Elementar
Die Kraft im Vertrauen
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 152
ISBN: 978-3-7116-1649-4
Erscheinungsdatum: 27.05.2026
Gerecht oder ungerecht, gut oder böse – alles eine Frage der Perspektive. Askari und ihre drei Mitstreiterinnen müssen sich in einer turbulenten Welt entscheiden, was richtig ist. Denn davon hängt ihr Leben ab. Oder etwa mehr?
Prolog
Wo bin ich?
Wo bin ich? Eine wirklich ausgezeichnete Frage. Wir geben dem Ort, an dem wir uns befinden, einen Namen. Damit versuchen wir, uns eine Möglichkeit zu geben, die schnelle Welt zu sortieren. Mit Worten benennen wir Orte, um sie uns begreifbar zu machen. Ein Beispiel wäre zu sagen: Ich bin zu Hause, in der Schule oder in einer Stadt; sagen wir Berlin auf dem Potsdamer Platz.
Um jemand anderen zu uns zu navigieren, benutzen wir gerne Wörter wie oben, unten, geradeaus, rechts oder links. Es gibt unendliche Möglichkeiten, weiter zu beschreiben, wo man ist. Mit Farben, Gerüchen …, denn die Wahrnehmung bestimmt, wie wir die Welt um uns sehen.
Was sind dann also Träume, alternative Realitäten und Geschichten? Eine Geschichte wie diese hier. Diese kann man nicht mit all den eigenen Sinnen erleben, schon gar nicht, wenn es nicht deine eigene Welt ist. Ein geschriebenes Wort ist nicht zu hören. Das Aussehen, wie dieses Wort gestaltet wurde, verrät ebenso wenig über die Bedeutung des Wortes, und mit einer ganzen Geschichte brauche ich erst gar nicht anfangen.
Ein Autor, oder besser gesagt der Schreibende, hat ein ganz eigenes Bild im Kopf, wenn er seine Geschichte schreibt. Der Lesende hat nie die Möglichkeit, dieses Bild voll und ganz selbst beim Lesen zu erringen. Ihr werdet die Worte nie so lesen, wie ich es tue. Aber das ist auch nicht schlimm, sondern eher ganz gut so. Du kannst die Geschichte daher so erleben, wie du sie siehst.
Ich kann einen Handlungsbogen schaffen und die Welt mit allem Möglichen füllen. Aber indem du dich in sie träumst und wenn du nur ein bisschen deiner Fantasie hinzufügst, wird diese Welt lebendig.
Darum lade ich dich ein. Und wie PUR es einst in einem ihrer Lieder gesungen hat: „Komm mit mir in ein Abenteuer Wunderland. Der Eintritt kostet aber deinen Verstand.“
Denn hier in dieser Welt funktioniert nichts so, wie du es von deinem bequemen Sofa aus gewohnt bist. Ich rede von den buntesten und verrücktesten Welten. Ich bin mir sicher, dass du bereits einer solchen Welt begegnet bist. Ob nun im Traum, auf einer Leinwand oder in einem anderen Buch. Denn jedes gute Buch entführt dich in eine Welt, in der die Möglichkeiten unbegrenzt sind. Na ja, nicht ganz unbegrenzt, denn die Grenze ist immer die eigene Fantasie.
In diesem Buch erzähle ich von einer Fantasiewelt, im klassischen Sinne. Also den Welten mit Königshäusern, magischen Tieren, mystischen Monstern, Bösewichten mit zu viel Zeit für ihre Pläne und heroischen Heldenabenteuern. Es ist eine Geschichte der vier Protagonisten Auelia Müller, Askari Schneider, Lunor Schmied und Lesren Bauer. Die Vornamen der Bewohner sind kreativ und ihre Nachnamen stammen von den Berufen ihrer Eltern und später ihrer eigenen. Dies schafft Vor- und Nachteile. Anders als in den meisten anderen Heldengeschichten werden diese Helden nicht dem Adel entstammen oder gar vom Königshaus ausgesandt. Es sind vier Bürgerliche und Bauern.
Eine solche Welt ist aber auch nicht frei von Problemen. Wie soll ich eine spannende Fantasygeschichte schreiben, wenn es gar nichts zu erzählen gäbe? Aber Probleme sind kein Hindernis, sondern eine Chance. Beim Lösen sammeln wir Erfahrungen und sind auf die nächsten Probleme besser vorbereitet.
Ein Beispiel sind die eben genannten mystischen Monster. Wie soll ein einfacher Bürger sich gegen solche verteidigen? Stellen wir uns das mal schnell vor. Du stehst auf deinem Feld und bestaunst deine wunderbare Arbeit. Die ersten grünen Blätter sind nach Wochen des Wartens aus der Erde geschossen. Du freust dich schon auf den Ertrag, den dir diese Pflanzen bringen werden.
Und da stürmen zwanzig Kobolde, ein Oger und ein paar hungrige Wölfe aus dem Wald nebenan. Schon wirst du deine Beine in die Hand nehmen und rennen, laufen, so schnell du kannst. Hinter dir stürmen die Monster gerade dein Haus und zerlegen dein Hab und Gut in Einzelteile. Du kannst nur noch auf ein Wunder hoffen, dass ein Held deinen Hof und deinen Besitz zurückerobert.
