Cover: Der Weg der Sterne

Der Weg der Sterne
Die Mission


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 98
ISBN: 978-3-7116-1688-3
Erscheinungsdatum: 27.08.2026
Ein altes, immer wieder neues Thema: Was ist der Sinn, wohin führt unser Weg? Bemerkenswerte Ansichten, erstaunliche Einsichten, lebendige Begebenheiten fügen sich zu einem Mosaik, zu überraschenden Erkenntnissen – ein frisches, lesenswertes Buch.
Uriel flog durch die tiefe schwarze Nacht. Der Leitstrahl führte ihn nach Archaica. Gelegentlich blitzte es abseits seines Weges in etlicher Entfernung auf. Er registrierte es ohne innere Beteiligung. Das System führte ihn sicher durch die Galaxien. Es war ein etwas beschwerlicher Weg und ein umständliches Reisen im Universum. Seit dem Einstieg hinein über das Wurmloch bei einer Supernova nahe dem Zentrum des Andromedanebels ging es nur noch mit Lichtgeschwindigkeit voran. Außerhalb, in den Weiten von Multiversien, gab es diese Beschränkung natürlich nicht. Bis an die Grenze des Universums war er per Express gereist, in Gedankengeschwindigkeit. Die Annehmlichkeiten des Soforttransfers waren auch ihm noch verwehrt, aber vielleicht würde sich auch diese Tür bald für ihn öffnen, möglicherweise sogar schon, wenn er seine Mission erfolgreich beendet haben würde. Mit Erstaunen hatte er kürzlich, in Vorbereitung der Mission, Kenntnis davon erlangt, wie weit man sich schon in Archaica dieser Art des Reisens theoretisch genähert hatte. Mit großem Interesse hatte er den Artikel von „Einsteins Spuk“ aufgenommen, der sein Verständnis der Vorgänge beim Soforttransfer deutlich vertieft hatte, da es auch für ihn zuvor ziemlich undurchsichtig gewesen war. „Wie schnell ist sofort?“, wird da zunächst gefragt. Weiter heißt es:
„Physiker haben diese Frage jetzt in einem Experiment untersucht. Ergebnis: Der mysteriöse Informationsaustausch zwischen verschränkten Photonen, von Einstein als „spukhafte Fernwirkung“ verspottet, ist 10.000-mal schneller als das Licht. Mindestens.“
Der Physiker Nicolas Gisin ist schonungslos ehrlich, wenn er über sein jüngstes Experiment spricht: „Ehrlich gesagt, das Ganze ergibt keinen Sinn.“ Er habe keine schlüssige Erklärung für das, was er und seine Kollegen von der Universität Genf beobachtet haben. Gisins Team hat versucht, die Geschwindigkeit der sogenannten spukhaften Fernwirkung zu messen. So hat Albert Einstein das nicht nur ihm mysteriös erscheinende Phänomen der Quantenverschränkung bezeichnet. Es besagt, dass die Quantenzustände zweier Teilchen auch in großem Abstand voneinander identisch sein können, so als stünden sie permanent in Verbindung. Ändert das eine Teilchen seinen Zustand, so geschieht dies augenblicklich auch bei dem anderen – so die Theorie der Verschränkung. Die Frage ist, wie so etwas überhaupt möglich sein soll. Reist die Nachricht über den geänderten Quantenzustand mit unendlicher Geschwindigkeit von einem Teilchen zum anderen? Dies würde der von Einstein entwickelten Relativitätstheorie widersprechen, nach der sich nichts schneller als das Licht ausbreiten oder bewegen kann.
Mit einem Experiment haben Gisin und seine Kollegen nun versucht, die Geschwindigkeit der Quanteninformation zu bestimmen. Die Physiker erzeugten in ihrem Genfer Labor Paare miteinander verschränkter Photonen und schickten sie in entgegengesetzter Richtung durch jeweils 17,5 Kilometer lange Glasfaserkabel. An deren Endpunkten, in den beiden Schweizer Dörfern Satigny und Jussy, erreichten die Photonen jeweils ein Messgerät, ein sogenanntes Interferometer. Das Ergebnis der 24 Stunden nonstop laufenden Messungen: Stets erreichten die Photonen gleichzeitig ihr Ziel, und stets waren sie miteinander verschränkt.
