Science Fiction & Fantasy

Die vier Mächte

Adriana Wagner

Die vier Mächte

The First Chapter

Leseprobe:

Am Rande des Felsens bröckelten Felsbrocken ab und fielen hinab ins Wasser. Keiner rührte sich. Yuuki sah mit gerunzelter Stirn auf den Boden. Jana und Suleika hielten sich an den Armen und ihre Angst wurde deutlich spürbar. Da bildete sich zwischen meinen und Alejandros Füßen ein kleiner Riss. Er riss sich immer weiter in die Erde hinein und wurde länger und länger. Bald zog er sich einmal quer über die glatte Fläche des Felsens.
„Nicht bewegen“, sagte Alejandro zu mir. „Ich komme zu dir.“
Langsam und vorsichtig hob er einen Fuß und setzte ihn auf meine Seite rüber. Ein Fehler. Mit einem Ruck wurde der Riss zu einem breiten Spalt. Dieser Spalt zog sich tiefer und tiefer in den Felsen und bald war dieser in zwei Hälften geteilt. Wir hatten keine Chance. Die gespaltenen Felsenhälften sprangen ruckartig zu beiden Seiten auseinander und Isharu und ich fielen schreiend hinab in die Tiefe. Mein Atem stockte. Ich versuchte mich irgendwo festzuhalten, doch es gab nichts. Nach wenigen Augenblicken machte es ein lautes Geräusch und mir blieb die Luft weg. Mein Rücken schmerzte. Ich sank tiefer und tiefer und brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass ich mich unter Wasser befand. Ich ruderte mit den Armen, bis mein Kopf die Wasseroberfläche durchbrach. Meine Lunge schrie nach Sauerstoff. Es war eiskalt und mein Atem wurde sichtbar. Ich begann zu zittern. Neben mir war Alejandro aufgetaucht und er sah mich an.
„Alles in Ordnung?“, fragte er außer Atem und ich sah an seinem rötlich schimmernden Körper, dass er seine „innere Heizung“ angeworfen hatte.
„Ich denke schon“, antwortete ich zittrig und nickte.
Jetzt hätte ich nichts gegen ein schönes, heißes Schaumbad gehabt. Da streckte mir Alejandro seine Hand entgegen. Ich sah ihn mit gehobenen Augenbrauen an und fragte mich, ob er das wirklich ernst meinte. Meine Zähne schlugen aufeinander, und das veranlasste ihn dazu, näher zu mir zu schwimmen und einen Arm, um meine Taille zu legen. Er zog mich zu sich und ich konnte seinen warmen Atem auf meiner Stirn spüren. Ich hielt meinen Körper ganz still. Die Wärme, die mich augenblicklich umgab, war herrlich und tat wohl auf meiner Haut. Das Wasser unter uns schimmerte in einem schönen Blau. Mein Atem beruhigte sich und mein Herzschlag normalisierte sich. Als ich wieder einigermaßen klar bei Verstand war, sah ich nach oben und rief nach Suleika, Jana und Yuuki. Doch niemand antwortete.
„Oh Gott“, flüsterte ich und hob eine Hand vor den Mund. „Was ist, wenn sie gefallen sind?“, fragte ich Alejandro und klammerte mich ohne es zu bemerkten an ihm fest.
Alejandro sah nach oben. „Dann können wir nichts mehr tun“, antwortete er und zum ersten Mal erwiderte ich einfach nichts. Diese Antwort gefiel mir zwar nicht, dennoch hatte er Recht.
Und was machen wir jetzt?“, fragte ich weiter und er zuckte mit den Schultern. „Du … du bist doch ein Feuerbändiger, kannst du nicht irgendetwas tun?“
„Ich kann hier nicht bändigen. Wasser und Feuer vertragen sich nun mal nicht wirklich gut.“ Er zwinkerte. „Aber selbst wenn hier kein Wasser wäre, wüsste ich nicht, was uns helfen könnte.“ Ich nickte und war trotz allem froh, nicht alleine sein zu müssen. „Bist du denn keine Bändigerin?“, fragte er und sah mich an.
