Science Fiction & Fantasy

Die Zeitkapsel Teil 2

Lothar Lepper

Die Zeitkapsel Teil 2

Ennlin

Leseprobe:

„Ich bin wieder zu Hause!“, rief Marlein und ließ ihre Schultasche fallen. Endlich Ferien. Fast drei Monate ausruhen. Sonne, Strand und Meer. Obwohl das Mädchen gerne zur Schule ging, freute sie sich auf die Ferien. Seitdem Vater einen Forschungsauftrag in der Nähe von Mailand angenommen hatte, wohnte die Familie in Italien. „Mutter!“, rief sie erneut und wunderte sich darüber, dass sie keine Antwort erhielt. Marlein lief die Treppe hinauf, aber auch oben war niemand. Komisch, wie konnte Mutter vergessen, dass heute die Schule bereits nach ein paar Stunden wieder aus war? Na ja, vielleicht war sie zum Einkaufen gefahren. Sicherlich würde sie bald zurück sein. Marlein warf sich auf ihr Bett. Morgen würden Kathy, Lissy und Toby kommen. Die beiden Mädchen studierten in Deutschland. Kathy in Köln und Lissy in Nürnberg. Toby konnte gerade eine Ausbildung zum Systemelektroniker abschließen und wohnte mit seiner Schwester Kathy in ihrem Elternhaus in der Nähe von Köln. Auch Sven, Ennlin und die kleine Isolde hatten sich fest vorgenommen, den Urlaub zusammen mit den Meurers zu verbringen. Ennlin fühlte sich zu Marlein hingezogen und war gerne in der Nähe des Kindes. Wahrscheinlich lag das daran, dass beide aus der gleichen Zeitepoche stammten. Auch wenn sie Sven über alles liebte, fehlten ihr manchmal die Mutter und ihre Geschwister. Auch Marlein vermisste schmerzlich ihren Bruder und die kleine Schwester, die genau wie die Eltern und die anderen fünf Geschwister schon ewige Zeiten tot waren. Natürlich liebte sie Professor Meurer und seine Frau wie die eigenen Eltern. Aber vergessen konnte sie ihre richtigen Eltern und Geschwister nie. Sie würden immer einen Platz in ihrem Herzen haben. Marlein seufzte. Leider war der Weg in die Vergangenheit verbaut, denn das wäre die einzige Möglichkeit gewesen, sie alle wiederzusehen.

Seit dem Institut in Köln die Geldmittel ausgegangen waren, ruhte das Projekt Zeitmaschine. Nach der ersten Zeitreise hatten nähere Untersuchungen an den Stromwandlern ergeben, dass der Defekt nicht zufällig entstanden war. Durch die Beanspruchung während der Zeitreise war es zu einer Überbelastung gekommen, die Einfluss auf den Zeitsprung nahm. Es gab somit ein großes Problem bei der genauen Berechnung des Zeitpunktes, an dem die Zeitreise enden sollte. Es bestand die Gefahr, Jahrzehnte vom gewünschten Datum abzuweichen. Da niemand den genauen Zeitpunkt der Ankunft dem Zufall überlassen wollte, sollten vor einer weiteren Zeitreise die Probleme erst einmal behoben werden. Dann waren trotz der Erfolge die Forschungszuschüsse gestrichen worden. Als weitere Geldgeber ihre Zahlungen erst gekürzt und dann komplett eingestellt hatten, war das Projekt Zeitreise kurzerhand auf Eis gelegt worden. Ein Wiedersehen mit den Liebsten war also in weite Ferne gerückt.

Aber jetzt sollte es erst einmal in den Urlaub gehen. Meurers hatten in der Nähe von San Mauro Mare ein Ferienhaus gemietet, in dem alle Platz haben würden. Am Wochenende sollte es losgehen. Obwohl Marlein und die Eltern nicht weit vom Meer entfernt wohnten, war sie erst einmal am Strand gewesen. Das sollte sich in den nächsten Tagen ändern. Wenn alle da waren, würde man sich gemeinsam auf den Weg zum Ferienhaus machen.
Bis dorthin war keine große Entfernung zu überbrücken, sodass sie bereits am gleichen Tag ankommen würden. Dann konnte der Urlaub beginnen.
Marlein schreckte hoch. Sie war eingeschlafen, aber ein Geräusch musste sie aufgeweckt haben. Während sie noch überlegte, von was sie denn nun wach geworden war, hörte sie Stimmen von unten.

