Science Fiction & Fantasy

Drachenträume

Maren Winkler

Drachenträume

Anisha

Leseprobe:

Prolog

In einer Welt, in der Drachen die geheimen Wächter der Elemente sind und die Regeln des Universums schützen, tobte einst unter Wasser zwischen den Aquati, den Wesen des Wasserzaubers, ein gnadenloser Krieg. Drachen schwingen im Rhythmus der Galaxien und beobachten die Wesen der Welten – und manchmal mischen sie sich im Geheimen darunter, um zu verstehen und zu heilen. In jedem ihrer Nachfahren schlummert ihre Magie. Aber der Kampf unter Wasser schwelte schon lange und kostete Leben, trennte Familien und bedrohte die Zukunft. Die Aquati rieben sich in immer aggressiveren Konflikten mehr und mehr auf. Nach einer langen Zeit der scheinbaren Ruhe begann in der tiefen Dunkelheit einer Mondfinsternis eine grausame Schlacht. Die Königin der Flüsse fiel über die Königin der Seen, ihre Schwester, her, dezimierte so ihr eigenes Volk und vernichtete fast die Clans der Seen. Mit letzter Kraft beschworen die Aquati der Seen einen Drachenzauber. Der Zauber wirkte unvorstellbar stark. Unter Wasser tobte ein Inferno und auch über Wasser bäumte sich die Natur auf. Land wurden überschwemmt, Moore entstanden und Flüsse veränderten für immer ihren Lauf. Ein furchtbares Unwetter fegte mit Hagel und Sturm über das Land. Von den Bergen stürzten Lawinen aus Eis, Schlamm und Felsen die Hänge herunter. Viele Aquati, aber auch Menschen starben unschuldig in dem Inferno. Als die Sonne am nächsten Tag aufging, bot sich für die Überlebenden ein furchtbares Bild – alte Flussläufe waren verschwunden, vor dem Gebirge war ein riesiges Moor entstanden. Die böse Königin schien jedoch vernichtet. Viele Aquati waren verletzt, viele verschwunden und die Trauer war so stark, dass kaum jemand noch Lebenskraft oder Wasserzauber hatte. Stille breitete sich über das Wasser und das Land, und das Schicksal nahm seinen Lauf.