Seine dunklen Augen schienen mich beinahe zu durchbohren.
„Noch nicht“, gab ich zu und er sah mich fragend an. „Deshalb muss ich zu Aqua. Er soll mich im Wasserbändigen unterrichten. Aber erst mal müssen wir ihn finden“, erklärte ich kurz und Alejandro runzelte die Stirn.
„Zu welchem Zweck? Was tust du, wenn du zu Ende gelernt hast?“
„Dann muss ich weiter zu Aer.“ Wieder runzelte er fragend die Stirn. „Auch das Luftbändigen soll ich erlernen.“
„Du bist also die Auserwählte? Diejenige, die Ignis zu Fall bringen muss?“, fragte er und sein Griff verhärtete sich um meinen Arm.
„Nennen mich alle so?“
„Bist du es? Die alle vier Elemente beherrschen kann?“ Er ließ sich nicht von seiner Frage abbringen.
„Ja“, bestätigte ich. „Aber ich bin noch nicht so weit.“
Alejandro schien völlig verwirrt zu sein. Ich spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte, seine Augen sich verdunkelten, sein Atem schneller wurde und das Wasser um uns immer wärmer wurde. Ich sah ihn an und Unbehagen breitete sich in mir aus. Er war unglaublich stark und ich konnte mich nicht aus seinem Griff befreien. Allein wie er mich ansah, machte mir erneut Angst. Er schien erstarrt zu sein und irgendwann tat er mir weh. Ich verzog das Gesicht und biss die Zähne aufeinander. Alejandro war immer noch nicht im Begriff mich loszulassen und das Wasser wurde immer heißer und heißer. Irgendwann fing es an zu blubbern. Ich spürte, wie sich das Wasser langsam durch meine Klamotten brannte und meine Haut angriff. Ich versuchte mich von Alejandros Körper zu befreien, doch er hatte mich fest im Griff.
„Das tut weh! Alejandro!“, schrie ich und schlug auf seine Brust ein.
Erst als es unter uns zu knacken und zu wackeln begann, sah mir Alejandro in die Augen, ließ mich los und schubste mich von sich.
„Halt dich von mir fern“, warnte er mich leise.
Ehe ich etwas erwidern konnte, wurden wir plötzlich ruckartig unter Wasser gezogen. Wo vorher Boden unter unseren Füßen war, war jetzt nichts als tiefes Schwarz. Panik stieg in mir auf. Es rauschte um mich herum und das Wasser schnürte mir die Kehle zu. Ich konnte nicht atmen, verlor die Orientierung, wurde hin und her geschleudert und spürte stets den Sog, der mich weiter in die Dunkelheit zog. Wie als hätte sich ein Seil um meine beiden Knöchel gebunden. Langsam wurde die Luft knapp. Alejandro konnte ich nirgends sehen. Mein Herz versuchte verzweifelt weiter zu arbeiten. Doch irgendwann konnte ich die Luft nicht mehr anhalten und Wasser drang in meine Lunge. Ich hustete. Dann ging alles ganz schnell. Mein Körper wurde nach oben gezogen, wurde aus dem Wasser geschossen und ich landete auf hartem Untergrund. Ich spuckte Wasser aus meiner gefüllten Lunge und sog gierig frischen Sauerstoff ein. Neben mir landete Alejandro mit einem dumpfen Schlag. Auch er rang nach Luft und hustete.
„Was zum Teufel war das denn?“, fragte er und half mir auf die Beine.
Ich sah mich um und konnte meinen Augen nicht trauen. Wir standen in einer wunderschönen Höhle. Überall schimmerte es in sanften rosa und blauen Farben und silberne, durchsichtige Edelsteine verzierten die Felsenwände. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Meine Augen wurden groß und ich bemerkte nicht, dass mich Alejandro noch immer festhielt. Den Vorfall von eben hatte ich schon vergessen. Auch er schien von diesem Anblick fasziniert zu sein.
„Von diesem Ort habe ich bisher nur Bilder gesehen“, flüsterte er und erst dann ließ er mich los und ging wieder auf Distanz.
