Elite1 – Europas Untergang

Elite1 – Europas Untergang

Alex Trust


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 778
ISBN: 978-3-95840-159-4
Erscheinungsdatum: 22.02.2017

Leseprobe:

Hinweise zum Lesen dieses Buches

Die Bücher der Reihe „Elite1“ erhalten eine Ergänzung in Form eines Supplements. In diesem finden Sie ein Glossar, Personenverzeichnis, Chronologie sowie Zusammenfassung der Kapitel. Zusätzlich eine Trivia und weitere wissenschaftliche Hintergründe zur Geschichte.
Aktuell ist das Supplement als E-Book und als PDF zum freien Download verfügbar unter http://www.alex-trust.com/elite1/supplement
Als Autor empfehle ich Ihnen das Supplement bereitzuhalten und ggf. Rat suchend hinzuzuziehen.


Vertrau mir

Ich liebe diese Stadt. München der 1980er. Genau meine Zeit. So wie andere sich das Mittelalter oder die Zeit der Ägypter vorstellen und sich dort hinein wünschen, so zieht mich eben diese kleine Location inmitten aller möglichen Universen unendlich an.
Hier kannte ich mich aus, war schon oft unterwegs und hatte irgendwie das Gefühl zu Hause zu sein – auch wenn ich dies nie war.
Magisch angezogen ging ich den Weg entlang in meine Stammkneipe, jene, in der ich schon des Öfteren war, jene, in der es jedes Mal anders war – kein Wunder, denn es war jedes Mal eine eigene Realität.
Die Zeit verging, während ich die Leute betrachtete. Ein Spiel, um mir meine Zeit zu vertreiben. Ich sah mir Menschen an, die ich vorher nie gesehen hatte, und dachte mir Geschichten aus. Geschichten über ihr Leben, ihren Alltag, Familie, Beruf.
„Hau weg die Scheiße!“ Aggressiv drang eine dennoch zärtliche Stimme vom Tresen an mich heran. Als ich mich umblickte, saß sie neben mir. Den Kopf mit der blonden Mähne weit in den Nacken gelegt. Das Schnapsglas leer.
„Harte Worte für so ein weiches Gesicht!“
„Klugscheißer! Was würdest du tun, wenn du die genialste Erfindung der Menschheit gemacht hast und dich dein Chef dafür feuert?“
„Ich würde zu meinem Partner in den Arm gehen und mit ihm die Welt verändern.“
„Die Welt verändern wird das nicht mehr, die Sache landet nur in der Schublade und wird nie wieder rausgeholt, weil es den Großen zu gefährlich ist.“ Sie ließ den Kopf über dem Tresen sinken. „Und um so einen Luxus wie Männer kann ich mich nicht kümmern – der liebe Chef hat mich in seinem Labor angekettet, versteckt vor der Welt eine Unwissende – und jetzt – gefeuert, Single, besoffen! – Tolles Leben!“
Es war kein Mitleid, das ich ihr entgegnete, sondern eine innere Neugier, die in mir pochte, als wäre ich auf das größte Verbrechen der Welt gestoßen. Und das im Wesen einer so bildhübschen Frau.
„Uhhh – was hat denn diese ‚geniale Frau‘ erfunden, als sie noch ‚beschäftigt, Single und nüchtern‘ war?“
Sie lachte, stützte sich auf ihr Glas und schüttelt den Kopf.
„Das ist zu hoch für dich – trink dein Bier und lass mich in Ruhe.“
Ich trank einen Schluck. Schließlich grinste ich und ließ sie nicht in Ruhe.
„Ich denke, als Arbeitslose hat man Zeit zum Reden – und nachdem du nicht mehr Single bist und nicht mehr nüchtern, kannst du ja über dein bisheriges Leben berichten, oder?“ Ich schob ihr einen weiteren Schnaps hin, den ich per Handzeichen beim Barkeeper geordert hatte.
Der Tresen war mit einer nassen Spur versehen, in der sie verträumt mit dem Finger Herzen malte. Ihre Hände waren kräftig, jene einer Sportlerin. Die Finger selbst geschmeidig, aber nicht gerade lang.
„Ich sagte, ich bin Single.“
Zum ersten Mal drehte sie sich zu mir um.
Ihre Augen, strahlend blau, waren wässrig. Vom Alkohol oder Tränen ließ sich nicht ausmachen.
Ich lächelte sie an. „Sicher?“
Sie zögerte, doch dann brach der Redefluss aus ihr heraus.
„Multiple Dekavitation bei nukleotider Detonation im Hochvakuum.“ Sie ließ eine Pause, um zu genießen wie mir die Sache zu kompliziert wurde.
Wurde sie aber nicht.
Verzweifelt legte sie nach: „Gerichtete Phalanxbildung durch inherente Bias“, grinste sie und wartete, bis ich abwinkte.
„In wenigen hundert Jahren wird man damit Clustersprünge wagen, meine Liebe – die Energien müssen dazu nur noch höher werden. Aber das ist für mich bereits Alltag, über den ich mir keine Gedanken mehr mache.“
Nun entgleiste ihr Blick.
Ich wandte mich ab, nahm einen langen Schluck meines Bieres und genoss ihre Verblüffung. Sie schien plötzlich vollkommen nüchtern zu sein.
„Du hast Ahnung von so was, oder?“
Ich schwieg.
„Bist du einer von den Franzosen? Die wollten schon immer an meine Ergebnisse!“
