Cover: Engelskrieg – Der Aufbruch

Engelskrieg – Der Aufbruch


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 344
ISBN: 978-3-99185-075-5
Erscheinungsdatum: 16.03.2026
Als eine Gruppe Krieger vor der Tür der ungeschickten Sophia und ihrer Zwillingsschwester steht, um sie auf eine Reise in eine fremde Welt mitzunehmen, erfahren die Mädchen von ihrer Herkunft, von Magie und einer Prophezeiung, die ihr Leben verändern wird…
1

Eine dunkle Gestalt sitzt in der Mitte eines großen, finsteren Raumes. Die Fenster sind mit schweren Vorhängen verdunkelt und die Fensterläden fest verschlossen. Jegliches Licht von außen wird vollständig abgedämmt, nur ein paar Kerzen füllen den Raum mit spärlich flackerndem, gelblichem Licht. Die Kerzen sind fast vollständig heruntergebrannt und kreisförmig um die am Boden kniende Gestalt aufgestellt. Am Rand des dunklen Raumes ragen steinerne Sitzreihen aus den Wänden, auf denen mehrere undeutliche menschliche Umrisse zu erkennen sind. Sie alle schauen zu dem Mann in ihrer Mitte hinab, als würden sie auf den Beginn einer mystischen Zeremonie warten. Es herrscht absolute Stille, niemand sagt ein Wort. Plötzlich beginnen auf der Haut des von den Kerzen umringten Mannes Runen aufzuleuchten. Ein Stöhnen und Raunen fährt die Sitzreihen hindurch, verebbt jedoch gleich wieder. Der Mann in der Mitte öffnet seinen Mund und durchbricht die Stille mit dunkler und ohrenbetäubender Stimme. Sie prallt an den kalten Steinwänden ab und schallt durch den kahlen Raum. Die Worte klingen wie ein Lied, aber sie sind durch das Echo kaum zu verstehen.
Einige der Anwesenden atmen erleichtert auf, als sie die ersten Zeilen des Liedes vernehmen, spannen sich jedoch gleich wieder an, als die nächste Strophe erklingt.
Die Linien in dem steinernen Raum verzerren sich auf einmal und lösen sich auf, das Bild verschwimmt und verschmilzt mit einer dunklen Glaskugel, die auf einem grünen Samtkissen liegt. Vor ihr steht ein großer, schlanker Mann mit glühenden Augen. Sein Gesicht ist vor Wut verzerrt. Das schimmernde Licht der Glaskugel flaut langsam ab, aber das Flackern im Blick des Mannes bleibt. Trotz der Wut und des Hasses in seinen Augen hat er ein wunderschönes Gesicht. Es ist engelsgleich.
Seine Hand greift energisch nach einem silbern glänzenden Messer, das neben der Kugel auf einem kleinen Tisch liegt, holt aus und wirft es, ohne hinzusehen, an die Wand. Dort hängt eine große, schwere Holztafel, auf die ein detaillierter Stammbaum gemalt ist. Das Messer bohrt sich weit unten in das Holz, genau zwischen zwei Namen, die mit goldener Tinte geschrieben sind. Der engelsgleiche Mann geht mit großen Schritten auf den Stammbaum zu und zieht das Messer mit Schwung wieder aus dem Brett. Zwischen den Namen bleibt ein hässlicher Riss zurück. Es ist einer von unzähligen, die die Namen auf dem Holz mit jedem Mal unlesbarer machen.
Mit wehendem Umhang dreht der Mann sich auf dem Absatz um und schwebt beinahe aus dem Raum, so schnell bewegt er sich. Er hat ein Ziel, das er unbedingt erreichen muss, koste es, was es wolle …

Schweißgebadet wachte Sophia frühmorgens auf. Es war warm in ihrem Zimmer, viel zu warm. Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die Gardinen vor ihrem Fenster. Sie setzte sich gähnend auf, strich sich mit einer Hand durch die zerzausten Haare und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Es war nur ein Traum.
