Die Macht der Kristalle
Taaffeite – Juwelen des Universums
EUR 31,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 432
ISBN: 978-3-99185-031-1
Erscheinungsdatum: 09.03.2026
Als Robert Versuche mit seltenen Taaffeiten durchführt, macht er eine unglaubliche Entdeckung – eine Entdeckung, die nicht nur die Aufmerksamkeit von Staaten erregt, sondern auch von Wesen, deren Existenz sich Robert nicht hätte träumen lassen.
PROLOG
Taaffeite sind Edelsteine, extrem seltene Edelsteine, die eigentlich außer einigen Mineralogen, oder besser gesagt Gemmologen, kaum jemand kennt. Gemmologen sind Edelsteinkundler, selbst dieses Wort kennt die Rechtschreibkorrektur von Word nicht, also kein Wunder, wenn die meisten Menschen noch nie etwas davon gehört haben. Alle bislang bekannten Taaffeite würden nicht einmal eine Teetasse füllen. Taaffeite sind übrigens sehr schöne, fast magische Edelsteine, und es ist verwunderlich, dass sie trotz der Tatsache, dass sie eine Million Mal seltener als Diamanten und genauso schön sind, mit einem Wert von etwa 2000–5000 $ pro Karat bis jetzt noch erstaunlich erschwinglich blieben. Ich sage „noch“, denn es begann sich schon zu ändern.
Es galt dann eigentlich nur als eine Frage des Zufalls, den es vermutlich nicht gibt, bis jemand die verborgenen Eigenschaften dieser Steine entdecken würde. Es gibt durchaus ernst zu nehmende Esoteriker, wenn man solche Menschen überhaupt ernst nehmen will, die überzeugt sind, dass diese Steine nicht von dieser Welt sind. Angeblich wurden sie von den Arcturianern, einer außerirdischen Rasse, die im Untergrund behutsam zum Wohle der Menschheit agiert, auf diese Welt gebracht. Ein Buch von Norma Milanovic beschreibt ihren Kontakt mit den Arcturianern und auch deren Kristalltechnologie.
Tatsache ist aber, dass die heutige Technik, speziell die Nachrichtentechnik, fast nur auf Kristalleffekten aufgebaut ist. Seien es Computerchips, Lasergeräte, Solarzellen, LEDs oder Flachbildschirme, alle nutzen die speziellen Eigenschaften irgendwelcher Kristalle.
Es bedurfte also nur wie bei vielen Entdeckungen einer glücklichen Kombination, bis die verborgenen Eigenschaften dieser Kristalle auch ans Tageslicht kamen. Diese glückliche Kombination manifestierte sich in der Person von Robert Wollmann. Robert sammelte von Kindesbeinen an Mineralien und Edelsteine. Er studierte Physik, lernte nebenbei Mineralogie und sattelte schließlich, als er merkte, nicht „ein neuer Einstein“ zu werden, auf Nachrichtentechnik und Elektronik um, damit ließ sich wenigstens Geld verdienen. Das Sammeln von Mineralien und Edelsteinen blieb aber immer seine Passion. Robert hatte seine Leidenschaft für Mineralien und Edelsteine offensichtlich schon mit der Muttermilch mitbekommen. Als Jugendlicher legte er an Wochenenden manchmal weit über hundert Kilometer mit dem Rad zurück, um an irgendwelche Fundstellen für Quarzkristalle zu gelangen. Er kannte fast alle Mineralfundstellen in seiner erreichbaren Umgebung. So schien es nur eine Frage des steigenden Einkommens, bis genau ihm der erste besonders seltene Edelstein in die Hände fiel. Er sprühte deshalb vor Stolz, als er plötzlich sogar zwei Taaffeite im Internet ergattern konnte. Das ist für einen Mineralogen so etwas wie für einen Briefmarkensammler die Blaue Mauritius. Dieser Stein faszinierte ihn ungeheuer und schließlich gelang es ihm danach sogar, mehrere Taaffeite zu erwerben. Das Internet machte es möglich.
Da anscheinend aber nur sehr wenige Leute davon wissen und diese offensichtlich gerade nicht im Internet danach gesucht hatten, konnte Robert diese beiden seltenen Exemplare relativ günstig, knapp über dem Ausrufpreis, erstehen.
Groß waren sie nicht, ein Stück Taaffeite mit hellblaugrauer Farbe hatte nur 0,44 Karat, ein Karat ist 0,2 Gramm und etwa so wie eine Erbse. Robert fand ihn wunderschön. Seine Frau Sylvia fand ihn allerdings hässlich, weil die Farbe ihrer Meinung nach eigentlich undefinierbar war. Tatsächlich macht genau das aber genau den Reiz dieser Steine aus. Sie sind doppelbrechend, das heißt, das Licht wird je nach Einfallswinkel unterschiedlich abgelenkt, und darum ist er auch in der Farbe undefinierbar, da er aus jedem Betrachtungswinkel anders aussieht. Das andere Stück war etwa doppelt so groß und hellrosa-violett, je nachdem, aus welchem Winkel man ihn betrachtete, was ihr schon etwas besser gefiel. Aber Sammlerstücke kann man nicht nach Schmuckkriterien beurteilen, das ist so wie mit den eigenen Kindern, die sind immer wunderschön.
Diese Edelsteine gingen aber irgendwie noch weit über seltene Sammlerstücke hinaus, sie hatten etwas richtig Magisches an sich. Die speziellen Farben und der fast unwirklich schöne Glanz hatten eine faszinierende Wirkung. Es sind eben keine menschlichen Artefakte wie Briefmarken, sondern natürliche, uralte Zeugen der Erdgeschichte. Sie erinnerten Robert mit ihrem seltsamen Graublau an die hypnotischen Augen eines Zauberers. Kristalle dieser Art benötigen ungeheuren Druck und enorm hohe Temperaturen sowie eine glückliche Kombination der richtigen Elemente am selben Ort, um überhaupt entstehen zu können. Letztendlich sind darin die Weltordnung und eine große Menge Energie gespeichert. Viele Mineralien sind genauso wie viele Pflanzen in ihren Eigenschaften und Wirkungen noch völlig unerforscht, und bei so seltenen Exemplaren gilt das ganz besonders.
