Science Fiction & Fantasy

Die Schatten der Seele

C. S. Ketterer

Die Schatten der Seele

Band 1 - Wesen der Unterwelt

Leseprobe:


In der Ecke des Zimmers hinter der Türe saß ein zehnjähriger Junge mit zerzaustem braunem Haar, der mit aufgerissenen, pechschwarzen Augen Masako und den dunkelhaarigen, ausgezehrten Mann anstarrte.
„Hier ist das Fell“, sprach der Familienvater aufgebracht, aber mit gesenktem Kopf, zu dem Geburtshelfer.
„Tanek, stell dich in die freie Ecke“, entgegnete eine eiskalte männliche Stimme ohne Emotion. Dann streckte der fahle Herr seine knochige weiße Hand aus und nahm das Fell an.

Der Vater neigte seinen Blick weiter zu Boden, um seiner Untertänigkeit Ausdruck zu verleihen, und wandte sich der Ecke zu, doch in diesem Moment drangen neue Laute durch das
Zimmer.
Tanek drehte sich zu Masako und dem ausgemergelten Mann. Schnellen Schrittes ging er auf die beiden zu. Die achatbraunen Augen seiner Frau glänzten vor Erleichterung und Freude, die alle Strapazen vergessen ließ. In den knochigen Händen des Mannes erkannte der junge Vater unter etwas Blut ein kleines, strampelndes, vollkommenes Baby, das aus Leibeskräften schrie.
Der Schwarzhaarige wickelte das Kind in das Lammfell und sprach mit gefrierender Stimme: „Dein Name lautet Kiyo, Hüter der Wahrheit.“

Kiyo lernte mit seiner Mutter zu laufen. Der Junge erkundete jeden Ameisenhügel sowie die Hühner und Schafe im Stall und spielte mit seinem Bruder auf dem Feld. Am Tag war Kiyo mit diesem unterwegs und half bei leichten Arbeiten am Hof. Je älter der Junge wurde, desto mehr Verantwortung trug er. Die beiden Brüder teilten sich die Aufgaben auf. Kiyo kümmerte sich um das Wohl der Tiere und Kayu arbeitete auf den Feldern. Die Waldarbeit wurde gemeinsam erledigt. Ihre Eltern arbeiteten nachts im nächsten Dorf, das mehrere Kilometer entfernt lag, und sie schliefen bei Tage. So war das Abendessen die Familienzeit, die alle zusammen genossen, bevor die Mutter und der Vater das Haus verließen und die Brüder zu Bett gingen. So verstrichen die Jahre wie Minuten und das Neugeborene wuchs zu einem gut behüteten jungen Mann heran, der am 10. 1. 1200 sein achtzehntes Lebensjahr vollendete. Dieser Tag war heute.

In diesem Jahr lag nur vereinzelt Schnee auf den braunen, kargen Wiesen. Die kalte Nacht neigte sich dem Ende zu, denn die Schatten wurden heller und die Wintervögel in den Wäldern zwitscherten ihre Lieder.

Die kleine, schwarzhaarige Frau eilte schnellen Schrittes in den Stall und hinauf in den Heuboden: „Kiyo, es ist Morgen, wach auf.“
Im Bett aus Stroh und Heu lag zusammengerollt unter einer Schafdecke der braunhäutige junge Mann mit wildem, pechschwarzem, langem Haar und rührte sich nicht.
Seine Mutter zog ihm das Fell weg: „Auf dich wartet Arbeit, junger Mann.“ Sie lehnte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange: „Und alles Gute zu deinem achtzehnten Geburtstag.“
Daraufhin öffnete Kiyo seine strahlenden, tannengrünen Augen und gähnte: „Nur noch ein bisschen.“
Die Frau seufzte mit einem Grinsen auf den Lippen und strich ihm kurz durchs Haar. Kiyo drehte sich wieder zur Seite. Seit einiger Zeit war sein Bruder verschwunden und er musste auch dessen Arbeit erledigen, was seine Tage noch ausgefüllter machte und ihn schwerer aufstehen ließ.
Seine Mutter schüttelte den Kopf und verließ anschließend den Stall, um sich in das Haus zurückzuziehen.