Welche Früchte das Projekt jetzt schon trägt, dachte Uriel beeindruckt. Dafür allein hat es sich bereits gelohnt. Nun allerdings bestand seine, Uriels, schwierige Aufgabe in der grundsätzlichen Prüfung des Archaica-Projektes. Würde es fortbestehen, oder sollte es eingestellt werden? Es gab alarmierende Entwicklungen und bedrohliche Vorfälle. Vor 5 Milliarden Jahren war der Startschuss gefallen für die aktuell laufenden Projekte. Er kannte sie nicht alle, aber er wusste von verschiedenen anderen, wie Harmonica, Darkness oder Technologica. Archaica war von Anfang an das vielversprechendste Projekt gewesen. Es war in einem Sonnensystem in der Peripherie der Milchstraßen-Galaxie angesiedelt, einem kleinen Randteil des Universums. Vor fast 14 Milliarden Jahren war es eher ein Zufall gewesen, dass Sirko das gesamte Universum geschaffen hatte. Beim Experimentieren mit hyperdichten Strukturen war ihm ein fataler Fehler unterlaufen, der auch ihm persönlich zum Verhängnis geworden war. Sicher war seit ewigen Zeiten kein Energiewesen mehr zu Schaden gekommen, aber seit damals hatte sich die Spur des genialen Sternen-Ingenieurs in den Weiten von Multiversien verloren.
Die Sicherheitsvorkehrungen bei seinem Experiment hatten sich als unzureichend erwiesen. Es war seine Aufgabe gewesen, eine Umgebung für die bereits seit langer Zeit geplanten Projekte zu entwerfen. Allerdings kam es dann aufgrund des Unfalls, von dem man heute allgemein nur noch als „Urknall“ redet, zu einem unkontrollierten, chaotischen Start des Universums. Es dauerte schließlich noch weitere 9 Milliarden Jahre, bis im Universum alle Rahmenbedingungen eingerichtet waren, die dann erst den Start der Projekte ermöglicht hatten. Erschwerend kam hinzu, dass es sich beim Universum um ein dynamisches, sich auch gegenwärtig noch ständig erweiterndes System handelte, nicht wie ursprünglich geplant um ein konstantes im Rahmen fester Grenzen. In dem Zusammenhang vermutete man auch den Verbleib von Sirko hinter dem ständig weiter expandierenden Universum in der Richtung, in der eine Eindämmung der Expansion nicht gelungen war. Auch dies war eine Herausforderung für die Energiewesen gewesen. Schließlich aber war es ihnen gelungen, die bedrohliche Ausdehnung des Universums zumindest teilweise einzudämmen.
Das ursprüngliche Ziel bei der Einrichtung der Projekte war es gewesen, in verschieden angelegten Quasi-Realsystemen Prozesse ablaufen zu lassen, die wichtige Schlüsse und Empfehlungen für die künftige Gestaltung der eigenen Entwicklung in Multiversien liefern sollten.
So war eine der ersten wichtigen Aufgaben gewesen, die Isolation der verschiedenen Projekte voneinander sicherzustellen, um Wechselwirkungen zu vermeiden und unverfälschte Ergebnisse zu erhalten. In diesem Zusammenhang hatte sich die vor Beginn der Projekte konzipierte Geschwindigkeit des Lichtes als maximal erreichbare Geschwindigkeit im Universum gut bewährt. Ein Kontakt zwischen den einzelnen Projekten konnte so bisher erfolgreich vermieden werden. Aber auch in späteren Phasen der Projekte konnte verschiedentlich durch Nach- bzw. Feinjustierung verschiedener Parameter gute Ergebnisse erzielt werden. Eine Beschleunigung der Abläufe ohne Beeinträchtigung ihrer Qualität wurde zum Beispiel beim Projekt Archaica erfolgreich getestet und dann als Standard für die anderen Projekte übernommen. Noch in einer relativ späten Phase nämlich gab es in Archaica unter anderen einen Protagonisten Methusalem. Hier erwiesen sich die 969 Jahre, die ihm an Lebenszeit zugemessen waren, als zu lang und unnötig. Durch Telomerase-Beeinflussung wurde die Entropie deutlich erhöht, wobei im Ergebnis bei späteren Protagonisten eine Lebenszeit projektiert wurde, deren obere Begrenzung deutlich unter 100 Jahre lag. So wie Uriel das verstanden hatte, war es hierbei darum gegangen, die Länge der Telomere, der Endkappen der Chromosomen (des Erbmaterials), auf einen bestimmten geringeren Wert zu setzen. Die Telomere waren für die Zellteilung von entscheidender Bedeutung, und bei jeder Zellteilung wurden sie immer kürzer. Nach einer Anzahl von Zellteilungen, entsprechend etwa 100 Lebensjahren bei den Menschen war dann wegen der Kürze der Telomere keine weitere Zellteilung mehr möglich und damit verbunden keine Regeneration, wodurch über kurz oder lang der Tod der einzelnen Individuen eintrat.
