Der endlose Wille
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 316
ISBN: 978-3-7116-0229-9
Erscheinungsdatum: 25.06.2025
In einer dystopischen Welt unterwirft der Staat seine Bürger mit implantierten Chips, um ihre Gedanken zu kontrollieren. Familie Hildmann, Levin und Chloe kämpfen verzweifelt um Freiheit und Überleben. Doch wie kann man dem Staat und sich selbst entkommen?
Prolog/Levin/Plotnok
Levin wacht auf. „Ich kann das Ende der Welt aufhalten, dann wird es nie wieder Steine regnen“, murmelt er in die Stille hinein, die endlos laut scheint.
Lauter sogar als der Wunsch nach einem Ende. In all seinen 24 Jahren wollte er nie sterben, zumindest nicht so wirklich. Dafür war er zu sehr Kämpfer, zu verbissen, zu leidenschaftlich. Doch leben wollte er auch nicht. Levin fühlt sich, als wäre er zwischen Leben und Tod gefangen. Er muss an die zahlreichen Momente denken, in denen der Tod an seiner Tür klingelte. Nein, nicht klingelte. Hämmerte. Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf. Es war nie ein sanftes Pochen, nie ein zögerliches Anklopfen. Es war eine wütende, eindringliche Forderung.
Doch Levin öffnete niemals die Tür. Ob aus Feigheit oder Entschlossenheit, weiß er bis heute nicht. Allerdings weiß er, dass ihn Geister verfolgen. Keine Gestalten in weißen Laken, sondern echte Geister: Angst, Liebe, Schuld, Trauer und Wut. Sie nisten sich in seine Seele ein, wenn er aufwacht, einschläft, und bei allem, was dazwischen liegt. Sie sind laut, so laut, schreien jedes Mal hoffnungsschmerzend, wenn Levin die Leere betritt. Wenn die Nacht hereinbricht, werden sie größer und wachsen mit der Dunkelheit, bis sie im Licht des Morgens schwächer werden, jedoch nie verglimmen. Manchmal, an regnerischen Tagen, kann er sogar mit ihnen interagieren. Sie singen mit ihm, laut und eindringlich:
„Die Flamme lodert weiter durch die Nacht.
Auch wenn die Schatten aus ganzem Herzen weinen,
werden aus Geistern keine Menschen mehr.
Spätestens zu Sonnenaufgang hat das Feuer ganze
Wälder niedergebrannt.
Ohne Rücksicht auf Verluste werden Worte zu Taten,
denn Vorstellungskraft ist Zauberkraft und
kann die ganze Welt verändern.
Die Schatten haben keine Tränen mehr.
Wut ist Kraft und wir verfluchen die Lethargie,
dann lodert die Flamme auch nächste Nacht.“
Dann hämmert sein Herz erneut, als würde es durch seine Brust drängen.
Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf. Angst, Liebe, Schuld, Trauer, Wut.
Levin hat dieses Klopfen tausendfach gehört.
Klopf. Die Angst kommt in ihm hoch, die Panik vor der Wahrheit, vor der legitimen Verfolgung.
Klopf. Wie sehr liebt er einen unbekannten Toten? Wie sehr vermisst er ihn, wenn das Licht erlischt?
Klopf. Er machte so viele Fehler. Besonders dieses eine Mal im Krankenhaus. Als er vor dem Computer stand und eine Entscheidung traf.
Klopf. Er verlor so viel. Seine Prinzipien, seine Unschuld. Vielleicht ist das Ende dieses Mal ein Anfang?
Klopf. Dieses verdammte Klopfen. Wieso musste das sein Schicksal sein? War der kleine Junge nicht selbst für seinen Tod verantwortlich?
Klopf. Klopf. Wer sind die zwei Unbekannten?
Er muss an diesen beschissenen Tag denken, an dem er jemanden opferte, um zu überleben: Ring, ring, ring, ring, ring. Der Wecker klingelt und Levins kleiner, dünner Körper ragt aus dem Bett hervor. Seine Locken fallen ihm in die Augen, kitzeln sein Gesicht und ringen ihm ein seltenes Lächeln ab. Der herbstliche Duft von feuchtem Laub strömt durch das gekippte Fenster in das Krankenhauszimmer und mischt sich mit dem Geruch von Desinfektionsmittel. Währenddessen schmiert Levin ein Marmeladenbrot und summt die Melodie von „Screaming Bloody Murder“.
Nein! In dieser Realität ist er nicht.
Der Duft des Herbstes weicht dem eisernen Geruch von Blut. Schmerz fährt ihm durch die Hände, als er die Scherben bemerkt, die in seinen Fingern stecken. Levin atmet tief durch, hält seine Hand auf die Brust und fühlt die Narbe – sein Symbol des Überlebens. Er kann so verdammt mächtig sein. Doch heute fühlt sich alles anders an. Während er an seinem Marmeladenbrot knabbert, nimmt er wie jeden Morgen das Puzzle zur Hand. Jedes Stück wird krampfhaft umgedreht, analysiert, geordnet – ein endloses Ritual. Manchmal kommt er weiter, an anderen Tagen bleibt er in den Anfängen stecken. Wenn er nicht immer von vorne beginnen müsste, hätte er das Puzzle schon längst gelöst. Heute ist er ziemlich gut. Sei es das Lächeln beim Aufwachen, das kräftigende Frühstück oder die bitterschöne Realität, die er sich gerade formt: Levin hat enorme Hoffnung und Leidenschaft unter seinen Fingernägeln stecken, kratzt sie raus und fügt sie Stück für Stück seiner Inspiration hinzu. Ein Lächeln spielt auf seinen Lippen, als sich die Teile zu fügen scheinen.
Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf.
Schon wieder.
Das verdammte Klopfen. Das Puzzle, das eben noch so geordnet schien, zerfällt wieder zu einem Haufen unzusammenhängender Bruchstücke. Levin dachte schon, er verspüre endlich die höchste Form aller Geister. Aber wie soll er seine Augen öffnen, wenn er nicht weiß, ob er aufwachen will?