Seit Tagen träumte sie schon schlecht. Doch jedes Mal, wenn sie jemandem von ihren Träumen erzählen wollte, verdrehten diejenigen nur die Augen und sagten: „Es ist doch nur ein Traum, kümmere dich nicht weiter darum“ oder „Das liegt bestimmt an dem schwülen Wetter, da träumt man schon mal so wirres Zeug.“ Niemand schien sich wirklich dafür zu interessieren. Inzwischen wollte niemand mehr von ihren Träumen hören, also versuchte sie, allein damit klarzukommen.
Mit jedem Tag wurden die Träume jedoch dunkler, mystischer und mysteriöser, als wollten sie sie vor etwas warnen. Jeder hatte damit aufgehört, dass sie und ihre Schwester gefangen genommen, angegriffen oder getötet wurden. Nur dieser Traum ausnahmsweise nicht, obwohl er sich realer anfühlte als das, was sie sonst träumte. Dieser hörte zur Abwechslung damit auf, dass sich ein wütender Mann mit einem wunderschönen Gesicht auf den Weg machte, jemanden zu finden. Vermutlich suchte er die Leute von dem Stammbaum, vermutlich, um sie zu töten. Der Gedanke kam ihr wegen der vielen Risse im Holz, die er bestimmt allesamt selbst verursacht hatte. Etwas Gutes hatte er damit bestimmt nicht im Sinn, das wäre eine äußerst ungewöhnliche Angewohnheit von ihm. Und warum hatte sich dieser engelshafte Mann die Zeremonie in seiner Glaskugel angeschaut? Warum ausgerechnet in einer Zauber-Glaskugel? Niemand schaute sich Dinge in Glaskugeln an … Was hatte das mit dem Stammbaum zu tun, den er verunstaltet hatte? Vermutlich überhaupt nichts … Wahrscheinlich hatte sie nur wieder viel zu viel Fantasie und versuchte, irgendwelche tieferen Bedeutungen in finsteren Träumen zu erkennen, die allein aus ihrer lebhaften Vorstellungskraft entstanden. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass sie sich über so etwas zu viele Gedanken machte. Selbst wenn sie nicht schlief, träumte sie oft vor sich hin und sah oder hörte merkwürdige Dinge, die sie sich vermutlich nur einbildete. Das musste so sein, denn sonst hatte nie jemand die Stimmen gehört, wenn der Wind durch die Bäume zischte, oder die wabernden Schlieren gesehen, die manchmal unter dem Bett lauerten, wenn man als Kind Verstecken spielte. Man hatte sie oft genug aus Spielen ausgeschlossen, weil sie anderen damit Angst gemacht hatte. Aber sie fand die Formen und Bewegungen eher faszinierend als unheimlich.
Sophia schaute auf den Wecker und stöhnte. Erst Viertel nach fünf! Hätte sie nicht noch eine Stunde länger schlafen können? Sie war am Abend zuvor extra spät ins Bett gegangen, fühlte sich jetzt aber kein bisschen müde. Trotzdem schlecht gelaunt schlug sie mit der flachen Hand auf ihren Wecker, um ihn auszustellen, traf aber nur die harte, eckige Kante des Gerätes. Der Bildschirm leuchtete auf. Grummelnd nahm sie ihre zweite Hand zu Hilfe, um ihn auszustellen, stand genervt auf und stieß mit dem Kopf hart gegen die Dachschräge ihres Zimmers.
„Au!“, fluchte sie leise.
Verärgert stand sie auf, stieß mit dem Fuß gegen ihren Schreibtisch und blieb mit dem kleinen Zeh hängen. „Mist!“, zischte sie und hielt sich den pochenden Fuß. Sie hüpfte zwei Schritte weiter durchs Zimmer und rutschte auf einem Schnellhefter aus, den sie am Tag zuvor auf dem Fußboden liegen gelassen hatte. „Verdammt!“
Ein Vogel landete auf ihrer Fensterbank und klopfte mit dem Schnabel sachte an das Glas. Er zwitscherte leise, aber vergnügt. Sophia würdigte ihn keines Blickes. Selbst die Tiere schienen sich jetzt schon über sie lustig zu machen!
