Science Fiction & Fantasy

Der Golemkrieg

Timo Luksch

Der Golemkrieg

Teil 2

Leseprobe:

Ährrig und die drei Arlia hatten sich auf der Plattform eingefunden, von wo aus die Rarrach in die unterschiedlichen Tunnel starteten. Nach Serdek barakesh, erklärte der Priester, ging nur selten ein Rarrach. Wesentlich häufiger waren die Transporte von dort nach Thurrkaschal, da es in der Umgebung von Serdek barakesh mehrere sehr ergiebige Kohlevorkommen und auch recht viel Eisenerz gab. Zur Beförderung von Gütern wurden spezielle Rarrach gezüchtet, die nicht für die Beförderung von lebenden Passagieren geeignet waren. Davon abgesehen würde es auch ewig dauern, einen Packsattel gegen einen Reitsattel auszutauschen. Tatsächlich war es weitaus schwieriger, Rarrach für lebende Fracht zu züchten, da die Tiere normalerweise panisch reagierten, wenn etwas Lebendiges auf ihrem Rücken saß. Von einem Rarrach in Panik niedergetrampelt zu werden, endete zumeist tödlich. Güter auf ihnen festzuschnallen, war eine Sache. Sie jedoch an die Gadarai zu gewöhnen, erforderte sehr langes und hartes Training.
Nach einiger Wartezeit näherte sich der ersehnte Rarrach der Rampe und kam zum Stillstand. Während Dendril mit gemischten Gefühlen dabei zusah, wie die ankommenden Passagiere aus den Sicherungen des Sattels befreit wurden, freuten sich Darak und Talaris auf den bevorstehenden Ritt. Sie konnten es kaum erwarten, sich unter die Spinnenweben zu quetschen, und rutschten erwartungsvoll im Sattel hin und her, während man sie wie beim ersten Mal fest verschnürte. „Wie verhindert ihr eigentlich, daß zwei Rarrach in einem Tunnel zusammenstoßen?“ argwöhnte Dendril. „Das kann nicht passieren“, gab Ährrig beruhigend zurück. „Von hier aus wird erst wieder ein Rarrach in Richtung Serdek barakesh starten, wenn einer von dort zurückgekommen ist. Und in Serdek barakesh wartet man mit dem Start, bis dieses Tier hier ankommt. Ganz einfach.“ Dendril schien das wenig zu besänftigen. „Außerdem“, gab Ährrig zu bedenken, „würden sich die Tiere schon auf große Entfernung spüren und sich ausweichen. Sei unbesorgt.“ So ganz überzeugt war Dendril immer noch nicht, doch was blieb ihr schon anderes übrig? Nach Serdek barakesh zu laufen, würde wahrscheinlich einige Umläufe in Anspruch nehmen. Und so schloß sie krampfhaft die Augen und krallte sich verbissen an den Seilen in ihren Händen fest, als sich der Tausendfüßler in Bewegung setzte. Wie beim ersten Mal verließ er gemächlich die Plattform, um plötzlich und ohne Vorwarnung in die Dunkelheit des Tunnelsystems zu stürzen. Erneut durch einen langen Schrei Dendrils begleitet, legte das Tier die ersten paar Dutzend Schritte zurück, dann verschlang das Getöse des Ritts ihr Gezeter. Mit ohrenbetäubendem Donner rasten sie durch die Dunkelheit, stets von einer Seite auf die andere geworfen oder kopfüber im Sattel hängend. Talaris johlte vor Vergnügen. Dendril preßte noch immer die Augenlider zusammen, obwohl das in völliger Dunkelheit eigentlich überflüssig war. Doch die Gromrar sah das anders.