Klopf, klopf, klopf, klopf, KLOPF.
Levin stürmt wütend zur Tür, seine Hände zittern, als sie den Griff umschließen. Mit einem tiefen Atemzug hält er inne, zögert – doch diesmal drückt er ihn hinunter. Die Pforte, die er immer als Gefängnistor betrachtete, schwingt knarrend auf. Er kann nur Schattierungen erkennen, einen kleinen herzlosen Jungen, den Geruch verbrannter Haut und seinen nicht enden wollenden Kampf mit der Akzeptanz einer Erinnerung. Sie gehört zu ihm, hätte aber niemals seine werden dürfen.
Levin erwacht.
Er scheint ohnmächtig gewesen zu sein. Sein Schädel brummt noch immer vom letzten Kampf. Er hat das Gefühl, sein Kopf wurde zum Opfer eines Presslufthammers.
Ratter, ratter, ratter, ratter, ratter.
Sein Körper schmerzt und seine Ohren pfeifen. Blut überzieht den Boden und dazwischen liegt etwas, das wohl einmal der Körper eines Menschen war. Der seines Angreifers. Levin zählt bis fünf und atmet tief ein und aus. Dann fühlt er es wieder. Das Tier in ihm erwacht. Ein brüllender Schrei dringt aus seiner Kehle. Er musste morden, um zu überleben. Der Zweck heiligt alle Mittel. Aber wenn der Zweck Überleben ist und das Mittel Mord, gilt das Ziel dann noch als erstrebenswert?
Mit letzter Kraft richtet sich Levin wie ein verwundeter König auf. Ein bitterer, metallischer Geschmack haftet an seinen Lippen, doch er fühlt nichts mehr. Keine Zweifel, kein Zurück, nur Blut.
Unter seinen Fingernägeln stecken Scherben. Die Venen in seinen Armen stechen hervor, als er die kaputte Vase aufhebt, die nur noch aus Splittern besteht. Wie Puzzleteile, die man unmöglich zusammensetzen kann. Die schneidenden Scherben rollen wie Murmeln seine Hand hinunter.
„Ich bin Levin,
und die Schatten haben keine Tränen mehr.
Wut ist Kraft
und ich verfluche die Lethargie,
dann lodert die Flamme auch nächste Nacht.“
Er murmelt es wie ein Mantra, immer und immer wieder, während er sich auf die Lippen beißt, bis Blut fließt. Seine Kräfte schwinden wieder und bunte Schleier tanzen vor seinen Augen, als er schließlich zusammenbricht. Levin weiß nicht, dass er kurz davor ist, die Plotnok, die Blutnacht, zu überleben. Doch noch liegt das Schlimmste vor ihm. Es wird Steine regnen und die ganze Verantwortung dieser Welt wird auf wenige Schultern niederprasseln. Der 9-jährige Junge im Krankenhaus ist fort und Levins Unschuld mit ihm. Doch die Flamme lodert noch, auch diese Nacht.
Hildmann 1/Tag der Freiheit
Familie Hildmann sitzt am Frühstückstisch.
„Mama, magst du mir bitte ein Brötchen geben?“, fragt Phil, dessen Magen noch immer knurrt.
In so einen Körper muss schließlich einiges reinpassen.
Phil ist mit seinen 18 Jahren genauso groß wie sein ein Jahr älterer Bruder Ben – beide ragen 1,90 Meter in die Höhe. Auch sonst könnten sie als Doppelgänger durchgehen: dieselbe langweilige braune Kurzhaarfrisur, dieselbe schlaksige Statur. Der einzige Unterschied liegt in ihren Augen – Phils stechendes Blau kontrastiert Bens tiefes Schwarz. Die Brüder heißen eigentlich Philipp und Benjamin, werden von ihren Eltern aber nur so genannt, wenn sie etwas falsch gemacht haben.
Trotz der drei Lachsbrötchen, die Phil bereits verputzt hat, ist sein Hunger unstillbar – und das ist durchaus verständlich, denn heute ist ein bedeutender Tag für die Familie Hildmann. Nein, nicht nur für sie, sondern für ganz Österreich. Es ist der Tag der Freiheit.
„Nicht, dass du so zunimmst wie dein Bruder!“, lacht Mutter Tanja.
Sie ist für ihre – wie sie es nennt – humorvollen Seitenhiebe bekannt. Ben stößt ein leises Murren aus, während er sich hinter seiner Zeitung versteckt. Er ist auf einen Artikel fokussiert.
„Schatz, magst du deinem Sohn nicht sagen, er soll am Frühstückstisch mit mir reden?“, tadelt Tanja sanft, die in den letzten Jahren schnell älter geworden ist.
Hinter ihren tiefen Falten schimmert noch immer eine Spur jugendlicher Frische. Das Blau ihrer Augen und ihr freches Lächeln wird sie niemals verlieren – auch nicht, als Leon, der ein trockenes Brot runterschlingt, hinter seiner Zeitung nur ein Knurren hervorbringt. Wie der Vater, so die Söhne.
Ben und Phil sprachen nie viel, auch nicht, als Ben extra ein Jahr auf Phil „wartete“. Er ging in die Vorschule, nur um mit seinem Bruder gemeinsam in der Klasse sein zu können. Dort waren sie nicht nur schweigsam, sie sahen anderen nicht mal in die Augen. Manchmal lauerten ihnen Mitschüler auf und gelegentlich mussten sie sich in der Toilette verstecken. Dort krochen ihre Feinde wie Zecken aus den dunkelsten Ecken hervor, packten ihre Köpfe und schleuderten sie mit voller Wucht gegen die Fliesen. Wenn die Lehrer in der darauffolgenden Stunde fragten, was passiert sei und woher die Wunden kamen, schwiegen die Brüder auch da.
