Science Fiction & Fantasy

Der Mythos der zweiten Welt

Kathryn Aurum

Der Mythos der zweiten Welt

Eine Hommage an die Liebe zur Fantasie

Leseprobe:

Prolog

Vor einigen Tausend Jahren, so berichtete man mir, gab es auf unserer Erde neben uns Menschen noch andere Lebewesen. Jene Lebewesen, die heute in einem Fantasy-Roman zu finden sind. Elfen, Feen, Nymphen, Einhörner, Pegasi, Kobolde und viele, viele andere Fabelwesen. Fabelwesen? Ja, heute würde man sie so nennen, doch damals waren sie nicht Bestandteil eines Hirngespinsts, sondern aus Fleisch und Blut. Sie lebten in Frieden neben den Menschen her. Sie respektierten sich und lernten voneinander.
Bis, so die Überlieferung, im Jahre 3402 v. Chr. ein König namens Fissato das heutige Ägypten eroberte. Er war ein schrecklicher Herrscher. Damals sprach man nicht gerne über ihn und heute ist er so gut wie vergessen. Nur jene, die die Legende kennen, wissen von ihm. Er plünderte, mordete und brandschatzte. Seine Leute waren Verdammte, verdammt dazu, irgendwann ihre Missetaten im Höllenfeuer abzubüßen. Seine Untertanen hingegen waren arme Bauern; Ritter und Adelige gab es nicht mehr, weil der König Angst um sein Wohlergehen hatte. Noch schlimmer als den Menschen erging es den Fabelwesen. Der Herrscher wollte sie sich zu eigen machen. Er wollte alles, die Fabelwesen und den ganzen Rest der damals bekannten Welt.
Sie wurden gejagt, gefoltert und getötet. Eines Tages jedoch, als bereits fast alle ausgerottet waren, hatte Gott Mitleid mit ihnen. Er erschuf eine zweite Erde, die neben unserer besteht und ein Parallel-Universum bildet. Wir können sie nicht sehen, doch sie ist da. Dorthin schaffte er alle verbliebenen Fabelwesen und überließ ihnen den Planeten, wie er uns unseren überließ. Er vernichtete alles, was an die Existenz der Wesen erinnerte, und löschte die Gedächtnisse der Menschen. Jedoch vergaß er einen Mann, der sich während der „Reinigung“ Gottes tief im Wald befand, da er auf der Jagd nach einem Hirsch war. Der Mann schrieb die Geschichte auf und behielt sie für sich, denn er wusste, wenn er die Menschen daran erinnerte, würden sie versuchen, die andere Welt zu finden. Aus Geschichte wurde Legende und aus Legende wurde Mythos. So geschah es, dass die Existenz der Kreaturen in Vergessenheit geriet. Nur des Nachts schleichen sich die Fabelwesen manchmal in die Träume der Kinder und offenbaren sich ihnen.


