Science Fiction & Fantasy

Die magische Welt Rialar

Edgar Deschle

Die magische Welt Rialar

Leseprobe:

Der geisterhafte Geschichtenerzähler

Die Stadt Oradi ist mit ihren rund 500 Bewohnern eine der größten Städte des Südens. Die Sonne ist schon halb untergegangen, als die Zwillingsbrüder Erwin und Edwin die Stadt betreten. Äußerlich sind die Brüder kaum zu unterscheiden, selbst in ihrem hohen Alter von etwa 50 Jahren haben sie noch immer ein identisches Gesicht, dieselbe Art, ihr Haar zu tragen, und einen identischen Körperbau. Allein ihr Kleidungsstil – Edwins ist typisch für einen Elementaristen und Erwins für einen Seelensammler – macht es möglich, sie auseinanderzuhalten. Sie sind gerne gesehen und ernten viele freundliche Blicke und Grüße von passierenden Bürgern, während die beiden durch die mit Glanzstein errichteten Straßen gehen.
Im Zentrum angekommen sehen sie, wie die Händler bereits ihre Marktstände schließen und sich für die Nacht vorbereiten. Die Zwillinge allerdings interessieren sich mehr für die Gasthäuser, die vorzugsweise im Stadtzentrum vorzufinden sind. Schnell haben sie sich für eine kleine Herberge mit dem Namen „Halt des Rastlosen“ entschieden und betreten die Unterkunft durch den Vordereingang.
Beim Betreten schießt einem im Inneren sofort der Duft von frischem Braten, Gewürzen und alkoholischen Getränken entgegen. Die Fläche des Hauses mutet von außen klein an, was sich im Inneren bestätigt. Der Schankraum hat eine kleine Theke und eine Handvoll runder Tische, um die vier Stühle stehen, eine Tür, die nach hinten zur Küche führt, und eine Treppe nach oben, wo sich die Schlafzimmer befinden.
Die Brüder haben Glück, denn von den fünf Tischen ist nur noch einer unbesetzt. An drei Tischen sitzen jeweils vier Personen und an einem Tisch nahe dem freien Tisch sitzt ein Mago mit einer Maga’a.
Nachdem sie beim Wirt Abendbrot bestellt haben, hören sich die Brüder bei den anderen Gästen um. Während die Leute an den vollen Tischen einfach nur essen, trinken und Geschichten austauschen, hört sich das Gespräch zwischen dem Mago und der Maga’a für die beiden interessant an.
„Lass dich nicht wieder dabei erwischen, wie du dich im Waldstück vor der Stadt herumtreibst, wo sich das starke Zornesfeld befindet …“ Mehr können sie nicht verstehen, weil die Magonar am Nachbartisch dazwischenrufen. „Verzeihung, wir wollen euch nicht stören. Doch Ihr tragt die Roben von Elementaristen und Seelensammlern. Wir fragen uns, ob ihr vielleicht Seelen dabeihabt, die spannende Geschichten zu erzählen haben?“ Die beiden alten Zwillinge schauen erst noch den Mago an, der sie angesprochen und gefragt hat. Dann aber merken sie, dass sie der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Gasthauses sind und jeder darin die beiden erwartungsvoll ansieht.
Erwin der Seelensammler muss nicht lange überlegen und nickt sogleich lächelnd in die Menge. „In der Tat habe ich jemanden, dessen Erlebnisse Euch interessieren könnten. Sein Name ist Jockaru. Ein Entdecker und Abenteurer aus dem Magrennar-Gebiet.“
Ein freudiges Johlen geht durch den Schankraum, gefolgt von Bitten aus mehreren Richtungen, seine Geschichten hören zu dürfen. „Sehr wohl, liebe Leute, ich werde ihn für Euch beschwören. Denkt an eine kleine Spende, wenn Euch die Geschichten gefallen“, antwortet Erwin den Maginar im Raum.