Kurz darauf erwachte die Sonne zwischen zwei Bergen und tauchte das winterliche Tal in weites Licht.
Die Strahlen drangen durch die Latten des Heubodens und kitzelten Kiyo langsam wach.
Mit lautem Gähnen und anschließendem Murmeln setzte dieser sich auf: „Diese Nacht war kalt. Ich konnte kaum schlafen.“
Er wand sich aus der Stroh- und Heumischung und putzte seinen braunen, gestrickten Pullover und seine Leinenhose ab.
Sich streckend und gähnend verließ der 1,65 Meter große Mann den Stall und trat auf harten, vom gefrierenden Tau knirschenden Boden. Kiyos Atem zeichnete sich als weißes Wölkchen in der Luft ab, daraufhin schüttelte er sich vor Kälte.
Schnellen Schrittes lief Kiyo ins Haus und schlüpfte in den Fellmantel seines Vaters. „So ist es gleich viel besser“, murmelte er zu sich.

Wieder im Freien musste er zuerst die Tränke der Schafe und der Stute im Stall füllen. Dazu hämmerte er mit einem Stock auf die dünne Eisschicht im Brunnen ein und holte schließlich das Wasser mit einem Eimer heraus.

Nachdem er die Tiere auch mit Heu und Getreidekörnern versorgt hatte, erblickte er frisches Holz in einer Ecke der Scheune: „Das wäre Kayus Arbeit. Seit er weg ist, muss ich das Holzhacken auch erledigen. Für ihn war das Spalten der Blöcke eine Kleinigkeit, aber ich mühe mich jedes Mal damit ab.“
Kiyos Bruder hatte auf eine dreiwöchige Wanderung gehen wollen, die mittlerweile sieben Monate dauerte. Niemand in der Familie sprach davon, doch die Hoffnung, dass er noch lebte, schwand von Tag zu Tag. Jeder klammerte sich an die Hoffnung, dass er seine Wanderschaft verlängert hatte und irgendwann wieder vor der Türe stehen würde.
Kiyo versank kurz in Gedanken, doch dann machte er sich an die Arbeit und hackte das Holz mit großer Mühe klein.

Die Vormittagsstunden vergingen und die Sonne schmolz langsam den Morgentau weg. Der Boden war immer noch hart, doch die Luft wurde angenehm wärmer.
Da ihm durch die harte Arbeit warm geworden war, hatte Kiyo den Mantel wieder ausgezogen. Er blickte hoch in den Himmel und seufzte: „Endlich fertig.“
Müde stapfte er ins Haus, um sich dort etwas auszuruhen, und erblickte auf dem Tisch einen Zettel: „Das bedeutet Brot, Eier und Fleisch. Richtig, ich habe heute Geburtstag. Das Essen heute Abend wird richtig lecker. Ich muss nur dem Bauern etwas abkaufen.“

Kiyo nahm die zwei Goldmünzen, die in einem Beutel dem Zettel beilagen, und band sie an seine Hose: „Nur leider brauche ich zu Fuß bis zum Abend. Doch die Stute darf ich nicht allein ausreiten. Mein Vater wäre wütend, wenn er davon erfahren würde.“

Kiyo ging in den Stall und streichelte der Stute über das dunkelbraune Fell und die schwarze Mähne: „Vater weiß, dass ich ohne zu reiten vor Sonnenuntergang nicht zu Hause bin. Der Bauer ist zu weit weg. Vielleicht ist das sein Geburtstagsgeschenk an mich und ich darf die Besorgungen mit dem Pferd machen. Was meinst du, Kari?“ Die Stute fraß ihr Heu genüsslich weiter.

Mit Strick und ohne Sattel schwang sich Kiyo aufs Pferd. Er galoppierte mit Kari über die mittlerweile von der Sonne matschigen Grasfelder: „Hei ja! Schneller!“ Kiyo liebte es, in Höchstgeschwindigkeit über die Wiese zu reiten. Es gab ihm das Gefühl von Freiheit. Sein Haar peitschte im Wind, der ein Lied gegen seine Ohren summte: „Weiter! Juhu!“

Zu Ross war die Strecke zum Bauern in einer Stunde zu schaffen. Auch Kari war mit Eifer dabei und rannte mit dem Wind. Adrenalin, das sein Herz schneller schlagen ließ, Beschwingtheit, die Pferd und Reiter immer schneller werden ließ, Freude, die unaufmerksam machte, der Wind, der die Augen trocknete … Kiyo blinzelte, es rumpelte unter ihm, im nächsten Moment war ihm schwarz vor den Augen.

