Science Fiction & Fantasy

Der Fluch der Katzen

Sarah Ackermann

Der Fluch der Katzen

Leseprobe:

Ich saß in einem mit schummrig gelbem Licht beleuchteten Raum. Kleine Rauchschwaden zogen durch die ohnehin schon stickige Luft des kleinen Büros. Mein Stuhl war echt unbequem. Er war aus irgendeinem unaussprechlichen Holz gefertigt worden, das weder biegsam noch geschmeidig war. Dieses Holz wies keine der Eigenschaften auf, die es zur Fertigung eines Stuhls prädestiniert hätten.
Ich rutschte hin und her und versuchte herauszufinden, welche meiner Arschbacken sich in einem weniger komatösen Schlafzustand befand, die linke oder die rechte. Mein rechtes Knie stieß dabei an den Bürotisch vor mir, der mit diversen Papierstapeln überhäuft war. Wo das dunkle Holz noch zum Vorschein kam, war es mit Krümeln und Asche übersät.
Die Person, die hier arbeitete, war ganz offensichtlich ein Workaholic, der praktisch in diesem Büro lebte, zwischendurch kurz ein Sandwich verdrückte und dann rauchend wieder weiterarbeitete. Vor die Tür kam sie auch nicht oft. Das war an ihrer blassen Hautfarbe deutlich zu erkennen.
Sie saß mir seelenruhig gegenüber und rauchte ihre dünne Tabakzigarre zu Ende. Ihr breiter, schwarzer Ledersessel schien offenbar bequem zu sein. Schon zum zehnten Mal, seit ich darauf wartete, dass sie das Gespräch eröffnete, sah ich ihr ins Gesicht.
Sofort fiel mein Blick wieder auf ihre stechend schwarzen Augen und ich sah schnell wieder weg. Das Spinnennetz in der oberen linken Ecke über dem verstaubten Bücherregal kannte ich nun schon in- und auswendig. Dennoch studierte ich es eingehend, um nicht gelangweilt im Raum umherzublicken.
Sie hatte wirklich schöne, feine Gesichtszüge. Und dann erst die langen, eleganten schwarzen Haare, die wie ein aus glänzendem Lack gefertigtes Kunstwerk hochgesteckt waren. Wären da nur nicht diese stechenden Augen mit ihrem diabolischen Funkeln.
Es waren nun schon zehn Minuten vergangen, seit sie mich aufgefordert hatte, mich zu setzen. Sie blies mir einen Zug Rauch ins Gesicht und dann begann sie endlich zu sprechen.
„Wissen Sie, was wir hier tun?“, fragte sie mich in ruhigem und sachlichem Ton.
„Sie vermitteln?“, antwortete ich unsicher und rieb mir über die Stirn, als mir unverhofft der Schweiß ausbrach.
„Ganz recht“, sagte sie und lehnte ihren schlanken, in enganliegender roter Seide gekleideten Körper entspannt im Sessel zurück.
Erneut nahm sie einen Zug ihrer unsäglich stinkenden, dünnen Zigarre. Wenn es in diesem Tempo weiterging, würde das Gespräch noch Stunden dauern.
Als mir am Schalter gesagt wurde, ich sollte mit dem Chef reden, hatte ich an irgendeinen Abteilungsleiter oder dergleichen gedacht. Wie hätte ich auch ahnen können, dass ich mit der Chefin schlechthin sprechen würde.
Verglichen mit ihrer Position ließ sich die Schäbigkeit ihres engen Büros im tiefsten Keller und ohne Fenster gar nicht beschreiben. Diese Frau war rein körperlich das Sinnbild jeglicher Eleganz und hätte an diesem Ort eigentlich so fehl am Platz wirken müssen wie ein zarter Schmetterling in einer stinkenden Kneipe.
Wären da nicht ihre schwarzen Augen gewesen, in deren Blick sich mir Abgründe auftaten, als sähe ich in das Antlitz des Nichts. Dieses finstere Nichts des Nachthimmels, in dem zwar Sterne hoffnungsvoll aufleuchten, aber in dessen Schwärze die grauenhaftesten Schrecken lauern mussten.
