Science Fiction & Fantasy

Die Baumflüsterin

Sarah Fuchs

Die Baumflüsterin

Leseprobe:

Moosverziert und unentdeckt lagen sie da, die Felswände der Ahnen. Seit vielen Tag- und Nachtgleichen verborgen in den Wäldern, die schon dort gewesen waren, als die Erde unter den Füßen ihres Volkes noch jung gewesen war. Nathani war es nur recht, dass die heiligen Felsen ihr Geheimnis nicht sofort preisgaben. Sie hätten zu viel unerwünschtes Gesindel an diesen heiligen Ort gelockt. Nach dem Wandel der Welt war das Vermächtnis der Ahnen und ihrer aller Mutter nicht mehr sicher. Es gab nur noch wenige, die um die Weisheit wussten. Als sie selbst noch ein junges Mädchen gewesen war, war dieser Ort von den Priestern und Priesterinnen gepflegt worden, von denen sie nun eine der letzten zu sein schien. Zumindest hatte sie viele, viele Mondphasen keine mehr erblickt. Bilder tauchten aus dem Nebel des Vergessens an der Oberfläche ihres Bewusstseins auf. Schnell schritt sie voran, um ihre Gedanken hinter sich zu lassen. Zu schmerzlich waren die Erinnerungen und sie brauchte ihre Kraft für den langen Weg, der noch vor ihr lag.
Sie war vor drei Sonnenaufgängen aufgebrochen und würde wohl auch noch drei weitere brauchen, bis sie ihr Ziel erreichte. Erfasst von unerklärlicher Unruhe und Angst war sie nachts erwacht. Einer Eingebung folgend war die Priesterin aufgebrochen, eine Entscheidung, die sie fast bereute. Die nasse Kältemachte ihren alten Knochen zu schaffen und die Hungersnot dieses Frühjahrs hatte sowieso ihre Spuren hinterlassen. Hinzu kam, dass sie zu lang keine solch eindringliche Nachricht mehr erhalten hatte, als dass sie dieser in vollem Maße zu vertrauen wagte. Trotzdem war sie aufgebrochen und klammerte sich nun an ihren Wanderstab, wie an ihre Hoffnung, das Richtige zu tun. Die kleine Frau warf sich entschlossen ihre zwei langen, ergrauten Zöpfe über die Schulter und ging noch rascher als zuvor. Sie fühlte sich zur Eile gedrängt, obwohl sie keine Angst vor den Kreaturen des Waldes hatte. Dennoch sagte ihr ein unbestimmtes Gefühl, dass die Zeit knapp war und das Leid groß. Sie würde es bald wissen.
Zwei Sonnenaufgänge war es nun her, dass Nathani die heiligen Felsen passiert hatte. Zu ihrer Überraschung konnte sie bereits Rauch durch den lichteren Waldrand erkennen. In kurzer Zeit würde sie das Lager des Otterklans erreicht haben. Üblicherweise lagerten die Otter um diese Jahreszeit eine Tagesreise von hier und sie war gespannt den Anlass zu erfahren. Bevor sich der Wald so sehr lichtete, dass man ihre Erscheinung wahrnehmen konnte, ordnete sie noch einmal ihre langen, schlichten Kleider, ihren Halsschmuck, der sie als Priesterin auswies, und atmete tief durch. Das Ansehen, das man ihr früher entgegengebracht hatte, gab es in solcher Form nicht mehr. Es wich inzwischen eher Ehrfurcht und Angst und das war Nathani lieber als Verachtung. Zu sehr hatten sich die Priester und Priesterinnen vor langer Zeit gegen den Wandel gestellt, ihre Mutter Erde aufzuteilen, sie einzuzäunen und ihr Gesicht mit Narben zu bedecken. Ein Klan nach dem anderen war sesshaft geworden und hatte die alte, bewährte Nomadenlebensweise aus Bequemlichkeit und vorübergehender Not aufgegeben. Sie wusste genau, dass es ohne Wandel keine Entwicklung geben konnte, die die Welt in ihren Fugen hielt. Trotz alldem hatte sie damals ein ungutes Gefühl gehabt und nicht nur sie allein.Bei diesem Gedanken fing sie an zu lächeln.
