Science Fiction & Fantasy

Die neunte Scherbe

Ronny Rossow

Die neunte Scherbe

Maskenwerke

Leseprobe:

Gewidmet meinen beiden wundervollen Töchtern,
die dieses Buch hoffentlich später einmal lesen und
dabei nicht schlecht von mir denken werden.



Prolog

Liebste Breya,

ich schreibe dir diese Zeilen in erster Linie, um mich für deinen jüngsten Besuch zu bedanken. Deine Worte waren mir wie immer ein Trost, und dein Anblick lässt die triste Welt um mich herum jedes Mal um so vieles heller und freundlicher erscheinen. Es macht mich glücklich, noch mit ansehen zu dürfen, was für eine wunderschöne und stolze junge Frau aus dir geworden ist. Du siehst deiner Mutter so unglaublich ähnlich bis hin zu deinen Sommersprossen, dass ich bisweilen glauben möchte, sie lebt durch dich weiter. Mehr noch, du hast ihr Gemüt geerbt, ihre Willenskraft, ihre Stärke, und dafür danke ich den alten Göttern jeden Tag aufs Neue.
Ich schreibe dir jedoch auch aus einem anderen Grund. Vielleicht ist es diese achtmal verfluchte Krankheit, die mich langsam von innen zerfrisst und die mich hoffentlich schon bald in die nächste Welt tragen wird. Vielleicht ist es aber auch nur das Alter, das sich langsam an mich heranschleicht und das mich daran zweifeln lässt, welchen Dienst ich dieser Welt erwiesen habe. Was immer der Grund ist, seit ich ans Bett gefesselt bin, habe ich Zeit, über viele Dinge nachzudenken. Über Dinge, die ich bereue. Über Dinge, die ich verzweifelt gerne ungeschehen machen würde, auch wenn das bedeuten würde, dass ich mein Leben ohne dich hätte verbringen müssen. Du bist das leuchtende Juwel in einer Finsternis, die ich selbst zu erschaffen geholfen habe, und warum ich mit dir gesegnet wurde, ist mir bis heute ein Rätsel.
Ich bin kein kluger Mann, und das war ich auch noch nie, doch eines habe ich entlang des Weges gelernt. Es sind stets die Sünden der Mütter und die Schwächen der Väter, die den Weg der Kinder vorzeichnen. Und auch wenn ich dich nie im Zweifel darüber gelassen habe, dass du nicht mein eigen Blut bist, und obwohl ich dich stets voller Stolz Tochter genannt habe, bin ich dir doch über die Jahre so viele Antworten schuldig geblieben. Ich habe mir stets vorgemacht, dich dadurch schützen zu wollen, doch letzten Endes wollte ich nur mich selbst schützen.
Denn auch wenn ich heute behaupten darf, in den zurückliegenden Jahren nach Kräften versucht zu haben, geschehenes Unrecht wiedergutzumachen, werde ich meine Schuld gegenüber dieser Welt niemals begleichen können, und noch weniger meine Schuld dir gegenüber. Umso mehr sehne ich mich danach, dir, geliebte Breya, nun die Wahrheit zu berichten, solange die Krankheit in mir es noch gestattet, solange mein Verstand ungetrübt und meine Hand stark genug ist, die Feder zu führen. Ich tue es voller Liebe und Reue, um meine Seele zu erleichtern, bevor die Fäden, an denen die alten Götter mich führen, durchtrennt werden, und ich vergehe wie das Relikt einer vergangenen Zeit, das ich nun einmal bin. Und solltest du mich hassen, nachdem du diese Zeilen gelesen hast, gäbe es keinen Menschen unter der Sonne, der dich besser verstehen könnte als ich, auch wenn ich mir natürlich von Herzen wünsche, es möge nicht so sein.