„Wo ich herkomme, dort gibt es keine Franzosen! Und wenn du nicht mehr Single sein willst …“
Ich kam nicht weiter. Das Zittern, Vibrieren des Barhockers, des Bodens, dann das leise Klirren der Gläser in der Vitrine, schließlich immer stärker, gepaart von einem Wummern, wie auf einer alten Fähre, wenn der Motor in Resonanz mit den Wellen das Schiff an der Reling erzittern lässt.
Die Gläser auf dem Tresen fingen an zu wandern, Leute wurden unruhig. Sie saß da und fragte mich mit atemlos hauchender Stimme: „Erdbeben? In München gibt es keine Erdbeben!“
Ich stand auf, mein Barhocker kippte um. „Das gilt mir!“
Wie in einem Reflex griff ich nach ihrer Hand, zögerte, wusste, dass ich gehen musste. Aber war das der Zufall, den ich immer wieder anzog? Dann war das der Moment, ihre Hand nicht loszulassen.
Ich zog, sie glitt vom Stuhl, wir stürzten auf die Straße. Die Fußgängerzone war hell erleuchtet. Das Vibrieren und Rauschen schier ohrenbetäubend. Schaufenster wackelten, Leute suchten unter den Dächern Schutz. Doch ich zog sie hinaus in die Mitte des Platzes, geführt von hellen Strahlen. Ja, genau so stellte man sich in ihrer Zeit in den Filmen immer das Kommen der Außerirdischen vor. Dann blieb ich stehen, nahm sie eng an mich.
Fasziniert in den Himmel starrend, nicht wissend, ob sie Angst haben sollte oder ihre Neugier überwog, ließ sie gewähren und schien fast ahnen zu können, was ihr nun geschehen würde.
„Wenn du dein Leben so scheiße findest und wenn du tatsächlich so eine geniale Erfinderin aus ganzem Herzen bist – und wenn du nicht mehr Single sein willst – kannst du dir vorstellen, dein Leben jetzt und hier aufzugeben und mit mir zu kommen – neu zu beginnen?“
Sie starrte nach oben in die Lichter, die sich flirrend über uns senkten, bis sie noch weit über den Dächern der Stadt still standen und sich eine Luke öffnete. Dann, zuerst als kleiner Punkt, doch klar erkennbar, etwas auf uns zustürzte.
„Was ist das hier? Versteckte Kamera oder Realität?“
„Vertraust du mir?“
Ihr Flüstern war im Lärm kaum wahrnehmbar, ihre Arme aber sagten mir, dass sie entspannt, gefasst und neugierig war.
„Dann halte dich fest!“
Neben uns hingen vier schwarze Gestalten, kopfüber, maskiert, an hauchfeinen Seilen.
„Guten Abend, Sir!“
„Wir haben einen Gast!“
„Das habe ich mir gedacht, Sir, daher habe ich zwei Gurte dabei, Sir!“
Und während ich lächelte schlossen sich die Gurte, geführt von den routinierten Händen um uns.
Ich blickte sie an, ihre Augen sprachen Bände des Vertrauens, als hätte sie nie etwas anderes gemacht und wir uns seit Lebensbeginn gekannt.
„Schau nach oben und hab keine Angst!“
„Fertig, Sir?“
Ihre Augen lösten sich von mir und blickten in die Luke, zig Meter über uns.
Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, die Beschleunigung stärker als alles, was sie bisher erlebt hatte. Der weiße Fleck raste auf uns zu und stoppte keine Handbreit vor unseren Köpfen, um uns wieder fallen zu lassen, auf den Boden der Luke, welcher sich wie eine Schere unter uns geschlossen hatte.
Sie hatte keine Zeit zu schreien, ihr Nervensystem war offensichtlich zu träge dazu.
Schlagartig wurde ihr die Stille bewusst, in der sie sich befand. Umgeben vom Brummen, das sie in der Bar zum ersten Mal gehört hatte. Ich ließ sie los. Das zarte Geschöpf glitt von mir, aufgefangen und gestützt von zwei der schwarzen Gestalten.
„Alles in Ordnung! Bleib einfach bei ihnen, lass dich führen – ich komme, so schnell ich kann!“
Sie nickte, gewann an Sicherheit.
„Willkommen an Bord, Sir.“
„Wenn ihr mich hier rausholt, dann muss schon etwas Besonderes sein!“
Er legte seinen Kopf zur Seite. „Selbst Newton und Suan wissen noch nichts, aber sie sollen alle drei anwesend sein.“
Ich drehte mich um, sorgend um das Mädchen, das ich gerade aus ihrer Welt gerissen hatte. Doch der Helfer beruhigte mich: „Wir kümmern uns, Sir!“
Dann ging ich.
„Ma‘am …“ Er wies ihr den Weg in den nächsten Raum.
Der Raum war quasi leer. Einige Sessel vor einem Fenster. Dunkelheit, Sterne, der Mond.
Sie setzte sich nicht.
Er blieb im respektvollen Abstand stehen, die Hände auf dem Rücken.
„Leider haben wir hier nicht den Service, den Sie vielleicht gewohnt sind, Ma‘am, aber wenn ich etwas für Sie tun kann?“ Sein Deutsch klang gebrochen, aber er bemühte sich.
„Wo bin ich hier?“
„Nun, Ma‘am, das ist die Sache des Sir, Ma‘am, da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Aber es dauert nicht lange, bis wir ankommen, Ma‘am, dann wird sich sicher alles lichten.“
