Drachenwispern

Drachenwispern

Christian D'hein


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 512
ISBN: 978-3-99107-527-1
Erscheinungsdatum: 13.07.2021

Kundenbewertungen:

5 Sterne
Tolle Urlaubslektüre - 29.08.2021
Christoph

Habe das Buch innerhalb von 3 Tagen durchgelesen. Spannende Geschichte, sehr ausdrucksstark geschrieben. Guter Spannungsbogen über mehrere Stränge, die geschickt zusammengeführt werden. Bis schon gespannt auf eine Fortsetzung.

1

Unendlich laut und ungnädig prasselte der Regen auf Ardun hinab, durchnässte seine dünne Kleidung und ließ ihm das schulterlange, triefende Haar ins Gesicht fallen. Es war, als habe selbst das Wetter sich gegen ihn gewandt, als wolle es ihn noch in seinem Leid verhöhnen. Er kniete in einer moosigen Senke im Wald und hielt die Wange in tiefer Trauer an den leblosen Körper in seinen Armen gedrückt. Es war die erstarrte Gestalt eines jungen Mädchens, nicht viel jünger als er selbst. Wahrscheinlich war dies ihr achtzehnter Sommer.
»Und nun auch ihr letzter«, fügte er in Gedanken bitter hinzu, während sich ein leiser Schluchzer seiner Kehle entrang.
Aber keine Träne lief über seine Wange. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte, denn so weit seine Gedanken zurückreichten, hatte ihn das Leben mit grausamer Härte in seinen Klauen gehalten. Ardun hatte seine Eltern nie kennengelernt und auch sonst hatte sich niemand seiner angenommen. So war er schließlich alleine in den Gassen Wackensteins aufgewachsen, einer heruntergekommenen Menschenstadt unter der Regentschaft eines Herrschers, dem jeglicher Gedanke an die Hungernden und Armen fremd war. Aber trotz dieser Widrigkeiten hatte Ardun sich nie beschwert, denn dieses Leben hatte ihn gelehrt, dass er nur sich selbst trauen konnte, aber auch, dass er mit seinem eigenen Willen alles erreichen konnte. Oder zumindest genug, um zu überleben. Niemand kümmerte sich um ihn und er sich ebenso wenig um den Rest der Welt. Doch heute hatte er all seine Prinzipien über Bord geworfen und sich gegen die warnende Stimme in seinem Hinterkopf durchgesetzt. Ein Fehler, der ihn den Garant seines Daseins gekostet hatte und als Tribut höchstwahrscheinlich sein Leben fordern würde, ehe die Sonne ein weiteres Mal den Horizont erklomm. Bitter dachte er zurück an seine Kindheit. Als er gerade den Sept, das Knabenalters erreicht hatte, war er von der Wache erwischt worden. Eigentlich war der Sept ein wichtiger Tag im Leben eines Mannes, denn die Ernten waren schlecht und die Winter hart, sodass selbst in behüteten Verhältnissen nur jedes dritte Kind dieses Alter erreichte. Wer aber das Erblühen der ersten Blumen am Primus des Frühlings nach seinem siebten Winter miterlebte, der hatte die Kraft bewiesen, den Widrigkeiten der Natur zu strotzen. Daher feierte man den Sept so prunkvoll und überschwänglich, wie es die finanzielle Lage der Familie zuließ. Für Ardun war es einfach nur ein weiterer elender Tag gewesen, an dessen Morgen er erwacht war, ohne zu wissen, ob er an diesem Abend wieder hungrig ins Bett gehen musste. Unwillkürlich verzog er den Mund, als er selbst jetzt, Jahre später, wieder den beißenden Hunger fühlte, den er auch damals gespürt hatte. Heiß und stechend hatte er sich durch seine Eingeweide gefressen und ihn sich vor Krämpfen winden lassen. So hatte er schließlich der Not nachgegeben und sich zu dem kleinen Marktplatz begeben, der sich direkt vor den Toren der protzigen Burg Wackenstein befand. Trotz der Armut der Bewohner waren die Stände hier nie leer und die Düfte von geräuchertem Fisch, frischgebackenem Brot und anderer Köstlichkeiten vermischten sich und ließen ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Er hatte sich unter