Science Fiction & Fantasy

Die Schwarzen Wasser von Hargan

Benjamin Specht

Die Schwarzen Wasser von Hargan

Band 1

Leseprobe:

Einführung

Alle Völker der Welt Thurana waren der Ansicht, dass die Schwarzen Wasser schon lange keine Bedrohung mehr darstellten. Die Zeit, als die Wolken, die jeden Funken von Licht aufsaugten und deren Schwarzer Regen die Welt verschlang, war beinahe in Vergessenheit geraten.
Mittlerweile war die Geschichte des Großen Helden bereits zum Mythos geworden. Man sagte, vor Dekaden von Zeitaltern wäre die Quelle der Schwarzen Wasser versiegt und der Überrest der einst so zerstörerischen Macht auf die Insel Hargan verbannt worden. Dort, so sagte man, würde der Zauber des Großen Helden die Wasser für immer fernhalten – fern von den Kontinenten der Menschen und Nefoiri.
Ha’Yu, wie der Große Held in der Sprache Nefoiri genannt wurde, habe sich weit in den Norden zurückgezogen, auf den Götterberg. Man sagte, die Verbannung der Schwarzen Wasser und die Vernichtung der Herrin ihrer Quelle, die man seit jeher auch als die Lieblose Kaiserin kannte, wären das erste und bisher letzte Mal gewesen, dass der Große Held in seine eigene Schöpfung eingegriffen habe – zumindest während der Zeit der Geschichtsschreibung. Sein Zauber allerdings, sein Geist, sei noch immer in der Welt, so hieß es. Daher wurde schon bald der Orden der Schamanen des Ha’Yu gegründet, deren Mitglieder bis zum heutigen Tage an eine Rückkehr des des Großen Helden glauben sowie daran, dass Ha’Yu der Schöpfer der Welt sei.

Eine neue Herrin der Quelle, eine neue Kaiserin, galt seit jeher als die einzige Möglichkeit, den Bann zu brechen, den der Held über die Quelle der Schwarzen Wasser ausgesprochen hatte.
Aus diesem Grund und zu dem Zweck, das Böse wiederaufleben zu lassen, trafen sich die schlimmsten Feinde der Menschen – die Gefallenen Nefoiri – im Lande Arloth. Da sie vermuteten, dass die Schwarzen Wasser ihren Leibern kein Leid zufügen konnten – im Gegensatz zu den Körpern der Menschen –, wollten sie diese wieder entfesseln, um Thurana von den Menschen zu ‚säubern‘. Jene aus dem Volk Nefoir, die den Menschen noch zur Seite standen, riefen zum Kampf gegen ihresgleichen. Ein Mann des Lichtes namens Demior, der auch als der König der Greife bekannt war und den Widerstand anführte, unterlag allerdings dem Mächtigsten der Gefallenen: Oduran von Arloth, dem Anführer der Nefoiri der Finsternis, den man auch den Drachen nannte. Oduran und Demior, die als die einzigen Formwandler der Nefoiri galten, hatten früher Seite an Seite gekämpft, bis Demior von seinem einstigen Freund Oduran verraten worden war. Es war zu unzähligen Kämpfen zwischen den beiden Männern und ihren Kriegern gekommen, die allesamt unentschieden endeten, bis schließlich Oduran die Überhand gewonnen hatte. Er bannte die Seele seines ehemaligen Freundes, der ihm nun zum Erzfeind geworden war, in einen Kristall, um Demior daran zu hindern, wiedergeboren zu werden.
Bereits gegen Ende des Kriegs des ersten Zeitalters, den der Große Held gegen die Lieblose Kaiserin führte, hatte Oduran sich an die Seite der Herrin der Schwarzen Wasser gestellt. Er galt somit als der Erste der Gefallenen und der Große Verräter. Seine Krieger, die fortan der Finsternis dienten, wurden nach Ende des Krieges zunächst auf die Insel der Geächteten verbannt, von der sie allerdings rasch entkommen konnten. Das Reich Arloth errichteten sie an einem Ort der absoluten Kälte und Dunkelheit, an den die Macht des Helden niemals herangereicht hatte. Natürlich fragte man sich, warum es in der Schöpfung des Helden einen solchen Ort gab – doch selbst der Weiseste hatte noch keine Erklärung dafür finden können.
Ein weiteres Volk, das sich mit der Kaiserin verbündet hatte, waren die Krieger von Pono-Â. Auch diese wurden nach ihrer Niederlage auf die Insel der Geächteten verbannt, konnten ihr allerdings nie mehr entrinnen. Ihre Leiber wurden aufgrund der lebensfeindlichen Bedingungen auf Hargan zu verwesenden, verkrüppelten Missgestalten, die durch die Atmosphäre der Vulkanlandschaft allerdings derart konserviert wurden, dass sie nie vollständig zerfielen. Von gehetzten, unruhigen Geistern am Leben erhalten, konnte man sie noch nach Jahrtausenden als diese Kreaturen sehen, zu denen sie geworden waren. Ihr Wille war jedoch derart stark, dass sie aufgrund einer einzigartigen Magie ihre Umgebung im Geiste wahrnehmen konnten, wozu sie mit ihren verkümmerten Sinnen nicht mehr in der Lage gewesen wären. Dies ermöglichte ihnen allerdings auch, sowohl die für Menschen sichtbare als auch unsichtbare Welt zu sehen. Gefangen auf Hargan, der Insel der Geächteten, warteten sie auf jenen Tag, an dem sie befreit werden sollten.

