Die Offenbarung der 8. Tafel
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 116
ISBN: 978-3-7116-1512-1
Erscheinungsdatum: 29.09.2026
Ein verborgenes Geheimnis, eine uralte Macht: Sechs Gefährten folgen den Spuren der 8 Tafeln durch Europa und Persien. Intrigen, Glaubenskriege und dunkle Mächte bedrohen die Welt. Nur Mut, Wissen und Zusammenhalt können das Schicksal wenden.
Einführung
Abruzzischer Bergzwerg: „Lass mich runter, du geiziger Perser. Dir ist doch klar, dass ich weiß, dass du mich nicht töten kannst. Erzähl mir lieber, warum du mich schon wieder unangemeldet besuchst. In den letzten 12 Tagen nun schon das zweite Mal. Sonst wanderst du alle zwei, drei Jahre durch mein Gebiet. Nun lass mich endlich runter.“ Der kleine abruzzische Bergzwerg strampelte heftig mit seinen kurzen Beinen. Mink, der mit nur einem Arm diesen kleinen hinterlistigen Zwerg mühelos an die Höhlendecke drückte, zog langsam seinen angewinkelten linken Arm zurück, und schon fiel der Kleine von der Höhlendecke herunter auf seinen gepolsterten Sitz. Mink: „Schönen guten Tag, mein Lieber. Ich komme im Auftrag der Hexe Astanka, um die letzte, die 8. Tafel, in ihren Besitz zu holen. Schon sehr lange giert sie danach, um die Offenbarung ans Licht zu bringen.“ Abruzzischer Bergzwerg: „Der Preis dafür ist dir bekannt.“ Mink: „Ja sicher, du hast ihn oft genug genannt. Nun ist Astanka bereit, die geforderte Menge Gold zu beschaffen. Deine zweite Forderung ist unerfüllbar. Niemand, auch nicht Astanka, wird auf einen solch grausamen Handel eingehen.“ Der abruzzische Bergzwerg fasste sich mit der linken Hand an seine verschrumpelte Knollennase, lehnte sich zurück und holte mit der Rechten sein Pfeifchen aus der Weste. Mink: „Hier riecht es muffig. Ich öffne mal das kleine Rundfenster.“ Rasch stopfte der abruzzische Bergzwerg sein Pfeifchen, nahm ein dünnes, langes Holzscheit, steckte dieses kurz in die Steinkohleglut, und schon dampfte es. Abruzzischer Bergzwerg: „Ja gut, über die zweite Forderung können wir reden. Sag ihr bitte, wenn ich sie auf ihre kommende Expedition auf Augenhöhe begleiten darf, ist die Sache geritzt. Wann bringst du mir das Gold?“ Mink: „Das Gold bringe ich dir in drei, vier Tagen. Woher ist dir bekannt, dass sie bald auf eine Expedition aufbricht?“ Mit einem breiten, verschmitzten Lächeln beantwortete der abruzzische Bergzwerg Minks Frage. Da Mink wusste, dass dieser kein offenes Fenster mag, verschloss er das Rundfenster, fasste sich an den Hut und verließ die Hütte.
– Am selben Tag –
Erfüllt von ganztägiger Vorfreude auf den wöchentlichen Würfelabend, betrat Caspare seine Bauernkate. Die Tür quietschte leise. Dann bat ihn seine Frau Fee nach dem üblichen Begrüßungskuss, auf die Suppe zu achten, bevor sie ihren ältesten Sohn, der in einem kleinen Schuppenanbau am Haus sein Reich hat, zum Abendessen holte. Fee: „Hey, mein Großer, lass bitte die Strickleiter herunter. Ich brauche noch etwas Rosmarin für die Suppe.“ Sohn: „Bleib unten, liebe Mutter! Den Rosmarin gebe ich dir.“ Die Mutter sollte nicht sehen, dass ihr Ältester auf dem Schober über der Hamme an einer Tafel arbeitete. Das sollte sein Geheimnis bleiben. Es war Mode geworden, Steintafeln zu behauen. Man sagte ihnen Zauberkräfte nach. Die meisten gingen schnell zu Bruch, ehe sie auf den Markt zu Schleuderpreisen veräußert wurden. Fee berichtete ihrem Mann, dass Lea am Nachmittag kurz da war. Caspare: „Oh! Die war doch schon drei Jahre nicht mehr hier. Oder?“ Fee: „Genau genommen auf den Tag vier Jahre. Liebend gern möchte sie zum Würfelabend mitkommen und hofft natürlich, dass sie wieder mitspielen darf. Sie kommt dich gleich abholen.“ Caspare: „Ach! Du hast wohl schon beschlossen, dass ich sie mitnehme. Wo war sie denn die vier langen Jahre?“ Fee: „Bei ihrem Onkel Boris. Sie hat ja keine anderen Verwandten, wie du weißt.“ Caspare: „Der bringt ihr nur Unsinn bei. Soviel ist sicher.“ Fee: „Nun, das mag zum Teil stimmen. Doch er spricht mehrere Sprachen und ist vielseitig gebildet. Da lernt sie auch etwas fürs Leben.“ Da klopfte es an der Tür. Als Fee öffnete, steht mit einem großen Weidekorb voller Fische in der Hand die freudestrahlende Lea in der Eingangstür. Lea rief: „Für euch alle, ganz frische Forellen.“ Sie hob den Korb etwas an. Angeln ist ihre Leidenschaft. Die Bäche und Flüsse der Gegend sind sehr fischreich. „Komm rein und setz dich“, sagte Fee, während sie ihr mit einem Kopfnicken dankend den Fisch abnahm. Lea herzte die Kinder, setzte sich und erzählte von ihren Abenteuern. Mit geöffneten Mündern und neugierigen Augen verschlangen die Kinder Leas Geschichten. Sie war eine unterhaltsame Erzählerin. Als Caspare den Raum betrat, fiel die Begrüßung mit Lea unterkühlt aus. Statt einer herzlichen Umarmung gab es einen distanzierten Händedruck und einen ganz kurzen Blick in die Augen. Vor vier Jahren waren die beiden im Disput auseinandergegangen, und Caspare kann sehr nachtragend sein. Fee stellte den Topf mit der Bohnensuppe auf den Tisch und legte für Lea einen weiteren Teller dazu. Mit einem Lächeln fragte sie Lea: „Wie ist es dir, in der Fremde bei Onkel Boris ergangen? War es abermals sehr lehrreich? Du warst in deiner Kindheit schon mal über zwei Jahre bei ihm.