Natürlich muss ein Sammler so ein seltenes Stück erst einmal gründlich untersuchen und selbstverständlich auch dokumentieren. Robert begann daher, mit seiner Digitalkamera zuerst ein paar Fotos davon zu machen. Fotos von kleinen Steinen sind sehr schwierig, und die richtige Unterlage und Beleuchtung spielen eine große Rolle. Nachdem die ersten Versuche auf weißen Tüchern allesamt sehr unbefriedigend ausfielen, versuchte er es mit durchsichtigen Materialien als Unterlage. Am besten schien ihm ein großer Bergkristall als Unterlage geeignet zu sein, der fast 10 kg wog und einen halben Meter maß und in seinem Wintergarten einen prächtigen Blickfang abgab
Zuerst kam der kleine graue Taaffeite dran. Leider kam dieser auf dem riesigen Bergkristall nicht wirklich zur Geltung, aber da er schön geschliffen und auch sehr klar war, leuchtete er doch ganz ordentlich hervor. Die richtige Beleuchtung blieb nach wie vor ein Problem, Versuche mit verschiedenen Schreibtischlampen brachten zwar brauchbare Ergebnisse, speziell mit einer sehr starken Halogenlampe, aber richtig zufrieden zeigte sich Robert immer noch nicht. Der Wintergarten hatte eine Hauptausrichtung nach Westen, wo die ganze Wand aus Glas bestand und sehr schön von der Nachmittags- und Abendsonne erwärmt wurde. Da die Sonne immer noch die schönste Lichtquelle ist, wiederholte Robert um drei Uhr nachmittags seine Fotositzung nochmals, gerade als die Sonne am stärksten in den Wintergarten leuchtete. Zu dieser Jahreszeit ist das leider relativ selten, da sie nur an wenigen Tagen richtig kräftig scheint, und das auch nicht sehr lange.
Am dritten Februar kam dann so ein schöner Tag, und der Himmel leuchtete ganz klar und hatte ein Blau wie die schönsten Saphire. Robert nahm eine Pinzette und legte seinen kleineren Taaffeite vorsichtig auf den Bergkristall in die Nachmittagssonne und brachte die Digitalkamera in Position.
Da geschah etwas sehr Seltsames. Als er den Taaffeite auf den Bergkristall legte, bedeckte gerade eine ganz kleine Wolke kurz die Sonne, aber nach ein paar Sekunden, alles schien schon perfekt ausgerichtet, kam sie wieder in voller Pracht hervor.
In diesem Augenblick begann der kleine Stein, bevor er überhaupt ein Bild schießen konnte, in einem seltsamen Licht zu leuchten. Das Licht ging fast kugelförmig, in etwa der vergrößerten Form des Edelsteins, von diesem aus. Das Seltsame daran schien, dass dieses Licht leuchtend und undurchsichtig zugleich wirkte. Auf jeden Fall hatte er so ein Licht noch nie gesehen, es leuchtete richtig magisch. Am ehesten konnte man es noch mit dem Licht seiner weißen LED-Lampe vergleichen, aber eben viel kräftiger und intensiver. Die Lichtkugel hatte etwa einen Meter im Durchmesser und alle Gegenstände in diesem Bereich, da befanden sich vor allem die Blumen samt Töpfen, waren verschwunden. Robert bekam es mit der Angst zu tun. Er wusste aus seinem Beruf, dass Kristalle durch verschiedene Energiequellen in Schwingung geraten können und auch ganz spezielle Effekte verursachen. Laserstrahlen beruhen zum Beispiel darauf, hier hatte er die ersten Versuche mit Rubinkristallen bei seinem Studium selbst erlebt, und Rubine sind mit den Taaffeiten zumindest verwandt.
Die ganze Elektronik- und Computerindustrie nutzt eben die Effekte und alle Flachbildschirme bestehen aus solchen Kristallelementen. Aber dieser Effekt musste ganz neu sein. Die Lichtkugel pulsierte ein wenig und ging auch ungehindert durch das Glas und Holz der Fenster und verdeckte sogar ein paar Gegenstände und Pflanzen außerhalb. Kaum kam die nächste Wolke, verschwand der Spuk wieder und die Pflanzen kamen wieder zum Vorschein und schienen sogar noch zu leben, aber je nach Sonneneinstrahlung wurde der Effekt sofort wieder wirksam. Einmal dehnte sich die Lichtkugel sogar auf fast zwei Meter aus, sodass Robert Angst bekam, davon auch erfasst zu werden, da er kaum mehr ausweichen konnte. Kater Willi, der gerade friedlich in der Wärme schlummerte, sprang plötzlich auf, als sein Schwanz in der Lichtkugel verschwand, und flüchtete knurrend wie ein Tiger. Offensichtlich hatte sein Schwanz aber ebenso wie die Pflanzen keinen Schaden genommen, denn er inspizierte ihn ganz genau und begann ihn auch gründlich zu putzen, allerdings in sicherer Entfernung von der Lichtkugel.
Inzwischen schien die Sonne ungetrübt und die Lichtkugel blieb stabil. Jetzt begann Robert mit verschiedenen Gegenständen zu experimentieren, die er vorsichtig in die Lichtkugel schob. Eisenstücke verschwanden genauso wie andere Gegenstände und auch ein rohes Hühnerei schien keinen Schaden genommen zu haben. In seiner Begeisterung geriet er einmal, die Größe der Lichtkugel schwankte doch ein wenig, mit dem Zeigefinger und einem Stück Daumen selbst unabsichtlich in die Lichtkugel. Natürlich wurde der Finger sofort unsichtbar, die Hand ohne den Zeigefinger und mit halbem Daumen sah schrecklich aus und er zog sie sofort wieder zurück. Genauso wie der Kater untersuchte er diese Körperteile danach gründlich und machte eine überraschende Entdeckung.
Als Kind hatte er sich den Zeigefinger einmal gründlich gequetscht, als er mit einem Seifenkistenauto gegen eine Wand krachte. Leider hatte sich der Zeigefinger zwischen Auto und Wand befunden und sah danach entsprechend schrecklich aus. Der Finger verheilte zwar wieder, aber der Nagel blieb für immer geschädigt und wuchs nicht mehr gerade, sondern in Wellen.
Jedenfalls traute Robert seinen Augen nicht, als er die Finger untersuchte, sie schienen nicht nur in Ordnung zu sein, sondern der Nagel zeigte sich wieder ganz gerade, so, als ob dieser Unfall niemals geschehen wäre. Das kam unerwartet, der kleine Finger der linken Hand war auch etwas beschädigt, hier verursachte eine kleine Gelenksentzündung, die er bei einer übergangenen Grippe eingefangen hatte, noch immer leichte Schmerzen und blieb auch leicht geschwollen. Also probierte er es mit diesem Finger. Kurz hinein in die Kugel und wieder heraus, aber diesmal hatte sich nichts verändert. Alles blieb genau wie vorher. Komisch, dachte er, offensichtlich lag die Ursache nicht lange genug zurück. Die Versuchung, selbst ganz in die Lichtkugel zu gehen, wurde nun sehr groß, aber die Sonne begann schon wieder unterzugehen und die Kugel war daher schon wieder viel zu klein.