1. Kapitel

So geschah es, dass ein kleines Mädchen namens Tia eines Nachts von einem weißen Einhorn mit silberner Mähne träumte. Als sie erwachte, fühlte es sich an, als wäre es real gewesen. Genau aus diesem Grund behielt sie den Traum für sich. Er war etwas so Wundervolles und Reines, dass er nur in ihrer Erinnerung leben sollte. Die Jahre vergingen und das Einhorn tauchte immer wieder in ihren Träumen auf. Auch als sie erwachsen war, sah sie es noch manchmal. Also beschloss sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie wälzte in Bibliotheken alte staubige Bücher und stieß dort auf die Legende der Fabelwesen. Dort stand zwar, dass wohl eine Parallelwelt zu unserer existiere, jedoch nicht, wo diese zu finden sei, geschweige denn, wie man dorthin gelange. Doch genau das wollte sie. Sie wollte das Einhorn sehen, das sie so viele Jahre bereits besuchte. Eine der letzten Seiten war in einer fremden Sprache verfasst. Sie erinnerte sie stark an die Keilschrift der alten Assyrer, allerdings war sie des Akkadischen mächtig und konnte gerade mal die Wörter „Stadt“ und „Wüste“ entziffern. Sie stützte den Kopf auf die Hand und legte die Stirn in Falten. Ihre braunen Augen blickten nachdenklich, als plötzlich die Bibliothekarin vor ihr stand. „Kann ich dir helfen, Liebes?“, fragte sie freundlich. Tia hob den Kopf und lächelte. „Nun ja, vielleicht können Sie mir tatsächlich helfen. „Wissen Sie, wer dieses Buch der Bibliothek gespendet hat? Ich finde es sehr interessant und würde gern mehr darüber erfahren.“ Die Bibliothekarin schüttelte entschuldigend den Kopf. „Es tut mir leid, das weiß ich nicht. Aber vielleicht hilft es dir, wenn ich dir sage, aus welcher Bibliothek wir es haben.“ „Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie das für mich nachschauen könnten.“ Tia folgte der großmütterlichen Bibliothekarin an den Empfangstresen, wo sie in einem alten Computer die Bestandslisten durchging. „Ah ja, hier haben wir es“, sagte sie lächelnd. „Wir haben dieses Buch vor fünfzehn Jahren von der British Library erhalten. Die haben einige ihrer Bücher veräußert und wir haben ein paar davon genommen. Ich hoffe, ich konnte dir helfen, Herzchen.“ Tia bedankte sich noch mal für die freundliche Hilfe, schulterte ihre schwere Umhängetasche und trat aus dem stickigen Bibliotheksgebäude nach draußen in die strahlende Sonne Pisas. Sie machte sich auf den Weg zum Platz der Wunder, wo sie ein wenig Zerstreuung suchte. Die Touristen strömten über den Platz und die Händler boten eifrig ihre Waren an. „Kaufen, kaufen, ganz billig!“, hörte sie einige Regenschirmverkäufer rufen. Zugegeben, die Regenschirme waren schön, nur waren sie einfach zu teuer. Sie schlenderte umher und hörte den Menschen um sich herum zu, um selbst nicht nachdenken zu müssen. Sie setzte sich auf einen kleinen Sockel, der wie viele andere den Rasen begrenzte, und sah sich um. Viele von diesen Menschen mochten die Welt der Fantasie. Sie dachte an Harry Potter, Herr der Ringe, Game of Thrones. Oder wenn man nur mal einige Überbegriffe nannte: Hexen, Zauberer, Vampire, Feen, Trolle, Zwerge … was, wenn sie alle tatsächlich existierten? Was, wenn die 19 Frauen und Männer von Salem, die 1692 auf grausamste Art und Weise den Tod fanden, weil man sie als Hexen bezichtigte, tatsächlich Hexen waren? Bei dem Gedanken wurde ihr ganz mulmig. Das würde die ganze Geschichte ändern. Oder die zeitweilig auftauchenden Behauptungen, dass es Vampire gäbe? War es möglich, dass sie wahrhaftig existierten? Aber warum sollten sie von ihrer Welt in die unsere kommen? Vorausgesetzt, es gab sie wirklich. So viele Fragen, auf die sie nicht die kleinste Antwort hatte. Sie wurde aus ihren Grübeleien gerissen, als sie ein kleiner, rundlicher Mann in schlechtem Englisch darum bat, ein Foto von sich und seiner Familie zu machen. Tia lächelte ihn an und nickte. Die kleine Familie, die offensichtlich aus Mama, Papa und wohlgenährtem, aber niedlichem Jungen bestand, stellte sich vor dem Turm von Pisa auf und grinste um die Wette. Tia ließ sich von ihrer guten Laune anstecken und sagte: „Say ‚cheese‘.“ Die Familie rief im Chor „Cheese“ und schon war das Foto gemacht. Sie zupfte ihre kurze, abgeschnittene Jeans zurecht und klopfte ein Krümel von ihrer Bluse. Sie wusste jetzt, was sie zu tun hatte, auch wenn noch nicht ganz klar war, wie das Ganze vonstattengehen sollte. Sie setzte sich in ein Café, bestellte einen Cappuccino und holte ihren Laptop aus der Tasche. Während sie ein paar nervige Pop-ups wegklickte, überlegte sie, wie sie die Reise nach England mit ihrem Studium und ihrem spärlichen Ersparten in Einklang bringen sollte. Der Kellner brachte ihr den Cappuccino und sie nippte erst mal dran. Dann öffnete sie ihre Lieblings-Suchmaschine und tippte British Library ein. Dort suchte sie die Adresse raus und notierte sie sich auf ihrer Serviette: The British Library 96 Euston Road London NW1 2DB.
Tia griff sich mit einer Hand in den Nacken und massierte ihn. Er schmerzte vom ewigen Bücherwälzen in der Bibliothek. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es bereits halb sechs war und sie dringend nach Hause musste, um Abendessen zu kochen. Wenn ihr Mitbewohner Mark nach Hause kam und kein Essen auf dem Tisch vorfand, würde er nur wieder genervt sein und ihr einen Vortrag halten, wie anstrengend es doch sei, Medizin zu studieren. Allerdings würde er es darauf wahrscheinlich nicht beruhen lassen. Anschließend würde sie eine Predigt darüber hören, wie gut sie es doch als Amerikanistik-Studentin hätte. Nein, darauf konnte sie getrost verzichten. Sie nahm den Bus und lief das letzte Stück bis zu ihrer Wohnung. Innen war es stickig und warm. Bevor sie sich ans Kochen machte, riss sie erst mal ein paar Fenster auf. Sie hatte die Fabelwesen bereits fast wieder vergessen, als ihr, während sie die Soße umrührte, eines ihrer Kinderbücher ins Auge fiel. Sie hatte es aus ihrer Heimat Griechenland mitgebracht. Es war Peter Pan. Und wer war seine beste Freundin? Tinkerbell. Und was war Tinkerbell? Eine Fee. Überall, wo sie hinsah, war Fantasie. In Büchern, Filmen, auf Festivals. Mit Fantasie gestalteten sich Kinder die Welt. Aber was war mit uns Erwachsenen? Gestalten wir unsere Welt nur mit Logik und Verstand?