die Leute begeben und einfach von der Masse treiben lassen, um nicht von den Wachen entdeckt zu werden, bevor seine Hand an einem Obststand blitzschnell hervorgezuckt war und einen grünen Apfel in seinem Ärmel hatte verschwinden lassen. Alles war gut gegangen, der Händler, ein kleiner, untersetzter Mann mit Glatze, hatte nichts gemerkt und pries den Passanten weiter lautstark seine Ware an. Doch dann, als er sich schon in Sicherheit gewähnt hatte, war es geschehen. Ein rennendes Kind hatte ihn von hinten angerempelt und Ardun war der gestohlene Apfel aus der Ärmelfalte gerutscht, gerade als eine vierköpfige Wachpatrouille an ihm vorbeikam. Er hatte keine Zeit gefunden zu reagieren und zu fliehen, so schnell war er schon grob am Arm gepackt und von der unerbittlichen Wache vor Fürst Ergon geschleppt worden. Dieser hatte ihm die Wahl gelassen, entweder für ihn zu arbeiten oder aber, wie bei Diebstahl üblich, seine Hand zu verlieren. Ardun war so verängstigt gewesen, dass ihm der eigene Urin die Beine hinabgelaufen war. Seit diesem Tag hatte er auf Burg Wackenstein gearbeitet, bei allem geholfen, wofür jemand gebraucht wurde, und das für lediglich ein Silberstück und eine laue Schüssel Gemüsesuppe am Tag. So war es auch an diesem Morgen gewesen, als das Mädchen aufgetaucht war. Er hatte die Szene mehr zufällig mitbekommen, da er im Thronsaal die Rüstungen polieren musste, bis das alte Metall nur so glänzte und seine Finger blutig und wund waren. Zwei Wachen hatten das zitternde Mädchen hineingeführt, wo es schon von des Fürsten Sohn Idan erwartet worden war. Er eröffnete dem Mädchen, dass er sie erwählt habe, seine persönliche Mätresse zu werden. Angewidert hatte Ardun kurz von seiner Arbeit aufgeschaut, nur um die hämische Freude in dem Gesicht Idans zu sehen, während das Mädchen sich in den Armen der Soldaten gewunden und weinend um Gnade gewinselt hatte. In diesem Moment hatte er beschlossen, das Mädchen aus Wackenstein zu retten, nicht aus Nächstenliebe, sondern um dem arroganten Fürstensohn eins auszuwischen, der nicht einmal davor zurückschreckte, sich ein unbescholtenes Dorfmädchen zur Hure zu nehmen. Doch wohin hatten ihn seine ehrgeizigen Pläne geführt? Nun saß er hier im Wald, das Mädchen, aus dessen Rücken ein gefiederter Pfeil ragte, in den Armen haltend, und lauschte auf die lauten Stimmen der Soldaten, die nach ihm suchten und ihm Drohungen und Schmähungen entgegenbrüllten. In der Dunkelheit der Nacht sah er ihre Fackeln auf und ab hüpfen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Hunde seine Witterung aufnahmen und ihn fanden. Bei dem Gedanken an die blutrünstigen Jagdhunde musste Ardun schwer schlucken, denn er hatte schon einmal miterlebt, wie sie das Bein eines kräftigen Mannes einfach zerfetzt hatten. Vielleicht war es sogar besser, sich zu stellen, denn der Tod durch das Schwert wäre sicherlich angenehmer, als Bekanntschaft mit den Zähnen der Hunde zu machen. Und entkommen konnte er ja doch nicht.
»Die Last der Toten ist nur schwer zu tragen, nicht wahr, mein Sohn?«, ertönte plötzlich eine sanfte Stimme direkt vor ihm.
Zu Tode erschrocken fuhr Ardun halb auf und seine Hand glitt automatisch zu dem Dolch an seinem Gürtel und riss ihn aus der Scheide. Vor ihm war von ihm völlig unbemerkt eine Gestalt erschienen, die sich in einen tiefschwarzen Umhang gekleidet hatte, der mit der umgebenden Nacht perfekt verschmolz. Der Neuankömmling hob beschwichtigend die Hände und schob sich langsam die Kapuze vom Kopf. Zum Vorschein kam das Gesicht einer wunderschönen Frau, wie Ardun sich selbst eingestehen musste, das von langen blonden Haaren und zwei spitzen Ohren gerahmt wurde. Eine Elfe! Sie sah ihn aus klugen Augen an und sprach dann wieder mit ruhiger, sachlicher Stimme:
»Zweifellos trägst du die Schuld an dem Tod dieses Mädchens.«
Diese Aussage schockierte Ardun noch mehr als das plötzliche Auftauchen der Elfe und er wollte wütend aufbegehren, doch die Elfe unterbrach ihn mit einer Handbewegung.
»Ich weiß genau, was sich zugetragen hat, also versuche nicht, meine Worte zu leugnen und mich zum Narren zu halten!«, brauste sie mit plötzlicher Härte auf, ehe ihr Ton wieder bitterweich und verständnisvoll wurde, »Die Wahrheit darf niemals geleugnet werden, Sohn, denn sonst belügen wir nur unsere eigene Seele. Ich weiß, dass du ihren Tod nicht wolltest und im Sinn hattest, ihr zu helfen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie noch am Leben wäre, wenn du nicht gehandelt hättest. Innerlich zerbrochen und geschändet, das ja, aber immerhin am Leben.« Ardun hatte einen Kloß im Hals. Er wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte, denn die Wahrheit ihrer Worte traf ihn wie ein Schlag und er schaute beschämt zu Boden. Dann kochte mit einem Mal Zorn in ihm hoch. Wer war diese Fremde, dass sie sich anmaßte, so mit ihm zu sprechen? Sie wusste rein gar nichts über ihn und die Entbehrungen, die er schon hatte erleiden müssen. Überhaupt war sie noch nicht einmal ein Mensch und doch stand sie hier und urteilte über ihn, als wäre sie seine Mutter!
»Wenn das alles ist, was Ihr zu sagen habt, dann verschwindet Ihr jetzt besser, sonst finden mich wegen Euch noch die Wachen!«
Die Elfe sah ihn tadelnd an.
»Immerfort davonzulaufen wird dir niemals das bescheren, wonach dein Herz sich so verzehrt. Aber ich sehe die Reue in deinen Augen für die Taten, die du begangen hast, und deshalb möchte ich dir ein Angebot machen. Wenn dies dein Wunsch ist, biete ich dir an, Teil der Aquiron zu werden.«
Verständnislos sah Ardun sie an. Was das Elfenweib da von sich gab, ergab absolut keinen Sinn. Und wer zum Teufel sollte dieser Aquiron sein?
Als hätte sie seine Gedanken erraten, erklärte die Elfe: »Die Aquiron sind eine Gilde von Kriegern, wenn wir uns auch von gewöhnlichen Soldaten unterscheiden. Man muss gewisse Kriterien erfüllen, um aufgenommen zu werden. Nur jene mit einem besonderen Talent, einer Gabe, dürfen beitreten. Aber es wird niemand gezwungen. Im Grunde sind wir eine große Familie, in der jeder auf den anderen aufpasst, und kämpfen an eben jenen Fronten, an denen eine normale Armee in wenigen Augenblicken versagen würde. Denk über meine Worte nach. Ach und eins noch, mein Name ist Lian.«
Damit wandte sie sich, ohne seine Antwort abzuwarten, ab und war in der Nacht verschwunden, ehe Ardun etwas dagegen tun konnte. Mit gemischten Gefühlen stand er da und blickte ihr nach. Frustriert schleuderte er den Dolch in den weichen Waldboden, wo die kurze Klinge stecken blieb, und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er beschloss, das Gespräch zu vergessen, und machte sich daran, ein Grab für das Mädchen auszuheben, um ihr wenigstens diese letzte Ehre erweisen zu können. Die körperlich anstrengende Arbeit tat ihm gut, auch wenn er sich zahlreiche Schnittwunden an den Händen zuzog, da es ihm an Werkzeug für solche Arbeiten fehlte. Da legte sich plötzlich kalter Stahl an seinen Hals und drückte sich leicht in die Haut, sodass einige Blutstropfen hervorquollen. Ardun erstarrte. Er wusste, wenn er sich auch nur einen Deut bewegte, würde das Schwert seine Kehle durchtrennen.
Eine hämische Stimme flüsterte ihm selbstzufrieden ins Ohr: »Genug Katz und Maus gespielt, kleiner Scheißer. Jetzt kommst du schön brav mit, damit wir ein bisschen Spaß mit dir haben können, bevor du baumeln darfst.« Dann traf ihn etwas hart am Hinterkopf und ihm wurde schwarz vor Augen.