Minuten später öffnete Kiyo seine Augen wieder. Er lag mit dem Bauch am Boden, unter ihm waren braunes Gras und matschige Erde.
„Autsch“, keuchte er.
Er spürte etwas Warmes an seiner Schläfe und griff danach. Die Finger waren rot benetzt, Blut.
Kiyo blickte um sich und erkannte sofort den Stein, an dem er sich den Kopf angeschlagen hatte: „Uh. Kari ist sicher weg.“

Er setzte sich auf und erblickte ein paar Meter weiter das Pferd, das am Boden lag und sich nicht rührte.
Schnell stolperte er auf und rannte zur Unfallstelle: „Kari! Verdammt!“
Die klaffenden Wunden an Karis Vorderläufen schnitten sich bis zu den Knochen.
„Wie konnte das passieren?“, fragte sich Kiyo schockiert.
Mit dem kleinen Messer, das er immer bei sich trug, schnitt sich der junge Mann die Hosenbeine kürzer und umwickelte die Wunden des Pferdes: „Kari, ich hole Hilfe, halte durch, ja?“ Kiyo umarmte noch mal Karis Hals und lief los.

Nach nicht allzu langer Zeit stand Kiyo vor hohen Bäumen: „Der Wald ist eine Abkürzung zu mir nach Hause.“
Er schlüpfte durch das Dickicht und lief im Wald weiter geradeaus. Er blickte manchmal nach links und rechts, doch jeder Baum war wie der nächste. Das Licht, an dem sich Kiyo orientierte, wurde immer schwächer und schwächer, bis es ganz verschwunden war.

Nachdem auch der letzte Lichtstrahl erloschen war, blieb Kiyo stehen und sah sich nach allen Seiten um: „Das kann nicht wahr sein. Ich darf mich hier nicht verlaufen haben. Nicht jetzt, wo Kari meine Hilfe braucht.“
Er drehte sich um, um den Weg zurückzugehen, doch da erschrak er. Vor ihm stand ein großer Mann mit schulterlangem schwarzem Haar und stechend eisblauen, toten Augen. Vor Angst froren Kiyos Glieder ein.
„Hast du dich verlaufen?“, sprach die harte Stimme des Fremden.
Kiyo schluckte und blickte zu Boden: „Nein, ich finde schon nach Hause.“ Er konnte dem Blick des anderen nicht stand--
halten.
„Ich kann dir helfen und dich aus dem Wald führen“, hauchte die blasse Gestalt ihm zu.
Kiyo schüttelte den Kopf und rannte an dem Größeren vorbei: „Nein, ich brauche keine Hilfe.“
Eine sehr kalte Hand umfasste Kiyos Handgelenk und brachte ihn so zum Stehen: „Ungezogener Junge.“
Vom Handgelenk breitete sich die unangenehme Kälte über Kiyos ganzen Körper aus. Sein Atem stockte, dennoch versuchte er, nicht die Fassung zu verlieren.
„Lasst mich los. Ich rede nicht mit Dämonen …“, Kiyos Worte verstummten bis zum Ende des Satzes.
Der Fremde ließ Kiyos Arm aus seiner Hand gleiten: „Ich habe dich wohl erschreckt, mein Freund. Ich heiße Aaron. Verrate mir deinen Namen.“
Kiyo rümpfte die Nase und blickte auf: „Ich sagte bereits, ich rede nicht mit Dämonen. Ich finde allein nach Hause.“
Kiyo befolgte damit einen Rat seiner Mutter, denn diese hatte ihm, als er klein gewesen war, beim Zubettgehen Dämonengeschichten erzählt. Die wichtigste Regel in jeder dieser Geschichten war, keinem Gesellen der Hölle deinen richtigen Namen zu verraten, sonst verfolgt er dich in alle Ewigkeit.