Sie atmete ruhiger.
„Ist das der Mond? Er ist so groß!“
Die wenigen Augenblicke bis zur Antwort vergingen wie eine Ewigkeit, während sich der Himmel zu bewegen schien.
„Nun, Ma‘am, wir werden gleich schwenken und die Erde sehen. Sie ist wunderschön.“
Wie auf Kommando neigte sich das Sichtfeld, der Mond verschwand rechts oben aus dem Bild – sie trat näher, konnte die Scheibe aber nicht fassen.
Dann kam, blau leuchtend, die Erde von unten heran.
„Ist – das – die Erde? Film?“
Er ließ sie etwas zappeln, obwohl er das nicht mit Absicht tat. Doch ihre unglaubliche Verwunderung wollte er nicht unterbrechen.
„Nun, Ma‘am – wie gesagt, das ist etwas kompliziert. Aber ich kann bestätigen, Ma‘am, dass dies die Erde ist. Und es ist – nun – natürlich kein Film, Ma‘am.“
Sie ging in die Hocke.
„Fliegen wir?“
Der Helfer räusperte sich und musste insgeheim in sich hineinlachen. Konvertierte waren immer so verwundert beim ersten Mal. „Es wird gleich der Mond erscheinen – dort sind wir dann am Ziel.“
„Wir landen auf dem Mond? Ihr wollt mich verarsch…“
Wie auf Zeichen erschien der klare, gelblich braune Felsen im Fenster.
Ich betrachtete sie, wie sie da hockte, sich mit einer Hand am Boden stützte.
Ihre Turnschuhe, die knallige Jeans, der pralle Hintern, das weiche Shirt, ihre Mähne, im Gegenlicht eine wunderbare Silhouette.
Sie hatte ihre Jacke vergessen. Eine dunkelblaue Daunenjacke.
Sie hatte ihr Leben zurückgelassen.
„Wir werden dort nicht landen. Unser Schiff ist nur hinter dem Mond versteckt. Eure Teleskope könnten uns ausmachen, eure Sensoren reichen aber nicht um den Mond herum. Und normalerweise zeigen wir uns auch nicht so öffentlich.“
Sie nahm mich nicht wirklich wahr.
So hockte ich mich hinter sie, winkte meinem Helfer, uns alleine zu lassen.
Dieser zog sich zurück mit den Worten: „Weniger als ein Gone, Sir.“
Ich hielt sie. Sie roch wunderbar süßlich. Mein Kopf legte sich von hinten über ihre Schulter. „Das ist kein Film. Das ist Realität. Und es ist wunderbar!“
Sie neigte den Kopf, versuchte mich anzusehen und flüsterte: „Und wenn das das Ende meines Lebens ist – dafür hat es sich gelohnt!“
Ich grinste, deutete auf den Mond, der sich vor die Erde schob. „Es ist nicht das Ende deines Lebens – es ist nur das Ende des Lebens, das du bisher kanntest.“
Wir genossen den Moment.
„Du hast gesagt, du vertraust mir. Du wirst nicht enttäuscht werden. Dort unten – dort gibt es nichts mehr für dich zu tun. Du bist denen weit voraus. Hier, hier und jetzt, in dieser Realität, hier, wenn sich die Tür hinter uns öffnet, da bist du zu Hause, da gibt es Dinge für dich zu entdecken, die du dir nicht mal im Traum vorstellen kannst.“
Wir erhoben uns langsam, rieben uns aneinander. Sie führte meine Hände auf ihren Bauch, hielt sie fest. Sie waren warm und ihre Atmung ruhig. Vorbei aller Weltschmerz, den sie noch vor wenigen Gone auf ihrem kleinen Planeten mit den großen Sorgen herausgeschrien hatte.
„Ich kenne nicht mal deinen Namen, aber ich vertraue dir.“
Es wurde dunkel, der Mond verdeckte unsere Aussicht.
„Max.“
Sie schien es kaum gehört zu haben.
Die Tür öffnete sich. Im Lichterschein räusperte sich jemand.
„Wir sollten …“
„Geh’ und tu’, was du zu tun hast. Ich werde noch immer da sein, wenn du wiederkommst.“
Sie ließ mich gehen.
Als ich auf der Höhe meines Assistenten war, blitzen die Augen einer blonden Schönheit im Licht. Sie war wunderbar hübsch.
„Die Konversion ist fast abgeschlossen, Sir, man erwartet Sie, Sir.“
Ich nickte.
„Ich kümmere mich um Ihren Gast, Sir.“
Als sich die Schleuse vor mir öffnete, war ich bereits in meiner Routine. Wenige Schritte im hellen Gang und ein kurzes Briefing. Zu zweit waren wir im Permovator.
Ich schwieg.
„Hat’s Ihnen ganz schön angetan.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Verzeihung, steht mir nicht zu.“
„Doch, ja, schon, wenn nicht meiner rechten Hand, wem dann?“
Er blickte auf den Boden „Ich habe nicht viel von ihr gesehen, Sir, aber – hübsch, sehr hübsch, wenn ich das so sagen darf.“
Die Tür öffnete sich. Suan wartete bereits, Amy kam aus dem Permovator gegenüber.
„Dürfen Sie, Karcher, dürfen Sie!“
Die Tür des Permovators schloss sich hinter mir, mein ExO verschwand.
Die Wand des Konferenzraumes wurde hell. General Lukovic blickte in den Raum.
Suan drehte sich zu ihm. Ich stand neben ihm. Newton kam von hinten zu meiner Rechten.
„Ich habe gehört, du hast einen Gast mitgebracht?“ Suan blickte mich aus dem Augenwinkel an.
Ich grinste.