Mühselig rappelte sie sich auf und hielt nach weiteren heimtückischen Fallen Ausschau. Aber es war weit und breit keine zu sehen.
Falls sie sich nicht selbst hin und wieder versehentlich etwas in den Weg stellte, kam es häufig genug vor, dass ihre Schwester diesen Part übernahm.
Vorsichtig humpelte Sophia mit schmerzendem Kopf, Zeh und Hintern in ihr kleines Badezimmer, das auf der anderen Seite des Flurs, schräg gegenüber ihrem Zimmer, lag. Sie stellte heißes Wasser für die Badewanne ein und ließ sich ganz vorsichtig in das nach Seife duftende Schaumbad gleiten. Sie konnte sich gerade noch auffangen, bevor sie auf dem glatten Boden der Wanne ausrutschte und sich den Kopf an ihrem Rand stieß.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte Sophia ein lautes Stampfen den Flur hinunterkommen. Schlagartig floss ihre gerade gewonnene gute Laune am Stöpsel vorbei und den Abfluss der Badewanne hinunter.
Dann klopfte es laut an der Tür.
„Bist du irgendwann endlich mal fertig? Ich kann nicht ewig auf dich warten! Dir wachsen noch Schwimmhäute, als wärst du nicht schon merkwürdig genug!“
Sophia seufzte. Das war die liebreizende Stimme ihrer herzensguten und liebevollen Schwester Violet.
„Jaja, ich bin gleich fertig. Ich komme schon raus …“, antwortete Sophia bedrückt und kleinlaut.
„Was hast du gesagt? Man hört dein Gesäusel so schlecht, es hallt so“, rief Violet auf dem Flur und klopfte weiter donnernd gegen die Tür.
Sophia richtete sich in der Wanne auf, griff nach dem Handtuch, das sie glücklicherweise nicht zu weit weg hingelegt hatte, und stieg aus dem immer noch warmen Wasser.
Kaum hörte Violet zwischen ihrem Klopfen, dass Sophia aus der Wanne gestiegen war, hielt sie inne, schritt den Flur wieder zurück und in ihr eigenes Bad.
Sophia setzte sich betrübt auf den Wannenrand und massierte ihre Stirn. Sie verfluchte sich wegen ihres fehlenden Mumms und ihrer ausgeprägten Schüchternheit.
Der Tag fängt ja schon wieder wunderbar an. Er kann fast nur noch besser werden … Wie jeden Tag …
Seit Ewigkeiten lief es nun schon so, fast jeden Morgen. Sophia wachte früh auf, aber egal, wo sie war, Violet fand sie und riss sie aus der Ruhe, die sie sich mit Mühe gesucht hatte. Sie schikanierte und verunsicherte sie. Sie kommandierte sie herum oder ignorierte sie komplett. Wobei Violet mit Letzterem schnell wieder aufgehört hatte, denn die Stunden, in denen sie ihre Schwester ignorierte, waren welche von ausgewogener Gelassenheit und wahrer Ruhe, nach denen Sophia sich schmerzlich sehnte. Jeden Morgen führte Violets Weg sie erst zu Sophia, nur um nach ein paar fiesen Worten oder Streichen in ihr Bad zurückzugehen oder ihrem eigenen Tagesablauf zu folgen. Violets Badezimmer war mindestens drei Mal so groß wie das Sophias. Es hatte eine Eckbadewanne, eine Luxusdusche und eine angebaute Sauna. Violet hatte, seit sie hier wohnten, noch nie einen Fuß in das kleine Badezimmer gesetzt.
Soweit Sophia sich erinnern konnte, hatte sie selbst noch nie das Wort gegen ihre Schwester erhoben. Sie traute sich einfach nicht und wollte es auf eine merkwürdige Art und Weise auch nicht. Immerhin war Violet ihre Schwester …
Nachdem die beiden Schwestern morgens fertig waren sich herauszuputzen, sofern man das bei Sophia so nennen konnte, gingen sie hinunter zu dem älteren Ehepaar, das sich normalerweise um sie kümmerte, und frühstückten. Ihre Adoptiveltern waren nur selten zu Hause.
