Die Lilie der Nacht

Die Lilie der Nacht

Annika Schmidt-Römer


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 320
ISBN: 978-3-95840-582-0
Erscheinungsdatum: 21.02.2018
Leila ist die älteste von vier Schwestern, nach außen selbstbewusst, innerlich verunsichert. 15 Jahre, nachdem ihre Eltern spurlos verschwanden, tritt Jonathan in ihr Leben und stellt es auf den Kopf. Für Leila tauchen immer mehr Rätsel der Vergangenheit auf.
Danksagung

Da dies mein erstes Werk darstellt, möchte ich mich zuerst beim gesamten Team des novum Verlages bedanken, das mir die Möglichkeit gegeben hat, meinen Traum zu verwirklichen, und für die liebevolle Betreuung in dieser Zeit, in der alles noch ein komplett unbekannter Weg für mich war.
Vor allem möchte ich mich auf diesem Wege bei meinen Eltern bedanken, die stets für mich da sind und sich immer um mich sorgen, auch wenn sie es nicht müssten. Ich habe euch lieb!

Als Letztes möchte ich mich bei meinem Mann Norman bedanken. Mein Schatz, du bist meine zweite Hälfte, meine Seele und mein Herz. Du hast mich jederzeit in allem unterstützt, mich aufgemuntert, mich zurechtgewiesen, wenn ich falschlag. Ohne deine Unterstützung würde es „Die Lilie der Nacht“ nicht geben, und ich hätte den Schritt, das Buch zu veröffentlichen, gar nicht erst gewagt. Ich liebe dich!
„Die Lilie der Nacht“ ist außerdem allen geliebten Menschen gewidmet, die diese Erde leider viel zu früh verlassen haben. Ich werde euch alle niemals vergessen.



Prolog

Schon vor der Geburt versuchen Eltern ihren Ungeborenen Namen zu geben, die zu ihnen passen könnten. Bei einigen von ihnen soll sich der Namen als mehr als ideal herausstellen. Doch bei den meisten kann man anhand des Namens nicht auf den Charakter, geschweige denn das Wesen schließen.

Wir (meine drei Schwestern und ich) gehören wahrscheinlich zu den Ausnahmefällen, bei denen die Eltern erst die Namen gegeben haben und wir dann im Laufe der Jahre in diese hineingewachsen sind. Was nicht immer ganz leicht gewesen ist, zugegeben, aber irgendwie haben wir vier es ja dann doch geschafft. Mehr oder weniger.
Wir, das sind Beryl, genannt Berry. Sie ist die Zweitjüngste von uns vieren und somit eins unserer Küken in der Familie. Obwohl sie erst siebzehn ist, denkt sie, ihr gehöre die ganze Welt, und alles muss nach ihrer Pfeife tanzen.
Da ist sie bei Dawn, zweiundzwanzig genau an der richtigen Adresse. Sie studiert zwar momentan noch Wirtschaft und Deutsch auf Lehramt und ist deswegen kaum da, geschweige denn ansprechbar. Aber auf einen Kampf mit ihrer „kleinen“ Schwester lässt sie sich trotzdem nur zu gerne ein. Deshalb fliegen bei uns im Hause nur allzu oft die Fetzen. Zum Glück hat sich bislang dabei noch keiner verletzt – na ja, zumindest nicht ernsthaft. Wen wundert es auch. Ich meine, nicht jeder beherrscht die Flugrolle über Schrankbretter oder ist schnell genug, einer Blumenvase auszuweichen.
Unser Hausarzt, der uns ja bereits seit unserer Geburt kennt, grinst immer nur, wenn eine der McBeth – Schwestern mal wieder mit einem Bluterguss oder einer Schnittwunde (hervorgerufen durch Glasscherben) bei ihm in der Praxis auftaucht.
Die Dritte im Bunde ist Esmeralda (Spitzname: Mary), unser zweites Küken. Sie und Beryl sind Zwillinge, obwohl Berry immer darauf besteht, dass sie zwei Minuten älter und somit die „Große“ von den beiden ist. Tatsache ist auf jeden Fall, dass Mary das exakte Gegenteil ist: Besonnen, stets ehrlich, oftmals etwas zu skeptisch und misstrauisch gegenüber allem und jedem. Aber leider viel zu häufig in sich gekehrt. Probleme, Ängste und Sorgen macht sie grundsätzlich mit sich selber aus. Sie hält sich selber für unauffällig, unbedeutend und unwichtig, was sich jedoch noch als krasses Gegenteil herausstellen wird.
Und mein Name ist Leila, ich bin fünfundzwanzig, blond, blauäugig und nein! Nicht blöd, auch wenn das die vorab herrschende Meinung der Bevölkerung ist. Da unsere Eltern bereits „gestorben“ sind, als ich zehn Jahre alt war, habe ich die Mutterrolle übernommen und auf meine Schwestern aufgepasst. Sie wissen nicht, wie Fiona und Maximilian McBeth ums Leben gekommen sind. Wie denn auch? Ihre Leichen sind schließlich nie gefunden worden. Da es nie welche gab. Ich weiß, das Ganze klingt völlig unrealistisch und total abgehoben, aber so ist es nun einmal. Ich habe den dreien immer erzählt, sie wären bei einem Autounfall verunglückt, bei dem ihre Körper komplett verbrannt sind. Wie hätte ich ihnen denn auch erzählen sollen, was damals wirklich passiert ist?
„Es tut mir leid, dass ich euch all die Jahre angelogen habe, was unsere Eltern angeht. Mama und Papa sind nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen, sondern sie wurden in unserem Garten von einer dunklen Gestalt angegriffen, die geschwebt ist und aus deren Hand eine komische Kugel kam, die unsere Eltern getroffen hat. Ach ja, und Leichen gab es nicht, weil ihre leblosen Körper direkt nach dem Angriff verschwunden sind …“