Das gab eine schlaflose Nacht mit vielen schönen und gleichzeitig furchterregenden Träumen. Alles drehte sich um die Lichtkugel. Er träumte, dass sich bereits am nächsten Tag eine riesige Menschenmenge angestellt hatte, um ihre alten Verletzungen zu heilen, und dann kamen plötzlich sieben graublaue Aliens aus der Kugel und verlangten nach Marillenmarmelade. Sie wollten einfach nicht gehen, ohne jeweils ein Glas davon mitzunehmen. Auf diese Marmelade war er besonders heikel, denn er hatte die besten Marillen, die es gibt, im Garten und seine Frau Sylvia machte immer eine besonders köstliche Marmelade daraus. Dann träumte er, dass er in die Kugel ging und plötzlich in einem Dschungel landete, aus dem er nicht mehr herausfand. Dann wieder landete er auf einer unendlich langen Rutschbahn, die rund um die Milchstraße führte, mit herrlicher Aussicht auf den unglaublichsten Nachthimmel, aber ohne Chance, jemals wieder herauszukommen. Jedenfalls, als er schweißüberströmt aufwachte, fühlte er sich wie gerädert, aber er hatte einen klaren Plan. Er musste selbst in die Lichtkugel, koste es, was es wolle.
1. KAPITEL
Der Versuch
Am Nachmittag, als wieder die Sonne schien, allerdings mit mehr Wolken am Himmel, wiederholte er den Versuch. Zuerst mit dem kleinen Taaffeite, der Effekt blieb genau der gleiche wie am Vortag. Diesmal probierte er, eine Zehe hineinzustecken. Die lange Mittelzehe sah nämlich ein wenig geknickt aus, was ebenfalls mit einem Jugendunfall zu tun hatte, bei dem er sich beim Fußballspielen diese Zehe gebrochen hatte. Und tatsächlich, genauso wie beim Fingernagel, kam die Zehe völlig unbeschädigt, kerzengerade wieder heraus. Als die Sonne wieder einmal wegtauchte, wechselte er den kleinen Taaffeite gegen den wesentlich größeren blau-violetten Stein schnell aus. Wie erwartet, der Effekt, als die Sonne wieder kam, blieb genau der gleiche, aber die Lichtkugel wirkte jetzt wesentlich größer und hatte auch einen violetten Farbstich. Jetzt brauchte er gar nicht mehr hineinzugehen, denn die Lichtkugel füllte fast den ganzen Raum aus, und er wurde auch kurz davon ganz erfasst. Aber bevor er irgendetwas sah, ging die Sonne wieder weg und damit auch das Licht. Also setzte er sich in die Nähe und wartete.
Als sich die Wolke wieder verzogen hatte und die Sonne wieder voll zurückkam, begann sich die Lichtkugel wieder schnell zu vergrößern und Robert wurde davon sofort eingehüllt.
Im ersten Augenblick schien alles wie vorher zu sein. Die Umgebung wirkte auf den ersten Blick ziemlich unverändert, die Gegenstände blieben dieselben und auch Blumen, Pflanzen und Bäume schienen die gleichen zu sein. Nur das Licht hatte eine ganz andere Atmosphäre Es schien keine Sonne mehr, war aber trotzdem hell, eher so wie nach einem Gewitter, wenn ein Regenbogen am Horizont steht. So wirkten auch die Farben, alles in Regenbogenlicht getaucht und der Himmel ganz schwarzblau.
Als er sich ein wenig an das seltsame Licht gewöhnt hatte, bemerkte er doch eine Reihe von seltsamen Erscheinungen. Kater Felix, der vor zwei Jahren überfahren wurde und nun im Garten begraben lag, spazierte plötzlich gemütlich über die Wiese, die jetzt eine blaugrüne Farbe hatte. Erst dachte er, es sei Cenci aber der lag immer noch auf der Bank und schnarchte. Es musste also eindeutig Felix sein, der da spazieren ging, allerdings ohne einen Schatten zu werfen. Als Felix sich den Bäumen näherte, sah Robert, dass diese offensichtlich auch bewohnt waren. Die Bäume waren wunderschön und hatten Blätter in allen Regenbogenfarben. Im Kirschbaum, mit Abstand dem schönsten Baum, saß genüsslich genau im Zentrum ein fast durchsichtiger Mensch, mit einer purpurfarbenen Robe bekleidet. Am Kopf hatte er eine goldene Krone. Auch in den anderen Bäumen saßen ähnliche Gestalten. Im großen Apfelbaum saß eine schöne, aber ältere Frau mit goldblonden langen Haaren und kämmte sich diese gerade genüsslich. In den anderen Bäumen wohnten mehr oder weniger schöne Gestalten, so wie im Marillenbaum, wo eine sehr alte Frau mit vielen Falten im Gesicht saß und Robert an eine Hexe erinnerte. Die Buschpflanzen waren nicht alle bewohnt, nur in einem Weinstock wohnte ein Kindwesen und unterhielt sich offensichtlich gerade mit einem Zwerg im Ribiselstrauch, der ziemlich ärgerlich wirkte, weil er wild mit den Händen herumfuchtelte. Anscheinend war sein Wohnort, der Ribiselstrauch, schon wieder einmal von Kindern mit der Rodel umgefahren worden. Er konnte allerdings nicht hören, worüber diese Wesen sprachen, da er ja noch immer drinnen im Wintergarten war, aber das hätte ihn schon mächtig interessiert.