“ Caspare schaute sie kurz an. Als sich ihre Blicke trafen, erhellte sich Leas Mimik, während Caspares Miene sich verfinsterte. Lea: „Onkel Boris hat mir Mandarin beigebracht. Die Sprache des Drachenreiches China.“ Caspare: „Oh, die Sprache aus dem Reich der Mitte. Nicht in allen Teilen dieses Reiches wird Mandarin gesprochen.“ Caspare wollte vor den Kindern sein Allgemeinwissen aufblitzen lassen. Fee blickte auf ihren ältesten Sohn, der gedankenversunken langsam seine Suppe löffelte. Fee: „Gehst du heute Abend noch zu deiner Freundin? Und bist du bitte um zehn wieder zu Haus? Hörst du, 22:00 Uhr?“ Ja, antwortete dieser etwas lauter und bestimmter im Tonfall, schaute kurz auf seine Mutter und antwortete nochmals gelangweilt mit Ja. Er war frisch verliebt, da zählte nur dieser eine Mensch auf der Welt. Lea: „Wir müssen los, Caspare, sonst kommen wir zu spät.“ Fee bat Lea, am kommenden Nachmittag vorbeizukommen. Fee: „Dann können wir uns ungestörter unterhalten.“ Lea: „Ein andermal, morgen Nachmittag kommt Onkelchen.“ Caspares Mimik verfinsterte sich nochmals stärker. Lea: „Holen wir den abruzzischen Bergzwerg zum Würfelabend ab, wie immer?“ Caspare: „In letzter Zeit macht der kleine Geizkragen sich öfter rar. Er hat Ärger mit der Hexe Astanka. Er möchte auch nicht mehr am halbjährlichen Regionalmeeting teilnehmen. Sogar seinen jahrzehntelangen Sitz will er aufgeben.“ Lea: „Was ist mit ihm los?“ Caspare: „Unruhe und böse Vorzeichen. Die zwei Silberwölfe wurden im Gebirge gesehen. Die fressen alles, was ihnen vor die Zähne kommt.“ Lea: „Die waren mal Friedensvermittler.“ Caspare: „Das ist sehr, sehr lange her. Die haben die Seiten gewechselt.“ Lea: „Onkelchen hat viel von den zwei Silberwölfen erzählt. Er schätzt ihre Loyalität. So, nun komm endlich, wir sind spät dran.“ Lea umarmte die Kinder, zog ihren Umhang an und machte sich mit Caspare auf den Weg.
Nach drei Kilometern Fußmarsch auf einem morastigen, dunklen Feldweg standen sie mit verdreckten Stiefeln vor der ovalen, mit braungrünem Moos bewachsenen Hütte des abruzzischen Bergzwergs. Die Hütte liegt etwas in den Wald versetzt, sodass man sie vom Weg her nicht sehen kann. Wie stets klopften sie nicht an. Vorsichtig, ganz leise und langsam drehten sie den Türknauf nach links. Ein kaum hörbares „Klick-klack-Geräusch“ und schon konnten sie die Eingangstür nach außen aufziehen. Sie traten ein und verschlossen die Tür ebenso leise. Auf seinem Runddrehsessel sitzend, an seinem Schreibtisch gelehnt, mit dem Rücken zu ihnen, fanden sie den gewitzten abruzzischen Bergzwerg in seiner Hütte vor. Das kleine Steinkohlenfeuer flackerte ausdauernd. Mit einer großen Lupe war der Bergzwerg dabei, eine reich verzierte Steintafel zu betrachten. Als sie näher auf ihn zugingen, erschrak er heftig. Seine Lupe fiel ihm aus der Hand. Während er sich umdrehte, warf er rasch eine kleine Sackdecke über die Steintafel. A.B.: „Lea, mein Sonnenstrahl, was bist du erwachsen geworden. Ja, eine ausgesprochene Schönheit bist du. Die freien Männer sind sicher scharenweise im Laufschritt hinter dir her. Lass dich von mir, einem alten Mann, umarmen.“ Der A.B. sprang aus seinem Runddrehsessel und hielt Lea fest und lange im Arm. Dabei schaute er über ihre Schulter ausdruckslos, ja fast finster, Caspare an.
Lea: „Nun ist aber gut, mein gefährlicher Räuberhauptmann. Erzittern die reichen Abruzzen noch vor dir? Oder fürchtet sich niemand mehr vor deinem scharfen Krummsäbel? Nun sag schon was, mein alter Lehrmeister. Dir haben sie wohl deine Zunge abgeschnitten?“ Lea kniff ihn fest in den Bauch. Durch diesen unerwarteten Angriff sprang der A.B. einen ganzen Meter zurück. Lea nahm die Tafel vom Tisch, legte die Sackdecke beiseite und fing an, flüssig vorzulesen. Mit weit geöffneten Mündern und runden Augen starrten sich Caspare und der A.B. schweigend an. A.B.: „Das ist Altrussisch, wird nirgends mehr gesprochen. Kaum mehr als eine Handvoll Schriftgelehrte können das so flüssig lesen wie du, Lea. Ich kann mir denken, wer dir das beigebracht hat. Also ist dein Onkel nicht nur dein Onkel. Er ist auch einer der drei Wächter. Sie agieren im Verborgenen, sprechen viele Sprachen und sind weltweit bestens vernetzt. Zum Papst haben sie einen direkten Draht, ohne ihm unterstellt zu sein. Von niemandem müssen sie Weisungen empfangen. Diese drei sind Legenden. Viele Jahrhunderte sind sie schon aktiv. Werden immer wieder neu besetzt. Wer sich bewirbt, muss sich einer dreimonatigen Prüfung unterziehen. An erster Stelle stehen die vielen Sprachen. Gefolgt von Umgangsformen in den Kulturen. So wissen sie sich in aller Herren Länder zu benehmen. Immens wichtig, sonst kommt man schnell unverschuldet in den Kerker. Wollen wir heute noch würfeln? Die Waldpinte schließt zwar erst im Morgengrauen. Doch wenn wir nicht alle Gäste volltrunken erleben wollen, müssen wir uns nun auf den Weg begeben. Lea, weißt du noch? Am letzten Würfelabend hast du verloren!“ Lea: „Nein, gar nicht wahr. Die anderen Mitspieler haben öfter gewonnen.“ Sie schnürten ihre Gewänder fest zu, richteten die Kopfbedeckungen und banden sich Tücher um den Hals. Der Abend war klar und kalt, und die Sterne wiesen ihnen den Weg.
