Der Aufstand der Hunde
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-7116-1112-3
Erscheinungsdatum: 08.09.2025
Ein Park, bedroht vom Abriss. Ein Junge, der mit Hunden spricht. Eine Gemeinschaft, die sich wehrt. Und ein Aufstand, der alles verändert. „Der Aufstand der Hunde“ ist ein berührendes Märchen über Freundschaft, Mut und den Kampf um das Zuhause.
Der Aufstand der Hunde
Ein Park mitten in einem Wohnquartier, der Mittelpunkt, die Grünoase, um sich zu treffen, um zu entspannen. Hier bleibt die Zeit für einen kurzen Augenblick stehen. Niemanden interessiert es, woher man kommt oder wohin man geht. Es ist ein magischer Ort der Erholung. Hier werden Freundschaften geknüpft, gelacht und geweint. Das Herz der Stadt, sozusagen. Das umliegende Wohnquartier wird von den Ärmsten unserer Gesellschaft bewohnt. Hier leben Einwanderer, Rentner und Obdachlose. Man nennt sie auch die Randgesellschaft. In einem dieser Häuser lebten drei Parteien. Da war Leila mit ihrem jungen Ramon. Eingewandert, geflüchtet aus Mexiko. Alleinerziehend und schwer krank. Sie hatte kaum Geld, um sich über Wasser zu halten, um ihren Jungen zu ernähren. Sie war auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen. Dann war da Emma, eine alte Dame, die sehr darauf bedacht war, allen obdachlosen Tieren ein Zuhause zu bieten. Sie lebte von der spärlichen Rente, die aber kaum reichte. Zuletzt kommen wir zu Luigi, der unter Emma wohnte. Er war seit Langem arbeitslos und verfiel dem Alkohol. Sein einziger Freund war sozusagen die Schnapsflasche.
Der Freizeitpark war sein zweites Zuhause. Dort spielte er täglich auf seiner Drehorgel. Er liebte es, die Menschen zu unterhalten, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ramon, der Junge, hatte sich zu Herzen genommen, seine Mutter finanziell zu unterstützen. Er fand eine Gelegenheit, als Hundesitter auszuhelfen. Täglich vor und nach der Schule ging er mit den Hunden in den Park zum Auslauf. Ramon ist kein normaler Junge. Er hatte eine besondere Begabung. Er kannte die Sprache der Hunde und verstand sie. Ramon konnte sich auf geheime Sprache mit ihnen unterhalten. So wurden die Hunde Benno, Bodo, Zottel und Daisy seine besten Freunde. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit. Der Park war sein Zuhause geworden. Hier kannte sich einfach jeder. Hier kam man sich ein Stück näher, da schien die Welt noch in Ordnung zu sein.
Leider sollte dies nicht so bleiben. Jetzt haben irgendwelche Immobilienhaie beschlossen, den Park abzureißen und mit ihm die umliegenden Wohnungen und Häuser. Alle würden sie ihr Zuhause verlieren. Emma, die seit Lebzeiten hier wohnte, würde das wohl nicht überleben, es würde ihr das Herz brechen. Luigi müsste wahrscheinlich in ein Heim für Alkoholiker oder wäre restlos obdachlos. Der kleine Ramon und seine kranke Mutter hätten kein Geld für einen neuen Umzug, Gott weiß, was mit ihnen geschehen würde. Nein, das durften sie nicht zulassen, dass wieder einmal mehr die Mächtigen und Reichen über Sein oder Nichtsein entschieden.