Seien wir doch mal ehrlich: Wer würde so etwas glauben? Ich müsste wahrscheinlich Angst haben, dass meine eigenen Schwestern mich in eine Klapse einweisen lassen würden. Dann lieber die Version mit dem Autounfall.

Dennoch würde ich zwei Dinge gerne wissen:
Was ist damals wirklich geschehen?
Und warum träume ich seit diesem Tag fast jede Nacht denselben Traum?



Kapitel 1

Der Himmel verdunkelt sich, doch es gibt keine Sterne. Ein Licht erscheint, doch es ist nicht die Sonne. Der Boden bebt, doch es ist kein Erdbeben. Die Pflanzen brennen, doch es gibt kein Feuer …
Und zwischen all dem sitzt eine junge Frau, die Arme um ihren Körper geschlungen, Tränen kullern über ihre Wangen. Neben ihr liegen drei reglose Körper. Körper, die für immer ruhen werden. Körper, die geopfert wurden, um eine andere Person zu schützen.
Schluchzend blickt sie um sich. Erst schaut sie auf die leblosen Wesen neben ihr, dann auf einen Punkt im Himmel.
Während sie dies tut, verändert sich ihr Gesichtsausdruck:
Aus Furcht wird blanker Hass, aus Trauer wird Wut. Sie steht auf, wobei ihr eigener Körper sich anspannt. Die Hände ballen sich zu Fäusten und ein markerschütternder Schrei durchdringt die Stille.
„Neeeeeeeeeeeiiiiiiiiinnnnnnnnn!!!“
Dann wird die tiefe Dunkelheit von einer strahlenden Helligkeit abgelöst, die das ganze Gebiet zu durchfluten scheint. Die zerrissene Kleidung fällt von ihrem Leib und das eben noch hüftlange, goldblonde Haar, wickelt sich kokonartig um die junge Frau. Und umschließt diese komplett.
Aus Brusthöhe dringt ein Stein durch die Haarflut und verweilt vor ihr. Er glänzt so blau wie Meerwasser. Der Stein scheint von Sekunde zu Sekunde zu wachsen und nimmt dabei eine ovale Form an. Bis er von etwas silbern Schimmerndem umschlossen wird, sich teilt und beide Stücke beginnen entgegengesetzt zueinander um den Haarkokon zu fließen. Immer schneller. Und schneller. Bis sie plötzlich in einem Wasserwirbel (aus sämtlichen Blauschattierungen bestehend) explodieren.
Und so plötzlich wie die Helligkeit aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder, und die Frau steht nun in einer dunkelblau schimmernden, eng anliegenden Rüstung wieder auf dem Boden. Beide Hände vor dem Körper nach unten über Kreuz gerichtet, löst sie diese Haltung und zieht ihre Hände nach hinten weg. Wobei sich zwei Langschwerter bilden.
Ihre Augen, denen zuvor ganze Sturzbäche an Tränen entflohen waren, glühen nun plötzlich in hellstem Blau. Sie scheinen fast schon … golden zu glänzen.
Während sie ihre stahlblauen Augen nun wieder zum Himmel richtet, zeichnet sich dort deutlich ein rötlicher Schatten auf dem Hintergrund ab. Funken fliegen von ihm ausgehend auf die Erde und verbrennen alles, was sie berühren.
Die junge Kriegerin drückt sich vom Boden ab und schießt wie ein Pfeil nach oben. Als ihre Schwerter und der rote Schatten aufeinandertreffen, gibt es einen riesigen Knall, und der Traum bricht ab …