Kapitel 1
In der Waldpinte „Zur schwarzen Eule“
Nach einer knappen halben Stunde bei Vollmondlicht standen sie vor der Waldpinte „Zur schwarzen Eule“. Vier alte, weitausladende Buchen umranden die Pinte von allen Seiten. Die nahe gelegene Handelsstraße sorgte ständig für ein volles Haus. Beinahe schlug ihnen die Eingangstür an den Kopf. Ein stark angetrunkener Riese von fast zwei Meter Körpergröße stieß die Tür mit aller Kraft auf. Notgedrungen sprangen sie beiseite. In einer ihnen unbekannten Sprache brabbelte er etwas in seinen Bart und verschwand in der Dunkelheit. Der unangenehme Gestank von kaltem Rauch, abgestandenem Bier, säuerlicher Gulaschsuppe und menschlichen Ausdünstungen lud in die Pinte herzlichst ein. Es war voll und zu dieser fortgeschrittenen Stunde die meisten Gäste ebenso. Allerlei Gesinde traf sich hier. Ein paar herrenlose Söldner, die sich mit Glücksspiel die Zeit vertrieben. Fahrende Händler, die den Zoll mit allerlei Tricks umgehen wollten. Zwei leichte Mädchen, die in den oberen Räumen ihre Dienste anboten. Nur Taschendiebe, die nirgends willkommen sind, hatte man seit Langem aus der Pinte verbannt. Weithin bekannt war die Waldpinte für ihr scharfes Kesselgulasch. Der Kessel wurde nie gereinigt. Das Gulasch schmeckt immer etwas säuerlich. Die Schärfe sollte das Fleisch überdecken, wenn es schon einige Tage zu viel hinter sich hatte. Der große Kanten Brot dazu ist immer frisch, in der Nachbarschaft ist eine kleine Bäckerei beheimatet. Außer Wasser, das oft verdorben war, gab es drei Getränke: süßen Landrotwein, Schwarzbier und hochprozentigen Branntwein, der offenes Feuer scheut. Vor dem hinteren linken Fenster stand der ovale Würfeltisch. Der Schmied Etz saß neben seinem gleichaltrigen Freund, dem Holzwagenbauer Guido. Die beiden waren zusammen aufgewachsen. Durch ihre gleiche Sozialisierung waren sie sich charakterlich sehr ähnlich. Lea ging hinter Caspare. Der A.B. ging grundsätzlich als Erster voran. Bei seiner geringen Körpergröße würde er sonst nichts sehen. Die Pinte war so übervoll, dass nur eine schmale Gasse vom Eingang zum Würfeltisch führte. Als Guido und Etz Lea erblickten, war die Freude überschwänglich. Die drei hatten immer viel zusammen gelacht. Beide hatten die kleine Kröte in ihre Herzen geschlossen. Lea rief aus, dass sie einen ausgeben würde, und verschwand Richtung Tresen neben der Eingangstür. Musternd schaute der Wirt Lea ins Gesicht. Lea war es recht, dass er sie nicht erkannte. Mit solch grausigem, ungepflegtem, nach Schweiß stinkendem Menschen wollte sie nicht plaudern. Rasch warf sie zwei Silberlinge auf den Tresen und nahm die Trommel voll schäumenden Schwarzbiers über ihren Kopf. Tanzend passte sie sich den schwankenden Gästen in diesem sehr schmalen Durchgang an. Ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten, stellte sie die Trommel auf den Würfeltisch.
Das Würfelspiel hieß „Hoch Gewinnt“. Es wird mit drei Würfeln gespielt. Wer die höchste Zahl in Summe würfelt, ist raus. Dann geht die Runde weiter, bis zwei Spieler übrig sind. Die zwei würfeln jeweils dreimal. Wer die wenigsten Augen hat, verliert und muss eine Runde Getränke für alle Mitspieler ausgeben. Von allen drei angebotenen Getränken kann jeder Spieler eines frei wählen. Die erste Runde bekam Caspare, er ärgerte sich, ließ sich aber nichts anmerken. Weiter gewürfelt wird erst, wenn jeder sein Getränk hat und zugeprostet wurde. Plötzlich, wie aus dem Boden geschossen, stand ein junger, langer, dürrer Schlacks am Würfeltisch. Mit selbstbewusster Stimme fragte er, ob er mitspielen könne. Er hat wohl zwei unterschiedlich lange Beine, da er etwas schief stand. Die Runde schaute sich an und dann den jungen Mann. Holzwagenbauer Guido zog den einzig freien Hocker unter dem Tisch hervor. Mit dieser einladenden Geste beantwortete er die Frage des Fremden. Mit einem leichten Kopfnicken setzte dieser sich an den Würfeltisch. Leicht lächelnd, mit festem, aufrichtigem Blick stellte er sich vor. Er wäre der Mustafa aus dem Orient. Ein Sprach- und Algebra-Lehrer. Auf dem Weg nach Paris, um dort eine Stelle anzutreten. In seinen jungen Jahren recht naiv, so viel von sich preiszugeben. Sehr leichtsinnig, sich Fremden gegenüber so zu öffnen. Offensichtlich war das seine erste weite Reise. So manchen Rat dazu, wie man sich auf Reisen verhält, konnte der junge Lehrer wohl noch gut gebrauchen. Mit den Worten „Das erste geht aufs Haus.“ stellte der Wirt einen Becher Schwarzbier vor Mustafa. Höflich bedankte dieser sich und erschrak, als er den Wirt ins Gesicht schaute. Einen ungepflegteren Menschen hatte er wohl nie erblickt. Einfach nur abstoßend. Mustafa fragte in die Runde, wo man sich erleichtern könne. Caspare, der aufs „Örtchen“ musste, nahm Mustafa mit. Hinter der Pinte standen zwei überdachte Holzbutzen. Zwei eindeutige Zeichen für Mann und Frau machten die Wahl des „Örtchens“, auch für Zweifler, einfach. Ein Bretterverschlag als Sichtschutz für Männer, die ihr Geschäft im Stehen verrichteten, zierte eine flackernde Öllampe. Nur drei Meter hinter dieser imposanten Anlage plätscherte ein Bächlein munter vor sich hin. Leider wuschen nur sehr wenige Männer ihre Hände dort. Als sich Mustafa nach vorn beugte, fiel ihm eine Steintafel aus dem Umhang. Caspare hob sie auf und sah auf den ersten Blick im Halbdunkeln, dass diese Tafel etwas Einzigartiges ausstrahlt. Mustafa wollte sie sofort zurückhaben. Caspare war fest entschlossen, sie den anderen zu zeigen. In der Pinte war es laut geworden. Zwei Spielleute gaben ihre rauen Weisen zum Besten. Neben den Würfelbecher legte Caspare die Tafel auf den Tisch. Das amüsierte Geplauder verstummte sofort. A.B.: „Mustafa, ist dir bewusst, was du mit dir führst? Wie lange ist sie in deinem Besitz? Von wem hast du diese Tafel?“ Mustafa rutschte, auf seinem Hocker nach vorn, sodass er kleiner wirkte. Sein Gesichtsausdruck war neugierig und ängstlich zugleich. Zu viele Fragen gleichzeitig hatte der A.B. Guido wickelte die Tafel vor den neugierigen Blicken in einen kleinen Getreidesack, hängte ihn um seinen Hals und verschloss fest sein Gewand. A.B.: „Hier können wir nicht bleiben. Gehen wir in meine Hütte. Fürs Erste sind wir dort in Sicherheit.“ Einige schiefe Blicke zog ihr abruptes gemeinsames Aufbrechen auf sich. Angespannt wachsam gingen sie schnellen Schrittes zur Hütte.