Um jedoch verstehen zu können, was uns heute verbindet, muss ich dir berichten, wie dein Schicksal an das meine geknüpft wurde und gleichsam an das eines ganzen Reiches. Die Kette zwischen uns wurde geschmiedet, noch lange bevor du das Licht der Welt erblicken durftest, und sie wurde gehärtet in Blut und Tränen, in den letzten Tagen des Reiches unserer Väter und deren Väter. In einer Zeit des Zerbrechens und des Unterganges. Im Jahr der Schakale.
Die Geschichtsschreiber haben ihre eigene Version der Dinge niedergeschrieben, die harten Fakten, doch so vieles ging damals beim Großen Brand verloren, dass kaum noch jemand weiß, wie die Dinge sich wirklich zugetragen haben und welche Rolle den scheinbar unbedeutenden Figuren in jenem Spiel zukam. Doch glaube mir, wenn ich dir sage, dass es stets die kleinen Dinge sind, die am Ende große Ereignisse auslösen. Ein Wimpernschlag, aus dem Liebe erwächst. Ein Saatkorn, aus dem ein Baum wird. Ein Flüstern, das eine Lawine auszulösen vermag. Die vielen kleinen Dinge und nur scheinbar unbedeutenden Menschen haben die Schreiber jedoch vergessen. Sie lehren nur noch die großen Namen, die Chronologie der Begebenheiten und deren Auswirkungen auf das Hier und Jetzt.
Ich war jedoch einst jenes Flüstern, das eine Lawine ausgelöst hat, und so habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, in den Jahren der Asche und des Vergessens nach der Wahrheit zu suchen, sie Stück für Stück zusammenzutragen, soweit das eben noch möglich war. Ich bitte dich um Verzeihung, wenn ich hier und da den Figuren Worte in den Mund legen sollte, die diese vielleicht niemals gesagt haben. Meine Geschichte mag fantastisch erscheinen, bisweilen sogar unglaubwürdig. Ich habe jedoch alles in meiner Macht Stehende getan, um das Bild der Ereignisse vollständig und wahrheitsgetreu zu zeichnen.
Die Geschichte, die ich dir erzählen will, ist daher zwar auch eine Geschichte von Verzweiflung, von Leid und Verrat. Es ist natürlich die Geschichte von Krieg und von all jenen Begierden und Schwächen, die ihn entfachen und nähren. Und es ist die Geschichte zerstörter Träume, das vor allem anderen.
Es ist aber auch, und das darfst du nie vergessen, eine Geschichte von Mut, von Aufopferung, von Liebe und Freundschaft, von den guten Dingen im Leben, denen man oft gerade zu Zeiten und an Orten begegnet, an denen man sie am wenigsten erwartet. Du, mein geliebtes Kind, bist nur eines, vielleicht aber auch das beste Beispiel dafür.
Diese Geschichte – unsere Geschichte – beginnt dabei, wie solche Geschichten häufig beginnen, an deren Schluss eine Ära endet, wie eine Rose, die am schönsten duftet, bevor sie verblüht. Unsere Geschichte beginnt mit Unbeschwertheit, mit kindlicher Unschuld inmitten friedvollen Lebens. Unsere Geschichte, geliebte Breya, beginnt mit einem Fest …