Als Mark schließlich von der Uni nach Hause kam, goss sie gerade die Nudeln in ein Sieb und stellte die Soße auf den Tisch. Ihre Gedanken waren immer noch weit weg in einer Welt, die sie vielleicht irgendwann betreten würde. Mark musste mehrere Male mit dem Finger vor ihrem Gesicht schnippen, damit sie ihn überhaupt wahrnahm. „Was ist denn heut los mit dir?“, fragte er ein wenig entrüstet, weil sie ihm einfach nicht zuhörte. „Du scheinst total weit weg zu sein.“ Sie blinzelte und ihr glasiger Blick klarte endlich auf. „Ähm, ja, tut mir leid. Ich bin heut ein wenig zerstreut.“ Er bedachte sie mit einem letzten irritierten Blick und wandte sich dann dem Essen zu. Sein Interesse dafür währte allerdings nicht lange, als er angeekelt feststellen musste, dass sie Zucker statt Salz in die Soße getan hatte. „Oh, Mist!“, schimpfte sie. „Das tut mir ehrlich leid. Heut ist irgendwie nicht mein Tag.“ Mit einer schwungvollen Bewegung kippte sie die Soße in den Müll. Mark kannte seine Mitbewohnerin mittlerweile recht gut und wusste, dass sie zwar tatsächlich hin und wieder zerstreut war (für Geschichtsstudenten schien das ganz normal), aber so durcheinander hatte er sie noch nie erlebt. Also begann er, sie nach ihrem Tag zu fragen und was denn passiert sei. Nach kurzem Zögern ließ sie sich auf die Couch fallen und erzählte ihm alles. Auch ihren Plan, demnächst nach London zu reisen. Und ihre Befürchtung, das Ganze nicht stemmen zu können. Als sie geendet hatte, war seine Stirn nachdenklich gerunzelt. Dann lächelte er. „Du vergisst bei der ganzen Sache jemanden.“ „Wen denn?“, fragte sie irritiert. „Mich!“, lautete seine Antwort. Und so war es beschlossene Sache. Mark würde mit ihr nach London reisen. Sie wollten noch den Prüfungsstress der nächsten Wochen abwarten und dann für einige Tage nach England fliegen.
Der Stress war es auch, der Tia davon abhielt, sich weiterhin Gedanken zu machen. Die Uni nahm sie nun völlig in Anspruch. Mark, der ebenfalls voll und ganz mit Prüfungskram eingedeckt war, fand trotzdem noch die Zeit, ihre Flüge und ein Hotelzimmer zu buchen.