Etz, der hinten ging, schaute sich andauernd um. Alle waren still, lauschten in die Vollmondnacht und versuchten, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Als alle in der Hütte waren, verschlossen sie fest die Eingangstür. Wovor hatten sie Angst? Kerzen und das Steinkohlefeuer wurden entzündet. Den Schreibtisch rückten sie in die Mitte. Guido holte die Tafel aus dem Getreidesack und legte sie mitten auf den Tisch. Der A.B. drehte sie um. Die Rückseite war fast blank. Oben rechts, ganz klein, war eine römische Eins zu erkennen. Durch die Stille drangen Herzklopfgeräusche. Sie waren alle auf das Äußerste gespannt. Der A.B. holte aus der Schreibtischschublade seine große Lupe hervor. Verschiedene Sprachen und mehrere Symbole waren deutlich zu erkennen. Ein Meister musste die Tafel behauen haben. Mustafa fing langsam an zu lesen. „Ein König wird erscheinen. Um die drei zu einen. Frieden müssen sie schließen, um ihre Existenz zu bewahren.“ Caspare: „Was für ein König? Welche drei? Welcher Krieg?“ A.B.: „Sei still, Caspare, wer kennt das große mittlere Symbol? Oben sind drei kleine und unten weitere vier.“
Nacheinander begutachtete jeder mit der Lupe die Tafel. Mustafa meinte, das große Symbol wäre diabolischen Ursprungs. Die oberen drei stünden für Wasser, Erde und Feuer. Die unteren vier Symbole waren ihm völlig unbekannt. Lea tauschte das dritte der vier Symbole an die erste Stelle und schlussfolgerte, dass die zweite Tafel im großen Gebirge im Norden zu finden wäre. Am Fuße des dritten Berges neben einer Quelle. Links, ganz klein in alter nordischer Schrift, von oben nach unten geschrieben, die Inschrift: „Seid wachsam, das Böse folgt euch.“ Langsam löste sich die Tafel in Sand auf. Zuerst die Ränder. Ehe sie ganz zerfiel, nahm der A.B. ein Leintuch, legte die Tafel und den Sand hinein und schnürte das Tuch zusammen. Einig war die Truppe, dass der Sand vergraben werden müsse. Der A.B. ging hinter seine Hütte noch 50 Meter in den dichten Wald und fing an zu graben. Schon nach ein paar Spatenstichen holte er aus seinem Umhang eine Ledertube, füllte den Sand hinein und verschloss sie fest. Mit einem kurzen Seil band er die Tube fest an die Innenseite seines Umhangs. Es wäre sehr dumm, diesen Zaubersand zu vergraben, dachte sich der A.B. Den anderen gegenüber würde er es verschweigen. Er liebte Geheimnisse. Als er in seine Hütte zurückkehrte, wurde lautstark debattiert, wie es weitergehen sollte. War jeder bereit für ein solches, sicher sehr langes Abenteuer? Konnte und wollte jeder aus seinem bisherigen Leben ausbrechen? Sogar das eigene Leben aufs Spiel setzen? War es für eine gute Sache? Konnte man dem Glauben schenken? War jeder körperlich sowie geistig einer solch gigantischen Mission gewachsen? Fragen über Fragen … A.B.: „Ruhe, Ruhe! Nun hört mal alle zu. Heute früh besuchte mich Mink. Wer ihn nicht kennt: Mink ist ein in Ungnade gefallener Medikus. Die Hexe Astanka berief ihn als Wächter über den Schwarzen See. Sie will die 8. Tafel in ihren Besitz bringen. Es wird gesagt, dass, wer die Offenbarung dieser Tafel richtig deutet und dementsprechend anwendet, die Religionskriege beenden kann.“ Mustafa: „Astanka wird ausschließlich von Männern als Hexe bezeichnet, die mit ihrer Intelligenz und Weisheit ein Problem haben. Eigenständige Frauen wurden schon immer von der Obrigkeit und noch viel mehr von allen Religionen bekämpft. Es ist ein Leichtes, sie als Hexen zu verurteilen und sie dem Pöbel zur Belustigung darzubieten. Ein törichtes Streben der Mächtigen, um ihre eigenen Verfehlungen zu vertuschen.“ A.B.: „Mein junger belesener Freund. Solche Worte hören wir gern. Nur solltest du sie nicht überall so freimütig kundtun.“ Lea: „Schon lange träume ich davon, an einer Expedition teilzunehmen. Mit ungewisser Dauer und Ausgang. Ich bin jung, mutig, kräftig und nicht gebunden.“ Etz: „Ich für meinen Teil bin dabei. Meine Kinder sind groß, und meine Frau wird es verstehen. Ich habe ihr immer gesagt, eines Tages an einer mehrjährigen Mission teilzunehmen.“ Guido: „Wohin Etz geht, dahin gehe ich auch. Jemand muss diesen Kindskopf ja beaufsichtigen.“ Mustafa: „In Paris wartet eine gut dotierte, mit Annehmlichkeiten gepolsterte Stelle auf mich. Doch vielmehr reizt mich das sicher gefährliche Abenteuer. Eines Tages werde ich bereuen, an dieser Mission nicht teilgenommen zu haben. Ich werde viel lernen und zum richtigen Mann reifen. All mein Wissen wird der Truppe weiterhelfen.“ Caspare: „Ich gehe nach Hause. Meine Frau ist schwanger, und überhaupt bin ich nicht der Richtige für eine solche Unternehmung. Bin nicht mutig, sehr ungeschickt, und mein markanter Körpergeruch zieht Insekten an.“ Ein schallendes Lachen erfüllte die gesamte Hütte. Ob man wollte oder nicht, man musste diesen Trottel liebhaben. Mustafa: „Heute geht es los. Deine Familie weiß Bescheid. Besonders Fee ermunterte mich, ein Auge auf dich zu haben. Es ist nicht euer erstes Kind, sagte sie. Fee ist nicht allein. Sie schafft das schon. Sorge dich nicht, du hast uns die Tafel vorgelegt, mein Reisekamerad.“ Caspare: „Ihr könnt doch jemand anderen rekrutieren. Es wird leicht sein, einen geeigneteren Teilnehmer zu finden.“ Mustafa: „Was wäre passiert, wenn du die Tafel mir zurückgegeben hättest? Sei ehrlich, mein Freund, du spürst etwas und kannst es dir nicht erklären. Gib dir einen Ruck, man sollte im Leben auch mal was riskieren.“
…