„Du willst wirklich nach Hause zu deinen Eltern, wo du doch das Pferd deines Vaters getötet hast?“ Der weißhäutige Mann grinste selbstzufrieden.
Kiyo stieg auf die Provokation sofort ein: „Nein, Kari ist nicht tot. Ich werde jetzt Hilfe holen und Ihr werdet mich nicht daran hindern!“
Er rannte davon. In irgendeine Richtung, weg von Aaron, und somit tiefer in den Wald.
„Sei kein Narr, ohne meine Hilfe findest du aus diesem Wald nicht wieder heraus!“, hallte die Stimme von allen Seiten auf Kiyo herab.
„Nein!“ Kiyo lief und lief, verdorrte Brombeersträucher ritzten kleine Wunden in seine Waden. Die Bäume rasten vorbei und die Schatten wurden immer düsterer. Er stolperte und fiel.
Keuchend setzte sich der junge Mann wieder auf. „Ist er endlich verschwunden?“, murmelte er zu sich. Kälte legte sich auf seine Schultern.
„Lasst mich in Ruhe!“, schrie Kiyo hysterisch in den viel zu stillen Wald.
„Du willst es nicht einsehen, oder? Der Einzige, der dir und deinem Pferd helfen kann, bin ich.“ Der Schatten der Bäume verformte sich und nahm die Gestalt des Fremden an.
Kiyos Hände fingen an zu zittern: „Bleibt mir fern.“
Ein seine Kehle zuschnürendes Lachen durchflutete den Wald: „Du hast Panik und weißt nicht, was du machen sollst.“
»Ich darf Kari nicht im Stich lassen. Wenn ich ihm einen falschen Namen nenne, dann habe ich eine Chance, zu entkommen«, überlegte Kiyo verbittert in Gedanken, dann stand er auf: „Ich heiße Tako. Helft mir bitte, meinen Weg zurück zu finden.“
Aaron grinste: „Sehr gute Entscheidung, hier entlang.“ Aaron zeigte in eine Richtung und ging schließlich voran.
Der Kleinere marschierte ihm nach, dabei dachte er: »Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, hier sehen jeder Strauch und jeder Baum gleich aus. Dieser Mann ist der Einzige, der mich hinausführen kann. Auch wenn es keine kluge Idee ist, ihm zu vertrauen, so bleibt mir doch keine andere Wahl.«
Kiyo kniff ein Auge zu, denn die Wunde an seinem Kopf pochte, und auch die aufgeritzten Waden schmerzten. Erst jetzt erkannte er, wie erschöpft er wirklich war.
Dennoch folgte er Aaron, ohne sich zu beschweren.

Eine Stunde strich an ihnen vorbei, dabei änderte sich nichts an der Stimmung dieser Umgebung, alles blieb weiterhin düster und auch kein Sonnenstrahl drang mehr durch die Baum--
wipfel.
„Ich bin allein nicht so lange herumgeirrt wie jetzt mit Euch“, durchbrach Kiyo die Stille.
„Wir folgen einem bestimmten Weg, vertraue mir“, antwortete Aaron.
„Ich will sofort nach Hause!“, protestierte Kiyo daraufhin.
„Denkst du, ich gehe zum Spaß mit einem nervenraubenden kleinen Jungen wie dir durch diesen Wald?“, knurrte Aaron und blieb stehen. Er starrte Kiyo an.
Kiyo murrte kleinlaut: „Allerdings, und ich bin kein kleiner Junge.“
Aaron marschierte auf ihn zu: „Keine Angst, wenn die Nacht angebrochen ist, stehst du vor dem Leichnam deines Pferdes!“ Ein Knurren beendete seine Worte.
Kiyo sah Aaron entsetzt an und wich zurück: „Jetzt redet Ihr schon wieder so, als wäre Kari tot. Warum wisst Ihr von Kari und meinem Vorhaben?“
Der Blauäugige stoppte mit seinen Schritten kurz vor dem Kleineren und hauchte ihm mit kaltem Atem zu: „Ich weiß viel mehr, als dir lieb ist.“ Nach diesen bedrohlichen Worten drehte er sich weg und ging weiter.
Kiyo eilte Aaron nach und ergriff seinen Ärmel, doch ein geladener Schlag durchzuckte seinen Körper. Sein Herz fing an zu rasen und er ließ ihn, ohne es zu wollen, sofort wieder los. Er hielt sich die Brust und keuchte: „Kari ist nicht tot, Ihr lügt! Gebt es zu.“
Die Stimme des Größeren bebte, doch am Ende des Satzes seufzte er: „Meinetwegen, das Pferd lebt vermutlich noch. Nun zufrieden? Wie kann man einem niederen Tier so viel Wert zuschreiben?“
Kiyos Atem hatte sich wieder beruhigt: „Ich muss jetzt zu meinen Eltern nach Hause, damit wir Kari helfen können. Wisst Ihr nun den Weg oder irrt Ihr wie ich umher?“
Aaron blieb abermals stehen und drehte sich wieder zu ihm: „Du strapazierst meine Nerven! Du willst die Wahrheit? Also gut, ich will dir aus reiner Herzensgüte den Anblick dieses Viehs ersparen, indem ich darauf hoffe, dass du, wenn du zurück bist, kein Staubkorn mehr davon findest.“
Der Schreck stand Kiyo ins Gesicht geschrieben, seine strahlend grünen Augen weiteten sich und starrten Aaron entsetzt an.
Mit einem Handzeichen deutete dieser in eine Richtung: „Wir gehen jetzt weiter.“
Kiyo schüttelte den Kopf: „Nein. Bring mich nach Hause zu meinen Eltern.“
„Ich führe dich aus diesem Wald heraus. So wolltest du es doch. Zu dir in dein Elternhaus? Oh …“ Aaron fing an zu grinsen: „… wir haben wohl aneinander vorbeigeredet.“
„Du verfluchter Dämon!“, schrie Kiyo sauer und der Panik nahe.
Er rannte hektisch in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Wie konnte ich mich nur darauf einlassen! Diesen Wesen darf man unter keinen Umständen vertrauen. Wer weiß, wohin er mich verschleppt hätte. Ich hätte seine vermeintliche Hilfe nie annehmen sollen.«