Urplötzlich und ohne ersichtlichen Grund stoppte der Ritt. Der Rarrach hielt einfach mitten im Tunnel an. Zu allem Überfluß auch noch direkt an der Decke, so daß die Passagiere nun kopfüber in der Dunkelheit hingen. Das Tier begann durchdringend zu fiepen und zog sich ein paar Schritte nach hinten zurück. Gnädigerweise begab es sich auf den Boden des Tunnels hinunter, während seine Laute panische Züge angenommen hatten. „Schnapper!“ schrie der Reiter des Rarrach angsterfüllt den Passagieren zu. Diese begannen daraufhin, voller Panik zu schreien und sich in dem Sattel zu winden, doch die Sicherungen waren für einen Ritt ausgelegt. Kein Gadarai hatte die Kraft, sich ohne fremde Hilfe daraus zu befreien. Schon gar nicht, weil das Tier, auf dem sie saßen, nun hektische Rückwärtsbewegungen machte und immer weiter in Richtung ihres Startpunktes zurückwich. „Was ist?“ fragte Dendril alarmiert. „Da scheinen ein oder mehrere Panzerschnapper in den Tunnel eingedrungen zu sein“, gab Ährrig zurück. „Was ist ein Panzerschnapper?“ bohrte sie weiter, obwohl sie, wenn sie es recht überlegte, eigentlich nicht wirklich eine Antwort darauf haben wollte. „Das sind Schildkröten, deren bevorzugte Beute Rarrach und Zekarr sind. Erinnert ihr euch, als ich davon erzählte, daß es gefährliche Kreaturen hier unten gibt. Panzerschnapper zählen zu den gefährlichsten.“ „Und wo kommen die her?“ wunderte sich Dendril, deren Angst vor dem Ritt im Nu verflogen, dafür aber von Todesangst ersetzt worden war. „Es gibt in den Tunneln einige versiegelte Höhlen“, führte Ährrig aus. „Offenbar ist eines dieser Siegel gebrochen. Das passiert leider hin und wieder, wenn die Siegel zu alt werden.“ Er wurde durch ein lautes Quietschen des Rarrach unterbrochen, der sich nun umdrehte und panisch in Richtung Thurrkaschal losrennen wollte. Der Reiter verhinderte mit aller Kraft eine panische Flucht des Tieres, welche den Passagieren allen Sicherungen zum Trotz sicherlich nicht gut bekommen würde. „Wir müssen von dem Sattel runter“, befahl Dendril bestimmt und ließ das Seil los. Energisch tastete sie an ihrem Bein entlang, bis sie den ersten Sicherungsgurt zu fassen bekam. „Bist du wahnsinnig?“ brüllte Ährrig. „Diese Kreatur wird dich zerreißen!“ „Du vergißt meine Aura“, erinnerte ihn Dendril und ­löste die ersten Schnallen an ihrem Bein. „Sag dem Reiter, daß er den Rarrach versuchen soll ruhig zu halten, bis ich abgestiegen bin.“ Solange das Tier sich einigermaßen still verhielt, konnte Dendril sich an den Sicherungen zu schaffen machen. Doch sobald sich der Rarrach bewegte, war das nicht mehr möglich. „Was hast du vor?“ fragte Darak, der von Dendrils Unterhaltung mit Ährrig natürlich kein Wort verstanden hatte. Also erklärte sie es ihm. „Das kannst du vergessen, daß du das ohne uns anstellst!“ schimpfte er und machte sich ebenfalls an den Schnallen zu schaffen. Ohne zu überlegen, tat Talaris das Gleiche. Ährrig befahl dem Reiter, das Tier ruhig zu stellen, was dieser unter Aufbietung all seiner Kräfte auch versuchte. „Und was habt ihr vor?“ zweifelte der Priester. „Ich werde zu diesem Panzerschnapper gehen und ihn beruhigen. Dann könnt ihr mit dem Rarrach daran vorbeireiten, und wir setzen unsere Reise fort. Betet lieber, daß es nur ein Panzerschnapper ist und nicht mehrere.“ „Das kannst du gleich vergessen“, winkte Ährrig ab. „Schnapper sind die einzigen natürlichen Feinde der Rarrach. Das Tier wird sich niemals freiwillig in die Nähe einer Schildkröte wagen, selbst wenn du sie ruhig stellst.“ „Dann“, beschloss Dendril bestimmt, „müssen wir diesen Schnapper töten. Doch in diesem Fall solltet ihr erst recht beten, denn dann hilft uns meine Aura auch nicht weiter. Keine Kreatur wird sich freiwillig töten lassen.“ Mit diesen Worten hatte sie die letzte Schnalle gelöst. Die übrigen Gadarai auf dem Sattel hatten diese Unterhaltung ungläubig mit angehört. Einem Panzerschnapper gegenüberzutreten, war in ihren Augen Selbstmord. Es hatte zahllose Soldaten das Leben gekostet, die Kreaturen aus den Tunneln zu vertreiben und die Durchgänge zu den tiefer gelegenen Höhlensystemen zu versiegeln. Und diese Arlia waren gerade einmal zu dritt und besaßen weder Eisen­rüstungen noch nennenswert effektive Waffen.
