Science Fiction & Fantasy

Die Wolkenkriegerin

Laura Schneider

Die Wolkenkriegerin

Leseprobe:

Ich schlug meine Augen auf. Um mich herum war alles hell, zu hell, um genau zu sein. Nur meine Augen blickten umher, ich bewegte meinen Körper keinen Millimeter. Der Geruch von süßlich duftenden Blumen stieg mir in die Nase. Es war windstill und das Einzige, was ich hörte, war eine leise, gefühlvolle Melodie, die von ganz weit her an mein Ohr drang.
Ich kniff meine Augen fest zusammen und öffnete sie wieder, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. Plötzlich beschlich mich das ungute Gefühl, gar nicht mehr zu leben, denn eigentlich bin ich gerade noch durch den dunklen, mondbeschienenen Wald gelaufen, so wie ich es jeden Abend nach dem Essen machte, egal zu welcher Jahreszeit. Ich konnte mich nur noch daran erinnern, dass ich durch eine dichte warme Nebelwand gelaufen war und plötzlich den laubbedeckten Boden unter meinen Füßen nicht mehr spüren konnte.
War ich etwa zusammengebrochen? Oder war ich gestürzt und hatte mich dabei verletzt? All diese Befürchtungen zwängten sich in meinen Kopf. Langsam wollte ich mich aufrichten, um meine Umgebung besser wahrnehmen zu können, doch ich kam nicht wirklich dazu. Sobald ich mich bewegte, durchzuckte mich ein starker, stechender Schmerz, der sich in meinem ganzen Körper ausbreitete. Ruckartig fiel ich wieder zurück auf den Boden, doch dieser war gar nicht so hart wie erwartet. Dass ich gerade gestorben sein könnte, konnte ich nun also ausschließen, da ich unweigerlich an den Spruch denken musste, dass man, wenn man Schmerzen spürt, auf jeden Fall noch nicht im Himmel sein kann. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich auf einer weichen, mit Blumen übersäten Wiese lag. Ich spürte das Gras zwischen meinen Fingern und fühlte den warmen, weichen Boden unter mir.
Langsam und ganz vorsichtig drehte ich meinen Kopf nach rechts, mehr wagte ich mich nicht zu bewegen. Meine Augen weiteten sich, um dieses unfassbare und vollkommene Bild, was ich mir bot, festzuhalten. Ich blieb reglos im Gras liegen und versuchte, jede auch noch so unfassbare und vollkommene Kleinigkeit in meiner Umgebung wahrzunehmen. Nicht weit von mir floss ein Bach, an dem vereinzelt Bäume standen. Bäume, die aussahen, als hätte sie ein Künstler gemalt … wie in einem Bilderbuch! Das Sonnenlicht glitzerte zwischen ihren kleinen grünen Blättern hindurch, die reglos an den Bäumen hingen. Das Licht spiegelte sich im Bach und warf Tausende von kleinen funkelnden Diamanten an die Oberfläche, die sich stellenweise goldgelb färbten. Erst als ich die Augen schloss, um dem Plätschern des Baches zu lauschen, fiel mir auf, dass das fließende Wasser überhaupt keine Geräusche von sich gab. Es war alles ganz still, selbst die wundervolle Melodie, die ich vorher noch aus der Ferne gehört hatte, war nun nicht mehr zu hören. Ich drehte meinen Kopf langsam auf die andere Seite. Es war schon fast unheimlich, diese unvorstellbare Weite, als würde die Wiese niemals enden. Überall waren Blumen verstreut, die reglos zwischen den Grashalmen standen und ihre Köpfe in verschiedene Richtungen streckten. Ich atmete tief ein, schaute zum Himmel, an dem keine einzige Wolke zu sehen war, und ließ meinen Atem wieder langsam aus meiner Lunge strömen. Das Gefühl, das meinen ganzen Körper einnahm, war unbeschreiblich. Ich fühlte mich so frei … und einfach leicht!