Abruzzischer Bergzwerg: „Lass mich runter, du geiziger Perser. Dir ist doch klar, dass ich weiß, dass du mich nicht töten kannst. Erzähl mir lieber, warum du mich schon wieder unangemeldet besuchst. In den letzten 12 Tagen nun schon das zweite Mal. Sonst wanderst du alle zwei, drei Jahre durch mein Gebiet. Nun lass mich endlich runter.“ Der kleine abruzzische Bergzwerg strampelte heftig mit seinen kurzen Beinen. Mink, der mit nur einem Arm diesen kleinen hinterlistigen Zwerg mühelos an die Höhlendecke drückte, zog langsam seinen angewinkelten linken Arm zurück, und schon fiel der Kleine von der Höhlendecke herunter auf seinen gepolsterten Sitz. Mink: „Schönen guten Tag, mein Lieber. Ich komme im Auftrag der Hexe Astanka, um die letzte, die 8. Tafel, in ihren Besitz zu holen. Schon sehr lange giert sie danach, um die Offenbarung ans Licht zu bringen.“ Abruzzischer Bergzwerg: „Der Preis dafür ist dir bekannt.“ Mink: „Ja sicher, du hast ihn oft genug genannt. Nun ist Astanka bereit, die geforderte Menge Gold zu beschaffen. Deine zweite Forderung ist unerfüllbar. Niemand, auch nicht Astanka, wird auf einen solch grausamen Handel eingehen.“ Der abruzzische Bergzwerg fasste sich mit der linken Hand an seine verschrumpelte Knollennase, lehnte sich zurück und holte mit der Rechten sein Pfeifchen aus der Weste. Mink: „Hier riecht es muffig. Ich öffne mal das kleine Rundfenster.“ Rasch stopfte der abruzzische Bergzwerg sein Pfeifchen, nahm ein dünnes, langes Holzscheit, steckte dieses kurz in die Steinkohleglut, und schon dampfte es. Abruzzischer Bergzwerg: „Ja gut, über die zweite Forderung können wir reden. Sag ihr bitte, wenn ich sie auf ihre kommende Expedition auf Augenhöhe begleiten darf, ist die Sache geritzt. Wann bringst du mir das Gold?“ Mink: „Das Gold bringe ich dir in drei, vier Tagen. Woher ist dir bekannt, dass sie bald auf eine Expedition aufbricht?“ Mit einem breiten, verschmitzten Lächeln beantwortete der abruzzische Bergzwerg Minks Frage. Da Mink wusste, dass dieser kein offenes Fenster mag, verschloss er das Rundfenster, fasste sich an den Hut und verließ die Hütte.
– Am selben Tag –
Erfüllt von ganztägiger Vorfreude auf den wöchentlichen Würfelabend, betrat Caspare seine Bauernkate. Die Tür quietschte leise. Dann bat ihn seine Frau Fee nach dem üblichen Begrüßungskuss, auf die Suppe zu achten, bevor sie ihren ältesten Sohn, der in einem kleinen Schuppenanbau am Haus sein Reich hat, zum Abendessen holte. Fee: „Hey, mein Großer, lass bitte die Strickleiter herunter. Ich brauche noch etwas Rosmarin für die Suppe.“ Sohn: „Bleib unten, liebe Mutter! Den Rosmarin gebe ich dir.“ Die Mutter sollte nicht sehen, dass ihr Ältester auf dem Schober über der Hamme an einer Tafel arbeitete. Das sollte sein Geheimnis bleiben. Es war Mode geworden, Steintafeln zu behauen. Man sagte ihnen Zauberkräfte nach. Die meisten gingen schnell zu Bruch, ehe sie auf den Markt zu Schleuderpreisen veräußert wurden. Fee berichtete ihrem Mann, dass Lea am Nachmittag kurz da war. Caspare: „Oh! Die war doch schon drei Jahre nicht mehr hier. Oder?“ Fee: „Genau genommen auf den Tag vier Jahre. Liebend gern möchte sie zum Würfelabend mitkommen und hofft natürlich, dass sie wieder mitspielen darf. Sie kommt dich gleich abholen.“ Caspare: „Ach! Du hast wohl schon beschlossen, dass ich sie mitnehme. Wo war sie denn die vier langen Jahre?“ Fee: „Bei ihrem Onkel Boris. Sie hat ja keine anderen Verwandten, wie du weißt.“ Caspare: „Der bringt ihr nur Unsinn bei. Soviel ist sicher.“ Fee: „Nun, das mag zum Teil stimmen. Doch er spricht mehrere Sprachen und ist vielseitig gebildet. Da lernt sie auch etwas fürs Leben.“ Da klopfte es an der Tür. Als Fee öffnete, steht mit einem großen Weidekorb voller Fische in der Hand die freudestrahlende Lea in der Eingangstür. Lea rief: „Für euch alle, ganz frische Forellen.“ Sie hob den Korb etwas an. Angeln ist ihre Leidenschaft. Die Bäche und Flüsse der Gegend sind sehr fischreich. „Komm rein und setz dich“, sagte Fee, während sie ihr mit einem Kopfnicken dankend den Fisch abnahm. Lea herzte die Kinder, setzte sich und erzählte von ihren Abenteuern. Mit geöffneten Mündern und neugierigen Augen verschlangen die Kinder Leas Geschichten. Sie war eine unterhaltsame Erzählerin. Als Caspare den Raum betrat, fiel die Begrüßung mit Lea unterkühlt aus. Statt einer herzlichen Umarmung gab es einen distanzierten Händedruck und einen ganz kurzen Blick in die Augen. Vor vier Jahren waren die beiden im Disput auseinandergegangen, und Caspare kann sehr nachtragend sein. Fee stellte den Topf mit der Bohnensuppe auf den Tisch und legte für Lea einen weiteren Teller dazu. Mit einem Lächeln fragte sie Lea: „Wie ist es dir, in der Fremde bei Onkel Boris ergangen? War es abermals sehr lehrreich? Du warst in deiner Kindheit schon mal über zwei Jahre bei ihm.“ Caspare schaute sie kurz an. Als sich ihre Blicke trafen, erhellte sich Leas Mimik, während Caspares Miene sich verfinsterte. Lea: „Onkel Boris hat mir Mandarin beigebracht. Die Sprache des Drachenreiches China.“ Caspare: „Oh, die Sprache aus dem Reich der Mitte. Nicht in allen Teilen dieses Reiches wird Mandarin gesprochen.“ Caspare wollte vor den Kindern sein Allgemeinwissen aufblitzen lassen. Fee blickte auf ihren ältesten Sohn, der gedankenversunken langsam seine Suppe löffelte. Fee: „Gehst du heute Abend noch zu deiner Freundin? Und bist du bitte um zehn wieder zu Haus? Hörst du, 22:00 Uhr?“ Ja, antwortete dieser etwas lauter und bestimmter im Tonfall, schaute kurz auf seine Mutter und antwortete nochmals gelangweilt mit Ja. Er war frisch verliebt, da zählte nur dieser eine Mensch auf der Welt. Lea: „Wir müssen los, Caspare, sonst kommen wir zu spät.“ Fee bat Lea, am kommenden Nachmittag vorbeizukommen. Fee: „Dann können wir uns ungestörter unterhalten.“ Lea: „Ein andermal, morgen Nachmittag kommt Onkelchen.“ Caspares Mimik verfinsterte sich nochmals stärker. Lea: „Holen wir den abruzzischen Bergzwerg zum Würfelabend ab, wie immer?“ Caspare: „In letzter Zeit macht der kleine Geizkragen sich öfter rar. Er hat Ärger mit der Hexe Astanka. Er möchte auch nicht mehr am halbjährlichen Regionalmeeting teilnehmen. Sogar seinen jahrzehntelangen Sitz will er aufgeben.“ Lea: „Was ist mit ihm los?“ Caspare: „Unruhe und böse Vorzeichen. Die zwei Silberwölfe wurden im Gebirge gesehen. Die fressen alles, was ihnen vor die Zähne kommt.“ Lea: „Die waren mal Friedensvermittler.“ Caspare: „Das ist sehr, sehr lange her. Die haben die Seiten gewechselt.“ Lea: „Onkelchen hat viel von den zwei Silberwölfen erzählt. Er schätzt ihre Loyalität. So, nun komm endlich, wir sind spät dran.“ Lea umarmte die Kinder, zog ihren Umhang an und machte sich mit Caspare auf den Weg.
