Science Fiction & Fantasy

Der magische Stein der Ahnen

Elke Edith

Der magische Stein der Ahnen

Leseprobe:

Der Sturz in die Tiefe raubt Silva fast das Bewusstsein. Sie ist zwar schon aus großer Höhe gesprungen, doch dieser Felsabsturz muss mehr als fünfzehn Meter Höhe haben. Wie im Krampf umschließen ihre Finger den Griff des Schwertes, denn sie will es auf keinen Fall verlieren. Dann taucht sie auch schon wie ein Geschoss in die kalten Fluten, die über ihr zusammenschlagen. Die plötzliche Kälte, die ihren Körper umfängt, will sie veranlassen, den Mund zu öffnen, doch kann sie sich in letzter Sekunde beherrschen, hat sie doch ihren Brustkorb extra voll Luft gepumpt, bevor sie ins Wasser eingetaucht ist. Wie ein Stein sinkt sie in die Tiefe, wird von dem schweren Schwert unweigerlich nach unten gezogen. Mit der Waffe zu schwimmen, ist einfach unmöglich! Das bemerkt sie sofort. Zusätzlich treibt die starke Strömung sie flussabwärts, reißt sie mit sich und macht sie zu einem Spielball der Naturgewalten. Wie soll sie sich bloß retten?
Das Schwert einfach aufgeben, kommt für sie jedoch nicht infrage. Da bekommen ihre Füße plötzlich Bodenkontakt, wollen im schlammigen Grund versinken. In diesen Sekunden kommt ihr die rettende Idee. Fest stößt sie das Schwert mit der Spitze in den Grund, sodass es aufrecht darin stecken bleibt, dann stößt sie sich selbst ab und kämpft sich der Oberfläche entgegen. Doch der Luftmangel macht sich dramatisch bemerkbar. Kleine Luftblasen entweichen zwischen ihren Lippen hindurch. Ihre Lungen schmerzen, jede Faser ihres Körpers schreit nach frischer Luft, vor ihren Augen tanzen rote Schleier. Wie von selbst öffnen sich ihre Lippen, jetzt muss sie Wasser einatmen und somit ertrinken. Doch in dieser Sekunde der höchsten Not durchstößt ihr Kopf die Wasseroberfläche!
Erleichtert reißt sie den Mund auf, saugt gierig die frische klare Luft ein, und ihr Blick wird wieder klarer. Automatisch macht sie Schwimmbewegungen, bleibt an der Oberfläche und kämpft sich näher ans Ufer heran. Schließlich bekommt sie eine Wurzel zu fassen, packt zu und zieht sich auf die Böschung. Keuchend und hustend schleppt sie sich höher. Ihre Hände krallen sich in das Gras. Sie zieht sich weiter in die Büsche am Ufer hinein, kann sich so wenigstens etwas verbergen, bis sie völlig erschöpft vor Anstrengung den dunklen Schatten vor ihren Augen nachgibt und sie von einer gnädigen Ohnmacht übermannt wird.


