Science Fiction & Fantasy

Es war einmal ... Liebe

Carmen Sand

Es war einmal ... Liebe

Leseprobe:

Hamburg

Verzweiflung

„Das ist nicht euer Ernst! Das glaub ich jetzt nicht!“ Wütend stampfte ich mit dem Fuß auf, ärgerte mich aber sofort über diese kindische Geste. Das half mir natürlich überhaupt nicht weiter! Aber es war so unglaublich ungerecht!
Da saßen meine Eltern – unruhig auf dem Sofa hin- und herrutschend – und versuchten mir beizubringen, dass ich in einigen Tagen –, noch vor meinem 17. Geburtstag –, zu meiner Oma an die Ostsee ziehen musste. In dieses kleine Kaff in der Nähe von Eckernförde. Für die Ferien war es dort ja ganz schön, aber das war auch schon alles. Leben wollte ich da auf gar keinen Fall. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich war eine Großstadtgöre, keine Landpomeranze!
„Nein, ich will das nicht! Ihr könnt mich dazu nicht zwingen. Ich bleibe hier!“ Ich drehte mich um und wollte wutentbrannt das Zimmer verlassen; nach Möglichkeit noch die Tür ordentlich zuknallen, sodass die Scheiben wackelten, um meiner Meinung Nachdruck zu verleihen.
Doch mein Abgang wurde durch die Stimme meines Vaters unterbrochen. „Marissa –, sei doch vernünftig. Ich kann dieses Angebot aus Italien nicht ablehnen und Mama wird mich begleiten, damit wir in Ruhe entscheiden können, ob für uns der Umzug infrage kommt. Und nein!“ Er hob seine Hand und unterbrach damit meinen Versuch, ihn zu unterbrechen. „Du kannst nicht mitkommen. Du hast dein letztes Schuljahr vor dir. Mach du erst mal dein Abi. Wenn wir uns entscheiden dort zu bleiben, kannst du dich nächstes Jahr selbstverständlich an der Uni in Rom einschreiben.“
Ohne es zu wollen, stiegen mir die Tränen in die Augen und meine Lippen fingen an zu zittern. Ich fühlte mich hilflos, wehrlos und abgeschoben. Und es war so verdammt ungerecht! Meine Eltern würden nach Italien reisen, weil mein Vater dort ein gutes Jobangebot bekommen hatte, und ich musste zu Oma in dieses kleine Kaff ziehen.
Meine Oma war toll, das war es nicht. Sie war lieb und lustig, ein bisschen schräg vielleicht … Doch ich liebte sie. Aber zu ihr in dieses kleine Dörfchen ziehen, wo abends um sechs die Bürgersteige hochgeklappt wurden? Das war für eine 17-Jährige, die anderes gewohnt war, keine tolle Aussicht. Ich würde mich langweilen. Und wenn ich erst an diese ganzen Dorfdeppen dachte! Die Mädchen würden Bauerntrutschen sein, mit unmöglichen Klamotten, und ihre einzigen Probleme wären die neusten Strickmuster … Und die Jungs würden vermutlich in Gummistiefeln rumlaufen und nach Kuhstall stinken. Für mich ein Graus, mir rollten sich schon bei dem Gedanken daran die Fußnägel hoch! Und meine Eltern würden in Rom eine wahnsinnig aufregende Zeit verbringen.
„Es muss doch in Rom eine deutschsprachige Schule geben. Ganz sicher! Ihr habt bestimmt nur nicht gründlich nachgeforscht! In so einer Weltstadt muss es einfach auch eine Schule für Einwanderer geben.“ Wieder stampfte ich mit dem Fuß auf. Okay, das war albern … Das machte man nicht mehr mit fast 17. Aber das war jetzt wirklich eine Ausnahmesituation. Sie mussten doch einsehen, wie unfair das war!