Nach drei Kilometern Fußmarsch auf einem morastigen, dunklen Feldweg standen sie mit verdreckten Stiefeln vor der ovalen, mit braungrünem Moos bewachsenen Hütte des abruzzischen Bergzwergs. Die Hütte liegt etwas in den Wald versetzt, sodass man sie vom Weg her nicht sehen kann. Wie stets klopften sie nicht an. Vorsichtig, ganz leise und langsam drehten sie den Türknauf nach links. Ein kaum hörbares „Klick-klack-Geräusch“ und schon konnten sie die Eingangstür nach außen aufziehen. Sie traten ein und verschlossen die Tür ebenso leise. Auf seinem Runddrehsessel sitzend, an seinem Schreibtisch gelehnt, mit dem Rücken zu ihnen, fanden sie den gewitzten abruzzischen Bergzwerg in seiner Hütte vor. Das kleine Steinkohlenfeuer flackerte ausdauernd. Mit einer großen Lupe war der Bergzwerg dabei, eine reich verzierte Steintafel zu betrachten. Als sie näher auf ihn zugingen, erschrak er heftig. Seine Lupe fiel ihm aus der Hand. Während er sich umdrehte, warf er rasch eine kleine Sackdecke über die Steintafel. A.B.: „Lea, mein Sonnenstrahl, was bist du erwachsen geworden. Ja, eine ausgesprochene Schönheit bist du. Die freien Männer sind sicher scharenweise im Laufschritt hinter dir her. Lass dich von mir, einem alten Mann, umarmen.“ Der A.B. sprang aus seinem Runddrehsessel und hielt Lea fest und lange im Arm. Dabei schaute er über ihre Schulter ausdruckslos, ja fast finster, Caspare an.
Lea: „Nun ist aber gut, mein gefährlicher Räuberhauptmann. Erzittern die reichen Abruzzen noch vor dir? Oder fürchtet sich niemand mehr vor deinem scharfen Krummsäbel? Nun sag schon was, mein alter Lehrmeister. Dir haben sie wohl deine Zunge abgeschnitten?“ Lea kniff ihn fest in den Bauch. Durch diesen unerwarteten Angriff sprang der A.B. einen ganzen Meter zurück. Lea nahm die Tafel vom Tisch, legte die Sackdecke beiseite und fing an, flüssig vorzulesen. Mit weit geöffneten Mündern und runden Augen starrten sich Caspare und der A.B. schweigend an. A.B.: „Das ist Altrussisch, wird nirgends mehr gesprochen. Kaum mehr als eine Handvoll Schriftgelehrte können das so flüssig lesen wie du, Lea. Ich kann mir denken, wer dir das beigebracht hat. Also ist dein Onkel nicht nur dein Onkel. Er ist auch einer der drei Wächter. Sie agieren im Verborgenen, sprechen viele Sprachen und sind weltweit bestens vernetzt. Zum Papst haben sie einen direkten Draht, ohne ihm unterstellt zu sein. Von niemandem müssen sie Weisungen empfangen. Diese drei sind Legenden. Viele Jahrhunderte sind sie schon aktiv. Werden immer wieder neu besetzt. Wer sich bewirbt, muss sich einer dreimonatigen Prüfung unterziehen. An erster Stelle stehen die vielen Sprachen. Gefolgt von Umgangsformen in den Kulturen. So wissen sie sich in aller Herren Länder zu benehmen. Immens wichtig, sonst kommt man schnell unverschuldet in den Kerker. Wollen wir heute noch würfeln? Die Waldpinte schließt zwar erst im Morgengrauen. Doch wenn wir nicht alle Gäste volltrunken erleben wollen, müssen wir uns nun auf den Weg begeben. Lea, weißt du noch? Am letzten Würfelabend hast du verloren!“ Lea: „Nein, gar nicht wahr. Die anderen Mitspieler haben öfter gewonnen.“ Sie schnürten ihre Gewänder fest zu, richteten die Kopfbedeckungen und banden sich Tücher um den Hals. Der Abend war klar und kalt, und die Sterne wiesen ihnen den Weg.