2

»Du wurdest trainiert, du wurdest getestet und hast es bis hierher geschafft. Nur wenige erblicken jemals die Finsternis dieser Kammer. Deshalb frage ich dich, meine Schülerin, bist du bereit, die Aufgabe zu übernehmen, zu der du erwählt wurdest?«
Sie hob langsam das Haupt, welches sie zuvor in Demut gesenkt gehalten hatte. Ein sanftes Kitzeln prickelte auf ihrer Wange, als eine Strähne ihres langen, schwarzen Haares sich löste und ihr ins Gesicht fiel. Ihre grünen Augen waren weit geöffnet, doch auch wenn sie mit der Fähigkeit der Klarsicht geboren worden war und selbst in tiefster Nacht deutlich zu sehen vermochte, versagte ihr Augenlicht in diesem Raum. Dennoch unterdrückte sie den Drang, wild mit den Augen umherzuzucken, und konzentrierte sich auf einen Punkt Schwärze. Auch zitterte ihr Körper nicht, obwohl sie nackt auf dem kühlen Steinboden kniete, denn ihr Wille war stärker als die Kälte, die sie zwar spürte, welche ihr aber nichts anhaben konnte. Sie war eine Kriegerin. Nein, sie war sogar mehr als das. Ihr Körper war gestählt und doch nicht muskulös, sondern von betörender Weiblichkeit, ihr Wille war stark wie ein unbändiges Feuer und, noch viel wichtiger, sie war niemand. Der Ort der Aufnahmezeremonie war nicht umsonst gewählt, sondern mit Absicht ein Hort der völligen Dunkelheit. Es erinnerte die Novizen ein letztes Mal daran, dass sie nicht existierten. Diese Gewissheit durchflutete ihren Geist und beruhigte ihr pochendes Herz.
»Ja Meister«, hauchte sie leise in die Dunkelheit, in die Richtung, aus der sie zuvor die Stimme ihres Lehrmeisters vernommen hatte, »geboren, um Euch zu dienen, Euren Befehlen Folge zu leisten und Kraft meines Körpers die Welt zu verändern, bin ich hier vor Euch. Bitte nehmt meine Dienste an.«
Als die Stimme ihres Meisters wieder ertönte, schien sie plötzlich nicht mehr von vorne, sondern von über ihr zu kommen.
»Schwörst du, nicht zu hinterfragen, was dir aufgetragen wird, keine Selbstjustiz zu üben und dich alleine der Moral des schwarzen Zirkels zu unterwerfen?«
Die Worte waren in gemessenem Ton gesprochen, denn in der Finsternis verbargen sich noch die anderen beiden Unterführer des Zirkels, wie sie wusste, aber doch glaubte sie einen Anflug von Stolz in ihnen mitschwingen zu hören und so antwortete sie ohne zu Zögern aus tiefster Überzeugung: »Ich schwöre!«
»Schwörst du, jeglichen Emotionen und trügerischen Gefühlen zu entsagen, da sie dich vom rechten Pfad abbringen würden?«
»Ich schwöre!«
»Und schwörst du, nie ein Wort über den Zirkel zu sprechen und das geheime Wissen, welches dir zuteilwurde, zu hüten, selbst wenn man es dir durch Folter oder Schändung zu entreißen versucht?«
Bei diesem Gedanken konnte sie nicht verhindern, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief und sie fröstelte, aber dennoch stand ihre Antwort außer Frage: »Ich schwöre es, so wahr ich hier knie!«
Plötzlich legte sich die warme Hand eines Mannes auf ihre Schulter.