Kiyos Füße trugen ihn stundenlang durch das Dickicht, bis er erschöpft am Waldboden zusammenbrach, weil seine Beine nachgaben. Er rang stark nach Luft und roch das Laub unter seinem Körper. Mit Mühe drehte er sich auf den Rücken und blickte gen Himmel, der von dunkelgrauen Baumkronen bedeckt war. Aaron schien ihn nicht mehr zu verfolgen, denn keine Stimme war zu hören und Kiyo konnte die eiskalte Anwesenheit nicht mehr spüren.
Totenstille herrschte an diesem Ort. Wo Vögel zwitschern sollten, ragten nur kahle Äste, an denen vereinzelt Blätter oder Nadeln hingen, aus den Baumstämmen. In der Erde, wo sich Insekten und Mäuse tummeln sollten, war kein Leben zu finden. Es schien, als mieden alle Tiere diesen Flecken des Waldes.

Die Schwärze vom Waldboden kroch hinauf in die Baumwipfel und die Kälte des Winters schlug erneut zu.
Kiyo war kaum dazu fähig, sich zu bewegen. Er fror am ganzen Körper und zitterte. Seine Wunden brannten in der Eiseskälte wie Nadelstiche. Er kauerte sich am Boden zusammen und zitterte: „Mutter, Vater, ich will hier nicht sterben. Bitte helft mir.“ Tränen kullerten von den braunen Wangen des Jungen. Kurze Zeit später schlief er dennoch vor Müdigkeit ein.

Am nächsten Tag, als die Schatten von Schwarz in ein dunkles Grau wechselten, öffnete Kiyo seine Augen. Er hatte Glück, in der Nacht nicht erfroren zu sein. Er wollte aufstehen, doch es gelang ihm nicht. Seine Glieder fühlten sich so steif und unbeweglich an, dass er sich nicht einmal aufsetzen konnte. „Was ist los? Warum kann ich mich kaum bewegen? Ich spüre meine Finger nicht und meine Beine sind taub“, sagte er zu sich. Im nächsten Moment knurrte sein Magen. Von dort ausgehend brannte sich ein Feuer, das Höllenqualen bedeutete, durch seinen Körper, obgleich dieser steifgefroren am Boden kauerte.
Kiyo schrie aus Leibeskräften: „Mein Magen brennt wie Feuer! Ich kann nicht mehr! Helft mir!“
Doch niemand konnte ihn hören. Kiyo war allein in einem düsteren, winterlichen Wald, ohne Tiere, ohne Wasser und Essen. Sein geschwächter Körper brannte weitere Stunden und seine Stimme versagte.
Als die Schmerzen nach langen Tagen und Nächten endlich ein Ende gefunden hatten, war dem Jungen bewusst, dass dieser Ort wohl sein Friedhof war.
»Ich kann mich nicht bewegen. Kein Essen, nichts zu trinken. Niemand, der mir helfen kann. Es ist vorbei. Ich werde hier sterben. Dieser Dämon, er hat mich verflucht. Ich habe dennoch keine andere Wahl. Ich will leben.« Sein Überlebenswille brachte Kiyo dazu, den einzigen noch offenen Weg zu gehen.
Mit tonloser Stimme hauchte er mit letzter Kraft: „Aaron, bitte hilf mir.“ Nach diesen letzten Worten sackte er bewusstlos zusammen.

Weitere Tage und Nächte vergingen. Niemand fand Kiyo, und auch Aaron kam nicht vorbei, bis zum dreiundzwanzigsten Tag. Hinter den Schatten der Bäume nahm er Gestalt an. Schwarzes, schulterlanges Haar, blutrote, lodernde Augen mit tiefroten Pupillen und bleiche Hände, deren Fingernägel in schwarze Farbe getränkt waren. Er trug eine schwarze Robe, die seinen ganzen Körper bedeckte. Aaron, in seiner wahren Gestalt, ging in die Knie und hob Kiyo, der sichtbar abgemagert aussah, auf seine Arme: „Du bist ein zäher Junge.“ Nach diesen Worten lösten sich beide im Schatten der Bäume auf und verschwanden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 624
ISBN: 978-3-903271-62-3
Erscheinungsdatum: 02.06.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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