Kapitel 1
In der Waldpinte „Zur schwarzen Eule“
Nach einer knappen halben Stunde bei Vollmondlicht standen sie vor der Waldpinte „Zur schwarzen Eule“. Vier alte, weitausladende Buchen umranden die Pinte von allen Seiten. Die nahe gelegene Handelsstraße sorgte ständig für ein volles Haus. Beinahe schlug ihnen die Eingangstür an den Kopf. Ein stark angetrunkener Riese von fast zwei Meter Körpergröße stieß die Tür mit aller Kraft auf. Notgedrungen sprangen sie beiseite. In einer ihnen unbekannten Sprache brabbelte er etwas in seinen Bart und verschwand in der Dunkelheit. Der unangenehme Gestank von kaltem Rauch, abgestandenem Bier, säuerlicher Gulaschsuppe und menschlichen Ausdünstungen lud in die Pinte herzlichst ein. Es war voll und zu dieser fortgeschrittenen Stunde die meisten Gäste ebenso. Allerlei Gesinde traf sich hier. Ein paar herrenlose Söldner, die sich mit Glücksspiel die Zeit vertrieben. Fahrende Händler, die den Zoll mit allerlei Tricks umgehen wollten. Zwei leichte Mädchen, die in den oberen Räumen ihre Dienste anboten. Nur Taschendiebe, die nirgends willkommen sind, hatte man seit Langem aus der Pinte verbannt. Weithin bekannt war die Waldpinte für ihr scharfes Kesselgulasch. Der Kessel wurde nie gereinigt. Das Gulasch schmeckt immer etwas säuerlich. Die Schärfe sollte das Fleisch überdecken, wenn es schon einige Tage zu viel hinter sich hatte. Der große Kanten Brot dazu ist immer frisch, in der Nachbarschaft ist eine kleine Bäckerei beheimatet. Außer Wasser, das oft verdorben war, gab es drei Getränke: süßen Landrotwein, Schwarzbier und hochprozentigen Branntwein, der offenes Feuer scheut. Vor dem hinteren linken Fenster stand der ovale Würfeltisch. Der Schmied Etz saß neben seinem gleichaltrigen Freund, dem Holzwagenbauer Guido. Die beiden waren zusammen aufgewachsen. Durch ihre gleiche Sozialisierung waren sie sich charakterlich sehr ähnlich. Lea ging hinter Caspare. Der A.B. ging grundsätzlich als Erster voran. Bei seiner geringen Körpergröße würde er sonst nichts sehen. Die Pinte war so übervoll, dass nur eine schmale Gasse vom Eingang zum Würfeltisch führte. Als Guido und Etz Lea erblickten, war die Freude überschwänglich. Die drei hatten immer viel zusammen gelacht. Beide hatten die kleine Kröte in ihre Herzen geschlossen. Lea rief aus, dass sie einen ausgeben würde, und verschwand Richtung Tresen neben der Eingangstür. Musternd schaute der Wirt Lea ins Gesicht. Lea war es recht, dass er sie nicht erkannte. Mit solch grausigem, ungepflegtem, nach Schweiß stinkendem Menschen wollte sie nicht plaudern. Rasch warf sie zwei Silberlinge auf den Tresen und nahm die Trommel voll schäumenden Schwarzbiers über ihren Kopf. Tanzend passte sie sich den schwankenden Gästen in diesem sehr schmalen Durchgang an. Ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten, stellte sie die Trommel auf den Würfeltisch.
Das Würfelspiel hieß „Hoch Gewinnt“. Es wird mit drei Würfeln gespielt. Wer die höchste Zahl in Summe würfelt, ist raus. Dann geht die Runde weiter, bis zwei Spieler übrig sind. Die zwei würfeln jeweils dreimal. Wer die wenigsten Augen hat, verliert und muss eine Runde Getränke für alle Mitspieler ausgeben. Von allen drei angebotenen Getränken kann jeder Spieler eines frei wählen. Die erste Runde bekam Caspare, er ärgerte sich, ließ sich aber nichts anmerken. Weiter gewürfelt wird erst, wenn jeder sein Getränk hat und zugeprostet wurde. Plötzlich, wie aus dem Boden geschossen, stand ein junger, langer, dürrer Schlacks am Würfeltisch. Mit selbstbewusster Stimme fragte er, ob er mitspielen könne. Er hat wohl zwei unterschiedlich lange Beine, da er etwas schief stand. Die Runde schaute sich an und dann den jungen Mann. Holzwagenbauer Guido zog den einzig freien Hocker unter dem Tisch hervor. Mit dieser einladenden Geste beantwortete er die Frage des Fremden. Mit einem leichten Kopfnicken setzte dieser sich an den Würfeltisch. Leicht lächelnd, mit festem, aufrichtigem Blick stellte er sich vor. Er wäre der Mustafa aus dem Orient. Ein Sprach- und Algebra-Lehrer. Auf dem Weg nach Paris, um dort eine Stelle anzutreten. In seinen jungen Jahren recht naiv, so viel von sich preiszugeben. Sehr leichtsinnig, sich Fremden gegenüber so zu öffnen. Offensichtlich war das seine erste weite Reise. So manchen Rat dazu, wie man sich auf Reisen verhält, konnte der junge Lehrer wohl noch gut gebrauchen. Mit den Worten „Das erste geht aufs Haus.“ stellte der Wirt einen Becher Schwarzbier vor Mustafa. Höflich bedankte dieser sich und erschrak, als er den Wirt ins Gesicht schaute. Einen ungepflegteren Menschen hatte er wohl nie erblickt. Einfach nur abstoßend. Mustafa fragte in die Runde, wo man sich erleichtern könne. Caspare, der aufs „Örtchen“ musste, nahm Mustafa mit. Hinter der Pinte standen zwei überdachte Holzbutzen. Zwei eindeutige Zeichen für Mann und Frau machten die Wahl des „Örtchens“, auch für Zweifler, einfach. Ein Bretterverschlag als Sichtschutz für Männer, die ihr Geschäft im Stehen verrichteten, zierte eine flackernde Öllampe. Nur drei Meter hinter dieser imposanten Anlage plätscherte ein Bächlein munter vor sich hin. Leider wuschen nur sehr wenige Männer ihre Hände dort. Als sich Mustafa nach vorn beugte, fiel ihm eine Steintafel aus dem Umhang. Caspare hob sie auf und sah auf den ersten Blick im Halbdunkeln, dass diese Tafel etwas Einzigartiges ausstrahlt. Mustafa wollte sie sofort zurückhaben. Caspare war fest entschlossen, sie den anderen zu zeigen. In der Pinte war es laut geworden. Zwei Spielleute gaben ihre rauen Weisen zum Besten. Neben den Würfelbecher legte Caspare die Tafel auf den Tisch. Das amüsierte Geplauder verstummte sofort. A.B.: „Mustafa, ist dir bewusst, was du mit dir führst? Wie lange ist sie in deinem Besitz? Von wem hast du diese Tafel?“ Mustafa rutschte, auf seinem Hocker nach vorn, sodass er kleiner wirkte. Sein Gesichtsausdruck war neugierig und ängstlich zugleich. Zu viele Fragen gleichzeitig hatte der A.B. Guido wickelte die Tafel vor den neugierigen Blicken in einen kleinen Getreidesack, hängte ihn um seinen Hals und verschloss fest sein Gewand. A.B.: „Hier können wir nicht bleiben. Gehen wir in meine Hütte. Fürs Erste sind wir dort in Sicherheit.“ Einige schiefe Blicke zog ihr abruptes gemeinsames Aufbrechen auf sich. Angespannt wachsam gingen sie schnellen Schrittes zur Hütte.