Mission

Lukovic unterbrach die Stille. „Ich weiß nicht, Taylor, aus welchem Unfug ich Sie wieder herausgeholt habe, aber es ist schön, dass Sie drei mir endlich Ihre Aufmerksamkeit schenken.“
Wir standen still und gespannt, versuchten keine Miene zu verziehen.
„Ich verzeihe Ihnen, General, dass Sie mich aus meiner Freizeit herausgeholt haben, Sir – aber ich hoffe, der Unfug hier lohnt sich!“
Newton stieß mir ihren Ellenbogen in die Rippen, Suan grinste.
Diesmal war es Lukovic, der sich jegliche Miene verkniff.
„Wenn Sie also alle so eifrig arbeiten, wie Sie das sollten, dann können Sie mir sicher auch bestätigen, dass Sie alle Asteroiden im Blick haben, die sich in unserem Sonnensystem befinden und gewisse Besonderheiten aufweisen.“ Sein aufgedunsenes Gesicht lächelte und es war klar, dass er mehr wusste als wir.
Suan rief die Tactics auf und nur wenige Handbewegungen später hatten wir einen Punkt, der sich auf dem Weg zu den Gasriesen des Sol-Systems befand, jenem Sonnensystem, das für Menschen lange Zeit als einziges mit Leben galt.
„Sir, ich gehe davon aus …“ Suan blickte uns an, um sich zu versichern, dass es in Ordnung war, wenn er uns aus der Patsche half. Warum sollte es nicht in Ordnung sein? Wir zwei zumindest waren immer ein besonders gutes Team und Suan konnte mit Tactics umgehen, wie kein anderer „… dass Sie jenen meinen, General, der sich auf Europa zubewegt?“
„Wenigstens einer, der seine Hausaufgaben hier macht.“
Suan kniff die Lippen zusammen.
„Dann ist Ihnen auch aufgefallen, dass dieser sich zerteilt hat?“ Lukovic grinste wieder in seiner eigentümlichen hinterhältigen Art.
Suan korrigierte Lukovic: „… zerteilen wird, General, er wird sich bereits bei Annäherung an Saturn zerteilen, Sir.“
„Suan!“ Lukovic lächelte – er lächelte nie – diesmal lächelte er. Und das bedeutete nichts Gutes. Gar nichts Gutes. „Suan, mein Lieber, ich dachte schon, Sie seien ein löbliches Vorbild für die anderen. Aber die Tactics kann ich auch bedienen.“ Lukovic schickte uns eine Detailanimation.
„Er hat sich bereits zerteilt. Und zwar fast einen Orb zu früh.“
Die Aufnahmen zeigten den Asteroid mit einer langsamen Teilung. Suan fuchtelte an Tactics herum und wies uns auf eine kleine Abweichung hin.
„Sie haben schon begriffen, Suan, der Kurs ist dadurch vom Berechneten abgekommen.“
Wir versuchten uns mit den Daten anzufreunden.
Lukovic beobachtete uns, als hätten wir ein Rätsel zu lösen.
„Lassen wir den Unfug!“, unterbrach er lautstark unsere Arbeit. „Triviale Aufgaben wie diese haben Ingenieure schon weit vor Ihnen gelöst.“ Er beendete unsere Animation. „Der Unfug, Taylor, hat sich gelohnt. Europa ist nun nicht mehr Beobachtungspunkt, Taylor, sondern Zielgebiet.“
Wir begriffen.
Europa. Jupiters Mond mit seinem Forschungszentrum war nicht mehr die beste Aussichtsplattform um den Einschlag auf Jupiter zu beobachten – sondern selbst zum hervorgesagten Einschlagort geworden.
„Europa wird diesen Aufschlag nicht überleben. Selbst wenn nur zwei der neun Bruchstücke wirklich einschlagen, wird das Europa zerreißen wie eine Melone.“
Stille.
„Europa ist zu evakuieren. Komplett. Ich will, dass sich beim Aufschlag nicht ein Individuum im Gefahrenbereich befindet.“
Stille.
„Und wenn ich sage kein Individuum“, Lukovic beugte sich zu mir vor, „dann meine ich damit, dass auch die Elite1 ihren fetten Arsch da raus schwingt – Taylor!“
Stille.
„Ich habe mich da klar ausgedrückt, Taylor. Leider ist Ihr Schiff das einzige, das über die Möglichkeiten verfügt, diese Mission durchzuführen. Zeigen Sie drei uns also bitte nun, dass die Investition, solch ein Schiff zu bauen, Sinn gemacht hat – und dass es kein Unfug war, dieses Ding in ausgerechnet Ihre Hände zu legen.“ Lukovic drehte sich um und nahm einen Schluck. „Die Elite2 ist noch im Bau und wird nicht fertig werden, ich muss also in den sauren Apfel beißen und Sie damit beauftragen, die Evakuierung in Gang zu bringen.“ Er drehte sich um und grinste mich an. „Und bitte, Taylor, diesmal ohne Kollateralschaden und Kamikaze-Aktionen, bei denen man mehr Glück als Verstand haben muss.“ Er setzte sich. „Suan, mein Freund, Sie und die kleine Amy passen bitte auf unser liebes Mäxchen auf, dass er diesmal keine Dummheiten macht und die Elite1 wieder heil zurückbringt. Kommandant Yasul wird Sie nun einweisen.“
Die Übertragung war beendet, noch bevor die Worte im Raum verhallt waren.
Wir drei standen da wie Kinder. Keiner von uns hatte davon erfahren, dass der Asteroid bereits zerborsten war – und so war auch keiner darüber informiert, dass Europa in Gefahr sei.
Suan und Newton widmeten sich wortlos dem Tactics. Es zeigte keinerlei Hinweise auf eine Kursänderung und keine Informationen, wann und wo der Körper sich geteilt hatte.
Yasul erschien auf der Übertragung. Der verbissene dunkelhaarige und knochige Typ entsprach eher dem eines verhungerten Penners als jenem eines Kommanders der Generalität.
„Admirals, ich habe die Aufgabe Sie in Ihre Mission einzuweisen.“
Ich fiel ihm ins Wort: „Warum wissen wir nichts davon, dass der Asteroid sich geteilt hat?“
Newton drehte sich um, stärkte meinen Rücken.
Doch Yasul war nicht berührt, kratzte sich in seinem fettigen Stoppelbart. „Diese Kenntnisse wurden von einer Beobachtungsdrohne der Secury übermittelt. Sie wurden von der Führung als kritisch eingestuft. Um zu verhindern, dass es zu einer Hysterie kommt, wenn das Schicksal Europas bekannt werden würde. Daher wurden die Kenntnisse unter Verschluss gehalten und zuerst ein Generalplan entwickelt. Die Elite1, genauer gesagt, Sie, sind die Ersten außerhalb der Generalität, welche von diesen Fakten Kenntnis erhalten. Sie haben dabei die Aufgabe, dieses Wissen in koordinierter Form zu vermitteln und währenddessen bereits für Ordnung zu sorgen.“
Suan lachte. Wir drehten uns um, denn wenn er in dieser lauten Weise lachte, dann war etwas Besonderes.
„Die Tactics hat sich verändert. Wir haben wohl nun Zugang zu den Daten.“
Er dirigierte die Ansicht. Nun war auch für Newton und mich aus der Ferne jedes Detail sichtbar – auch die bereits entstandenen Splitter und deren korrigierte Kurse. Alle Teile würden laut Tactics Europa mit voller Wucht treffen.
Ruhig und mit süßlicher Stimme versuchte ich Yasul aus der Reserve zu holen. „Und Sie meinen, Kommander, dass die Elite1 nun die Kohlen für die Generalität aus dem Feuer holen soll, um später ein Opferlamm zu haben, wenn es darum geht, dass Panik ausgebrochen ist?“
Yasul schluckte, um Zeit für eine diplomatische Antwort zu erhaschen. „Ehre, Sir, Ehre würde besser passen, Admiral, Sir.“ Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.
Suan war tief in die Details gedrungen, prüfte bereits Daten und Positionen von Schiffen in der Umgebung. Newton flüsterte vor sich hin, sodass wir es verstehen konnten – ihre Art, wirklich Wichtiges zu sagen.