Brymkast

Der Abend war klar und frostig kalt. Der tief stehende blaue Mond warf zermahlene Saphire und Diamanten auf den Schnee, wo der Schein der Fackeln ihn nicht erreichen konnte. Ein leichter, aber stetiger Wind aus Norden trug das beißende Versprechen neuer Schneefälle in sich. Schon jetzt bogen sich die Dächer der Häuser und Hütten, die den winzigen Dorfplatz säumten, unter den gewaltigen weißen Lasten. Der Schattenmond neigte sich zwar dem Ende, und der Monat der Schneeschmelze stand unmittelbar bevor, doch es war ein langer, ungewöhnlich kalter Winter gewesen, und er würde nicht kampflos dem Frühling weichen. An diesem Abend war die Sorge um den Biss des Winters jedoch nicht von Belang. An diesem Abend würden sie einen Funken des bevorstehenden Sommers entzünden und den Eiswinden ins Gesicht lachen wie in jedem Jahr. Aska drängte sich weiter nach vorne, zwischen Esker Thorn und einem fürchterlich stinkenden Stallburschen hindurch, dessen Namen sie nicht kannte. Das Licht der Fackeln, die rund um den Markt entzündet worden waren, tauchte den festgetretenen Schnee auf dem Platz abwechselnd in Farben von Weißgold und Blut, und die Schatten der Dorfbewohner tanzten darüber, als wären sie lebendig. Ganz Raunwald schien an diesem Abend aus einem langen, dumpfen Schlummer erwacht zu sein. Dutzende laute und leise Gespräche verschmolzen zu einem geschwätzigen Murmeln, Kinder lachten und tobten zwischen den Wartenden, es roch nach Pferden, Feuer und den süßen Fladen, die die Frauen den ganzen Tag über gebacken hatten. Ein fahrender Händler versuchte, die raunende Menge zu übertönen, um möglichst viele Körbe und anderes Flechtwerk zu verkaufen, und hinter Aska, am Rand des Platzes, sang ein Scherenschleifer ein fröhliches Lied, während sein tanzender Schleifstein Funken aus den Messern des Schlachters schlug.
Aska hatte auf diesen Abend seit Wochen gewartet, hatte eifrig jede Arbeit erledigt, die Vater ihr aufgetragen hatte, um ihn noch fester an sein Versprechen zu binden, ihn zur Prozession begleiten zu dürfen. In den vergangenen Nächten hatte sie lange wach gelegen, aufgeregt und voller Vorfreude, und sich ausgemalt, welche hohen Damen und Herren dem Fest beiwohnen würden. Freilich hatte ihr Vater sie dämpfen müssen, wie er es immer tat, und er hatte Recht behalten. Der harsche Winter und die ergiebigen Schneefälle der vergangenen Wochen hatten dafür gesorgt, dass sich weit weniger Besucher als im vergangenen Jahr aus den umliegenden Dörfern auf den beschwerlichen Weg gemacht hatten. Aska war es gleich. Für einen Abend wollte sie dem tristen Alltag entfliehen und von Größerem träumen als einem Leben als Tochter eines Wirtes in den Hügellanden Brymkasts.
Sie bahnte sich ihren Weg bis in die vorderste Reihe, an den Rand des mit bunten Tüchern abgesteckten Rondells rund um das schwere, steinerne Flammenbecken, das den Mittelpunkt des Marktplatzes markierte. Müde brannte eine Flamme am Boden der polierten, steinernen Vertiefung, so schwach, dass man fürchten musste, der geringste Hauch würde sie auslöschen. Die Erneuerung der Flamme war der Anlass für dieses Fest, und natürlich die rituelle Prozession der Flammentänzer, die dem eigentlichen Akt voranging.
Aska spähte ins Rondell und suchte in der Menge, die sich nun dunkel gegen den äußeren Fackelkreis abzeichnete, nach interessanten oder zumindest bekannten Gesichtern. Zu ihrer Linken, nahe dem Prozessionsweg, konnte sie Mellard Brick in seinen langen, staubigen Amtsgewändern entdecken. Die alte Grauscherbe sorgte seit über vierzig Jahren für die Ruhe der Toten von Raunwald, und abgesehen von den Adepten der Flammentänzer war er der einzige Vertreter des Glaubens hier im Dorf. Direkt neben ihm stand ihr mürrischer Questor, Harrlod Bramquist. Der hagere kleine Mann mit dem wirren, dünnen Haar versuchte mit der Unnachgiebigkeit eines Steines einmal pro Woche, die Kinder des Dorfes die Grundlagen des Lesens und der Haushaltsrechnung zu lehren. Er lachte über etwas, das der alte Brick wohl gesagt hatte, und die Absurdität dieses Anblicks war wie ein schillerndes Juwel in der Krone, die diese Nacht ihr aufs Haupt setzte. Sie hatte weder den alten Brick jemals scherzen noch ihren Questor jemals lachen gehört, und das glucksende Geräusch, das der kleine Mann dabei von sich gab, verriet, dass es ihm weithin an Übung mangelte, was dies betraf.