Kapitel 2

… An dieser Stelle wachte sie jedes Mal auf. Schweißgebadet und verwirrt. War es wirklich nur ein Traum? Diese Frage stellte sie sich immer häufiger, jedoch ohne jemals eine Antwort darauf zu erhalten.
Am Anfang kam er nur selten, höchstens ein- bis zweimal im Monat, dann ein- bis zweimal in der Woche, und inzwischen träumte sie fast jede Nacht das Gleiche, doch jedes Mal ein Stückchen mehr und immer etwas genauer:
Eine Frau kniete auf dem Boden, rundherum Dunkelheit und Stille. Drei reglose Körper neben ihr. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus, und nachdem sie sich in eine Art Kriegerin verwandelt hatte, erschien ein rötlicher Schatten am Himmel. Bis nach dem ersten Aufeinandertreffen der jungen Frau und des roten Schattens, war alles wie zuvor geschildert. Diese Nacht sah sie erneut ein paar Details mehr. Während die junge Kriegerin sich nämlich vom Boden abdrückte und wie ein Pfeil nach oben schoss –, die Hände mit jeweils einem Langschwert bewaffnet, über Kreuz vor dem Gesicht haltend, formte die unbekannte Gestalt mit ihren Händen eine Kugel, die in Sekundenschnelle auf die junge Frau zuschoss. Doch kurz bevor sie jene erreichte, flog diese aus dem Weg, wobei sich eine Art Lichtschleier um sie legte, der immer heller wurde. Einen kurzen Augenblick drehte sie ihren Kopf zur Seite. Und ihr Gesicht war zu sehen, wie durch eine Linse, aber stark verschwommen und unscharf. Das Einzige, was deutlich zu erkennen war, waren ihre hellblauen Augen, die irgendwie … golden aufschimmerten. Als eine Stimme durch den Nachthimmel ihres Traumes drang:
„Du bist die Letzte deiner verfluchten Sippe. Mit deinem Tod wird ein jahrhundertelanger Krieg zu Ende sein. Ein Krieg, aus dem meine Familie endlich als Sieger hervorgehen und herrschen wird.“
Und hier brach der Traum so abrupt ab, wie er begonnen hatte …
Was mit der Frau passierte, wer sie war und warum sie angegriffen wurde, lag noch heute, fünfzehn Jahre später, im Verborgenen.
Der nun stattfindende Ablauf war in all den Jahren schon fast zur Routine geworden, wie alles andere in ihrem Leben auch:
Leila verließ ihr Bett, blieb an den Türen ihrer Schwestern stehen, schaute bei jeder von ihnen hinein, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Danach ging sie die Treppenstufen im Dunkeln zum Wohnzimmer hinunter, jeder Schritt so vertraut, jede Stufe bereits Tausende Male genommen.
Dann öffnete sie die Terrassentür und eine kühle Brise streifte ihre Wange, ihre nackten Arme und lließ ihre langen blonden Haare und das Nachthemd sacht um ihren Körper wehen.
So gut wie jede Nacht träumte sie nun diesen Traum, und jedes Mal hatte sie das Gefühl, ein kleines Stück mehr zu sehen. Jedes Mal fühlte sie sich ein bisschen tiefer mit ihm verbunden. Schon längst war es nicht einfach nur ein Traum für sie. Nein, er war weit mehr als das. Doch warum verspürte sie bloß so eine starke Angst und eine so tiefe Wut, wenn sie aufwachte?