Hinweise zum Lesen dieses Buches

Die Bücher der Reihe „Elite1“ erhalten eine Ergänzung in Form eines Supplements. In diesem finden Sie ein Glossar, Personenverzeichnis, Chronologie sowie Zusammenfassung der Kapitel. Zusätzlich eine Trivia und weitere wissenschaftliche Hintergründe zur Geschichte.
Aktuell ist das Supplement als E-Book und als PDF zum freien Download verfügbar unter http://www.alex-trust.com/elite1/supplement
Als Autor empfehle ich Ihnen das Supplement bereitzuhalten und ggf. Rat suchend hinzuzuziehen.


Vertrau mir

Ich liebe diese Stadt. München der 1980er. Genau meine Zeit. So wie andere sich das Mittelalter oder die Zeit der Ägypter vorstellen und sich dort hinein wünschen, so zieht mich eben diese kleine Location inmitten aller möglichen Universen unendlich an.
Hier kannte ich mich aus, war schon oft unterwegs und hatte irgendwie das Gefühl zu Hause zu sein – auch wenn ich dies nie war.
Magisch angezogen ging ich den Weg entlang in meine Stammkneipe, jene, in der ich schon des Öfteren war, jene, in der es jedes Mal anders war – kein Wunder, denn es war jedes Mal eine eigene Realität.
Die Zeit verging, während ich die Leute betrachtete. Ein Spiel, um mir meine Zeit zu vertreiben. Ich sah mir Menschen an, die ich vorher nie gesehen hatte, und dachte mir Geschichten aus. Geschichten über ihr Leben, ihren Alltag, Familie, Beruf.
„Hau weg die Scheiße!“ Aggressiv drang eine dennoch zärtliche Stimme vom Tresen an mich heran. Als ich mich umblickte, saß sie neben mir. Den Kopf mit der blonden Mähne weit in den Nacken gelegt. Das Schnapsglas leer.
„Harte Worte für so ein weiches Gesicht!“
„Klugscheißer! Was würdest du tun, wenn du die genialste Erfindung der Menschheit gemacht hast und dich dein Chef dafür feuert?“
„Ich würde zu meinem Partner in den Arm gehen und mit ihm die Welt verändern.“
„Die Welt verändern wird das nicht mehr, die Sache landet nur in der Schublade und wird nie wieder rausgeholt, weil es den Großen zu gefährlich ist.“ Sie ließ den Kopf über dem Tresen sinken. „Und um so einen Luxus wie Männer kann ich mich nicht kümmern – der liebe Chef hat mich in seinem Labor angekettet, versteckt vor der Welt eine Unwissende – und jetzt – gefeuert, Single, besoffen! – Tolles Leben!“
Es war kein Mitleid, das ich ihr entgegnete, sondern eine innere Neugier, die in mir pochte, als wäre ich auf das größte Verbrechen der Welt gestoßen. Und das im Wesen einer so bildhübschen Frau.
„Uhhh – was hat denn diese ‚geniale Frau‘ erfunden, als sie noch ‚beschäftigt, Single und nüchtern‘ war?“
Sie lachte, stützte sich auf ihr Glas und schüttelt den Kopf.
„Das ist zu hoch für dich – trink dein Bier und lass mich in Ruhe.“
Ich trank einen Schluck. Schließlich grinste ich und ließ sie nicht in Ruhe.
„Ich denke, als Arbeitslose hat man Zeit zum Reden – und nachdem du nicht mehr Single bist und nicht mehr nüchtern, kannst du ja über dein bisheriges Leben berichten, oder?“ Ich schob ihr einen weiteren Schnaps hin, den ich per Handzeichen beim Barkeeper geordert hatte.
Der Tresen war mit einer nassen Spur versehen, in der sie verträumt mit dem Finger Herzen malte. Ihre Hände waren kräftig, jene einer Sportlerin. Die Finger selbst geschmeidig, aber nicht gerade lang.
„Ich sagte, ich bin Single.“
Zum ersten Mal drehte sie sich zu mir um.
Ihre Augen, strahlend blau, waren wässrig. Vom Alkohol oder Tränen ließ sich nicht ausmachen.
Ich lächelte sie an. „Sicher?“
Sie zögerte, doch dann brach der Redefluss aus ihr heraus.
„Multiple Dekavitation bei nukleotider Detonation im Hochvakuum.“ Sie ließ eine Pause, um zu genießen wie mir die Sache zu kompliziert wurde.
Wurde sie aber nicht.
Verzweifelt legte sie nach: „Gerichtete Phalanxbildung durch inherente Bias“, grinste sie und wartete, bis ich abwinkte.
„In wenigen hundert Jahren wird man damit Clustersprünge wagen, meine Liebe – die Energien müssen dazu nur noch höher werden. Aber das ist für mich bereits Alltag, über den ich mir keine Gedanken mehr mache.“
Nun entgleiste ihr Blick.
Ich wandte mich ab, nahm einen langen Schluck meines Bieres und genoss ihre Verblüffung. Sie schien plötzlich vollkommen nüchtern zu sein.
„Du hast Ahnung von so was, oder?“
Ich schwieg.
„Bist du einer von den Franzosen? Die wollten schon immer an meine Ergebnisse!“
„Wo ich herkomme, dort gibt es keine Franzosen! Und wenn du nicht mehr Single sein willst …“
