Science Fiction & Fantasy

Elanthia

Lena Grünbaum

Elanthia

Ruf der Vergangenheit

Leseprobe:

6

Ein Wegweiser zeigt mir nun unverhofft den richtigen Pfad.
Am Ziel warten Erinnerungen und ein Selbst,
welches mir entfallen war.
Doch ist es den Schmerz wert, den ich bereits kommen sehe?
Wie viel kann ich noch geben,
bevor ich dem Nichts entgegenblicke?
Thia


Der Traum begann wie jedes Mal. Ich blickte entsetzt auf den Grund von ‚La vie‘, allein und orientierungslos. Es war mir nicht klar, wo genau ich mich befand, nur dass ich am Ufer des Flusses stand, der für uns alle zugleich Lebensgrundlage als auch Todesurteil sein konnte. Am Ufer des Flusses, der nunmehr vollkommen ausgetrocknet war.
Momentan sah ich schwarz für unsere Zukunft. Ich sah schwarz für tausende Existenzen, sah schwarz für diesen Planeten.
Tränen liefen mir über das windumwehte, kalte Gesicht. Es waren Tränen der Verzweiflung, doch auch Tränen der Wut. Denn, obwohl ich immer wieder über die Bedeutung des Wortes „Gerechtigkeit“ sinniert hatte, wenn Kronos mich gequält und gedemütigt hatte, so war mir die Abwesenheit eben jener nie so klar vor Augen gestanden wie in diesem Moment. Was hatte diese Welt nur verbrochen, dass sie so zugrunde gehen musste?
Ich lachte bitter auf. Was hatte ich verbrochen, dass ich es verdient hatte, an einen solch grausamen Mann gekettet zu sein? Es war sinnlos, sich Fragen zu stellen, auf die es sowieso keine schlüssigen Antworten gab und dennoch konnte die Menschheit, konnte ich, nicht anders, als von Neugier und Wissensdurst getrieben durch das Leben zu schreiten, selbst wenn am Ende dieses Weges lediglich ein weiteres Mysterium wartete.
Und eben jener Lebensfunke, jenes tiefverwurzelte Feuer, sollte so plötzlich erlöschen? Grundlos, sinnlos? Es musste doch einen Weg geben, dieses düstere Schicksal abzuwenden, oder etwa nicht?
Verzweifelt hob ich meinen tränenverschleierten Blick und suchte in der Ferne nach Antworten, die es nicht geben würde. Nach einer Lösung, die mir verwehrt bleiben würde. Doch was für ein Mensch wäre ich, wenn ich aufgeben würde, zu hoffen? Was für ein Mensch wäre ich, wenn ich all die Jahre für mich hatte weiterkämpfen können, doch die Menschheit im Stich ließ?
Ich war so versunken in meinen Überlegungen, dass ich die schemenhafte Gestalt beinahe übersah, die unvermittelt am Horizont erschien und langsam auf mich zukam. Herezias verblassende Strahlen im Hintergrund machten jedwede Bemühungen meinerseits, mehr als einen Umriss zu erkennen, zunichte, dennoch war schnell ersichtlich, dass es sich keineswegs um einen Menschen handeln konnte, denn welcher Mensch besaß solch gewaltige Schwingen?
War es möglicherweise ein Dämon, der die Gabe besaß, in meine Träume einzudringen? War es womöglich Killian, gekommen, um die Wogen zu glätten? Oder Nate, um mich für seine dunklen Zwecke zu missbrauchen? Jede dieser Möglichkeiten brachte ganz eigene Probleme und Emotionen mit sich. Unbehagen, Erschöpfung, Angst.
Letztere siegte und mit zittrigen Beinen trat ich einige Schritte zurück, bis nicht nur das leere Flussbett zwischen mir und der unbekannten Gefahr lag, sondern mehrere Meter fruchtbarer, grasbewachsener Boden, typisch für die Ufergegend um ‚La vie‘.