Die Eltern waren nach Hause gekommen. Was machte Vater um diese Uhrzeit denn zu Hause? In der Regel kam er doch erst in den Abendstunden von der Arbeit. „Hallo, ich bin hier oben!“, rief Marlein. „Wieso bist du denn schon zu Hause, Paps? Und wieso kommt ihr gemeinsam nach Hause, Mutter?“ „Hallo mein Schatz“, sagte Frau Meurer. „Es ist etwas geschehen. Deswegen habe ich auch mit Vater telefoniert und ihn dann von der Arbeit abgeholt. Sven hat angerufen. Ennlin ist krank geworden. Ich fürchte, wir müssen den Urlaub verschieben. Es kann sogar sein, dass wir den Urlaub ganz absagen müssen.“ „Um Himmels willen, was fehlt ihr denn?“, wollte Marlein wissen. „Das wissen wir noch nicht“, antwortete Frau Meurer. „Als sie Isolde im Kindergarten abholen wollte, ist sie zusammengebrochen. Nun liegt sie im Krankenhaus und Sven weiß weder ein noch aus.“ „Vielleicht ist es ja nicht ganz so schlimm“, meinte Marlein. „Leider doch, Kind. Mit ihrem Blut ist irgendetwas nicht in Ordnung. Ich habe schon Flüge gebucht. Wir packen nur schnell ein paar Sachen zusammen und fliegen heute Nachmittag nach Deutschland. Sven und deine Geschwister wissen Bescheid. Lissy kommt uns vom Flughafen abholen.“ „Es tut uns leid, dass wir dir den Urlaub vermasseln. Aber …“ „Unsinn, Paps, ich hätte keine ruhige Minute im Urlaub gehabt. Ich mache mir solche Sorgen um Ennlin. Wären wir doch schon in Köln.“

Drei Stunden später saßen Marlein und ihre Eltern im Flieger nach Köln. Kurz vor dem Abflug hatte Frau Meurer noch mit Sven telefoniert. Er war jetzt wieder in der Klinik und Kathy passte auf Isolde auf. Ennlins Zustand war unverändert. Die Ärzte hatten zwar Befürchtungen geäußert, wollten sich aber erst nach Abschluss aller Untersuchungen endgültig festlegen.

Wenig später hatte die Maschine ihre Flughöhe erreicht und Marlein kuschelte sich in den Flugzeugsitz. Ihre Gedanken kehrten zurück in die Zeit, in der sie Ennlin kennengelernt hatte. Damals, vor fast vier Jahren, konnte Michele ihr das Leben retten, als sie sozusagen im letzten Augenblick an Marlein eine Blinddarmoperation durchführte. Als das Mädchen dann in der Zeitkapsel erwachte, unternahmen der Professor und einige Mitglieder der Crew gerade den Versuch, Ennlin, ihre Mutter und den kleinen Bruder aus der Gefangenschaft zu befreien. Seitdem Ennlin und Marlein sich dann in der Zeitkapsel getroffen und anschließend zurück ins 21. Jahrhundert gereist waren, bestand eine innige Freundschaft zwischen den beiden.

Hunger, Krankheit und Tod bestimmten das 14. Jahrhundert und somit auch das Leben Ennlins und ihr eigenes Leben. Hieraus war eine Art Seelenverwandtschaft entstanden. Die anderen konnten das natürlich nicht nachvollziehen, denn sie waren ja nur kurz in der Vergangenheit gewesen. Sie hatten nur am Rande mitbekommen, wie Freunde und Verwandte an der Pest gestorben waren. Überhaupt war das Leben anders als heute gewesen. Schlechte Ernährung und körperlich schwere Arbeit führten dazu, dass die Menschen frühzeitig starben. Krankheiten, die heute ohne Probleme geheilt werden konnten, waren damals ein Todesurteil. Schlechte Zähne führten zu fürchterlichen Schmerzen. Die Säuglingssterblichkeit war hoch und kaum ein Kind erlebte das 14. Lebensjahr. Wirklich alte Menschen gab es damals nicht. Zumindest konnte sich Marlein nicht daran erinnern.
Die ganze Familie musste in zwei kleinen Räumen leben und schlafen. Ein eigenes Zimmer, heute schon fast selbstverständlich, wäre damals für die Familie undenkbar gewesen. Nicht einmal für Mutter und Vater gab es einen eigenen Raum.