Ein Schneeball traf sie an der Brust, als sie eben zwei der Jäger erblickt hatte, die außerhalb des Dorfes in den Wäldern ihr Lager hatten. Überrascht klopfte sie den klebrigen Schnee von ihrem wollenen Wams, bevor dieser schmelzen konnte, und suchte mit zusammengekniffenen Augen in der Runde nach dem Schützen, bereit, einem weiteren Angriff auszuweichen. Auf der anderen Seite des Beckens fand sie Tomlynn, den Sohn des Schmieds, der sie mit seinen widerlich gelben Zähnen höhnisch angrinste. Eine knappe, abwertende Kopfbewegung war alles, was sie für diesen Dummkopf erübrigen konnte. Sie konnte heute kaum noch glauben, dass sie noch im vergangenen Jahr über alle Maßen in diesen Windbeutel verschossen gewesen war. Sicher, abgesehen von den Zähnen war er durchaus hübsch, und von allen Jungen des Dorfes war er bei Weitem der stärkste. Aber er war auch dumm wie Trollscheiße und zuweilen grausam bösartig. Edda hatte ihr im vergangenen Herbst erzählt, sie hätte mit eigenen Augen gesehen, wie Tomlynn eine Katze in die Esse seines Vaters geworfen und ihr lachend beim Sterben zugesehen habe.
Anstatt sich länger als nötig mit ihm zu befassen, blickte sie weiter ins Rund der wartenden und plappernden Gesichter. Sie sah die alte Witwe Hobbard, den fetten Krämer Bresk, den Bezirksverwalter Steddard und dessen Gemahlin in sündhaft teuren Pelzen. Und dann die Bannerreiter. Vier Männer, stattlich und prunkvoll in ihren versilberten Rüstungen und den schwarzen, pelzbesetzten Umhängen. Auf dem pechschwarzen Schild, den einer von ihnen lässig an seine Hüfte gelehnt hatte, und zweifelsohne auch auf ihren Umhängen prangte der Weiße Wolf des Hohen Hauses Brymkast. Zwei von ihnen, die Jüngeren, schwatzten und scherzten und warfen den hübscheren Töchtern des Dorfes verstohlene Blicke zu. Ein Dritter, der mit dem Schild, starrte missmutig in die fahle Flamme im Zentrum, offensichtlich mehr als verdrossen darüber, als Repräsentant des Patriarchen zu diesem kalten, verschneiten Fliegenschiss am Ende der Welt entsandt worden zu sein. Korwyn Brymkast, Patriarch aller Ländereien von der Varna im Süden bis zu den nördlichen Schneebuckeln, war bekannt dafür, nicht viel auf den Glauben zu geben. Noch nie hatte er selbst der Prozession beigewohnt, doch jedes Jahr entsendete er dem Brauch gemäß einige seiner Reiter oder Vertreter niederer Familien, die unter seinem Banner standen.
Den vierten und ältesten der Reiter erkannte Aska, wenn sie auch nicht sofort hätte sagen können, woher. Der Mann hatte militärisch kurz geschnittenes, schlohweißes Haar und einen ebensolchen Kinnbart. Die dunklen Augen hatten sicher mehr als vierzig Winter gesehen, dennoch blickten sie mit der durchdringenden Wachsamkeit eines Falken auf alles und jeden. Es waren die Augen eines Mannes, der sein Leben lang gewacht hatte. Aska wollte der Name des Mannes nicht einfallen, Sir Brynnen oder Brynnar oder etwas dergleichen. Sie beschloss, Vater später danach zu fragen, und den Mann bis dahin Sir Falkenauge zu nennen. Sie glaubte sich zu erinnern, dass Sir Falkenauge in jungen Jahren im Dienste des Hauses Tresker die nördlichen Grenzen gesichert hatte. Erst im Alter und wohl aufgrund einer Verletzung, die nicht verheilen wollte, hatte er sich in den Dienst des Hauses Brymkast gestellt. Es musste eine schlimme Verletzung sein, dachte sie, wenn sie einen Mann dazu zwang, in das langweiligste aller Patriarchate zu ziehen und dort Löcher in die Luft zu starren.