All dies ging Uriel durch den Sinn auf seiner Reise. Aufmerksamen Beobachtern vom Projektinneren in Archaica hätte sie als intensive Neutronenstrahlung auffallen können, aber selbst wenn, würde dies nur als ein Phänomen im Zusammenhang mit einer Supernova-Explosion erkannt worden sein.
Er wollte die verbleibende Zeit bis zur Ankunft nutzen und das ihm zur Verfügung stehende Material noch einmal sichten. „Was war schiefgelaufen?“ Von Anfang an war alles gut eingerichtet gewesen. Ein genial konzipiertes, sich selbst regulierendes und regenerierendes System mit einer riesigen Artenvielfalt. Im Gegensatz zu Harmonica, wo alle Wesen in Harmonie miteinander lebten, war Archaica in Form einer Nahrungskette eingerichtet, wie dies auch in Multiversien ursprünglich der Fall gewesen war. Dem unermesslichen Leid der Kreaturen, das systemimmanent hier unvermeidbar war, standen die bedeutenden, rasanten Fortschritte gegenüber, die auch in Multiversien verzeichnet worden waren, wo aber mittlerweile ein markanter Rückgang eingetreten war. Bisher konnte sich niemand die Gründe hierfür genau erklären. Umso mehr wartete man auf neue Ergebnisse von den laufenden Projekten.
Zu Projektbeginn hatte man ein-, zweimal einen Neustart des Systems vornehmen müssen. Das mit den Sauriern war dabei eher ein Testlauf gewesen, ob das System an sich funktionsfähig ist. Dann, später, war noch dieser zweite Neustart erforderlich mit der Sintflut.
Schon hier waren erste grundlegende Fragen aufgekommen. Wie konnte das mit der Schlange passieren bei Adam und Eva im „Paradies“, und das mit Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Es war doch für alles gesorgt und allen hätte es gut gehen können. Das „erwählte Volk“, die Juden, umtanzte letztendlich das goldene Kalb, statt fromm dem einzigen Gott zu dienen. Gut, es war etwas theatralisch von Ola gewesen, sich dem Menschensohn Moses als brennenden Dornenbusch zu zeigen und ihn mit lauten Drohgebärden beeindrucken zu wollen. Andererseits hatte er als leitender Bio-Ingenieur bei der Gestaltung des Systems hervorragende Arbeit geleistet. Wie jedoch konnte es letztendlich zu dem schrecklichen Sodom und Gomorrha kommen? Schließlich waren die Menschen doch nach dem Vorbild der Energiewesen konzipiert worden. Das Entscheidende war, so glaubte man allgemein, sie waren gut. Immer und immer wieder wurde es ersichtlich. Ja, sie wollten das Gute. Aber wieso scheiterten sie dennoch ständig?