Es verging eine lange Zeit, in der ich einfach nur dalag und alles auf mich wirken ließ. Doch nun drang die Frage in meine Gedanken, wo ich überhaupt sei. Ich war noch nie in meinem ganzen bisherigen Leben an diesem Ort gewesen. Zumindest konnte ich mich daran nicht erinnern. Ich musste unbedingt herausfinden, was hier los war. Da ich wusste, was auf mich zukam, wenn ich meinen Körper bewegte, biss ich die Zähne fest zusammen, hielt die Luft an und stand unter starken Schmerzen unbeholfen auf. Ich war etwas überrascht, als ich sah, dass hinter mir ein Wald begann. Ich sah mich nach einem Weg um, der in den Wald führte, doch es war keiner zu sehen. Generell gab es hier überhaupt keine Wege. Der Wald war im Vergleich zu der restlichen Umgebung, die von dem hellen, gleißenden Licht durchflutet war, relativ dunkel. Die Bäume waren etwas knochiger und nicht so grün wie die auf der Wiese. Es war kein Tier zu sehen oder zu hören, was mich stutzen ließ.
Nun stand ich da, mitten in einer mir fremden Gegend. Zu meiner Rechten der Bach, hinter mir der geheimnisvolle Wald, links von mir die Unendlichkeit und ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Meine Kehle war extrem trocken und ich beschloss, aus dem Bach etwas Wasser zu trinken. Ich lief über die Wiese, vorsichtig und immer darauf bedacht, keine der wundervollen Blumen kaputt zu treten, bis ich am Bach angekommen war. Meine Rippen schmerzten immer noch und ich machte mir langsam über meinen körperlichen Gesundheitszustand etwas Sorgen. Das Wasser war kühl und schmeckte etwas nach Lavendel und Honig. Es tat einfach nur gut, wie das Wasser durch meinen trockenen Mund floss. Plötzlich hörte ich wieder diese schöne Melodie und ich überlegte mir, ihr zu folgen, denn ich musste unbedingt irgendjemanden fragen, wo ich war. Ich beugte meinen Kopf wieder über das Wasser, hielt meine langen Haare mit einer Hand hinter meinem Rücken zusammen und trank noch ein paar Schluck, während ich mich mit der anderen Hand abstützte, um nicht hineinzufallen. „Hier – damit könnte es besser gehen“, sagte jemand, der, ohne dass ich es bemerkt hatte, plötzlich genau hinter mir stand. Ich erschrak dermaßen, dass ich das Gleichgewicht verlor und seitlich in den Bach flog. Das Wasser, welches vorher noch ohne jegliche Geräusche grazil dahinfloss, spritzte nun nach allen Seiten. Sofort wollte ich wieder aus dem Bach springen, aber da übermannten mich die Schmerzen und mir wurde schwarz vor Augen. Alles drehte sich, ich konnte nicht mehr klar sehen und verlor den Boden unter meinen Füßen. Dunkelheit hüllte mich ein und ich fiel in ein tiefes, schwarzes Nichts.
Das Erste, was ich wieder mitbekam, war mein eigener Atem, der ruhig und regelmäßig war. Ich merkte, dass ich wieder im Gras lag, doch dieses Mal ruhte mein Kopf auf einer Art Kissen.
Ich lugte durch meine halb geöffneten Augen hindurch. Alles war noch etwas verschwommen, aber es reichte, um zu erkennen, dass sich irgendjemand über mich beugte und in mein Gesicht schaute. Als derjenige merkte, dass ich wieder bei Bewusstsein war, sagte er: „Hallo!“, leise, aber mit fester und tiefer Stimme. Ich war so perplex, dass ich meine Augen aufriss und ihn anstarrte, ohne irgendetwas zu sagen. Wer ist denn das?, ging es mir durch den Kopf. Es musste dieser Mann vom Bach vorhin sein, in den ich hineingeflogen war. Oh nein, dachte ich mir, das kann doch alles nur mir passieren. „Hallo!“, brachte ich nun endlich heraus und schaute ihn immer noch etwas verdutzt an. „Wie geht es dir?“, fragte er mich mit einer Sorgenfalte auf seiner Stirn, die jedoch gleich wieder verschwand, als ich ihm sagte: „Gut!“ Gut – dachte ich, wie bescheuert, ich wusste ja überhaupt nicht, wie es mir ging. Ich stützte mich im Gras ab und erhob mich langsam. Ein Arm legte sich plötzlich um meine Schultern und stützte mich, damit ich nicht wieder zu Boden fallen konnte.