Daraufhin nimmt Erwin einen der Riaberane von seinem Gürtel. Er hält diesen in seiner rechten Hand und beginnt die Beschwörung, indem er Zeige-, Mittel- und Ringfinger der linken Hand in einer Dreiecksformation dagegen drückt. Langsam leuchtet der dunkle Riaberan von innen in einem hellen Blau auf. Geisterhafter Rauch steigt aus der kleinen leuchtenden Kugel auf. Es wird immer mehr Rauch, bis eine kleine Wolke über dem Tisch schwebt, die sich zur Büste eines alten Mago formt.
Mehr als der Kopf und die Schultern erscheinen nicht. Der halb durchsichtige Geisterkopf sieht sich im Raum um und lächelt zufrieden.
„Kein sehr großes Publikum, doch wie ich sehe, ein sehr interessiertes. Mein Name ist Jockaru, Erforscher der Magrennar. Es wäre mir ein Vergnügen, Euch von meinen Entdeckungen und Erfahrungen zu erzählen.“
Das Publikum schaut gebannt auf die Erscheinung, als diese beginnt, von ihrer Reise zu erzählen. Sogar der Wirt hört aufmerksam zu, während er den Brüdern ihr Abendbrot bringt. Die Zwillinge haben nun eine Pause, sie haben die Geschichte schon oft gehört und wenden sich ihrem Mahl zu, während der geisterhafte Jockaru erzählt.
„… mit meiner verschleiernden Wind-Magie konnte ich mich gut zwischen den Pflanzen hindurchbewegen. Ihr wisst, dass manche Pflanzen, besonders junge Bäume, schon auf kleinste Berührungen reagieren und sich wehren. Doch um zu den Magrennar zu gelangen, musste ich mich ab und zu zwischen ihnen hindurchquetschen oder den einen oder anderen Ast wegdrücken. Da ich aber den Wind genutzt habe, um die Äste wegzudrücken und mich beim Durchquetschen von einem Wirbelwind umgeben habe, konnte ich sie über meine Präsenz hinwegtäuschen. Die eigentliche Herausforderung folgte erst, als ich die Magrennar dann gefunden habe. Es war eine Gemeinschaft von Wolf-Magrennar im Grundellun-Wald. Ich musste aufpassen, denn die Sinne der Magrennar sind hervorragend ausgeprägt. Wenn man nicht aufpasst, riechen oder hören sie dich, noch bevor du sie überhaupt sehen kannst. Glücklicherweise konnte ich meine Präsenz weitestgehend verbergen und die Wesen beobachten.“
Jockaru, die Seele, erzählt seine Erlebnisse wie eine Abenteuergeschichte, obwohl diese mehr wie eine Schullektion wirkt. Das stört die Zuhörenden jedoch in keinster Weise. Sie hängen ihm neugierig an den Lippen. Man merkt, dass er regelmäßig gerufen wird, um Geschichten zu erzählen, denn er macht immer wieder Sprechpausen, aber nicht um Luft zu holen. Logischerweise braucht er keine Atemluft, doch die Zuhörer brauchen Unterbrechungen, um sich das Erzählte bildlich vorstellen zu können und die Informationen sacken zu lassen.