Ich kam nicht weiter. Das Zittern, Vibrieren des Barhockers, des Bodens, dann das leise Klirren der Gläser in der Vitrine, schließlich immer stärker, gepaart von einem Wummern, wie auf einer alten Fähre, wenn der Motor in Resonanz mit den Wellen das Schiff an der Reling erzittern lässt.
Die Gläser auf dem Tresen fingen an zu wandern, Leute wurden unruhig. Sie saß da und fragte mich mit atemlos hauchender Stimme: „Erdbeben? In München gibt es keine Erdbeben!“
Ich stand auf, mein Barhocker kippte um. „Das gilt mir!“
Wie in einem Reflex griff ich nach ihrer Hand, zögerte, wusste, dass ich gehen musste. Aber war das der Zufall, den ich immer wieder anzog? Dann war das der Moment, ihre Hand nicht loszulassen.
Ich zog, sie glitt vom Stuhl, wir stürzten auf die Straße. Die Fußgängerzone war hell erleuchtet. Das Vibrieren und Rauschen schier ohrenbetäubend. Schaufenster wackelten, Leute suchten unter den Dächern Schutz. Doch ich zog sie hinaus in die Mitte des Platzes, geführt von hellen Strahlen. Ja, genau so stellte man sich in ihrer Zeit in den Filmen immer das Kommen der Außerirdischen vor. Dann blieb ich stehen, nahm sie eng an mich.
Fasziniert in den Himmel starrend, nicht wissend, ob sie Angst haben sollte oder ihre Neugier überwog, ließ sie gewähren und schien fast ahnen zu können, was ihr nun geschehen würde.
„Wenn du dein Leben so scheiße findest und wenn du tatsächlich so eine geniale Erfinderin aus ganzem Herzen bist – und wenn du nicht mehr Single sein willst – kannst du dir vorstellen, dein Leben jetzt und hier aufzugeben und mit mir zu kommen – neu zu beginnen?“
Sie starrte nach oben in die Lichter, die sich flirrend über uns senkten, bis sie noch weit über den Dächern der Stadt still standen und sich eine Luke öffnete. Dann, zuerst als kleiner Punkt, doch klar erkennbar, etwas auf uns zustürzte.
„Was ist das hier? Versteckte Kamera oder Realität?“
„Vertraust du mir?“
Ihr Flüstern war im Lärm kaum wahrnehmbar, ihre Arme aber sagten mir, dass sie entspannt, gefasst und neugierig war.
„Dann halte dich fest!“
Neben uns hingen vier schwarze Gestalten, kopfüber, maskiert, an hauchfeinen Seilen.
„Guten Abend, Sir!“
„Wir haben einen Gast!“
„Das habe ich mir gedacht, Sir, daher habe ich zwei Gurte dabei, Sir!“
Und während ich lächelte schlossen sich die Gurte, geführt von den routinierten Händen um uns.
Ich blickte sie an, ihre Augen sprachen Bände des Vertrauens, als hätte sie nie etwas anderes gemacht und wir uns seit Lebensbeginn gekannt.
„Schau nach oben und hab keine Angst!“
„Fertig, Sir?“
Ihre Augen lösten sich von mir und blickten in die Luke, zig Meter über uns.
Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, die Beschleunigung stärker als alles, was sie bisher erlebt hatte. Der weiße Fleck raste auf uns zu und stoppte keine Handbreit vor unseren Köpfen, um uns wieder fallen zu lassen, auf den Boden der Luke, welcher sich wie eine Schere unter uns geschlossen hatte.
Sie hatte keine Zeit zu schreien, ihr Nervensystem war offensichtlich zu träge dazu.
Schlagartig wurde ihr die Stille bewusst, in der sie sich befand. Umgeben vom Brummen, das sie in der Bar zum ersten Mal gehört hatte. Ich ließ sie los. Das zarte Geschöpf glitt von mir, aufgefangen und gestützt von zwei der schwarzen Gestalten.
„Alles in Ordnung! Bleib einfach bei ihnen, lass dich führen – ich komme, so schnell ich kann!“
Sie nickte, gewann an Sicherheit.
„Willkommen an Bord, Sir.“
„Wenn ihr mich hier rausholt, dann muss schon etwas Besonderes sein!“
Er legte seinen Kopf zur Seite. „Selbst Newton und Suan wissen noch nichts, aber sie sollen alle drei anwesend sein.“
Ich drehte mich um, sorgend um das Mädchen, das ich gerade aus ihrer Welt gerissen hatte. Doch der Helfer beruhigte mich: „Wir kümmern uns, Sir!“
Dann ging ich.
„Ma‘am …“ Er wies ihr den Weg in den nächsten Raum.
Der Raum war quasi leer. Einige Sessel vor einem Fenster. Dunkelheit, Sterne, der Mond.
Sie setzte sich nicht.
Er blieb im respektvollen Abstand stehen, die Hände auf dem Rücken.
„Leider haben wir hier nicht den Service, den Sie vielleicht gewohnt sind, Ma‘am, aber wenn ich etwas für Sie tun kann?“ Sein Deutsch klang gebrochen, aber er bemühte sich.
„Wo bin ich hier?“
„Nun, Ma‘am, das ist die Sache des Sir, Ma‘am, da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Aber es dauert nicht lange, bis wir ankommen, Ma‘am, dann wird sich sicher alles lichten.“
Sie atmete ruhiger.
„Ist das der Mond? Er ist so groß!“