„Es ist wunderschön“, sagte ich und berührte eine Felswand.
Durch den Höhleneingang, den ich entdeckt hatte, schien helles Licht. Und als ich mich ihm näherte, wurde ich davon geblendet. Ich kniff die Augen zusammen, und als ich mich an die Helligkeit gewöhnt hatte, konnte ich nicht glauben, was ich dort vor mir sah. Eine atemberaubend schöne Winterlandschaft erstreckte sich vor mir. Zwei vereiste Bäume standen links und rechts des Höhleneingangs und die Äste wuchsen fast ganz hinab auf den Boden. Die vereisten Wassertropfen auf den Ästen wirkten wie wunderschöner Schmuck und gaben diesen Bäumen etwas Magisches. Wenn sie gegeneinander stießen, gaben sie einen sanften, hellen Klang von sich. Beruhigend wie ein Windspiel. Hinter diesen Bäumen konnte ich ein Dorf sehen. Häuser aus Holz waren aneinandergereiht, aus deren Kaminen weißer Rauch aufstieg. Ich sah Menschen, die in warmer Kleidung und Körben auf dem Rücken von A nach B liefen. Wie gerne hätte ich jetzt auch solche Kleidung gehabt. Und ganz am Ende des Dorfes erhob sich ein riesiger Eispalast. Er war wunderschön. Auf seiner Spitze war eine große, glitzernde Schneeflocke und wenige Meter darunter war ein komisches Zeichen eingraviert. Es sah aus wie drei geschwungene Wellen mit einem kleinen Wassertropfen oben drüber.
„Das Symbol der Wasserbändiger“, sagte Alejandro, der neben mich getreten war.
Das leuchtete mir ein. Zusammen gingen wir zwischen den vereisten Bäumen hindurch und waren weiterhin fasziniert von der Welt, die wir betreten hatten. Da fing es an ein wenig zu schneien und ich erinnerte mich, wie schrecklich kalt mir war. Meine Beine schlotterten und einen kurzen Moment hoffte ich, Alejandro würde mich wieder in seine Arme schließen und seine Heizung anwerfen. Doch er tat es nicht. Er rührte mich nicht an und würdigte mich keines Blickes. Da hörten wir schnelle Schritte, die immer lauter wurden. Tatsächlich kam jemand auf uns zu und Alejandro sah aus, als mache er sich für einen Kampf bereit. Mir war mulmig zumute, denn würde es wirklich zu einer Auseinandersetzung kommen, würde ich haushoch verlieren. Doch der Mann blieb vor uns stehen und sah uns freundlich an. Er war vielleicht gerade einmal so alt wie ich.
„Alice Salvatore?“, fragte er mit dunkler beherrschter Stimme. Ich nickte nur. „Seid herzlich willkommen. Euer Besuch ist uns eine Ehre. Herr Aqua erwartet Sie bereits in seiner Festung. Wenn Sie mir bitte folgen würden“, ergänzte er und mein Herz machte einen Sprung. Während wir durch das Dorf liefen, erzählte er uns ein wenig. „Dieses Dorf existiert seit 1800. Kurz nach dem großen Aufstand fanden sich die Wasserbändiger zusammen und gründeten dieses Dorf. Gemeinsam mit Aqua. Seitdem flüchteten immer mehr Bändiger hierher und unser Volk wuchs. Auch wenn das Wasserbändigervolk beinahe ganz ausgestorben wäre, haben wir es dennoch geschafft, uns am Leben zu erhalten. Heutzutage ist die Zahl der Wasserbändiger wieder gestiegen und darüber können wir froh sein. Denn uns stehen dunkle Zeiten bevor. Und genau deshalb brauchen wir deine Hilfe.“
Als er zu Ende geredet hatte, standen wir vor dem Tor der Festung. Die Bewohner des Dorfes hatten sich alle zu uns umgedreht und uns angestarrt. Die schwere Tür ging nach innen auf. Zwei Wächter begrüßten uns und wir erfuhren, dass der Name des Mannes, der uns hierhergeführt hatte, Zuido war. Wir wurden tatsächlich schon erwartet. Abermals ging Zuido voraus und zeigte uns den Weg. Eine gläserne Treppe führte uns ein Stockwerk weiter nach oben. Dort liefen wir durch einen Gang und blieben vor einem Torbogen stehen. Es waren Stimmen und Gelächter zu hören. Ich erkannte Janas Lachen und runzelte die Stirn. Und da saßen sie. Jana, Suleika und Yuuki. In warme Kleidung gepackt und Tee trinkend. Vor ihnen saß ein Mann. Das musste Aqua sein und er sah unglaublich gut aus. Er hatte blonde, kurze Haare und musste Ende 20 sein. Seine eisig blauen Augen musterten mich eindringlich und sein freundliches Lächeln erlaubte mir etwas Anspannung fallen zu lassen.