Das tun die Waldläufer. Sie sind schnell und kommen mit den verschiedensten Gruppen an Gegnern klar. Mit ihrem bunten Waffenarsenal sind sie jeder Herausforderung gewachsen. Sie sind in Gruppen von bis zu vier Mitgliedern unterwegs. Die Ritter und Abenteurer lassen sich für ihren Einsatz gern bezahlen. Gerade für Abenteurer ist das ihr Lebensunterhalt. Doch die Waldläufer sind eine besondere Gruppe mit anderen Möglichkeiten. Sie werden wie die Ritter vom Königreich bezahlt, aber die Auflagen, die bestimmen, wer dazugehört, sind hoch und hart.
Die Waldläufer gehören zu der kampfstärksten Elite, während die Ritter und Wachen der Städte eher als eine Polizei agieren. Sie sorgen für Ordnung auf den Straßen. Die Waldläufer allerdings handeln selbstständig, organisieren sich und sind immer dort, wo sie gebraucht werden. Schnell und flexibel jagen sie den Bedrohungen der einfachen Menschen nach. Vor ihnen ist kein Feind sicher.
Doch selbst die Helden sind auch nur Menschen und lassen sich von einfachen Dingen verführen. Niemand ist perfekt. Aber es muss hier erkannt werden, wenn aus Unabsicht Absicht wird. Fehler sind erlaubt, aber nur in einem bestimmten Rahmen.
Wo beginnt eine richtige Entscheidung und wo hört sie auf? Was ist richtig und was falsch? Wo liegt die Wahrheit vergraben?
Fragen wecken unsere Neugier.
Habe ich deine geweckt?
Wenn du also jetzt Lust hast, diese Welt zu erleben und mit ihr zu träumen und ein Teil dieser Welt zu werden, aus ihren bedeutungslosen Worten ein lebendiges und erfülltes Erlebnis zu machen, so blättere um.
Ich begrüße dich zu einem Abenteuer.
Kapitel 1
Askari Schneider
… Träume und lebe sie. Wie sonst kannst du stolz auf dich sein? Schränke dich doch nicht ein, weil es ein anderer will.
„Askari, komm doch bitte mal runter!“, ruft meine Mutter.
Stöhnend lege ich das Buch zur Seite und kämpfe mich aus meinen Decken. Ich schaue noch einmal schnell aus dem Fenster, um zu sehen, wie spät es ist. Die Sonne geht gerade unter. Es ist also Zeit zu Abendessen. Im Winter geht die Sonne nun mal früher unter.
Ich steige die schmale Holzleiter herunter. Mein Zimmer ist eine kleine Kammer direkt unter dem Dach. Klein, aber gemütlich. Und ich habe hier ein Zimmer für mich allein. Es reicht für ein großes Bett, einen Schrank und ein kleines Badezimmer.
Darunter liegt der Wohnbereich meiner Familie mit den Zimmern für meine Eltern und meine beiden Geschwister. Sie müssen sich eines teilen. Sie streiten sich gerne mal und dabei sind sie so laut, dass es bis zu mir nach oben reicht.
Darunter wiederum liegt die Schneiderei, die meine Eltern betreiben. Still setze ich mich an den Tisch. Meine Geschwister streiten sich schon wieder. Oder immer noch? Keine Ahnung. Es ist mir irgendwie auch egal. Es sind häufig irgendwelche Kleinigkeiten.
Mutter kommt mit einem großen Topf Suppe herein, während Vater ein Brett mit zwei goldbraunen Broten triumphierend über seinem Kopf durch die Gegend trägt. Er freut sich über alles, was er mit seinen eigenen Händen geschaffen hat. Er ist Handwerker durch und durch.
„Kommt jetzt und setzt euch!“, befiehlt Mutter dem Rest der Familie.
Ich streiche meine rotblonden Haare aus meinem Gesicht. Die sind schon wieder viel zu lang. Ich muss Mutter fragen, ob sie sie mir wieder etwas kürzen kann. So sehe ich doch nichts.
Ich beobachte die mir so vertraute Szenerie. Meine beiden Brüder, die durch den Raum toben. Mutter steht kopfschüttelnd daneben und mein lachender Vater macht einfach mit. Es ist laut, aber mir auch so vertraut und irgendwie auch wichtig. Ich hoffe, dass es so für immer bleiben kann.
Ein roter Faden dreht sich in der Luft. Bevor ich ihn auch nur näher betrachten kann, ist er wieder weg. War wohl doch nur Einbildung. Trotzdem schaue ich noch mal genauer hin. Dann folgt ein gelber Faden denselben Weg wie der rote zuvor. Es folgt ein blauer und schon ist es das gesamte Farbspektrum. Eine Energie knistert in der Luft, bringt sie zum Vibrieren. Ich schaue zu meiner Familie herüber, sie aber scheinen es nicht zu bemerken. Als sich dann auch noch schwarze Fäden hinzufügen und die anderen beginnen zu umrahmen, dreht sich der Blick meiner Mutter auf das Ereignis.
„Seid doch mal leise, es kommt besondere Post. Fangt den Brief auf!“, ruft Mutter. Die Fäden hören auf, sich zu bewegen, und sammeln sich in einem Kreis. In der Mitte dieses Kreises ist es pechschwarz, ein Loch im Raum. Eine Hand mit einem Stück Papier streckt sich durch das Schwarz. Die Hand lässt das Papier fallen und zieht sich dann wieder zurück.
„Askari, schnell …“, beginnt Mutter. Ich schnelle nach vorn und schnappe mir das Papier, denn es war kurz davor, in den Topf zu fallen, den Mutter auf den Tisch gestellt hat. Und das Chaos geht weiter. Diesmal dreht es sich aber um das Papier in meiner Hand.