Die wenigen Augenblicke bis zur Antwort vergingen wie eine Ewigkeit, während sich der Himmel zu bewegen schien.
„Nun, Ma‘am, wir werden gleich schwenken und die Erde sehen. Sie ist wunderschön.“
Wie auf Kommando neigte sich das Sichtfeld, der Mond verschwand rechts oben aus dem Bild – sie trat näher, konnte die Scheibe aber nicht fassen.
Dann kam, blau leuchtend, die Erde von unten heran.
„Ist – das – die Erde? Film?“
Er ließ sie etwas zappeln, obwohl er das nicht mit Absicht tat. Doch ihre unglaubliche Verwunderung wollte er nicht unterbrechen.
„Nun, Ma‘am – wie gesagt, das ist etwas kompliziert. Aber ich kann bestätigen, Ma‘am, dass dies die Erde ist. Und es ist – nun – natürlich kein Film, Ma‘am.“
Sie ging in die Hocke.
„Fliegen wir?“
Der Helfer räusperte sich und musste insgeheim in sich hineinlachen. Konvertierte waren immer so verwundert beim ersten Mal. „Es wird gleich der Mond erscheinen – dort sind wir dann am Ziel.“
„Wir landen auf dem Mond? Ihr wollt mich verarsch…“
Wie auf Zeichen erschien der klare, gelblich braune Felsen im Fenster.
Ich betrachtete sie, wie sie da hockte, sich mit einer Hand am Boden stützte.
Ihre Turnschuhe, die knallige Jeans, der pralle Hintern, das weiche Shirt, ihre Mähne, im Gegenlicht eine wunderbare Silhouette.
Sie hatte ihre Jacke vergessen. Eine dunkelblaue Daunenjacke.
Sie hatte ihr Leben zurückgelassen.
„Wir werden dort nicht landen. Unser Schiff ist nur hinter dem Mond versteckt. Eure Teleskope könnten uns ausmachen, eure Sensoren reichen aber nicht um den Mond herum. Und normalerweise zeigen wir uns auch nicht so öffentlich.“
Sie nahm mich nicht wirklich wahr.
So hockte ich mich hinter sie, winkte meinem Helfer, uns alleine zu lassen.
Dieser zog sich zurück mit den Worten: „Weniger als ein Gone, Sir.“
Ich hielt sie. Sie roch wunderbar süßlich. Mein Kopf legte sich von hinten über ihre Schulter. „Das ist kein Film. Das ist Realität. Und es ist wunderbar!“
Sie neigte den Kopf, versuchte mich anzusehen und flüsterte: „Und wenn das das Ende meines Lebens ist – dafür hat es sich gelohnt!“
Ich grinste, deutete auf den Mond, der sich vor die Erde schob. „Es ist nicht das Ende deines Lebens – es ist nur das Ende des Lebens, das du bisher kanntest.“
Wir genossen den Moment.
„Du hast gesagt, du vertraust mir. Du wirst nicht enttäuscht werden. Dort unten – dort gibt es nichts mehr für dich zu tun. Du bist denen weit voraus. Hier, hier und jetzt, in dieser Realität, hier, wenn sich die Tür hinter uns öffnet, da bist du zu Hause, da gibt es Dinge für dich zu entdecken, die du dir nicht mal im Traum vorstellen kannst.“
Wir erhoben uns langsam, rieben uns aneinander. Sie führte meine Hände auf ihren Bauch, hielt sie fest. Sie waren warm und ihre Atmung ruhig. Vorbei aller Weltschmerz, den sie noch vor wenigen Gone auf ihrem kleinen Planeten mit den großen Sorgen herausgeschrien hatte.
„Ich kenne nicht mal deinen Namen, aber ich vertraue dir.“
Es wurde dunkel, der Mond verdeckte unsere Aussicht.
„Max.“
Sie schien es kaum gehört zu haben.
Die Tür öffnete sich. Im Lichterschein räusperte sich jemand.
„Wir sollten …“
„Geh’ und tu’, was du zu tun hast. Ich werde noch immer da sein, wenn du wiederkommst.“
Sie ließ mich gehen.
Als ich auf der Höhe meines Assistenten war, blitzen die Augen einer blonden Schönheit im Licht. Sie war wunderbar hübsch.
„Die Konversion ist fast abgeschlossen, Sir, man erwartet Sie, Sir.“
Ich nickte.
„Ich kümmere mich um Ihren Gast, Sir.“
Als sich die Schleuse vor mir öffnete, war ich bereits in meiner Routine. Wenige Schritte im hellen Gang und ein kurzes Briefing. Zu zweit waren wir im Permovator.
Ich schwieg.
„Hat’s Ihnen ganz schön angetan.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Verzeihung, steht mir nicht zu.“
„Doch, ja, schon, wenn nicht meiner rechten Hand, wem dann?“
Er blickte auf den Boden „Ich habe nicht viel von ihr gesehen, Sir, aber – hübsch, sehr hübsch, wenn ich das so sagen darf.“
Die Tür öffnete sich. Suan wartete bereits, Amy kam aus dem Permovator gegenüber.
„Dürfen Sie, Karcher, dürfen Sie!“
Die Tür des Permovators schloss sich hinter mir, mein ExO verschwand.
Die Wand des Konferenzraumes wurde hell. General Lukovic blickte in den Raum.
Suan drehte sich zu ihm. Ich stand neben ihm. Newton kam von hinten zu meiner Rechten.
„Ich habe gehört, du hast einen Gast mitgebracht?“ Suan blickte mich aus dem Augenwinkel an.
Ich grinste.