In der ersten Zeit nach der Ankunft im 21. Jahrhundert hatte Marlein geglaubt, sie sei im Paradies angekommen. Aber schnell war sie eines Besseren belehrt worden. Auch heute gab es noch Kriege, Mord und Totschlag, und immer noch verhungerten
Menschen.
Das Paradies sah wahrlich anders aus. Dennoch hatten Marlein und Ennlin viel Glück gehabt. Ennlin hatte ihre große Liebe gefunden und ein gesundes Baby bekommen und Marlein wohnte nun bei ihren Adoptiveltern und durfte zur Schule gehen. Umso schlimmer war die plötzliche Erkrankung von Ennlin. Marlein hoffte verzweifelt, dass alles nicht so schlimm war, wie es dem Anschein nach aussah, und wenn doch, dass Medikamente oder eine Operation helfen würden.
„Marlein, träumst du? Wir sind gleich da. Die Maschine befindet sich schon im Landeanflug. Du musst dich anschnallen.“ „Oh, entschuldige, Mutter, ich habe das Anschnallzeichen total übersehen. Wann sind wir denn da?“ „Wir landen schätzungsweise in einer Viertelstunde in Köln“, antwortete Frau Meurer. „Nach der Landung fahren wir sofort ins Krankenhaus.“ „In Ordnung, ich möchte auch so schnell wie möglich zu Ennlin.“

Kurze Zeit später konnte die Familie ihr Gepäck abholen und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Gleich darauf sah Marlein ihre Stiefschwester Lissy, die vor den Terminals stand. Aber auch Lissy hatte ihre Eltern und Marlein bereits gesehen und lief auf sie zu. „Mutter, ist es nicht furchtbar? Die arme Ennlin. Hoffentlich wird sie wieder gesund. Ihr solltet Sven sehen. Er ist fix und fertig. Oh, entschuldigt. Wie war der Flug?“ „Kind beruhige dich“, sagte ihr Vater. „Ja, wir hatten einen guten Flug. Lasst uns jetzt gehen. Wo hast du das Auto geparkt? Wenn es dir nichts ausmacht, möchten wir so schnell wie möglich in die Klinik.“

Wenig später fuhr Lissy das Auto vom Flughafengelände in Richtung Autobahn. Der Flughafen lag zwar noch im Stadtgebiet von Köln, bis zur Innenstadt und zum Krankenhaus fuhr man aber noch gut eine halbe Stunde. Als die Familie das Klinikgelände endlich erreicht hatte, musste erst ein Parkplatz gefunden werden. Schließlich fuhr Lissy in die Tiefgarage, um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln. „Wir müssen zur 16. Etage“, sagte Lissy. „Da vorne sind die Aufzüge. Kommt, Sven wartet bestimmt schon.“ Als der Aufzug stoppte, sprang Marlein auf den Gang und schaute sich um. „Das ist ja riesengroß hier. Wo müssen wir denn hin?“ „Station b, hier den Gang entlang“, antwortete Lissy. Als die Familie das Zimmer erreichte, in dem Ennlin lag, öffnete sich gerade die Tür und Sven kam heraus. „Da seid ihr ja. Ich musste das Zimmer verlassen. Die Ärzte sind bei Ennlin. Der Arzt will gleich mit mir sprechen. Kannst du bei dem Gespräch dabei sein, Onkel? Ich glaube, sie wissen inzwischen, was Ennlin fehlt.“ „Natürlich, mein Junge“, sagte Professor Meurer.
„Waren deine Eltern schon hier?“, wollte der Professor wissen. „Nein, noch nicht. Aber sie können ja auch nichts machen“, antwortete Sven. „Natürlich nicht“, meinte der Professor. „Ich dachte auch mehr an seelischen Beistand. War Ennlin denn zwischendurch ansprechbar?“ „Ja, aber sie ist sehr schwach. Ich hoffe, die Ärzte können Ennlin helfen.“ „Das werden sie schon, Sven. Das werden sie schon.“ Einige Minuten vergingen. Niemand sprach ein Wort, dann sagte Sven: „Tante Eva, würdest du bitte mit Lissy und Marlein bei Ennlin bleiben, während wir mit dem Arzt sprechen?“ „Natürlich, Sven, das ist doch selbstverständlich. Klärt alles in Ruhe. Wir sind ja hier.“
Als die beiden Ärzte das Krankenzimmer verließen, begleiteten Sven und Professor Meurer die Mediziner in das Besprechungszimmer der Station.