Ich beobachtete, wie sich die dunkle Gestalt allmählich dem gegenüberliegenden Flussufer näherte und kurz davor stehenblieb. Tief in mir schrie mich mein Fluchtinstinkt panisch an, so schnell wie möglich das Weite zu suchen, doch meine Beine versagten mir den Dienst. Es war, als wüsste mein Körper, mein Unterbewusstsein, etwas, das ich mit meinem wachen Geist noch nicht greifen konnte.
Langsam verloren sich die letzten von Herezias Strahlen in den weit entfernten Bergen und mit einem Mal war es schwärzeste Nacht, lediglich durchbrochen von dem zarten Strahlen kleiner Himmelskörper. So erschien es mir zumindest auf den ersten Blick, bis ein anderes Leuchten meine Aufmerksamkeit fesselte. Ein überraschtes Keuchen entrang sich meiner Kehle, als ich erkannte, dass ich die schemenhafte Gestalt nunmehr vollständig sehen konnte, da sie von innen heraus zu strahlen schien.
Erleichterung ergriff mich, als offensichtlich wurde, dass es sich bei diesem Wesen um keinen mir bekannten Dämon handelte. Natürlich konnte ich es immer noch mit einem von Nates Schergen zu tun haben, doch aus irgendeinem Grund glaubte ich das nicht. Ich war sogar beinahe überzeugt davon, dass diese Gestalt, wenn auch übermenschlich, kein Dämon war. Schließlich war mir noch kein Dämon mit federbesetzten, nachtschwarzen Flügeln untergekommen. Zugegeben, mein Gedächtnis war bestenfalls lückenhaft und meine Zeit auf der Dämonenebene war zu kurz gewesen, um mich mit diesen Wesen genauestens vertraut zu machen. Dennoch glaubte ich mich zu erinnern, dass Killian mal gesagt hatte, nur die ältesten und mächtigsten der Dämonen hätten Flügel. Die Schwingen würden allerdings auch nur in Dämonenform zutage treten, nicht in menschlicher Gestalt.
Das Wesen mir gegenüber hatte menschliche, wenn auch verschwommene Gesichtszüge, menschliche Gliedmaßen und menschliche Kleidung am Körper. Es konnte sich keinesfalls um einen Dämon handeln. Doch was in Herezias Namen war es dann?
„Sei gegrüßt, Elanthia“, umgab mich eine tiefe, wohlklingende Stimme und ohne Vorwarnung begann sich die fremde Kreatur plötzlich vor meinen Augen zu verändern. Ich beobachtete, wie das Leuchten beinahe unerträglich stärker wurde und nur mit Mühe gelang es mir, nicht instinktiv den Blick abzuwenden. Ich wollte keinesfalls etwas von diesem Spektakel verpassen. Wieder kam mir der Gedanke, dass es vermutlich klüger wäre, zu fliehen. Hier konnte genauso gut der Tod warten, auch wenn mich dieses Licht mit einem Gefühl des puren Lebens erfüllte.
Ein geradezu schneidender Wind kam auf, trieb mir die Tränen in die Augen und peitschte mir meine langen Haare ins Gesicht. Ich spürte mehr, als ich sah, wie das warme Licht allmählich schwächer wurde, bis nur noch ein zartes Glimmen übrigblieb. Klein und schwach versuchte es, gegen den immer stärker werdenden Wind anzukommen, doch als sich auch noch dunkle Wolken vor den Nachthimmel schoben und sich ein undurchdringlicher Vorhang aus Regen über die Weite des Landes ergoss, verlor es den Kampf und erlosch. Von dem Fremden keine Spur mehr. Es war, als hätte ihn das Licht verschlungen, als wäre er nie da gewesen und hätte nie meinen Namen geflüstert.
Verwirrung erfüllte meinen durchnässten Körper und ich nahm beinahe nicht wahr, wie der Sturm immer stärker wurde. So stark, dass ich mich nur mit Mühe auf dem Boden halten konnte. Panisch suchte ich nach einem Ort, an dem ich vor diesem Inferno Schutz finden konnte, doch wohin ich auch blickte, sah ich nichts als Regen und Nebel. Selbst die riesige, westliche Bergkette war zu einem schwarzen Schemen in einer düsteren Landschaft geworden, auch wenn ich mir einbildete, erneut dieses seltsame Glänzen zu sehen, welches mich schon einmal so stutzig gemacht hatte.