„Für wen ist der Brief?“, fragt Vater und stellt das Brot zu der Suppe.
Auch meine Geschwister kommen aufgeregt zum Tisch. Sie hüpfen um mich herum und versuchen, einen Blick auf das Papier zu erhaschen. Dabei schreien sie: „Zeig mal!“
Schnell zeige ich ihnen, dass es sich nur um Buchstaben handelt, und ihr Interesse ist fast wieder verflogen. Ich überfliege die ersten Zeilen.
„Für wen ist der denn nun?“, fragte Vater erneut und versucht, sich den Zettel zu schnappen.
„Deine Tochter hat den Zettel, also darf sie auch vorlesen“, schimpft meine Mutter und hält somit meinen Vater auf, nach dem Papier zu greifen.
Ich habe derweil die ersten Zeilen überflogen und lese ihn nun vor: „Sehr geehrte Askari Schneider, wir, der Rat der Waldläufer, freuen uns sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie Ihr fünfzehntes Lebensjahr im Rahmen des praktischen Jahres als Waldläuferin verbringen werden.“ Ich höre auf zu lesen und schaue ungläubig auf das Papier in meiner Hand. Dahinter kommen noch irgendwelche Anweisungen, wann und wo es losgeht. Zum Schluss das offizielle Siegel und die Unterschrift aller vier Räte.
Daraufhin folgte Stille, und dann kam auch schon Mutter zu mir gerannt und umarmte mich kräftig. „Das ist ja wunderbar“, sagt sie.
Auch Vater ist erfreut: „Das ist eine wunderbare Chance, Askari. Dir stehen danach alle Türen offen. Mit diesem praktischen Jahr wird euch Fünfzehnjährigen ermöglicht, die Berufswelt neu zu entdecken. Ihr sollt das ausprobieren, was ihr wollt. Ihr könnt in jedes Berufsfeld des Königreiches hineinschnuppern. Mir ist aber nicht bekannt, dass der Waldläuferbund ebenfalls diese Möglichkeit bietet. Ich hätte ja auch gern eine solche Chance gehabt. Wenn …“
„Das ist sehr schön, mein Lieber, aber diese Wahl hat jetzt nur deine Tochter“, unterbricht Mutter Vater und entlässt mich aus der Umarmung.
„Aber ich kann mich doch gar nicht entscheiden“, erwidere ich mit meiner trotzigen Stimme.
Mutter wischt mir eine Strähne aus dem Gesicht. Sie lächelt mich an. „Du kannst jederzeit ablehnen, aber schätze zumindest die Möglichkeit.“
Ich wende mich ab und schaue auf den Zettel, überfliege jedes einzelne Wort. Habe ich irgendwas übersehen? Sicher, dass sie mich meinen? Bei meinem Glück haben sie sich geirrt, und all die Vorfreude und Hoffnung verschwindet beim nächsten Atemzug.
Und ich will doch gar nicht hier raus. Waldläufer reisen viel und treffen viele Menschen. Sie kämpfen, das Leben ist so nur noch gefährlicher. Schöner wäre es doch, wenn ich einfach hierbleiben kann. Jeden Abend weiter Bücher lesen, tagsüber bei meinen Eltern arbeiten. Einfach, einfach. Mehr brauche ich doch nicht. Oder?
„Ich weiß, was dir durch den Kopf geht“, sagt Mutter.
Ich drehe mich zu ihr um und ziehe eine Augenbraue hoch.
„Du sagst, das ist alles zu schwer und zu gefährlich.“
„Aber das ist es doch auch“, unterbreche ich sie.
Mutter schüttelt den Kopf. „Das ganze Leben ist gefährlich. Du gehst jeden Tag diese schmale Leiter rauf und runter und arbeitest in einer Schneiderei mit vielen spitzen Gegenständen. Ja, das Leben ist gefährlich, doch nur mit einem kleinen Risiko wirst du leben. Du kannst dich entscheiden, ob du überleben oder auch leben möchtest.“
Das ist mir zu viel. Ich wende mich ab und springe meine Leiter nach oben. Unterwegs lasse ich den Zettel fallen. Langsam segelt er zu Boden, während ich in meinem kleinen Reich der Ruhe und Friedlichkeit verschwinde.
Welches Buch lese ich wohl heute Abend? Welche Welt wird mir diesmal Zuflucht bieten?
Kapitel 2
Bester Freund
Heute ist nicht so viel zu tun. Mutter und Vater haben ihre Arbeit für heute schon erledigt. Sie müssen auf die Lieferung neuer Stoffe warten, die erst heute Abend eintrifft.
Und so habe auch ich einen freien Nachmittag. Eigentlich wollte ich wieder allein in meinem Zimmer lesen. Doch da heute ein so schöner Tag sein soll, meint Vater, dass ich etwas draußen tun könnte. Also schnappe ich mir eines meiner Bücher und gehe nach draußen.
Es gibt eine schöne Weide mit unseren Nutztieren auf einem kleinen Hügel. Von dort kann man das ganze Dorf sehen. Ich setze mich unter den einzigen Baum auf der Weide. Vor mir erstreckt sich eine malerisch schöne Landschaft.
Unser Dorf, das aus siebenunddreißig Häusern besteht, bietet für alle Bewohner ein gutes Zuhause. Durch unser Dorf geht eine der wichtigsten Handelsrouten. Daher haben wir immer genügend Käufer für unsere Waren und genügend Nachschub für unsere Vorräte. Wir exportieren aber eher und kaufen unsere Nahrung von den umliegenden Bauern, da die meisten Händler eher exotische Waren mit sich führen. Sie sind mit diesen auf dem Weg zur Hauptstadt und erhoffen sich, hohe Preise für diese teuren und edlen Stücke zu erwirtschaften.