„Ach Schatz“, meine Mutter stand auf und kam zu mir, um mich in den Arm zu nehmen. „Wenn es uns in Italien gefällt und wir alles geregelt haben, dann können wir darüber noch einmal sprechen. Aber noch wissen wir doch gar nicht, ob ein Umzug für uns überhaupt infrage kommt! Vielleicht kommen wir in zwei oder drei Monaten wieder zurück, weil es uns gar nicht gefällt.“
„Mama, bitte! Nehmt mich doch mit! Ich will nicht zu Oma ziehen. Was soll ich denn da? Ich passe da doch gar nicht hin. Das musst du doch verstehen, schließlich bist du dort selbst aufgewachsen.“ Mist, jetzt kamen mir wirklich die Tränen. Ich wollte mich doch erwachsen benehmen, meine Eltern mit Argumenten überzeugen, mich mitzunehmen. Und nun stand ich hier und heulte wie ein Kleinkind.
„Nein, Schatz. Das Leben in Italien ist so ganz anders als unser Leben hier. Wir müssen uns das in Ruhe ansehen und entscheiden, ob es für uns passt oder nicht. Bitte versuch das zu verstehen und mach es uns doch nicht unnötig schwerer, als es ohnehin schon ist. Wir lassen dich wirklich ungern alleine, aber wir sind der festen Überzeugung, dass es so das Beste ist.“
Verdammt! Verdammt! Verdammt! Jetzt kroch die Wut in mir hoch. Es war einfach nur ungerecht. Passend zu meinen Gefühlen zog draußen urplötzlich ein heftiges Gewitter auf. Die Donnerschläge dröhnten und heftige Blitze zuckten. Hinzu kam ein regelrechter Starkregen, der gegen die Fenster peitschte. Meine Eltern warfen sich einen merkwürdigen Blick zu, den ich nicht deuten konnte, mir war es aber auch egal. Ich entwand mich den Armen meiner Mutter und stürmte in mein Zimmer. Dort schmiss ich mich aufs Bett, vergrub das Gesicht in den Kissen und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich fühlte mich einfach nur schrecklich. Das Gewitter passte haargenau zu meinen Gefühlen.
Nach einiger Zeit hörte ich auf zu weinen. Ich setzte mich in meinem Bett auf, winkelte die Beine an und überlegte, was ich nun machen sollte. So kam ich nicht weiter. Meine Eltern blieben hart, das war mir klar geworden. Ich würde sie nicht überzeugen können, weder mit Tränen noch mit Wutanfällen … Und auch nicht mit sachlichen Argumenten.
Mann! Wie konnte sich alles nur so schnell verändern? Vor einigen Stunden war ich aus der Schule gekommen und hatte mich auf sechs Wochen Sommerferien gefreut. Ja, zugegeben, ich hatte mich auch auf die Ostsee gefreut. Ich wollte nämlich meine Oma eine Woche besuchen. Aber eine Woche in den Sommerferien war etwas ganz anderes als ein Umzug dorthin. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
Plötzlich flog meine Zimmertür krachend auf und mein Hund Rod – ein Rottweiler – stürmte ins Zimmer und versuchte, zu mir aufs Bett zu kommen. Trotz seiner knappen 50 Kilo benahm er sich gerne wie ein Schoßhündchen. Tief in seinem Herzen war er ein Zwergpudel, auch wenn er definitiv nicht so aussah. Dieses Mal ließ ich ihn zu mir aufs Bett rutschen und kuschelte mich an den warmen Hundekörper. Allmählich merkte ich, wie ich ruhiger wurde und abschaltete, und dann musste ich eingeschlafen sein.