„Meine Vorräte reichten zu dem Zeitpunkt für drei Tage und ich wollte so viel wie möglich über die Wolf-Magrennar erfahren. Während ich sie also studierte, merkte ich immer mehr, dass sie sich im Grunde mehr wie wir Maginar verhalten als wie Tiere. Sie leben nicht etwa in wilden Rudeln, in denen sie sich um Beute und Essen streiten und der Stärkste zuerst frisst, vielmehr verhalten sie sich wie Familien. Die Stärksten gehen auf die Jagd, die Schwächeren gehen sammeln und die Alten kümmern sich um die Kleinen. Dass die Magrennar ein Territorium haben und dieses gegen Eindringlinge verteidigen, ist soweit bekannt. Wenn man sie trifft, sind sie meist sehr aggressiv und viele Begegnungen hatten schon im Unleben für Maginar geendet. Daher habe ich mich sehr lange und ausführlich auf diese Expedition vorbereitet. Dies hat sich mehr als ausgezahlt. Mit eigenen Augen habe ich ihre friedvolle Natur beobachten können. Die Magrennar erziehen ihre Jungen spielerisch für die Jagd und den Kampf. Sie sprechen sogar eine Art Sprache, jenseits von Bellen und Knurrlauten. Außerdem habe ich mehrfach beobachten können, wie sie ihr Fleisch mit Pflanzen gewürzt haben. Ich konnte jedoch nicht feststellen, ob die Magrennar diese Verhaltensweisen selbst entwickelt oder ob sie diese bei uns Maginar abgeschaut haben …“
Während Jockaru die Geschichte über die Wolf-Magrennar erzählt, merkt das Publikum nicht, wie spät es inzwischen geworden ist. Der Geist selbst spürt keine Müdigkeit, doch sieht er Ermüdungserscheinungen bei seinen Zuhörern und kommt bald zu einem Ende. Der geisterhafte Erzähler zieht sich in sein Riaberan zurück. Bevor die Menge sich auflöst, lassen sie noch den einen oder anderen Luxon für den Seelensammler, der für sie den erzählenden Geist beschworen hat, da und diskutieren auf dem Weg nach Hause über das gerade Gehörte. Die Brüder bestellen sich Zimmer für die Nacht und Ruhe kehrt in das Gasthaus ein.



Die Arbeit der Löser

Am nächsten Morgen wird Edwin als erster wach. Morgen ist es nicht mehr wirklich, die Sonne ist schon halb am Himmel. Edwin und sein Bruder sind wahrlich keine Frühaufsteher. Nach dem Aufstehen streckt sich der Elementarist und macht Morgenübungen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Als nächstes wäscht er sich das Gesicht an der im Zimmer befindlichen Wasserschüssel und zieht sich daraufhin wieder seine Robe an.
Nun ist er ausreichend zurechtgemacht, um sein Zimmer zu verlassen. In sicherer Gewissheit, dass sein Bruder noch nicht aufgestanden ist, klopft er an Erwins Zimmertür. Dieser erwacht dadurch und beginnt dasselbe Morgenritual wie sein Zwillingsbruder.
Edwin setzt seinen Weg zum Speisesaal fort und trifft dort den Wirt. Er bezahlt den Wirt für die Zimmer und lässt sich eine Brotzeit einpacken, verstaut diese in seiner Reisetasche und verabschiedet sich. Auf dem Weg nach draußen stößt Erwin zu ihm in den Speisesaal und sie verlassen gemeinsam das Gasthaus.
Draußen schlagen sie die Richtung stadteinwärts ein. Zu dieser Tageszeit herrscht geschäftiges Treiben auf den Straßen. Da die beiden neu in der Stadt sind, lassen sie sich Zeit auf dem Weg in das Zentrum, besichtigen auf ihrem Weg die Gebäude und beobachten die Bewohner. Hier in einer größeren Stadt scheint alles entspannter zu sein als in den kleinen Dörfern. Der viele Glanzstein, der in den Straßen verbaut ist, und die Stadtmauern, in die ebenfalls Glanzstein eingearbeitet ist, sowie die Wächter, die allein für den Schutz der Stadt angestellt sind, lassen die Leute hier ein unbeschwertes Leben führen.
In der Mitte der Stadt entdecken die Brüder dann den Marktplatz und das Amtshaus des Bürgermeisters. Die Marktstände sind im Kreis um den Brunnen im Mittelpunkt aufgebaut und bieten frische Lebensmittel an. Erwin entdeckt sogar ein „Heiler- und Pflegehaus“, das am Rande des Marktplatzes liegt. Sofort weist Erwin seinen Bruder auf das Haus hin und schlägt vor: „Schau, Edwin, sollten wir nicht ein Bad nehmen, bevor wir zum Bürgermeister gehen? Wir waren schließlich eine ganz schöne Zeit lang unterwegs.“
Edwin ist begeistert. „Gute Idee, das macht einen besseren Eindruck und zeigt, dass wir gut vorbereitet sind. Hoffentlich wird das nicht zu kostspielig, wir hatten schon länger keine Löser-Arbeit mehr. Wir leben nur noch von den Spenden, die wir mit den Geschichten der Geister verdienen.“ Am Ende klingt er etwas missmutig bezüglich ihrer finanziellen Situation.