Dieser Park sollte weichen für ein neues Einkaufszentrum. Es sollte das größte und mächtigste Einkaufszentrum der Stadt werden. Es gab aber in diesem Bezirk genug kleine Lebensmittelgeschäfte, die auf Kundschaft angewiesen waren. Kleine Familienbetriebe, die mit Herzblut ihre Ware verkaufen, um so zu überleben. Ein riesiger Bau würde dies alles zerstören. Der Hauptakteur, der nichts lieber sah, als schnellstmöglich mit dem Bau beginnen zu können, war Mister Jones. Er war einer der mächtigsten und reichsten Männer der Stadt. Niemand hat so das Sagen wie Mister Jones. Er war rücksichtslos, unsympathisch und größenwahnsinnig. Die halbe Stadt gehörte ihm. Täglich stolzierte er durch den Park und nahm Vermessungen am Grundstück vor. Neben ihm seine Frau, eine Blondine namens Wanda. Sie folgte ihm in hohen Schuhen durch den ganzen Park und konnte sich kaum auf ihren Absätzen halten. Neben ihr der Sohn von Mister Jones. Er hieß Felix und war ein Rotschopf. Er stolzierte wie sein Vater durch das Gelände und suchte bei den friedlich spielenden Kindern Unruhe zu stiften. Er war ein bösartiger Junge mit schlechten Absichten. Man sagt ja so schön, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie der Vater, so der Sohn. Die ganze Familie Jones hasste Tiere. Hunde, Katzen und Tauben hielten sie für eine Pest, die es auszurotten gab.
Vor einiger Zeit starben im Park zwei Katzen unter mysteriösen Umständen. Es war der schlimmste Tag im Leben von Emma, denn sie liebte die Tiere über alles. Es bestanden keine Zweifel an diesen Gerüchten, dass die Tiere vergiftet wurden. Eines schönen Morgens spazierte Ramon mit seinen Hunden durch den Park, wie er es oft tat. Dieser Morgen war der Beginn eines Aufstandes. Sie planten mit allen Mitteln, den Abriss des Parkes zu verhindern. Mit Mister Jones ließ sich nicht verhandeln. Er wollte schnellstmöglich mit dem Bau beginnen. Keine einfache Sache für Ramon und die Hunde, denn mit Mitleid war man bei Mister Jones fehl am Platz. Er hatte kein Herz, und wenn er eins hätte, wäre es aus Eis oder Stein. Im Park versammelt, sprach Ramon jetzt zu seinen Hunden. Lasst uns überlegen, meine Freunde, wie wir die Sache am besten angehen. Daisy äußerte sich lautstark. Wir holen unsere Verbündeten, die Wölfe, in den Park. Vielleicht lassen sie uns aus Angst dann in Ruhe. Benno, der Hundeälteste, schmunzelte nach dieser Aussage von der Pudeldame. Glaube mir, das schreckt diese Bande nicht von ihrem Vorhaben ab. Sie würden wahrscheinlich auf die Wölfe schießen. Das will doch keiner von uns. Die Wölfe könnten die aufgemotzte Mrs. Wanda verschleppen. Sie gäbe ein Festmahl, schnurrte Bodo. Benno konnte ein Lachen nicht unterdrücken und auch Ramon schloss sich Benno an. Wir könnten aber den hässlichen Rotschopf Felix entführen und so Lösegeld verlangen. Das ist eine gute Idee, meinte Ramon, dann wäre ich ihn endlich in der Schule los. Er könnte niemandem mehr was zuleide tun. Er würde niemandem fehlen. Keiner mochte ihn.
Jetzt steht Zottel der Neufundländerhund auf und zieht eine Runde durch den Park. Er war der Ruhige, der sich nur selten freiwillig äußerte. Ein gemütlicher Wonnebrocken, der den ganzen Tag nur ans Essen denken konnte. Heute werden wir die richtige Lösung kaum finden, und ich muss zur Schule, ließ Ramon verkünden. Lasst uns gehen, meine Freunde, ich bringe euch wieder nach Hause. Morgen ist noch ein Tag für neue Ideen, wie wir das Projekt stoppen könnten. Zu Hause angekommen, erwartete Leila Ramon sehnsüchtig. Sie hatte wieder einen ihrer Schmerzschübe und ihr fehlten Medikamente. Lauf schnell und hol mir meine Medizin, es ist kaum auszuhalten, diese Schmerzen. Im Treppenhaus begegnete der Junge seinem Nachbarn Luigi. Dieser bat ihn, beim Einkauf eine Flasche Schnaps zu bringen, da er keinen Alkohol mehr im Hause besaß. Bist ein guter Junge, rief er Ramon hinterher. Hier half jeder jedem. Eine große Familie sozusagen.