Einige Zeit später schlug ich die Augen auf und bemerkte, dass es bereits dämmerte und das Gewitter aufgehört hatte. Seufzend stand ich auf. Rod lag nun vor meinem Bett und schnarchte zufrieden im Schlaf. Ich schnappte mir meine Lederjacke, da es nach dem Gewitter ziemlich abgekühlt war, schlüpfte in meine schwarzen Leder-Chucks und verließ ohne ein Wort die Wohnung. Ich musste einfach erst mal raus hier. Deshalb machte ich mich auf den Weg zu meiner besten Freundin Annalena.
Anna wohnte nur zwei Straßen weiter und wir waren seit dem Tag der Einschulung unzertrennlich. So lief es bei mir immer: Entweder mochte ich die Person vom allerersten Moment an oder aber sie konnte mir für alle Zeiten gestohlen bleiben.
Anna war gerade in einer revolutionären Phase. Sie fand Punk klasse … Dazu gehörten ein prächtig pinker Irokesenschnitt auf ihrem Kopf, schrille Klamotten und natürlich Punkmusik. Ich fand es okay, aber so richtig anfreunden konnte ich mich mit Punk nicht. Auffallen war natürlich wichtig, klar. Aber ich bevorzugte eher einen lockeren, rockigen Style … Bloß nichts tragen, was alle trugen. Wenn H&M ein Shirt rausbrachte, trug es eine Woche später die halbe Schule. Das war definitiv nichts für Anna und mich.
Ich trug am liebsten Schwarz – meine absolute Lieblingsfarbe – und nein, ich war kein Emo oder Gruftie! Ich kombinierte meine schwarze Garderobe gerne mit pinken oder lila Klamotten, rosa war auch okay, selten weiß … Blue Jeans trug ich auch manchmal.
An dem Tag trug ich schwarze Jeans mit einem engen schwarzen Shirt und darüber ein schwarzes Kleid ohne Ärmel, natürlich auch eng geschnitten, welches fast bis auf die Knie fiel, und dazu meinen neuen dunkelvioletten Nagellack in der Nuance night violet. Oh Mann, mir schossen schon wieder die Tränen in die Augen. Damit wäre es ja nun auch bald vorbei. Auf dem Dorf bei meiner Oma trugen die Mädels bestimmt keinen Nagellack oder Lippenstift und wenn, dann wohl nur im zarten Rosa … Seufzend stieg ich die Treppen zu Annas Wohnung hinauf und klingelte an der Haustür. Es dauerte keine 30 Sekunden, da wurde die Tür von einem gut gelaunten Wirbelwind geöffnet. Anna trug schwarze, glänzende Leggings, darüber einen pinken Spitzenrock und ein schwarzes enges Shirt, dazu schwarze Schnallenpumps, pinken Lippenstift und pinken Nagellack. Wie gesagt … Sie war in einer punkigen Phase.
„Da bist du ja endlich, wo warst du denn den ganzen Nachmittag? Die Ferien haben angefangen, wir hätten ins Schwimmbad gehen sollen!“ Trotz ihrer guten Laune klang sie etwas vorwurfsvoll.
„Anna!“ Schluchzend warf ich mich meiner besten Freundin in die Arme. „Es ist so schrecklich, ich weiß nicht, was ich machen soll!“ Und dann sprudelte ich einfach drauflos, während wir da in der Wohnungstür standen.
„Warte mal, Mari.“ Anna schob mich durch den Flur in ihr Zimmer, stupste mich leicht in Richtung ihres Bettes und setzte sich neben mich. „So, nun erzähl mal in aller Ruhe. Was ist los?“
„Meine Eltern gehen nach Rom, weil mein Vater dort einen neuen Job angeboten bekommt, und ich werde abgeschoben, zu meiner Oma an die Ostsee!“
„Du verarscht mich jetzt, oder?“
„Sehe ich so aus?“
„Nee … Aber das geht doch nicht! Du kannst doch nicht einfach weggehen!“