***


Wie lange sie das Bewusstsein verloren hat, weiß Silva nicht. Das Erwachen aus dieser Dunkelheit gleicht schon fast dem Auftauchen aus den Fluten des Flusses. Doch dann ist das Erste, was sie wieder klar mitbekommt, die Stimme eines Mannes, ja es sind sogar die Stimmen von mehreren Männern um sie herum, die sie anscheinend suchen. Mit einem Schlag ist die Erinnerung wieder da: Der Sprung in die Tiefe, die Kräfte des Wassers, der Luftmangel! Und jetzt? Die Dunklen Krieger!
Silva wagt sich nicht zu bewegen. Wie leicht kann sie das Knacken eines Astes oder das Rascheln von Blättern verraten! Sie liegt wie erstarrt, traut sich kaum noch zu atmen und horcht angespannt auf die Geräusche um sich herum. Schritte erklingen ganz in ihrer Nähe, schwere Männerschritte, ein Speer fährt neben ihr in den Boden, dass sie fast aufschreit. Noch einmal rammt der Krieger die Waffe in das Unterholz und in den Boden, verfehlt nur knapp die dort versteckt liegende Frau, ohne zu ahnen, wie nahe er dem menschlichen Wild ist, das er jagt.
Überlaut hört Silva ihr eigenes Herz pochen, dass sie fast das Gefühl hat, dass ihr Verfolger es hören muss. Dann entfernen sich die Schritte wieder. Gibt man die Suche auf? Schon ist sie gewillt, aufzustehen, beherrscht sich aber und bleibt weiter regungslos liegen, in der Hoffnung, dass man sie tatsächlich übersieht. Anstatt sich über ihr eigenes Schicksal Sorgen zu machen, denkt sie an Goran. Wie mag es ihm ergangen sein? Haben ihn die Kerle doch getötet? Haben sie an ihm ihre Wut über ihre Flucht ausgelassen? Das wäre das Letzte, was sie gewollt hat!
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da kann sie einfach nicht mehr ruhig bleiben. Sie hat auch schon längere Zeit keine Geräusche des Suchtrupps mehr gehört. Dafür haben die Vögel des Waldes wieder angefangen zu zwitschern, ein weiteres Anzeichen, dass sie allein ist. Hat sie ihre Verfolger täuschen können? Ganz langsam bewegt sie sich etwas, verharrt erneut und lauscht, doch es ist nichts zu hören als das Rauschen des nahen Wassers und ihr eigener Atem. Sie muss es jetzt einfach riskieren, muss sich aus dem Unterholz hervorwagen und ihre Umgebung erkunden.
Und Silva hat tatsächlich Glück, die Dunklen Krieger sind längst weiter flussabwärts gezogen und haben die Suche nach ihr schließlich eingestellt. Man vermutet sie ertrunken auf dem Grund des Flusses, wo sie ein Fressen für die Fische geworden ist. Doch dann wäre der Stein auch für immer und ewig verloren, und genau damit will sich der Anführer der Dunklen Krieger nicht abfinden. Er zieht es in Betracht, dass Goran mehr weiß, als er zugeben will. Vielleicht gibt es zwischen ihm und der Hüterin ein Geheimnis, das sie teilen, zum Beispiel das Wissen um einen bestimmten Treffpunkt für den Fall, dass sie beide getrennt werden.
Nur aus diesem Grund hat der Anführer bisher darauf verzichtet, Goran einfach zu töten und sich seiner zu entledigen. Er hält ihn gefangen, hat ihn mitten in das große Lager bringen lassen, das die Dunklen Krieger etwas abseits vom Fluss errichtet haben, sodass der Prinz sich dort in keiner sehr angenehmen Lage befindet. Noch immer ist er gefesselt, jetzt jedoch zwischen zwei Bäumen, wobei man ihm die Arme weit auseinandergezogen hat, er aber noch auf seinen eigenen Beinen steht. Mehrere Wachposten sitzen um ihn herum und behalten ihn im Auge. Selbst wenn er nicht gefesselt wäre, würde er von hier nicht ungesehen entkommen können. Und seine Lage verbessert sich auch nicht, als der Suchtrupp erneut unverrichteter Dinge wieder zurückkehrt.
Aber ein beruhigendes Gefühl ist es auch nicht gerade, Silva nicht bei ihnen zu sehen. Sie kann genauso gut ertrunken sein und auf dem Grunde des Flusses liegen, auch wenn er das nicht hoffen will. Zumindest ist in diesem Fall auch der magische Stein der Ahnen verloren, denn dann wird man ihn wohl kaum je finden! Trotzdem nimmt ihn die Sorge um Silvas Schicksal mehr mit, als er sich das eingestehen will.