Beim Frühstück hackte Violet für gewöhnlich weiter auf Sophia herum und machte sich über verschiedene Sachen lustig, die sie irgendwann einmal aus Versehen angestellt hatte, meistens wegen ihrer zwanghaften Ungeschicklichkeit. Das ging häufig den gesamten Schulweg lang, bis sie kurz davor waren, den Schulhof zu erreichen.
Nur während der Schulzeit waren die Schwestern ein Team. Das hieß, nur dann war Violet nett zu Sophia. Das war aber erst seit ihrem letzten Umzug vor einem halben Jahr der Fall. Violet hatte schnell herausgefunden, dass sie bei den anderen Schülern einen besseren Eindruck machte, wenn sie ihre Zwillingsschwester nicht am laufenden Band bloßstellte. Nach der Schule fing das Theater aber stets von vorne an.
Sophia beugte sich über die Wanne, um das Wasser ablaufen zu lassen, und rutschte mit der Hand vom Wannenrand ab, konnte sich aber im letzten Moment davor bewahren, mit dem Handtuch kopfüber in das noch randvolle Schaumbad zu stürzen. Sie trocknete sich ab, zog sich an, föhnte und kämmte die Haare und band sie sich mit einem Haargummi zu einem Zopf zusammen.
Sie betrachtete sich kurz im Spiegel.
Sie könnte ihre braunen Augen mit ein wenig Wimperntusche betonen, die leichten Augenringe entfernen, sich etwas Make-up oder Rouge auftragen. Aber wofür? Violet tut schon genug für uns beide drauf, dachte sie, drehte sich um und verließ den Raum. Gerade, als sie die Badezimmertür hinter sich schließen wollte, lief ihr ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Als sie nach der Türklinke griff, spürte sie etwas Weiches und Matschiges daran. Entsetzt ließ sie den Griff los und stürmte wieder ins Bad, um sich die Hände zu waschen und die Türklinke zu säubern, bevor sie das, was auch immer es war, womöglich nicht mehr abbekam. Violet hatte irgendein Öl oder Glibber daran geschmiert, als sie vorhin an die Tür gehämmert hatte. Ein lautes Türschlagen und darauf folgendes Gekicher bestätigten Sophias Vermutung.
Es dauerte eine Weile, bis ihre Hände wieder halbwegs sauber waren und sie die Treppe hinunter zur Küche gehen konnte.
Das alte Ehepaar hatte wieder mal ein üppiges Frühstück für sie zubereitet. Sophia fragte sich beinahe jeden Morgen, warum die beiden sich immer so viel Mühe gaben. Waren sie immer darauf vorbereitet, dass ihre Pflegeeltern plötzlich aus dem Nichts auftauchten und unbedingt ein Frühstücksbuffet verspeisen wollten?
Sie holte sich ihr Marmeladenbrot bei der Haushälterin Wiltrud Weigardt ab, begrüßte ihren Mann Heinrich, den Koch und Gärtner, hob die Schultasche auf und trat hinaus in den wunderschönen Bilderbuchgarten, ihren Lieblingsplatz in diesem Haus.
Die Beschreibung passte haargenau. Der Garten war wunderschön angelegt worden, mit bunten Blumen, hübschen Sträuchern, zauberhaften Bäumen, einem plätschernden Brunnen und einem niedlichen Teich mit verschiedenen Fisch- und Froscharten darin.
Sie setzte sich auf die schneeweiße Hollywoodschaukel, die vor dem Teich unter einem blühenden Kirschbaum stand, und schaute den Fischen gedankenverloren beim Schwimmen zu.

Auch Violet betrat den Garten. Sie schaute sich kurz um und entdeckte Sophia, wie zu erwarten war, auf ihrem Stammplatz – der Schaukel. Sie blickte mit auf den Knien verschränkten Armen in den Teich und schaukelte leicht vor und zurück. Dieser Anblick erinnerte einen an die bunten Zeichnungen aus Märchenbüchern, in denen es Zaubergärten, Prinzessinnen, Feen und andere Fabelwesen gab. Violet schlug sich das Bild schnell wieder aus dem Kopf und wedelte wild mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, als müsste sie rosa Rauch oder eine lästige Fliege verscheuchen. Sie selbst würde bei anderen Leuten ein ebenso zauberhaftes Bild in den Kopf rufen. Doch Sophia war alles andere als magisch oder verhielt sich auch nur im Entferntesten wie eine Prinzessin. Es war eine lächerliche Vorstellung.