„Ich gehe nicht weg, ich werde gegangen!“ Wütend kickte ich eine leere Colaflasche durchs Zimmer.
„Oh Mann! Ich kann das gar nicht glauben. Wir gehören doch zusammen. Wie soll ich denn hier ohne dich das nächste Schuljahr überstehen, mit all den Schwachköpfen?“ Anna sprang auf und lief aufgeregt durchs Zimmer.
„Pah, was glaubst du, was mich für Schwachköpfe erwarten? Alles Dorfdeppen in Gummistiefeln. Verdammt, verdammt, verdammt!“ Ich sprang auf und stand dann unschlüssig einfach nur da … Was sollte ich auch tun?
„Oh Mari!“ Anna nahm mich in den Arm und fing an zu weinen.
„Hey Anna, nicht weinen! Ich habe schon genug geheult heute, das reicht für uns beide.“ Ich befreite mich vorsichtig aus ihrer Umarmung und versuchte, einigermaßen gefasst auszusehen. „Komm, lass uns rausgehen, ja? Ich muss den Kopf freikriegen.“
Mit dem Bus fuhren wir in die Hamburger Innenstadt. Es war eine ziemlich schweigsame Fahrt. Irgendwie hingen wir beide unseren Gedanken nach und starrten aus dem Fenster. Am Gänsemarkt stiegen wir aus und gingen über die Straße zur Binnenalster. Ein Stück weiter konnten wir runter ans Ufer. Wir fanden eine freie Bank, auf die wir uns setzten und dem bunten Treiben auf der Alster zusahen, das trotz der Dämmerung noch herrschte, den Alsterdampfern und den kleinen Privatbooten.
Anna sah mich an und versuchte ein Lächeln. „Wann ist es denn so weit?“
„Du, das weiß ich gar nicht. Auf jeden Fall noch vor meinem Geburtstag. Meine Eltern haben gesagt, dass ich ihn nicht hier feiern kann …“ Ich sammelte einige Kiesel vom Boden und warf sie wütend und frustriert ins Wasser.
„Was? Wir können deinen Geburtstag nicht mal feiern? Aber du wirst 17! Wir wollten doch in den Kaiserkeller zur Feier des Tages! Das kann doch nicht angehen.“
„Ich weiß … Ich komm damit doch auch nicht klar. Ich habe mich so auf meinen Geburtstag gefreut. Doch statt im Kaiserkeller werde ich bei Oma auf der Terrasse sitzen … einsam und traurig … Ein toller Geburtstag wird das!“
„Nee, das lassen wir uns nicht gefallen! Mari, komm! Da müssen wir doch was machen. Sie können dir doch nicht deinen Geburtstag komplett versauen. Vielleicht kannst du zu mir kommen und bei uns übernachten. Meine Eltern haben bestimmt nichts dagegen.“
„Gute Idee! Das könnte klappen. Ich werde meine Eltern fragen, okay?“ Ein kleines bisschen Hoffnung keimte in mir auf. Vielleicht würde mein Geburtstag ja doch noch ganz schön werden …
„Oh nein!“ Anna stöhnte neben mir auf und deutete mit dem Kopf leicht nach links. Vorsichtig schielte ich zur Seite. Na klasse, das hatte heute ja gerade noch gefehlt! Da kamen drei Jungs aus unserer Schule, die immer auf Ärger aus waren. Sie hatten uns schon öfter angemacht, aber bisher waren wir immer glimpflich davongekommen. Aber hier unten an der Binnenalster war nun weit und breit keine Hilfe in Sicht. Klasse!

