Science Fiction & Fantasy

Die Legende der Schwarsz'schen Kinder

Vivien Vetter

Die Legende der Schwarsz'schen Kinder

Wie alles begann

Leseprobe:

Kapitel 1
Zwei Narben kennzeichnen mich



Hast du dich schon einmal einsam und verlassen gefühlt? Schuld an so vielem, was du nicht wolltest? Verwirrt und allein auf dich gestellt, zurückgelassen? Ja? Dann wird dir meine Geschichte zeigen, dass das Schicksal dich verschont hat. Aber es beginnt nicht hier, meine Geschichte fängt vor mehreren Millionen Jahren an …Als die Welt erschaffen wurde, erstreckten sich zwei Lebewesen über sie: die Tyrannen und die Kristalliten. Beide wurden mit Gaben beschenkt, wie der Macht, das Wasser oder die Erde zu kontrollieren, unsichtbar zu sein oder die Gestalt von Tieren annehmen zu können. Die Kristalliten nutzten dies, um zu helfen und zu überleben, sie schätzten es sehr und gaben es auch zurück. Sie verletzten oder aßen weder Personen noch Tiere. Die Tyrannen hingegen waren herrschsüchtig und eitel. Sie töteten aus Lust und ernährten sich ausschließlich von purem Blut und Eingeweiden. Igitt! Durch den Gedanken, stärker sein zu wollen und alles zu kontrollieren, gelang es ihnen, mein Volk zu versklaven. Jahrhundertelang waren unsere Kräfte gleichgesetzt wie die der Tyrannen, und wir konnten uns nicht wehren. Doch eines Tages gebar Viola Schwarsz den ersten Drachen. Und nein, ihr dürft hier nicht an Drachen wie Drachen mit Flügeln denken. Der Drache ist ein Gen, das von der Königin an ihre vierte Tochter weitergegeben wird. Es ist eine Art Narbe, die sich seit Geburt an der linken Hand befindet. Wer den Drachen besitzt, bekommt nicht wie normale Personen ein bis zwei Kräfte, nein, die Person bekommt alle, die es gibt. Und als wäre dies nicht genug, kann sich der Träger auch in einen riesigen Drachen eines Elementes verwandeln. Kurz gesagt, wer die Narbe hat, ist außergewöhnlich und außerdem sehr stark. Ja, auf jeden Fall war Lilli die erste dieser Art. Es dauerte siebzehn schmerzhafte und ungewohnte Jahre, bis sie es kontrollieren konnte. Immerhin können Schmerzen erstens auch Schaden an einem Körper verursachen und zweitens … sagen wir einfach, es gibt nicht nur gute Kräfte. Aber zurück zur Geschichte. Lilli war nicht nur stark und anders als die anderen, sondern auch überzeugend. So gelang es ihr, das Volk der Kristalliten davon zu überzeugen, sich gegen die Sklaverei zu wehren. Lilli Schwarsz stellte sich auf einen Felsen und rief zu dem Herrscher der Tyrannen: „Wir sind nicht eure Slaven. Ich und mein Volk haben das Recht auf Freiheit. Und wenn wir es nicht mit Worten regeln können, so werden wir kämpfen und siegreich unseren Weg in Richtung Horizont einschlagen.“ Tritonus, der übrigens der damalige Anführer war, belustigte sich darüber und spottete höhnisch: „Mit welcher Macht wollt ihr mich und mein Heer besiegen? Schon über hundert Jahre hattet ihr diese die Macht nicht, es mit uns auf zu nehmen. Wieso solltet ihr sie jetzt haben?