Genau dies war auch der Grund für Uriels aktuelle Reise. Die Lage hatte sich wieder zugespitzt wie damals, kurz vor der Sintflut. Eine drohende Krise war zwar gemeistert worden. Die nukleare Selbstzerstörung schien abgewendet, aber die Bewohner auf Archaica, die Menschen, hatten mit der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen eine Entwicklung in Gang gesetzt, die auf eine Klimakatastrophe zusteuerte. Man konnte natürlich dagegen vorgehen. Mit dem Ausbruch des Supervulkans im Yellowstone-Nationalpark zum Beispiel konnte kurzfristig Abhilfe geschaffen werden. Die Lavaasche würde, hoch in die Atmosphäre geschleudert, die Sonne für lange Zeit verdunkeln und auf diese Weise für eine „kleine Eiszeit“ sorgen. Diese Vorgehensweise war im Laufe vergangener Jahrhunderte schon mehrere Male praktiziert worden, um unliebsame Entwicklungen zu korrigieren. Jetzt wäre damit auch eine akzeptable Lösung gefunden, um gegen die besorgniserregende Temperaturerhöhung im Rahmen der Klimaveränderung vorzugehen. Wie oft aber sollte man noch eingreifen, um eine Entwicklung zu korrigieren? Wie viel Geduld würde der große Rat der Energiewesen noch aufbringen für das Archaica-Projekt? Offenbar gab es ein grundsätzliches Problem, und Archaica wäre nicht das erste Projekt, das als gescheitert erklärt worden wäre. Neutronensterne standen für jedes Projekt zur Zerstörung bereit. Sie waren auf die einzelnen Projekte ausgerichtet und es bedurfte nur der Initialisierung, um den tödlichen Neutronenstrahl „abzuschießen“. Das war die Standardprozedur, wenn ein Projekt als gescheitert erklärt worden war. Uriel wusste dies, aber nein, er würde das Projekt nicht kampflos aufgeben. Er musste dieses Mal ganz genau hinsehen, und er musste den Fehler finden. Er würde sich einen einfachen Protagonisten per Zufallsprinzip heraussuchen und sich dessen Entwicklung genau anschauen. Er musste einfach etwas finden. Wo konnte er ansetzen? Da waren diese großen Kriege gewesen im vergangenen 20. Jahrhundert. Die Jahre danach, der Neuanfang – es wäre doch ganz passabel, dort zu beginnen. Welche Region sollte er wählen? Dort, wo die Fronten aufeinandergeprallt waren, im Herzen des Kontinents Europa. Ja, so wollte er vorgehen. Er stellte den Zufallsgenerator ein. Klick, klick, klick … die Auswahl erschien vor ihm als Hologramm. Gut, dachte er, beginnen wir von vorn. Die ersten Eindrücke rollten vor ihm ab:
Sonnenstrahlen dringen grell durch die blank geputzten Fenster in das kleine Wohnzimmer, schaffen harte Konturen. Es ist Sonntagnachmittag. Der kleine Junge, etwa 3 Jahre alt, sitzt auf den Knien des Vaters, einem Mann Anfang 40 mit glatt zurückgekämmten, exakt gescheitelten, schwarzen Haaren. Der trägt ein grün gemustertes Jackett. Der kleine blonde Junge schaut mit großen grau-grünen Augen zum Vater empor, der sich halb über ihn hinweg mit seiner jungen Frau unterhält, die gerade Wäsche bügelt. „Die Wohnung hier wird auf die Dauer für uns zu klein werden“, sagt er: „Friedhelm kann nicht ewig mit im Schlafzimmer bei uns schlafen, und das Kinderzimmer ist für Bärbel auch ziemlich klein und zu dunkel.“ Die Zigarette in der rechten Hand glimmt. Ab und zu nimmt er einen Zug, wippt gedankenverloren mit dem Fuß und schaut sinnend zum Fenster hinaus. „Wir könnten ein Grundstück bekommen, hier in der Goldbecker Straße, am Ortsausgang. Dort können wir für uns ein Haus bauen. Was meinst du?“ Sie schaut zu ihm herüber. Die lockigen schwarzen Haare umrahmen ebenmäßige Züge und ihre makellose, glatte Haut leuchtet hell im schattigen Zimmer. Sie trägt ein knielanges, dunkelblaues Kleid mit einem Blumenmuster. „Meinst du wirklich? Ich weiß nicht recht.“ Sie kräuselt die Stirn und lächelt unsicher. Ihr Mann Herrmann ist acht Jahre älter als sie.