Dendril befreite sich unter enormen Kraftanstrengungen aus den Spinnweben und glitt seitwärts am Sattel hinunter auf den Boden. Beinahe zwei Schritte mußte sie im freien Fall zurücklegen, was beim Aufprall ziemlich schmerzte. Das lag hauptsächlich daran, daß sie in völliger Dunkelheit den Boden nicht kommen sah und sich dementsprechend auch nicht auf den Aufschlag vorbereiten konnte. Schon befand sie sich auf Augenhöhe mit zahllosen, unkontrollierbar stampfenden Beinen des Rarrach und wich erschrocken zurück. Sie spürte das Stampfen unmittelbar vor sich und sogar die Luftwirbel, welche die Beine verursachten. Um ein Haar hätte das Tier sie erwischt und durch den Tunnel geschleudert. Kurz darauf plumpsten auch Darak und Talaris auf den Tunnelboden herunter. Wie Dendril entfernten sie sich schnell von dem aufgebrachten Rarrach. „Dendril, wo bist du?“ rief Darak in die Dunkelheit. Urplötzlich flammte ein magischer Faden auf und zerbrach die Finsternis mit gleißendem Licht. Er reichte von Dendrils Hand bis an die Tunneldecke. Staunende und bewundernde Laute kamen von den Gadarai. Nie zuvor hatten sie Magie in Aktion erlebt. Schnell gesellten sich Darak und Talaris zu ihr. „Und was nun?“ fragte Darak ratlos. Dendril verließ die magische Ebene wieder, und das Licht erlosch augenblicklich. „Talaris, du wirst so viele magische Fäden zum Leuchten bringen, wie in deiner Macht steht“, ordnete Dendril an. „Richte sie genau in den Tunnel hinein, wo wir diesen Schnapper vermuten. Los.“
Talaris konzentrierte sich. Seine Fähigkeiten gestatteten ihm keine atemberaubenden magischen Effekte, doch einzelne Fäden zum Leuchten zu bringen, erforderte kaum mehr als etwas gesteigerte Konzentration. Die Änderung, die man dadurch hervorrief, war kaum der Rede wert und kostete dementsprechend auch nur wenig Kraft. Konnte er für einen richtigen Zauber gerade mal zwei oder drei Fäden kontrollieren, gestattete ihm diese leichte Aufgabenstellung sogar, gleich zehn Fäden zum Leuchten zu bringen. Immerhin brauchte er sie noch nicht einmal auf ein Ziel auszurichten, sondern brachte sie einfach als Ganzes zum Strahlen, egal wie lang sie waren oder in welche Richtungen sie sich verzweigten. Und so erhellte sich der Tunnel kurz darauf wieder, während Talaris sich Fäden aussuchte, die in von Dendril gewünschter Richtung verliefen. „Haltet Abstand!“ rief sie den Gadarai auf dem Rarrach zu. Dieser Kommentar war überflüssig, da sie das ohnehin taten. Die Fäden erhellten die nächsten zwanzig Schritte des ­Tunnels, doch die Augen der Arlia konnten mit Hilfe dieses Zaubers natürlich wesentlich weiter sehen. Von hier aus war die Gefahr jedoch nicht zu entdecken. „Ich werde mal ein Stück in seine Richtung gehen“, erklärte Dendril. „Noch wollen wir ihm nichts tun, also bin ich sicher. Wartet hier.“ Talaris reagierte nicht, da er sich in Trance befand. Darak kniete sich auf den Boden und zog sicherheitshalber schon einmal den Bogen der Orzannia. Glücklicherweise hatte er den verdrehten Holzstab nicht an die Gadarai abgegeben, als Dendril ihnen ihre Waffen als Geste guten Willens zugeschoben hatte. Diese erklomm vorsichtig eine Erhebung im Tunnel, um in den Bereich dahinter sehen zu können. Sie stieg auf die Kuppe, spähte hinein und ließ einen markerschütternden Schrei ertönen. Schildkröten waren ihr