„Guten Tag, Alice. Ich freue mich dich zu sehen“, begrüßte er mich und schüttelte meine Hand.
„Freut mich auch“, erwiderte ich und lächelte.
Dann wandte ich mich an Yuuki.
„Ich dachte, ihr seid vom Felsen gestürzt! Ich glaubte, ihr seid tot! Und jetzt sitzt ihr hier und trinkt Tee?!“, fragte ich und sah Suleika und Jana an. „Wie seid ihr hierhergekommen?“
Yuuki setzte seinen Tee ab und räusperte sich. „Dass wir vom Felsen gestürzt sind, ist wahr. Als der Riss zu dem Spalt aufgesprungen ist, hatten wir keinen Halt mehr. Im selben Moment wie ihr stürzten wir hinab. Aber Aqua war so nett und hat uns geholfen“, erklärte er und deutete auf Aqua, der mich nur geduldig anlächelte.
„Ich hätte auch euch gerne geholfen“, sagte er sofort. „Aber in diesem Felsen kann nicht gebändigt werden. Nicht einmal ich kann es. Dies ist ein heiliger Ort. Der Felsen erkennt und fühlt Feinde und Freunde“, fügte er hinzu.
„Er erkennt?“ Ich runzelte ungläubig die Stirn. „Soll das heißen, der Hymala-Felsen ist intelligent und denkt?“
Aqua nickte. „Ja. Aber kommt erst einmal an den Kamin und wärmt euch auf.“
Alejandro und ich bekamen frische, trockene Klamotten und auch einen Pelzmantel. Die heiße Tasse Tee tat gut in meinem kalten Körper und half mir, mich von innen zu wärmen.
„Der Felsen spürt, ob Menschen, die in seinem hohlen Körper gefangen sind, Bändigungsfähigkeiten haben oder nicht“, fuhr er fort, nachdem Alejandro und mir ein süßes Stückchen serviert wurde.
„Was passiert mit jenen, die keine Fähigkeiten haben?“, fragte Alejandro interessiert.
„Dann helfen wir ihnen hinaus. Wir geben uns als Wasserschutzpolizei aus und bringen sie nach Hause. Nur so können wir uns schützen“, antwortete Aqua und musterte Alejandro. „Du kommst mir sehr bekannt vor.“
Alejandro wirkte nervös und seine Hände schlossen sich zu Fäusten zusammen. Er blickte zu Boden und sagte nichts. Aqua runzelte die Stirn, sagte aber nichts weiter. Den halben Tag verbrachten wir noch bei ihm und unterhielten uns. Als es langsam dunkel wurde, führte uns Aqua persönlich zu unserer Unterkunft. Es war eine kleine Hütte mitten im Dorf. Sie hatte nur ein einziges Zimmer, doch sie war schön warm und liebevoll eingerichtet. Ich lächelte und fühlte mich sehr wohl.