Wenn sie sprachen, dann mit ihren Eltern und sogar da differenzierten sie. Phil redete hauptsächlich mit Tanja und Ben mit Leon. Als Tanja depressiv wurde, hörte Phil ganz auf zu sprechen. Schon Tanjas Mutter, die den Brüdern nur als Oma Dolores bekannt war, hatte mit starken Depressionen zu kämpfen. Zu starken. Sie kamen ohne offensichtlichen Auslöser und blieben, bis sie Dolores zu einem leeren Schatten machten. Als sie sich ins Wasser stürzte, um nie wieder auftauchen zu müssen, war sie in ihren letzten Atemzügen lebendiger als all die Jahre zuvor.
Tanja und Phil hatten zu Beginn ihrer Depressionen fürchterliche Angst, dass es ihnen eines Tages genauso ergehen würde. Sie kämpften gegen die Dunkelheit an, bis sie keine Angst mehr hatten. Sie hatten gar nichts mehr, nur noch den Wunsch, nichts mehr zu fühlen.
Eines Tages, als alles besonders schlimm war, kam Tanja zu Phil ins Zimmer.
„Schatz, hörst du das?“, murmelte sie.
Phil lag nur noch im Bett. Er verdunkelte sein Zimmer, blieb unter der Decke und starrte die Wand an. Auch wenn er seine Mutter nicht ansah, wusste er, dass sie in ihrer eigenen Welt gefangen war und ihr die Realität zunehmend entglitt.
„Hm?“, brachte er nur hervor.
„Hör doch!“
Stille.
„Ganz genau, Schatz. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Sie sind fort.“ Tanja klang plötzlich aufgeregt. „Schatz, es ist vorbei. Jetzt dürfen wir gehen.“
Zum ersten Mal seit Tagen wandte Phil seinen Blick von der Wand ab. Mühsam drehte er seinen tonnenschweren Kopf zu Tanja.
„Es ist bald vorbei“, träumte sie laut. „Endlich. Phil, wir können es jetzt beenden. Hörst du? Keine singenden Vögel, keine Angst, kein Schmerz. Die Leere schafft Freiheit und die Freiheit die Option zu gehen. Die Vögel erlauben es uns.“
Die Worte verhallten wie ein stummer Schrei und verstärkten die Leere in Phil.
„Ich höre die Vögel schon so lange nicht mehr. Ich kann mich nicht mal daran erinnern, wie sie klingen und wann sie das letzte Mal für mich gesungen haben“, hauchte er.
Als er seine Mutter endlich richtig sehen konnte, bemerkte er das Messer in ihrer Hand. Sie schnitt damit fröhlich an ihrem Arm herum.
„Mum, es ist in Ordnung. Es ist eh schon lange vorbei.“ Ein Lächeln huschte ihm über die Lippen. „Jetzt werden wir die Vögel.“
In den Schatten ihrer Gedanken hörten Tanja und Phil eine sanfte Stimme, die wie ein Wispern aus einer fernen Welt klang. Es war kein menschliches Flüstern, sondern ein mechanisches Echo.
Ih fehtan, do ih sum gon. Falan don aso teskon aso tu koan, stano op aso teskon aso tu koan. Kämpft, kratzt und beißt. Dann lodert die Flamme auch nächste Nacht. Dann endet der seltsamste aller Träume und wird zur Realität. Dann werdet ihr C…
Mit jedem in der Stille pulsierenden Wort sanken sie tiefer in eine seltsame Akzeptanz. Die Dunkelheit, einst ungeliebter Begleiter, wurde zu einem vertrauten Freund. Die Stimme war kein Ankläger, sie war ein unbekannter Führer, der sie aus der Leere leitete. So verwoben sich ihre Gedanken mit dem Flüstern, während sie die Umarmung des Schmerzes annahmen und die zarten Fäden eines fremden Geistes durch ihre Seelen glitten. So wurden Tanja und Phil in dieser Nacht keine Vögel. Wiedergeburt durch Trauer.
Leon und Ben bewältigten diese Krise auf ihre eigene Weise: Sie schluckten ihre Emotionen runter. Leon arbeitete seit Ewigkeiten als Türsteher. Seine Körpergröße von beinahe zwei Metern glich seine schmalen Schultern gut aus. Die Schatten seiner inneren Zerrissenheit verliehen ihm eine düstere Ausstrahlung, ein brodelndes Versprechen der Zerstörung, das in jeder seiner Bewegungen mitschwang – ein Vulkan, der jederzeit bereit war, seine glühende Wut in Lava zu entfesseln. Selbst angetrunkene Partygänger spürten die unterschwellige Gefahr, die von ihm ausging, und hielten sich fern, als wüssten sie, dass das Spiel mit der Lava fatale Konsequenzen haben konnte.
Es passierte in seiner langen Laufbahn sehr selten, dass jemand aufmüpfig wurde. Wenn es doch geschah, dann erlaubte Leon es sich, auszubrechen. Verbal. Er schlug nur zweimal zu.
Das erste Mal war rund ein Jahr vor dem Tag der Freiheit. An diesem Abend stand ein Betrunkener mit zwei Freundinnen im Schlepptau an Leons Tür. Der Jugendliche hatte eine schmale Statur und trug ein viel zu enges T-Shirt.
Er wollte in einen überfüllten Club und traf mit voller Wucht Leons große Schwachstelle: „Lass mich rein, du Arschloch. Hast du eine Frau? Ich ficke die Bitch. Die kann mir einen blasen, wenn ich nicht in den Club reinkomme.“
Er drehte sich zu seinen Freundinnen, um ihnen zu demonstrieren, was für dicke Eier er wohl in der Hose hatte und zeigte Leon dabei den Mittelfinger. Seine Begleitung war nicht im Geringsten beeindruckt, was ihn nicht zu stören schien.