bekannt, doch die Kreatur, welche sie jetzt erblickte, ähnelte wirklich nur entfernt diesen gemächlichen und eigentlich ungefährlichen Tieren. Zunächst bestach sie durch ihre schiere Größe. Sie nahm leicht das untere Drittel des Tunnels in Beschlag. Entgegen allem, was Dendril je bei Schildkröten gesehen hatte, besaß dieses Monster hier Zähne. Keine richtigen Zähne wie die Raubtiere an der Oberfläche, doch lange zahnartige Fortsätze an beiden Kiefern, die so lang waren, wie ein Arlia groß war. Wenn dieses Tier zupackte, war es für immer. Die Augen der Kreatur waren vollkommen milchig-weiß und besaßen keine Pupille. Ihre Klauen waren mit ebenso langen Krallen bewehrt, wie sie Zähne hatte. Und ihr Panzer bestand offenbar nicht aus Horn, sondern aus Chitin wie bei den Wallaria. Er war teilweise durchscheinend und gestattete einen Blick auf das lebendige Innere des Tieres. Ein Anblick, der nicht gerade zum Verweilen einlud. Aus ihrem Maul schoß in Abständen eines Wimpernschlages eine lange, gespaltene Zunge hervor, wie man sie eigentlich nur von Schlangen her kannte. An der Körperhaltung und der Art ihrer lauernden und schleichenden Bewegung erkannte Dendril eindeutig, daß die Kreatur die Witterung ihrer Beute aufgenommen hatte. Und zwar die des Rarrach, auf dem Ährrig und die anderen Gadarai saßen. Dabei gab sie stetig ein Geräusch eines schwer atmenden Arlia von sich, dessen Lunge kaum noch Kraft hatte. Lange, schleimige Fäden hingen an ihrem Unterkiefer, von denen beständig Speichel auf den Boden troff. Obwohl sie in ihrer Fortbewegung beinahe so aussah, als ob sie bei jeder Bewegung Schmerzen hätte, konnte sie das nicht stoppen. Zielstrebig hielt sie auf den Rarrach zu und näherte sich Dendril, die ihre Angst und ihr Entsetzen inzwischen überwunden hatte. Der Schnapper erklomm die Bodenwelle, auf der sie stand, und war nun direkt vor ihr. Ohne Angst näherte sie sich dem Tier bis auf wenige Schritte. Der Schnapper spürte die Anwesenheit potentieller Beute, von der er jedoch definitiv nicht satt werden würde, doch er spürte natürlich auch Dendrils Aura. Fauchend wich die Schildkröte seitwärts vor Dendril zurück, betrachtete sie durchdringend mit eingeknicktem Hals, setzte dann jedoch ihren Weg unbeirrt fort und kroch auf den Rarrach zu. Dendril lief auf die Kreatur zu und versuchte, sie zum Umkehren zu bewegen, indem sie wild gestikulierte, sie am Hals packte und in die andere Richtung drehte. Doch nichts dergleichen zeigte Wirkung. Der Panzerschnapper war so sehr auf seine mögliche Beute fixiert, daß er Dendrils Bemühungen einfach ignorierte. „Was sollen wir tun?“ schrie Darak panisch, dem der Panzerschnapper viel zu nahe kam für seinen Geschmack. Dendril überlegte nicht lange. „Töte sie!“ rief die Gromrar und entfernte sich schnell einige Schritte von der Schildkröte. Ein scharfer Pfiff tönte durch die Luft, und unter einem furchtbaren Aufschrei drang Daraks magischer Pfeil durch den Kopf des Tieres und tief ins Innere seiner Eingeweide. Der Schnapper brüllte vor Schmerz und bäumte sich auf, taumelte, stürzte und wich ein Stück weit zurück. Als er auf den Boden prallte, lief ein merkliches Beben durch den Tunnel. Sand und Staub rieselten von der Decke, und die Intensität der Erdstöße störten Talaris in seiner Konzentration. Das Licht begann zu flackern.