Ich rückte mit meinem Stuhl ein paar Zentimeter zurück. So gesehen passte dieses Büro durchaus zu ihr. In seinen dunklen Winkeln krabbelte irgendwelches unheimliches Getier, das sie, würde es ihr zwischen die Finger geraten, bestimmt ebenso erbarmungslos zerquetschen konnte wie ihr Gegenüber, das sie auf diesem wahrlich höllisch unbequemen Stuhl platziert hatte.
Als mich ihr durchdringender Blick wieder traf, schrumpfte ich unwillkürlich ein wenig auf meinem Stuhl zusammen. Vielleicht wäre es doch ganz angenehm, sich mit dem Krabbelgetier zusammen in der dunklen Ecke zu verkriechen.
Ihre Augen fesselten mich in einer Art Starr-Wettkampf, in dem ich mich nicht getraute, wegzusehen, obwohl ich mir fast in die Hosen machte. Endlich blies sie mir wieder ihren Rauch ins Gesicht und schaute offenbar zufrieden an die Wand zu meiner Linken, an der etliche Zettel, Poster, Fotografien, aber auch wertvolle Gemälde in heillosem Durcheinander hingen.
Befreit von ihrem stechenden Blick entspannte ich mich wieder ein wenig und löste meine Hände von der Sitzkante des Stuhls, an der sie sich unbemerkt festgeklammert hatten.
Das Lächeln verschwand wieder von ihrem Gesicht, während sie die Wand musterte.
Mit strenger und kalter Stimme fuhr sie fort: „Wir vermitteln. Wir vermitteln absolut alles, was es überhaupt zu vermitteln gibt. Kostbare Antiquitäten, seltene Lebewesen aus anderen Dimensionen, sogar uralte Flüche und Verwünschungen. Ganz egal. Der Kunde will es, wir vermitteln es. Egal, was sie sich wünschen, für den angemessenen Preis können sie alles haben, was ihr Herz, oder welcher Teil von ihnen auch sonst, begehrt.“
Sie machte eine Pause und ich nickte zustimmend. Sie würdigte mich diesmal jedoch keines Blickes. Was für eine Erleichterung!
Nach einem erneuten Zug ihrer stinkenden Zigarre sprach sie weiter: „Mit den Wünschen ist das so eine Sache. Viele wünschen sich etwas, von dem sie glauben, dass es sie glücklich macht. Tatsächlich führt in den wenigsten Fällen die Erfüllung eines Wunsches dazu, dass sie sich zufriedener oder glücklicher fühlen. Die meisten wünschen sich Dinge, die im Grunde gar nicht gut für sie sind und oft genug folgen auf einen von uns bearbeiteten Vermittlungswunsch gleich etliche nach. Das stört uns nicht weiter, es ist gut fürs Geschäft.“
Sie machte eine bedeutsame Pause.
„Problematisch sind einzig diejenigen Kunden, die ein wenig mehr einsichtig und selbstkritisch sind als der Normalkunde. In so einem Fall wird der Kunde reklamieren und bei uns einen Umtausch, Schadenersatz oder die Rücknahme des Vermittelten fordern. Würden solche Probleme nicht zur Zufriedenheit unserer Kunden gelöst, würde sich das herumsprechen und das wäre äußerst schlecht für unser Geschäft.“
Sie drehte sich wieder zu mir um und drückte endlich den Rest ihrer Zigarre in dem goldenen Aschenbecher auf dem Pult aus. Auf dem einzigen freien Bereich des Pultes direkt vor sich faltete sie ihre Hände. Und wieder lastete ihr durchdringender Blick auf mir.
„Und hier kommen Sie ins Spiel. Tian vom Empfang sagte mir, sie wären auf der Suche nach einer Anstellung. Sie haben keine Ausbildung, keinen Abschluss, keine nennenswerten Beziehungen …“
Mein Kopf lief vor Scham ganz rot an.
„Aber Sie sind nach Ihren eigenen Angaben, ich zitiere ‚ganz gut im Schreiben‘.“