Etz, der hinten ging, schaute sich andauernd um. Alle waren still, lauschten in die Vollmondnacht und versuchten, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Als alle in der Hütte waren, verschlossen sie fest die Eingangstür. Wovor hatten sie Angst? Kerzen und das Steinkohlefeuer wurden entzündet. Den Schreibtisch rückten sie in die Mitte. Guido holte die Tafel aus dem Getreidesack und legte sie mitten auf den Tisch. Der A.B. drehte sie um. Die Rückseite war fast blank. Oben rechts, ganz klein, war eine römische Eins zu erkennen. Durch die Stille drangen Herzklopfgeräusche. Sie waren alle auf das Äußerste gespannt. Der A.B. holte aus der Schreibtischschublade seine große Lupe hervor. Verschiedene Sprachen und mehrere Symbole waren deutlich zu erkennen. Ein Meister musste die Tafel behauen haben. Mustafa fing langsam an zu lesen. „Ein König wird erscheinen. Um die drei zu einen. Frieden müssen sie schließen, um ihre Existenz zu bewahren.“ Caspare: „Was für ein König? Welche drei? Welcher Krieg?“ A.B.: „Sei still, Caspare, wer kennt das große mittlere Symbol? Oben sind drei kleine und unten weitere vier.“
Nacheinander begutachtete jeder mit der Lupe die Tafel. Mustafa meinte, das große Symbol wäre diabolischen Ursprungs. Die oberen drei stünden für Wasser, Erde und Feuer. Die unteren vier Symbole waren ihm völlig unbekannt. Lea tauschte das dritte der vier Symbole an die erste Stelle und schlussfolgerte, dass die zweite Tafel im großen Gebirge im Norden zu finden wäre. Am Fuße des dritten Berges neben einer Quelle. Links, ganz klein in alter nordischer Schrift, von oben nach unten geschrieben, die Inschrift: „Seid wachsam, das Böse folgt euch.“ Langsam löste sich die Tafel in Sand auf. Zuerst die Ränder. Ehe sie ganz zerfiel, nahm der A.B. ein Leintuch, legte die Tafel und den Sand hinein und schnürte das Tuch zusammen. Einig war die Truppe, dass der Sand vergraben werden müsse. Der A.B. ging hinter seine Hütte noch 50 Meter in den dichten Wald und fing an zu graben. Schon nach ein paar Spatenstichen holte er aus seinem Umhang eine Ledertube, füllte den Sand hinein und verschloss sie fest. Mit einem kurzen Seil band er die Tube fest an die Innenseite seines Umhangs. Es wäre sehr dumm, diesen Zaubersand zu vergraben, dachte sich der A.B. Den anderen gegenüber würde er es verschweigen. Er liebte Geheimnisse. Als er in seine Hütte zurückkehrte, wurde lautstark debattiert, wie es weitergehen sollte. War jeder bereit für ein solches, sicher sehr langes Abenteuer? Konnte und wollte jeder aus seinem bisherigen Leben ausbrechen? Sogar das eigene Leben aufs Spiel setzen? War es für eine gute Sache? Konnte man dem Glauben schenken? War jeder körperlich sowie geistig einer solch gigantischen Mission gewachsen? Fragen über Fragen … A.B.: „Ruhe, Ruhe! Nun hört mal alle zu. Heute früh besuchte mich Mink. Wer ihn nicht kennt: Mink ist ein in Ungnade gefallener Medikus. Die Hexe Astanka berief ihn als Wächter über den Schwarzen See. Sie will die 8. Tafel in ihren Besitz bringen. Es wird gesagt, dass, wer die Offenbarung dieser Tafel richtig deutet und dementsprechend anwendet, die Religionskriege beenden kann.“ Mustafa: „Astanka wird ausschließlich von Männern als Hexe bezeichnet, die mit ihrer Intelligenz und Weisheit ein Problem haben. Eigenständige Frauen wurden schon immer von der Obrigkeit und noch viel mehr von allen Religionen bekämpft. Es ist ein Leichtes, sie als Hexen zu verurteilen und sie dem Pöbel zur Belustigung darzubieten. Ein törichtes Streben der Mächtigen, um ihre eigenen Verfehlungen zu vertuschen.“ A.B.: „Mein junger belesener Freund. Solche Worte hören wir gern. Nur solltest du sie nicht überall so freimütig kundtun.“ Lea: „Schon lange träume ich davon, an einer Expedition teilzunehmen. Mit ungewisser Dauer und Ausgang. Ich bin jung, mutig, kräftig und nicht gebunden.“ Etz: „Ich für meinen Teil bin dabei. Meine Kinder sind groß, und meine Frau wird es verstehen. Ich habe ihr immer gesagt, eines Tages an einer mehrjährigen Mission teilzunehmen.“ Guido: „Wohin Etz geht, dahin gehe ich auch. Jemand muss diesen Kindskopf ja beaufsichtigen.“ Mustafa: „In Paris wartet eine gut dotierte, mit Annehmlichkeiten gepolsterte Stelle auf mich. Doch vielmehr reizt mich das sicher gefährliche Abenteuer. Eines Tages werde ich bereuen, an dieser Mission nicht teilgenommen zu haben. Ich werde viel lernen und zum richtigen Mann reifen. All mein Wissen wird der Truppe weiterhelfen.“ Caspare: „Ich gehe nach Hause. Meine Frau ist schwanger, und überhaupt bin ich nicht der Richtige für eine solche Unternehmung. Bin nicht mutig, sehr ungeschickt, und mein markanter Körpergeruch zieht Insekten an.“ Ein schallendes Lachen erfüllte die gesamte Hütte. Ob man wollte oder nicht, man musste diesen Trottel liebhaben. Mustafa: „Heute geht es los. Deine Familie weiß Bescheid. Besonders Fee ermunterte mich, ein Auge auf dich zu haben. Es ist nicht euer erstes Kind, sagte sie. Fee ist nicht allein. Sie schafft das schon. Sorge dich nicht, du hast uns die Tafel vorgelegt, mein Reisekamerad.“ Caspare: „Ihr könnt doch jemand anderen rekrutieren. Es wird leicht sein, einen geeigneteren Teilnehmer zu finden.“ Mustafa: „Was wäre passiert, wenn du die Tafel mir zurückgegeben hättest? Sei ehrlich, mein Freund, du spürst etwas und kannst es dir nicht erklären. Gib dir einen Ruck, man sollte im Leben auch mal was riskieren.“
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