Konzentriert versuchte ich, mehr zu erkennen, wenigstens ein Rätsel zu lösen, doch es war vergebens. Der Nebel war zu dicht und das Glänzen bereits wieder verschwunden.
Frustriert und zugegebenermaßen auch ein wenig resigniert, fokussierte ich mich wieder auf das aktuelle, sehr viel schwerwiegendere Problem. Wie rettete ich mich vor einem tobenden Sturm, wenn es weit und breit keine Zuflucht gab?
Natürlich war mir nach wie vor bewusst, dass ich träumte, dass nichts von all dem real war und die Bedrohung somit nicht echt. Doch zum einen änderte diese Tatsache nichts an meinen sehr realen Gefühlen und zum anderen war mir, als hätte ich die Kontrolle über diesen Traum verloren. Andernfalls wäre es mir ja wohl ein Leichtes gewesen, diesem Albtraum zu entfliehen und in den Albtraum meines wachen Lebens zurückzukehren.
Ich schrie auf, als unweit von mir ein leuchtend greller Blitz in einen kahlen Baum einschlug und dieser plötzlich von tiefblauen Flammen eingehüllt wurde, die ihn seltsamerweise nicht zu verbrennen schienen. Noch merkwürdiger war jedoch, dass der strömende Regen dem Feuer absolut nichts anhaben konnte, als stünde dieser Baum abseits jedweder Naturgesetze. Neugierig trat ich näher an dieses unerklärliche Phänomen, zuckte jedoch erschrocken zurück, als ein tiefes Grollen aus den Tiefen der hellen Flammen ertönte. Es klang fast wie … herzhaftes Gelächter?
„Wenn du dich sehen könntest. Es ist, als hättest du ein Gespenst gesehen“, erklang eine amüsierte Stimme. Ich kannte diese Stimme. Es war die des Fremden, der sich noch vor wenigen Minuten an der gegenüberliegenden Seite in Luft aufgelöst hatte. Doch das war nicht möglich. Es konnte einfach nicht sein. Verfiel ich nun bereits dem Wahnsinn? Hatten mich Kronos’ Taten nun schon so weit gebracht, dass ich in meinen Träumen mit Bäumen, ja, gar mit brennenden Bäumen sprach? Hektisch schüttelte ich den Kopf. Ich musste mir das eingebildet haben. Es gab bestimmt für alles eine plausible Erklärung.
Der Baum war einfach sehr robust und deshalb dauerte es nun mal länger, bis er heruntergebrannt war. Möglicherweise hatte er irgendwelche seltsamen Stoffe in sich, die das Feuer blau färbten und bei Menschen Halluzinationen verursachten. Ja, womöglich sogar extreme Wahnvorstellungen bei Dämonen hervorriefen.
Diese Erklärung wäre so gut wie jede andere, wenn ich nicht gerade träumen würde. In Träumen galten andere Gesetze. In diesem Reich, welches sich unser müder Geist schafft, verarbeiten wir lediglich Dinge, die uns beschäftigen und die Erfahrungen der letzten Wochen hatten einfach dafür gesorgt, dass sich mein Geist solch seltsame Zusammenhänge ausdachte. Vielleicht wollte er mir damit zeigen, dass ich vor dem Ungewöhnlichen keine Angst haben musste, denn selbst in meinen Träumen fand ich immer Antworten auf unerklärliche Fragestellungen.
Oder ich wurde doch wahnsinnig. Man konnte nie wissen. Welches vernunftbegabte Wesen hatte schon solch wirre Gedankengänge wie ich, in diesem Moment?