Aus der Gruppe der Ankömmlinge löst sich schließlich wieder der Anführer, den auch der Prinz wiedererkennt, als er jetzt auf ihn zukommt. Verächtlich spuckt er vor ihm aus, und aus seiner Stimme spricht sowohl Hohn als auch Hass, als er sich jetzt an ihn wendet.
„Und jetzt, großer Krieger? Willst du jetzt noch immer eine Entschuldigung? Deine Partnerin hat dich im Stich gelassen! Und wenn sie nicht ertrunken ist, dann habt ihr sicher einen Treffpunkt, an dem ihr wieder zusammenkommen wollt. Nicht wahr?“
Erst jetzt begreift Goran, in welche Richtung die Gedanken des Mannes gehen, aus dessen Augen ihm nur Hass entgegensieht. Silva hat recht gehabt, er hätte den Kerl damals töten sollen, es wäre besser gewesen, doch jetzt ist es dafür zu spät!
„Es gibt keinen Treffpunkt! Da irrst du gewaltig!“
Auch wenn Goran seiner Stimme einen festen Klang zu geben versucht, erkennt der Dunkle Krieger trotzdem die Unsicherheit, die daraus spricht. Natürlich macht er sich Sorgen, Sorgen um Silva und um sein eigenes Schicksal. Und der Krieger, der von seiner Meinung überzeugt ist, will sich nicht einfach abspeisen lassen.
„Das werden wir ja sehen!“, brüllt er ungehalten. „Nehmt ihm den Lederschutz ab!“
Zwei Wachen treten hinzu und lösen die Schnallen, um dem Gefangenen die Rüstung abzunehmen. Schließlich entblößen sie seinen Oberkörper, und als sich der Anführer jetzt eine lange Peitsche reichen lässt, die er aufrollt, weiß auch Goran, was ihn erwartet. Jetzt ist es sogar gut, wirklich nichts zu wissen, falls Silva doch eine Zuflucht haben sollte, denn er ist sich seiner selbst nicht sicher, dass er bei einer solchen Tortur wirklich standhaft bleiben kann. Jetzt steht auch in seinen Augen der Hass auf diesen Kerl geschrieben, und obwohl er sich innerlich bereits darauf einstellt, was ihn da erwarten mag, werden seine Befürchtungen noch übertroffen.
Der erste Schlag, der seinen Rücken trifft, lässt dort bereits die Haut aufplatzen, und er zuckt zusammen. Seine Hände verkrampfen sich um die Stricke, die seine Handgelenke umspannen und in das Geäst der Bäume führen. Fest presst er die Lippen aufeinander und versucht, den grausamen Schmerz zu unterdrücken, der sich in seinen Körper brennt, denn die Genugtuung, zu schreien, will er dem Kerl nicht gerade bieten. Dieser holt aus, lässt das Leder erneut auf den Rücken seines Gefangenen knallen, sodass Goran unwillkürlich aufstöhnt. Ohne jede Gefühlsregung schlägt sein Peiniger aufs Übelste zu. Immer wieder prasseln die Schläge auf das arme Opfer ein, zeichnen ein bizarres blutiges Muster auf dessen Haut.
Sein Bruder Golo hat ihn als Jungen einmal fast zu Tode geprügelt, doch das hier ist schlimmer, tausendmal schlimmer! Und der Dunkle Krieger hört erst auf, als sein Opfer sich nicht mehr auf den Beinen halten kann und in den Fesseln zusammensackt. Sein Kopf kippt zur Seite, und eine gnädige Ohnmacht erlöst ihn vorerst von weiteren Qualen.
Zorn ist auf dem Gesicht seines Peinigers zu erkennen, da sein Opfer sich auf diese Weise seinem Zugriff entzogen hat. Wütend schleudert er die Peitsche auf den Boden.
„Holt Wasser! Seht zu, dass der Kerl wieder aufwacht! Er ist mir noch eine Antwort schuldig!“
Einer der Wachen holt einen Wasserschlauch und kippt ihn kurzerhand über Gorans Kopf aus, doch reicht es nicht, um diesen wieder vollends ins Bewusstsein zurückzuholen. Der Dunkle Krieger hebt kurz seinen Kopf an, indem er in seine Haare fasst, und schüttelt dann den seinen.
„Ich glaube kaum, dass er es spüren wird, wenn Ihr weiter auf ihn einschlagt, Herr. Er braucht eine Pause.“
Der Anführer presst die Lippen zu einem Strich zusammen, seine Nasenflügel vibrieren vor Wut, doch dann entscheidet er: „Holt mich, wenn er wieder aufwacht!“
Damit wendet er sich ab und geht auf ein anderes Feuer zu. Er will nur eines – eine Antwort, um die Hüterin zu finden und den magischen Stein in seine Hände bekommen zu können! Doch danach sieht es zurzeit ganz und gar nicht aus!