Leon ballte seine Hände zu Fäusten. Dieser Vollidiot beleidigte Tanja, die zu dieser Zeit schwer depressiv im Sterben lag. Es gab nichts, was Leon stärker hätte treffen können. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus. Die Lava staute sich langsam zusammen. Wenn dieser Typ noch weiter …
„Hey, Türsteher! Hörst du mir noch zu? Lass uns da jetzt rein, in diesen Scheiß-Club. Deine Bitch kann mir einen …“
Leons Faust traf das Gesicht des jungen Mannes mit der Wucht eines eruptierenden Vulkans, in dem jahrelang unterdrückte Wut geschlummert hatte. Als der Betrunkene am Boden lag, zuckte er noch leicht. Schreiend liefen die beiden Mädchen weg. Der Asphalt rund um sein Gesicht war innerhalb kürzester Zeit blutgetränkt. Leon stand zitternd vor ihm, die Knöchel seiner Hand schwollen an, als er realisierte, was er getan hatte. In dem Schlag steckte seine Wut über Tanjas und Phils Depression und seine Unfähigkeit, mit ihnen darüber zu sprechen.
Zu Leons Unglück hatte ein Polizist alles mitangesehen und zerrte den Hildmann-Vater sofort zu Boden. Leons Gesicht küsste den Asphalt, seine Hände wurden auf seinem Rücken fixiert. Gefängnis? Erhängen? Leon malte sich die schlimmsten Strafen aus, während ein kräftiges Knie seinen langen Oberkörper tief in den Gehsteig drückte.
Als der Polizist sich runterbückte, sagte er: „Ich habe alles gesehen und gehört. Alles. Dieser Pisser hat es verdient. Sowas von verdient. Meine Frau … sie …“
Dann hörte Leon die Sirenen der Rettung und sein Blick wanderte zu dem betrunkenen Typen, der sich nicht mehr bewegte.
„Sie sind Leon Hildmann, oder?“, fragte der Polizist. „Stimmt es, dass Ihre Frau depressiv ist?“
Der Familienvater reagierte nicht.
„Mann, rede mit mir. Meine Frau, sie …“
Die Sirenen des Rettungswagens kamen näher. Leon brachte keinen Ton raus. Der Vulkan war ausgebrochen und hasste sich in dem Moment selbst. Es war ihm scheißegal, was der aufdringliche Polizist ihm sagen wollte.
„Herr Hildmann, ich boxe Sie da raus. Dieses Arschloch hat es verdient. Lassen Sie mich das machen. Bleiben Sie am Boden.“
Die Sirenen dröhnten, schraubten sich unerbittlich in Leons Verstand, bis sie plötzlich verstummten – und in der Stille hallte nur das schrille Echo seines Schuldbewusstseins wider, das wie ein entfesselter Vulkan lodernd in ihm nachbebte.
„So gefunden … unbekannter Täter … der Türsteher … Leon Hildmann … unschuldig … verdient … ich regle …“
Leon konnte nur noch Gesprächsfetzen wahrnehmen.
Eine weitere Stimme mischte sich dazu: „Wirklich … Leon … wir … Zeugen … Blut …“
Dann wurde alles schwarz.
Am nächsten Morgen erwachte Leon mit einem dumpfen Pochen im Schädel, als würde jemand von innen gegen seine Stirn hämmern. Auf seiner Hand war eine Nummer gekritzelt. Es war die des Polizisten. Ben war in der Schule und Tanja und Phil schliefen den ganzen Tag. Also verabredete er sich nach einem kurzen, seltsam vertrauten Telefonat mit dem Polizisten zum Frühstück.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden sich verstanden, als hätten sie sich schon ewig gekannt. Trotzdem blieb Leons Schuldgefühl wie ein Stein in seiner Brust. Der Vulkan war am Vorabend tatsächlich ausgebrochen, doch er unterdrückte das brodelnde Gefühl so schnell, wie er die saftigen Pfannkuchen hinunterschlang.
Schon bald entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Der Name des Polizisten war Alexandro – Mitte 30, rund 1,70 Meter groß, von südländischer Herkunft und durchdrungen von einer Intensität, die man förmlich spüren konnte. Sein drahtiger Körper wirkte wie aus purem Muskel geformt. Alexandro sprach nie über seine Vergangenheit, nur einmal erzählte er Leon von seiner verstorbenen Frau, Claire. Er sagte lediglich, dass sie gelitten hatte und dass sie kinderlos geblieben waren. Manchmal, an stillen Abenden, fragte sich Leon, wie viel von Alexandros Kraft tatsächlich im Muskeltraining lag und wie viel in den Abgründen seiner Trauer.
Einmal wagte er es, ihn nach Claire zu fragen.
Tränen stiegen in Alexandros Augen, als er leise sagte: „Ich habe sie geliebt … liebe sie immer noch.“
Danach verstummte er, als hätte er zu viel preisgegeben, und Leon sprach das Thema nie wieder an.
So verschlossen Alexandro war, so stark war seine unerschütterliche Loyalität. In jener Nacht konnte er Leon rausboxen, bevor jemand erfahren sollte, was tatsächlich passiert war. Es gab keine Ermittlungen, keine Fragen, keine Zeugen. Wer hatte den Krankenwagen gerufen? War es die Begleitung des Mannes gewesen, den Leon beinahe umgebracht hätte? Der Vollpfosten selbst konnte es nicht gewesen sein.
Leon konnte es sich nicht erklären und Alexandro tat alles, um ihn aus der Sache rauszuhalten. „Lass mich das regeln“, sagte er stets.
Doch eines wusste Leon mit Sicherheit: Der Polizist hatte etwas Magisches an sich. Ein Mann, der mit seiner Entschlossenheit und Leidenschaft die Welt bewegen konnte. Leon Hildmann hatte das erste Mal in seinem Leben einen echten Freund. Und was für einen.
Am Frühstückstisch kaut Leon weiter an seinem trockenen Brot herum, bis es in seinem Mund zu Staub wird. Die Zeiten, in denen er saftige Pfannkuchen hinunterschlang, sind vorbei. Tanja und Phil geht es besser, doch in Leon ist etwas zerbrochen. Etwas, das nicht mehr zu heilen ist. Nicht, nachdem er und Ben vor ein paar Tagen die Reinigungskraft … nicht, nachdem sie ein Leben ausgelöscht haben.