Mission

Lukovic unterbrach die Stille. „Ich weiß nicht, Taylor, aus welchem Unfug ich Sie wieder herausgeholt habe, aber es ist schön, dass Sie drei mir endlich Ihre Aufmerksamkeit schenken.“
Wir standen still und gespannt, versuchten keine Miene zu verziehen.
„Ich verzeihe Ihnen, General, dass Sie mich aus meiner Freizeit herausgeholt haben, Sir – aber ich hoffe, der Unfug hier lohnt sich!“
Newton stieß mir ihren Ellenbogen in die Rippen, Suan grinste.
Diesmal war es Lukovic, der sich jegliche Miene verkniff.
„Wenn Sie also alle so eifrig arbeiten, wie Sie das sollten, dann können Sie mir sicher auch bestätigen, dass Sie alle Asteroiden im Blick haben, die sich in unserem Sonnensystem befinden und gewisse Besonderheiten aufweisen.“ Sein aufgedunsenes Gesicht lächelte und es war klar, dass er mehr wusste als wir.
Suan rief die Tactics auf und nur wenige Handbewegungen später hatten wir einen Punkt, der sich auf dem Weg zu den Gasriesen des Sol-Systems befand, jenem Sonnensystem, das für Menschen lange Zeit als einziges mit Leben galt.
„Sir, ich gehe davon aus …“ Suan blickte uns an, um sich zu versichern, dass es in Ordnung war, wenn er uns aus der Patsche half. Warum sollte es nicht in Ordnung sein? Wir zwei zumindest waren immer ein besonders gutes Team und Suan konnte mit Tactics umgehen, wie kein anderer „… dass Sie jenen meinen, General, der sich auf Europa zubewegt?“
„Wenigstens einer, der seine Hausaufgaben hier macht.“
Suan kniff die Lippen zusammen.
„Dann ist Ihnen auch aufgefallen, dass dieser sich zerteilt hat?“ Lukovic grinste wieder in seiner eigentümlichen hinterhältigen Art.
Suan korrigierte Lukovic: „… zerteilen wird, General, er wird sich bereits bei Annäherung an Saturn zerteilen, Sir.“
„Suan!“ Lukovic lächelte – er lächelte nie – diesmal lächelte er. Und das bedeutete nichts Gutes. Gar nichts Gutes. „Suan, mein Lieber, ich dachte schon, Sie seien ein löbliches Vorbild für die anderen. Aber die Tactics kann ich auch bedienen.“ Lukovic schickte uns eine Detailanimation.
„Er hat sich bereits zerteilt. Und zwar fast einen Orb zu früh.“
Die Aufnahmen zeigten den Asteroid mit einer langsamen Teilung. Suan fuchtelte an Tactics herum und wies uns auf eine kleine Abweichung hin.
„Sie haben schon begriffen, Suan, der Kurs ist dadurch vom Berechneten abgekommen.“
Wir versuchten uns mit den Daten anzufreunden.
Lukovic beobachtete uns, als hätten wir ein Rätsel zu lösen.
„Lassen wir den Unfug!“, unterbrach er lautstark unsere Arbeit. „Triviale Aufgaben wie diese haben Ingenieure schon weit vor Ihnen gelöst.“ Er beendete unsere Animation. „Der Unfug, Taylor, hat sich gelohnt. Europa ist nun nicht mehr Beobachtungspunkt, Taylor, sondern Zielgebiet.“
Wir begriffen.
Europa. Jupiters Mond mit seinem Forschungszentrum war nicht mehr die beste Aussichtsplattform um den Einschlag auf Jupiter zu beobachten – sondern selbst zum hervorgesagten Einschlagort geworden.
„Europa wird diesen Aufschlag nicht überleben. Selbst wenn nur zwei der neun Bruchstücke wirklich einschlagen, wird das Europa zerreißen wie eine Melone.“
Stille.
„Europa ist zu evakuieren. Komplett. Ich will, dass sich beim Aufschlag nicht ein Individuum im Gefahrenbereich befindet.“
Stille.
„Und wenn ich sage kein Individuum“, Lukovic beugte sich zu mir vor, „dann meine ich damit, dass auch die Elite1 ihren fetten Arsch da raus schwingt – Taylor!“
Stille.
„Ich habe mich da klar ausgedrückt, Taylor. Leider ist Ihr Schiff das einzige, das über die Möglichkeiten verfügt, diese Mission durchzuführen. Zeigen Sie drei uns also bitte nun, dass die Investition, solch ein Schiff zu bauen, Sinn gemacht hat – und dass es kein Unfug war, dieses Ding in ausgerechnet Ihre Hände zu legen.“ Lukovic drehte sich um und nahm einen Schluck. „Die Elite2 ist noch im Bau und wird nicht fertig werden, ich muss also in den sauren Apfel beißen und Sie damit beauftragen, die Evakuierung in Gang zu bringen.“ Er drehte sich um und grinste mich an. „Und bitte, Taylor, diesmal ohne Kollateralschaden und Kamikaze-Aktionen, bei denen man mehr Glück als Verstand haben muss.“ Er setzte sich. „Suan, mein Freund, Sie und die kleine Amy passen bitte auf unser liebes Mäxchen auf, dass er diesmal keine Dummheiten macht und die Elite1 wieder heil zurückbringt. Kommandant Yasul wird Sie nun einweisen.“
Die Übertragung war beendet, noch bevor die Worte im Raum verhallt waren.
Wir drei standen da wie Kinder. Keiner von uns hatte davon erfahren, dass der Asteroid bereits zerborsten war – und so war auch keiner darüber informiert, dass Europa in Gefahr sei.
Suan und Newton widmeten sich wortlos dem Tactics. Es zeigte keinerlei Hinweise auf eine Kursänderung und keine Informationen, wann und wo der Körper sich geteilt hatte.
Yasul erschien auf der Übertragung. Der verbissene dunkelhaarige und knochige Typ entsprach eher dem eines verhungerten Penners als jenem eines Kommanders der Generalität.
„Admirals, ich habe die Aufgabe Sie in Ihre Mission einzuweisen.“
Ich fiel ihm ins Wort: „Warum wissen wir nichts davon, dass der Asteroid sich geteilt hat?“
Newton drehte sich um, stärkte meinen Rücken.
Doch Yasul war nicht berührt, kratzte sich in seinem fettigen Stoppelbart. „Diese Kenntnisse wurden von einer Beobachtungsdrohne der Secury übermittelt. Sie wurden von der Führung als kritisch eingestuft. Um zu verhindern, dass es zu einer Hysterie kommt, wenn das Schicksal Europas bekannt werden würde. Daher wurden die Kenntnisse unter Verschluss gehalten und zuerst ein Generalplan entwickelt. Die Elite1, genauer gesagt, Sie, sind die Ersten außerhalb der Generalität, welche von diesen Fakten Kenntnis erhalten. Sie haben dabei die Aufgabe, dieses Wissen in koordinierter Form zu vermitteln und währenddessen bereits für Ordnung zu sorgen.“
Suan lachte. Wir drehten uns um, denn wenn er in dieser lauten Weise lachte, dann war etwas Besonderes.
„Die Tactics hat sich verändert. Wir haben wohl nun Zugang zu den Daten.“
Er dirigierte die Ansicht. Nun war auch für Newton und mich aus der Ferne jedes Detail sichtbar – auch die bereits entstandenen Splitter und deren korrigierte Kurse. Alle Teile würden laut Tactics Europa mit voller Wucht treffen.
Ruhig und mit süßlicher Stimme versuchte ich Yasul aus der Reserve zu holen. „Und Sie meinen, Kommander, dass die Elite1 nun die Kohlen für die Generalität aus dem Feuer holen soll, um später ein Opferlamm zu haben, wenn es darum geht, dass Panik ausgebrochen ist?“
Yasul schluckte, um Zeit für eine diplomatische Antwort zu erhaschen. „Ehre, Sir, Ehre würde besser passen, Admiral, Sir.“ Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.
Suan war tief in die Details gedrungen, prüfte bereits Daten und Positionen von Schiffen in der Umgebung. Newton flüsterte vor sich hin, sodass wir es verstehen konnten – ihre Art, wirklich Wichtiges zu sagen.

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