„Was hat dieser Traum zu bedeuten?“, flüsterte sie. „Mutter … Vater … was geschieht hier nur? Ich habe Angst. Bitte sagt mir doch, was hier los ist! Ich weiß nicht, ob ich noch lange die Kraft habe, um meine Schwestern zu beschützen. Die drei sind doch das Einzige, was ich noch habe.“ Und mit diesen Worten kamen dann auch die Tränen. Tränen, die sie jedoch nie in Gegenwart anderer zeigen würde. Und mit ihnen kamen die Erleichterung und das Wissen, dass sie nach all den Jahren voller Arbeit, Stress und des Alleinseins doch letzten Endes immer noch ein Mensch geblieben war. Und das, obwohl sie niemals auch nur die kleinste Anwandlung von Gefühlen in Gegenwart von anderen gezeigt hatte. Nicht, weil sie keine hatte, einfach nur … ja, warum eigentlich nicht? Um stark für ihre Schwestern zu sein, die sie nun mal brauchten und liebten. Genauso, wie sie ihre drei Schwestern über alles liebte und natürlich auch brauchte. Schließlich waren die drei Mädels die Einzigen, die Leila noch aus ihrer Familie hatte. Und auch wenn die ersten Jahre ohne ihre Eltern die Hölle auf Erden gewesen waren, wusste sie: Sie kann, nein! Sie würde es schaffen. Komme, was da wolle. Und sie hatte es schließlich ja auch geschafft. Obwohl es gerade in der Schule oft sehr eng für sie aussah. Mehr als einmal war sie dem Sitzenbleiben nur um Haaresbreite entronnen. Die Hausaufgaben spielten dabei natürlich eine sehr große Rolle. Doch wie hätte sie neben der täglichen Hausarbeit, den ständigen Versuchen zu lernen und der stets vorhandenen Angst, entdeckt zu werden, auch noch ihre eigenen Hausaufgaben erledigen sollen? Es war ja nicht so, als ob sie es nicht versucht hätte. Aber die Angst, dass, wenn sie in der Schule war und Dawn im Kindergarten, jemand bemerkt hätte, dass zwei kleine Kinder tagtäglich alleine zu Hause waren und (im Prinzip) niemand da war, der sie versorgte, saß einfach zu tief. Niemand, bis auf Undine. Einer kleinen Fee, unbekannten Alters und unbekannter Herkunft, die sowohl ihre Größe variieren, als auch eine menschliche Gestalt annehmen konnte. Wenn die Situation es erforderte und es absolut keine andere Möglichkeit gab. Und die gab es leider nicht, denn welche Alternative hätte sonst gepasst?
Ich mein, sie selber war zehn Jahre alt, ging in diesem Zeitraum erst zur Schule (dritte Klasse) und später dann Berufsschule, und machte nebenbei Aushilfsjobs in allen möglichen Läden.
Dawn war mal gerade sieben Jahre alt. Sie war einen Monat zuvor in der Vorschule eingeschult worden, arbeitete dann während der Schulzeit mehrere Jahre in etlichen Teilzeitjobs und ging danach zur Universität. Studieren, was sie ja heute noch tat.
Na ja, und die zwei Küken waren damals ein paar Tage vorher erst zwei Jahre alt geworden. Also noch fast Babys gewesen. Unschuldige, süße Kleinkinder, welche noch nicht mal laufen konnten. Beryl hatte gerade erst begonnen, sich an allen Gegenständen festzuhalten, an die sie kam, und sich daran hochzuziehen. Befand sich also gerade genau in der „Lauflernphase“, bei Eltern bestimmt sehr beliebt. Wenn man alleine daran dachte, was bei den vieren in der Zeit alles zu Bruch gegangen war, nur dadurch! Und hätte man herausgefunden, dass es gar keine Mutter und Vater gab, wären Esmeralda, Beryl und Dawn bestimmt gleich in ein Heim oder zu Pflegeeltern gekommen.
Einmal wäre es auch fast soweit gewesen. Das Jugendamt stand eines Tages schon in Form von zwei Sozialarbeitern mittleren Alters vor der Tür und wollte die vier Kinder gleich mitnehmen. Die damals erst vierzehn Jahre alte Leila dachte sich mehrere verschiedene Ausreden aus, bezüglich des Aufenthaltsortes ihrer Eltern, nur damit die beiden Männer ihre Schwestern in Ruhe ließen. Es half jedoch alles nichts.