Alle vier trugen Langschwerter in zeremoniell versilberten und mit Bernstein verzierten Scheiden. Aska stellte sich vor, wie sie tags darauf mit den Männern zurück nach Velheim ritt, auf einem eigenen Pferd vielleicht. Wie sie dort höfische Umgangsformen und den Kampf mit dem Schwert erlernte. Wie sie Abenteuer mit Sir Falkenauge bestritt und grimmige Kämpfe Seite an Seite mit Sir Griesgram ausfocht. Wie sie …
Tellergroße Hände legten sich sacht und schwer auf Askas Schultern und rissen sie aus ihren Tagträumen. Vater hatte zu ihr aufgeschlossen. Sie schwang herum und blickte an ihm hoch, von halbverwehten Gedanken an die große Welt noch immer dümmlich grinsend. Da stand er, Dargo Dreibären, groß wie eine Eiche und genauso unbeugsam, der redlichste Mann, den Aska kannte. Und leider auch der langweiligste. Ihrem Vater gehörte das Wirtshaus von Raunwald, der Fauchende Troll, und seit sie denken konnte, hatte sie ihm dort bei den anfallenden Arbeiten geholfen. Sie hatte von Ingwa, Vaters Köchin, alles gelernt, was es über eine Küche und gutes Essen zu lernen gab. Sie half im Stall und beim Säubern der acht Kammern, die Vater an die wenigen Reisenden vermietete, auch wenn sich nur selten Reisende hierher verirrten.
Heute natürlich war das anders. Der Troll war zum Bersten voll, und es hatte Aska drei ganze Wochen des Jammerns, Bittens und Dienerns gekostet, Vater davon zu überzeugen, für den heutigen Abend die Geschäfte von Ingwa führen zu lassen. Schließlich hatte er eingewilligt, und bevor sie sich auf den kurzen Weg zum Marktplatz aufgemacht hatten, hatte er kurzerhand Harro, seinem Stallburschen, die Wirtsschürze umgebunden. Harro war zwar noch dümmer als Tomlynn, aber das war einerlei. Im Moment würde sich wohl kaum jemand in den Schankraum des Trolls verirren, und Vater beabsichtigte, die Prozession rechtzeitig zu verlassen, um seinen Platz hinter dem Tresen wieder einnehmen zu können, bevor die verfrorenen Zuschauer des anstehenden Spektakels zu ihm strömten und ihm die Bierfässer leersoffen. Sicher standen sich Harro und Ingwa die Beine in den Bauch und ließen sich von Tommy, ihrem kleinen Bruder, nerven. Tommy war gerade mal fünf Jahre alt, ein aufgeweckter Bursche und lebhaft wie ein Herbststurm, und er liebte es, mit Harro herumzualbern. Denn auch wenn Harro dumm war wie das Heu, das er wendete, war er doch ein von Herzen guter Mensch, der mit Tommy stundenlang Fang den Troll, Münzenfänger und allerlei anderen kindischen Kram spielte, wenn er keine Aufgaben zu erledigen hatte. Verwandte Seelen, hatte Vater einmal beiläufig gesagt.
Aska überlegte kurz, ob sie ihren Vater um einen der süßen Fladen oder vielleicht sogar um einen Becher Würzwein bitten sollte, doch sie wollte ihr Glück nicht allzu sehr strapazieren. Zudem hatten sie tolle Plätze ergattert, und da immer noch mehr Schaulustige herandrängten, fürchtete sie, nicht noch einmal so viel Glück zu haben. Und plötzlich hörte sie die Musik. Weit entferntes Flötenspiel, zart verwoben mit etwas, das wohl eine Fidel sein mochte. Von Nordwesten her, vom Rande des großen Kiefernwaldes, bahnten sich die Töne zuerst einzeln und zaghaft ihren Weg durch die engen Gassen bis hin zum Dorfplatz. Die Klänge schienen auf dem Wind zu reiten, als wäre es der Wind selbst, der sang. Die Flöte gehörte unverwechselbar Derren Mellory. Seit Wochen hatte der Barde sich auf diese Nacht vorbereitet, hatte im Schankraum ihres Vaters geübt, bis Dargo ihn förmlich zwingen musste, von Zeit zu Zeit eine andere Melodie zu spielen, um ihm nicht die Gäste zu vergraulen. Aska war beinahe ebenso stolz gewesen wie Derren selbst, als der Rektor der Akademie dem jungen Mann für dieses Jahr den Platz an der Spitze der Prozession zugesichert hatte. Aska liebte Derren von jeher wie einen Bruder, denn mit seinen Gesängen von toten Helden und seinem unerschöpflichen Vorrat an Geschichten aus alten Zeiten war er so etwas wie Askas Fenster zu einer Welt außerhalb von Raunwald. Schon als kleines Mädchen hatte sie stundenlang bei ihm am Feuer gesessen und war mit ihm in die Vergangenheit gereist, zu weit entfernten Orten, die von magischen Geschöpfen bevölkert wurden. Sie hatte jedes Mal weinen müssen, wenn er die traurige Ballade von Ivar Goldmund rezitierte, und hatte Nägel kauend und mit großen Augen wieder und wieder den tosenden Untergang Aglaronds, des ersten Reiches, verfolgt.