„Nachher wird euch eine Hausdame weitere Klamotten, Utensilien und etwas zu essen bringen“, sagte Aqua und lächelte. „Und dich, Alice, bitte ich morgen um ein Gespräch. Um acht Uhr vor meiner Tür, in Ordnung?“
Ich nickte und Aqua verließ die Hütte. Suleika und Jana teilten sich ein Stockbett, ebenso Yuuki und Alejandro. Ich setzte mich auf das Einzelbett. Es war bequem und Müdigkeit breitete sich in meinem Körper aus. Die Hausdame kam nach einer Stunde zu uns und stellte eine Truhe mitten in das Zimmer hinein. Sie war klein, pummelig und sehr, sehr freundlich. Sie half uns, passende Klamotten zu finden, drückte zum Schluss noch jedem eine Zahnbürste und ein Handtuch in die Hand, wünschte uns eine gute Nacht und verschwand. Wir zogen uns sofort etwas Bequemes zum Schlafen an und putzten uns die Zähne. Es dauerte nicht lange, da war alles still und wir schliefen ein. Mitten in der Nacht wurde ich wach. Ich rieb mir über die Augen und setzte mich auf. Leise stieg ich aus dem Bett und ging ins Bad, um mir ein Glas Wasser zu holen. Im Vorbeigehen bemerkte ich, dass das Bett über Yuuki leer war. Alejandro war nicht hier. Ich runzelte die Stirn und überlegte kurz. Dann zog ich mir den Pelzmantel über meinen Pyjama und verließ leise die Hütte. Im Dorf war es still, doch kleine blaue Öllampen beleuchteten den Weg und verwandelten das Dorf in ein wunderschönes Lichtermeer. Der Schnee knarzte unter meinen Füßen und ich hielt nach Alejandro Ausschau. Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich nach diesem Trottel suchte, doch irgendetwas sagte mir, es wäre besser, wenn ich ihn finden würde. Ich sah zum Höhleneingang, und einige Meter darüber sah ich einen kleinen orangenen Punkt, der immer wieder aufleuchtete. Auf diesen Punkt ging ich zu. Ich ging zwischen den Bäumen hindurch und betrat die Höhle. Über der Höhle war ein Loch in der Felswand. Und da saß Alejandro drin und sah auf das Dorf hinab. Der orangene Punkt war seine glühende Zigarette gewesen. Sie mussten doch völlig durchgeweicht sein. Ich ging nach vorne und begann die Felswand zu erklimmen. Das zerrte sehr an meinen Kräften, und als ich mich den letzten Meter hinaufziehen wollte, vergriff ich mich und wurde dann aber von Alejandro mit Leichtigkeit hinaufgezogen.
„Danke“, bedankte ich mich und setzte mich neben ihn.
Er winkte ab und zog an seiner Zigarette. Ich verzog angewidert das Gesicht, schnappte sie ihm aus dem Mund und warf sie weg. Er sah mich mit hochgehobenen Augenbrauen an. Ich zuckte mit den Schultern und sah auf das Dorf hinunter.
„Rauchen ist ungesund.“
„Ich kann gerade keine Gesellschaft gebrauchen“, erwiderte er kühl.
„Wenn du keine Gesellschaft brauchen kannst, wieso hast du mich dann nicht einfach fallen lassen?“, fragte ich ihn provokant.
„So etwas denkst du also von mir?“
„Na ja, du bist nicht gerade sehr freundlich zu mir.“
Er runzelte die Stirn, holte sich die ganze Zigarettenschachtel aus seiner Hosentasche und wollte sich eine neue Zigarette in den Mund stecken, doch ich schlug ihm die Schachtel aus der Hand, welche hinunterflog. Dafür würde ich mich morgen bei Aqua höchstpersönlich entschuldigen müssen. Dann fing er plötzlich auf einmal an zu lachen. Einfach so. Ich runzelte erst die Stirn, musste aber dann auch lachen.
„Warum lachst du?“, fragte ich und boxte ihm spielerisch auf seine Schulter.
„Pass auf, ich schubs’ dich gleich da runter!“, erwiderte er lächelnd und schüttelte den Kopf.
„Glaub ich dir nicht“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. Er grinste nur und wandte dann seinen Kopf von mir weg. „Komm schon, was ist los?“, fragte ich direkt.