Emma vergnügte sich gerade mit dem Füttern der Tauben, wie glücklich sie dabei aussah. Im Laden traf Ramon Wanda, die blonde Gattin des Mister Jones. Ihr Einkaufswagen war prall gefüllt mit feinen Leckereien für ihren Ehegatten und den Rotschopf. Wie gerne hätte Ramon ihr den Einkaufskorb aus den Händen gerissen und ihn selbst nach Hause gebracht, zu seiner Mutter, zu seinen Freunden. Traurig macht er sich auf den Heimweg. In der einen Hand die Medikamente für seine kranke Mutter und in der anderen eine Schnapsflasche für Luigi. Dieser erwartete ihn schon sehnsüchtig im Treppenflur und bedankte sich für den Einkauf. Hast du gut gemacht, mein Junge, darauf trinke ich, lachte er Ramon an. Der Tag neigte sich dem Ende zu und die Nacht brach herein. Benno, der Hundeälteste, zerbrach sich immer noch den Kopf darüber, wie es nun weitergehen sollte, er brachte diese Nacht kaum ein Auge zu. Auch Luigi war lange wach und sein Fernseher lief wohl die ganze Nacht. Emma ging noch einmal in die Nacht hinaus und sammelte den Rest ihrer Katzen ein. Jeder liebte hier sein Zuhause und keiner wollte hier ausziehen. Die Zeit rannte und das Unglück rückte Stück für Stück näher. Ein neuer Tag ist angebrochen und Ramon sammelte seine Hunde ein, um den morgendlichen Spaziergang zu tätigen. Und wie sieht die Lage heute aus? Heute wieder Besprechung im Park? Ja, große Sitzung mit neuen Vorschlägen, meint Benno. Heute lassen wir es krachen, schwanzwedelnd lief er schon ein Stück den anderen voraus.
Jetzt sind Lösungen gefragt, meinte Daisy. Der dicke Mister Jones zog auch schon wieder an diesem Morgen mit seinem Messgerät durch den Park. Am einen Ohr hielt er sein Handy und war im Gespräch mit dem Bauführer. Er klang irgendwie verärgert und seine Birne lief blutrot an. Er brummte Schimpfwörter vor sich hin und wir hatten unseren Spaß dabei. Was lief wohl schief bei ihm? Zeit ist Geld, hörten wir ihn sagen. Zeit, die uns zugute kam. Ja, Zeit, die konnten wir wirklich gut gebrauchen, sie war jetzt unser Vorteil. Wieder alle versammelt, wollten wir beginnen, nach neuen Lösungen zu suchen, doch da fehlte noch einer. Bodo, der Dackel, war spurlos verschwunden. Daisy machte sich schreckliche Sorgen, wo er wohl mögen bleibe. Das ist sonst gar nicht seine Art, dem Erscheinen fernzubleiben. Benno, der Hundeälteste, versuchte Daisy zu beruhigen. Er wird bestimmt gleich auftauchen. Na warte, dem werde ich mächtig den Marsch blasen. Sekunden erschienen uns wie Stunden und mit jeder Minute, wo Bodo nicht kam, ging die Angst um, es könnte ihm etwas Böses zugestoßen sein. Ramon wollte nicht mehr einfach nur rumstehen und warten. Also beschlossen sie gemeinsam, nach ihm zu suchen. Wo war eigentlich Mister Jones? Der hatte sich nach seinem Gespräch schnellstmöglich aus dem Staub gemacht.