Immer wieder kam es zu Schlachten zwischen den Nefoiri des Lichts und den Gefallenen der Finsternis. Auch die Menschen waren daran beteiligt, je nachdem mit welcher Seite sie sich verbündeten. Allerdings gerieten auch die Nefoiri bald in Vergessenheit und die Menschen gingen ihren eigenen Weg. Sie ließen sich auf dem größten Kontinent Thuranas nieder, einem Erdteil, den sie Pathoa nannten. Am Anfang waren die Menschen noch in geringerer Zahl vertreten, doch schon bald schlossen sich die Völker des Südens zu einem großen Königreich zusammen. Dieses ist seit jeher unter dem Namen Lacca bekannt.
Das Vereinigte Königreich Lacca dehnte sich über ganz Pathoa aus und seine Krieger eroberten viele Länder und Stammesgebiete und machten sich viele Völker untertan. An den Wäldern des Nordens brach sich diese Welle allerdings – denn die Stämme des nördlichen Gebietes leisteten vehementen Widerstand. Zunächst waren die einzelnen Clans noch untereinander verfeindet, doch dann wurden sie von König Rudger, dem Häuptling des Stammes Aroa, unter dessen Banner vereint. Aroa galt seit dieser Zeit als das Barbarenreich des Nordens. Lacca errichtete an der Grenze eine Stadt, die das Ende des Königreiches markieren sollte. Über die Jahrhunderte wurde diese Stadt heiß umkämpft, von Aroa erobert, anschließend wieder zurückerobert und umgekehrt. Sie galt als Schmelztiegel der Völker und nur ihren mächtigen Bauwerken aus Felsgestein war es zu verdanken, dass sie niemals vollständig zerstört wurde.
Man nannte die Stadt nach der Stätte, auf der sie erbaut wurde: Elorbil. Dieses alte Wort aus der Sprache der Nefoiri wies auf einen Ort ungeheurer Kraft hin. Doch weder die Laccaner noch das Barbarenvolk Aroas wussten Genaueres darüber. Legenden der Nefoiri wurden in den Kulturen der Menschen lediglich als Gutenachtgeschichten integriert, die man Kindern vor dem Einschlafen erzählte – wenn überhaupt.

Nicht zuletzt aufgrund der raschen Ausbreitung der Menschenvölker auf Thurana zogen die Nefoiri sich zurück. Die, die dem Licht angehörten, brachen zur langen Reise nach Norden auf, um sich am Götterberg um ihren Anführer, den Großen Helden Ha’Yu, zu versammeln.
Die Gefallenen lebten fortan nur mehr in Arloth. Da sie das Licht in ihrem Inneren gelöscht hatten, war es den dunklen Nefoiri nur wenige Stunden möglich, bei Tageslicht und in der Wärme der Sonne zu leben. Da sie zu schwach waren, um unterirdische Stätten zu errichten, eroberten sie das Gebiet der Dwerger – Dwergershim. Die Angriffe erfolgten lediglich in der Nacht und auch die zerstörerische Magie, die von den Schamanen der gefallenen Nefoiri angewendet wurde, zwang die Dwerger letzten Endes in die Knie. Sie mussten ihre Stätten verlassen, sogar die große unterirdische Stadt Dwergershus fiel schließlich an Oduran von Arloth und sein Heer.
Fortan machten sich die Gefallenen die Schmiedekunst der Dwerger zu eigen. Zuvor lernten sie noch von denen, die sie sich als Sklaven hielten, doch schon bald hatten sie selbst Schmiede, die es vermochten, Metalle und Edelsteine miteinander zu verschmelzen. Aus diesen Materialien fertigten die Gefallenen ihre Rüstungen. Diese schützten sie nicht nur vor feindlichen Klingen und Geschossen, sondern auch vor Sonnenlicht, Wärme und Feuer.