„Danke, es geht schon!“, sagte ich zu ihm und stellte mich innerlich schon wieder auf die Schmerzen ein, die mir dieses ganze Dilemma eingebrockt hatten. Doch sie kamen nicht. Verdattert setzte ich mich aufrecht ins Gras. Er musste meine Reaktion gemerkt haben, denn er sah mich wieder an und sagte: „Ich habe dir etwas gegen die Schmerzen gegeben. Ich hoffe, sie sind jetzt weg und du fühlst dich etwas besser.“
„Ja, danke, ich denke schon“, antwortete ich ihm zögernd. Ich schaute ihn von der Seite an, als er sich wegdrehte, um ein paar Sachen, die auf dem Boden herumlagen, wieder in seinen Beutel zu packen. Er hatte etwas längere, glatte, dunkelbraune Haare, die etwas verstrubbelt waren. Er schien groß und schlank zu sein und er trug ein elfenbeinfarbenes Leinenhemd. Die oberen zwei Knöpfe waren offen und seine Ärmel hatte er hochgekrempelt.
Seine Hose war lang, dunkelbraun und am Saum etwas zerrissen. Als mir auffiel, dass er keine Schuhe trug, hatte er schon alle Sachen eingepackt und lächelte mir ins Gesicht.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich ihn. „Conlin“, sagte er nur. „Und du?“ „Ich heiße Katterina.“ Er schaute mir kurz in die Augen, dann stand er auf und streckte mir seine Hand entgegen.
„Schöner Name!“ Ich lächelte zurück, nahm seine Hand und er zog mich hoch. „Komm!“, sagte er und ließ meine Hand los, während ich mit kritischem Blick meine nasse Kleidung betrachtete, die an meinem Körper klebte. Ich seufzte: „Sag mal, wo sind wir hier eigentlich?“ Ich schaute ihm fragend in die Augen und er zuckte nur mit den Schultern, drehte sich um und füllte eine leere Flasche im Bach mit Wasser. „Mitten im Grünen!“, rief er mir über die Schulter zu. Ach, wie witzig, dachte ich, zu der Erkenntnis war ich auch schon gekommen, dass wir ziemlich weit weg von jeglicher Zivilisation sein mussten. „Und wo genau?“, hakte ich nach. Er drehte sich zu mir um, drehte die Flasche zu und lächelte mich an. „In Sicherheit!“, seufzte er. Ich runzelte die Stirn und schaute ihn verwundert an. In Sicherheit?, dachte ich. Irgendetwas musste ich wohl nicht richtig mitbekommen haben, denn ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich in irgendeiner Hinsicht in Gefahr war. „Das verstehe ich jetzt nicht“, gab ich zu. „Ich erzähle es dir später, wir müssen jetzt los.“ „Wohin denn?“, fragte ich ihn. Er hatte mir schon den Rücken zugewendet und lief schnell in Richtung Waldrand. Eine Antwort bekam ich nicht, und da mir nichts Besseres einfiel, stolperte ich ihm hinterher, wobei sich meine Beine ziemlich schwer und steif anfühlten.
Wir liefen eine lange Zeit am Waldrand entlang, ohne auch nur ein einziges Wort zu wechseln, und schauten in die weite Ferne, während wir immer wieder kurz stehen blieben, um zu verschnaufen, da wir ziemlich schnell laufen mussten. Warum, war mir allerdings ein Rätsel. Mir war warm und ich musste meine Beine regelrecht zwingen, weiterzulaufen. „Ähm … sag mal, wann sind wir denn da?“ Ich wusste zwar nicht, wohin wir gingen, und hatte keine Ahnung, ob wir erst am Anfang einer langen Reise standen, aber fragen konnte man ja mal. „Bist du müde, möchtest du eine Pause machen?“ Er blieb nicht stehen, aber er schaute mich das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder an. Seit wir losgelaufen waren, hatte er mich keines Blickes gewürdigt und kein Wort mit mir geredet. „Ja, also …“, keuchte ich, „wenn ich mich kurz ins Gras setzen könnte, nur für ein paar Minuten?“ Er ließ seinen Blick angestrengt über die weite Wiese schweifen und sagte: „Ja, aber nur kurz“, und lehnte sich an einen Baum. Ich war so erschöpft, dass ich mich einfach ins Gras fallen ließ. Ich streckte meine Arme und Beine von mir und blieb regungslos mit geschlossenen Augen liegen. Ein Strom der Erleichterung floss durch meine Beine und ein leichter Windhauch streifte über meinen Körper. Das fühlte sich einfach so gut an, dass es mir erst gar nicht komisch vorkam, denn es hatte, seit ich hier war, eigentlich noch kein bisschen gewindet. Ich stutzte, doch war ich so froh, endlich meine Beine ausruhen zu können, dass ich liegen blieb und mir keine weiteren Gedanken darüber machte.