Durch den vielen und guten Export geht es uns nicht schlecht. Unsere Häuser sind alle aus Steinziegeln und ordentlich gedeckten Dächern. Gepflasterte, breite Straßen sorgen für eine gute Infrastruktur. Geschützt werden wir von einer kleinen, aber drei Meter dicken steinernen Mauer.
Außerdem haben wir hier eine Abenteurergilde. Diese ist ein Knotenpunkt in ihrer Organisation. Darum herrscht hier häufig ein reger Betrieb. Es ist also eine sehr gute Lebensgrundlage, und die Ideen der Mächtigen lassen uns in eine Zukunft schauen, in der wir bald zu einer Stadt aufsteigen könnten.
Unser Dorf ist zwischen einer Gebirgskette, einem See und einigen Wäldern eingebettet. Der Meyerbach sorgt für frisches Wasser. Ich lasse aber nicht lange meinen Blick über die durchaus schöne Landschaft schweifen, sondern beginne zu lesen.
Diese Welt ist so, wie sie ist, und das kann ich nicht ändern. Aber diese Traumwelten, diese Geschichten sind anders. Sie sind schön und einfach. Alles folgt einem Willen und höherem Zweck, nämlich dem Ziel des Buches. Der Protagonist bekommt immer genau die Hilfe, die er braucht, um seine Probleme zu lösen.
Die Hintergrundgeräusche verschwinden in weiter Ferne. Weder die Tiere noch die Winde werden mich stören. Ich bin beim letzten Mal bei einer ganz spannenden Stelle stehen geblieben. Der Held, ein Prinz, ist in der Festung des bösen Dämons eingetroffen. Sie stehen sich gegenüber, und ein hitziges Wortgefecht ist der erste Schritt zum Endkampf.
Gerade als der Held endlich sein Schwert zieht und dieses auf den Dämon richtet, legt sich eine Hand auf meine Schulter und schüttelt mich sanft. Ich schaue auf und sehe, wie ein Junge vor mir steht. Ich glaube, sein Name ist Lesren, kann mich aber nicht genau erinnern. Mit Namen habe ich ein Problem, aber Gesichter kann ich mir gut merken, und sein Gesicht habe ich schon oft gesehen.
Er ist etwas älter, glaube ich, ist aber weder besonders groß noch klein. Hat schwarzes, verwuscheltes Haar und tiefbraune Augen. Aus diesen strahlt eine Lebensfreude, die ich nie so ganz nachvollziehen kann. Seine einfache Kleidung, bestehend aus einer Hose, einem Hemd und Schuhen, ist ziemlich verdreckt. Schweißperlen laufen über seine Stirn. Mit einem Lächeln schaut er auf mich herab. Dann setzt er sich zu mir ins Gras und seufzt erleichtert auf, als er sich endlich mal setzen kann.
„Anstrengender Tag heute?“, frage ich.
Er nickt: „Ja, Vater hat mich jedes einzelne Unkraut zupfen lassen, das auf dieser gesamten Welt existiert.“
„Dann hast du doch morgen nichts mehr zu tun.“
„Bis morgen ist doch schon wieder alles nachgewachsen“, jammert er und legt sich in das weiche Gras.
Schweigend sitzen wir eine Weile nebeneinander. Ich genieße den Schatten des Baumes und eine kleine Brise. Langsam wandern meine Augen zu den Buchstaben, die immer noch ein spannendes Geheimnis verstecken. Doch die Unterhaltung ist doch noch nicht vorbei.
habe gestern einen Brief bekommen“, platzt es dann plötzlich aus ihm heraus.
„Du meinst für das praktische Jahr?“, frage ich, während ich mich etwas kleiner mache. Das Thema hat mir gerade noch gefehlt. Ich will mich nie wieder damit befassen. Doch Lesren bemerkt meinen Stimmungswechsel nicht und erzählt von dem aufregenden Moment, als die Hand aus dem Portal kam und sein Fleukitz sich auf sie stürzte.
Das ist eine kleine vierbeinige Raubkatze mit zwei Schwänzen, Schlappohren und einem feurigen Atem. Ich lächle ein wenig. Ein Fleukitz ist eigentlich ein liebes Haustier, doch sollte man es nicht erschrecken. So niedlich es auch ist, so gefährlich ist es auch. Sein Vater war sehr überrascht und hat sich riesig über ein solch besonderes Schreiben gefreut.
„Für welchen besonderen Weg haben sie dich denn nominiert?“, frage ich.
Er dreht sich zu mir, und das breiteste Grinsen, das ich jemals gesehen habe, ziert sein Gesicht. „Askari, ich wurde zum Waldläufer nominiert!“, sagt er.
Ich schrecke hoch. „Du auch?“, frage ich verwirrt. Verdammt, jetzt habe ich es ausgeplaudert. Aber ich hatte alles erwartet. Sogar, dass er im Königspalast arbeiten darf. Nicht habe ich aber erwartet, dass er ebenfalls die gleiche Nachricht bekam wie ich. Was mache ich nun?
„Wir können gemeinsam ein Team bilden!“, freut sich Lesren und lässt sich mit ausgestreckten Armen und einem Freudenschrei erneut nach hinten ins Gras plumpsen. Eine Gruppe nahestehender Milks, vierbeinige, behufte Wiederkäuer mit gestreiftem Fell und großen, schweren Hörnern, schreckt bei seinem Aufschrei auf und trampelt davon. Scheue Tiere, aber durchaus wichtig für uns. Sie geben Milch, Fleisch und Leder sowie Wolle.
