallen.
Zur gleichen Zeit entglitt uns allen ein langer Seufzer, denn wir wussten, dass wir solche friedlichen Momente nicht immer haben konnten. Ich legte mich auf den Rücken und blickte zwischen dem saftig grünem Blätterdach zum strahlend blauen Himmel hinauf. Heute war wieder einmal einer dieser Tage, an denen kein einziger weißer Wattebausch das Blau durchbrach. Entspannt schloss ich die Augen und lauschte der angenehmen Stille neben meinen Freunden. Auch sie schienen diesen ruhigen Moment vollends zu genießen. Nachdem wir einige Zeit nichts tuend nebeneinander im Moos lagen, räusperte sich Jeb: „Ich habe uns kleine Leckerbissen aus der Küche mitgenommen. Meine Ziehmutter war zwar ziemlich außer sich, als sie sah, dass ich mich an ihre frisch gebackenen Nussschnecken ranmachte, aber so schnell konnte sie nicht nach dem Besen greifen, hatte ich schon die Flucht ergriffen.“ Jebs Gesicht war wieder mit diesem bezaubernden Grinsen überzogen, als er den kleinen Stoffbeutel mit den noch warmen Nussschnecken auspackte. Schnell schnappten Madeleine und ich uns je eine und bissen genüsslich in den weichen Teig. „Mmh. So lecker“, entfuhr es mir und ich musste lächeln. „Wenn das nicht die besten Nussschnecken im ganzen Land, nein, sogar auf der ganzen Welt sind, dann weiß ich auch nicht!“ Jeb und ich stimmten Madeleine mit einem wohligen Brummen zu. Diese Nussschnecken waren wie der Himmel auf Erden. „Danke für deine Opferbereitschaft, diese Köstlichkeiten mitzunehmen“, stieß ich zwischen den nächsten beiden Bissen hervor und verschluckte mich beinahe. Jeb klopfte mir leicht auf meinen Rücken, während ich versuchte, nicht mehr zu husten. „Das soll aber nicht heißen, dass Ihr, Prinzessin, an diesem Genuss ersticken müsst!“ Er grinste schelmisch zu mir rüber und wir lachten lauthals wie auf ein Kommando.
Nachdem sich jeder von uns dreien jeden kleinen Krümel von den Fingern geleckt hatte, legten wir uns wieder zurück auf das weiche Moos. Ich legte meinen Kopf leicht schräg, um die beiden ansehen zu können. Man brauchte keine Worte, um zu wissen, dass das zwischen Madeleine und Jeb mehr als Freundschaft war. Dennoch versuchten sie, es sich neben mir nicht ankennen zu lassen. Madeleine meinte einst, sie würde niemals riskieren, unsere wertvolle Freundschaft zu ruinieren, um ihrem Herzen zu folgen. Wir seien eine Familie und nichts würde das ändern. Ich hatte ihr damals zugestimmt, obwohl ich mir mittlerweile bewusst war, dass ihre unschuldige Liebe zueinander nichts an unserer Beziehung zu dritt zerstören könnte.
Langsam drehte ich meinen Kopf in die andere Richtung und starrte gedankenverloren über die Wiese. Plötzlich fiel mir ein Schatten auf, der sich geduckt über die Stadtmauer bewegte. Ich setzte mich auf und kniff verzweifelt meine Augen zusammen, um mehr zu erkennen. Leider vergebens, da wir uns zu weit weg von der grauen Mauer befanden. Dennoch verfolgte ich die stockenden Bewegungen des Schattens weiter. Dann, wie aus dem nichts, schosse eine Gruppe ausgebildeter Soldaten hinter dem Schatten nach. Irgendetwas stimmte nicht. Ich konnte es fühlen, meine Magengrube zog sich schmerzend zusammen. Der Schatten lief weiter auf die Soldaten über dem hölzernen Stadttor zu. Ich wollte schon nach Halvar schreien, um ihn zu warnen, da drehten sie sich schon zu der herannahenden Gefahr um. Erleichtert atmete ich aus. Wenn Halvar etwas passieren würde, könnte ich das nicht verkraften.
Die Soldaten auf dem Wachposten zogen ihre stählernen Schwerter, die in der Sonne wunderschön glänzten. Nur ein paar Meter vor den bewaffneten Wachen sprang der Schatten über die Stadtmauer auf den mit leuchtendem Stroh befüllten Holzwagen eines Bauern, der gerade in die Stadt fuhr. Der Soldatentrupp, der ihn jagte, lief über die Treppe innerhalb der Stadtmauern hinunter, während die Wachen über die Mauer hinuntersahen und ihre Bögen spannten. Halvar hob die Hand als Zeichen, dass sie noch abwarten sollten. Der Schatten sprang aus dem Wagen heraus und riss Einiges an gelben Strohfetzen mit sich. Nun konnte ich erkennen, dass es sich um einen schwarzgekleideten Mann handelte, dessen Kampfkleidung mir unbekannt war. Dieser Mann war weder Teil unseres Königreiches noch der umliegenden Reiche. Der Schatten landete weich auf der staubigen Straße und rannte so schnell er konnte über die bunte Wiese auf den Wald zu. In seiner rechten Hand hielt er einen kleinen blutigen Dolch, den er wohl vorher in der Burg benutzt haben musste. Der Soldatentrupp jagte ihm nach, aus dem Stadttor hinaus und über die Wiese. Halvar gab nun seinen Bogenschützen das Zeichen, zu schießen, bevor der Mann außer Reichweite war. Der Schatten wich geschickt aus, dennoch traf ihn einer der Pfeile an der rechten Schulter und ein weiterer in der linken Wade. Kurz schien es, als würde sein Straucheln in einem Sturz enden, doch er fing sich und raste mit vor Schmerzen und Zorn verzerrtem Gesicht weiter zum Wald.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 350
ISBN: 978-3-99107-418-2
Erscheinungsdatum: 23.06.2021
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