„Ach nee, wen haben wir denn da? Den Punkie und die Göre!“ Leon wurde bei diesen Worten irgendwie gleich um das Doppelte breiter in der Brust als vorher … Es gibt solche Typen, denen schwillt die Brust vor lauter Coolness und Angeberei sofort an … Die sind so cool, dass es hinter ihnen auch im Sommer schneit. Leon jedenfalls war so ein Typ. Und nun hatte er uns auf dem Kieker. Das Beste war: bloß keine Angst zeigen!
„Ach nee, wen haben wir denn da? Den Gorilla mit seinen Läusen!“, äffte ich ihn nach. Ich wunderte mich selbst, dass meine Stimme nicht zitterte … Innerlich zitterte ich jedenfalls wie verrückt. Eigentlich schrie alles in mir nach Flucht, aber äußerlich blieb ich ruhig. Wahrscheinlich war ich durch die heutige Schreckensbotschaft emotional so erschöpft, dass es zum Zittern nicht mehr reichte. Anna neben mir zog jedoch scharf die
Luft ein.
„Bist du verrückt?“, zischte sie mir zu.
Leon blieb einige Schritte vor uns stehen und verschränkte die Arme vor der geschwellten Brust. Seine beiden Läuse, Mike und Felix, stellten sich zu seinen Seiten auf. „Hast ja ne ganz schön freche Klappe. Ist in eurer Situation vielleicht nicht angebracht“, sagte er und sah mich herablassend an.
„Kannst die Wahrheit wohl nicht ab, was?“ Oh Gott, wo kam das nun wieder her? Die Worte sprudelten einfach so heraus … „Bringt doch auch nix, wenn ich mir vor Angst hier in die Hose pinkle.“
„Da könntest du recht haben. Also, was macht ihr hier?“
„Wir sitzen hier und genießen den schönen Ausblick … Bisher jedenfalls. Der jetzige Anblick ist ja nicht so sehenswert.“ Verdammt! Ich musste aufhören, ihn so zu provozieren, aber ich konnte einfach nicht.
Leons Gesicht wurde eine Spur dunkler und sein Ausdruck bissiger. Jetzt sah er nicht mehr herablassend aus.
„So, findest du das, ja?“ Er trat drohend einen Schritt vor, seine beiden Kumpel folgten.
Ich gab die Konfrontation auf und blickte einfach zur Seite. Meinen Mund konnte ich ja anscheinend nicht kontrollieren, da war es wohl besser, wenn ich ihn einfach hielt.
„Hey Jungs, lasst uns aufhören, ja? Marissa hat heute einen schlechten Tag, okay? Ignoriert uns doch einfach.“ Anna versuchte zu schlichten … Das passte wieder einmal zu ihr.
„Hey Punkie, dafür ist es wohl ein bisschen zu spät.“ Leon fing an, blöde zu grinsen.
„Mensch Leon, was soll das? Was wollt ihr denn von uns?“ Jetzt wurde ich wieder wütend. Ich stand auf und sah ihn direkt an. Was sollte er schon machen? Mich verprügeln? Er würde sich doch nicht mit einem Mädchen schlagen, oder doch?
„Ja, lass mal überlegen … Was wollen wir denn mal von euch? Vielleicht ein bisschen Spaß haben … Was meint ihr, Jungs?“ Die beiden grinsten blöd und hirnlos, wie es solche Handlangertypen nun mal an sich haben. In dem Moment wurde mir bewusst, dass er es ernst meinte. Die Frotzelei war vorbei.
„Packt sie“, zischte Leon. Mike und Felix sprangen vor und packten mich an den Armen. Zwei Typen, um ein Mädel festzuhalten … Was sollte das nun wieder? Nun wurde mir allerdings wirklich mulmig zumute. Mein loses Mundwerk ließ mich glatt im Stich. Warum nur hatte ich Rod nicht mitgenommen? Wäre er dabei, hätte mich niemand anfassen können! Ich sah schnell zu Anna und rief: „Lauf!“ Anna drehte sich um und rannte los. Leon fluchte, setzte zu einer Verfolgung an, blieb aber nach wenigen Schritten gleich wieder stehen, drehte sich um und kam langsam auf mich zu. Er hatte ein breites, gemeines Grinsen im Gesicht. Ich konnte nur hoffen, dass Anna schnell Hilfe fand. Was auch immer Leon vorhatte, ich war völlig hilflos. Und endlich – allerdings viel zu spät – bekam ich richtig Angst. Ich hatte das Gefühl, als schnürte sich mir der Hals zu. Mein Herz schlug wie wild in meiner Brust und mir wurde schlagartig schrecklich übel.
Da sah ich aus den Augenwinkeln heraus links im Gebüsch eine Bewegung. Was war das?