„Was soll schon los sein?“
„Na ja … Du schleichst dich mitten in der Nacht raus, bist aggressiv, desinteressiert.“
„Ich denke nur über meine Mutter nach.“
„Hast du Streit mit ihr?“
Er lachte verächtlich. „Auch wenn es blöd klingt, ich wäre froh, wenn es nur das wäre.“
„Ach ja?“
„Ich kenne meine Mutter nicht. Und ich weiß nicht, ob sie mir weggenommen wurde, oder ob sie tatsächlich bei meiner Geburt gestorben ist.“
Ich runzelte die Stirn. „Ob sie dir genommen wurde? Ob sie ermordet wurde?“
„Nein. Ob sie irgendwohin gebracht wurde, damit ich nicht so werde wie sie.
„War sie denn schlimm?“
„Nein, ganz im Gegenteil.“
Ich schüttelte den Kopf. „Erzähle mir von ihr“, verlangte ich und er sah mich verwirrt an.
„Wirklich?“ Ich nickte und lächelte. Alejandro setzte sich so, dass er sich mit dem Rücken an die Felswand lehnen konnte. „Mein Vater hat mir erst kürzlich wieder einmal etwas über sie erzählt. Er sagt, sie sei der faszinierendste Mensch gewesen, den er jemals getroffen hatte. Sie hätte solche Gutmütigkeit ausgestrahlt, wie er es noch bei niemandem zuvor erlebt hatte.“ Er lächelte. „Sie konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Als sie geheiratet hatten, wurde meine Mutter schwanger. Und … mein Vater sagt, sie wäre nach der Geburt gestorben. Doch Yuuki behauptet etwas anderes. Mein Vater hätte sie weggesperrt, damit ich nicht so werde wie sie. Damit ich keine Gefühle zeige und nur weiß, was Macht bedeutet.
„Das ist ja schrecklich“, flüsterte ich. „Wenn ich so einen Vater hätte, wäre ich genauso wie du.“
„Was soll das denn jetzt bitte heißen?“
„Du … du bist sehr verspannt und auch aggressiv. So leid es mir tut, dir das sagen zu müssen“, sagte ich und nach kurzer Zeit fügte ich hinzu: „Nein, eigentlich tut es mir nicht leid.“
Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „Soll ich dir noch etwas verraten?“
„Ja, natürlich.“ Ich wusste nicht, warum er jetzt auf einmal so gesprächig war.
„Mein richtiger Name ist Isharu“, sagte er und ich musste erst einmal überlegen.
Ich kratzte mich am Kopf. „Warum hast du uns belogen?“ Ich klang schon ein wenig beleidigt.
„Weil ich fürchtete, du könntest mich kennen.“
„Sollte ich dich denn kennen?“, fragte ich leise und verwirrt.
Er schloss die Augen. „Nein. Es wäre besser, wenn nicht.“
Ich nickte und wir saßen beide eine Weile schweigend da.
„Du bist gar nicht so hart, wie du immer tust“, murmelte ich und machte mich daran, wieder vom Felsen hinunterzuklettern. Ich streckte ihm meine Hand entgegen. „Es war schön, dich kennenzulernen, Isharu“, verabschiedete ich mich und begann langsam den Abstieg. „Isharu passt übrigens viel besser zu dir!“, rief ich noch hinauf, bevor ich zur Hütte zurückging.
Das Gespräch hatte mir gutgetan. Auch wenn er uns belogen hatte, war ich froh, dass er sich wenigstens etwas geöffnet hatte. In der Hütte angekommen, legte ich mich wieder ins Bett und war froh, dass ich schnell einschlafen konnte. Am nächsten Morgen ging ich duschen. Und das tat so wahnsinnig gut. Ich zog mir frische Sachen an. Die Hose war etwas zu groß, aber allzu schlimm war es nicht. Die alten Klamotten schmiss ich in die Truhe. Isharu zog an meinem Hosenbund herum und ich schlug entrüstet seine Hand zur Seite.
„Du musst zunehmen, Alice. Du bist viel zu dünn“, sagte er und grinste.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 288
ISBN: 978-3-95840-204-1
Erscheinungsdatum: 28.03.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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