Plötzlich griff jemand meine Hand, zog mich mit einem unangenehmen Ruck hoch und fing an, zu rennen und mich mitzuziehen. Ich stolperte fast über meine eigenen Beine und war so perplex, dass ich einfach mitrannte. Ich erkannte von der Seite Conlins Gesicht und mir lief ein kleiner Schauer über den Rücken. Seine Augen waren eng zusammengekniffen, seine Stirn warf Falten und es schien, als würde er ununterbrochen irgendetwas flüstern. Der Windhauch, der vorher noch angenehm über meinen Körper streifte, verwandelte sich in einen immer stärker werdenden, kalten Wind. „Lauf, lauf, so schnell du kannst, und dreh dich nicht um!“, er schrie mich schon fast an. Ich wusste zwar nicht, vor was wir wegrannten, aber sein Verhalten und was er da gerade sagte, schnürte mir die Kehle zu und Angst stieg in mir auf.
Erst jetzt merkte ich, dass es immer dunkler wurde, der Wind zerzauste meine Haare und trieb uns voran. Wir rannten immer schneller und ich hatte mit der Zeit Mühe, noch mitzuhalten. Als könnte Conlin meine Gedanken lesen, rief er: „Wir haben es gleich geschafft, halte durch!“ Und da geschah es, ich stolperte über einen großen Stein, der mitten im Weg lag. Innerlich war ich schon auf alles gefasst, was passieren würde, wenn ich jetzt hinflog – doch ich flog nicht hin. Das Einzige, was ich hörte, war, dass Conlin irgendein komisches, für mich fremdklingendes Wort in meine Richtung rief und ich ganz plötzlich wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er zog mich schon wieder weiter und hielt meine Hand fest in seiner. „Was ist das?“, fragte ich ihn, während sich meine Lunge immer enger zusammenzog und nur meine Angst mich weitertrieb. „Das sage ich dir, wenn wir angekommen sind!“, rief er zurück. „Wo denn angekommen?“, hakte ich nach und versuchte, den Boden nicht aus den Augen zu lassen, um nicht noch einmal zu stolpern. „Bei meinem Volk!“, antwortete er außer Atem und zog mich unnachgiebig weiter. „Deinem Volk?“, wollte ich mich versichern, denn wer sagte heutzutage denn noch „Volk“? „Ja, wir haben es gleich geschafft, halte durch!“, sagte er daraufhin und es klang so, als duldete er nun keine Fragen mehr. Es war mittlerweile so kalt und dunkel, dass ich sogar beim Rennen anfing zu frieren, und hätte Conlin mich nicht hinter sich hergezogen, wäre ich, glaube ich, schon lange gegen einen Baum gerannt, da mir der starke Wind die Haare in mein Gesicht peitschte und ich dadurch kaum noch etwas sehen konnte.
Und dann sah ich es zum ersten Mal, es war das kleine Dorf, das immer in den Geschichten vorkam, die mir meine Mutter früher erzählt hatte. Es waren ungefähr dreißig kleine Häuser, die von einer grauen Mauer umgeben waren. Die Mauer bestand aus zahlreichen, säuberlich aufgestapelten großen Steinen und genau auf der Seite der Mauer, auf die wir ungebremst drauf zu rannten, war eine große, dunkle Türe aus Holz eingebaut, die mit schwarzem Gusseisen eingefasst war.