...
Levin wacht auf. „Ich kann das Ende der Welt aufhalten, dann wird es nie wieder Steine regnen“, murmelt er in die Stille hinein, die endlos laut scheint.
Lauter sogar als der Wunsch nach einem Ende. In all seinen 24 Jahren wollte er nie sterben, zumindest nicht so wirklich. Dafür war er zu sehr Kämpfer, zu verbissen, zu leidenschaftlich. Doch leben wollte er auch nicht. Levin fühlt sich, als wäre er zwischen Leben und Tod gefangen. Er muss an die zahlreichen Momente denken, in denen der Tod an seiner Tür klingelte. Nein, nicht klingelte. Hämmerte. Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf. Es war nie ein sanftes Pochen, nie ein zögerliches Anklopfen. Es war eine wütende, eindringliche Forderung.
Doch Levin öffnete niemals die Tür. Ob aus Feigheit oder Entschlossenheit, weiß er bis heute nicht. Allerdings weiß er, dass ihn Geister verfolgen. Keine Gestalten in weißen Laken, sondern echte Geister: Angst, Liebe, Schuld, Trauer und Wut. Sie nisten sich in seine Seele ein, wenn er aufwacht, einschläft, und bei allem, was dazwischen liegt. Sie sind laut, so laut, schreien jedes Mal hoffnungsschmerzend, wenn Levin die Leere betritt. Wenn die Nacht hereinbricht, werden sie größer und wachsen mit der Dunkelheit, bis sie im Licht des Morgens schwächer werden, jedoch nie verglimmen. Manchmal, an regnerischen Tagen, kann er sogar mit ihnen interagieren. Sie singen mit ihm, laut und eindringlich:
„Die Flamme lodert weiter durch die Nacht.
Auch wenn die Schatten aus ganzem Herzen weinen,
werden aus Geistern keine Menschen mehr.
Spätestens zu Sonnenaufgang hat das Feuer ganze
Wälder niedergebrannt.
Ohne Rücksicht auf Verluste werden Worte zu Taten,
denn Vorstellungskraft ist Zauberkraft und
kann die ganze Welt verändern.
Die Schatten haben keine Tränen mehr.
Wut ist Kraft und wir verfluchen die Lethargie,
dann lodert die Flamme auch nächste Nacht.“
Dann hämmert sein Herz erneut, als würde es durch seine Brust drängen.
Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf. Angst, Liebe, Schuld, Trauer, Wut.
Levin hat dieses Klopfen tausendfach gehört.
Klopf. Die Angst kommt in ihm hoch, die Panik vor der Wahrheit, vor der legitimen Verfolgung.
Klopf. Wie sehr liebt er einen unbekannten Toten? Wie sehr vermisst er ihn, wenn das Licht erlischt?
Klopf. Er machte so viele Fehler. Besonders dieses eine Mal im Krankenhaus. Als er vor dem Computer stand und eine Entscheidung traf.
Klopf. Er verlor so viel. Seine Prinzipien, seine Unschuld. Vielleicht ist das Ende dieses Mal ein Anfang?
Klopf. Dieses verdammte Klopfen. Wieso musste das sein Schicksal sein? War der kleine Junge nicht selbst für seinen Tod verantwortlich?
Klopf. Klopf. Wer sind die zwei Unbekannten?
Er muss an diesen beschissenen Tag denken, an dem er jemanden opferte, um zu überleben: Ring, ring, ring, ring, ring. Der Wecker klingelt und Levins kleiner, dünner Körper ragt aus dem Bett hervor. Seine Locken fallen ihm in die Augen, kitzeln sein Gesicht und ringen ihm ein seltenes Lächeln ab. Der herbstliche Duft von feuchtem Laub strömt durch das gekippte Fenster in das Krankenhauszimmer und mischt sich mit dem Geruch von Desinfektionsmittel. Währenddessen schmiert Levin ein Marmeladenbrot und summt die Melodie von „Screaming Bloody Murder“.
Nein! In dieser Realität ist er nicht.
Der Duft des Herbstes weicht dem eisernen Geruch von Blut. Schmerz fährt ihm durch die Hände, als er die Scherben bemerkt, die in seinen Fingern stecken. Levin atmet tief durch, hält seine Hand auf die Brust und fühlt die Narbe – sein Symbol des Überlebens. Er kann so verdammt mächtig sein. Doch heute fühlt sich alles anders an. Während er an seinem Marmeladenbrot knabbert, nimmt er wie jeden Morgen das Puzzle zur Hand. Jedes Stück wird krampfhaft umgedreht, analysiert, geordnet – ein endloses Ritual. Manchmal kommt er weiter, an anderen Tagen bleibt er in den Anfängen stecken. Wenn er nicht immer von vorne beginnen müsste, hätte er das Puzzle schon längst gelöst. Heute ist er ziemlich gut. Sei es das Lächeln beim Aufwachen, das kräftigende Frühstück oder die bitterschöne Realität, die er sich gerade formt: Levin hat enorme Hoffnung und Leidenschaft unter seinen Fingernägeln stecken, kratzt sie raus und fügt sie Stück für Stück seiner Inspiration hinzu. Ein Lächeln spielt auf seinen Lippen, als sich die Teile zu fügen scheinen.
Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf.
Schon wieder.
Das verdammte Klopfen. Das Puzzle, das eben noch so geordnet schien, zerfällt wieder zu einem Haufen unzusammenhängender Bruchstücke. Levin dachte schon, er verspüre endlich die höchste Form aller Geister. Aber wie soll er seine Augen öffnen, wenn er nicht weiß, ob er aufwachen will?
Klopf, klopf, klopf, klopf, KLOPF.