“ Aufgrund dessen begann ein Kampf, wie es keinen zuvor gab. Am Ende des Tages gaben sich die Tyrannen geschlagen, und die Kristalliten waren das erste Mal seit Jahren wieder frei. Lilli führte das Volk über die Berge durch das Meer und über weite Graslandschaften, bis sie einen schönen Ort fanden, um dort eine Stadt zu errichten. Lilli wurde noch am selben Tag zur ersten Königin der Kristalliten gekrönt. Die Jahre vergingen, Lilli wurde groß und bekam nach einigen gewonnenen Schlachten den Beinamen: die Peitschenschwingende. So kannte sie jeder mit der Narbe und einer Peitsche in der Hand. Nur so ’ne kleine Randinformation: In keiner Schlacht wurde auch nur ein Tropfen Blut vergossen, zumindest von unserer Seite aus, und ich weiß nicht, wie sie das geschafft haben. Lilli hatte ihre Peitsche eigentlich aus einem ganz anderen Grund. Weil Peitschen einen lauten Knall machen, wurden sie verwendet, um Alarm zu schlagen. Ja, das war eigentlich der Grund, warum sie eine Peitsche bei sich hatte. Auf jeden Fall konnten die Tyrannen ihnen nichts mehr anhaben. Auch die folgenden Generationen lebten in Freiheit. In den nächsten Jahrhunderten kam es zu vielen Schlachten. Aber es änderte sich nichts. Bis die Tyrannen anfingen ihre Kräfte nicht mehr zu nutzen, sondern ihren Verstand zu verwenden. Die Tyrannen entwickelten Waffen und Hightechgeräte, um uns zu besiegen. Über viele Jahre hinweg wurden die Kämpfe ausgeglichener und ausgeglichener. Und irgendwann fiel es den Kristalliten schwer, die Tyrannen abzuhalten.Nach der heroischen Schlacht am Lucis-Fluss beschloss Rawen Schwarsz, meine Oma, unterzutauchen, um unseren Aufenthaltsort geheim zu halten. So kam es zu einer Völkerwanderung. Unsere neue Stadt liegt auf einer Insel in einer Höhle auf dem Meeresgrund, den man nur erreicht, wenn man von einer Klippe springt, nachdem man das Labyrinth durchquert hat. Ja, komplizierter geht es echt nicht mehr. Die Stadt bekam den Namen Kristallia. Unter meiner Oma wurde dann auch der Palast fertiggestellt. Es ist ein wunderschöner Ort, fragt mich nicht, wie, aber wir haben da sogar Sonnenlicht. Nein, fragt nicht, hat viel mit Magie zu tun, und das ist ein kompliziertes Thema. Aufgrund dessen haben wir eine Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Einen Nachteil hat es jedoch: Alle zehn Jahre haben wir einen Frostwinter, bei dem Temperaturen bis zu minus tausend Grad möglich sind. Darum haben wir unser Schloss so groß gebaut, um alle Kristalliten und alle Tiere dort unterzubringen. Der Palast hat nämlich eine magische Schutzschicht, welche allerdings nur auf einem kleineren Platz funktioniert. Deshalb verfügt darüber einzig das Schloss und nicht das ganze Dorf. Natürlich ist es dort auch kalt, aber so, dass man überleben kann. Für einige ist es deutlich schwerer, mit der Kälte auszukommen als für andere. Das hat hauptsächlich damit zu tun, welche Kraft du als Erstkraft hast. Wenn man Feuer als Kraft hat, reagiert man stärker auf die Kälte als jemand mit dem Grundelement Wasser oder Eis. Bevor ich von mir erzähle, möchte ich noch etwas über meine Mutter Chantal sagen. Sie ist der bisher einzige Kristallit, der keine Pulchersträhne in den Haaren hat. Eine Pulchersträhne bekommt man mit der ersten Kraft. Zum Beispiel, wenn deine erste Kraft Erde ist, dann hast du eine braune Strähne, wenn deine Erstkraft hingegen Wind ist, dann ist die Strähne weiß. Je nachdem welche Kraft man erhält, hat man die entsprechend farbige Strähne. Aber nur bei der ersten; wenn man mehrere Kräfte bekommt, hat man trotzdem nur eine. Würde ziemlich lustig aussehen, wenn man jetzt braune Haare, eine weiße, eine blaue und eine rote Pulchersträhne hätte. Auf jeden Fall hat meine Mutter keine, sie bekam auch keine Kräfte, obwohl sie den Drachen besaß. Anders als ihre vier Brüder. Wer sich jetzt denkt: Du hast doch gesagt, dass immer das vierte Kind den Drachen bekommt. Ja, ja, ja, regt euch nicht auf. Wie kann das jetzt also sein, dass