Nachdem der Schmerz offenbar ein wenig nachließ, fixierte der Schnapper Darak und kam wütend auf ihn zu. Das Tier war wesentlich schneller, als er es erwartet hatte. Der Prinz wartete nicht lange, und ein erneuter scharfer Pfiff gellte durch den Tunnel. Er verfehlte den Kopf nur um einen Fingerbreit, doch der Pfeil drang auch mühelos durch den Panzer ins Innere ihres Körpers. Ein weiteres Mal brüllte die Kreatur auf. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Voller Schmerz warf sie sich hin und her und verursachte ein weit stärkeres Beben als bei Daraks ­erstem Treffer. Urplötzlich erlosch das Licht um sie herum, und Darak hörte, wie Talaris zu Boden stürzte. „Bei Tiar!“ fluchte der Prinz. „Mach das Licht wieder an!“ Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis Talaris sich wieder gefangen hatte und erneut die Konzentration für den geforderten Zauber aufbrachte. Langsam erhellte er wieder das Dunkel des Tunnels, und Darak mußte entsetzt feststellen, daß der Panzerschnapper nur noch wenige Schritte von ihm und seinem Or’jan entfernt war. „Dendril!“ kreischte Darak panisch und legte einen weiteren Pfeil ein. Die Sehne knisterte zischend, als er den Schaft zurückzog und zielte. Dann bäumte sich das Tier erneut auf. Ohne diesmal einen Pfeil abbekommen zu haben. Mit zunehmendem Licht erkannte Darak auch, weshalb. Dendril stand auf der Erhebung im Tunnel hinter der Schildkröte und hatte sie offenbar mit einem Zauber gepackt. Was immer sie auch tat, es mußte irrsinnige Schmerzen verursachen, denn der Panzerschnapper taumelte nur noch unbeholfen und schreiend von einem Bein auf das andere. Darak konzentrierte sich auf die magische Ebene, um zu sehen, was Dendril da machte. Die Gromrar hatte fünf oder sechs Fäden unter ihrer Kontrolle und deren Enden tief im Inneren des Panzers der Kreatur versenkt. Mit ihrer Hilfe zerfetzte sie die inneren Organe des Tieres wie Eier mit einem Vorschlaghammer. Sie ließ nicht locker, bis der Panzerschnapper endlich unter einem wirklich widerlich klingenden Gurgeln zusammensackte. Im Inneren des Panzers waren keine Konturen mehr zu erkennen. Alles war nur noch ein einziger widerlicher Brei, der dem Tier nun zu allem Überfluß aus dem Maul hervorquoll. Dendril beendete ihren Zauber und verließ die magische Ebene. Tränen standen ihr in den Augen. Die unvorstellbare Grausamkeit, mit der sie das Leben dieser Kreatur beendet hatte, ging vollkommen wider ihre Natur. Ein wenig erschöpft von dem Zauber, ging sie in die Knie und schluchzte. Der Prinz beeilte sich, zu ihr zu kommen, und legte tröstend seinen Arm um ihre Schultern. „Mir ist nichts anderes eingefallen auf die Schnelle“, stammelte sie. „Es ist in Ordnung“, raunte Darak. „Du hast uns und den Gadarai das Leben gerettet. Du hattest keine andere Wahl.“ Dendril ließ den Kopf sinken und preßte eine letzte Träne heraus, dann schluckte sie den Kummer tapfer hinunter. Plötzlich tönten lauter Beifall und Jubelrufe von dem Rücken des Rarrach durch den Tunnel. „Ihr habt es geschafft!“ drang Ährrigs Stimme beeindruckt an ihre Ohren. „Ihr seid Helden! Es wären hundert Gadarai unter voller Bewaffnung notwendig gewesen, um dieses Tier zu erlegen!“ „Das war Magie!“ rief Dendril den Gadarai zu. „Eure Feinde müssen wahrhaft übermächtig sein, wenn ihr sie damit nicht niederstrecken könnt!“ erwiderte Ährrig ehrfurchtsvoll.
Instinktiv spürte der Rarrach, daß der Panzerschnapper tot war, und beruhigte sich dementsprechend wieder. Vorsichtig lenkte der Reiter das Tier in die Nähe der drei Arlia. Talaris zitterte am ganzen Körper. Obwohl der Zauber keine hohen Anforderungen stellte, raubte ihm die Dauer desselben doch beinahe gänzlich die Konstitution. Erleichtert ließ er die Fäden los, als Dendril ihm auf die Schultern klopfte. „Du hast dich bewährt, Or’jan“, lobte sie stolz und drückte ihn fest an sich. Zum Glück war es wieder duster, obwohl Talaris befürchtete, sein roter Kopf könnte vielleicht in der Dunkelheit leuchten. Ohne Sicht tasteten sie nach einem Bein des Rarrach. Sie wurden schnell fündig. Immerhin standen tausend zur Auswahl. Dendril ließ erneut einen Faden aufleuchten, während Talaris dem Prinzen mit einer Räuberleiter beim Aufsteigen behilflich war. Die Gadarai oben im Sattel zogen kräftig mit, als sich Darak hinaufzog. Als er oben