Nachdem dann schließlich acht endlos erscheinende Prüfungen und zwei nervenaufreibende Hausarbeiten überstanden waren, saßen die beiden gemeinsam mit mehreren Freunden in ihrer Lieblingsbar. Das „Prancing Leprechaun“ war eine irische Bar mitten in Pisa. Sie war aufgrund der billigen Preise und wegen der entspannten Atmosphäre vor allem bei Studenten sehr beliebt. Tias beste Freundin Alexa, eine rotblonde, durchgeknallte Amerikanerin, lieh ihr ihren London-Reiseführer. „In Zeiten des Internets ist er eigentlich überflüssig, aber ich finde, dass wirklich gute Tipps drinstehen.“ Und als Mark anfing, sich mit zwei seiner Kommilitonen über die Medizinprüfung auszulassen, nahm Alexa Tia beiseite und sah sie durchdringend an. Konnte auch sein, dass der durchdringende Blick nicht beabsichtigt war, sondern am Alkohol lag. „Was läuft bei dir und Mark?“, fragte sie völlig unverblümt. Tia blickte erst ein wenig verdutzt, dann lachte sie. „Da läuft gar nichts, glaub mir. Wir verstehen uns gut und er ist ein toller Kerl, aber nein, da ist nichts.“ Alexa bohrte noch ein wenig weiter, aber da Tia auf ihrer Version der Geschichte beharrte, blieb ihr nichts anderes übrig, als das Thema fallen zu lassen. Gegen drei Uhr morgens gingen dann alle, mehr oder weniger angetrunken, nach Hause. Unterwegs sog Tia die immer noch warme, aber nicht mehr so stickige Luft tief ein. Sie liebte Italien. Die wunderschönen alten Städte mit ihren kleinen Gassen und den Steinhäuschen. Die Landschaft, die einfach nur herrlich war. Durchzogen von grünen, fruchtbaren Hügeln und Zypressen, die so typisch für die Toskana waren. Pinien, die die Straßen säumten, und Algarven, die ihre fleischigen Blätter von sich streckten wie eine Krabbe. Nicht zu verachten war natürlich auch das Essen.
Sie war vor einem halben Jahr von München nach Pisa gezogen. München war schön, keine Frage, aber nichts im Vergleich zu Pisa. Bevor sie nach Deutschland gekommen war, hatte sie mit ihrer Familie in Griechenland gelebt. In Chrousso Village, einem Touristenort am Meer. Doch es war nicht wie in Pisa, das zwar auch ein Touristenort, aber trotzdem wunderschön alt war. Chrousso war nicht alt. Ganz im Gegenteil. Es war für die vielen britischen und russischen Urlauber ausgebaut worden. Vor allem im Sommer konnte das Gegröle der betrunkenen Besucher ziemlich nervig werden. Ihre Familie war damals dort geblieben und sie selbst, zusammen mit einer Freundin, ausgewandert. Natürlich vermisste sie ihre Familie. Aber sie skypten regelmäßig und schrieben sich E-Mails. Außerdem hatte sie sich jetzt eine eigene Familie aus ihren Freunden zusammengezimmert. Die Familie konnte man sich nicht aussuchen. Seine Freunde schon. Und bei denen hatte sie das Gefühl, dass einige definitiv mit ihr seelenverwandt waren.
In ihrer Wohnung angekommen, stolperte sie erst mal über ihre Tasche, die sie dort abgestellt hatte, damit sie sie in der Hektik der Abreise am nächsten Tag nicht vergaß.
Sie konnte sich gerade noch an Mark abfangen, obwohl sie ihn dabei beinahe zu Boden riss. Nicht etwa, weil sie so schwer war, sondern weil Mark durch den Alkohol auch bereits Schlagseite aufwies. Dabei machte er ein so verdutztes Gesicht, dass sie lauthals zu lachen anfing und auch nicht mehr aufhören konnte. Sie setzte sich an Ort und Stelle auf den Boden und hielt sich die schmerzenden Bauchmuskeln. Zuerst verdrehte er die Augen und warf ihr einen nachsichtigen Blick zu, aber nachdem sie einfach nicht aufhörte zu lachen, musste er schließlich mitlachen. Nachdem sie sich beide wieder gefangen hatten, rief er ihr ein nett gemeintes „Geh besser ins Bett, du Verrückte, und schlaf gut“ hinterher. Sie winkte, immer noch kichernd, und verschwand im Bad. Als sie anschließend ihr Zimmer betrat, betrachtete sie das angerichtete Chaos. Sie wollten tatsächlich nur vier Tage in London bleiben? Den herumliegenden Klamotten nach zu urteilen, sah es mehr nach einer Weltreise aus. Sie bückte sich und begann, den angerichteten Schaden wegzuräumen. Denn sie wusste ganz genau, dass sie es in – sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr – sechs Stunden, wenn sie aufstehen musste, nicht mehr tun würde. Und dann würden die Sachen, bis sie zurückkam, völlig zerknautscht sein. Gegen vier Uhr schaffte sie es dann doch endlich mal ins Bett.