Plötzlich ging alles ganz schnell. Aus dem Gebüsch sprang ein riesiger Hund. Er sah ziemlich schäbig aus, vermutlich war es ein Streuner. Er hatte kurzes schwarzes, verfilztes Fell. Er stellte sich zwischen mich und Leon, bleckte die langen, scharfen Zähne und ließ ein tiefes Knurren ertönen. Es hörte sich schrecklich an. Ich spürte, wie sich die feinen Härchen an meinen Armen aufstellten. Mike und Felix ließen mich vor Schreck los und wichen zurück. Leon selbst wurde kreidebleich. Der Hund ging langsam auf Leon zu, die Lefzen waren hochgezogen, die Zähne deutlich gebleckt. Als er kurz vor Leon war, sprang er vor und schnappte. Leon ließ sich in letzter Sekunde nach hinten fallen und lang nun ungeschützt vor dem Hund auf dem Boden. Er hielt seine Hände schützend vors Gesicht und zitterte am ganzen Körper.
Ich war total überrascht, aber Angst hatte ich auf einmal keine mehr. Ich war ganz ruhig. Ich kannte den wilden Streuner nicht, aber ich empfand keine Angst vor ihm. Wieso nicht? Er war ein wilder Hund, der sich auf Leon stürzte. Ich war so verwirrt, dass ich gar nicht bemerkte, dass Felix und Mike davongerannt waren. Ich starrte wie gebannt auf Leon und den Hund. An Leons Hose hatte sich nun ein verdächtig dunkler Fleck gebildet. Peinlich, peinlich. Leon begann zu wimmern und zu heulen.
„Ruhig, ganz ruhig. Es ist alles gut. Komm her, komm.“ Überrascht stellte ich fest, dass mein Mund schon wieder von selbst redete, ohne dass ich die Absicht dazu gefasst hatte. Die Worte kamen einfach aus mir heraus. Der Hund blickte sich um, legte den Kopf schief und sah mich fragend an. „Feiner Hund, so ist brav, komm her, komm schon.“ Zu meiner Verwunderung drehte der Hund sich tatsächlich um und kam zu mir getrottet. Er setzte sich vor mich hin und sah mich abwartend an.
„Verdammt, ist das dein Köter?“ Leon schrie mich wütend an. Er hatte sich halbwegs auf die Füße gekämpft und starrte mich hasserfüllt an. Der Hund aber, der eben noch lammfromm vor mir saß, warf sich herum und sprang auf Leon zu. „Nein!“ Ich schrie in Panik, ich mochte Leon wirklich nicht, aber ich wollte bestimmt nicht, dass er hier von dem riesigen Hund gebissen wurde. Der Hund hörte meinen Schrei, konnte seinen Sprung aber nicht mehr bremsen und prallte mit voller Wucht gegen Leon. Der fiel rückwärts um und knallte ziemlich hart auf den Boden auf. Der Hund sprang einfach weiter und lief auf das Gebüsch zu. Nach einigen Sprüngen war er verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben oder als hätte ich ihn mir nur eingebildet. Aber nein, das konnte nicht sein. Leon lag nämlich tatsächlich mit schmerzverzerrtem Gesicht und vollgepinkelter Hose auf dem Boden. Vorsichtig näherte ich mich ihm.
„Leon, ist alles in Ordnung? Soll ich einen Arzt rufen?“, fragte ich vorsichtig und setzte dann gleich noch hinzu: „Und nein, es war nicht mein Hund.“
„Hau bloß ab!“, knurrte Leon. „Verschwinde lieber, bevor ich wieder auf den Beinen bin. Und halt bloß dein Maul! Wenn du auch nur ein Wort hierüber verlierst …“
Ich hatte zwar jetzt keine Angst mehr vor Leon, aber ich hatte genug von dieser Konfrontation. Also drehte ich mich um und ging in die Richtung, in die auch Anna gegangen war. Leons Helferlein würden sicher bald aus ihrem Versteck hervorkommen und sich um ihn kümmern. Nach einigen Metern hörte ich plötzlich aus dem Gebüsch zu meiner Rechten ein Flüstern.
„Pst, Mari! Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Anna?“ Erleichtert teilte ich das Gebüsch und half meiner besten Freundin heraus. „Ja, es ist alles in Ordnung. Du wirst es nicht glauben, aber mir ist ein wahrhaftiger Höllenhund zu Hilfe gekommen.“
„Haha, sehr witzig. Ich hatte ganz schöne Angst.“
Überrascht sah ich sie einen Momentan. Sie glaubte mir tatsächlich nicht. Grinsend nahm ich ihre Hand. „Na komm, lass uns lieber nach Hause fahren. Es wird gleich dunkel sein.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 538
ISBN: 978-3-95840-926-2
Erscheinungsdatum: 10.03.2020
EUR 20,90
EUR 12,99

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