war, löste er Dendril mit Lichtmachen ab, so daß Talaris auch ihr aufhelfen konnte. Am schwierigsten war es für den jungen Arlia selbst, am Bein des Rarrach hinaufzuklettern, bis man ihm von oben her eine helfende Hand reichen konnte. Doch mit einiger Anstrengung saßen endlich alle drei Arlia wieder auf dem Sattel und schlüpften unter die Spinnenseide. Das Festzurren der Gurte erwies sich als weitaus schwieriger als das Losmachen und das, obwohl der Rarrach jetzt vollkommen still stand. Die Gadarai dankten ihnen überschwenglich für ihre Rettung, und Ährrig starrte sie noch immer ungläubig an. Diese Leistung würde in die Geschichtsschreibung der Gadarai eingehen, soviel stand fest. Auch wenn in ein paar Zyklen niemand mehr würde sagen können, wie lange genau diese Tat her war. Doch das war unerheblich. Als Darak das Licht wieder ausgehen ließ, um sich selbst im Sattel zu sichern, lenkte der Reiter den Rarrach bereits langsam an dem Kadaver des Panzerschnappers vorbei. „Halt!“ rief Ährrig nach einigen Atemzügen. „Seht ihr das?“ fragte er. Natürlich sahen die Arlia überhaupt nichts. Dendril bediente sich erneut der Magie, um dieses Problem zu lösen. Der Rarrach stand ein ganzes Stück hinter der toten Schildkröte. Rechts neben ihnen klaffte ein großes Loch in der Tunnelwand. Hier war wohl das Siegel aufgebrochen, von dem Ährrig gesprochen hatte. Doch irgend etwas schien nicht in Ordnung zu sein, denn die Gadarai tuschelten heftig untereinander. „Das glaube ich nicht“, hauchte Ährrig. Dendril hatte genug gesehen und ließ ihren Faden wieder los. „Was ist passiert?“ stotterte sie irritiert. „Das Siegel ist nicht gebrochen“, raunte Ährrig, „es wurde absichtlich geöffnet!“ „Was?“ fragte sie erschrocken. „Aber wer …“ „Das weiß ich nicht. Aber das ist mehr als beunruhigend! ­Einerseits, weil kein Gadarai so etwas tun würde. Andererseits, weil es ganz gezielt uns getroffen hat. Das war ein Anschlag.“ „Auf uns?“ staunte Dendril ungläubig. „Das wäre möglich“, gab Ährrig zurück, „doch bevor wir nach Antworten suchen, sollten wir nach Serdek barakesh zurückkehren. Laßt uns aufbrechen!“ Der Reiter ließ die Zügel schnalzen, und der Rarrach setzte sich wieder in Bewegung.
Die restliche Strecke legten sie in wesentlich langsamerem Tempo zurück. Die Arlia waren nicht wirklich gut gesichert, und man wollte kein Risiko eingehen. Viel später als erwartet näherten sie sich der Plattform in Serdek barakesh. Der Rarrach in Richtung Thurrkaschal stand schon bereit, doch Ährrig stoppte ihn. Mit wenigen Worten hatte er den Wachen erklärt, was auf ihrem Weg hierher passiert war und daß es eine Sicherheitslücke in dem Tunnel zur Hauptstadt gab. Es war, als ob man einen Apfel gegen einen Bienenstock warf. Die Neuigkeit und mit ihr die Aufregung verbreiteten sich rasend schnell unter den Gadarai. Außerdem mußte das Siegel sofort wieder geschlossen werden, bevor noch mehr Panzerschnapper in die Transporttunnel eindringen konnten.
Es dauerte gerade mal so lange, bis alle Passagiere aus Thurrkaschal aus ihrem Reitsattel befreit worden waren, und ein massives Truppenaufgebot kam an der Plattform an, um in den Tunnel hinunterzusteigen. Die Soldaten ritten auf Zekarr, deren natürlicher Chitinpanzer stellenweise mit Metallrüstungsteilen oder Stücken aus dem Panzer der Wallaria verstärkt worden war. Obwohl Gadarai auch in vollkommener Dunkelheit wohl noch etwas sehen konnten, führten sie viele Laternen mit sich. „Was sind das für Waffen?“ wollte Darak wissen und deutete auf die Soldaten hinunter. Dendril gab die Frage an Ährrig weiter. „Wir nennen diese Waffe Armbrust“, erklärte der Priester. „Bei unserer geringen Armlänge verursachen Bögen kaum genügend Schaden, deshalb haben wir diese Waffen entwickelt. Sie verschießen Bolzen, die wesentlich kleiner als Pfeile sind, doch durch die hohe Spannkraft immensen Schaden verursachen. Gut gezielt kann man damit auch den Panzer eines Panzerschnappers durchdringen. Allerdings reicht die Wirkung nicht an Daraks Bogen heran. Und sie haben den Nachteil, daß es wesentlich länger dauert, sie wieder zu spannen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 464
ISBN: 978-3-99003-180-3
Erscheinungsdatum: 02.11.2010
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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