Das Reich der Finsternis war gewachsen. Dennoch konnten seine Soldaten vorerst keine längeren Strecken zurücklegen. Obwohl die Sonne sie nun nicht mehr tötete, konnte sie ihnen noch immer großen Schaden zufügen. Oduran wusste, dass es allein die Schwarzen Wolken waren, die den Himmel verdunkeln und Arloths Sieg vorantreiben konnten. Er glaubte an die Prophezeiung, die besagte, eine neue Herrin würde die Quelle der Wasser wieder zum Sprudeln bringen.
(Gekürzter Auszug aus dem Buch „Erläuterungen zum Kult um den Großen Helden“, geschrieben vom obersten Schamanen, dem Druiden Vaeraldo. Nun ist es am Leser und der Leserin selbst, herauszufinden, wie viel Wahrheit diese Aufzeichnung enthält …)



Kapitel 1

Arpin begab sich vor das Zelt. Er hüllte sich eng in seinen schwarzen Mantel ein.
Die Nächte Meggos wurden oft von einer eisigen Kälte bestimmt. Die mächtigen Felsen wurden von Frost und Raureif überzogen und keine einzige Wolke stand am Himmel. Arpin mochte das, denn so konnte er die Sterne sehen. Schon seit seiner Kindheit hatte er sie gern betrachtet.
Das Vereinigte Königreich hatte kein Interesse an diesem schier endlosen Ödland. Allein jene, die seit Jahrhunderten dort siedelten, wussten, wie man aus diesem kargen Gebiet einen Nutzen ziehen konnte. „Die Katzenmenschen von Meggo“ nannte man seine Nomaden. Dieser Name war ebenso weitverbreitet wie irreführend. Nicht einer der Meggorianer sah aus wie eine Katze oder wie eine Chimäre aus Katze und Mensch. Legenden allerdings besagten, diese Menschen würden von den Wildkatzen abstammen und nicht etwa, wie es unter den Völkern der Menschen ein weitverbreitetes Dogma war, von den Affen. Man sagte, die Meggorianer hätten neun Leben und würden stets auf ihren Füßen landen, egal aus welch großen Höhen sie stürzen würden. Außerdem erzählte man sich, sie wären nachtaktiv und würden sich nur in Vollmondnächten paaren – dann allerdings, wie bei den Tieren, würde jeder mit jedem den Beischlaf vollziehen. Männer würden dann auch gegenüber Männern und Frauen gegenüber Frauen in wilder Lust entbrennen. Vor allem im Königreich sagte man, wüsste kaum ein Meggorianer, wer sein leiblicher Vater sei.
Die Laccaaner nannten die Nomaden Meggos auch „das Volk der Unbesiegbaren“. Der Name rührte daher, dass die Meggorianer, obwohl sie bereits sehr wenige an der Zahl waren, im Laufe ihrer Geschichte niemals vollständig ausgerottet wurden. Immer hielt sich ein kleiner Überrest, der innerhalb kürzester Zeit wieder zu einem mehr oder weniger großen Volk anwuchs.
In ihren früheren Kämpfen, die weit zurück lagen, galten die Meggorianer als verschlagene, geschickte Krieger, deren Stärke nicht in der Offensive lag, sondern stattdessen in der Kunstfertigkeit ihrer Bogenschützen. Heimtücke wurde ihnen nachgesagt. Unter den Völkern des Königreichs sagte man, die Meggorianer würden auftauchen, einen geradezu vernichtenden Schlag aus dem Hinterhalt ausführen und ebenso flink wieder verschwinden. Sie kleideten sich gerne in dunklen Farben und verhüllten ihre Gesichter, um in der Dunkelheit zu verschwinden, die sich wie ein schützender Mantel um sie legte. Wenn in der königlichen Hauptstadt Congluar ein Mörder umging, sagte man noch heute, ein Meggorianer habe sich in die Stadt geschlichen.