Levin stürmt wütend zur Tür, seine Hände zittern, als sie den Griff umschließen. Mit einem tiefen Atemzug hält er inne, zögert – doch diesmal drückt er ihn hinunter. Die Pforte, die er immer als Gefängnistor betrachtete, schwingt knarrend auf. Er kann nur Schattierungen erkennen, einen kleinen herzlosen Jungen, den Geruch verbrannter Haut und seinen nicht enden wollenden Kampf mit der Akzeptanz einer Erinnerung. Sie gehört zu ihm, hätte aber niemals seine werden dürfen.
Levin erwacht.
Er scheint ohnmächtig gewesen zu sein. Sein Schädel brummt noch immer vom letzten Kampf. Er hat das Gefühl, sein Kopf wurde zum Opfer eines Presslufthammers.
Ratter, ratter, ratter, ratter, ratter.
Sein Körper schmerzt und seine Ohren pfeifen. Blut überzieht den Boden und dazwischen liegt etwas, das wohl einmal der Körper eines Menschen war. Der seines Angreifers. Levin zählt bis fünf und atmet tief ein und aus. Dann fühlt er es wieder. Das Tier in ihm erwacht. Ein brüllender Schrei dringt aus seiner Kehle. Er musste morden, um zu überleben. Der Zweck heiligt alle Mittel. Aber wenn der Zweck Überleben ist und das Mittel Mord, gilt das Ziel dann noch als erstrebenswert?
Mit letzter Kraft richtet sich Levin wie ein verwundeter König auf. Ein bitterer, metallischer Geschmack haftet an seinen Lippen, doch er fühlt nichts mehr. Keine Zweifel, kein Zurück, nur Blut.
Unter seinen Fingernägeln stecken Scherben. Die Venen in seinen Armen stechen hervor, als er die kaputte Vase aufhebt, die nur noch aus Splittern besteht. Wie Puzzleteile, die man unmöglich zusammensetzen kann. Die schneidenden Scherben rollen wie Murmeln seine Hand hinunter.
„Ich bin Levin,
und die Schatten haben keine Tränen mehr.
Wut ist Kraft
und ich verfluche die Lethargie,
dann lodert die Flamme auch nächste Nacht.“
Er murmelt es wie ein Mantra, immer und immer wieder, während er sich auf die Lippen beißt, bis Blut fließt. Seine Kräfte schwinden wieder und bunte Schleier tanzen vor seinen Augen, als er schließlich zusammenbricht. Levin weiß nicht, dass er kurz davor ist, die Plotnok, die Blutnacht, zu überleben. Doch noch liegt das Schlimmste vor ihm. Es wird Steine regnen und die ganze Verantwortung dieser Welt wird auf wenige Schultern niederprasseln. Der 9-jährige Junge im Krankenhaus ist fort und Levins Unschuld mit ihm. Doch die Flamme lodert noch, auch diese Nacht.
Hildmann 1/Tag der Freiheit
Familie Hildmann sitzt am Frühstückstisch.
„Mama, magst du mir bitte ein Brötchen geben?“, fragt Phil, dessen Magen noch immer knurrt.
In so einen Körper muss schließlich einiges reinpassen.
Phil ist mit seinen 18 Jahren genauso groß wie sein ein Jahr älterer Bruder Ben – beide ragen 1,90 Meter in die Höhe. Auch sonst könnten sie als Doppelgänger durchgehen: dieselbe langweilige braune Kurzhaarfrisur, dieselbe schlaksige Statur. Der einzige Unterschied liegt in ihren Augen – Phils stechendes Blau kontrastiert Bens tiefes Schwarz. Die Brüder heißen eigentlich Philipp und Benjamin, werden von ihren Eltern aber nur so genannt, wenn sie etwas falsch gemacht haben.
Trotz der drei Lachsbrötchen, die Phil bereits verputzt hat, ist sein Hunger unstillbar – und das ist durchaus verständlich, denn heute ist ein bedeutender Tag für die Familie Hildmann. Nein, nicht nur für sie, sondern für ganz Österreich. Es ist der Tag der Freiheit.
„Nicht, dass du so zunimmst wie dein Bruder!“, lacht Mutter Tanja.
Sie ist für ihre – wie sie es nennt – humorvollen Seitenhiebe bekannt. Ben stößt ein leises Murren aus, während er sich hinter seiner Zeitung versteckt. Er ist auf einen Artikel fokussiert.
„Schatz, magst du deinem Sohn nicht sagen, er soll am Frühstückstisch mit mir reden?“, tadelt Tanja sanft, die in den letzten Jahren schnell älter geworden ist.
Hinter ihren tiefen Falten schimmert noch immer eine Spur jugendlicher Frische. Das Blau ihrer Augen und ihr freches Lächeln wird sie niemals verlieren – auch nicht, als Leon, der ein trockenes Brot runterschlingt, hinter seiner Zeitung nur ein Knurren hervorbringt. Wie der Vater, so die Söhne.
Ben und Phil sprachen nie viel, auch nicht, als Ben extra ein Jahr auf Phil „wartete“. Er ging in die Vorschule, nur um mit seinem Bruder gemeinsam in der Klasse sein zu können. Dort waren sie nicht nur schweigsam, sie sahen anderen nicht mal in die Augen. Manchmal lauerten ihnen Mitschüler auf und gelegentlich mussten sie sich in der Toilette verstecken. Dort krochen ihre Feinde wie Zecken aus den dunkelsten Ecken hervor, packten ihre Köpfe und schleuderten sie mit voller Wucht gegen die Fliesen. Wenn die Lehrer in der darauffolgenden Stunde fragten, was passiert sei und woher die Wunden kamen, schwiegen die Brüder auch da.