Chantal das fünfte Kind ist, aber den Drachen besitzt? Ganz einfach: Zwillinge zählen als eins. Wie schon gesagt hat sie vier Brüder, worunter Jing und Jang Zwillinge sind. Dann gibt es noch Santalus und Detrebus. Letzterer verließ seine Familie, um sich den Tyrannen anzuschließen. Verräter! Aber bis jetzt haben wir noch keinen Krieg führen müssen. Also hat er unseren Standort nicht verraten. Hoffe ich mal. Das klingt jetzt gemein, aber meine Oma hatte genug Probleme mit meiner Mutter. Eine Mutter sollte nie ein Kind bevorzugen, meine Oma tat es nicht, doch sie machte sich schon ziemlich viele Sorgen um meine Mutter. Es ist nämlich eine schlimme Krankheit, seine Kräfte nicht zu bekommen. Wow, keine Kräfte zu haben ist ja so schlimm. Lasst mich erklären: In unserem Körper steckt das Gen Dilizium, und wenn es sich nicht entfaltet, kann es möglich sein, dass sich die Organe abschalten. Weil das Gehirn denkt, der Körper sei tot. Unsere Gaben sind wie ein Lebenszeichen. Und wenn man diese nicht bekommt, kann das wie gesagt tödlich enden. Da meine Mutter den Drachen besitzt, musste sie überleben, was sie auch tat. Wäre sie gestorben, wäre der Kreislauf der Drachen zerstört, und es wäre nie eine weitere Person geboren worden, die diese Fähigkeiten hätte. Mit siebenundzwanzig Jahren bekam sie ihre Kräfte, und nicht eine Kraft nach der anderen, nein, alle gleichzeitig. Niemand weiß, welche die erste Kraft war. Ist aber auch egal. Irgendwann wurde Chantal die Königin von Kristallia und führte die glänzende Währung ein. Diese besagt, man bezahlt mit Obstkernen. Und das Obst bekommt man meistens von den Bauern gratis. Wieso heißt es die „glänzende Währung“? Gute Frage. Unsere Obstkerne bestehen aus etwa siebenundneunzig Prozent Kristallen: Apfelkerne sind Rubine, Traubenkerne hingegen Smaragde. So werden diese verwendet, und niemand muss hungern. Tolles System, oder?Jetzt wo ihr die Vorgeschichte kennt, lasst uns mit meiner Geschichte beginnen. Mein Name ist Assenav Selin Sära Evoschelinn Nadia Aleksandria Victoria Vivea Vanessa Vella Bluesky Schwarsz. Langer Name! Passt nirgends vollständig drauf. Aber es hat ein System, denn du hast einen Familiennamen, einen Eigenschaftsnamen und einen Erstnamen, welcher die Anzahl festlegt. Denn jeder Buchstabe deines Erstnamens ist der Anfang eines Namens, und in der Mitte stehen drei Namen, die jeweils mit den letzten Buchstaben deines Erstnamens anfangen. Ich habe keine Ahnung, wie man auf so ein übertriebenes System kommt, aber zum Glück nennt man mich bei meinem ersten Namen oder bei einem Spitznamen. Ich habe wie meine Mum blonde Haare. Jedoch besitze ich eine blaue Pulchersträhne, also Wasser. Mich kennzeichnen ebenfalls saphirblaue Augen und der Drache an meiner linken Hand. Mein Vater hat immer gesagt, wenn er mir in die Augen sieht, sieht er alle Hoffnung des Universums. Über ihn kann ich euch fast nichts erzählen, er starb schon sehr früh, wegen mir. Aber dazu später, was ich sagen kann, ist, dass er ein sehr gerechter, netter, neutraler und beliebter König, Ehemann und Vater war. Von meiner Mutter habe ich euch ja schon erzählt. Und da Chantal Königin ist, komm ich nicht drum rum, Prinzessin zu sein. Und nein, so ein Leben hat nicht nur Vorteile. Ich könnte mich jetzt weit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass es fast mehr Nach- als Vorteile hat. Wie schon gesagt habe ich den Drachen, was bedeutet, dass ich das vierte Kind bin. Ich habe noch drei ältere