Mit verschränkten Armen richtete Violet sich ein wenig auf und brüllte: „Hey! Sophia!“
Sie lachte laut und gehässig, als Sophia vor Schreck ungeschickt von der Hollywoodschaukel plumpste und ihr die Sitzfläche schwungvoll gegen den Hintern prallte.
„Steh auf, du ungeschicktes Ding. Wir müssen zur Schule“, ergänzte sie prustend.
Sophia rappelte sich unbeholfen auf, klopfte sich den Dreck von der Hose und blieb mit ihrem Top an einem Ast hängen. Sie stolperte über den Weg aus Natursteinen und folgte Violet mit einigem Abstand zurück ins Haus.
Ja, dachte Violet, sie ist sehr zu bemitleiden, kann nicht einmal geradeaus laufen.
Sie kicherte in sich hinein und stolzierte durch das Esszimmer und die Eingangshalle. So nannte sie den großen Flur, der zur Haustür führte. Dann ging sie durch den Vorgarten bis zur Straße. Sie blickte nach links und rechts, schaute auf ihre teure Markenuhr, das neueste Modell, und seufzte genervt.
„Wir müssen also schon wieder laufen, na toll.“ Mürrisch wandte sie sich nach links und ging die Straße mit Sophia im Schlepptau entlang.
Hin und wieder hörte sie, wie Sophia stolperte, in irgendeiner Hecke hängen blieb oder irgendwas anderes Nerviges tat, was nur diesem Tollpatsch gelingen konnte. Nur selten ging Sophia längere Strecken, ohne in etwas reinzulaufen oder zu stolpern. Es sei denn, sie lief vor etwas weg. Sophia konnte sehr schnell rennen, schneller als sonst irgendwer, den sie kannte. Aber sie verlor schnell die Konzentration und stolperte, weshalb sie bei den Schulstaffeln meistens als Schlussläuferin lief, damit sie die Übergabe des Staffelstabes nicht versaute. Violet war vielleicht nicht so schnell, aber weitaus ausdauernder und talentierter als ihre Schwester. Sie konnte springen, werfen, schwimmen, turnen, tanzen, singen und vieles mehr, wobei sich Sophia immer ungeschickt anstellte. Violet war eine der Besten in der Klasse. Sie war charmant, klug, witzig und wunderschön. Sie war sportlich und talentiert, selbstbewusst und elegant, also einfach perfekt! Allein deshalb konnte man sich kaum vorstellen, dass sie und ihre Schwester tatsächlich Zwillinge waren. Sie waren einfach so unterschiedlich! Aber was Violet zu ihrem Missfallen nicht abstreiten konnte, war, dass sie sich unglaublich ähnlich sahen. Sophia schminkte sich zwar nicht und holte auch nichts aus ihren langen braunen Haaren heraus, trotzdem war sie definitiv nicht hässlich. Aber natürlich konnte niemand Violet das Wasser reichen, was ihre Schönheit anging, nicht einmal ihre Schwester, darauf beharrte sie vehement.
Auch wenn sie sich äußerlich sehr ähnlich sahen, gab es einen entscheidenden Unterschied zwischen ihnen. Während Sophias Augen braun waren, strahlten ihre in einem wunderschönen Blau.
Als der Schulhof in Sichtweite kam, drehte Violet sich zu ihrem Zwilling um und verschränkte mit einem zuckersüßen Lächeln einen Arm mit ihr. Sie wusste ganz genau, dass Sophia dieses Schauspiel nicht leiden konnte, aber durch die Stütze verhinderte Violet, dass die andere über den Schulhof stolperte. Deswegen, und wegen des selbstverständlich überaus großen Respektes, den sie vor ihrer großen Schwester hatte, ließ sie es zu.