Damals, im Heimatdorf in den Sudeten bei Aussig, hatten die Bunks mit den 3 Buben und der Tochter Angelika nur einige Häuser entfernt gewohnt, aber die Buben waren viel älter gewesen als sie und ihre beiden Schwestern, die drei Töchter vom Häusler Fritz und seiner Frau Brigitta. O ja, die Brigitta war schon ein strammes Weib gewesen, und der von den Tschechen nach dem Krieg eingesetzte Dorfvorsteher Poppig hatte ein Auge auf sie geworfen. Er wollte die Häuslers partout nicht gehen lassen. Die Deutschen waren aber nicht wohlgelitten in Tschechien nach dem schlimmen Krieg und schließlich kam der Befehl: „Alle Deutschen müssen raus!“ Dann konnte auch er nichts mehr tun und musste sie ziehen lassen. Die meisten Dorfbewohner waren im Westen Deutschlands gelandet, aber der letzte Treck, der ging nach Ostdeutschland, nach Neuhardenberg. Dort trafen sie auch wieder auf die Bunks. Damals, im Sudetenland, hatte Herrmann die Hermine gar nicht wahrgenommen – ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie sollte die elterliche Bauernwirtschaft übernehmen. Es war nur Platz für eine, und das war sie gewesen. Die Schwestern hatten im nahen Aussig eine Ausbildung machen müssen. Die Mara war Näherin geworden, und die älteste Schwester, die Ella, hatte eine kaufmännische Ausbildung erhalten. Herrmann Bunk hatte Maurer gelernt und dann war er bald weg gewesen, zum Studium. Bautechniker war er geworden und jedes Mädchen aus dem Dorf hätte ihn gerne genommen, aber er hatte nur Augen für die hübschen jungen Dinger aus der Stadt, bis dann der Krieg kam. Der hatte ihn, wie viele andere auch, verschluckt und dann, zu ihrer Überraschung, der Hermine direkt wieder vor die Füße gespült, damals 1950 nach dem Krieg in Neuhardenberg. Er war gerade aus der Kriegsgefangenschaft gekommen, ausgemergelt und hohlwangig. Sein Bruder, der Anton, war mit der Freundin von ihrer Schwester Mara zusammen, mit der Mathilde. Lachend stellte man fest, dass man sich ja kannte von den Sudeten her. „Wer war sie gleich nochmal gewesen?“, fragte Herrmann gedankenvoll lächelnd. Es musste wohl Vorsehung gewesen sein, dachte Hermine und lächelte still. Aus allen Wolken war sie gefallen, dass der Herrmann sich auf einmal für sie interessierte. Nun, eigentlich hatte er ein Auge auf ihre Schwester Mara geworfen, aber die war im siebten Himmel mit ihrem Konrad, dem blendend gutaussehenden Kellner, der im weißen Hemd und im schwarzen Frack, mit gegelten Haaren, allen jungen Mädchen den Kopf verdrehte, und der die Mara wie im Vorbeigehen erobert hatte. Als dann der Karli, ihr gemeinsamer Sohn, geboren wurde, hatte sie ihn fest an die Kandare genommen und bald war Hochzeit gewesen. Für Konrad gab es kein Entrinnen mehr und Hermine war mit ihrem Herrmann schließlich in Güsten gelandet. Herrmann hatte hier eine Anstellung in einem Baubüro erhalten, und sie hatten Fuß gefasst, hatten diese kleine Wohnung im Dachgeschoss des dreietagigen Hauses in der Goldbecker Straße zugewiesen bekommen und inzwischen schon viel Geld und Kraft in den Ausbau gesteckt.
Ja, wirklich, denkt Hermine, die Wohnung ist schon sehr klein. „Vielleicht bekommen wir ja eine schöne Wohnung in der Südstadt, in der Nähe von Traudel und Hansi“, Bekannte aus der alten Heimat, die ebenfalls in Güsten gelandet waren. Sie hatten eine schöne Wohnung mit Balkon in der Südstadt. Die beiden Töchter Marta und Christina hatten zwar nur ein kleines Zimmer für sich, aber sie waren glücklich. Hansi Vogt war es auch gewesen, der sich dafür eingesetzt hatte, dass Herrmann die Stellung im Baubüro erhalten hatte. Man war hier in der Fremde wie eine kleine Familie, und jeder setzte sich für den anderen ein.