Teil I - IRALA

Kapitel 1

Meine Mutter sagte mir immer, dass ich im Dunkel der Nacht bei Neumond geboren wurde. Das sei ein schlechtes Vorzeichen. Ich sei viel zu klein gewesen, auch wenn ich ein Mädchen war. Sie sah das als Grund, mich nicht zu stillen und sich nicht selbst um mich kümmern zu müssen. Da ich aber eine Prinzessin war, ließ sie mich am Leben –die Diener kümmerten sich um mich. Als ich größer wurde, berührte das mich nicht weiter, denn ich kannte die Frau, die meine Mutter sein sollte, kaum, und sie ließ mich meistens in Ruhe. Die Diener, besonders meine Merida, suchten für mich die wenigen Spielkameraden, die ich haben durfte und die dann zu meinen Trainingspartnern wurden. Freunde hatte ich keine, denn ich merkte schnell, dass meine Mutter jede Freundschaft zerstören würde, hatte sie doch nicht einmal zugelassen, dass ich jemand in mein Zimmer zum Spielen mitnahm. Aila war eine meiner ersten Freundinnen – und sie blieb auch die einzige. Das war aber nur möglich, weil sie eine entfernte Verwandte war. Ihre Eltern waren Berater meiner Mutter, also durfte sie bleiben. Aber auch sie wusste schon früh um die Macht der Königin und so war unsere Freundschaft immer belastet – sie durfte nie gewinnen, wehe ich hätte in einem Spiel, in einem Wettkampf, in einem Training verloren und meine Mutter hätte davon erfahren – auch ich wagte nie, das mir vorzustellen. Also spielten wir, waren nie im Wettstreit und mein Training fand im Geheimen mit Merida statt. Irgendwann verschwand Aila – viel später fand ich heraus, dass ihre Familie ins Nordmeer geflohen war – vor meiner Mutter. Die Intensität meines Wasserzaubers spürte ich schon sehr früh, viel früher als die anderen, als ich noch klein war und er wurde mir schnell ein Ersatz für Freunde – konnte ich doch so Tiere als Wesen anders wahrnehmen und meine Umgebung völlig anders einschätzen.
Wenn es mir furchtbar langweilig war, schlich ich mich aus dem Schloss in das Altwasser und spielte mit den Tieren. Ich schwamm mit den Fischen, spielte mit den Insekten. Merida fand mich einmal, als ich ganz selbstverständlich als kleiner silbriger Fisch mit den Hechten schwamm. Sie hätten mich mit einem Biss töten können, liebten mich aber. Merida fing mich vorsichtig ein und hielt mich so lange zärtlich in der Hand, bis ich mich entschied, wieder zur Aquata zu werden. Sie war sprachlos. Ich weiß noch, dass ich ungefähr vier oder fünf war, als ich das erste Mal Luftblasen machte und damit spielte. Ich lebte in meiner phantastischen Welt und spielte am Tag, was ich in der Nacht träumte. Manchmal sah ich auch tagsüber Träume – so nannte ich das, ich wusste nicht, dass ich den Wasserzauber sah – es war normal für mich. Bereits mit zehn Jahren überlebte ich einen Mordversuch – ein übler Aquatus hatte sich tagsüber in mein Zimmer eingeschlichen und nachts, als ich einschlief, versuchte er mich zu erwürgen. Gleichzeitig legte er ein dickes Tuch über mein Gesicht, damit ich kein Geräusch machen sollte. Ich wehrte mich mit allen Kräften. Merida rettete mich damals, sie kam zufällig nochmals an diesem Abend in mein Zimmer. Danach schwor ich mir, nie mehr hilflos zu sein und trainierte jetzt jeden Tag, übte und prüfte vor allem im Geheimen meinen Wasserzauber und übte mich auch mit Merida mit Waffen, besonders dem Dolch und dem Schwert. Niemand sollte merken, dass ich immer besser wurde. Merida war eine langjährige Dienerin im Schloss, die schon meine Mutter als Kind gekannt hatte, so alt, dass sie noch von dem Leben auf der hohen See, von den Eisbergen des Nordmeers und dem Zug in das Süßwasser erzählen konnte – man sah es ihr aber kaum an. Sie weckte den Wasserzauber vollends in mir, als ich zwölf war. Damals gab sie mir einen silberschimmernden Beutel mit einem Amulett. Ich musste ihr versprechen, das Amulett nie zu verlieren, denn sie sagte immer wieder, es sei für meine Familie. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wer meine Familie sein könnte, war ich nicht beeindruckt, aber sie war so ernst, dass ich ihr das Versprechen gab. Außerdem hatte ich so einen geheimen Schatz, etwas, von dem meine Mutter nicht wusste, und das tat gut. Merida erzählte mir von Früher, von der Kraft der Magie, vom Wasserzauber, von Drachen, aber auch von anderen Völkern des Wassers und von den Menschen, den Luftatmern. Für mich waren das phantastische Geschichten, denn ich konnte mir etwas anderes als mein Zuhause in unserem Schloss nicht vorstellen und Drachen gehörten in die Welt der Phantasie, und Luft mit dem Mund, mit der Nase atmen, draußen über dem Wasser – einfach unvorstellbar! In der Arroganz meiner Jugend dachte ich, dass nichts über das Leben im Wasser gehen würde, dass ich alles andere – Luftatmen, die Geschichte der Magie nicht wissen musste. Was für eine Täuschung! Aber ich trainierte meinen Wasserzauber und lernte gern die Magie des Kampfes – ich kämpfte schon früh mit dem kurzen Speer und mit dem spitzen Schwert, das wie das Horn des Narwals aussieht und traditionell aus magisch gehärtetem Holz gefertigt wird. Das machte mir viel Spaß und so konnte ich meine innere Spannung, die oft mich unerklärlich quälte, abbauen. Dazu merkte ich, wie meine Ausdauer und Reflexe besser wurden. Das war etwas, dass ich für das Leben dringend brauchte, wenn ich irgendwann ohne dauernden Schutz durch Wachen selbstbestimmt leben wollte. Ich wusste noch wirklich nicht, was ich einmal machen würde – es sollte aber etwas anderes sein als Tochter oder Prinzessin und draußen, in Freiheit. Bis dahin war der Plan klar, weiteres konnte ich mir aber noch nicht vorstellen. Da ich irgendetwas für mich suchte und mir die Waffen gefielen, war ich oft in der magischen Schmiede. Meine Mutter hatte zum Glück nichts dagegen. Manchmal schlich ich mich in die Werkstatt und spürte in mir die Resonanz der Magie, mit der das Holz für Dolche, Schwerte und Speerspitzen in einer Glut im Wasser gehärtet wurden. Die Schwertmacher waren eine eingefleischte Gilde, niemand durfte sehen, was sie taten, mich sahen sie aber nie, ich hatte gelernt, durch meinen Wasserzauber nicht wahrgenommen zu werden. Durch meinen Wasserzauber erkannte ich so, dass meine schöne glänzende Kleidung aus Fischhaut gefertigt war – es war für mich unvorstellbar, dass ich die Haut von Tieren, die ich liebte, tragen sollte und so begann ich andere Möglichkeiten zu suchen. Ich fand sie in Pflanzen – Schilf, Algen – all das nutzte ich und gestaltete bald weiche, angenehme Kleidungsstücke für mich. Durch meinen Zauber brachte ich sie zum Glänzen und niemand merkte etwas – auch das war ein geheimer Sieg. Ich war zwar die unerwünschte Tochter, aber auch die Prinzessin der Flüsse. Also erhielt ich selbstverständlich eine hervorragende Erziehung und konnte so alles lernen, was die Forschenden und Lehrenden in meinem Clan über die Historie der Aquati, die Natur und über Wasserzauber wussten. Auch meine Wünsche, die Magie der Naturgewalten – Wasser, Luft, Erde – kennen zu lernen und damit zu üben, wurden gefördert. Ich war mir nie sicher, ob meine Mutter das überhaupt bemerkte, sie war ja hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt.
Ich war keine geborene Kriegerin und Tod und Verlust waren Dinge, über die ich trotz des Mordversuchs nicht nachdenken wollte und für die ich noch nicht bereit war. Ich war zwar eine akzeptable Kämpferin, war aber viel besser mit dem magischen Nutzen von Naturgewalten. Ich genoss im Sommer die heißen Tage, an denen ich Wasser zu Eis verwandelte, um dann die Eisstücke wieder zergehen zu lassen. Manchmal streckte ich heimlich meine Hand aus dem Wasser und spürte das Brennen der Sonne auf meiner Haut. Wenn ich sie wieder zurückzog, war sie meistens gerötet – warum konnte ich mir nicht vorstellen. Da sie dann auch schmerzte, ließ ich diese Experimente bald. In meiner Phantasie hatte ich Spielkameraden, denn mit den Kindern der Diener oder der