…
Wo bin ich?
Wo bin ich? Eine wirklich ausgezeichnete Frage. Wir geben dem Ort, an dem wir uns befinden, einen Namen. Damit versuchen wir, uns eine Möglichkeit zu geben, die schnelle Welt zu sortieren. Mit Worten benennen wir Orte, um sie uns begreifbar zu machen. Ein Beispiel wäre zu sagen: Ich bin zu Hause, in der Schule oder in einer Stadt; sagen wir Berlin auf dem Potsdamer Platz.
Um jemand anderen zu uns zu navigieren, benutzen wir gerne Wörter wie oben, unten, geradeaus, rechts oder links. Es gibt unendliche Möglichkeiten, weiter zu beschreiben, wo man ist. Mit Farben, Gerüchen …, denn die Wahrnehmung bestimmt, wie wir die Welt um uns sehen.
Was sind dann also Träume, alternative Realitäten und Geschichten? Eine Geschichte wie diese hier. Diese kann man nicht mit all den eigenen Sinnen erleben, schon gar nicht, wenn es nicht deine eigene Welt ist. Ein geschriebenes Wort ist nicht zu hören. Das Aussehen, wie dieses Wort gestaltet wurde, verrät ebenso wenig über die Bedeutung des Wortes, und mit einer ganzen Geschichte brauche ich erst gar nicht anfangen.
Ein Autor, oder besser gesagt der Schreibende, hat ein ganz eigenes Bild im Kopf, wenn er seine Geschichte schreibt. Der Lesende hat nie die Möglichkeit, dieses Bild voll und ganz selbst beim Lesen zu erringen. Ihr werdet die Worte nie so lesen, wie ich es tue. Aber das ist auch nicht schlimm, sondern eher ganz gut so. Du kannst die Geschichte daher so erleben, wie du sie siehst.
Ich kann einen Handlungsbogen schaffen und die Welt mit allem Möglichen füllen. Aber indem du dich in sie träumst und wenn du nur ein bisschen deiner Fantasie hinzufügst, wird diese Welt lebendig.
Darum lade ich dich ein. Und wie PUR es einst in einem ihrer Lieder gesungen hat: „Komm mit mir in ein Abenteuer Wunderland. Der Eintritt kostet aber deinen Verstand.“
Denn hier in dieser Welt funktioniert nichts so, wie du es von deinem bequemen Sofa aus gewohnt bist. Ich rede von den buntesten und verrücktesten Welten. Ich bin mir sicher, dass du bereits einer solchen Welt begegnet bist. Ob nun im Traum, auf einer Leinwand oder in einem anderen Buch. Denn jedes gute Buch entführt dich in eine Welt, in der die Möglichkeiten unbegrenzt sind. Na ja, nicht ganz unbegrenzt, denn die Grenze ist immer die eigene Fantasie.
In diesem Buch erzähle ich von einer Fantasiewelt, im klassischen Sinne. Also den Welten mit Königshäusern, magischen Tieren, mystischen Monstern, Bösewichten mit zu viel Zeit für ihre Pläne und heroischen Heldenabenteuern. Es ist eine Geschichte der vier Protagonisten Auelia Müller, Askari Schneider, Lunor Schmied und Lesren Bauer. Die Vornamen der Bewohner sind kreativ und ihre Nachnamen stammen von den Berufen ihrer Eltern und später ihrer eigenen. Dies schafft Vor- und Nachteile. Anders als in den meisten anderen Heldengeschichten werden diese Helden nicht dem Adel entstammen oder gar vom Königshaus ausgesandt. Es sind vier Bürgerliche und Bauern.
Eine solche Welt ist aber auch nicht frei von Problemen. Wie soll ich eine spannende Fantasygeschichte schreiben, wenn es gar nichts zu erzählen gäbe? Aber Probleme sind kein Hindernis, sondern eine Chance. Beim Lösen sammeln wir Erfahrungen und sind auf die nächsten Probleme besser vorbereitet.
Ein Beispiel sind die eben genannten mystischen Monster. Wie soll ein einfacher Bürger sich gegen solche verteidigen? Stellen wir uns das mal schnell vor. Du stehst auf deinem Feld und bestaunst deine wunderbare Arbeit. Die ersten grünen Blätter sind nach Wochen des Wartens aus der Erde geschossen. Du freust dich schon auf den Ertrag, den dir diese Pflanzen bringen werden.
Und da stürmen zwanzig Kobolde, ein Oger und ein paar hungrige Wölfe aus dem Wald nebenan. Schon wirst du deine Beine in die Hand nehmen und rennen, laufen, so schnell du kannst. Hinter dir stürmen die Monster gerade dein Haus und zerlegen dein Hab und Gut in Einzelteile. Du kannst nur noch auf ein Wunder hoffen, dass ein Held deinen Hof und deinen Besitz zurückerobert.
Das tun die Waldläufer. Sie sind schnell und kommen mit den verschiedensten Gruppen an Gegnern klar. Mit ihrem bunten Waffenarsenal sind sie jeder Herausforderung gewachsen. Sie sind in Gruppen von bis zu vier Mitgliedern unterwegs. Die Ritter und Abenteurer lassen sich für ihren Einsatz gern bezahlen. Gerade für Abenteurer ist das ihr Lebensunterhalt. Doch die Waldläufer sind eine besondere Gruppe mit anderen Möglichkeiten. Sie werden wie die Ritter vom Königreich bezahlt, aber die Auflagen, die bestimmen, wer dazugehört, sind hoch und hart.