Schwestern: Black Windown, Aral und Aras. Black Windown ist die Älteste. Sie hat kurze weiße Haare mit einer lila gezargten Strähne an den Stirnfasern. Was bedeutet, sie hat Blut als Kraft. Was bedeutet, sie kann den Körper anderer kontrollieren. Gruselige Kraft, wenn ihr mich fragt. Auch ihre Augen sind lila und strahlen Zielstrebigkeit aus. Ich habe viel Respekt vor ihr, wenn nicht schon ein wenig Angst. Ich weiß nicht ganz, wieso. Na ja, sie hat einen ziemlich düsteren und versteckten Charakter. Was auch ein Grund sein könnte, ist Folgendes: Wir spielen nicht mehr zusammen, früher hatten wir Spaß gehabt. Aber seit Vaters Tod geht sie mir ziemlich aus dem Weg. Black Windown hatte ein Geheimnis, welches sie nur meinem Vater verraten hatte, sie sagte es keinem anderen. Ja, sie ist in letzter Zeit sogar noch mysteriöser und versteckter. Hoffentlich wird das sich bald ändern, sodass sie wieder mit mir redet. Die Zweitgeborene ist Aral. Sie ist elf und zwei Jahre jünger als Black Windown. Sie hat lange braune Haare und eine feuerrote Strähne. Aber sie hat keine roten Augen, falls ihr das dachtet, nein, Aral hat braune Augen. Sie wirkt sehr tapfer und furchtlos, aber wenn man sie genauer kennt, weiß man, dass Aral der größte Angsthase der Welt ist. Du darfst sie aber trotzdem nicht unterschätzen, wenn sie wütend ist, macht sie einem richtig Feuer unterm Hintern. Aral ist allgemein eine sehr hilfsbereite und freundliche Person, sie bringt mir oft was bei. Das meiste habe ich zwar in zwei Minuten wieder vergessen. Aber na ja. Jetzt bleibt nur noch eine Schwester übrig: Aras. Sie ist etwa zwei Jahre älter als ich, und damit neun. Aras hat schulterlange hellbraune Haare, eine grüne Strähne und braungrüne Augen. Sie ist, um ehrlich zu sein, die Schwester, mit der ich am meisten Zeit verbringe. Es könnte daran liegen, dass der Altersunterschied nicht so groß ist, oder daran, dass wir uns am besten verstehen. Aras ist wie ich sehr mutig und verspielt. Na ja, das mit dem „mutig“ könnte man bei mir auch weglassen, aber das werdet ihr eh merken. Wir sind einfach noch kleine Kinder. Aras ist wie Aral schön gebräunt. Black Windown und ich sind schneeweiß. Und egal wie oft ich rausgehe, ich würde nicht brauner werden. Hat auch was mit meiner Erstkraft zu tun.Jetzt wo ihr meine Familie ein bisschen kennt, werde ich euch über meine Kindheit erzählen. Bis zu meinem zweiten Lebensjahr ist nichts sehr Spannendes passiert. Aber mit ca. zweieinhalb Jahren bekam ich meine erste Kraft: Wasser. Was für viele Bewohner ein Schock war. Wieso? Normalerweise bekommt man seine erste Kraft mit etwa sieben oder acht oder noch später, ab mit zehn Jahren könnte es gefährlich werden. Wenn man diese früher bekommt, ist man ein Frühspächer. Die gelten allgemein als schwächer, pessimistischer, und sie geben sehr leicht auf. Ja, aber ich kam gut damit klar. Was ich nicht verstand, war, dass ich viel wärmeempfindlicher wurde. Ich verbrannte mich an allem Möglichen, Essen, Gegenständen, der Sonne. Auch meine Körpertemperatur ging in den Minusbereich. Zuerst dachte ich, ich wäre krank, doch dann bekam ich raus, dass das normal war für einen, der Wasser als Erstkraft hatte, immerhin gehört Wasser zu Eis. Logisch! Es änderte sich einiges innerhalb dieses Jahres, ich fing an mich sehr für den Winter und die Kälte zu interessieren, ich war so froh, wenn es schneite, und verbrachte gefühlt den ganzen Tag im Garten. Was mir dann zum Verhängnis wurde. Es