Sie hatten die Kleidung und einige Lieblingsgegenstände der Mädchen bereits in Taschen gepackt und wollten nun die beiden Kleinsten gerade auf ihre Arme heben. Während Beryl anfing zu schreien, als ob sie gerade gelyncht würde, starrte Esmeralda ihren Träger, ohne ein Wort zu sagen, an. Mit großen Augen blickte sie zu ihm hoch. Und dann, als Leila gerade ihren Notfallplan in die Tat umsetzen wollte (der aus einem Überraschungsangriff mit der Bratpfanne bestand), setzte der Herr sie wieder sachte auf den Boden, wo sie sich zusammenkuschelte und einschlief. Während der Kollege nicht wusste, was er sagen sollte, drehte sich der ältere der beiden um, legte ein Schreiben auf den Tisch im Flur und rief den zweiten Herrn zu sich. Dieser schaute ihn immer noch an, wie ein Auto mit Fernlicht, folgte ihm aber auf dem Fuße. Leila nahm das Papier an sich, las es sich durch, blickte ihre jüngste Schwester kopfschüttelnd an und sortierte den Schrieb in einen Aktenordner unter „J“ wie Jugendamt ab. Seitdem Tag tauchte nie wieder einer vom Jugendamt bei ihnen auf. Auch die sonst regelmäßig im Briefkasten liegenden Vorladungen der örtlichen Sozialstation blieben seitdem aus. Fortan schwor sich Leila alles für ihre drei Schwestern zu tun, damit sie unbeschwerter aufwachsen und ein sorgenfreies Leben führen könnten.
Deshalb machte sie jahrelang alles mit sich selber aus, traf schwerwiegende Entscheidungen für die gesamte Familie und stand für sämtliche Fehler ihrer Schwestern ein, ohne je ein Wort des Zornes oder der Beschwerde zu äußern. Ihre einzige Verbündete war ihre kleine Schutzfee Undine, die sie immer auf Schritt und Tritt begleitete.
Undine gehörte zu den Wasserfeen, den Hydronas. Dieses Feenvolk lebte gewöhnlich an Gewässern und beherrschte das Element Wasser. Sie waren friedliche Wesen, vermieden Kriege und kämpften nur im Notfall. Undine war bereits – genau wie die anderen drei Feen Ava, Albina und Alexa – bei der Geburt ihrer Schutzbefohlenen dabei gewesen. Doch sie war die einzige der vier Feen, welche sich ihrem Schützling bereits offenbart hatte. In all den Jahren war aus dieser Beschützerinnen-Sache viel mehr als nur eine reine Aufgabe geworden. Sie waren inzwischen beste Freundinnen, da Undine immer für sie da war, ihr stets mit Rat und Tat zur Seite stand und sie selbst, was die Arbeit anging, mit guten Ideen unterstützte. Sie konnte wirklich über alles mit ihr reden. Na ja, fast alles, denn was den immer wiederkehrenden Traum anging, wusste selbst sie nicht Bescheid. Undine hatte ihr bereits des Öfteren erzählt, dass es einige Menschen auf der Welt gab, die über magische Kräfte verfügten, davon aber nichts wussten. Sie besaßen diese einfach. Nur redete keiner darüber. Warum auch? Sein wir mal ehrlich, wer würde einem auch schon glauben, wenn man ihm erzählte, dass man über magische Kräfte verfüge, die einem die Zukunft zeigten, Dinge herumschwirren ließen oder man in der Lage war, Gedanken und Taten anderer Menschen zu steuern? In der heutigen Zeit war alles, was nicht der Norm entsprach, unheimlich bis abnormal und wurde entweder totgeschwiegen oder, was noch schlimmer war, experimentell untersucht.