Die Waldläufer gehören zu der kampfstärksten Elite, während die Ritter und Wachen der Städte eher als eine Polizei agieren. Sie sorgen für Ordnung auf den Straßen. Die Waldläufer allerdings handeln selbstständig, organisieren sich und sind immer dort, wo sie gebraucht werden. Schnell und flexibel jagen sie den Bedrohungen der einfachen Menschen nach. Vor ihnen ist kein Feind sicher.
Doch selbst die Helden sind auch nur Menschen und lassen sich von einfachen Dingen verführen. Niemand ist perfekt. Aber es muss hier erkannt werden, wenn aus Unabsicht Absicht wird. Fehler sind erlaubt, aber nur in einem bestimmten Rahmen.
Wo beginnt eine richtige Entscheidung und wo hört sie auf? Was ist richtig und was falsch? Wo liegt die Wahrheit vergraben?
Fragen wecken unsere Neugier.
Habe ich deine geweckt?
Wenn du also jetzt Lust hast, diese Welt zu erleben und mit ihr zu träumen und ein Teil dieser Welt zu werden, aus ihren bedeutungslosen Worten ein lebendiges und erfülltes Erlebnis zu machen, so blättere um.
Ich begrüße dich zu einem Abenteuer.
Kapitel 1
Askari Schneider
… Träume und lebe sie. Wie sonst kannst du stolz auf dich sein? Schränke dich doch nicht ein, weil es ein anderer will.
„Askari, komm doch bitte mal runter!“, ruft meine Mutter.
Stöhnend lege ich das Buch zur Seite und kämpfe mich aus meinen Decken. Ich schaue noch einmal schnell aus dem Fenster, um zu sehen, wie spät es ist. Die Sonne geht gerade unter. Es ist also Zeit zu Abendessen. Im Winter geht die Sonne nun mal früher unter.
Ich steige die schmale Holzleiter herunter. Mein Zimmer ist eine kleine Kammer direkt unter dem Dach. Klein, aber gemütlich. Und ich habe hier ein Zimmer für mich allein. Es reicht für ein großes Bett, einen Schrank und ein kleines Badezimmer.
Darunter liegt der Wohnbereich meiner Familie mit den Zimmern für meine Eltern und meine beiden Geschwister. Sie müssen sich eines teilen. Sie streiten sich gerne mal und dabei sind sie so laut, dass es bis zu mir nach oben reicht.
Darunter wiederum liegt die Schneiderei, die meine Eltern betreiben. Still setze ich mich an den Tisch. Meine Geschwister streiten sich schon wieder. Oder immer noch? Keine Ahnung. Es ist mir irgendwie auch egal. Es sind häufig irgendwelche Kleinigkeiten.
Mutter kommt mit einem großen Topf Suppe herein, während Vater ein Brett mit zwei goldbraunen Broten triumphierend über seinem Kopf durch die Gegend trägt. Er freut sich über alles, was er mit seinen eigenen Händen geschaffen hat. Er ist Handwerker durch und durch.
„Kommt jetzt und setzt euch!“, befiehlt Mutter dem Rest der Familie.
Ich streiche meine rotblonden Haare aus meinem Gesicht. Die sind schon wieder viel zu lang. Ich muss Mutter fragen, ob sie sie mir wieder etwas kürzen kann. So sehe ich doch nichts.
Ich beobachte die mir so vertraute Szenerie. Meine beiden Brüder, die durch den Raum toben. Mutter steht kopfschüttelnd daneben und mein lachender Vater macht einfach mit. Es ist laut, aber mir auch so vertraut und irgendwie auch wichtig. Ich hoffe, dass es so für immer bleiben kann.
Ein roter Faden dreht sich in der Luft. Bevor ich ihn auch nur näher betrachten kann, ist er wieder weg. War wohl doch nur Einbildung. Trotzdem schaue ich noch mal genauer hin. Dann folgt ein gelber Faden denselben Weg wie der rote zuvor. Es folgt ein blauer und schon ist es das gesamte Farbspektrum. Eine Energie knistert in der Luft, bringt sie zum Vibrieren. Ich schaue zu meiner Familie herüber, sie aber scheinen es nicht zu bemerken. Als sich dann auch noch schwarze Fäden hinzufügen und die anderen beginnen zu umrahmen, dreht sich der Blick meiner Mutter auf das Ereignis.
„Seid doch mal leise, es kommt besondere Post. Fangt den Brief auf!“, ruft Mutter. Die Fäden hören auf, sich zu bewegen, und sammeln sich in einem Kreis. In der Mitte dieses Kreises ist es pechschwarz, ein Loch im Raum. Eine Hand mit einem Stück Papier streckt sich durch das Schwarz. Die Hand lässt das Papier fallen und zieht sich dann wieder zurück.
„Askari, schnell …“, beginnt Mutter. Ich schnelle nach vorn und schnappe mir das Papier, denn es war kurz davor, in den Topf zu fallen, den Mutter auf den Tisch gestellt hat. Und das Chaos geht weiter. Diesmal dreht es sich aber um das Papier in meiner Hand.
„Für wen ist der Brief?“, fragt Vater und stellt das Brot zu der Suppe.