war ein Dienstag, und der Frostwinter begann. Ich spielte in meinem Zimmer mit einem knallpinken Ball. Ich hatte vor Kurzem laufen gelernt, und als ich den Schnee von meinem Fenster sah, konnte ich nicht anders, als rauszulaufen. Meine Familie, das heißt Vater, Mutter und älteste Tochter, halfen den Bewohnern in das Schloss zu kommen, Zimmer zu beziehen und so weiter. Ich ging, so schlau wie ich war, raus ins Dorf, weil es dort mehr Schnee gab. Es wurde schnell kalt und noch viel kälter. Bevor ich wusste, wie mir geschah, konnte ich nichts mehr sehen. Es kam ein Sturm auf, und der Schneefall wurde dichter, so dicht, dass ich nicht mal meine eigene Hand erkennen konnte. Mein Vater checkte alle Bewohner, dass ja keiner fehlte. Aber ich fehlte; er bemerkte es, rannte schnell hinaus und suchte. Es wurde ein Wettlauf gegen die Zeit. Mittlerweile wurde selbst mir kalt, und ich versuchte zurück nach Hause zu kommen, jedoch habe ich jegliche Orientierung verloren und konnte nichts mehr sehen. Das sage ich immer, wenn mich jemand fragt, was ich getan habe, aber in Wirklichkeit war es anders. Okay, ich war drei, fast vier und wollte einfach nur einen Schneeengel machen, und mich kümmerte es nicht, dass ich nichts mehr sehen konnte. Bis mich mein Vater fand; er nahm mich in seine Arme und lief mit mir davon. Es war schon so kalt, dass die Fenster zersprangen. Ich hörte es, aber das war auch das Einzige. Mein Vater hatte sich, glaube ich, verlaufen, denn er sah sich nach allen Richtungen um, lief aber nicht weiter. Mir war so megakalt, ich zitterte am ganzen Körper. Dad musste es bemerkt haben, denn er zog seinen Mantel aus und wickelte mich in ihn. Ich sah, dass er Hoffnung schöpfte. Denn das Schloss wurde beleuchtet, sodass man es sah. Mein Vater rannte los, an vielen Häusern und schon gefrorenen Regentonnen vorbei. Als wir eine lange, steile Straße überquerten, rief ich: „HALT!“ Meine Ohren vernahmen nämlich ein süßes kleines Miau. Jeder wäre weitergelaufen, wenn man selbst erfror, aber mein Vater nicht. Er hörte es auch und rannte in diese Richtung. Nach ein paar Minuten fand er das Kätzchen. Sein Fuß klemmte fest, und es konnte nicht entkommen. Dad legte mich kurz hin und hob den Ziegelstein auf. Ich sah, wie sich sein Schweiß vereiste. Er packte das Kätzchen und steckte es zu mir in den Mantel. Dann hob er mich auf, zog mir seine Kappe an und lief weiter. Ich wusste, das Tor würde nicht ewig offen bleiben. Wir hatten es fast geschafft. Dad sprang mit letzter Kraft durch das Tor, das gleich hinter uns geschlossen wurde. Ich fiel mit mächtiger Wucht auf den Boden. Etwas benommen setzte ich mich hin, Dad nicht, er blieb liegen. Ich lief zu ihm hin. Hören konnte ich, wie er aufstöhnte; ich war noch jung, trotzdem konnte ich es an seiner Stimme erkennen, wie weh ihm die Kälte tat. Ich wusste nicht, was tun und umarmte ihn einfach. Sein Herz schlug, das konnte ich hören. Ich lag die ganze Zeit auf der Höhe; als wir zum Schloss liefen, hörte ich die ganze Zeit das Klopfen und spürte seinen Atem. Wie auch jetzt. Dad strich mir mit seiner Hand durch die Haare. Diese war wie der Rest seines Körpers eiskalt. Dann legte er seinen Arm um mich und sagte mit stotternder Stimme: „Tu … tu das nie wieder … es tut … mir leid … auf Wiedersehen.