Ich fing an, nervös an meinen Händen herum zu kneten. Ich brauchte einen Job. Ich brauchte wirklich, wirklich dringend einen Job! Das war der einzige Weg, der mir noch blieb, um an das nötige Geld zu kommen, um meine Schulden begleichen zu können. Würde ich meine Schulden nicht in den nächsten zwei Monaten wenigstens ansatzweise zurückzahlen, dann …
Ich brauchte einen Job!
„Normalerweise hätte ich jemanden wie Sie hochkant zum Gebäude hinauswerfen lassen. Aber Sie haben Glück. Angesichts der jüngsten Ereignisse, und ich spreche hier von Reklamationen richtig unzufriedener Kunden, habe ich mich entschieden, ein neues Team mit der Lösung solcher Probleme zu beauftragen. Dafür braucht es auch jemanden, der haarklein Protokoll führt und mir nachher in allen Einzelheiten Bericht erstatten kann. Bei der Behebung der Problemfälle können wir uns nicht die geringste Unklarheit erlauben, die später zu Fragen führen könnte. Irgendeine Lücke in den Akten, selbst wenn sie das Ansehen dieses Unternehmens schützen soll, kann ich mir nicht leisten. Dieses Geschäft ist hochkomplex und es steht dabei zu viel auf dem Spiel.
„Darum meine Frage: Können Sie mein Team begleiten und alle Einzelheiten der Mission so notieren, dass für mich keine Probleme daraus entstehen könnten? So, dass selbst vor dem mir am feindlichsten gestimmten Richter kein Körnchen Zweifel bestünde, dass meine Leute ehrliche und saubere Arbeit leisten und wir nichts zu verbergen haben? Trauen Sie sich das zu?“
Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Wenn sie bereit war, jemandem wie mir diesen Job zu geben, dann musste er wirklich das Allerletzte sein. Aber was blieb mir schon anderes übrig? Das war meine letzte Chance, bevor meine Lieferanten mir für immer den Hahn zudrehen würden.
Entschlossen ballte ich meine Hände zu Fäusten und presste zwischen den Lippen hervor: „Ja, ich kann das!“
Ein gefährliches Raubtierlächeln umspielte ihre Lippen.
„Gut. Sie fangen gleich morgen an. Ihnen wird eine Firmenunterkunft zugeteilt. Aber Sie werden ohnehin viel unterwegs sein. Die Firma übernimmt Kost und Logis sowie alle nötigen Versicherungen und Unfall- oder Krankheitskosten. Melden Sie sich gleich bei Emma im zweiten Stock. Sie wird Ihnen Ihren Schlüssel und alle nötigen weiteren Unterlagen aushändigen. Haben Sie noch Fragen?“
Mir schwirrte der Kopf. Das klang eigentlich alles ganz gut. Ach was, traumhaft. Ich würde mir keine Sorgen mehr machen müssen, bei wem ich die nächsten Nächte zubringen und Essen schnorren konnte. Aber …
„Gibt es auch einen Lohn?“, fragte ich schüchtern.
„Wenn ich mit Ihrer Arbeit zufrieden bin. Hier ist der Vertrag.“
Sie legte ein handgeschriebenes Dokument auf den Zettelstapel vor mir, das eher aussah wie ein Teufelspakt als ein Arbeitsvertrag.
Sie hielt mir ihren goldenen Füller hin.
„Damit wir uns richtig verstehen: Dies ist eine unbefristete Stelle“, sagte sie drohend.
Mir rann der Angstschweiß hinunter. Dieser Job war allerdings ein Traum. Ein Albtraum! Sie würde mich nur aus diesem Vertrag entlassen, wenn ich zehn Meter unter der Erde begraben lag. Aber wie schon gesagt, ich hatte keine Wahl.
Mit zitternder Hand nahm ich den Füller entgegen und setzte meinen Namen auf das Papier. Sie nahm den Füller und den Vertrag wieder zu sich.
„Schön. Dann sind wir also im Geschäft.“