„Es ist schön zu sehen, dass du dich keineswegs verändert hast, Elanthia. Du bist nach wie vor die beste Mischung aus Rationalität und Emotionalität. Doch ich versichere dir, dies ist kein gewöhnlicher Traum und du hast auch keine Wahnvorstellungen. Am wichtigsten jedoch, liebe Elanthia, ist, dass du ganz sicher nicht wahnsinnig bist“, unterbrach die seltsame Stimme meine wüsten, aufgewühlten Gedanken und brachte mein Gerüst aus logischen Erklärungen und beruhigenden Worten jäh zum Einstürzen.
Panisch wich ich vor dem blauen Inferno zurück und schüttelte erneut auf das Heftigste den Kopf.
„Ihr seid nicht echt. Das hier ist nicht real. Verschwindet!“ Verwirrung und Angst ließen meinen Ausruf kleinlauter wirken als beabsichtigt, deshalb wunderte es mich nicht weiter, dass ich mit einem erheiterten Auflachen belohnt wurde.
„So sehr ich es auch genieße, dir dabei zuzusehen, wie du versuchst, die Wahrheit mit allen Mitteln von dir zu stoßen, dafür haben wir leider keine Zeit.“ Es war beinahe greifbar, wie sich die Stimmung schlagartig änderte. Verschwunden war jedweder Humor, selbst die Flammen nahmen eine dunklere Farbe an und wirkten beinahe schwarz im Auge des Sturms, der nach wie vor sein Unwesen trieb. Auch wenn es mir so vorkam, als umgäbe mich in der Nähe des düsteren Feuers ein Kokon aus Wärme und Sicherheit. Ich war, wie zuvor schon einmal, von einem Gefühl der Lebendigkeit, einem Gefühl der … Menschlichkeit erfüllt. Was war dieses Wesen, dass es in mir solch Emotionen hervorrief?
„Elanthia, hör mir zu!“ Meine ganze Aufmerksamkeit richtete sich schlagartig wieder auf die energische, laute Stimme und auf das wütende Auflodern der dunklen Flammen. Angst durchzuckte meine durchnässte Form und nur mit Mühe konnte ich das leichte Zittern unterdrücken, welches mich überkommen wollte. Es war nicht nur die bodenlose Macht, die in dieser Stimme mitschwang, die solche Emotionen in mir hervorrief. Vielmehr ängstigte mich die Tatsache, dass diese Kreatur, was immer sie auch war, meinen Namen, ja, es schien sogar, meine tiefsten Gedanken kannte und ich hingegen nicht den leisesten Hauch einer Ahnung hatte, womit oder mit wem ich es hier zu tun hatte.
In meiner Zeit auf diesem Planeten hatte ich vor allem eine wichtige Lektion gelernt: Wissen war Macht, Macht verlieh Stärke und Stärke machte einen unbesiegbar.
Ich war schwach. Schwach angesichts meiner Unwissenheit. Schwach angesichts meiner Machtlosigkeit.
„Elanthia, es reicht!“ Ungeduld und Zorn erfüllten diese Worte und ich zuckte schuldbewusst zusammen, als ich erkannte, dass ich mich erneut in meinen düsteren Gedanken verloren hatte. Doch wer konnte mir das in dieser Situation denn auch verübeln?
Mit einem tiefen Seufzer nahm ich meinen kläglichen Rest Mut zusammen und richtete meinen Blick auf das pulsierende Herz des beinahe schwarzen Feuers.
„Ich höre zu, doch bitte sagt mir zuvor, wer Ihr seid und was Ihr von mir wollt?“ Ich bemerkte stolz, dass meine Stimme trotz meiner Angst und Unsicherheit stark und unnachgiebig klang.
Erleichterung schlich sich in mein Herz, als ich mitverfolgte, wie die Flammen zunächst wieder in ein dunkles Blau und schließlich in ein strahlendes Hellblau umschlugen.
„Du kannst mich Primus nennen. Fürs Erste. Doch bevor ich dir erzähle, weshalb ich auf solch grobe Weise in deine Träume eingedrungen bin, lass mich meine tiefste Entschuldigung aussprechen.“ Ich staunte nicht schlecht, als sich der Rand der Flammen angesichts seines Bedauerns leicht violett färbte.
„Wofür?“, ich hielt meinen Ton bewusst neutral. Denn obwohl sich die allgemeine Stimmung deutlich verändert hatte, war mir die ganze Situation nicht geheuer.