Plötzlich hörte er doch eine Stimme. Neben ihm stand ein menschengroßes Wesen in einem hellblauen Umhang, aber genauso durchscheinend wie die Gestalten im Garten, und fragte ihn, was er da mache. Robert erschrak kurz, fasste sich aber schnell und fragte zurück: „Wer bist du überhaupt?“
„Kennst du mich denn nicht, wir sind seit deiner Geburt schon zusammen. Ich bin dein Schutzengel“, sagte das Wesen, „und ich heiße Max. Was du da machst, ist nicht nur verboten, sondern auch sehr gefährlich“, sagte Max ziemlich grantig. „Du machst mir nichts als Schwierigkeiten, andauernd muss ich auf dich aufpassen, obwohl ich noch für weitere zwei Erwachsene und zwei Kinder zuständig bin. Ich hatte gerade mit zwei Mädchen genug zu tun, die auf Schiurlaub waren, und die Pisten waren so eisig und gefährlich, dass ich kaum eine Pause hatte“, schimpfte Max. „Gerade in dieser Zeit machst du so gefährliche Experimente.“
Robert wirkte tief beeindruckt. Er hatte schon oft das Gefühl gehabt, einen Schutzengel zu haben, aber mit ihm richtig reden zu können, überraschte ihn doch ziemlich. Er dachte kurz nach und überlegte, ob ihm nicht irgendwer einen Streich spielte. Er hatte ein paar Freunde, von denen einer ein sehr guter Schauspieler sein konnte und auf diese Weise schon einige besonders gelungene Streiche gespielt hatte. All das schoss ihm kurz durch den Kopf, als er sich Max genauer ansah. Aber die durchscheinende Gestalt schien echt zu sein, und durchsichtig machen konnte sich nicht einmal sein Freund Biber, der Schauspieler, den er als ersten verdächtigt hatte. Robert fasste schließlich seinen ganzen Mut zusammen und versuchte, Max zu widersprechen. „Wieso gefährlich, das Gegenteil ist der Fall, ich bin von zwei Leiden geheilt“, sagte Robert schließlich.
„Hast du eine Ahnung?“, sagte Max, „Du hast gerade eine Krümmung des Raumzeitgefüges verursacht und bist in ein höheres Universum gegangen, was bisher für lebende Wesen als unmöglich galt. Seit es Intelligenz und Bewusstsein gibt, entstehen zwar immer wieder neue Verzweigungen, die von den Menschen und anderen intelligenten Wesen gar nicht als Paralleluniversum erkannt werden. Wenn zum Beispiel Einstein als junger Mann bei einem Unfall oder Mordanschlag ums Leben gekommen wäre, würde es auf deiner Welt wahrscheinlich keine Atombomben geben und die Welt hätte eine ganz andere Entwicklung genommen. Du siehst also, dass das Leben sehr wichtig ist und natürlich beendet werden sollte. Auch dass jedes intelligente Wesen seine Fähigkeiten voll nützen sollte, da man nie weiß, welche Auswirkungen Tun oder Nichttun haben kann. Ein geschriebenes oder nicht geschriebenes Buch kann die Welt völlig verändern oder gar eine neue Welt schaffen. Es gibt inzwischen eine sehr große Anzahl von Universen mit höchst unterschiedlichen Eigenschaften. Dein Kristall hat nicht nur den Raum lokal verzerrt, sondern auch die Zeit, das macht es so gefährlich und unberechenbar. In einigen Universen ist Leben überhaupt nicht möglich. Andere sind von Monstern und anderen grauenhaften Wesen besiedelt. In manchen Universen herrscht ewiger Krieg. Es gibt gleich viele schlechte wie gute Welten, und nur ganz wenige sind für Menschen bewohnbar. Ich konnte dich gerade noch in meine Welt ziehen, sonst wärst du in einen brodelnden Vulkan gefallen, nämlich diesen, aus dem deine komischen Steine gekommen sind.“
„Was ist das für eine Welt, in die ich gerade geraten bin?“, fragte Robert, inzwischen sehr kleinlaut geworden.
„Das ist eine Zwischenwelt, diese Welt steht über den Parallelwelten. In dieser Zwischenwelt leben nur Menschen, die in deiner Welt bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, aber einen Aufstieg verdient haben.“
„Warum ist da aber auch Felix der Kater und wieso sind auch meine Unfallverletzungen verschwunden?“, fragte Robert schon etwas beruhigter.
„In dieser Welt gibt es keine Unfälle mehr, also auch keine Unfallverletzungen, darum sind deine Verletzungen auch hier verschwunden. Felix übrigens hatte auch einmal menschliches Bewusstsein, ist aber zur Läuterung eine kurze Zeit zurückgestuft worden. Er hieß einmal Sir Felix und musste deshalb einige Zeit als kastrierter Kater verbringen, weil er zu seiner Zeit ein Dienstmädchen verführt hatte und dann sitzen ließ. Schließlich hatte er aber ansonsten ein einigermaßen anständiges Leben geführt und ist dann auch an einer Art Verkehrsunfall gestorben.“
„Sind denn alle diese Wesen oder Menschen, so wie dieser vornehme König, bei Unfällen gestorben und du vielleicht auch?“, fragte Robert.
„Ja, so ähnlich ist es, und sie hatten allesamt Glück, denn sie waren im Grunde lauter gute Menschen und darum konnten sie sich auch den Verbleib aussuchen, bis ihnen ein neues Leben mit richtigem Körper wieder zur Verfügung stehen würde. Aber das wird immer schwerer, denn es gibt so viele verunglückte Menschen in letzter Zeit, so dass lange Wartelisten entstehen. Seit es Autos gibt und so schreckliche Waffen, werden wir hier richtig überschwemmt.“
„Also, der König im Kirschenbaum muss ja schon ewig hier sein – dauert es denn so lange, bis man wieder richtig leben darf?“, meinte Robert.
„Nicht immer“, sagte Max, „Das ist König Leopold, der ist schon über tausend Jahre hier und er will nicht wieder zurück, speziell dieser Kirschenbaum hat es ihm angetan. Er liebte schon zu Lebzeiten Kirschen über alles, aber so gute wie hier hatte er noch nie gesehen, außerdem gefällt ihm eure Welt gar nicht. Die Menschen haben seiner Ansicht nach keine Zeit mehr füreinander und denken nur mehr an Geld und sich selbst, das war zu seiner Zeit noch anders, da verbrachten die Menschen, und speziell er selbst, viel Zeit mit seinen Freunden. Sie überlegten unablässig, wie man die Welt besser und sicherer machen konnte. Es gab viele mutige Menschen und er galt als einer der Mutigsten, der auch nicht davor scheute, selbst sein Leben für eine gute Sache und die Menschen, die er liebte, einzusetzen.“
„Ich habe in der Schule gelernt, dass König Leopold plötzlich verschwand, aber von Unfall steht nichts in den Büchern.“
„Ist auch besser so“, meinte Max, „Er liebte nicht nur Kirschen, sondern auch die Berge. So wurden ihm diese auch bei einem Alleingang im Winter zum Verhängnis und er stürzte ab, er wurde dann ein paar Stunden später erfroren gefunden. Das ist aber kein wirklich rühmlicher Abgang für einen König, also ließen ihn seine Freunde offiziell verschwinden und begruben ihn still unter einem Kirschbaum. So ist eben Geschichte, Legenden und Wahrheit vertragen sich einfach nicht.“
„Hatte er denn keinen Schutzengel?“, fragte Robert.