anderen Aquati durfte ich, als ich älter wurde, nicht mehr spielen. Die wenigen Versuche waren von meiner Mutter brutal abgestraft worden – und nicht nur für mich. Das hatte mich so entsetzt, dass ich mich völlig zurückzog und nur heimlich mit Merida meine Tage verbrachte. Ich blieb lange klein und zierlich und meine Mutter war frustriert – ihr Partner war verschwunden und sie wollte nicht alleine leben. Niemand wollte mir sagen, wie der Aquatus aussah, der mein Vater war, aber er musste höchstens so groß wie meine Mutter gewesen sein und wunderschöne Haare gehabt haben, die ich offensichtlich von ihm geerbt habe. Ich hatte von Kindheit an die seltene Farbe Perlmutt mit goldenen Strähnen und tiefblaue Augen. Sooft ich auch trainierte, baute ich keine Muskeln, sondern nur Ausdauer auf. Meine Mutter war noch nie eine entgegenkommende oder liebenswerte Person gewesen. Als ich jedoch älter wurde, veränderte sie sich immer mehr – sie wollte alles und jeden beherrschen und ließ nur noch ihr Recht gelten. Ihre Berater hatten nichts mehr zu sagen und zogen sich immer mehr vor ihr zurück, manche flohen wie Ailas Familie. Sie hatten Angst vor Konsequenzen, da bereits einige von ihr verbannt worden oder einfach verschwunden waren, was noch erschreckender war. Niemand widersprach ihr. Sie begann sich in dem Moment für mich zu interessieren, als ich zur Frau wurde und prüfte nun regelmäßig meine Fähigkeiten und mein Wissen. Ich musste ihr mein Erlerntes über Historie und Magie demonstrieren und zur praktischen Überprüfung meiner Fähigkeiten wurden mir Aufgaben auferlegt. Sie wollte die Stärke meines Wasserzaubers erforschen und ich sollte stark sein. Als ihre Tochter hatte ich das in allen Lebenslagen zu beweisen. Ich musste in der Natur, weg von den anderen, überleben. Oft wurde ich von einer Wache einfach in einen Sack gesteckt und trieb in der Strömung des Flusses. Dann lag es an mir, mich zu befreien, zu orientieren, um zurück zu finden. Einmal war nach dem Winter die Strömung reißend und ich stürzte einen Wasserfall herunter, bevor ich mich befreien konnte. Zum Glück lagen keine Felsquader in dem Becken, trotzdem brach ich mir einen Arm und mehrere Rippen. Nur durch die heilende Kraft meines Wasserzaubers, den ich trotz der furchtbaren und stechenden Schmerzen nutzen konnte, überlebte ich. Das waren noch die angenehmen Übungen – andere waren grausam, wenn ich gegen Tiere kämpfen musste oder sie verwandeln sollte. Ich weigerte mich oft, auch wenn ich die Konsequenzen bitter zu spüren bekam. Damals begann ich meine Mutter zu hassen und heimlich zu beobachten. Mehr konnte ich nicht tun. Ich begann auf eine Chance hinzuarbeiten, zu fliehen. Die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, war eine Tante – die Halbschwester meiner Mutter, die beim Seenvolk seit vielen Jahren lebte. Immer und immer wieder durchdachte ich meine wenigen Möglichkeiten. Durch diese Pläne und Wünsche bewältigte ich oft einsame und schlaflose Nächte, sie gaben mir die Ausdauer, weiter zu machen, obwohl ich fast dauernd bewacht wurde Selbst, wenn ich schlief, stand eine Wache vor meinem Zimmer. Ich hatte abwenden können, dass jemand im Zimmer mit mir schlief. Ich fühlte mich immer mehr wie in einem unheimlichen Netz gefangen, das sich langsam zusammenzog. Flucht schien die einzige Möglichkeit. Meine Mutter hörte inzwischen auf keine Aquati mehr. Die Einzigen, auf die sie hören wollte und zu denen sie sich hingezogen fühlte, waren die Dämonen der Tiefe – das lag wahrscheinlich daran, dass sie ein Kind von einem Dämonen wollte. Also suchte sie die Dämonen – in den tiefsten Spalten der höchsten Berge, tief unten, wo das Wasser heiß sprudelt und nie ein Lichtschein hinkommt, an den tiefsten Quellen der Flüsse, dort suchte sie und fand die Tore in die Dämonenwelt. Immer und immer wieder war sie Wochen und Monate lang weg – eine Zeitspanne, die für mich wie ein falscher Friede war, denn ich befürchtete inzwischen nur noch Schlimmes von ihr. Sie kam nach einer langen Zeit zurück – sie war fast zwölf Monde weggewesen – und sie war schwanger. Sie hatte das erreicht, was sie wollte, und bekam wenige Wochen nach ihrer Rückkehr ein Kind von einem Dämon. Es war ein dunkelhaariger Junge mit weißen Augen, den sie Ebru nannte. Er wurde zum meist gehassten Kind in unserem Clan, denn von klein auf war er widerwärtig und hochnäsig. Nur meine Mutter erzog ihn und ich glaube, sie unterwarf ihn immer wieder, denn sobald er laufen konnte, trug er einen schwarzen Reif um den Hals. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Merida sah das erste Mal, seit ich sie kannte, besorgt aus, als sie Ebru mit dem Halsreif sah. Sie berührte ihn nie, auch nicht, als er immer gehässiger ihr gegenüber war. Nie strafte sie ihn. Es schien, als würde sie etwas abhalten, denn ihre Augen waren dunkel, wenn sie ihn anblickte. Als er etwas größer und älter wurde, kehrte meine Mutter zu einem Winterende in das Dämonenreich zurück und diesmal nahm sie mich mit. Als ich mich am Abend vor der Reise von Merida verabschiedete, sah sie mich lange an und ich sah plötzlich wie ihr Gesicht sich veränderte und ihre Augen golden aufstrahlten. Bevor ich etwas sagen konnte nahm sie mich in den Arm und gab mir heimlich einen Armreif aus einem seltsamen Stein – er war außen goldgelb und glühte in der Tiefe weiß. Sie sagte, dass sei Bernstein und bat mich ganz leise, so dass es niemand hörte, ihn während der ganzen Reise nicht abzulegen. Er würde mich schützen. Als ich ihr ins Gesicht sah, sah es wieder aus wie immer und mein Versprechen fiel mir leicht – wenig ahnte ich, was auf mich zukommen würde. Am nächsten Morgen schwammen meine Mutter und ich los, Ebru wurde von seinem persönlichen Diener getragen. Meiner Mutter folgten wie immer zwei im Kampf ausgebildete Diener. Ich hatte nah bei ihr zu bleiben. Anfangs schwammen wir gegen den Strom, bis wir an einem Sumpf ankamen. Wir glitten tief in das moorige Wasser und kamen an einen Höhlenmund. Dorthinein tauchten wir in lichtlose Tiefen und um mich war eine dunkle Höhle, in der ich kaum etwas sah. Manchmal leuchteten Algen rot oder giftgrün. Es ging weiter und weiter – wie lange kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich nur, dass wir mehrfach Pause machten und einmal lange schliefen. Nach einer zeitlosen Spanne waren wir in einem riesigen unterirdischen Raum. Er war mindestens zur Hälfte mit Wasser gefüllt, oben reflektierte die Wassergrenze grün und Algen und Moose leuchteten grün und rot. Die Wand war von silberfarbenen Metalladern durchsetzt, die im Glühen der Algen aufblitzten. Mir war dieser Ort unheimlich, aber meine Mutter bestand darauf, hier zu warten. Neugierig wie ich war, erforschte ich nach einer kurzen Pause trotzdem den bizarren Raum und fand verschiedene kleine Tunnel, in denen schwarze Fische mit glühenden Augen und spitzen Zähnen wachten. Wenn ich zu nahe kam, fletschten sie das Maul bedrohlich. Auf meiner Erkundung sah ich am Boden gebogene Stöcke, als ich näher kam, erkannte ich, dass es sich um Gebeine handelte. Erschreckt drehte ich mich um. Als ich zum Sprechen ansetzte, sah ich eine Mischung aus Vorfreude und einem wilden Grinsen im Gesicht meiner Mutter. Sie hatte sich umgedreht und blickte jetzt weg von mir und ich bemerkte vier Gestalten, die lautlos in der Höhle aufgetaucht waren. Ich war erschrocken und still, aber meine Mutter glitt sofort auf sie zu und wurde begrüßt. Die Dämonen, denn das mussten sie sein, waren so groß wie meine Mutter. Ihre Kleidung war sehr dunkel und glänzend, ihre Haut hatte die Farbe von altem Schlamm und die Augen glühten ohne Pupille fahl rot. Erst nach einer Weile erkannte ich, dass zwei der Dämonen weiblich waren. Ich war im Hintergrund geblieben, aber die zwei männlichen Dämonen sahen mich und ein grausiges Lächeln verzog ihre Fratzen. Sie schossen auf mich zu und der erste, der kam, packte mich an den Schultern und musterte mich von oben bis unten – richtig eklig. „Oh, schau nur, wer da ist – lass sie uns versuchen!