„Es war nicht meine Absicht, dich zu verängstigen, doch es war mir nicht möglich, meine natürliche Gestalt auf diese Entfernung länger als die wenigen Sekunden am Anfang unserer Begegnung zu halten. Ich war gezwungen, in eine ursprünglichere, substanzlosere Erscheinung zu wechseln.“ An dieser Stelle unterbrach sich Primus kurz und ich spürte, wie die nähere Umgebung des Baumes sich zunehmend aufheizte. Mir war nicht bewusst, was er damit bezweckte, bis ich überrascht feststellte, dass der Wind schwächer wurde und auch der Regen allmählich nachließ. Selbst die dunklen Wolken verzogen sich wieder und gaben den Blick auf einen hell erleuchteten, nachtblauen Himmel frei.
„So ist es, denke ich, besser.“ Primus’ Stimme klang angestrengt, geradezu müde und ich fragte mich, wieviel Kraft es ihn gekostet hatte, den Sturm zurückzurufen.
„Das ist jetzt nicht weiter von Bedeutung, Elanthia, und ja, ich höre deine Gedanken so klar wie Quellwasser“, beantwortete er meine unausgesprochenen Gedanken.
„Deine geistigen Mauern sind stark“, fuhr Primus ungerührt fort, „doch meine Kräfte sind stärker. Es hat keinen Sinn, über solch banale Dinge zu sinnieren. Es gibt Wichtigeres zu besprechen.“ Ich schnaubte genervt. Er konnte diese „banalen Dinge“ selbstverständlich einfach zur Seite wischen. Doch ich war neu in dieser Welt der Gedankenleser, Empathen und Elementare. In dieser Welt, in der scheinbar nichts mehr heilig war, nicht einmal die tiefsten, geheimsten Gedanken eines Lebewesens.
Nichtsdestotrotz kam ich seinem Wunsch nach und vernachlässigte diese neuen, beängstigenden Informationen. Schließlich beschäftigte mich nach wie vor vordergründig die Frage, was er von mir wollte.
„Was gibt es so Wichtiges, dass Ihr in meine Träume eindringt und mir die Kontrolle über jene Traumlandschaft ungerührt entreißt?“ Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gemerkt, wie erzürnt ich über diese respektlose Handlung war. Meine Träume mögen rar gesät und zumeist recht apokalyptisch sein, doch es waren MEINE Träume und niemand hatte das Recht, sich auf diese Art und Weise Zutritt zu diesem Reich zu verschaffen.
„Elanthia, du musst mich verstehen. Mir blieb keine andere Wahl, es war nicht möglich, dich anders zu erreichen und es war unabdingbar, dass du meine Botschaft erhältst.“ Seufzend räumte ich innerlich ein, dass seine Stimme aufrichtig und bedauernd klang.
„Welche Botschaft soll das sein?“, erwiderte ich deshalb nachgiebig.
„Du musst zur Erde kommen, sofort.“ Schock erfüllte mich bei diesen Worten. Für einen Moment war ich fast davon überzeugt, ich hätte ihn missverstanden.
„Du hast mich weder missverstanden, noch war es ein Scherz oder dergleichen. Du musst zur Erde kommen.“
„Weshalb?“ Verwirrung ließ meine Stimme leicht zittern, doch ich hatte nicht genug Kraft, um mich für dieses offensichtliche Zeichen von Schwäche zu schämen.
„Es wird Zeit, dass du dich erinnerst. Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst.“ Primus’ Antwort wirbelte nur noch mehr Fragen auf. Warum lag der Schlüssel zu meinen Erinnerungen auf der Erde? Warum sollte die Erde mein Zuhause sein? Und wer in Herezias Namen war Primus, dass er so etwas in den Raum stellen konnte?
„Du wirst auf all deine Fragen eine Antwort erhalten, doch nicht hier. Du musst zu deinen Wurzeln zurückkehren, zur Erde, das ist von größter Dringlichkeit, Elanthia. Bitte, du musst mir vertrauen.“