Auch meine Geschwister kommen aufgeregt zum Tisch. Sie hüpfen um mich herum und versuchen, einen Blick auf das Papier zu erhaschen. Dabei schreien sie: „Zeig mal!“
Schnell zeige ich ihnen, dass es sich nur um Buchstaben handelt, und ihr Interesse ist fast wieder verflogen. Ich überfliege die ersten Zeilen.
„Für wen ist der denn nun?“, fragte Vater erneut und versucht, sich den Zettel zu schnappen.
„Deine Tochter hat den Zettel, also darf sie auch vorlesen“, schimpft meine Mutter und hält somit meinen Vater auf, nach dem Papier zu greifen.
Ich habe derweil die ersten Zeilen überflogen und lese ihn nun vor: „Sehr geehrte Askari Schneider, wir, der Rat der Waldläufer, freuen uns sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie Ihr fünfzehntes Lebensjahr im Rahmen des praktischen Jahres als Waldläuferin verbringen werden.“ Ich höre auf zu lesen und schaue ungläubig auf das Papier in meiner Hand. Dahinter kommen noch irgendwelche Anweisungen, wann und wo es losgeht. Zum Schluss das offizielle Siegel und die Unterschrift aller vier Räte.
Daraufhin folgte Stille, und dann kam auch schon Mutter zu mir gerannt und umarmte mich kräftig. „Das ist ja wunderbar“, sagt sie.
Auch Vater ist erfreut: „Das ist eine wunderbare Chance, Askari. Dir stehen danach alle Türen offen. Mit diesem praktischen Jahr wird euch Fünfzehnjährigen ermöglicht, die Berufswelt neu zu entdecken. Ihr sollt das ausprobieren, was ihr wollt. Ihr könnt in jedes Berufsfeld des Königreiches hineinschnuppern. Mir ist aber nicht bekannt, dass der Waldläuferbund ebenfalls diese Möglichkeit bietet. Ich hätte ja auch gern eine solche Chance gehabt. Wenn …“
„Das ist sehr schön, mein Lieber, aber diese Wahl hat jetzt nur deine Tochter“, unterbricht Mutter Vater und entlässt mich aus der Umarmung.
„Aber ich kann mich doch gar nicht entscheiden“, erwidere ich mit meiner trotzigen Stimme.
Mutter wischt mir eine Strähne aus dem Gesicht. Sie lächelt mich an. „Du kannst jederzeit ablehnen, aber schätze zumindest die Möglichkeit.“
Ich wende mich ab und schaue auf den Zettel, überfliege jedes einzelne Wort. Habe ich irgendwas übersehen? Sicher, dass sie mich meinen? Bei meinem Glück haben sie sich geirrt, und all die Vorfreude und Hoffnung verschwindet beim nächsten Atemzug.
Und ich will doch gar nicht hier raus. Waldläufer reisen viel und treffen viele Menschen. Sie kämpfen, das Leben ist so nur noch gefährlicher. Schöner wäre es doch, wenn ich einfach hierbleiben kann. Jeden Abend weiter Bücher lesen, tagsüber bei meinen Eltern arbeiten. Einfach, einfach. Mehr brauche ich doch nicht. Oder?
„Ich weiß, was dir durch den Kopf geht“, sagt Mutter.
Ich drehe mich zu ihr um und ziehe eine Augenbraue hoch.
„Du sagst, das ist alles zu schwer und zu gefährlich.“
„Aber das ist es doch auch“, unterbreche ich sie.
Mutter schüttelt den Kopf. „Das ganze Leben ist gefährlich. Du gehst jeden Tag diese schmale Leiter rauf und runter und arbeitest in einer Schneiderei mit vielen spitzen Gegenständen. Ja, das Leben ist gefährlich, doch nur mit einem kleinen Risiko wirst du leben. Du kannst dich entscheiden, ob du überleben oder auch leben möchtest.“
Das ist mir zu viel. Ich wende mich ab und springe meine Leiter nach oben. Unterwegs lasse ich den Zettel fallen. Langsam segelt er zu Boden, während ich in meinem kleinen Reich der Ruhe und Friedlichkeit verschwinde.
Welches Buch lese ich wohl heute Abend? Welche Welt wird mir diesmal Zuflucht bieten?
Kapitel 2
Bester Freund
Heute ist nicht so viel zu tun. Mutter und Vater haben ihre Arbeit für heute schon erledigt. Sie müssen auf die Lieferung neuer Stoffe warten, die erst heute Abend eintrifft.
Und so habe auch ich einen freien Nachmittag. Eigentlich wollte ich wieder allein in meinem Zimmer lesen. Doch da heute ein so schöner Tag sein soll, meint Vater, dass ich etwas draußen tun könnte. Also schnappe ich mir eines meiner Bücher und gehe nach draußen.
Es gibt eine schöne Weide mit unseren Nutztieren auf einem kleinen Hügel. Von dort kann man das ganze Dorf sehen. Ich setze mich unter den einzigen Baum auf der Weide. Vor mir erstreckt sich eine malerisch schöne Landschaft.
Unser Dorf, das aus siebenunddreißig Häusern besteht, bietet für alle Bewohner ein gutes Zuhause. Durch unser Dorf geht eine der wichtigsten Handelsrouten. Daher haben wir immer genügend Käufer für unsere Waren und genügend Nachschub für unsere Vorräte. Wir exportieren aber eher und kaufen unsere Nahrung von den umliegenden Bauern, da die meisten Händler eher exotische Waren mit sich führen. Sie sind mit diesen auf dem Weg zur Hauptstadt und erhoffen sich, hohe Preise für diese teuren und edlen Stücke zu erwirtschaften.