…
Taaffeite sind Edelsteine, extrem seltene Edelsteine, die eigentlich außer einigen Mineralogen, oder besser gesagt Gemmologen, kaum jemand kennt. Gemmologen sind Edelsteinkundler, selbst dieses Wort kennt die Rechtschreibkorrektur von Word nicht, also kein Wunder, wenn die meisten Menschen noch nie etwas davon gehört haben. Alle bislang bekannten Taaffeite würden nicht einmal eine Teetasse füllen. Taaffeite sind übrigens sehr schöne, fast magische Edelsteine, und es ist verwunderlich, dass sie trotz der Tatsache, dass sie eine Million Mal seltener als Diamanten und genauso schön sind, mit einem Wert von etwa 2000–5000 $ pro Karat bis jetzt noch erstaunlich erschwinglich blieben. Ich sage „noch“, denn es begann sich schon zu ändern.
Es galt dann eigentlich nur als eine Frage des Zufalls, den es vermutlich nicht gibt, bis jemand die verborgenen Eigenschaften dieser Steine entdecken würde. Es gibt durchaus ernst zu nehmende Esoteriker, wenn man solche Menschen überhaupt ernst nehmen will, die überzeugt sind, dass diese Steine nicht von dieser Welt sind. Angeblich wurden sie von den Arcturianern, einer außerirdischen Rasse, die im Untergrund behutsam zum Wohle der Menschheit agiert, auf diese Welt gebracht. Ein Buch von Norma Milanovic beschreibt ihren Kontakt mit den Arcturianern und auch deren Kristalltechnologie.
Tatsache ist aber, dass die heutige Technik, speziell die Nachrichtentechnik, fast nur auf Kristalleffekten aufgebaut ist. Seien es Computerchips, Lasergeräte, Solarzellen, LEDs oder Flachbildschirme, alle nutzen die speziellen Eigenschaften irgendwelcher Kristalle.
Es bedurfte also nur wie bei vielen Entdeckungen einer glücklichen Kombination, bis die verborgenen Eigenschaften dieser Kristalle auch ans Tageslicht kamen. Diese glückliche Kombination manifestierte sich in der Person von Robert Wollmann. Robert sammelte von Kindesbeinen an Mineralien und Edelsteine. Er studierte Physik, lernte nebenbei Mineralogie und sattelte schließlich, als er merkte, nicht „ein neuer Einstein“ zu werden, auf Nachrichtentechnik und Elektronik um, damit ließ sich wenigstens Geld verdienen. Das Sammeln von Mineralien und Edelsteinen blieb aber immer seine Passion. Robert hatte seine Leidenschaft für Mineralien und Edelsteine offensichtlich schon mit der Muttermilch mitbekommen. Als Jugendlicher legte er an Wochenenden manchmal weit über hundert Kilometer mit dem Rad zurück, um an irgendwelche Fundstellen für Quarzkristalle zu gelangen. Er kannte fast alle Mineralfundstellen in seiner erreichbaren Umgebung. So schien es nur eine Frage des steigenden Einkommens, bis genau ihm der erste besonders seltene Edelstein in die Hände fiel. Er sprühte deshalb vor Stolz, als er plötzlich sogar zwei Taaffeite im Internet ergattern konnte. Das ist für einen Mineralogen so etwas wie für einen Briefmarkensammler die Blaue Mauritius. Dieser Stein faszinierte ihn ungeheuer und schließlich gelang es ihm danach sogar, mehrere Taaffeite zu erwerben. Das Internet machte es möglich.
Da anscheinend aber nur sehr wenige Leute davon wissen und diese offensichtlich gerade nicht im Internet danach gesucht hatten, konnte Robert diese beiden seltenen Exemplare relativ günstig, knapp über dem Ausrufpreis, erstehen.
Groß waren sie nicht, ein Stück Taaffeite mit hellblaugrauer Farbe hatte nur 0,44 Karat, ein Karat ist 0,2 Gramm und etwa so wie eine Erbse. Robert fand ihn wunderschön. Seine Frau Sylvia fand ihn allerdings hässlich, weil die Farbe ihrer Meinung nach eigentlich undefinierbar war. Tatsächlich macht genau das aber genau den Reiz dieser Steine aus. Sie sind doppelbrechend, das heißt, das Licht wird je nach Einfallswinkel unterschiedlich abgelenkt, und darum ist er auch in der Farbe undefinierbar, da er aus jedem Betrachtungswinkel anders aussieht. Das andere Stück war etwa doppelt so groß und hellrosa-violett, je nachdem, aus welchem Winkel man ihn betrachtete, was ihr schon etwas besser gefiel. Aber Sammlerstücke kann man nicht nach Schmuckkriterien beurteilen, das ist so wie mit den eigenen Kindern, die sind immer wunderschön.
Diese Edelsteine gingen aber irgendwie noch weit über seltene Sammlerstücke hinaus, sie hatten etwas richtig Magisches an sich. Die speziellen Farben und der fast unwirklich schöne Glanz hatten eine faszinierende Wirkung. Es sind eben keine menschlichen Artefakte wie Briefmarken, sondern natürliche, uralte Zeugen der Erdgeschichte. Sie erinnerten Robert mit ihrem seltsamen Graublau an die hypnotischen Augen eines Zauberers. Kristalle dieser Art benötigen ungeheuren Druck und enorm hohe Temperaturen sowie eine glückliche Kombination der richtigen Elemente am selben Ort, um überhaupt entstehen zu können. Letztendlich sind darin die Weltordnung und eine große Menge Energie gespeichert. Viele Mineralien sind genauso wie viele Pflanzen in ihren Eigenschaften und Wirkungen noch völlig unerforscht, und bei so seltenen Exemplaren gilt das ganz besonders.