So entschließen sich die beiden, im Heiler- und Pflegehaus ein Bad zu nehmen und ihre Kleidung reinigen zu lassen. Die Pfleger nehmen sich der Zwillingsbrüder an, die nur eine schnelle Wäsche wünschen. So waschen die Pfleger die beiden Brüder und ihre Kleidung mit Hilfe von Wasserformungsmagie und trocknen sie anschließend in kürzester Zeit.
Erfrischt und sauber verlassen Erwin und Edwin kurze Zeit später das Heiler- und Pflegehaus. Doch fast genauso blank ist nun auch ihre Geldbeutel. Bis auf wenige Luxon ist ihnen nichts geblieben. Jedoch sind sie deswegen nicht beunruhigt. Denn das wäre nicht das erste Mal, dass sie pleite wären.
„Die Stadt gefällt mir. Warum sind wir nicht schon früher weiter in den Süden gereist?“, fragt Erwin seinen Bruder.
„Wir waren im Norden eigentlich immer beschäftigt. Bisher hatten wir einfach keinen Grund, in neue Gefilde zu reisen. Wir hatten unsere Freunde und Dörfer, die wir im Laufe unserer festen Route bereisten, und wir wussten, wo die Gefahren auf dem Weg sind“, antwortet Edwin, während sie zum Amtshaus des Bürgermeisters gehen und dieses betreten.
Die Zwillinge werden sofort vom Diener des Bürgermeisters begrüßt.
„Willkommen die werten Magonar. Ihrer Kleidung nach sind Sie Löser?“ Edwin nickt dem Diener zu und antwortet.
„Ganz recht, wir waren eine Weile auf Reisen und sind gestern Nacht angekommen. Ich bin Edwin, das ist mein Bruder Erwin. Wir möchten fragen, ob Sie Arbeit für uns haben?“ Der Diener klatscht vor Begeisterung die Hände zusammen.
„Hervorragend, mein Name ist Rogu und der Bürgermeister wartet schon seit einer Weile auf Ihresgleichen. Bitte hier entlang.“
Zuversichtlich folgen die Brüder dem eifrigen Rogu in den zweiten Stock vor eine einfache Holztür.
Rogu klopft an die Tür und nach einem lauten „Ja bitte?“ öffnet er diese und geht hinein.
„Kommen Sie gleich mit hinein!“
So geht Rogu voraus und die Zwillinge folgen ihm. Der Diener geht gleich nach der Tür einen Schritt zur Seite und streckt seinen Arm aus, um die Brüder an sich vorbei nach vorne zu lassen.
Noch während die beiden zum Bürgermeister gehen, stellt der hagere, etwas nervös wirkende Diener sie auch schon vor.
„Ich darf vorstellen: Edwin und Erwin, sie sind Löser und gestern in Oradi angekommen.“
Der Bürgermeister, ein wohlgenährter, in hellen Gelb- und Grüntönen gekleideter Mago, steht von seinem Schreibtisch auf. Er lächelt sofort und begrüßt die Zwillingsbrüder freundlich.
„Sehr gut, ich bin Bürgermeister Hadien und habe schon eine Weile auf Löser gewartet. Seid Ihr beide Löser? Normalerweise reicht einer.“
Der Bürgermeister erkennt die Professionen der Brüder gleich und ist deshalb neugierig.
„Richtig, normalerweise ist nur einer von uns notwendig. Doch wir sind fast immer auf Reisen und müssen unsere Arbeit schnell erledigen, um unseren Lebensunterhallt zu verdienen und weiter zu reisen. Wir sind sehr geschickt darin, unsere Fertigkeiten zu kombinieren und sowohl die Seelen als auch die Körper schnell zu lösen. Keine Angst, Ihr müsst uns nicht doppelt bezahlen.“ Bürgermeister Hadien nickt zustimmend.