„Du wirst langsam alt, meine Liebe. Vor langer Zeit … damals …“, sagte sie zu sich selbst und wurde sogleich wieder ernst. Die Situation war nicht ungefährlich. In früherer Zeit war sie immer mit offenen Armen empfangen worden. Nach dem heutigen Stand konnte sie nicht einmal einen Grund nennen, weshalb sie überhaupt gekommen war. Man konnte sie viel zu leicht als Unheilbringerin verdächtigen. Demnach musste sie ihre Worte mit Bedacht wählen. So lange war sie nicht mehr unter Menschen gewesen und sie fürchtete die Begegnung mit dem Häuptling. Doch es gab eine Person, die ihr noch viel gefährlicher werden konnte. In dem Moment, als sie an diese dachte, bemerkte sie Unruhe im Lager. Eine Menschenmenge fand sich zusammen, teilte sich wieder und kam erneut zusammen. Und da sah sie ihn laufen, eingehüllt in fremdländischem, schwarzem Tuch, reich bestickt. An seinem Gürtel baumelten allerhand Beutelchen.
„Klein und krumm ist er geworden.“ Sie sagte es mit leiser Bitterkeit in der Stimme, die sie von sich selbst nicht kannte.
Es mussten gut 25 Tag- und Nachtgleichen vergangen sein, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er hielt mit forschem Schritt auf eines der neuen Rundhäuser zu, eine Annehmlichkeit der Sesshaften. Wie es aussah, wurde Ban bereits erwartet und mit dem Fallen der Felle am Rundhauseingang verschwand er in der Dunkelheit des Gebäudes.
Die Menschenmenge, bestehend aus Männern, Frauen und Kindern jeden Alters, warteten mit unterschwelliger Unruhe vor dem Rundhaus im östlichen Teil des Lagers. Die schlichte Farbe des blauen Waids auf Haut oder Kleidung kennzeichnete ihre Zugehörigkeit zum Otterklan. Nathani steuerte genau auf das Haus zu, in dem Ban vor wenigen Augenblicken verschwunden war. Sie hielt so lange jede Aufmerksamkeit von sich fern, wie sie es für nötig erachtete. Das war einer der ersten, aber auch einer der nützlichsten Zauber, die Nathani in ihrer Ausbildung zur Priesterin gelernt hatte. Wenige Atemzüge, bevor die alte Frau die Massen erreichte, zog sie wie ein Magnet die Blicke der Menschen auf sich und schien fast durch sie hindurch zu schweben. Die Symbole aus Holz an ihrer Kette schlugen leicht aneinander und gaben einen seltsam fremden, aber melodischen Klang von sich. Nathani wusste, dass sie in diesem Moment größer und unwirklicher aussah, als sie im Grunde war. Diesen Moment der Verblüffung musste sie nutzen. Durch die Klanmitglieder hindurch, die wie von selbst eine Gasse bildeten, konnte sie den Häuptling erkennen. Aus dem kleinen Uhn war ein stattlicher, außerordentlich großer Mann geworden. Der Kampf hatte seine Muskeln gestählt und in seinem Blick lagen Härte, Distanz, aber Gerechtigkeit. Die Zeichnungen auf seinen sonnengebräunten Armen wiesen ihn als Häuptling aus und wurden teilweise von braunen Locken bedeckt, die ihm leicht über die Schulter fielen. Als er Nathani erblickte, weiteten sich seine braunen Augen vor Überraschung und Unglauben. Er verschleierte die Gefühlsregung schnell und unbemerkt mit einem Zucken seines Schnurrbartes und ließ sich von seinen Männern flankieren, die mit den Händen an ihren Steinäxten deutliche Warnungen aussprachen.