***


Es ist längst dunkel geworden, als Silva sich auf den Weg macht und zu Fuß versucht, wieder zurückzulaufen, wobei sie immer dem Lauf des Flusses folgt. Auch wenn sie jetzt nur einen Dolch als Waffe besitzt, so ist sie trotzdem nicht gewillt, Goran seinem Schicksal zu überlassen, dafür empfindet sie viel zu viel für ihn. Und als sie endlich den Felsabsturz erreicht und hinaufschaut, kann sie es kaum fassen, dass sie tatsächlich von dort oben heruntergesprungen ist. Selbst im Licht des Mondes kann sie noch gut die Felswand mit dem Überhang erkennen.
In einem großen Bogen schafft sie es schließlich, wieder dort hinaufzugelangen, doch ist der Platz inzwischen verlassen. Sie hat schon befürchtet, dass sie Goran hier oben tot vorfinden würde, dass man sich vielleicht an ihm gerächt hat. Doch das scheint nicht der Fall zu sein. So sucht sie zuerst nach ihren Pferden, die sie ja einfach hier haben laufen lassen, wird auch tatsächlich fündig und schwingt sich auf den Rücken ihres Hengstes, packt die Zügel des anderen, da die beiden Tiere treu beisammengeblieben sind, und reitet langsam in die Dunkelheit hinein. Sie folgt der deutlich sichtbaren Spur zahlreicher Pferde, die gen Süden gezogen sein müssen, die Richtung, in die sich auch der Fluss in zahlreichen Kehren windet. Und ihr wird klar, dass man sie noch immer sucht, dass man es für möglich hält, dass sie vielleicht noch weiter flussabwärts ans Ufer gespült worden ist.
Sehr aufmerksam setzt Silva ihren Weg fort, passt genau auf, um keinem Wachposten in die Arme zu reiten, bis sie am südlichen Himmel vor sich einen etwas helleren Schein entdeckt, der nur von vielen Lagerfeuern stammen kann. Wird sie hier auf die Dunklen Krieger stoßen, und vor allem, wird sie hier auch Goran finden? Sein Schicksal liegt ihr doch sehr am Herzen! Aber sie kann ja nichts von den Qualen ahnen, die er inzwischen ihretwegen erdulden musste.
Schließlich lässt sie die Pferde zwischen den Bäumen zurück und setzt ihren Weg zu Fuß fort. Sie hat keine Ahnung, wie weit sie noch vom Lagerplatz entfernt ist und muss vorsichtig sein. Aufmerksam lauscht sie in die Umgebung, bis ihr tatsächlich ein fremdes Geräusch auffällt, eines, das nicht in den nächtlichen Wald gehört und nicht vom fernen Rauschen des Flusses übertönt wird. Es hat sich metallisch angehört. Vielleicht ist es eine Waffe, die an eine andere gestoßen ist?
Silva lässt sich schnell auf den Boden gleiten, will auf gar keinen Fall gesehen werden, schließlich ist es möglich, dass auch hier schon eine Wache Posten bezogen hat. Und wie gut sie daran tut, wird ihr auch sehr schnell klar, als sie das verhaltene Räuspern eines Mannes hört, der nur wenige Meter entfernt stehen kann. Vorsorglich zieht sie ihren Dolch aus dem Gürtel, fühlt sich nun gewappnet für einen Zusammenstoß mit dem feindlichen Posten.
Gleich einer Schlange arbeitet sie sich, lautlos über den Boden kriechend, an den Mann heran, den sie schließlich an einen Baum gelehnt stehen sieht. Sie wird noch vorsichtiger, denn sie will die Wache lautlos ausschalten, um an das Schwert des Mannes zu gelangen, damit sie endlich wieder ausreichend bewaffnet ist. Selbst wenn er sich jetzt umdrehen sollte, muss er durch die Feuer im Tal so geblendet sein, dass er sie wohl nicht sofort erkennen kann, und auf diesen winzigen Vorteil hofft sie sehr.
Wie in Zeitlupe richtet sich Silva auf, den Dolch stoßbereit erhoben. Der Mann darf keinen Laut mehr ausstoßen, sonst warnt er womöglich die anderen Dunklen Krieger. Aber Silva kennt genau die Stelle, wo sie treffen muss, um das zu vermeiden, schließlich ist sie immer eine aufmerksame Schülerin der Mönche gewesen. Aber er ahnt ja nichts von dem Verhängnis, das sich über seinem Kopf zusammenbraut. Die Kriegerin steht jetzt direkt hinter ihm und zögert nicht länger. Auch wenn sie sonst einen ehrlichen Zweikampf vorzieht, so bleibt ihr diesmal keine andere Möglichkeit!