Conlin fing wieder an zu flüstern und mir wurde mit Schrecken bewusst, dass die Türe verschlossen war. Sie wirkte auf mich wie eine riesige Stahlwand, die undurchdringbar war, und gegen die wir gleich mit voller Wucht prallen würden, wenn wir nicht vorher unser Tempo verringern würden. „Wir werden gegen die Tür laufen!“, schrie ich Conlin an. „Nein, renn einfach weiter!“, rief er zurück. Verzweiflung kroch in mir hoch und ich versuchte mit ganzer Kraft, mich seiner Hand zu entziehen und langsamer zu werden. „Sie ist zu, verdammt, lass mich los!“, schrie ich verzweifelt. „Vertrau mir!“, schrie er über seine Schulter hinweg. Ich musste verrückt sein, doch wehrte ich mich nun nicht mehr und übergab mich meiner Angst, die mich wieder vorantrieb. Conlins Flüstern wurde lauter, doch ich konnte ihn immer noch nicht verstehen, und als wir kurz vor der Tür waren und ich mich innerlich schon vom Leben verabschiedet hatte, sprang sie plötzlich auf und wir rannten hindurch. Mit einem lauten Knall schloss sie sich wieder hinter uns.
Wir verlangsamten unsere Schritte, bis wir schließlich stehen blieben. Ich hatte meine Augen weit aufgerissen und presste meine freie Hand gegen meinen Brustkorb, der zu zerbersten drohte. Meine andere Hand klammerte sich an die von Conlin, der mich besorgt musterte und mich schließlich in eines der Häuser zog.
Immer noch außer Atem, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen, der mitten in der Wohnung neben einem kleinen hölzernen, dunklen Tisch stand. „Was … was ist das da draußen? Vor was sind wir weggerannt und wo bin ich hier überhaupt?“, meine Stimme zitterte leicht vor Angst, als ich die Worte nur mühsam herausbrachte, da ich nach jedem Wort nach Luft schnappen musste. „Nun, es …“, begann er mit seiner Antwort und lief zu einer eckigen großen Truhe, die in der linken hinteren Ecke an der Wand stand. Ich drehte mich auf dem Stuhl um und folgte ihm mit meinem Blick. Er hatte mir den Rücken zugewandt und schmiss seine Tasche in die Truhe, die er gleich darauf mit etwas zu viel Kraft wieder zumachte. Der unerwartete Knall, der den Raum erfüllte, ließ mich zusammenzucken. „Es ist etwas kompliziert und es handelt sich dabei um alte Geschichten, die du sowieso nicht verstehen, geschweige denn glauben würdest. Es handelt sich um eine Art Konflikt zwischen denen dort oben und uns. Na ja, wie gesagt, es würde keinen Sinn machen, es dir zu erklären! Du bist nicht von hier“, sagte er und warf mir einen gleichgültigen Blick zu. Mit so einer Antwort hatte ich nicht gerechnet oder, besser gesagt, ich hatte mir eine ausführliche Erklärung erhofft, die alle meine Fragen, die mir in meinem Kopf schwirrten, beseitigen würde. „Klar …“, sagte ich, „ich meine … hätte ich nicht ein Anrecht darauf, es zu erfahren, nach dem, was gerade alles passiert ist? Und was heißt hier, es würde keinen Sinn machen? Ich war gerade noch spazieren, und zwar im Herbstlaub, und wache dann plötzlich auf dieser komischen Sommerwiese auf und dann das!!! Ich meine …“ Er kam einen Schritt auf mich zu, seufzte tief und schaute mich mit seinen braunen Augen prüfend an. „Wenn du unbedingt alles wissen möchtest. Du bist eben nicht von hier und ich denke, es wird etwas schwer begreiflich für dich sein, da du noch nie von alldem etwas gehört haben wirst. Aber warum eigentlich nicht?!“, er drehte sich um und begann, im Kamin Feuer zu machen. „Von was habe ich noch nie etwas gehört?“, fragte ich nach. „Von unserem Volk, den Geschichten, der alten Magie … von allem eben“, sagte er und ein angenehmes, goldrotes Licht durchflutete plötzlich den Raum und im Kamin, in dem gerade noch nicht einmal Holz lag, züngelten nun große Flammen fröhlich vor sich hin. Die Wärme breitete sich schnell aus und erfüllte den ganzen Raum. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer mehr zitterte und bis auf Haut und Knochen durchgefroren war. „Wie hast du das gemacht?“, fragte ich ihn verdutzt.