Doch hatte es schon lange keinen Krieg mehr für Meggo gegeben und kaum einer der Männer wollte sich noch ein Krieger oder gar ein Soldat nennen. Auch die Gerüchte um die Auftragsmörder wurden leiser, da Meggo eben auch nicht auf dem Kontinent Pathoa lag und die Meggorianer das Königreich lediglich mit einem Schiff erreichen konnten. Der Erdteil Vira, auf dem sich Meggo befand, war zum Teil bereits von königlichen Truppen besetzt, doch handelte es sich außerhalb von Meggo nur um die Gebiete wilder Stämme. Diese siedelten im Dschungel, in den Bergen und auch an den Flüssen. Zur Zeit des Großen Krieges waren die königlichen Truppen aber wieder abgezogen worden – allerdings nicht, ohne vorher eine ganze Menge der „Wilden“ von Vira zu Soldaten zu rekrutieren.
Häuptling Arpin wusste, dass Meggo einem Angriff des Königreichs heute nicht mehr standhalten konnte. Dem Häuptling der Unbesiegbaren war die Tatsache sehr wohl bewusst, dass seine Männer keine Krieger waren. Zwar stammten sie von großen Kämpfern und Recken ab, doch diese lagen eine oder sogar zwei Generationen zurück. Die Meggorianer der Gegenwart waren nicht nur friedlich, sondern auch friedliebend. Einige lebten von der Jagd, andere auch vom Sammeln von Früchten, die sie auf den Feldern, in Höhlen und auf den wenigen Bäumen, Sträuchern und Hecken fanden.
Arpin selbst war ein begabter Schamane. Um sich mit der Geisterwelt zu verbinden und Kraft aus ihr zu schöpfen, tanzte er sich gerne und oft in Trance. Er wusste um die heilsame Wirkung verschiedener Pflanzen und Kräuter und auch um deren Kraft, wenn er sich betäuben oder in einen anderen Bewusstseinszustand versetzen wollte. Zudem war er geschickt darin, der Laute oder der Pauke Töne zu entlocken, die seinen Geist in andere Welten versetzten. Er vertrat die Ansicht, durch den Verzicht von Fleisch und Fisch noch tiefere Zustände der Versenkung zu erlangen, darum ernährte er sich lediglich von Brot, Gemüse und Früchten. Nur hin und wieder, zu besonderen Anlässen, trank er Milch oder aß Käse. Seine Kleidung bestand aus gewebtem Leinen oder geknüpftem Teppich, er wollte weder Fell noch Leder oder Wolle tragen. Alkoholische Getränke konsumierte er nur sehr selten, und wenn, dann nur um sich wieder aus einem erweiterten Bewusstseinszustand zurückzuholen.
Während seiner Reisen im Geiste gelangte er an die entlegensten Orte. Er sah Dinge, für die er keine Erklärung hatte und Allegorien verwenden musste, wenn er darüber seine Aufzeichnungen machte. Oft dauerten solche Reisen mehrere Stunden und er konnte sich nicht mehr an alles genau erinnern, was er sehen, hören oder auf andere Art und Weise wahrnehmen durfte. Erkenntnisse gewann er daher hauptsächlich nur, wenn er anschließend nüchtern seine Aufzeichnungen studierte, die er während der Reise und im Trancezustand angefertigt hatte.