“ Mit diesen Worten biss er in meine Schulter, um angeekelt zurückzufahren. „Sie schmeckt bitter!“, mehr konnte er nicht sagen, denn die ältere der Frauen zog ihn an langen schwarzroten Haaren zurück. „Du Idiot – begrüßt man so seine zukünftige Frau?“ Er schaute zurück zu mir und fletschte die scharfen Zähne. „Wenn sie schmeckt, dann schon, aber sie ist ja bitter – was soll das werden?“ Ich stand erstarrt da und wusste nun wirklich nicht, was ich denken oder sagen sollte. Das sollte mein zukünftiger Mann sein? Nie im Leben! Inzwischen hatte meine Mutter sich dem anderen in die Arme geworfen – wer war wohl das? War das Ebrus Vater? Wo war ich da nur hingekommen? Alle setzten sich zusammen in einer Nische hin, denn wir sollten uns ja treffen und diese Person, dieser Widerling und ich sollten uns kennenlernen. Still saß ich mit einer brennenden Schulter da. Als ich die Wunden heilen wollte, merkte ich, dass mein Wasserzauber nur zäh reagierte. Das alles wurde für mich immer schlimmer. Dieser Dämon saß nun mir gegenüber und musterte mich wieder und wieder, als wäre ich nur ein Objekt und keine Person. Er sah arrogant aus, hatte mir seinen Namen bis jetzt nicht genannt und sprach nicht mit mir, sondern nur mit den anderen Dämonen, die mich ebenfalls abschätzend betrachteten und ignorierten. Ich kam mir vor wie die Zuchtkarpfen, die von uns einmal im Jahr präsentiert wurden. Ich fand das nur abstoßend und fühlte mich irgendwie erniedrigt – ich wusste nicht einmal genau warum. Den Gesprächen der älteren Dämonin mit meiner Mutter, die inzwischen Ebru auf dem Schoß hatte, konnte ich entnehmen, dass sie die Herrscherin war, und Iguan, so hieß dieser Widerling, ihr zweitältester Sohn. Er er sollte mein Mann werden – in drei bis vier Jahren, wenn er etwas reifer war. Um mich besser kennenzulernen, würde er im kommenden Herbst für ein Jahr zu uns in die Flüsse kommen, dann würde ich ihn für einen gleichen Zeitraum in das Reich der Dämonen begleiten. Das alles wurde ohne mich zu fragen besprochen und beschlossen. In mir kochte es und ich kam mir von meiner Mutter verraten vor. Ich schwor mir, dass ich dieses Wesen – langsam fehlten mir die Worte – nie wieder an mich heranlassen würde und ganz bestimmt nicht heiraten würde. Wir verbrachten einige Zeit in der Höhle. Meine Mutter war mit dem anderen Dämon, dessen Namen ich nicht verstanden hatte und auch nie lernte, immer wieder weg. Iguan beobachtete mich weiter und ich sah ihn oft mit seiner Mutter reden, aber er kam nicht mehr auf mich zu, auch wenn ich ihn immer wieder begehrlich die Lippen lecken sah. Offensichtlich versuchte meine Mutter noch einmal schwanger zu werden, denn sie verschwand sehr häufig mit dem einem Dämon, sah aber immer enttäuscht nach diesen Treffen aus. Endlich war der Zeitpunkt für die Rückkehr an die Oberfläche gekommen. Ich hielt es kaum noch in diesem seltsamen Raum mit den furchtbaren Dämonen aus und die Dunkelheit wurde erdrückend. Wir verabschiedeten uns, Ebrus Großmutter behielt den Kleinen bei sich und wollte ihn im Herbst gemeinsam mit Iguan zu uns bringen. Das war für mich eine große Erleichterung – ich mochte Ebru einfach nicht. Dann kehrten wir langsam durch die vielen Höhlen in unsere Bereiche des hellen Wassers zurück. Wir tauchten in einem aufgewühlten Wasser auf, denn die Schneeschmelze hatte die Flusspegel hoch ansteigen lassen. Überall waren Überschwemmungen, und wir kämpften uns durch angeschwemmtes Holz und Kiesberge zurück. Als wir endlich in unserem Schloss waren, verkündete meine Mutter stolz, dass ich den Prinzen der Dämonen heiraten würde. Jeder stimmte aus Angst vor ihr und vor Konsequenzen zu und zeigte angemessene Freude.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 280
ISBN: 978-3-99107-297-3
Erscheinungsdatum: 08.04.2021
EUR 17,90
EUR 10,99

Herbstlektüre