Schlagartig schlug meine Verwirrung in unbändige Wut um.
„Vertrauen? Wenn es nach mir geht, seid Ihr nichts weiter als ein Hirngespinst, dass sich mein wirrer Geist auf der Suche nach Antworten ausgedacht hat.“ Das wäre immer noch besser als die Alternative, nämlich dass Primus wirklich die Macht hatte, in meinen schlafenden Geist einzudringen, um mir diese abstruse Botschaft zu überbringen.
„Elanthia, bitte. Uns bleibt keine Zeit mehr. Nimm dies als Beweis dafür, dass dies kein simpler Traum war.“ Erschrocken versuchte ich zurückzuweichen als eine Flammenzunge auf mich zuschoss und mein rechtes Handgelenk umfasste. Instinktiv schrie ich auf, den Schmerz erwartend, der nie kam. Stattdessen umgab mich eine wohlige Wärme und es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich das Feuer wieder zurückzog.
Verwirrt blickte ich auf mein prickelndes Handgelenk und keuchte überrascht auf, als ich das dunkelgoldene Band erblickte, dass sich dort abbildete. Es bestand aus zwei federbesetzten Flügeln, die sich am höchsten Punkt des Handgelenkes kreuzten und das beinahe übernatürliche Leuchten, welches von diesem Kunstwerk ausging, wärmte mich bis in die Tiefe meiner Seele.
„Was ist das?“, fragte ich Primus verwundert. Kopfschüttelnd hob ich meinen Blick und sah erneut zu dem brennenden Baum. Doch dieser war verschwunden und mit ihm jede Spur von Primus.
„Dies ist dein Beweis. Ich erwarte dich“, vernahm ich Primus’ Stimme von überall und nirgendwo, bevor wieder absolute Stille herrschte.
„Wo seid Ihr?“ Ich erhielt keine Antwort. Primus war verschwunden und das Einzige, was mir von ihm blieb, war mein neuestes Accessoire und unzählige Fragen, auf die es wie immer keine Antworten gab. Zumindest nicht hier.
Seufzend wandte ich mich zum Flussbett und registrierte enttäuscht, dass sich nichts verändert hatte, bis auf die Flussufer, die nun wieder mit Bergen über Bergen an Leichen gesäumt waren. Das verhieß nichts Gutes.
Bevor ich mich erneut auf die Suche nach Antworten machen konnte, erschütterte ein leichtes Beben meine Traumlandschaft und mit einem resignierten Kopfschütteln ließ ich meinen Traum verblassen und begab mich auf den Weg in mein waches Leben.

***

Nur langsam kam ich wieder zur Besinnung. Ich registrierte die weichen Kissen und glatte Seidenbettwäsche meines riesigen Himmelbettes und suchte gleichzeitig nach der Ursache meines unsanften Erwachens. Es dauerte nicht lange, bis ich sie fand. Ein lautes, wiederholtes Klopfen ließ die Eingangstür zu meinen Gemächern erbeben und Angst schnürte mir sofort die Kehle zu. Kronos. Welche Tageszeit hatten wir? Panisch schlug ich die Augen auf und schaltete hastig meine Nachttischlampe an. Hektisch griff ich nach meiner Uhr und registrierte erschrocken, dass es schon später Nachmittag war. Ich hatte den ganzen Tag verschlafen, kein Bediensteter hatte es für nötig gehalten, mich zu wecken. Es war, als erfreuten sich diese Menschen an meinem Leid, als würden sie es geradezu zu ihrem Vergnügen heraufbeschwören. Schließlich hatten sie dafür gesorgt, dass ich meine Audienz bei Kronos verschlafen hatte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 344
ISBN: 978-3-99107-416-8
Erscheinungsdatum: 03.05.2021
EUR 17,90
EUR 10,99

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