Durch den vielen und guten Export geht es uns nicht schlecht. Unsere Häuser sind alle aus Steinziegeln und ordentlich gedeckten Dächern. Gepflasterte, breite Straßen sorgen für eine gute Infrastruktur. Geschützt werden wir von einer kleinen, aber drei Meter dicken steinernen Mauer.
Außerdem haben wir hier eine Abenteurergilde. Diese ist ein Knotenpunkt in ihrer Organisation. Darum herrscht hier häufig ein reger Betrieb. Es ist also eine sehr gute Lebensgrundlage, und die Ideen der Mächtigen lassen uns in eine Zukunft schauen, in der wir bald zu einer Stadt aufsteigen könnten.
Unser Dorf ist zwischen einer Gebirgskette, einem See und einigen Wäldern eingebettet. Der Meyerbach sorgt für frisches Wasser. Ich lasse aber nicht lange meinen Blick über die durchaus schöne Landschaft schweifen, sondern beginne zu lesen.
Diese Welt ist so, wie sie ist, und das kann ich nicht ändern. Aber diese Traumwelten, diese Geschichten sind anders. Sie sind schön und einfach. Alles folgt einem Willen und höherem Zweck, nämlich dem Ziel des Buches. Der Protagonist bekommt immer genau die Hilfe, die er braucht, um seine Probleme zu lösen.
Die Hintergrundgeräusche verschwinden in weiter Ferne. Weder die Tiere noch die Winde werden mich stören. Ich bin beim letzten Mal bei einer ganz spannenden Stelle stehen geblieben. Der Held, ein Prinz, ist in der Festung des bösen Dämons eingetroffen. Sie stehen sich gegenüber, und ein hitziges Wortgefecht ist der erste Schritt zum Endkampf.
Gerade als der Held endlich sein Schwert zieht und dieses auf den Dämon richtet, legt sich eine Hand auf meine Schulter und schüttelt mich sanft. Ich schaue auf und sehe, wie ein Junge vor mir steht. Ich glaube, sein Name ist Lesren, kann mich aber nicht genau erinnern. Mit Namen habe ich ein Problem, aber Gesichter kann ich mir gut merken, und sein Gesicht habe ich schon oft gesehen.
Er ist etwas älter, glaube ich, ist aber weder besonders groß noch klein. Hat schwarzes, verwuscheltes Haar und tiefbraune Augen. Aus diesen strahlt eine Lebensfreude, die ich nie so ganz nachvollziehen kann. Seine einfache Kleidung, bestehend aus einer Hose, einem Hemd und Schuhen, ist ziemlich verdreckt. Schweißperlen laufen über seine Stirn. Mit einem Lächeln schaut er auf mich herab. Dann setzt er sich zu mir ins Gras und seufzt erleichtert auf, als er sich endlich mal setzen kann.
„Anstrengender Tag heute?“, frage ich.
Er nickt: „Ja, Vater hat mich jedes einzelne Unkraut zupfen lassen, das auf dieser gesamten Welt existiert.“
„Dann hast du doch morgen nichts mehr zu tun.“
„Bis morgen ist doch schon wieder alles nachgewachsen“, jammert er und legt sich in das weiche Gras.
Schweigend sitzen wir eine Weile nebeneinander. Ich genieße den Schatten des Baumes und eine kleine Brise. Langsam wandern meine Augen zu den Buchstaben, die immer noch ein spannendes Geheimnis verstecken. Doch die Unterhaltung ist doch noch nicht vorbei.
habe gestern einen Brief bekommen“, platzt es dann plötzlich aus ihm heraus.
„Du meinst für das praktische Jahr?“, frage ich, während ich mich etwas kleiner mache. Das Thema hat mir gerade noch gefehlt. Ich will mich nie wieder damit befassen. Doch Lesren bemerkt meinen Stimmungswechsel nicht und erzählt von dem aufregenden Moment, als die Hand aus dem Portal kam und sein Fleukitz sich auf sie stürzte.
Das ist eine kleine vierbeinige Raubkatze mit zwei Schwänzen, Schlappohren und einem feurigen Atem. Ich lächle ein wenig. Ein Fleukitz ist eigentlich ein liebes Haustier, doch sollte man es nicht erschrecken. So niedlich es auch ist, so gefährlich ist es auch. Sein Vater war sehr überrascht und hat sich riesig über ein solch besonderes Schreiben gefreut.
„Für welchen besonderen Weg haben sie dich denn nominiert?“, frage ich.
Er dreht sich zu mir, und das breiteste Grinsen, das ich jemals gesehen habe, ziert sein Gesicht. „Askari, ich wurde zum Waldläufer nominiert!“, sagt er.
Ich schrecke hoch. „Du auch?“, frage ich verwirrt. Verdammt, jetzt habe ich es ausgeplaudert. Aber ich hatte alles erwartet. Sogar, dass er im Königspalast arbeiten darf. Nicht habe ich aber erwartet, dass er ebenfalls die gleiche Nachricht bekam wie ich. Was mache ich nun?
„Wir können gemeinsam ein Team bilden!“, freut sich Lesren und lässt sich mit ausgestreckten Armen und einem Freudenschrei erneut nach hinten ins Gras plumpsen. Eine Gruppe nahestehender Milks, vierbeinige, behufte Wiederkäuer mit gestreiftem Fell und großen, schweren Hörnern, schreckt bei seinem Aufschrei auf und trampelt davon. Scheue Tiere, aber durchaus wichtig für uns. Sie geben Milch, Fleisch und Leder sowie Wolle.
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