„Es ist momentan für unsere Stadt dringend notwendig, dass Ihr hier seid. Wir hatten einen Löser, der hier gelebt hat. Leider wurde er gerade bei seiner Arbeit außerhalb der Stadt angegriffen und ihn ereilte das Unleben. Da sich das noch nicht herumgesprochen hat, bekommen wir kaum Besuch von Lösern, denn für sie gibt es im Normalfall keine Arbeit. Wärt Ihr interessiert, dauerhaft nach Oradi zu ziehen, um hier langfristig als Löser zu arbeiten?“
Der Bürgermeister sieht die Zwillingsbrüder erwartungsvoll an, doch diese blicken sich nur kurz gegenseitig an und dann wieder zurück zum Bürgermeister.
„Wir übernehmen gerne die Lösungsarbeit, zu der Euer früherer Löser nicht im Stande war, und wir können noch ein wenig bleiben, falls wieder etwas passiert. Doch dauerhaft an einem Ort zu bleiben, ist nicht unsere Natur“, antwortet Erwin frei heraus und wechselt dann auch gleich das Thema.
„Wie lange ist denn Euer Löser schon im Zustand des Unlebens und wie viele Fälle konnte er nicht mehr bearbeiten?“ Bürgermeister Hadien seufzt und gibt mit melancholischer Stimme zurück.
„Sein Unglück ist einen Monat her und seitdem hatten wir 27 Fälle von Unleben.“ Die Brüder bekommen große Augen.
„Bitte? 27 Fälle in einem Monat … ist das normal in so einer großen Stadt?“ Der Bürgermeister nickt bedrückt.
„Leider ist diese Zahl keine Seltenheit. Das Leben in Oradi oder generell in großen Städten ist sicher mit dem ganzen Glanzstein und Maginar, die nur für den Schutz zuständig sind. Deshalb vergessen viele Bürger die Gefahr und gehen allein und unachtsam aus der Stadt. Dann kommt ein Tier, das sich bedroht fühlt, und befördert sie ins Unleben. Das sind auch nur die Fälle, von denen wir wissen und die wir bergen konnten. Es gibt auch viele Maginar, die verschwunden sind und anschließend nicht mehr gesehen wurden“, erklärt der Bürgermeister das Stadtleben, dann geht er zu seinem Schreibtisch und kramt eine Karte aus der Schublade. Er breitet diese auf seinem Tisch aus.
„Das ist ein Überblick über Oradi. Ich markiere Euch alle wichtigen Orte. Hier ist mein Amtshaus, da sind wir gerade. Geht diesen Weg, um zur Arbeitsstätte unseres früheren Lösers zu kommen.“
Der Bürgermeister berührt mit der Fingerspitze die Orte auf der Karte, woraufhin diese anfangen zu leuchten. Auch der Weg, den er mit seinem Finger zwischen dem Amtshaus des Bürgermeisters und der Arbeitsstätte des Lösers abfährt, leuchtet.
„Gestern im Gasthaus hörte ich etwas über ein starkes Zornesfeld in der Nähe der Stadt. Meint Ihr, wir können uns diesen Ort einmal ansehen?“, fragt Erwin der Seelensammler. Bürgermeister Hadien wirkt nicht begeistert, dennoch antwortet er darauf.
„Mir wäre es recht, wenn Ihr Euch zunächst der Lösungsarbeit zuwenden würdet. Wenn das erledigt ist, könnt Ihr Euch allem annehmen, was Euch interessiert.“
Die Brüder nicken zustimmend und der Bürgermeister markiert einen ungefähren Bereich in einem Waldstück im Nordosten der Stadt.
„Das versteht sich von selbst. Unsere Profession ist die Lösung. Deshalb werden wir das als erstes erledigen. Wir werden etwa zwei Tage brauchen und als Lohn berechnen wir 25 Luxon pro Unleben. Falls wir noch bleiben sollen, obwohl für uns keine Arbeit da ist, würden wir 15 Luxon pro Tag berechnen.“ Edwin nennt die Bedingungen und der Bürgermeister rechnet kurz im Kopf nach.