Natürlich muss ein Sammler so ein seltenes Stück erst einmal gründlich untersuchen und selbstverständlich auch dokumentieren. Robert begann daher, mit seiner Digitalkamera zuerst ein paar Fotos davon zu machen. Fotos von kleinen Steinen sind sehr schwierig, und die richtige Unterlage und Beleuchtung spielen eine große Rolle. Nachdem die ersten Versuche auf weißen Tüchern allesamt sehr unbefriedigend ausfielen, versuchte er es mit durchsichtigen Materialien als Unterlage. Am besten schien ihm ein großer Bergkristall als Unterlage geeignet zu sein, der fast 10 kg wog und einen halben Meter maß und in seinem Wintergarten einen prächtigen Blickfang abgab
Zuerst kam der kleine graue Taaffeite dran. Leider kam dieser auf dem riesigen Bergkristall nicht wirklich zur Geltung, aber da er schön geschliffen und auch sehr klar war, leuchtete er doch ganz ordentlich hervor. Die richtige Beleuchtung blieb nach wie vor ein Problem, Versuche mit verschiedenen Schreibtischlampen brachten zwar brauchbare Ergebnisse, speziell mit einer sehr starken Halogenlampe, aber richtig zufrieden zeigte sich Robert immer noch nicht. Der Wintergarten hatte eine Hauptausrichtung nach Westen, wo die ganze Wand aus Glas bestand und sehr schön von der Nachmittags- und Abendsonne erwärmt wurde. Da die Sonne immer noch die schönste Lichtquelle ist, wiederholte Robert um drei Uhr nachmittags seine Fotositzung nochmals, gerade als die Sonne am stärksten in den Wintergarten leuchtete. Zu dieser Jahreszeit ist das leider relativ selten, da sie nur an wenigen Tagen richtig kräftig scheint, und das auch nicht sehr lange.
Am dritten Februar kam dann so ein schöner Tag, und der Himmel leuchtete ganz klar und hatte ein Blau wie die schönsten Saphire. Robert nahm eine Pinzette und legte seinen kleineren Taaffeite vorsichtig auf den Bergkristall in die Nachmittagssonne und brachte die Digitalkamera in Position.
Da geschah etwas sehr Seltsames. Als er den Taaffeite auf den Bergkristall legte, bedeckte gerade eine ganz kleine Wolke kurz die Sonne, aber nach ein paar Sekunden, alles schien schon perfekt ausgerichtet, kam sie wieder in voller Pracht hervor.
In diesem Augenblick begann der kleine Stein, bevor er überhaupt ein Bild schießen konnte, in einem seltsamen Licht zu leuchten. Das Licht ging fast kugelförmig, in etwa der vergrößerten Form des Edelsteins, von diesem aus. Das Seltsame daran schien, dass dieses Licht leuchtend und undurchsichtig zugleich wirkte. Auf jeden Fall hatte er so ein Licht noch nie gesehen, es leuchtete richtig magisch. Am ehesten konnte man es noch mit dem Licht seiner weißen LED-Lampe vergleichen, aber eben viel kräftiger und intensiver. Die Lichtkugel hatte etwa einen Meter im Durchmesser und alle Gegenstände in diesem Bereich, da befanden sich vor allem die Blumen samt Töpfen, waren verschwunden. Robert bekam es mit der Angst zu tun. Er wusste aus seinem Beruf, dass Kristalle durch verschiedene Energiequellen in Schwingung geraten können und auch ganz spezielle Effekte verursachen. Laserstrahlen beruhen zum Beispiel darauf, hier hatte er die ersten Versuche mit Rubinkristallen bei seinem Studium selbst erlebt, und Rubine sind mit den Taaffeiten zumindest verwandt.
Die ganze Elektronik- und Computerindustrie nutzt eben die Effekte und alle Flachbildschirme bestehen aus solchen Kristallelementen. Aber dieser Effekt musste ganz neu sein. Die Lichtkugel pulsierte ein wenig und ging auch ungehindert durch das Glas und Holz der Fenster und verdeckte sogar ein paar Gegenstände und Pflanzen außerhalb. Kaum kam die nächste Wolke, verschwand der Spuk wieder und die Pflanzen kamen wieder zum Vorschein und schienen sogar noch zu leben, aber je nach Sonneneinstrahlung wurde der Effekt sofort wieder wirksam. Einmal dehnte sich die Lichtkugel sogar auf fast zwei Meter aus, sodass Robert Angst bekam, davon auch erfasst zu werden, da er kaum mehr ausweichen konnte. Kater Willi, der gerade friedlich in der Wärme schlummerte, sprang plötzlich auf, als sein Schwanz in der Lichtkugel verschwand, und flüchtete knurrend wie ein Tiger. Offensichtlich hatte sein Schwanz aber ebenso wie die Pflanzen keinen Schaden genommen, denn er inspizierte ihn ganz genau und begann ihn auch gründlich zu putzen, allerdings in sicherer Entfernung von der Lichtkugel.
Inzwischen schien die Sonne ungetrübt und die Lichtkugel blieb stabil. Jetzt begann Robert mit verschiedenen Gegenständen zu experimentieren, die er vorsichtig in die Lichtkugel schob. Eisenstücke verschwanden genauso wie andere Gegenstände und auch ein rohes Hühnerei schien keinen Schaden genommen zu haben. In seiner Begeisterung geriet er einmal, die Größe der Lichtkugel schwankte doch ein wenig, mit dem Zeigefinger und einem Stück Daumen selbst unabsichtlich in die Lichtkugel. Natürlich wurde der Finger sofort unsichtbar, die Hand ohne den Zeigefinger und mit halbem Daumen sah schrecklich aus und er zog sie sofort wieder zurück. Genauso wie der Kater untersuchte er diese Körperteile danach gründlich und machte eine überraschende Entdeckung.
Als Kind hatte er sich den Zeigefinger einmal gründlich gequetscht, als er mit einem Seifenkistenauto gegen eine Wand krachte. Leider hatte sich der Zeigefinger zwischen Auto und Wand befunden und sah danach entsprechend schrecklich aus. Der Finger verheilte zwar wieder, aber der Nagel blieb für immer geschädigt und wuchs nicht mehr gerade, sondern in Wellen.
Jedenfalls traute Robert seinen Augen nicht, als er die Finger untersuchte, sie schienen nicht nur in Ordnung zu sein, sondern der Nagel zeigte sich wieder ganz gerade, so, als ob dieser Unfall niemals geschehen wäre. Das kam unerwartet, der kleine Finger der linken Hand war auch etwas beschädigt, hier verursachte eine kleine Gelenksentzündung, die er bei einer übergangenen Grippe eingefangen hatte, noch immer leichte Schmerzen und blieb auch leicht geschwollen. Also probierte er es mit diesem Finger. Kurz hinein in die Kugel und wieder heraus, aber diesmal hatte sich nichts verändert. Alles blieb genau wie vorher. Komisch, dachte er, offensichtlich lag die Ursache nicht lange genug zurück. Die Versuchung, selbst ganz in die Lichtkugel zu gehen, wurde nun sehr groß, aber die Sonne begann schon wieder unterzugehen und die Kugel war daher schon wieder viel zu klein.