“ Ich wusste nicht, was er damit meinte, wollte er alleine in den Urlaub reisen? Er wurde still, und er schloss seine Augen. In diesem Moment hatte ich aufgehört nachzudenken, was er meinte, und sah ihn an. Etwas war anders, nein, etwas fehlte. Das Klopfen, es war verschwunden. Verzweifelt suchte ich seinen Herzschlag, fand ihn aber nicht. Ich spürte, wie sich meine Tränen sammelten, und ich fing an zu weinen. Verzweifelt versuchte ich ihn wachzurütteln. In der Hoffnung, dass Dad aufwachen würde. Das tat er aber nicht und wird es auch nie tun. Als ich mich umsah, bemerkte ich, wie alle um uns herum anfingen auch zu weinen. Aral kam zu mir und zog mich von Dad weg. Ich versuchte mich zu wehren, mich an ihm festzuhalten, ich wollte ihn nicht loslassen. Aber sie war stärker. Aral trug mich auf mein Zimmer. Ich weinte immer noch, wollte zurück, aber sie hielt mich fest. Ich umarmte sie fest, so fest, dass ich ihr Herz spüren konnte. Als wir in meinem Zimmer waren, setzte sie mich in mein Bett. Erst da sah ich, dass sie auch weinte. Anders als ich versuchte sie ihre Trauer zu unterrücken. Als sie gehen wollte, rief ich: „Was ist mit Papa?“ Sie drehte sich zögerlich um. Versuchte immer noch nicht zu weinen. Aral kniete sich vor mir hin, so, dass wir auf Augenhöhe waren. Sie umarmte mich, dann hielt sie mich an den Schultern. Nun konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und fing auch an zu weinen. Sie sah zerbrochen aus, nahm aber einen Arm und wischte sich die Tränen weg: „Du musst jetzt stark sein. Papa wird für eine lange Zeit nicht hier sein.“ Ich sah sie an und wusste, dass es eine sehr lange Zeit sein würde. Ihre Augen waren wie meine, tränenunterlaufen. Ich wollte fragen, ob ich ihn jemals wiedersehen werde, brachte aber kein Wort heraus. Es war so, als ob ich einen Kloß im Hals stecken hätte.Nach einer Weile ließ sie mich alleine. Weinend legte ich mich ins Bett. So traurig wie jetzt war ich noch nie. Auf einmal bemerkte ich etwas Weiches. Es streifte sanft mein Kinn, und zuerst wusste ich nicht, nach was es sich anfühlte. Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, was das war. Ich trug ja immer noch Dads Mantel. Und in diesen Mantel war ja das Kätzchen, das wir gerettet hatten. Es miaute sanft, kroch aus dem Mantel hervor und kuschelte sich in meinen Arm. Sein weiches Fell munterte mich irgendwie auf. Ich fing an dieses kleine Geschöpf zu streicheln, und es fing an wohltuend zu schnurren. Das Kätzchen war das Letzte, was Dad mir gegeben hatte, also hatte es für mich einen großen Wert. Ich stand auf, lief zu einem Spielzeug-Arztset und holte einen Verband heraus. Aral hatte mit mir oft Arzt gespielt, damit ich wusste, was ich tun muss, wenn ich mir etwas breche. Obwohl, wenn ich genauer darüber nachdenke, werde ich sicher nicht klar denken können, falls ich mir was breche. Dann würde ich eher einfach nur weinen. Mit einem Holzstäbchen stützte ich den verletzten Fuß. Dann band ich den Verband darum. Weil ich nicht wusste, wie festmachen so, dass es hält, klebte ich noch eine Schicht Tixo drum rum. Um ehrlich zu sein, sah es sehr komisch aus, aber ich hatte noch ein größeres Problem. Wie sollte es heißen? Es war ein Jahreszeitenkätzchen der Winterkategorie. Es hatte schön weiß-blau getigertes Fell. Ich sah nachdenklich aus dem Fenster. Es schneite immer noch draußen und zwar sehr, sehr viel. Jetzt könnte man super eine Schneeballschlacht machen. Das war es, so kam ich auf den Namen. Von nun an hieß das Kätzchen Schneeball.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-99064-770-7
Erscheinungsdatum: 18.11.2019
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