Die Berührung einer Hand an seiner Schulter riss ihn aus seinen Gedanken. Allerdings erschrak er nicht. Denn die Berührung war sanft. Als er sich umdrehte, blickte er in die großen, grünen Augen seiner Gefährtin Mana.
„Was quält dich?“, fragte sie ihn.
„Wie kommst du darauf, dass mich etwas quält?“, bemerkte er. Er wandte den Blick ab, wie er es stets tat, wenn er die Unwahrheit sprach oder über etwas nicht reden wollte. Vor allem gegenüber seiner Gefährtin wollte er immer ehrlich sein, er wollte ihr nichts verheimlichen. Doch wollte er sie auch nicht beunruhigen.
„Du hast“, berichtete sie, „wieder im Schlaf gesprochen.“
„Was habe ich gesagt?“, fragte Arpin. Er konnte sie noch immer nicht ansehen. Er betrachtete die Sterne. Deren Anblick beruhigte ihn innerlich. Sein Geist war aufgeschreckt wie tosendes Wasser.
„Ich habe es nicht verstanden“, musste Mana zugeben. „Ich bin dieser Sprache nicht mächtig.“
„Ich habe“, entfuhr es Arpin, „in einer anderen Sprache geredet?“ Er fühlte, wie die ersten Schweißperlen auf seine Stirn traten. Darum zwang er sich, sie wieder anzusehen. In ihrem Blick lag etwas, das ihn beruhigte – das war schon immer so gewesen. Sie hielt seine Hände. Er wusste, dass sie einen Drang in sich verspürte, ihn festzuhalten. Einen Drang, dem sie nur mühsam widerstehen konnte. „Ja“, hauchte sie nur.
„Es ist dieser Traum“, begann Arpin dann mit seiner Erzählung, „der Traum, der mich nun seit vielen Monden verfolgt.“
„Erzähle mir davon!“, bat Mana. „Noch einmal!“ Sie sah ihm noch tiefer in die Augen.
„Ich habe dir diesen Traum bereits mehrere Male erzählt“, entgegnete Arpin stirnrunzelnd.
„Ich habe es schon wieder vergessen“, sagte sie, obwohl es nicht stimmte. Doch dachte sie, es würde ihm helfen, wenn er noch einmal davon sprechen könnte.
„Ich marschiere“, fuhr Arpin mit seiner Erzählung fort. „Ich bewege mich zwischen den grauen Gestalten. Es sind viele, man kann sie nicht zählen. Sie sind … wie ein Heer, wie eine Armee. Wie Krieger, die in die Schlacht ziehen. Doch sie ziehen vorwärts in ein gewaltiges Feuer. Hohe Flammen, die zum Himmel schlagen. Ein Feuer, das sie verzehrt. Ein Feuer, das sie alle verzehrt.“ Er musste sich unterbrechen. „Ihre Gesichter sind starr. Ihre Augen sind blind vor Gehorsam. Sie sprechen nicht. Sie schreien nicht – auch dann nicht, wenn die Flammen nach ihnen schlagen. Die feurigen Zungen umarmen sie, wie gleißende Tentakel. Wie ein Monstrum. Die Flammen verschlingen sie, es dauert nicht einmal einen Augenblick. Das Feuer ist nah, sehr nah – dennoch marschieren wir lange. Monde, vielleicht sogar einen ganzen Jahreskreis lang. Es kommen immer neue Männer hinzu, sie kommen aus allen Richtungen.“ Erneut musste er unterbrechen. Er kämpfte mit den Tränen, seine Augen glitzerten bereits feucht. „Dann höre ich diese Stimme rufen“, brachte er hervor. „Ich kenne die Stimme genau. Ich könnte sie jederzeit wiedererkennen, würde ich sie außerhalb des Traumes hören können. Es ist die Stimme eines Mannes. Er ruft mich – aber er nennt nicht meinen Namen. Und doch ist es mein Name, den er nennt. Ein Name, auf den ich höre, obwohl ich ihn immer wieder vergesse. Ich drehe meinen Kopf, aber ich kann ihn nicht ansehen. Ich nehme ihn auf eine andere Weise wahr. Dennoch – ich nähere mich ihm. Der Mann ist nicht wie die anderen. Er ist nicht grau, aber er ist auch nicht schwarz und nicht weiß … anders eben. Vielleicht hat er gar keinen Leib. Dennoch, er hat eine Stimme.
‚Krieger?‘, fragt die Stimme. ‚Was tust du hier?‘ Eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Doch dem Mann scheint das nichts auszumachen. ‚Deine Zeit‘, fährt er fort, ‚ist noch nicht gekommen. Folge mir!‘
Ich verlasse das graue Heer. Ich bin der Einzige, der eine andere Richtung einschlagen kann – eine andere Richtung als die, die ins Feuer führt. Hinter mir verbrennen erneut Männer. Aber ich erkenne nun nicht nur Männer – auch Frauen, Kinder … nicht nur Menschen sind darunter. Es sind auch Dwerger dabei und andere Wesen. Seltsame Wesen. Einige erinnern mich an Menschen, andere erinnern mich an Tiere. Sie alle fallen den Flammen zum Opfer. Aber sie tun es bereitwillig – gerade so, als hätten sie keine andere Wahl. Sie fallen und sie verbrennen – zu Tausenden und zu Abertausenden. Ich allein habe die Wahl, ich allein darf gehen. Doch noch bevor ich mich dem Mann, der gesprochen hat, so weit nähern kann, dass ich seine Augen sehe, wache ich auf.“
Mana konnte ihrem inneren Drang nicht mehr widerstehen. Sie hielt ihren zitternden Gefährten eng umklammert. Sein Schweiß rann in Bächen über ihren nackten Körper. Sie fühlte, wie seine Muskeln sich krampfhaft schüttelten. Mana war selbst sehr kalt, doch wollte sie ihn um jeden Preis wärmen. „Komm zurück!“, rief sie. Zwar hatte sie ihre Stimme gehoben, doch war ihr Tonfall gewohnt sanft. „Bleib bei mir, mein Gefährte! Dein Stamm braucht dich, großer Häuptling! Komm zu mir zurück!“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 462
ISBN: 978-3-99064-865-0
Erscheinungsdatum: 23.09.2020
EUR 19,90
EUR 11,99

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