Wenn sie sprachen, dann mit ihren Eltern und sogar da differenzierten sie. Phil redete hauptsächlich mit Tanja und Ben mit Leon. Als Tanja depressiv wurde, hörte Phil ganz auf zu sprechen. Schon Tanjas Mutter, die den Brüdern nur als Oma Dolores bekannt war, hatte mit starken Depressionen zu kämpfen. Zu starken. Sie kamen ohne offensichtlichen Auslöser und blieben, bis sie Dolores zu einem leeren Schatten machten. Als sie sich ins Wasser stürzte, um nie wieder auftauchen zu müssen, war sie in ihren letzten Atemzügen lebendiger als all die Jahre zuvor.
Tanja und Phil hatten zu Beginn ihrer Depressionen fürchterliche Angst, dass es ihnen eines Tages genauso ergehen würde. Sie kämpften gegen die Dunkelheit an, bis sie keine Angst mehr hatten. Sie hatten gar nichts mehr, nur noch den Wunsch, nichts mehr zu fühlen.
Eines Tages, als alles besonders schlimm war, kam Tanja zu Phil ins Zimmer.
„Schatz, hörst du das?“, murmelte sie.
Phil lag nur noch im Bett. Er verdunkelte sein Zimmer, blieb unter der Decke und starrte die Wand an. Auch wenn er seine Mutter nicht ansah, wusste er, dass sie in ihrer eigenen Welt gefangen war und ihr die Realität zunehmend entglitt.
„Hm?“, brachte er nur hervor.
„Hör doch!“
Stille.
„Ganz genau, Schatz. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Sie sind fort.“ Tanja klang plötzlich aufgeregt. „Schatz, es ist vorbei. Jetzt dürfen wir gehen.“
Zum ersten Mal seit Tagen wandte Phil seinen Blick von der Wand ab. Mühsam drehte er seinen tonnenschweren Kopf zu Tanja.
„Es ist bald vorbei“, träumte sie laut. „Endlich. Phil, wir können es jetzt beenden. Hörst du? Keine singenden Vögel, keine Angst, kein Schmerz. Die Leere schafft Freiheit und die Freiheit die Option zu gehen. Die Vögel erlauben es uns.“
Die Worte verhallten wie ein stummer Schrei und verstärkten die Leere in Phil.
„Ich höre die Vögel schon so lange nicht mehr. Ich kann mich nicht mal daran erinnern, wie sie klingen und wann sie das letzte Mal für mich gesungen haben“, hauchte er.
Als er seine Mutter endlich richtig sehen konnte, bemerkte er das Messer in ihrer Hand. Sie schnitt damit fröhlich an ihrem Arm herum.
„Mum, es ist in Ordnung. Es ist eh schon lange vorbei.“ Ein Lächeln huschte ihm über die Lippen. „Jetzt werden wir die Vögel.“
In den Schatten ihrer Gedanken hörten Tanja und Phil eine sanfte Stimme, die wie ein Wispern aus einer fernen Welt klang. Es war kein menschliches Flüstern, sondern ein mechanisches Echo.
Ih fehtan, do ih sum gon. Falan don aso teskon aso tu koan, stano op aso teskon aso tu koan. Kämpft, kratzt und beißt. Dann lodert die Flamme auch nächste Nacht. Dann endet der seltsamste aller Träume und wird zur Realität. Dann werdet ihr C…
Mit jedem in der Stille pulsierenden Wort sanken sie tiefer in eine seltsame Akzeptanz. Die Dunkelheit, einst ungeliebter Begleiter, wurde zu einem vertrauten Freund. Die Stimme war kein Ankläger, sie war ein unbekannter Führer, der sie aus der Leere leitete. So verwoben sich ihre Gedanken mit dem Flüstern, während sie die Umarmung des Schmerzes annahmen und die zarten Fäden eines fremden Geistes durch ihre Seelen glitten. So wurden Tanja und Phil in dieser Nacht keine Vögel. Wiedergeburt durch Trauer.
Leon und Ben bewältigten diese Krise auf ihre eigene Weise: Sie schluckten ihre Emotionen runter. Leon arbeitete seit Ewigkeiten als Türsteher. Seine Körpergröße von beinahe zwei Metern glich seine schmalen Schultern gut aus. Die Schatten seiner inneren Zerrissenheit verliehen ihm eine düstere Ausstrahlung, ein brodelndes Versprechen der Zerstörung, das in jeder seiner Bewegungen mitschwang – ein Vulkan, der jederzeit bereit war, seine glühende Wut in Lava zu entfesseln. Selbst angetrunkene Partygänger spürten die unterschwellige Gefahr, die von ihm ausging, und hielten sich fern, als wüssten sie, dass das Spiel mit der Lava fatale Konsequenzen haben konnte.
Es passierte in seiner langen Laufbahn sehr selten, dass jemand aufmüpfig wurde. Wenn es doch geschah, dann erlaubte Leon es sich, auszubrechen. Verbal. Er schlug nur zweimal zu.
Das erste Mal war rund ein Jahr vor dem Tag der Freiheit. An diesem Abend stand ein Betrunkener mit zwei Freundinnen im Schlepptau an Leons Tür. Der Jugendliche hatte eine schmale Statur und trug ein viel zu enges T-Shirt.
Er wollte in einen überfüllten Club und traf mit voller Wucht Leons große Schwachstelle: „Lass mich rein, du Arschloch. Hast du eine Frau? Ich ficke die Bitch. Die kann mir einen blasen, wenn ich nicht in den Club reinkomme.“
Er drehte sich zu seinen Freundinnen, um ihnen zu demonstrieren, was für dicke Eier er wohl in der Hose hatte und zeigte Leon dabei den Mittelfinger. Seine Begleitung war nicht im Geringsten beeindruckt, was ihn nicht zu stören schien.