Mit voller Wucht rammt sie den Dolch in den Nacken zwischen die Wirbel des Mannes, tötet ihn damit auf der Stelle und nimmt ihm dadurch auch die Möglichkeit zu einem Warnschrei. Er begreift nicht einmal mehr, dass dies sein Ende ist. Tot bricht er zusammen!
Aufatmend zieht ihm Silva das Schwert aus der Lederscheide am Gürtel und fühlt sich nun schon wesentlich wohler. Auf dem Boden liegend, schiebt sie sich weiter vor und späht ins Tal hinunter. Es ist mehr eine Senke, in der mindestens ein Dutzend Feuer brennen, sodass sie sich ausrechnen kann, dass sie es wahrscheinlich mit etwa fünfzig Gegnern zu tun haben wird. Aufmerksam sucht sie das Lager mit ihren Blicken ab und erstarrt je, als sie ziemlich in der Mitte die Gestalt zwischen den beiden Bäumen entdeckt und begreift, dass es sich dabei um Goran handeln muss.
Drei Wachen sitzen um ihn herum, doch was viel schlimmer ist, ist die Tatsache, dass er in seinen Fesseln zu hängen scheint, gerade so, als ob er schon tot sei! Doch dann begreift sie, dass man ihm irgendetwas angetan haben muss, sodass er wohl nur bewusstlos ist, sonst wären doch keine Wachen nötig. Sie vermag zwar noch zu erkennen, dass sein Oberkörper entblößt ist, mehr jedoch nicht. Aufmerksam prägt sie sich jede Einzelheit im Lager ein, es könnte ja für eine Flucht wichtig werden.
Inzwischen kommt Goran so langsam, aber sicher wieder zu sich und hat sich auch so weit erholt, dass er sich wieder auf die eigenen Beine zu stellen vermag, um seine Arme entlasten zu können, die ihm von der ungewohnten Haltung stark schmerzen. Schlimmer jedoch fühlt sich sein Rücken an, der wie Feuer brennt, gerade so, als würde man ihm mit einer Fackel darüber streichen. Er wünscht diesem Mistkerl, der ihm diese Pein angetan hat, die Pest an den Hals, doch er weiß auch, dass es noch nicht vorbei ist. Spätestens bei Sonnenaufgang wird der Kerl wohl weitermachen. Doch als eine seiner Wachen registriert, dass er wieder bei Bewusstsein ist, meldet es dieser sofort dem Anführer der Gruppe. Goran ahnt sogleich, dass ihm auch diese Galgenfrist bis Sonnenaufgang nun nicht mehr gewährt werden wird. Der Kerl will ihn fertigmachen – je eher, desto besser, und das auf eine sehr miese Art und Weise!
Mit Entsetzen sieht Silva, dass der Dunkle Krieger, der zu Goran tritt, eine schwere Peitsche erhebt und damit erbarmungslos auf seinen Gefangenen einschlägt und ihn damit aufs Brutalste quält. Fast hätte sie vor Schreck aufgeschrien, doch kann sie sich noch beherrschen. Das ist also der Grund, warum sich ihr Kampfpartner kaum auf den Beinen zu halten vermag. Auch jetzt sackt er wieder in den Fesseln zusammen, scheint völlig am Ende seiner Kräfte zu sein.
Doch wie soll sie ihn da rausholen? Bei so vielen Wachen und Kriegern ist das eine Unmöglichkeit! Es sei denn … Silva überlegt, eine Idee hat sie, doch wird es klappen? Sie kann aber auch nicht länger warten, sonst bringt der Dunkle Krieger Goran doch noch um. Das darf aber nicht geschehen, schließlich befindet er sich nur wegen ihr in dieser Situation. Sie muss ihn einfach retten! Er hat doch schon genug gelitten!
Keiner der anderen Krieger scheint den Anführer daran hindern zu wollen, auch weiterhin auf sein Opfer einzuschlagen. Silva muss sich beeilen, und so hastet sie zurück zu den Pferden. Auch das Pferd des Wachpostens, den sie getötet hat, findet sie auf ihrem Weg und nimmt es mit. Aus einem Fell und einer Decke, die sie an ein Seil knotet, bastelt sie in aller Eile eine Halterung, die sie dem gefundenen Pferd an den Sattel bindet, sodass es die beiden Teile hinter sich herziehen kann. Dann reitet sie in das Tal hinunter und entzündet mit zwei Feuersteinen ein paar dürre Grashalme, die sie auf Fell und Decke legt, sodass beides sogleich Feuer fängt. Einen Moment noch vermag sie das verängstigte Pferd zu halten und in die Richtung zum Lagerplatz zu wenden, um dann aber loszulassen, sodass das Tier in vollem Galopp in das Lager saust. Auf seinem Weg entzündet es zahlreiche andere Gräser und Sträucher und sorgt für ein heilloses Durcheinander. Eine bessere Ablenkung kann Silva sich nicht wünschen!