»Du hast wohl gesprochen, Novizin. So erhebe dich nun und sei nicht länger eine Schülerin, sondern ein vollwertiges Mitglied des schwarzen Zirkels.«
Leicht ungelenk vom langen Knien erhob sie sich, bis sie aufrecht stand. Unbewusst versuchte sie, die Zehen im Boden zu vergraben, doch damit scheiterte sie natürlich an dem kargen Stein. Und da das Geräusch ihrer Nägel, die über den Boden kratzten, in dem sonst so stillen Raum unendlich laut klang, unterließ sie es auch sofort. Neben sich vernahm sie ein leises, aber wohlwollendes Lachen, ehe sie einen weichen Stoff auf ihrer Haut spürte, als ihr eine lange Robe umgelegt wurde.
»Lange ist es her, seit der letzte Novize seine Prüfung bestanden hat. Du hast dich in den Kampfkünsten bewiesen, bist sogar in jeder Disziplin zur Besten gekürt worden, aber das ist es nicht, weshalb wir dich wählten. Es sind ein starkes Herz und deine unerschütterliche Treue, die dich würdig gemacht haben. Denn beides wirst du unter Beweis stellen müssen, wenn du Erfolg haben willst. Die Aufgabe, die vor dir liegt, ist die bedeutendste und auch schwierigste seit Anbeginn des Zirkels. Ich werde dir nun erklären, worum es geht.
In deiner Ausbildung hast du dich lange mit der Historie des Zirkels befasst und darüber hinaus noch mit den Geschicken der gesamten Welt. Doch es gibt einige weitere Kapitel, die zwischen der Gründung durch Borg und Toras und dem heutigen Zirkel liegen. Die Zeiten der Zwietracht, die nur wenigen Lebewesen heutzutage noch bekannt sind. Denn einst drohte der schwarze Zirkel zu zerbrechen und konnte nur dadurch fortbestehen, dass er sich in Teile spaltete. In uns, die den Traditionen treu geblieben sind und überzeugt die alten Werte hochhalten, und in jene die aus Machtgier und Eigennutz handelten und sich selbst über das Wohl der Welt stellten. Dieser Abkömmling des Zirkels besteht noch heute. Er nennt sich die Aquiron. Wir werden dich dort einschleusen, damit du Informationen sammeln kannst und wir dieses Geschwür für immer vernichten können. Dafür musst du die wahre Geschichte kennen. Sie ist niedergeschrieben in diesem Papyrus. Halte sie geheim, doch studiere sie, wann immer sich eine Möglichkeit ergibt. Diese Schriften sind unvorstellbar kostbar, doch solltest du Gefahr laufen, dass ein anderer sie liest oder sie dir entwendet, so musst du sie dem Feuer anvertrauen.«
Damit wurden ihr einige dünne Papyrusrollen in die Hand gedrückt, während sich hinter ihr die Tür öffnete und mit einem Mal ein schummriger Lichtstrahl in den Raum fiel und sie den Schemen ihres Meisters erkennen ließ. Dieser nahm sie am Arm und führte sie hinaus aus der Dunkelheit, auf das Licht zu.
»Komm. Du musst schon bald zu deiner Mission aufbrechen, doch zunächst muss die Zeremonie abgeschlossen werden. Es gibt reichlich an Speis und Trank zu deinen Ehren. Heute sollst du noch keine Gedanken an das Kommende verschwenden, sondern dich allein an deinem Erfolg erfreuen. Und dann werde ich dir deinen Namen nennen.«