Auf der Suche nach dem Dackel Bodo begegneten wir Luigi, der gemütlich auf einer Parkbank saß und an seiner Drehorgel spielte. Aufgeregt fragten wir ihn nach dem Verbleib unseres Freundes Bodo. Er nickte nur und verneinte, ihn gesehen zu haben. Nun beschlossen wir, uns aufzuteilen, um die Suche besser fortzuführen. Jeder lief in eine andere Richtung und hoffte so, Erfolg zu haben, Bodo zu finden. Ramon schwänzte für einmal die Schule, denn er wollte sich unbedingt an der Suche beteiligen. Auch Luigi hörte auf, an der Orgel zu drehen, und nahm einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche. Wir konnten jetzt jeden gebrauchen, um uns zu helfen. Wir machten zu einer bestimmten Zeit am Treffpunkt ab, wo wir uns wieder gemeinsam versammelten. Die Zeit verging wie im Fluge. Erfolglos und ratlos kamen alle zum vereinbarten Termin zurück.
Da fehlte aber Luigi, er war noch nicht eingetroffen. Nach einer Weile kam er schwankend, in der einen Hand die leere Schnapsflasche haltend, auf uns zu. Seine Augen waren glanzvoll und über seine Wangen liefen dicke Tränen. Dies ließ nichts Gutes heißen. Ramon umarmte ihn. Jetzt wussten wir zu diesem Zeitpunkt, dass Bodo nie mehr zurückkehren würde, die schreckliche Vorwarnung wurde mit einem Schlag zur bitteren Realität. „Euer Bodo“, stammelte Luigi leise die Worte, „liegt im Wald hinterm Park. Bodo ist tot.“ Für einen Augenblick herrschte eine seltsame Stille. Was war geschehen? Ratlos sahen wir uns an. „Ich glaube“, so erzählte Luigi weiter, „er ist vergiftet worden.“ Vergiftet? Von wem? Wer konnte so etwas Grausames tun? Es war wie damals mit den Katzen, auch sie erlitten einen qualvollen Tod. Wir waren uns alle sicher, dass es die oder der selbe Täter gewesen sein musste.
Warum Bodo? Er war ein lieber kleiner Dackel, der niemandem etwas Böses antun konnte. Wer hasste Tiere so sehr, dass er sie mit dem Tode bestrafte? Die Antwort darauf war nicht weit zu finden. Wir waren uns sicher, dass Mister Jones in diese schreckliche Sache verwickelt war. Noch am selben Tag begruben wir Bodo am schönsten Ort im Park. Wir wollten ihm damit ein würdiges Andenken bewahren. Alle kamen sie und beteten, damit Gott seine Seele zu sich holte. Luigi spielte auf der Drehorgel und Emma brachte alle Katzen zum Begräbnis mit, das hättet ihr einmal sehen sollen. Ein ganzer Bezirksaufmarsch zu Ehren Bodo, dem Hund. Ruhe in Frieden, unser Freund. Am nächsten Morgen ließ Ramon den Spaziergang mit den Hunden aus und machte sich auf die Suche nach dem Täter. Sein Weg führte ihn geradewegs in den Park, wo er eine seltsame Entdeckung machte. Der hässliche Rotschopf strich durch das Gelände und streute aus seiner Jackentasche ein weißes Pulver. Keine Ahnung, was es beinhaltete, aber es schien nichts Gutes zu sein. Ramon schaute gespannt seinem Treiben zu und der Verdacht, es könnte Gift sein, wurde immer wahrscheinlicher.
Felix, der kleine dicke Junge mit rotem Haar und Sommersprossen im Gesicht, ein Hundemörder? Ramon blieb stehen, was war zu tun in einem solchen Moment? Die Polizei einschalten? Wer hätte denn einem armen spanischen Jungen schon geglaubt? Die Hunde in Kenntnis setzen? Die hätten Felix geradezu zerfleischt! Nein, er stand alleine dem Schrecken gegenüber. Ramon dachte sich, er würde zuwarten, bis Felix verschwunden sei, um danach Proben von diesem weißen Pulver zu nehmen. Es ging nicht lange und Ramon war alleine im Park, endlich konnte er zur Tat überschreiten und sammelte Beweismaterial ein. Wieder zurück zu Hause fragte er Emma nach Rat.