Das erste Zusammentreffen

Unser ganzer Körper ist fähig, zu atmen. Unsere Nase atmet natürlich, ebenso unser Mund, aber auch unsere Haut mit ihren Poren, sogar unsere Augen. Die ganze Fläche unseres Körpers atmet. Und trotzdem wachte ich an diesem Morgen nach Luft ringend auf.
Die halbe Nacht hindurch hatte mich ein Albtraum geplagt. Immer wieder saß ich in einem über und über mit Qualm gefülltem, engen Zimmer. Eine Uhr tickte so langsam, als würde sie für jede Sekunde eine volle Minute brauchen. Tick, … tick, … tick, …
In demselben Takt tropfte mir der Schweiß von der Stirn. Ich konnte keine Worte hören, aber ich sprach mit jemandem. Mit demjenigen, der mir gegenübersaß. Er saß auf einem riesigen Thron, der niemals in den kleinen Raum hineingepasst hätte. Und auf dem Thron saß der gehörnte Teufel höchstpersönlich. Aus seinem Mund quollen gelbe Schwefelschwaden.
Was er zu mir sagte, konnte ich nicht verstehen. Meine Antworten auf seine Fragen ebenso wenig.
Aber am Ende des Traums wusste ich mit Gewissheit, dass ich mit ihm einen Pakt geschlossen hatte. Ich hatte ihm meine Seele verkauft. In dem Moment, als wir das Abkommen mit meinem blutigen Fingerabdruck auf seinem Pergament besiegelten, klingelte das Telefon.
Ich erwachte, wie schon gesagt, nach Atem ringend und schweißgebadet.
Das Telefon auf dem Nachttisch klingelte weiter. Einmal, zweimal, dreimal, … beim fünften Mal nahm ich endlich den Hörer ab.
„Guten Morgen!“, trällerte eine gut gelaunte Stimme in mein Ohr. Zu gut gelaunt für meinen Geschmack.
„Ich sollte Sie um halb sieben wecken. Dies ist schließlich Ihr erster Arbeitstag hier bei uns“, sprach die freundliche Sekretärinnenstimme weiter. „Frühstück wird Ihnen in der Kantine serviert. Sie werden um acht bei der Arbeit erwartet. Ich wünsche Ihnen einen guten Start und herzlich willkommen.“
Damit endete das frühmorgendliche Gespräch, ohne dass ich auch nur einen Piep von mir gegeben hätte.
Bilder des vergangenen Tages stiegen wieder in mir auf. Ja, ich hatte in einem kleinen, rauchigen Zimmer gesessen. Ja, ich hatte ein Gespräch mit dem Teufel geführt. Und ja, ich hatte mit ihr einen Pakt geschlossen.
Nur, dass sie, die Realität, weitaus angsteinflössender war, als der Ziegenmenschriese in meinem Traum.

Als ich beim Frühstück saß, war ich ganz froh darüber, dass mich das Telefon so früh geweckt hatte. Schon seit Tagen hatte ich nichts Anständiges mehr zwischen die Zähne gekriegt. Nun genoss ich mein ausgedehntes Frühstück in allen Zügen. Und das beanspruchte viel Zeit.
Ich war nicht wie andere Hungernde, die beim ersten Kontakt mit richtigem Essen alles in sich hineinstopften. Nein, ich war ein Genießer.
Schon um eine Auswahl am Buffet zu treffen und diese schön auf meinem Teller zu drapieren, benötigte ich einige Minuten.
Ich genoss den Duft des aufbrühenden Tees und des frisch gepressten Orangensaftes. Das Essen schmeckte vorzüglich. Hier hätte ich gerne jeden Tag für den Rest meines Lebens gefrühstückt. Aber ich sollte ja in den Außendienst. Ein friedliches Dasein als einfacher Büroangestellter war mir offenbar nicht vergönnt.
Um acht Uhr sollte ich zum ersten Mal meinen beiden Teamkollegen begegnen. Das hieß, nein, eigentlich bildeten nur die beiden das Team. Ich war lediglich das Anhängsel, das notwendigerweise mitmusste. Ich war nur der Schreiberling.