Leandri war mit ihrem Wissen am Ende. Sie konnte der jungen Frau nicht mehr helfen. Als Hebamme des Klans mit viel Erfahrung stand sie nun da und musste hilflos mit ansehen, wie diese außergewöhnliche Frau starb. Sie bezweifelte, dass ihr Klanpriester Ban helfen konnte. Das Gebären von Kindern war Frauensache und normalerweise waren Männer nicht zugelassen. Er mochte bei der Heilung große Fähigkeiten besitzen, aber konnte er einer werdenden Mutter helfen, deren Kind verkehrt herum im Mutterschoß lag? Die Sonne war bereits einmal auf- und untergegangen und die junge Frau mit ihrem Haar wie Getreide in der Sonne lag noch immer in den Wehen. Ihre Haut unter den blauen, filigranen Zeichnungen war aschfahl und bereits kalt. Sie hatte aufgehört zu bluten und die Wellen des Geburtszyklus wurden schwächer. Wer hätte gedacht, dass ihr solch ein Schicksal blühte. Vor rund sechs Mondzyklen war die geheimnisvolle Frau über das große Wasser, nicht weit vom Lager, zu ihnen gekommen. Man hatte sie dort aufgelesen und wieder gesund gepflegt, nachdem sie das Wasser fast mit sich fortgerissen hatte. Sie war von hoher Gestalt und erstaunlich heller Haut. Leandri war keine Priesterin der Göttin und doch war sie überzeugt davon, dass diese Frau eben jene sein musste. Die eingeritzten Zeichen ihrer Haut sprachen eine deutliche Sprache, obwohl die Geisterfrau in anderen Zungen sprach als sie. Und dennoch hatten sie viel voneinander gelernt. Leandri hatte sie mit dem Gebrauch einheimischer Kräuter vertraut gemacht und die Frau, die anscheinend Haladri genannt wurde, hatte sie Neues an Heilmethoden gelehrt. Obwohl der Klan Fremden gegenüber misstrauisch war, hatte Haladri auf geheimnisvolle Weise, Anerkennung und Respekt erworben. Nicht zuletzt dadurch, dass sie viele Klanmitglieder während der Frühjahrshungersnot vor dem Übertritt in die nächste Welt bewahrt hatte. Diese junge Frau besaß große Macht und nur die Göttin wusste warum. Sie war wie die Priesterin, die dem Klan so viele Tag- und Nachtgleichen gefehlt hatte. Nun war der Tag ihrer größten Sehnsucht und Freude gekommen der ihres Todes. Leandri saß am Rand des Bettes, welches mit Fellen gepolstert war, und hielt ihrer Freundin die Hand. Haladri versuchte den Blick auf sie zu richten, konnte aber weder die Augen offen halten noch gezielt in eine Richtung blicken. Vergebens befeuchtete die Hebamme ein Stück Stoff, um der jungen Frau sanft den Schweiß von der Stirn zu wischen. Ban war dabei, einen Tee zu kochen. Sie wussten alle, dass es sinnlos war. Doch auch er musste seine Hände ablenken. Das Rundhaus war lediglich durch das Feuer unter dem dampfenden Kessel beleuchtet und trotz alldem konnte sie die Verzweiflung des Heilers sehen. Er hatte sein Bestes gegeben, denn Leandri wusste, dass auch er Haladri sehr mochte. Angst erfasste ihr Herz und legte sich darum, wie