„Ich glaube, wir haben keine guten Nachrichten für Sie“, eröffnete der Oberarzt das Gespräch. „Es tut mir sehr leid, aber Ihre Frau ist an einer myeloischen Leukämie erkrankt. Das ist eine sehr schwere Form der Leukämie, um es einmal ein wenig laienhaft auszudrücken. Es ist so, dass entartete Zellen sich unkontrolliert teilen und so die gesunde Blutbildung im Knochenmark unterbinden. Letztendlich treten die Leukämiezellen in so großer Zahl ins Blut, dass sie alle Körperorgane erreichen und sich dort ansiedeln. Unbehandelt führt die Krankheit innerhalb kürzester Zeit zum Tod.“ „Was heißt unbehandelt? Sie können meiner Frau doch wohl helfen?“, schluchzte Sven. „Es muss eine Behandlungsmöglichkeit geben.“
„Ja, natürlich gibt es Therapiemöglichkeiten“, antwortete der Arzt. „Als Erstes sollten wir unverzüglich mit einer Chemotherapie und entsprechenden Bestrahlungen beginnen. Ziel ist es, alle Leukämiezellen abzutöten. Während der Behandlung werden wir regelmäßig Kontrolluntersuchungen durchführen. Sollten wir unser Ziel erreicht haben, werden wir auch aufgrund der Tatsache, dass Ihre Frau noch so jung ist, eine Stammzelltransplantation durchführen. Dazu benötigen wir einen passenden Spender. Einfach wird das allerdings nicht, das sage ich Ihnen sofort. Der Spender muss die gleichen HLA-Gewebemerkmale wie Ihre Frau haben. Rechtzeitig einen Spender zu finden, ist in der Regel ein Glücksfall. Es besteht jedoch eine Chance, wenn Ihre Frau Geschwister hat. Bei Geschwistern gibt es schon mal öfter Übereinstimmungen. Ihre Frau hat sich aber so eigenartig ausgedrückt, als ich sie nach ihren Geschwistern gefragt habe. Vielleicht lag das aber auch an ihrem Zustand. Hat sie denn Geschwister?“ „Ja, allerdings genau das ist ein Problem. Sie hat zwar Geschwister. Aber wie soll ich es ausdrücken. Sie sind im Moment, äh, nicht zu erreichen. Oder besser gesagt, wir wissen nicht einmal, wo sie sich befinden.“
„Das ist schlecht“, sagte der Arzt. „Die Chancen, einen geeigneten Spender zu finden, sind grundsätzlich gering. Immerhin besteht aber die Hoffnung, bei Geschwistern die passenden HLA-Merkmale zu finden. Bei rund einem Drittel der Patienten werden wir in der Familie die entsprechenden Gewebemerkmale vorfinden. Bei allen anderen wird es noch schwieriger, denn die HLA-Merkmale müssen leider zu 100 Prozent übereinstimmen. Leider läuft uns auch noch die Zeit davon. Ihre Frau benötigt schnell einen Spender. Also bitte, wenn Sie eine Möglichkeit sehen, Bruder oder Schwester zu finden, dann beeilen Sie sich bitte.
In der Zwischenzeit werden wir Ihre Frau typisieren und dann eine Anfrage an das zentrale Knochenmarkspenderregister in Ulm schicken. Selbstverständlich werden wir Sie auf dem Laufenden halten. Sie informieren uns bitte sofort, wenn Sie die Geschwister Ihrer Frau gefunden haben. Denken Sie bitte daran, es geht hier um Leben oder Tod. Streitigkeiten sollten in so einem Fall keine Rolle spielen“, sagte der Arzt.
Auf dem Weg zum Krankenzimmer konnte Sven sich kaum beruhigen. Ununterbrochen liefen ihm die Tränen über die Wangen. „Jetzt versuch dich zusammenzureißen, Sven. Was meinst du, wie Ennlin reagiert, wenn sie dich so sieht. Du musst Zuversicht ausstrahlen. Noch lebt sie, und es besteht durchaus die Hoffnung, dass deine Frau wieder gesund wird. Muntere sie auf. Bring ihr eure Tochter. Isolde wird deiner Frau Kraft geben. Ihr müsst gemeinsam kämpfen. Und nun wasch dir das Gesicht, damit das Mädchen nicht bemerkt, in welchem Zustand du bist.“
Als Sven und der Professor das Krankenzimmer betraten, nahm Sven als Erstes seine Frau in den Arm. „Was ist los?“, fragte Ennlin. „Was hat der Arzt gesagt?“ „Du bist sehr krank, mein Schatz. Aber er ist auch zuversichtlich, dass du wieder ganz gesund wirst. Aber dafür musst du kämpfen. Hörst du, mein Schatz? Du musst kämpfen. Für dich, für mich, aber vor allem für unsere Tochter.“

