Festung des Teufels – Band 3

Festung des Teufels – Band 3

Elisabeth Vinera


EUR 15,90

Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 254
ISBN: 978-3-99064-797-4
Erscheinungsdatum: 10.12.2019

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Kapitel 1
In einer rauen Nacht


Zweiter der Vil Cemie im Jahre des Wolfsschädels 57.
Sanft bedeckte der Schnee des alten Jahres den gefrorenen Boden. Ein verspielter Wind wirbelte Flocken auf und pustete sie wie ein Kind, welches auf einer satten Wiese die flauschigen Samen des Löwenzahns fliegen ließ, über die schlafenden Äcker. Es herrschte Stille in der Einsamkeit von Monshire, dem Hauptsitz der Priester der alten Zeit. Die mondlose Nacht war lang und bitterkalt.
„Zweiunddreißig, dreiunddreißig, vierunddreißig …“ Bibbernd zählte ein Junge namens Everos die Sterne, um sich vergeblich von den niedrigen Temperaturen abzulenken. „Verdammt, ist das eisig“, klapperte er mit seinen Zähnen und zog die Kordel seiner apfelgrünen Kutte mit schmerzenden Fingerkuppen enger. Er war zum Wachdienst auf der Mauer eingeteilt, die die Abtei des Mondes vor unliebsamen Gästen bewahren sollte – ein völlig sinnloser Posten, wenn ihn jemand nach seiner Meinung fragen würde. Allerdings tat das keiner, da er, erkennbar an der auffälligen Farbe seines Gewandes, den Rang eines unwissenden Anfängers bekleidete. Seit Jahrhunderten war nichts passiert, was den Bau des Gemäuers annähernd gerechtfertigt hätte. Selbst als die Armeen des Teufels im Jahre des Drachenblutes 56 den Kontinent gleich einer Heuschreckenplage bestürmten, blieb Monshire von ihnen unbeachtet.
Ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Lenzen, einem gutmütigen Antlitz und der einen Kopf höher gewachsen war, trat zum fröstelnden Everos heran. „Du gewöhnst dich an die Kälte. Mit jedem weiteren Jahr wirst du ihr mehr und mehr trotzen.“
„Das sagst du so einfach. Du bist in Monshire aufgewachsen, warst die unmenschliche Frische sogar ohne den bösartigen Einfluss von Zasra gewohnt und hast zu allem Übel die Rückkehr dieser weißen Schererei vor knapp zehn Jahren miterlebt. Ich wurde fernab dieses Ortes geboren. Dort, wo es immer warm ist und die Menschen die Sonne, nicht den Mond, anbeten. Wir sind glücklicherweise beständig von dem widerwärtigen Matsch und der folternden Eisfront verschont.“
„Dieses Leben in Kanan hast du hinter dir gelassen.“ Der junge Mann stützte seine Unterarme auf dem steinernen Geländer ab.
„Unfreiwillig. Sogar meine geliebte schwarze Haarpracht habt ihr mir rigoros abrasiert“, brabbelte Everos schweren Herzens und strich sich wehmütig über das kahle Haupt. Einen Moment schwieg er und wog innerlich ab, ob er weitersprechen durfte oder lieber darauf verzichten sollte. Dann platzte es verzweifelt aus ihm heraus: „Jin, ich will gehen. Ich will zurück in meine Heimat nach Andúl. Ich gehöre nach Hause zu meinen Eltern. Ich bin erst zwölf und ihr zwingt mich zu einem Leben, das ich nie für mich gewählt hätte. Monshire ist ein Kerker.“
Jin starrte in die Düsternis und erinnerte ihn mit ruhiger Stimme: „In Kanan wollten sie dir die Hände abschlagen, weil du gestohlen hattest. Du kannst froh sein, dass Meister Piquell de Vason zur Stelle war und dir dank seinem Fürspruch eine neue Existenz in unseren Reihen bescherte. Verlässt du die Abtei, bist du vogelfrei. Das weißt du.“