In dieser Nacht träumte sie völlig wirres Zeug. Unter anderem tauchte in ihrem Traum wieder das Einhorn auf, das sie schon so viele Jahre begleitete. Nur, dieses Mal schien es verängstigt. Sie konnte nicht viel erkennen, aber sie sah Rauch und er war so echt, dass sie ihn zu schmecken glaubte. Irgendetwas brannte. Es war ein Dorf. Sie konnte die Häuser sehen, die lichterloh in Flammen standen. Und seine Bewohner, die in fürchterlicher Angst den Ort fluchtartig verließen. Sie konnte die Panik spüren, die nun ihre kalten Hände nach ihr ausstreckte, um sie in ihren Bann zu ziehen. Doch bevor die Panik völlig von ihr Besitz ergreifen konnte, fuhr sie keuchend aus dem Schlaf. Sie blickte sich hektisch um und ihr Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen. So, als ob es herausspringen wollte. Sie holte tief Luft, zwang sich, ruhiger zu atmen, und schlug die Decke zurück. Tia konnte schwaches Licht unter ihren Fensterläden durchscheinen sehen. Sie warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es erst acht Uhr morgens war. An Schlaf war allerdings nicht mehr zu denken. Sie öffnete das Fenster und stieß die Fensterläden auf, um frische Luft hereinzulassen. Die Morgenluft war warm und klar. Sie konnte das frisch gebackene Brot riechen, das aus der Bäckerei gegenüber drang. Der Bäcker selbst stand gerade draußen, um die Tafel mit den Angeboten des heutigen Tages zu beschriften. Als er das Öffnen der Fensterläden hörte, blickte er auf und rief mit seiner tiefen Stimme: „Buongiorno, Signorina Tia.“ Tia konnte nicht anders. Sie musste lächeln. Er war so eine Art Mensch, der immer gut drauf war, und das war ansteckend. „Buongiorno, Signor Beppino. Avete zuppa inglese?“ Er lachte gurgelnd. „Si, si, Signorina.“
Sie winkte noch einmal und trat dann vom Fenster zurück. Ein wenig verplant begann sie die Suche nach ihrer Chino und der blauen Bluse, die sie sich extra für die Reise herausgelegt hatte. Unter einem Bücherstapel auf der Couch fand sie schließlich die Hose, nur die Bluse blieb verschollen. Schließlich beschloss sie, einfach was anderes anzuziehen. Sie schnappte sich ihren Geldbeutel, lief leise über den Gang und entriegelte die Wohnungstür. Unten in der Bäckerei angekommen, kaufte sie zwei zuppa inglese.
Als sie wieder in die Wohnung kam, stand Marko plötzlich in Boxershorts vor ihr. Nebenbei bemerkt, er wirkte noch ziemlich verschlafen und hatte einen Kissenabdruck auf seiner linken Backe. Sie verkniff sich ein Grinsen. „Guten Morgen.“ Mark nickte nur, weil er offensichtlich noch nicht zu mehr imstande war. Er schenkte sich Kaffee ein und trank erst mal eine komplette Tasse, bis er etwas sagte. „Du wirkst, ehrlich gesagt, auch nicht gerade wie das blühende Leben.“ Sie setzte sich an den Tisch und winkte ab. „Ich hab nur schlecht geträumt. Das ist alles.“ Er runzelte zwar die Stirn, sagte aber nichts weiter.
Eine Stunde später saßen sie im Taxi, das sie zum Flughafen bringen sollte. Während der Fahrt begann Tia zu grübeln. Was, wenn die ganze Sache ein Reinfall würde? Wenn sie die andere Welt nie finden würde? Sie starrte missmutig aus dem Fenster und folgte mit den Augen den vorbeifliegenden Häusern. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch Mark mit hineingezogen. Es grenzte an ein Wunder, dass er sie nicht für verrückt hielt und die Männer mit den weißen Jacken und den gepolsterten Zimmern ohne Ecken hatte kommen lassen.
Schließlich entschied sie etwas für sich selbst. Sollten sie in London nichts finden, was auf die Existenz der Fabelwesen oder ihren Verbleib hindeuten würde, dann würde sie nach Pisa zurückkehren und nie wieder ein Wort darüber verlieren. Immerhin hatte sie es versucht. Beruhigt darüber, dass sie auch mit dieser Option gut leben konnte, lehnte sie sich entspannt im Sitz zurück. Am Flughafen angekommen, wurde es dann ein wenig hektisch, denn sie hatten länger gebraucht, als eigentlich geplant. In Windeseile gaben sie die Koffer auf und liefen zum Gate 9. Dort checkten sie ein und schon saßen sie im Flugzeug. Jetzt wurde Tia wieder mulmig zumute. Nervös sah sie zu Mark, der total relaxt am Fenster saß und das Treiben auf dem großen Gelände beobachtete. Sie hingegen saß am Mittelgang und knetete ihre Finger. Angst stieg in ihr auf. Ihr Herz begann zu flattern wie ein kleiner panischer Vogel im Käfig. Sie blickte sich um. Niemand in ihrer Umgebung wirkte auch nur halb so panisch wie sie. Obwohl – drei Reihen vor ihr saß eine Frau, die ihre weinende Tochter auf dem Schoß hatte und ihr beruhigend über den Rücken strich.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-99038-929-4
Erscheinungsdatum: 09.06.2015
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