Als sie später im Auto saßen, sagte Professor Meurer: „Das hast du gut gemacht, Sven. Ich bin sehr stolz auf dich. Jetzt können wir nur hoffen, dass die Chemotherapie anschlägt und man rechtzeitig einen Spender findet.“

Wie soll das denn funktionieren Onkel Michael?“, fragte Sven.
„Du hast doch gehört, was die Ärzte gesagt haben. Die beste Konformität findet man bei den Geschwistern. Die Übereinstimmung bei den Gewebemerkmalen muss 100 Prozent betragen. Endris und Madres sind aber bereits seit fast 700 Jahren tot. Also muss ein fremder Spender gefunden werden.“
„Das stimmt natürlich, Sven. Aber weltweit gibt es bereits achtundzwanzig Millionen Spender, davon mehr als ein Viertel in Deutschland. Es besteht also durchaus Hoffnung.“ „Aber ist es nicht ein Nachteil, dass Ennlin im 14. Jahrhundert geboren wurde?“ „Nicht unbedingt, aber so genau kenne ich mich da auch nicht aus. Das müsstest du eigentlich einen Spezialisten fragen. Aber das dürfte aus den genannten Gründen schwierig werden. Aber helfen würde es uns ja auch nicht. Wie gesagt, wir können nur hoffen.“
Zu Hause herrschte aus verständlichen Gründen eine gedrückte Stimmung. Neben dem Professor, seiner Frau und natürlich Marlein, Sven und Lissy waren inzwischen auch Kathy und Tobi eingetroffen. Während Marlein sich um Isolde kümmerte, versuchten die anderen, Sven ein wenig abzulenken. Leider hatten sie damit nicht viel Erfolg. Schon kurze Zeit später saß Sven bereits wieder am Computer und informierte sich über die Erkrankung von Ennlin.
Als Professor Meurer am nächsten Morgen erwachte, wusste er im ersten Moment überhaupt nicht, wo er sich befand. In der Wohnung in Mailand war es relativ ruhig gewesen. Das war hier anders. Nebenan im Zimmer hörte er Isolde brabbeln und ab und zu ertönte ein Jauchzen von der Kleinen. Wahrscheinlich spielte Marlein mit dem Mädchen. Von unten ertönte das Klappern von Geschirr und im Haus verbreitete sich der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee. Im Bad rauschte die Dusche und Tobi schimpfte, weil er vor der verschlossenen Badezimmertür stand. Professor Meurer grinste seine Frau an, die gerade wach wurde. „Endlich fühle ich mich wieder zu Hause. Mailand ist ja ganz nett. Aber unser Haus ist eben mit nichts zu vergleichen. Vor allem habe ich unsere Kinder vermisst. Das ist mir gerade erst so richtig bewusst geworden.“ „Bist du sicher?“, fragte Frau Meurer. „Das hat sich aber im vorigen Jahr noch gänzlich anders angehört. Da hast du mir und Marlein noch von einem entspannten Leben in Italien vorgeschwärmt.“ „Na ja“, meinte Professor Meurer. „Man darf sich doch mal irren. Auf jeden Fall hat mir der Trubel gefehlt. Wenn Ennlin jetzt noch gesund würde, ich glaube, ich wäre wunschlos glücklich.“