„Das klingt gerecht. Während Ihr die Lösungen durchführt, werde ich die Familien informieren. Ihr bekommt die Bezahlung am Ende jeden Tages.“
Die Zwillinge und der Bürgermeister geben sich die Hände auf die Einigung. Die Brüder verabschieden sich, verlassen das Amtshaus des Bürgermeisters und folgen der Karte zur Lösungsstätte.
Dort angekommen gilt der erste Besuch der beiden Löser dem Lösungs-Hof, wo normalerweise die Bunterde gemischt wird. Der Bereich zum Lösen ist gut markiert und im Inneren ist eine Fläche, die knöchelhoch mit Steinen umrahmt ist.
Danach führt sie ihr Weg in die Unlebenwacht, dem Gebäude gleich neben dem Lösungs-Hof. Da finden sie die in Stoff eingewickelten Körper liegen, die noch keine Lösung hatten. Während Erwin die nötigen Riaberane in der Unlebenwacht zusammensucht, die dort bereitstehen, um kurzzeitig Seelen aufzunehmen, wählt Edwin die Körper aus, die sie gleich lösen werden. Der Auswahlprozess läuft größtenteils zufällig ab, doch es sind Paare dabei, die zusammenliegen, und diese bedienen sie zuerst, weil Paare meistens gleich in das Arkane Netzwerk eintreten wollen, weil sie zufriedener sind, wenn die Lösung bei ihnen gleichzeitig durchgeführt wird und sie zusammen den
Eintritt erleben.
Sobald Erwin genug Riaberane am Lösungshof aufgestellt hat, tragen die beiden das erste Paar hinaus und legen die Körper in den von Steinen umrahmten Bereich eng aneinander.
Wieder außerhalb des markierten Bereichs fängt Erwin an, sich zu konzentrieren. Er streckt die linke Hand aus, atmet gleichmäßig und schließt die Augen. Schon einige Augenblicke später entspringt aus Erwins linker Hand eine zweite geisterhafte Hand. Die Geisterhand raucht und gleitet mit Erwins richtiger Hand verbunden auf die Körper zu. Als erstes greift die geisterhafte Hand an die Schulter der Maga. Die Hand zieht und rüttelt scheinbar am Körper, bis die Seele der Maga herausspringt wie ein Korken aus einer Flasche. Dasselbe macht Erwin dann beim Mago gleich daneben – es wird gerüttelt und gezogen, bis die Seele herausspringt.
Nun schweben die beiden Seelen in Form von Büsten gut zwei Schritt in der Luft. Wie bei allen Seelen, die kurz vorher aus ihren Unleben gezogen wurden, sind sie noch verwirrt und orientierungslos. Die beiden Seelen brauchen einen Moment, um ihre geisterhafte Erscheinung zu begreifen. Dann erinnern sie sich zurück an die Situation, die sie ins Unleben gebracht hat, während die Löser vor ihnen geduldig warten, bis die Seelen letztendlich beschließen, gleich in das Arkane Netzwerk zurückzukehren. Nachdem die Namen der beiden Seelen von den Lösern notiert wurden, tippt die geisterhafte Hand von Erwin die Seelen mit einem rosafarbenen Schimmer an. Die Seelen fühlen sich langsam immer leichter und schweben immer höher. Der rosa Schimmer von Erwins Berührung breitet sich in den Seelen aus und lässt sie zerfließen. Ab einer gewissen Höhe lösen sich die Seelen in Luft auf, als würden sie von einer Strömung weggeschwemmt werden. Schließlich sind sie verschwunden und es bleiben nur noch die seelenlosen Körper übrig. Die geisterhafte Hand kehrt in Erwins körperliche Hand zurück und es bleibt keine Spur des geisterhaften Spuks.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 206
ISBN: 978-3-99107-688-9
Erscheinungsdatum: 28.06.2021
EUR 16,90
EUR 13,99

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