Bei Leila wäre es vermutlich genauso abgelaufen, wenn sie in ihrer Kindheit nicht den seltsamen Kampf in ihrem Garten mit eigenen Augen gesehen hätte, woraufhin wenig später Undine das erste Mal bei ihr aufgetaucht war. Sie wusste noch ganz genau, dass sie zuerst riesige Angst vor ihr gehabt hatte. Hätte bestimmt jeder, wenn die Eltern zuvor „umgebracht“ worden und dann plötzlich ihre Körper verschwunden waren. Und wenn dann noch eine winzige Frau mit Flügeln vor einem herumflog, die zu allem Überfluss auch noch dieselbe Sprache sprach wie man selber und leuchtete wie ein Stern, ich glaube, da würde jeder an seinem Verstand zweifeln und in Panik geraten, oder? Doch als Undine ihr in den letzten fünfzehn Jahren Stück für Stück die Geschichte des Feenvolkes und der damit zusammenhängenden Schützlinge offenbarte (zumindest, das, was sie selber darüber wusste), waren die beiden die dicksten Freundinnen geworden.
Auch dieses Mal war die Fee wieder für sie da. Sanft nahm sie Leila in die Arme (was dadurch möglich war, dass sie ihre Größe nach Belieben variieren konnte!) und strich ihr vorsichtig über den Rücken: „Du bist nicht alleine, Leila. Dawn, Beryl, Mary und ich sind immer für dich da“, flüsterte sie ihr leise ins Ohr, „du hast soviel für die drei getan, auf soviel verzichtet, damit es ihnen gut geht. Schau dir an, was aus ihnen geworden ist: Beryl ist eine selbstbewusste, junge Frau geworden (gut … manchmal etwas zu selbstbewusst), aber sie weiß genau, was sie will. Dawn studiert, ist Jahrgangsbeste und verdient sich ihren Lebensunterhalt selbst. Und Esmeralda ist ebenfalls Klassenbeste, sowie der Sonnenschein der Gegend, auch wenn sie kaum mit jemandem spricht. Alle drei Mädchen sind bildhübsch, genau wie ihre älteste Schwester … Deine Eltern wären stolz auf dich gewesen … genauso wie ich es auch bin.“ Versuchte die Wasserfee ihren Schützling aufzumuntern.
„Weißt du … manchmal frage ich mich nur, ob das alles noch lange gut gehen wird. Momentan läuft das Geschäft sehr gut, aber wie lange noch?“ „Leila …!“ „Und vor allem, wie lange werde ich meine Schwestern noch vor den Feinden schützen können? Wie lange werde ich sie noch aus dem Krieg heraushalten können?“ „Leila …!“ „Ich will nicht, dass sie daran beteiligt werden, ich will dass sie ein normales … ein menschliches Leben führen können … ich …“
„Leila, beruhigst du dich endlich mal?“, unterbrach Undine sie nun etwas brüsker.
„Ich meine, du hast alles getan, was du konntest, und tust es jetzt noch immer. Ohne jemals an dich dabei zu denken. Meinst du nicht, das reicht allmählich? Du musst endlich mal anfangen DEIN Leben zu leben, nicht für andere. Auch wenn es dir schwerfällt. Die drei lieben dich bedingungslos und werden es auch immer tun, und das ist doch das Wichtigste. Allmählich wird es Zeit, wieder ins Bett zu gehen. Denk dran, morgen geht es weiter mit deinem Chef und deinem neuen Kollegen. Das kostet dich mehr als genug Kraft. Also ab mit dir, meine kleine Leila“, bestimmte Undine nun und machte wieder das Licht aus.
Bevor sie jedoch ihrem Schützling nachflog, warf sie noch einen kurzen Blick zum Himmel. Der Mond leuchtete mit den Sternen um die Wette.
„Ihr wärt stolz auf sie – auf sie alle vier –, nicht wahr, Fiona?“, raunte sie dem Mond entgegen und flog zu Leila ins Schlafzimmer, wo diese bereits im Bett lag und wieder (zumindest äußerlich!) seelenruhig schlief.
Leise legte sie sich neben sie und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Nachts, im Schlaf, waren die einzigen Momente, in denen sie nicht gestresst und wie ein Workaholic wirkte, sondern einfach nur entspannt, zufrieden und glücklich schien. Diese Stunden wünschte sich Undine mehr als alles andere für Leila … für jede weitere Minute ihres Lebens.