Das gab eine schlaflose Nacht mit vielen schönen und gleichzeitig furchterregenden Träumen. Alles drehte sich um die Lichtkugel. Er träumte, dass sich bereits am nächsten Tag eine riesige Menschenmenge angestellt hatte, um ihre alten Verletzungen zu heilen, und dann kamen plötzlich sieben graublaue Aliens aus der Kugel und verlangten nach Marillenmarmelade. Sie wollten einfach nicht gehen, ohne jeweils ein Glas davon mitzunehmen. Auf diese Marmelade war er besonders heikel, denn er hatte die besten Marillen, die es gibt, im Garten und seine Frau Sylvia machte immer eine besonders köstliche Marmelade daraus. Dann träumte er, dass er in die Kugel ging und plötzlich in einem Dschungel landete, aus dem er nicht mehr herausfand. Dann wieder landete er auf einer unendlich langen Rutschbahn, die rund um die Milchstraße führte, mit herrlicher Aussicht auf den unglaublichsten Nachthimmel, aber ohne Chance, jemals wieder herauszukommen. Jedenfalls, als er schweißüberströmt aufwachte, fühlte er sich wie gerädert, aber er hatte einen klaren Plan. Er musste selbst in die Lichtkugel, koste es, was es wolle.
1. KAPITEL
Der Versuch
Am Nachmittag, als wieder die Sonne schien, allerdings mit mehr Wolken am Himmel, wiederholte er den Versuch. Zuerst mit dem kleinen Taaffeite, der Effekt blieb genau der gleiche wie am Vortag. Diesmal probierte er, eine Zehe hineinzustecken. Die lange Mittelzehe sah nämlich ein wenig geknickt aus, was ebenfalls mit einem Jugendunfall zu tun hatte, bei dem er sich beim Fußballspielen diese Zehe gebrochen hatte. Und tatsächlich, genauso wie beim Fingernagel, kam die Zehe völlig unbeschädigt, kerzengerade wieder heraus. Als die Sonne wieder einmal wegtauchte, wechselte er den kleinen Taaffeite gegen den wesentlich größeren blau-violetten Stein schnell aus. Wie erwartet, der Effekt, als die Sonne wieder kam, blieb genau der gleiche, aber die Lichtkugel wirkte jetzt wesentlich größer und hatte auch einen violetten Farbstich. Jetzt brauchte er gar nicht mehr hineinzugehen, denn die Lichtkugel füllte fast den ganzen Raum aus, und er wurde auch kurz davon ganz erfasst. Aber bevor er irgendetwas sah, ging die Sonne wieder weg und damit auch das Licht. Also setzte er sich in die Nähe und wartete.
Als sich die Wolke wieder verzogen hatte und die Sonne wieder voll zurückkam, begann sich die Lichtkugel wieder schnell zu vergrößern und Robert wurde davon sofort eingehüllt.
Im ersten Augenblick schien alles wie vorher zu sein. Die Umgebung wirkte auf den ersten Blick ziemlich unverändert, die Gegenstände blieben dieselben und auch Blumen, Pflanzen und Bäume schienen die gleichen zu sein. Nur das Licht hatte eine ganz andere Atmosphäre Es schien keine Sonne mehr, war aber trotzdem hell, eher so wie nach einem Gewitter, wenn ein Regenbogen am Horizont steht. So wirkten auch die Farben, alles in Regenbogenlicht getaucht und der Himmel ganz schwarzblau.
Als er sich ein wenig an das seltsame Licht gewöhnt hatte, bemerkte er doch eine Reihe von seltsamen Erscheinungen. Kater Felix, der vor zwei Jahren überfahren wurde und nun im Garten begraben lag, spazierte plötzlich gemütlich über die Wiese, die jetzt eine blaugrüne Farbe hatte. Erst dachte er, es sei Cenci aber der lag immer noch auf der Bank und schnarchte. Es musste also eindeutig Felix sein, der da spazieren ging, allerdings ohne einen Schatten zu werfen. Als Felix sich den Bäumen näherte, sah Robert, dass diese offensichtlich auch bewohnt waren. Die Bäume waren wunderschön und hatten Blätter in allen Regenbogenfarben. Im Kirschbaum, mit Abstand dem schönsten Baum, saß genüsslich genau im Zentrum ein fast durchsichtiger Mensch, mit einer purpurfarbenen Robe bekleidet. Am Kopf hatte er eine goldene Krone. Auch in den anderen Bäumen saßen ähnliche Gestalten. Im großen Apfelbaum saß eine schöne, aber ältere Frau mit goldblonden langen Haaren und kämmte sich diese gerade genüsslich. In den anderen Bäumen wohnten mehr oder weniger schöne Gestalten, so wie im Marillenbaum, wo eine sehr alte Frau mit vielen Falten im Gesicht saß und Robert an eine Hexe erinnerte. Die Buschpflanzen waren nicht alle bewohnt, nur in einem Weinstock wohnte ein Kindwesen und unterhielt sich offensichtlich gerade mit einem Zwerg im Ribiselstrauch, der ziemlich ärgerlich wirkte, weil er wild mit den Händen herumfuchtelte. Anscheinend war sein Wohnort, der Ribiselstrauch, schon wieder einmal von Kindern mit der Rodel umgefahren worden. Er konnte allerdings nicht hören, worüber diese Wesen sprachen, da er ja noch immer drinnen im Wintergarten war, aber das hätte ihn schon mächtig interessiert.