Die Musik wurde lauter, das Thema war nun deutlich zu erkennen, ein wildes, fröhliches, verspieltes Auf und Ab von Harmonien. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern, bis die Tänzer die Wegbiegung direkt vor dem Fauchenden Troll passierten und das letzte kleine Stück bis zum steinernen Feuerbecken unter dem Jubel der Zuschauer zurücklegten.
Der Prozessionsweg selbst war freilich um einiges länger. Die Akademie lag etwa zehn Minuten gemütlichen Fußmarsches im Inneren des Waldes, dessen Grenze eine halbe Meile vor den ersten Ausläufern des Dorfes lag. Aska war sicher, dass die Akademie der Feuertänzer von Raunwald die kleinste aller Splitter in allen Patriarchaten sein musste. Um den zentralen steinernen Kuppelbau drängten sich ein kleiner Speisesaal, ein paar Lagerräume, Stallungen, ein winziges Skriptorium und die Schlafräume, die Platz für nicht mehr als zwanzig Initiaten boten, sowie das Refugium des Rektors. Die Initiaten zogen die Abgeschiedenheit des Waldes vor und kamen nur selten herunter ins Dorf. Der fette Bresk schickte ein- oder zweimal in der Woche einen Karren mit Vorräten hinauf, und gelegentlich wurden Handwerker für Reparaturen gerufen. Bei Bedarf wurden Heiler, Questoren, selbst Huren zur Akademie bestellt, die Initiaten selbst setzten jedoch kaum einen Fuß vor die eigene Schwelle. Außerhalb der Akademie sah man die Tänzer eigentlich nur zur alljährlichen Erneuerungsprozession und falls es im Dorf brannte, was zuletzt vor sechs Jahren der Fall gewesen war, sodass Aska sich nicht mehr daran zu erinnern vermochte.
Im Rund war es mittlerweile fast völlig still geworden. Angespannte Erwartung lag in der Luft, und alle Augen waren auf den Prozessionsweg gerichtet. Nur Sir Griesgram glotzte weiter blöde in die fahle Fackel des einjährigen Feuers, träumte wahrscheinlich von einem heißen Bad oder dem Schoß eines Weibes. Sir Falkenauge war verschwunden, beschaffte sich wahrscheinlich einen Becher Würzwein gegen die Kälte.
Der abendliche Frost begann allmählich, sich durch Askas lederne Stiefel und die groben Wollhosen zu fressen, kroch mit eisigen Fingern über ihr Gesicht und unter den Ärmeln ihres Wamses entlang. Sie zitterte, während ihr Atem vor ihr in der Luft Nebelgeister erzeugte. Plötzlich und unerwartet legte ihr Vater ihr seinen pelzbesetzten, groben Umhang um die Schultern, und die Geste wärmte sie für einen Augenblick mehr, als es die Wolle allein vermocht hätte. Vater hatte es ihr nie an etwas mangeln lassen, doch galt seine Liebe ganz und gar Tommy, dessen war sie sich schmerzhaft bewusst. Stets war er streng ihr gegenüber und zögerte nicht, sie zu bestrafen, wenn sie ihren Aufgaben nicht nachkam. Er war ein guter Mann, doch wusste er nichts um die Träume oder Wünsche eines acht Jahre alten Mädchens, weshalb sie nur selten viele Worte wechselten. Oft wünschte sich Aska, als Junge geboren zu sein, wenn schon nicht um ihrer selbst willen, so doch, um es Vater leichter zu machen. Mutter war bei Tommys Geburt gestorben, und seitdem gab sich Vater redlich Mühe, doch war er meistens vollkommen ratlos, was seine Tochter anbelangte. Als sie sich im vergangenen Jahr wegen Tomlynn die Augen aus dem Kopf geweint hatte, hatte er sich nur stumm und hilflos abwenden können, während Ingwa sie im Arm gehalten und getröstet hatte. Zuweilen sah sie ihn abends am Feuer sitzen, die Augen gerötet und mit leerem Blick in die Vergangenheit starren. Tiefe Trauer lag in diesem Blick und noch größere Hilflosigkeit. Gleichwohl hatte er sich nie dem Suff hingegeben, nie eines seiner Kinder geschlagen oder seine Pflichten ihnen gegenüber vernachlässigt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 468
ISBN: 978-3-95840-630-8
Erscheinungsdatum: 20.06.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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