„Für Meister Piquell war ich gefundenes Fressen. Sieh dich doch um, Jin de Gross! Die hundekalten Mauern dieser eintönigen Klosteranlage beherbergen fast nur noch alte Knacker. Ich habe von einem neuen, fortschrittlichen Clan gehört. Umbruch wird er genannt. Seine Anhänger wenden sich zu Recht von den Heiligenfiguren ab. Was haben denn all die Gottheiten, die sich nicht einmal zeigen, sondern einzig durch Legenden erhalten werden, jemals für uns getan? Umbruch propagiert, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Insbesondere schließen sich ihm junge Menschen begeistert an. Wir könnten zwei davon werden. Ich prophezeie dir, die Zeit einiger alteingesessener Clane ist vorbei.“
„Bedarf es denn immer der Beweise, um zu glauben? Manchmal genügt es, wenn man sein Mitgefühl zeigt, damit dir ein Wunder begegnet. Du bist grün hinter den Ohren und klopfst große Sprüche.“ Jin grinste ihn verschmitzt an und deutete dabei auf das schlichte Gewand, das Everos trug. Dieser ermahnte ihn beleidigt: „Deine Tracht ist gleichermaßen giftgrün, vergiss das nicht!“
„Nicht mehr lange“, wisperte Jin in die raue Nacht und sein warmer Atem formte sich sichtbar im spärlichen Licht der verankerten Fackeln. „Zwei oder drei Jahre schätzt Meister Olong. Dann bin ich so weit, die blaue Kutte der Meister anzulegen.“
„Das ist eine Ewigkeit. Willst du in dieser Ruine verrotten? Ich nicht! Ich will auch keinen blauen Sack tragen! Ich will weg. Es gibt zwei markante Unterschiede zwischen euch und mir. Der erste ist meine braune Hautfarbe. Ihr seid alle blass wie Leichen oder dieser verfluchte Schnee. Meine Hautfarbe wird immer ein Signum dafür sein, woher ich stamme. Deshalb kann ich im Grunde nie ein Teil von euch sein. Der zweite Unterschied besteht darin, dass mein Herz niemals für eure Mondgöttin Selene schlagen wird.“
Jin drehte der Ferne seinen Rücken zu und lehnte sich an die Brüstung. „Du machst dir Sorgen wegen deiner Hautfarbe? Meister Rusin va God ist nicht braun, er ist schwarz. Der kleine Meros fragte ihn neulich, ob er sich ebenso anmalen dürfte.“ Everos guckte ihn verwundert an und beide lachten herzhaft.
„Ich mag dich, Jin de Gross. Dennoch werden weder du noch ein anderer mich in Monshire halten können. Der Ruf der Heimat hallt in meinen Ohren. Wenn nicht bald etwas Interessantes geschieht, das die Greise der Abtei mit neuen Lebensgeistern füllt, schwöre ich dir, ziehe ich von dannen, ehe euer verrückter Hahn am siebten Morgen kräht.“
„Dann muss der Vogel wohl am sechsten Tag in den Topf. Schade! Immerhin verdanken wir seinem bemerkenswerten Schrei, dass sogar die Schwerhörigen pünktlich ihr Lager verlassen“, zwinkerte Jin. „Du willst ein Abenteuer? Wenn du in Selenes Gunst stehst, wird sie dein Gebet erhören.“
Jin de Gross wollte soeben die Stufen zum Innenhof hinabsteigen, da erklang zögerlich die warnende Glocke auf der anderen Seite der Mauer. Zuletzt war dieser Ton vor etwa einem Monat zu hören gewesen, als einer der Alten einen hungrigen Hasen für einen tollwütigen Wolf gehalten hatte. Jin fragte sich zu dieser Zeit, ob sein Verstand ihm in vier bis sechs Jahrzehnten ebenso skurrile Sachen vorgaukeln würde.
„Bestimmt wieder ein Kaninchen“, rief Everos scherzend Jin nach, der sich zum gegenüberliegenden Wachposten aufmachte und murmelte: „Oder dein Abenteuer hat sich angekündigt.“
Jin stapfte durch den knöchelhohen Schnee im Hof und erklomm eiligen Schrittes die zweite Treppe zum Gemäuer. Oben wurde er hektisch vom Priester Emeraud erwartet, der den Alarm geläutet hatte.
„Jin, Jin! Gut, dass du da bist. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Da draußen sind zwei.“ Mit geröteten, dicken Wangen und durchgefrorenem korpulenten Leib verlor der knapp fünfzigjährige Ordensbruder vor lauter Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, fast die Nerven.
„Beruhige dich, Bruder Emeraud. Was ist dort unten?“ Jin nahm eine Fackel aus der Vorrichtung und beugte sich über das Geländer.
Emeraud kam mit seinem Mund dicht an Jins Ohr und flüsterte furchtsam: „Zwei Menschen.“