eine steinerne Faust. In diesem Moment bündelte sich Leandris Aufmerksamkeit, wenn auch mühsam. Es gab einen kleinen Tumult am Ausgang hinter dem Vorhang, der ihrem Blick verborgen blieb. Im selben Augenblick wurden die Felle energisch, aber sanft zur Seite geschoben und die Silhouette einer hoheitlichen Frau bildete sich vor dem Licht der Sonne ab. Diese verweilte kurz am Eingang und trat dann, gefolgt vom Häuptling, ein. Letzterer schien außergewöhnlich blass zu sein, aber darauf konnte Leandri jetzt keine Aufmerksamkeit verwenden. Die Offenbarung des Frauengesichtes, als diese sich dem Feuer näherte, traf Leandri wie ein Schlag. Sie konnte nicht einmal mit der Wimper zucken, als sich die alte Priesterin ihr und dem Bett näherte. Ihre Züge waren hart von Wissen, aber weich von Weisheit. Fließend, wie Wasser, glitt Nathani zu der gebärenden Frau und schenkte Leandri einen kurzen, wiedererkennenden und freundlichen Blick. Die beiden Frauen hatten sich einst gut gekannt und Leandri hatte Nathani schon immer heimlich bewundert und tat es noch. Früher hatte die weise Frau in ihrem Klan gelebt und ihm gedient. Nach der Revolution der Lebensweisen, die aus dem Land der aufgehenden Sonne gekommen waren, hatten sich die meisten Priester und Priesterinnen abgewandt und zurückgezogen. Nur einige waren geblieben, wie zum Beispiel Ban. Genauso gab es einige Ausnahmen im Volk der vielen Klane, die heimlich immer noch die zurückgezogenen Priester aufsuchten, wenn diese es wollten und sich niemand im Klan selbst befand, der helfen konnte. Der Rat der Klanführer hatte damals Priester, die Bedenken an der neuen Lebensweise öffentlich geäußert hatten, verbannt. Der Ackerbau brachte einfach zu viele Vorteile. Leandri entriss sich ihren Gedanken und beobachtete ängstlich, wie die Hände der Geisterfrau über der jungen Frau schwebten. Deren Körper regte sich mit einem Mal und sie öffnete ihre meeresblauen Augen und sah Nathani unverwandt ins Gesicht. Die beiden Frauen sprachen nicht und kommunizierten dennoch in der Sprache des Herzens, wie sie nur von den Priesterinnen der Welt beherrscht wurde. Erstaunt sah Leandri zu, wie sich die junge Frau aufrichtete und eine Hand der alten Priesterin auf ihren Bauch legte. Ihr eindringlicher Blick ließ die weise Frau verstehen. Leandri hätte zu gern gewusst, was sie sich einander zu sagen hatten. Nathani begann nun eine ausgiebige Untersuchung und bat sie, nebenbei alles für die Geburt des Kindes bereitzuhalten. Ungläubig starrte sie die Geisterfrau an, doch diese brachte sie mit einem Blick auf den Weg. In diesem Moment fing Ban an, sich zu regen. Leandri hatte ihn völlig vergessen.
„Wir werden deine Hilfe benötigen.“ Nathani hatte die Worte mit freundlicher Distanz gesprochen. Es war nicht zu übersehen, dass zwischen beiden einmal eine engere Bindung bestanden haben musste.