3

Vor Gier zitterten die vernarbten Finger von Fürst Ergon leicht, während er unablässig über das noch ungelesene Schreiben strich, welches er unter seinem polierten Schreibtisch versteckte. Davor standen zwei seiner Minister und schwadronierten über die belanglosen Probleme seiner Untertanen, doch er schenkte ihnen kein Gehör. Er kannte die Forderungen nach geringeren Steuern, niedrigeren Preisen und weniger Kontrolle durch den Fürsten, aber er plante, nicht auch nur in einem Belang nachzugeben. Doch heute lauschte er dem Gespräch noch weniger als sonst. Es juckte ihn in den Fingern, einfach mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und die Minister hinauszuwerfen, aber nicht einmal er konnte sich ein solches Verhalten erlauben, schließlich gehörte dies zur Politik. Dennoch verbrannte die Ungeduld ihn innerlich.
»Herr?«
Es dauerte eine Weile, bis Fürst Ergon begriff, dass er gemeint war. Einer seiner Minister hielt ihm ein beschriebenes Blatt hin. Ohne darauf zu achten, was es war, setzte er seine Signum darunter. Dann verließen die Minister endlich den Raum und er war allein. Fürst Ergon lehnte sich erleichtert in seinem Stuhl zurück und leckte sich ungeduldig über die Lippen. Dann endlich umschlossen seine Finger die verborgene Botschaft und beförderten sie auf die Schreibtischplatte. Das schwarze Wachssiegel zeigte einen Drachen, der sich selbst verschlang. Es war unversehrt, ein Zeichen dafür, dass die Botschaft noch nicht gelesen worden war.
»Und ein Zeichen, dass sie von Ihnen stammt«, fügte er in Gedanken hinzu.
Bevor er sich bewusst dazu entschlossen hatte, brachen seine Finger schon das Siegel und entrollten die Nachricht. Sie enthielt eine Forderung. Fürst Ergon nannte die Anweisungen von Ihnen immer »Forderungen«, obwohl es vielmehr Befehle waren. Er mochte es nicht, jemandem untertan zu sein. Aber er erfüllte trotzdem alle Anweisungen. Denn ein großer Teil der neuen Ordnung, die sie erschaffen würden, sollte seine Handschrift tragen. Er wäre ein größerer Fürst als alle seine Vorfahren zusammen. Ein wahrer König! Seine Augen überflogen die geschriebenen Worte. Die Nachricht war kurz, aber eindeutig. Er sollte sich eines Dieners entledigen, der bei ihm in der Burg arbeitete. Fürst Ergon runzelte die Stirn. Er wusste nicht, warum Sie sich ausgerechnet für einen Diener interessierten, aber eigentlich war es auch egal, denn er hing nicht an dem Leben seiner Untertanen. Allerdings musste er es wie einen Unfall aussehen lassen. Sein Blick fiel auf den Namen des Dieners und er stutzte.
»Ardun.«
Irgendwo in seinem Hinterkopf klingelte es. Es dauerte einen Moment, aber dann wusste er, weshalb ihm der Name bekannt vorkam und ein breites, selbstzufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sein Problem hatte sich gerade von selbst erledigt.
5 Sterne
Tolle Urlaubslektüre - 29.08.2021
Christoph

Habe das Buch innerhalb von 3 Tagen durchgelesen. Spannende Geschichte, sehr ausdrucksstark geschrieben. Guter Spannungsbogen über mehrere Stränge, die geschickt zusammengeführt werden. Bis schon gespannt auf eine Fortsetzung.

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