Jin hielt in seiner Bewegung inne, schnupperte und musterte ihn daraufhin vorwurfsvoll. „Hast du wieder getrunken?!“
„Nur ein klitzekleines Schlückchen“, zeigte Emeraud ein winziges Maß zwischen Daumen und Zeigefinger. „Wirklich. Das hat nichts damit zu tun.“
„Doch! Es erklärt einiges. Ich muss das dieses Mal melden. Es ist genug! Du kennst die Regeln.“
Emeraud hielt Jin am Arm fest, der sich gerade abwenden wollte. „Jin, ich flehe dich an, das nicht zu tun. Sie werfen mich sonst raus. Überlege, mein junger Freund! Hätte ich es riskiert, dich oder gar einen anderen über die Glocke zu rufen, wenn ich bloß verdeutlichen wollte, dass mich Hirngespinste dank des süßen Weins plagen? Mir ist bekannt, was für mich auf dem Spiel steht. Ich bitte dich, Jin, sieh hin!“ Emeraud nahm ihm die Fackel ab und warf sie über die Brüstung in das freie Gelände.
„Hey, passt gefälligst auf wo ihr euren Kram hinschmeißt! Was ist nun, Pfaffe? Dürfen wir rein? Oder müssen wir über euren Gartenzaun klettern?“, wetterte eine weibliche Stimme vor der Mauer. Jin spähte sofort herunter und sichtete im Schein des Feuers eine verärgerte Frau, die die lodernde Fackel aufgenommen und eine Hand in die Hüfte gestemmt hatte. Bis auf einen Schatten war von ihrem Begleiter, der am Wall kauerte, nichts zu erkennen.
„Wer seid ihr?“, fragte Jin. Für einen kurzen Moment kehrte die Erinnerung an eine stürmische Nacht in seine Gedanken zurück, in der einem Mädchen die für Auswärtige dauernd verschlossenen Tore der Abtei geöffnet wurden, sie sogar vom Hohepriester empfangen wurde und wenige Tage nach ihrer Ankunft die Gemeinschaft mit dem Ordensbruder Akira verließ.
„Mach die blöde Tür auf oder ich trete sie ein! Mein Bruder braucht Hilfe!“
Jin guckte Emeraud unschlüssig an, der ratlos mit den Schultern zuckte. Er verkniff sich, die sarkastische Erkundigung, wer von beiden das blaue Gewand trug und demzufolge entscheidungsberechtigt war.
„Wenn er krank ist … Wir können ihn ja schlecht vor dem Kloster sterben lassen“, murmelte Jin und schätzte die Konsequenzen für sein bevorstehendes Handeln ab.
Der Schnee knirschte unter den sich nahenden Schritten. Everos stieß unverhofft mit einer kleinen Laterne dazu. „Was gibt es? Ist etwas passiert?“
Jin rügte ihn ohne Umschweife: „Was tust du hier? Du darfst deinen Posten nicht verlassen! Geh zurück!“
Von draußen ertönte drohend: „Ich zähle bis drei, dann macht ihr entweder freiwillig eure Burgruine auf oder ich brenne das lächerliche Holztürchen mit dem Feuer ab, das ihr mir rüber geworfen habt.“
Everos’ Neugier war geweckt. Bevor er jedoch einen Blick auf das Geschehen außerhalb der Anlage erhaschen konnte, stellte Jin sich ihm in den Weg und wies ihn mit deutlichem Nachdruck an: „Geh zurück! Das ist ein Befehl, Everos! Keine Bitte!“
„Wir stehen auf der gleichen grünen Stufe, Jin. Du hast mir nichts zu befehlen.“
Jin versetzte Emeraud einen leichten Tritt, der glücklicherweise den Hintergrund dessen verstand und rasch anordnete: „Als ein untertäniger Meister Selenes gebiete ich dir, unverzüglich auf deinen Posten zurückzukehren.“
„Eins“, begann die Frau ermahnend laut zu zählen.
Everos wusste um Jins Schlauheit, ebenso um seine Großherzigkeit, an die er nun versuchte zu appellieren: „Vielleicht hat Selene mich erhört. Vielleicht ist diese Nacht dafür vorgesehen, mich zu eurem Glauben zu bekehren. Es könnte sich alles ändern, Jin. Das Leben hier könnte leichter, erträglicher und erfüllter für mich werden. Lass mich dabei sein. Bitte, Jin.“
Eine Leidenschaft brannte in seinen dunklen Iriden, die Jin nie zuvor bei Everos hatte entdecken können. Möglicherweise hatte er recht. Oder es war ein Fehler. Das würde man allerdings erst im Nachhinein feststellen.