Als die beiden das Schulgelände betraten, drehten sich schon die ersten Schüler zu ihnen um.
So genau sie wusste, dass Sophia diese Aufmerksamkeit nicht leiden konnte, so sehr liebte Violet diese Momente. Die Jungs bewunderten sie mit ihren Blicken und die Mädchen schauten neidisch herüber. Violet verstand den Neid. Nicht jeder sah so wunderschön aus wie sie.
Ganz zu schweigen davon, dass sie zusätzlich zu ihrer Schönheit mit Reichtum gesegnet waren! Zumindest ihre Adoptiveltern waren reich, also schlussendlich auch sie.
Félicitas, eine der wenigen, die das Glück hatten, dass Violet sie als ihre Freundin bezeichnete, stürmte freudig herbei und begrüßte beide überschwänglich. Hinter ihr kamen schon sechs weitere Mädchen angestürmt, um sie ebenfalls zu begrüßen.
„Ich gehe dann mal Johanna und Merle begrüßen …“, murmelte Sophia Violet zu.
Es interessierte sie herzlich wenig, was sie machte, aber trotzdem grinste sie ihr zu und nickte, als würde sie ihr die Erlaubnis geben. Dann wandte sie sich wieder ihren Freundinnen zu.

Sophia wich der nächsten Schar wild kreischender Freundinnen ihrer Schwester aus und ging auf die Bank zu, wo sie sich immer mit ihren eigenen Freundinnen traf. Sie waren anders als die Mädchen, die sich um Violet drängten, kicherten und über Schminke, Jungs und den neuesten Klatsch redeten. Sie waren Außenseiter wie sie. Heute saß auch Merles großer Bruder Raphael dabei, der bereits ein Mal sitzen geblieben war und deswegen seinen Abschluss nur ein Jahr vor uns machte.
Johanna stand auf und kam Sophia entgegen, um sie zu begrüßen und zu stützen. Zusammen gingen sie zu den anderen beiden zurück.
Sie begrüßten sich kurz mit einer schnellen Umarmung. Endlich konnte Sophia sich auf die Bank fallen lassen. Sie war in Sicherheit.
Gedankenverloren schaute sie in den Baum über sich. Sie entdeckte ein Nest, in dem ein paar nackte Küken lauthals nach ihren Eltern piepten, und ein paar Schmetterlinge, die zu den Blüten des Baumes flogen und zwischen den Blättern verschwanden. Ein großer Vogel mit einem gelben Federkleid und grün umrandeten Augen saß auf einem niedrigen Ast, nicht weit von ihr entfernt, und begann eine wunderschöne Melodie zu singen, die niemand sonst zu beachten schien. In seinen Federn glänzte und schimmerte das Sonnenlicht, das zwischen den Blättern hindurchschien, und ließ es beinahe so wirken, als wären sie aus Gold. Sie hatte noch nie einen solch eleganten und schönen Vogel gesehen, sodass sie ihren Blick nicht von ihm abwenden konnte. Sophia betrachtete das große, wunderschöne Tier noch eine ganze Weile und lauschte seinem Lied, bis die schrille Schulglocke sie aus ihren meditativen Gedanken riss und zum Unterricht rief.
5 Sterne
Engelskrieg  - 10.05.2026
Dieter N.

Ich bin von meiner Enkelin auf dieses Buch aufmerksam gemacht worden. Obwohl es nicht mein Genre ist, habe ich es mit Vergnügen gelesen. Es ist eine sehr fantasievolle, packende Geschichte, die ich durchaus weiter empfehlen kann. Der Autorin kann ich nur sagen - weiter so!Dieter N.

5 Sterne
Schöne mystische Geschichte - 12.04.2026
Uta P.

Ein sehr schön geschriebenes, spannendes und mystisches Buch.Wer Engel, Magie und Zauber mag ist hier genau richtig.Ich bin gespannt wie die Geschichte weitergeht und freue mich auf den nächsten Teil.Gut gemacht liebe Autorin!

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