Plötzlich hörte er doch eine Stimme. Neben ihm stand ein menschengroßes Wesen in einem hellblauen Umhang, aber genauso durchscheinend wie die Gestalten im Garten, und fragte ihn, was er da mache. Robert erschrak kurz, fasste sich aber schnell und fragte zurück: „Wer bist du überhaupt?“
„Kennst du mich denn nicht, wir sind seit deiner Geburt schon zusammen. Ich bin dein Schutzengel“, sagte das Wesen, „und ich heiße Max. Was du da machst, ist nicht nur verboten, sondern auch sehr gefährlich“, sagte Max ziemlich grantig. „Du machst mir nichts als Schwierigkeiten, andauernd muss ich auf dich aufpassen, obwohl ich noch für weitere zwei Erwachsene und zwei Kinder zuständig bin. Ich hatte gerade mit zwei Mädchen genug zu tun, die auf Schiurlaub waren, und die Pisten waren so eisig und gefährlich, dass ich kaum eine Pause hatte“, schimpfte Max. „Gerade in dieser Zeit machst du so gefährliche Experimente.“
Robert wirkte tief beeindruckt. Er hatte schon oft das Gefühl gehabt, einen Schutzengel zu haben, aber mit ihm richtig reden zu können, überraschte ihn doch ziemlich. Er dachte kurz nach und überlegte, ob ihm nicht irgendwer einen Streich spielte. Er hatte ein paar Freunde, von denen einer ein sehr guter Schauspieler sein konnte und auf diese Weise schon einige besonders gelungene Streiche gespielt hatte. All das schoss ihm kurz durch den Kopf, als er sich Max genauer ansah. Aber die durchscheinende Gestalt schien echt zu sein, und durchsichtig machen konnte sich nicht einmal sein Freund Biber, der Schauspieler, den er als ersten verdächtigt hatte. Robert fasste schließlich seinen ganzen Mut zusammen und versuchte, Max zu widersprechen. „Wieso gefährlich, das Gegenteil ist der Fall, ich bin von zwei Leiden geheilt“, sagte Robert schließlich.
„Hast du eine Ahnung?“, sagte Max, „Du hast gerade eine Krümmung des Raumzeitgefüges verursacht und bist in ein höheres Universum gegangen, was bisher für lebende Wesen als unmöglich galt. Seit es Intelligenz und Bewusstsein gibt, entstehen zwar immer wieder neue Verzweigungen, die von den Menschen und anderen intelligenten Wesen gar nicht als Paralleluniversum erkannt werden. Wenn zum Beispiel Einstein als junger Mann bei einem Unfall oder Mordanschlag ums Leben gekommen wäre, würde es auf deiner Welt wahrscheinlich keine Atombomben geben und die Welt hätte eine ganz andere Entwicklung genommen. Du siehst also, dass das Leben sehr wichtig ist und natürlich beendet werden sollte. Auch dass jedes intelligente Wesen seine Fähigkeiten voll nützen sollte, da man nie weiß, welche Auswirkungen Tun oder Nichttun haben kann. Ein geschriebenes oder nicht geschriebenes Buch kann die Welt völlig verändern oder gar eine neue Welt schaffen. Es gibt inzwischen eine sehr große Anzahl von Universen mit höchst unterschiedlichen Eigenschaften. Dein Kristall hat nicht nur den Raum lokal verzerrt, sondern auch die Zeit, das macht es so gefährlich und unberechenbar. In einigen Universen ist Leben überhaupt nicht möglich. Andere sind von Monstern und anderen grauenhaften Wesen besiedelt. In manchen Universen herrscht ewiger Krieg. Es gibt gleich viele schlechte wie gute Welten, und nur ganz wenige sind für Menschen bewohnbar. Ich konnte dich gerade noch in meine Welt ziehen, sonst wärst du in einen brodelnden Vulkan gefallen, nämlich diesen, aus dem deine komischen Steine gekommen sind.“
„Was ist das für eine Welt, in die ich gerade geraten bin?“, fragte Robert, inzwischen sehr kleinlaut geworden.
„Das ist eine Zwischenwelt, diese Welt steht über den Parallelwelten. In dieser Zwischenwelt leben nur Menschen, die in deiner Welt bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, aber einen Aufstieg verdient haben.“
„Warum ist da aber auch Felix der Kater und wieso sind auch meine Unfallverletzungen verschwunden?“, fragte Robert schon etwas beruhigter.
„In dieser Welt gibt es keine Unfälle mehr, also auch keine Unfallverletzungen, darum sind deine Verletzungen auch hier verschwunden. Felix übrigens hatte auch einmal menschliches Bewusstsein, ist aber zur Läuterung eine kurze Zeit zurückgestuft worden. Er hieß einmal Sir Felix und musste deshalb einige Zeit als kastrierter Kater verbringen, weil er zu seiner Zeit ein Dienstmädchen verführt hatte und dann sitzen ließ. Schließlich hatte er aber ansonsten ein einigermaßen anständiges Leben geführt und ist dann auch an einer Art Verkehrsunfall gestorben.“
„Sind denn alle diese Wesen oder Menschen, so wie dieser vornehme König, bei Unfällen gestorben und du vielleicht auch?“, fragte Robert.
„Ja, so ähnlich ist es, und sie hatten allesamt Glück, denn sie waren im Grunde lauter gute Menschen und darum konnten sie sich auch den Verbleib aussuchen, bis ihnen ein neues Leben mit richtigem Körper wieder zur Verfügung stehen würde. Aber das wird immer schwerer, denn es gibt so viele verunglückte Menschen in letzter Zeit, so dass lange Wartelisten entstehen. Seit es Autos gibt und so schreckliche Waffen, werden wir hier richtig überschwemmt.“
„Also, der König im Kirschenbaum muss ja schon ewig hier sein – dauert es denn so lange, bis man wieder richtig leben darf?“, meinte Robert.
„Nicht immer“, sagte Max, „Das ist König Leopold, der ist schon über tausend Jahre hier und er will nicht wieder zurück, speziell dieser Kirschenbaum hat es ihm angetan. Er liebte schon zu Lebzeiten Kirschen über alles, aber so gute wie hier hatte er noch nie gesehen, außerdem gefällt ihm eure Welt gar nicht. Die Menschen haben seiner Ansicht nach keine Zeit mehr füreinander und denken nur mehr an Geld und sich selbst, das war zu seiner Zeit noch anders, da verbrachten die Menschen, und speziell er selbst, viel Zeit mit seinen Freunden. Sie überlegten unablässig, wie man die Welt besser und sicherer machen konnte. Es gab viele mutige Menschen und er galt als einer der Mutigsten, der auch nicht davor scheute, selbst sein Leben für eine gute Sache und die Menschen, die er liebte, einzusetzen.“
„Ich habe in der Schule gelernt, dass König Leopold plötzlich verschwand, aber von Unfall steht nichts in den Büchern.“
„Ist auch besser so“, meinte Max, „Er liebte nicht nur Kirschen, sondern auch die Berge. So wurden ihm diese auch bei einem Alleingang im Winter zum Verhängnis und er stürzte ab, er wurde dann ein paar Stunden später erfroren gefunden. Das ist aber kein wirklich rühmlicher Abgang für einen König, also ließen ihn seine Freunde offiziell verschwinden und begruben ihn still unter einem Kirschbaum. So ist eben Geschichte, Legenden und Wahrheit vertragen sich einfach nicht.“
„Hatte er denn keinen Schutzengel?“, fragte Robert.
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