„Zwei.“
Jin wandte sich von Everos ab, um halbwegs klare Gedanken fassen zu können. Für den Burschen war es ein Zeichen, dass er bleiben durfte. Hätte Jin keinen kahlen Kopf gehabt, wie es unter den Priestern gebräuchlich war, dann hätte er sich überlegend die Haare gerauft. Stattdessen hielt er die Hände gegen seine Schläfen, wie Meister Olong es ihm gezeigt hatte, und konzentrierte sich auf seine innere Mitte. Diese wenigen Sekunden waren für ihn ein Fenster zur Ewigkeit. Er drang in sein eigenes Unterbewusstsein ein – eine eigenständige, feinstoffliche Welt ohne jegliche räumliche Begrenzung. Der unendliche Horizont war in das Licht der sanften Abenddämmerung getaucht. Auf einer Wolke saß im Schneidersitz sein Geistführer, ein betagter Mann mit schlankem, langen Gesicht und geschwungenen Lippen. Der Schnurrbart war zu zwei dünnen waagerechten Linien gedreht und seine geflochtenen Haare reichten bis zu seiner Hüfte. Ein Hütchen mit einer winzigen Glocke, ein weißes Hemd und eine schwarze, weite Bundhose kleideten ihn.
„Ein schwieriges Unterfangen“, sprach der Geistführer und öffnete bei Jins Ankunft seine schmalen azurblauen Augen.
„Meister, welchen Rat könnt Ihr mir gewähren?“ Jin kniete sich auf einem aus dem Wolkenfeld ragenden Felsen nieder und setzte sich auf seine Fersen.
„Diese Entscheidung ist von großer Tragweite. Keiner der Pfade, die dir in dieser Situation zu Füßen liegen, wird mit gutem Ausklang sein Ende nehmen. Es geht um viel mehr, als wir jetzt erahnen können. Schickst du sie fort, wird ihre Rache und die ihres Volkes fürchterlich sein. Die Priesterschaft des Mondes wäre vermutlich dem Untergang geweiht. Gewährst du den Fremden den Einzug, wirst nicht nur du einen hohen Preis dafür bezahlen.“
Überfordert strich sich Jin über das erhitzte Gesicht, blies die Wangen auf, um kurz darauf seinen Atem mit der Anspannung zu entladen. „Das klingt, als wäre es egal, wofür ich mich entscheide.“
„Egal ist nie etwas. Jede Entscheidung bestimmt den weiteren Verlauf der Geschichte.“
„Aber wenn der Ausgang stets ungünstig ist, werden mich viele Menschen verachten, unabhängig davon, welchen der Wege ich erwählt habe.“
„Du bist reif und wurdest auserwählt, derjenige zu sein, der die Zukunft des Clans in ihre entsprechende Bahn lenken darf.“
„Auserwählt? Wer hat mich dafür bereit gefunden?“
„Drei.“
„Jin!“, rüttelte Everos heftig an seinem Ärmel und holte ihn gedanklich wieder nach Monshire. „Die will wirklich das Tor anzünden!!!“
Jin stockte der Atem. Sein Puls überschlug sich. Das Holz war dermaßen feucht, dass es gewiss nicht brennen würde. Die Bedrohung durch das heiße Element war also nicht sein Problem, sondern die Wahl, welche ihm derb auf den Magen schlug. Jemand setzte enormes Vertrauen in ihn, den richtigen Entschluss zu fassen. Er beugte sich hastig über die Brüstung, wäre zu allem Übel fast noch schwungvoll heruntergefallen und schrie: „Warte!“
Die Frau hielt die Fackel und stand vor dem Tor.
„Ich komme. Der Einlass ist euch gestattet“, fügte Jin zügig hinzu. Er wandte sich an Everos: „Wecke Meister Olong! Hol ihn her! Niemand anderen! Lauf!“ Everos machte widerspruchslos kehrt und rannte los.
Jin griff nach dem rundlichen Emeraud und hechtete mit ihm die Treppe hinunter. „Wir müssen das unbedingt geheim halten. Wenn der Hohepriester erfährt, dass eine Frau unser Gast ist, will ich nicht wissen, was mit uns geschieht.“
Emeraud hatte Mühe Jins Tempo zu halten und keuchte: „Das Mädchen im Jahre des Drachenblutes 56 soll ein wahrer Segen gewesen sein. Gehen wir also optimistisch an die Sache heran.“

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