Leon ballte seine Hände zu Fäusten. Dieser Vollidiot beleidigte Tanja, die zu dieser Zeit schwer depressiv im Sterben lag. Es gab nichts, was Leon stärker hätte treffen können. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus. Die Lava staute sich langsam zusammen. Wenn dieser Typ noch weiter …
„Hey, Türsteher! Hörst du mir noch zu? Lass uns da jetzt rein, in diesen Scheiß-Club. Deine Bitch kann mir einen …“
Leons Faust traf das Gesicht des jungen Mannes mit der Wucht eines eruptierenden Vulkans, in dem jahrelang unterdrückte Wut geschlummert hatte. Als der Betrunkene am Boden lag, zuckte er noch leicht. Schreiend liefen die beiden Mädchen weg. Der Asphalt rund um sein Gesicht war innerhalb kürzester Zeit blutgetränkt. Leon stand zitternd vor ihm, die Knöchel seiner Hand schwollen an, als er realisierte, was er getan hatte. In dem Schlag steckte seine Wut über Tanjas und Phils Depression und seine Unfähigkeit, mit ihnen darüber zu sprechen.
Zu Leons Unglück hatte ein Polizist alles mitangesehen und zerrte den Hildmann-Vater sofort zu Boden. Leons Gesicht küsste den Asphalt, seine Hände wurden auf seinem Rücken fixiert. Gefängnis? Erhängen? Leon malte sich die schlimmsten Strafen aus, während ein kräftiges Knie seinen langen Oberkörper tief in den Gehsteig drückte.
Als der Polizist sich runterbückte, sagte er: „Ich habe alles gesehen und gehört. Alles. Dieser Pisser hat es verdient. Sowas von verdient. Meine Frau … sie …“
Dann hörte Leon die Sirenen der Rettung und sein Blick wanderte zu dem betrunkenen Typen, der sich nicht mehr bewegte.
„Sie sind Leon Hildmann, oder?“, fragte der Polizist. „Stimmt es, dass Ihre Frau depressiv ist?“
Der Familienvater reagierte nicht.
„Mann, rede mit mir. Meine Frau, sie …“
Die Sirenen des Rettungswagens kamen näher. Leon brachte keinen Ton raus. Der Vulkan war ausgebrochen und hasste sich in dem Moment selbst. Es war ihm scheißegal, was der aufdringliche Polizist ihm sagen wollte.
„Herr Hildmann, ich boxe Sie da raus. Dieses Arschloch hat es verdient. Lassen Sie mich das machen. Bleiben Sie am Boden.“
Die Sirenen dröhnten, schraubten sich unerbittlich in Leons Verstand, bis sie plötzlich verstummten – und in der Stille hallte nur das schrille Echo seines Schuldbewusstseins wider, das wie ein entfesselter Vulkan lodernd in ihm nachbebte.
„So gefunden … unbekannter Täter … der Türsteher … Leon Hildmann … unschuldig … verdient … ich regle …“
Leon konnte nur noch Gesprächsfetzen wahrnehmen.
Eine weitere Stimme mischte sich dazu: „Wirklich … Leon … wir … Zeugen … Blut …“
Dann wurde alles schwarz.
Am nächsten Morgen erwachte Leon mit einem dumpfen Pochen im Schädel, als würde jemand von innen gegen seine Stirn hämmern. Auf seiner Hand war eine Nummer gekritzelt. Es war die des Polizisten. Ben war in der Schule und Tanja und Phil schliefen den ganzen Tag. Also verabredete er sich nach einem kurzen, seltsam vertrauten Telefonat mit dem Polizisten zum Frühstück.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden sich verstanden, als hätten sie sich schon ewig gekannt. Trotzdem blieb Leons Schuldgefühl wie ein Stein in seiner Brust. Der Vulkan war am Vorabend tatsächlich ausgebrochen, doch er unterdrückte das brodelnde Gefühl so schnell, wie er die saftigen Pfannkuchen hinunterschlang.
Schon bald entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Der Name des Polizisten war Alexandro – Mitte 30, rund 1,70 Meter groß, von südländischer Herkunft und durchdrungen von einer Intensität, die man förmlich spüren konnte. Sein drahtiger Körper wirkte wie aus purem Muskel geformt. Alexandro sprach nie über seine Vergangenheit, nur einmal erzählte er Leon von seiner verstorbenen Frau, Claire. Er sagte lediglich, dass sie gelitten hatte und dass sie kinderlos geblieben waren. Manchmal, an stillen Abenden, fragte sich Leon, wie viel von Alexandros Kraft tatsächlich im Muskeltraining lag und wie viel in den Abgründen seiner Trauer.
Einmal wagte er es, ihn nach Claire zu fragen.
Tränen stiegen in Alexandros Augen, als er leise sagte: „Ich habe sie geliebt … liebe sie immer noch.“
Danach verstummte er, als hätte er zu viel preisgegeben, und Leon sprach das Thema nie wieder an.
So verschlossen Alexandro war, so stark war seine unerschütterliche Loyalität. In jener Nacht konnte er Leon rausboxen, bevor jemand erfahren sollte, was tatsächlich passiert war. Es gab keine Ermittlungen, keine Fragen, keine Zeugen. Wer hatte den Krankenwagen gerufen? War es die Begleitung des Mannes gewesen, den Leon beinahe umgebracht hätte? Der Vollpfosten selbst konnte es nicht gewesen sein.
Leon konnte es sich nicht erklären und Alexandro tat alles, um ihn aus der Sache rauszuhalten. „Lass mich das regeln“, sagte er stets.
Doch eines wusste Leon mit Sicherheit: Der Polizist hatte etwas Magisches an sich. Ein Mann, der mit seiner Entschlossenheit und Leidenschaft die Welt bewegen konnte. Leon Hildmann hatte das erste Mal in seinem Leben einen echten Freund. Und was für einen.
Am Frühstückstisch kaut Leon weiter an seinem trockenen Brot herum, bis es in seinem Mund zu Staub wird. Die Zeiten, in denen er saftige Pfannkuchen hinunterschlang, sind vorbei. Tanja und Phil geht es besser, doch in Leon ist etwas zerbrochen. Etwas, das nicht mehr zu heilen ist. Nicht, nachdem er und Ben vor ein paar Tagen die Reinigungskraft … nicht, nachdem sie ein Leben ausgelöscht haben.
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