Der große, schlanke Mann, in dessen dunklen Haaren und ordentlich gestutzten Bart sich bereits silberne Fäden zeigten, näherte sich der Priesterin mit verständnisvollem Blick. Auch er schien, trotz aller zurückliegenden Ereignisse, froh über die Hilfe einer so erfahrenen und mächtigen Frau zu sein. Als Priester und Priesterin würden sie die Mächte besser im Gleichgewicht halten und so besser kontrollieren können. Leandri hatte inzwischen mit geschickten und geübten Handgriffen alles Nötige bereitgestellt. Die Priester stellten sich dicht nebeneinander an das Lager der jungen Frau und ließen die Hände über deren Bauch schweben. Leise, aber eindringlich begannen uralte Worte zu fließen, die sich vollkommen Leandris Verständnis entzogen. Sie wusste nicht, ob die Luft in dem Rundhaus anfing zu sirren oder ob sie einfach nur zitterte. Spätestens als ihr schwindelte, wusste sie, dass hier eine gewaltige Macht beschworen wurde, die sie sich nicht einmal in ihren Träumen gewagt hätte, vorzustellen. Wie gebannt, hielt sie den Blick auf die junge Einwanderin gerichtet und augenblicklich setzte der Geburtsvorgang wieder ein. Immer schneller werdende Wehen durchzuckten Haladris Körper. Die Stimmen der Priester erhoben sich zum Gesang und verschmolzen miteinander. Eine besonders starke Welle zeigte sich an der Oberfläche des gewölbten Bauches und Leandri erkannte, dass das Kind soeben seine Position geändert hatte. Unter die Beschwörungen mischten sich nun die Schreie Haladris. Sie wurde links und rechts unter den Armen gepackt und von den Priestern aus dem Bett in die bekannte Hockstellung gebracht. Haladri musste furchtbare Qualen erleiden, aber es war seltsamerweise nicht zu übersehen, dass sie es auch so wollte. Leandri meinte, sich sogar einzubilden, dass sie dankbar war. Das kleine Mädchen glitt ohne Probleme in die Arme der Hebamme und es lebte! Das Sirren stoppte augenblicklich und die verbrauchte Luft wurde kalt. Der Säugling atmete gleichmäßig und konnte kräftig schreien, der Göttin sei Dank. Erschöpft und erleichtert zugleich legten die Priester die junge Frau behutsam auf das Lager. Leandri wickelte das Kind fest in eigens für es angefertigte Tücher und übergab das Bündel, mit Tränen in den Augen, der sterbenden Mutter.
Haladri streckte ihre Hände mühsam nach dem Kind aus und wiegte es voller Liebe und Zuversicht in ihren Armen. Ein Lächeln kam über ihre blassen Lippen. „Dies ist ein guter Tag für einen Eintritt in diese Welt. Die Sterne verheißen Gutes.“ Ohne den verblüfften Gesichtern um sie herum Beachtung zu schenken, küsste sie ihr Kind. Haladri musste still, allein durch das Zuhören ihre Sprache erlernt haben. Sie besaß fast keinen Akzent.
Ban trat erneut an ihr Lager. „Dies ist auch ein guter Tag, um in die nächste Welt zu gehen, Haladri.“ Er legte seine großen, schlanken Hände auf ihre zierlichen. „Wir werden uns gut um deine Tochter kümmern. Die Göttin möge uns strafen, wenn nicht.“
Zwischen ihren pfeifenden Atemgeräuschen hörte man ein leises Lachen. Haladri legte ihre Hand auf die Wange Bans. „Ich weiß, mein Freund. Ich weiß. Und nicht nur ihr.“
Ban nahm diese Antwort kurz irritiert zur Kenntnis, fasste sich aber gleich wieder. Die junge Priesterin neigte leicht ihren Kopf, sodass sie an Ban vorbeischauen konnte, um Nathani herbeizuwinken. Dies bereitete ihr bereits unheimlich Mühe. Sanft, aber mit der Kraft, die sie noch aufbringen konnte, zog sie Nathani auf ihr Lager. Ihre Augen duldeten keinen Widerspruch. Und so legte sie ihre Tochter in die Arme Nathanis. Mit ihrem letzten klaren Blick sah sie der alten Priesterin in die Augen und sagte nur „Yuha“.