Kurze Zeit später saß die Familie am Frühstückstisch. Nur Sven, der keinen Appetit hatte, war bereits auf dem Weg zur Klinik. Er wollte die Ärzte fragen, wann mit der Chemotherapie begonnen werden sollte, und ob Ennlin dann noch Besuch empfangen durfte. Außerdem würde er den Ärzten mitteilen, dass es unmöglich wäre, die Geschwister zu finden, also nur eine Fremdspende in Frage kommen würde. Zu wissen, dass es Geschwister gab, diese aber unerreichbar waren, machte ihn unendlich traurig. Genauso gut hätten Endris und Madres auf einem anderen Planeten leben können.

Kurz nachdem Sven das Haus verlassen hatte, klingelte es an der Haustür. Als Frau Meurer die Tür öffnete, stand Britta im Eingang. Deutlich sah man ihr an, dass sie geweint hatte. „Wie geht es Ennlin?“, waren die ersten Worte von Britta. „Ich habe Sven leider nicht erreicht. Warum hat mein Bruder eigentlich ein Handy?“ „Nun komm erst einmal herein“, sagte Frau Meurer. „Wir wissen auch noch nicht mehr als gestern. Sven ist gerade los, um sich noch einmal mit den Ärzten zu unterhalten. Vielleicht erfahren wir später mehr.“

Auch die beiden jungen Frauen hatten sich von Anfang an gut verstanden. Vieles konnte man natürlich mit einer fast Gleichaltrigen besser besprechen als mit Marlein, die ja erst vierzehn Jahre alt war. Hinzu kam, dass Ennlin durch die Heirat mit Sven Brittas Schwägerin war. Britta ging durch den Flur in das Wohnzimmer und begrüßte Professor Meurer, Kathy, Lissy und Tobi. „Marlein spielt im Kinderzimmer mit Isolde“, sagte Frau Meurer. „Sie hat das Klingeln bestimmt nicht gehört. Aber jetzt setz dich erst einmal.“

„Ich soll euch von meinen Eltern grüßen. Vater versucht sich ein paar Tage freizunehmen und würde dann mit Mutter nachkommen. Ihr sollt euch aber keine Umstände machen. Sie übernachten im Hotel. Für uns alle ist die Erkrankung von Ennlin unfassbar. Sie hat doch wirklich genug mitgemacht.“

„Jetzt lasst uns erst einmal etwas essen. Wir sind leider überhaupt noch nicht zum Frühstücken gekommen. Ich nehme einmal an, dass du auch noch nichts gegessen hast“, sagte Frau Meurer.
„Marlein!“, rief Frau Meurer. „Kommst du bitte auch zum Frühstück?“ Ein paar Minuten später saßen alle am Tisch und unterhielten sich. Marlein hatte Isolde in einen Hochstuhl gesetzt und man konnte der Kleinen ansehen, dass es ihr schmeckte. Kurz vor Mittag meldete sich Sven telefonisch. Er hatte mit dem Arzt gesprochen und Folgendes erfahren: Bereits heute sollte mit der Chemotherapie begonnen werden. Der Arzt hatte mitgeteilt, dass keine Zeit zu verlieren sei. Ein Aufschub würde keinen Sinn machen. Besuch dürfte zwar empfangen werden, aber sollte sich tunlichst in Grenzen halten, da das Infektionsrisiko stark erhöht sei. Grundsätzlich sei ein Mundschutz zu tragen. Während des Zelltiefs, also so ab dem achten Tag der Chemotherapie, sollte möglichst auf Besuche gänzlich verzichtet werden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 202
ISBN: 978-3-95840-979-8
Erscheinungsdatum: 19.11.2019
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