„Am besten, du gehst jetzt erst einmal warm duschen und ziehst dir etwas Trockenes an, nicht dass du mir noch erfrierst. Ich werde uns in der Zwischenzeit einen Tee machen und dann werde ich dir alles in Ruhe erzählen.“
Er zeigte mir, wo das Bad war, und ging wieder zurück in den anderen Teil des Hauses, um den Tee zu kochen.
Ich warf bibbernd und wütend vor Ahnungslosigkeit meine Sachen in eine Ecke und stieg in einen großen runden Holzbehälter, der zwar nicht gerade einer Dusche ähnelte, wie in unserem Bad, aber es gab keinen Zweifel daran, dass es eine sein musste. Ich suchte nach einem Wasserhahn, doch das Einzige, was ich fand, war eine Art Hebel, wie an einem Brunnen, mit dem man Wasser hochpumpte. Ich zog meine Augenbrauen hoch und betrachtete skeptisch das Rohr, aus dem das Wasser fließen musste, wenn ich anfangen würde zu pumpen. Das Wasser müsste extrem kalt sein, dachte ich mir und fing langsam an zu pumpen, während ich versuchte, so weit wie möglich vom Rohr entfernt zu stehen, um mich langsam an die Wassertemperatur zu gewöhnen. Aber so war es nicht. Klares, warmes Wasser floss unerwartet schnell aus dem Rohr und füllte den Behälter, in dem ich stand. Es umspülte meine eiskalten Füße und die Wärme breitete sich sogleich in meinem ganzen Körper aus. Ich hörte auf zu zittern und stellte mich direkt unter das Rohr, um möglichst jeden einzelnen warmen Tropfen auf meiner Haut zu spüren.
Mein Zittern hatte schon längst aufgehört, aber ich stand noch immer da und genoss den warmen Wasserstrahl.
Nachdem ich mich mit einem der Leinentücher abgetrocknet hatte, die ich mir aus dem hölzernen Regal an der Wand genommen hatte, betrachtete ich mich in dem Spiegelglas, das neben dem Regal an der Wand lehnte. Meine langen, welligen, dunkelblonden Haare hingen mir nass auf den Rücken hinunter und mein Gesicht war immer noch leicht blass von der Angst. Am liebsten wollte ich sofort wieder heim, aber mich beschlich das ungute Gefühl, dass das nicht ohne Weiteres möglich war. Das zweite Leinentuch, das ich mir um meinen Körper gewickelt hatte, hing mir bis zum Boden und ich überlegte verzweifelt, was ich anziehen sollte, denn meine Kleider waren immer noch feucht. Ich bückte mich und hob sie auf, um sie über einen Stuhl zum Trocknen zu legen, doch als ich sie anfasste, merkte ich, dass sie überhaupt nicht mehr nass waren. Verwundert drehte ich sie in meinen Händen hin und her, und als ich nicht einmal eine kleine nasse Stelle fand, zog ich sie schnell an und band meine nassen Haare zu einem Knoten zusammen. Ich merkte, oder besser gesagt, ich spürte es, dass hier einiges anders war und dass ich mich am besten schon innerlich auf alles, was eigentlich unmöglich war und hier doch geschah, einstellen sollte. Mit einem kurzen Kopfnicken und purer Entschlossenheit verließ ich das Bad und lief in den Raum, in dem ich kurz zuvor noch gesessen hatte, um nun alles zu erfahren, was ich unbedingt wissen wollte. Conlin saß in Gedanken versunken am Tisch und blätterte in einem großen, dicken Buch. Als ich leise den Raum betrat, schaute er auf und bat mir einen Stuhl an. Auf dem Tisch standen zwei kleine Tassen aus hellem Ton und eine große Kanne, die mit Tee gefüllt war. „Ich hoffe, du magst Kräutertee?“, fragte er mich. „Ja, danke“, gab ich etwas müde zurück. Er goss mir Tee in meine Tasse ein und fragte mich gleichzeitig, ob ich nun bereit wäre, den alten Geschichten seines Volkes zu lauschen und in die tiefen Geheimnisse der Magie eingeweiht zu werden. Mit leuchtenden und müden Augen setzte ich mich kerzengerade auf meinem Stuhl auf, nahm einen Schluck von dem wohltuenden, heißen Tee und lauschte nun den Worten, die den Raum erfüllten.



Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 278
ISBN: 978-3-95840-687-2
Erscheinungsdatum: 24.05.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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