„In der Südstadt soll doch jetzt der weitere Ausbau erfolgen!“ Hermine blickt ihren Herrmann erwartungsvoll an. „Das dauert ja noch ewig!“ Ärgerlich reißt er seinen Sohn vom Knie hoch. „Ist der schwer geworden! Müsst ihr ihn immer so mit Leberwurst vollstopfen, du und die Mama?“ Der Junge fängt an zu schreien. Hermine nimmt den kleinen Friedhelm auf den Arm, tröstet ihn und schaut ihren Mann vorwurfsvoll an: „Ich habe übrigens dein Fotoalbum gefunden, vom Studium! Warum hast du denn nicht eine von deinen kleinen Studentinnen geheiratet. Die waren ja alle ganz verknallt in dich!“ Sie blitzt ihn wütend an und rennt mit dem Jungen im Arm, die Tür knallend, ins Schlafzimmer hinüber. Ja, tatsächlich, Herrmann gerät ins Grübeln. Er denkt an Sophie. Miha, sein ungarischer Zimmergenosse im Studentenwohnheim während der ersten Studienjahre, hatte ihm immer wieder ihre Avancen überbracht. „Sie will dich kennenlernen und sie will mit dir zusammenziehen!“ Er schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf. „Wie blöd bist du denn?“ Herrmann wusste auch nicht, was in ihn gefahren war. Sophie war ziemlich attraktiv und sie gefiel ihm auch, aber je mehr Miha drängte, desto reservierter wurde er. Nein, es gehört sich nicht, dass ein Mädchen sich dermaßen aufdrängt. Ich will schon selber auswählen, mit welchem Mädchen ich zusammen bin, dachte er. Miha will ja nur mit seiner Annabell zusammenziehen, einer Freundin von Sophie, und er will das Zimmer für sich und Annabell, glaubte er voll Erbitterung zu wissen. Schließlich war Sophie dann mit Sepp zusammengezogen, einem anderen Studenten aus dem Studienjahr, und Herrmann hatte später noch mitbekommen, dass die beiden kurz nach dem Studium geheiratet hatten… Oder wie war das mit Sylvia gewesen? Sie kannten sich eigentlich nur flüchtig, und da war dieser erste Studentenball gewesen, damals. Er hatte es eigentlich nur nett gemeint, als er anbot: „Ich habe morgen früh keine Vorlesung und stelle mich sowieso in die Schlange beim Kartenvorverkauf. Da kann ich dir eine Karte mitbringen.“ Auf dem Ball waren sie dann den ganzen Abend zusammen gewesen, und sie hatten viel Spaß. Dennoch war Herrmann überrascht, als Sylvia nach dem Ball einfach mit zu ihm aufs Zimmer kam – Miha war wie üblich nicht da und irgendwo unterwegs mit Annabell – sich schließlich auszog, in sein Bett legte und ihn mit großen Augen ansah. Sylvia war durchaus attraktiv, und später fragte sich Herrmann oft, was in dieser Nacht schiefgelaufen war. Es war aber nichts zwischen ihnen beiden passiert. Bevor Sylvia am nächsten Morgen nach Hause ging, hatte sie noch von Fred erzählt, ihrem ersten Freund: Ihn hätte sie wirklich geliebt, und sie wüsste gar nicht, warum es eigentlich zu Ende gegangen war… „Ja, und dann war es auch aus.“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und seufzte: „The first cut is the deepest.“ Dann war sie gegangen. Wenn sie sich später gelegentlich sahen und Herrmann ihr wieder näherkommen wollte, war sie ihm stets ausgewichen.
Aber dann die Astrid. Sie war einige Studiengänge unter ihm und in einer anderen Fachrichtung. Sie studierte Mathematik, und wie er später erfuhr, war ihr Vater Mathematikprofessor und ihre Mutter Ärztin. Sie sahen sich nur gelegentlich auf dem Gang des Wohnheimes, grüßten sich, aber schauten eher immer nur gleichgültig aufeinander. Es war der letzte Faschingsball. Das Studium war fast vorüber. Herrmann wäre gerne dorthin gegangen, aber er war im Moment nicht so gut bei Kasse. Da sah er am schwarzen Brett diesen Anschlag: „Suchen noch Studenten, die beim Geschirrspülen auf dem Faschingsball mitmachen möchten. Es gibt zehn Reichsmark pro Person.“ Während er darüber nachdachte, lief ihm Astrid über den Weg. Er wusste selber nicht genau, warum er sie ansprach. „He, sag mal, hast du nicht Lust mitzumachen? Da werden noch Studenten gesucht, die auf dem Faschingsball mit beim Geschirrspülen helfen. Es gibt 10 Reichsmark pro Person.“ Eigentlich war es eher als Spaß gedacht. Umso erstaunter war Herrmann, als Astrid einwilligte. Sie standen dann den Abend über nebeneinander am Spülbecken in der Küche. „He, ihr könnt euch noch alle ein bisschen auf dem Ball umsehen. Wir machen jetzt den Ausschank dicht.“ Es war gegen Ende der Veranstaltung, als der Küchenchef vorbeikam und jedem die vereinbarten 10 Reichsmark in die Hand drückte.
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