Nathani schien zu verstehen, wickelte das Kind eng in ihre Gewänder und verließ das Rundhaus rasch. Leandri glaubte, ihre Augen glitzern zu sehen. Ehe sie begriffen hatte, was geschehen war, eilte Ban Nathani lautstark hinterher. Leandri verstand, dass er das Kind der Frau nicht hergeben würde, die er wie eine eigene Tochter behandelt hatte. Auch der Häuptling, der sich bis eben respektvoll zurückgehalten hatte, lief nach draußen. Stimmen wogten vor dem Haus, wie das tosende Meer. Haladri stöhnte und Leandri musste zusehen, wie die junge Frau wütende, eindringliche Worte sprach, die nicht nur ihr durch Mark und Knochen zu gehen schien. Im nächsten Augenblick schien sie eine fremde Aura zu umgeben. Leandri konnte es mehr fühlen als sehen. Sie erhob sich voll fremder Kraft von ihrem Lager. Leandri versuchte das Blut nicht zu beachten, das an den Beinen der schönen, jungen Frau herunterrann. Ja, sie war noch immer schön wie die Sonne. Ganz versteinert spürte sie die fremde Präsenz, die ihr aber keine Angst einflößte. Die Hebamme folgte dem Wesen aus dem Rundhaus auf den Vorplatz. Dort hatte sich bereits ein Gewitter über den Köpfen, aber auch zwischen den Menschen zusammengebraut. Aufgebracht hatte sich die Menge um die alte Priesterin zusammengerottet und drohte handgreiflich zu werden. Einzig und allein die Angst vor der alten Frau hielt sie im Zaum. Vorneweg standen Ban und der Häuptling. Während Ban wütend gestikulierte, versuchte Uhn möglichst diplomatisch das Gespräch zu lenken, was ihm aber nicht gelang. Leandri wusste, Diplomatie hatte keinen Sinn. Hier herrschten die Gesetze der Götter! Der Körper, der einst Haladri gehört hatte, schob sich in ihr Sichtfeld. Als das Wesen zu sprechen begann, regte sich der Wind um das Lager herum. Um genau zu sein, konnte Leandri nicht sagen, ob die Frau sprach oder ob es das Gewitter war, was da grollte. Mit einer herrischen Geste brachte diese alles und jeden zum Schweigen, der schweigen sollte. Leise wispernd ging sie auf Nathani zu, die Yuha immer noch fest an sich gedrückt hielt. Mit einem strahlend schönen Lächeln, nicht von dieser Welt, bedachte das Wesen das Kind mit einem Blick. Dann berührte es die alte Priesterin sacht an der Stirn, bis in Nathanis Augen Erkenntnis erwachte. Der Wind wurde stärker und wirbelte lose Gegenstände durch die Gegend. Doch niemand rührte sich. Auch Ban, der getobt hatte, konnte nichts tun. Er war wie gebannt. Als Leandri wieder Gewalt über sich hatte, bemerkte sie gerade noch, wie Nathani im Nebel verschwand, der aus dem Nichts wallte. Donner ließ die Erde erbeben. Das Wesen drehte sich im Kreis, den die Menschen immer noch bildeten. Ließ den Blick von einem Dorfmitglied zum anderen wandern, bevor es die Arme erhob und lächelnd, vom Blitz getroffen, zu Asche zerfiel.

Vaille erwachte mit dem grellen Aufflackern eines Blitzes, der von ihrem Traum bis in die Wirklichkeit reichte Als sie bemerkte, dass sie sich im Hier und Jetzt befand, ließ sie sich entspannt lächelnd zurück in ihre Kissen sinken. Sie liebte Gewitter, vorausgesetzt sie befand sich sicher und wohlbehütet im Haus. Diesmal tobte nicht nur ein Gewitter, sondern auch die wilde bretonische See vor ihrem Fenster. Diese würde sie heute Nacht mit Sicherheit nicht mehr schlafen lassen und so knipste sie das Licht auf dem kleinen Nachtschränkchen neben dem alten Holzbett an. Sonst gab es nicht viel an Mobiliar in diesem Gästezimmer, das ein wenig muffig roch. Und doch war Vaille froh, die Isomatte und den Schlafsack eine Nacht gegen ein echtes Bett eintauschen zu können.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 298
ISBN: 978-3-95840-226-3
Erscheinungsdatum: 22.05.2017
EUR 17,90
EUR 10,99

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