Tief auf den Hals ihres Pferdes gebeugt, an dessen Sattel der zweite Hengst angebunden ist, saust sie im Galopp in das Lager direkt auf die beiden Bäume zu, zwischen denen Goran in seinen Fesseln hängt. In dem Wirrwarr von verängstigten Pferden und hin und her hastenden Menschen fällt sie erst gar nicht auf, erreicht den Prinzen und springt aus dem Sattel. Ganz dicht zieht sie das Pferd an ihn heran, lehnt seinen Körper quasi schon gegen die Seite des Tieres und schneidet die Fesseln durch. Ihn halb auffangend, halb an den Körper des Pferdes drückend, versucht sie, ihn aufrecht zu halten.
„Goran! Du musst mithelfen!“, versucht sie ihn aus seiner Lethargie zu reißen.
Doch der Prinz reagiert nicht auf sie, sodass sie ihn schließlich einfach ohrfeigt, damit er endlich begreift. Um ihn hochzuheben, ist er ihr einfach zu schwer, das schafft sie nicht. Seine Arme über den Rücken des Pferdes legend, versucht sie schließlich, ihn von der anderen Seite einfach hochzuziehen. Bäuchlings kommt er schließlich auf dem Rücken des Hengstes zum Liegen, als doch noch eine der Wachen reagiert und Silva erkennt. Augenblicklich geht der Mann zum Angriff über. Sie zieht in einer fließenden Bewegung das erbeutete Schwert und bringt einen Rundschlag an, der den Angreifer erst einmal auf Abstand hält. Doch sie setzt sofort nach. Die Sorge um Goran treibt sie an. Sie muss einfach gewinnen!
In einer furiosen Kombination von präzisen Schlägen verschafft sie sich Luft und kann den Angreifer schließlich kampfunfähig machen. Doch verzichtet sie darauf, nochmals nachzusetzen und ihn zu töten, wichtiger ist es jetzt, Goran von hier wegzuschaffen. Sie ergreift noch den am Boden liegenden Lederschutz des Prinzen, und schwingt sich hinter ihm auf den Rücken des Rappen, lässt das Tier sofort die Fersen fühlen und treibt es zu äußerster Geschwindigkeit an.
Laut wiehernd prescht das Pferd davon, das zweite einfach mitziehend und einen anderen Krieger zur Seite stoßend. Silva nimmt keine Rücksicht! Mit einer Hand und den Schenkeln lenkt und treibt sie das Reittier voran, die andere benötigt sie, Goran an der Schulter festzuhalten, sonst würde er herunterfallen.
Und das Wunder geschieht! Was keiner erwartet hat, nicht einmal sie selbst, wird wahr: Silva entkommt dem Hexenkessel dieses Tals, entkommt den Dunklen Kriegern und deren Schwertern, ohne bei dieser Flucht auch nur einen einzigen Kratzer davonzutragen. Nur Prinz Goran liegt mehr tot als lebendig vor ihr über dem Rücken des Pferdes, und sie weiß nur zu gut, dass er das nicht mehr lange durchhalten kann. Er braucht dringend Ruhe und Pflege seiner Wunden, sonst erreichen die Dunklen Krieger doch noch ihr Ziel, und er stirbt unter ihren Händen!


***


Die Sonne steht bereits am Himmel, als Silva selbst recht erschöpft im Wald eine verlassene Hütte entdeckt, und da es in der Nähe auch Wasser gibt, hält sie an. Aufmerksam sucht sie mit den Augen die Gegend ab, aber es scheint hier wirklich niemand in der Nähe zu sein. Sie hofft von ganzem Herzen, dass sie ihre etwaigen Verfolger abhängen konnte. Durch den Aufruhr im Tal der Dunklen Krieger und die vielen flüchtenden Pferde hält sie es sogar für möglich, dass man ihre Spur gar nicht finden wird, was natürlich einem besonderen Glücksfall gleichkommen würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 226
ISBN: 978-3-95840-735-0
Erscheinungsdatum: 26.09.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 16,90

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