Und wer weiß: Vielleicht konnte ihr neuer Kollege Jonathan dazu beitragen, dass ihre kleine Leila endlich, endlich wieder einmal bis ins Innerste glücklich war.

Und Glück nicht bloß nur ein Traum für sie blieb …



Kapitel 3


AM NÄCHSTEN MORGEN IN DER REDAKTION, PUNKT 7:00 UHR IM BESPRECHUNGSRAUM

„Leila, wir brauchen zur nächsten Woche einen Artikel über die unterschiedlichen Sichtweisen zu Gott. Kriegen Sie das hin?“, dröhnte die Stimme von Tom Hornwell, dem Redaktionsinhaber der „Time’s Hope“durch den Raum.
„Aber Chef, sollte das nicht lieber einer von uns erledigen? Ich meine, wir wissen doch alle, dass unsere geschätzte Kollegin aufgrund ihrer bisherigen Lebensweise wohl kaum in der Lage sein dürfte, diesen Artikel zu verfassen. Von der Professionalität mal ganz zu schweigen. Und genau das zeichnet doch unsere Redaktion aus: Professionalität. Also sollte ihn nicht besser jemand übernehmen, der … sagen wir mal … fähiger dazu wäre?“, warf Jon Weiler ein.
„Wer kompetent ist und wer nicht, das entscheide noch immer ich, sehr geehrter Herr Mitarbeiter. Und ich glaube, mich rühmen zu dürfen, dass ich unsere Zeitung, so wie sie jetzt existiert, immer gut vertreten habe, und was Kompetenz angeht, habe ich in meinem bisherigen Leben auch stets richtig gelegen. Deshalb bin ich hier auch der Chef, und nicht sie. Und um noch mal auf unsere geschätzte Mitarbeiterin zurückzukommen: Ich habe sie eingestellt, weil ich von ihren Fähigkeiten in Bezug auf das Verfassen von exzellenten Berichten überzeugt bin. Und ich sie alles in allem achte und die junge Dame nicht nur auf ihre körperlichen Fähigkeiten reduziere, obwohl diese wahrscheinlich alles bisher erlebte bei Weitem in den Schatten stellen würden“, konterte Tom Hornwell, wobei seine Augen gierig leuchteten.
„Ich danke ihnen für ihr Vertrauen, Herr Hornwell, aber ich bezweifle, dass Sie jemals meine körperlichen Fähigkeiten beurteilen werden können. Da ich meine Arbeit und mein Privates strikt trenne, können wir diesen Punkt von der Tagesordnung streichen und zu dem zurückkommen, weswegen wir alle hier sind: unserer Arbeit. Ich denke, das dürfte auch in Ihrem Interesse sein. Oder sehe ich da etwas falsch, sehr geehrter Herr Vorgesetzter?“, erwiderte sie gelassen.
Mit einem zuckersüßen Lächeln wendete sie sich an Herrn Weiler, der sie noch immer mit einem bitterbösen Blick bedachte.
„Meinetwegen …“, brummte dieser noch mieser gelaunt als am Anfang der Besprechung. „Also gut, Fräulein McBeth. Dann übernehmen Sie diesen Artikel. Jonathan wird Ihnen dabei bestimmt sicher gerne zur Seite stehen.“ Mit einem kurzen Blick wendeten sich die Anwesenden zu ihm um.
„Wie Sie alle wissen, handelt es sich bei diesem jungen Mann um unseren neuen Kollegen. Und ich denke, es wäre am besten, wenn er in die treuen, fürsorglichen Hände einer unserer … ähm … fähigsten Mitarbeiter übergeben wird. Und von dieser ein paar nützliche Tipps erhält. Oder wie sehen Sie das, meine Liebe?“, fragte der Chef übertrieben höflich, wobei sein Grinsen immer länger wurde. Nur allzu bewusst, dass es sich hierbei um eine Falle handelte, beschloss Leila, auf gar keinen Fall klein beizugeben.
Gefasst und möglichst kühl versprach sie: „Ich werde mein Bestes geben, damit unser neuer Kollege sich hier schnell einarbeitet und möglichst bald zu einem Mitglied unserer großen, glücklichen Redaktionsfamilie wird.“
„Das freut mich sehr zu hören, meine Liebe“, erwiderte er betont schleimig, „da dieses Problem ja bereits gelöst ist, sprechen wir nur noch schnell die heutigen Tagesthemen durch, und dann nichts wie ran an die morgigen Berichte. Damit alles rechtzeitig fertig ist und die Maschinen es nur noch über Nacht auszudrucken brauchen.“

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