Der vorgesehene Treffpunkt für das Team war der große Springbrunnen. Das fand ich heraus, nachdem ich mit meinem Quartiermeister gesprochen hatte, ein alter, Vanillepfeife rauchender Mann mit vollem grauem Haar und grauem Schnauzer. Das Gelände der Hauptzentrale der Vermittlung war etwa so groß wie eine eigene kleine Stadt. Nur gab es hier keine Läden, keine Essensbuden, nicht einmal einen Kiosk. Hier war alles streng kontrolliert. Essen gab es in der Kantine. Und an dem hatte ich wirklich nichts zu meckern. Ständer für die Morgenzeitung fanden sich an jeder Ecke und waren immer gut gefüllt.
Geraucht wurde in separaten Rauch-Lounges. Da gab es die Erdbeer-Lounge, die Pfefferminz-Lounge, die Vanille-Lounge, die Roiboos-Pfeffer-Lounge, die Whiskey-Lounge, die Kaffee-Lounge und auch die mir unbeliebte Tabak-Lounge. Ich selbst war Nichtraucher. Aber ich genoss es trotzdem, ab und zu durch den erfrischenden Rauch einer Pfefferminz-Zigarette zu laufen oder durch den besonders am Morgen genüsslichen Duft der Kaffee-Zigaretten. Der übersüße Geruch der Erdbeer-Zigarren war schon weniger mein Fall. Und die stinkenden Tabak-Zigaretten und -Zigarren konnte ich auf den Tod nicht ausstehen. Wie konnte man nur an diesem Geruch hängen, wo doch so viele wohltuende Düfte geraucht werden konnten? Die meisten anderen gefielen mir, vorausgesetzt sie mischten sich nicht alle wild durcheinander. Diese Gefahr bestand hier auf dem Gelände der Hauptzentrale aber nicht.
An diesem Morgen hatte ich gar keine Zeit mehr, noch all die anderen Dinge zu entdecken, die den Mitarbeitern hier geboten wurden. Der Quartiermeister wies mir den Weg zur nächstgelegenen Station der Ringbahn. Es gab zwar auch eine eigene Tief-Bahn sowie die gemütliche Wasser-Bahn, aber die wichtigsten Stationen erreichte man am einfachsten und schnellsten mit der Ringbahn. Die hatte ich am Tag zuvor zum ersten Mal benutzt und war sowohl fasziniert als auch ein wenig abgeschreckt von ihr. Aber da ich nicht mehr allzu viel Zeit hatte und dies der schnellste Weg war, ging ich gezwungenermaßen auf die Station zu.
Der deutlich mit einem Kreiszeichen markierte Eingang zur Ringbahn führte zuerst hinab in das unterirdische Level. Als ich die Treppe hinunterstieg, hörte ich schon in der Ferne das kontinuierliche Rauschen der Ringbahn. Am unteren Ende der Treppe kam ich zu der kleinen, hell erleuchteten Halle, in der die Kabinen warteten. Bei ihrem Anblick erinnerte ich mich wieder an die Worte des Quartiermeisters, als er mir den Weg gewiesen hatte: „Da geht’s runter zu den Särgen“, hatte er gesagt und auf den Eingang zur Ringbahn gedeutet.
Die Kabinen der Ringbahn sahen tatsächlich wie Särge aus. Es waren geschlossene Einzelkabinen. Nicht nur ihre weiss polierten, leicht gerundeten Oberflächen erinnerten an stehende Särge. Auch der Innenraum war samtig ausgepolstert, wie ich mich noch von meiner gestrigen Fahrt erinnerte.
Gestern. Bei der Erinnerung an gestern krampfte sich mir der Magen zusammen. Ich konnte nur hoffen, dass ich nicht schon gleich bei der ersten Mission in einem richtigen Sarg landete. Trotz all der angeblichen Versicherungen würde dieses Teufelsweib wohl kaum allzu viel Rücksicht auf das Leben eines kleinen Schreiberlings wie mir nehmen.
Ich ging auf eine der Kabinen rechts von mir zu. Als ich mich vor eine Kabine gestellt hatte, leuchtete ein grüner Punkt auf der weißen Oberfläche auf. Ich drückte drauf und sagte laut „Springbrunnen“. Die Kabine öffnete sich automatisch, ich stieg ein und versank für einen Moment genüsslich in dem dunkelgrünen Samtpolster. Sofort schloss sich die Kabine. Nun konnte man nichts mehr sehen. Ein warmes Licht leuchtete den kleinen Innenraum der Kabine aus.
Die Bewegung der Kabine war kaum zu spüren. Hätte ich nicht gestern die Anleitungstafel studiert, wäre ich nun wahrscheinlich ganz schön beunruhigt. Die Ringbahn war, wie der Name sagte, eine Bahn, die sich im Kreis bewegte. Aber sie war nicht einfach eine Bahn, die ständig dieselbe Strecke im Kreis fuhr. Die Ringbahn war so lang wie die Strecke selbst. Diese riesige Bahn war ständig in Bewegung, um die vielen Mitarbeiter der Vermittlung schnell von einem Ort zum nächsten zu bringen. Sie verlief unterhalb des gesamten Hauptquartiers.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 398
ISBN: 978-3-99107-521-9
Erscheinungsdatum: 12.05.2021
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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