Emma kannte aus dem Park einen alten Schulkollegen, der zu seiner Jugendzeit Chemielaborant war und sich bestens mit Chemikalien auskannte. Keinen Moment zögerte sie, diesen anzurufen, und verabredete sich auf den kommenden Tag. Ramon fiel ein Stein vom Herzen, denn er wollte die Sache so schnell wie möglich aufklären. Auch Emma hatte große Angst um ihre geliebten Katzen. Jederzeit könnte wieder ein Tier dem Täter zum Opfer fallen. Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Nicht auszumalen, was da noch alles auf sie zukam. An diesem Abend hatte Leila wieder erhebliche Schmerzen und Ramon hörte sie die ganze Nacht weinen. Wie gerne hätte er ihr die Schmerzen abgenommen.
Komischerweise war es in dieser Nacht im ganzen Haus mäuschenstill. Es schien, als wäre niemand zu Hause. Auch der sonst laut laufende Fernseher in der Wohnung von Luigi schien den Geist aufgegeben zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war nichts, wie es üblicherweise sein sollte. Müde von den Aufregungen des Tages ließ Ramon sich ins Bett fallen und fiel gleich in den Tiefschlaf. Als er morgens wieder zu sich kam, hörte er laute Stimmen im Treppenhaus. Es waren keine vertrauten Laute, mehr die eines Fremden. Natürlich richtig angenommen, stand da ein Handlanger von Mister Jones im Flur und verteilte Briefe an alle Bewohner. Es waren keine normalen Briefe. Bestimmt waren es die Kündigungen an jeden Einzelnen in diesem Haus. Es war ein Schreiben, das uns über den bevorstehenden Umbau informierte. Schöner ausgedrückt wurde uns beschrieben, wann wir die Wohnungen zu räumen hätten. Ramon versuchte, die Post der alten Dame immer abzufangen, da er ihr dieses Schreiben körperlich und seelisch nicht mehr zumuten wollte. Es gelang ihm, ihre Post entgegenzunehmen, da er wusste, dass sie unterwegs in wichtiger Mission war. Luigi zerriss den Brief noch im Hausflur und widmete sich den schönen Dingen des Lebens zu. Ein Schluck aus der Schnapsflasche war jetzt genau das Richtige für ihn.
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Ein Park mitten in einem Wohnquartier, der Mittelpunkt, die Grünoase, um sich zu treffen, um zu entspannen. Hier bleibt die Zeit für einen kurzen Augenblick stehen. Niemanden interessiert es, woher man kommt oder wohin man geht. Es ist ein magischer Ort der Erholung. Hier werden Freundschaften geknüpft, gelacht und geweint. Das Herz der Stadt, sozusagen. Das umliegende Wohnquartier wird von den Ärmsten unserer Gesellschaft bewohnt. Hier leben Einwanderer, Rentner und Obdachlose. Man nennt sie auch die Randgesellschaft. In einem dieser Häuser lebten drei Parteien. Da war Leila mit ihrem jungen Ramon. Eingewandert, geflüchtet aus Mexiko. Alleinerziehend und schwer krank. Sie hatte kaum Geld, um sich über Wasser zu halten, um ihren Jungen zu ernähren. Sie war auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen. Dann war da Emma, eine alte Dame, die sehr darauf bedacht war, allen obdachlosen Tieren ein Zuhause zu bieten. Sie lebte von der spärlichen Rente, die aber kaum reichte. Zuletzt kommen wir zu Luigi, der unter Emma wohnte. Er war seit Langem arbeitslos und verfiel dem Alkohol. Sein einziger Freund war sozusagen die Schnapsflasche.
Der Freizeitpark war sein zweites Zuhause. Dort spielte er täglich auf seiner Drehorgel. Er liebte es, die Menschen zu unterhalten, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ramon, der Junge, hatte sich zu Herzen genommen, seine Mutter finanziell zu unterstützen. Er fand eine Gelegenheit, als Hundesitter auszuhelfen. Täglich vor und nach der Schule ging er mit den Hunden in den Park zum Auslauf. Ramon ist kein normaler Junge. Er hatte eine besondere Begabung. Er kannte die Sprache der Hunde und verstand sie. Ramon konnte sich auf geheime Sprache mit ihnen unterhalten. So wurden die Hunde Benno, Bodo, Zottel und Daisy seine besten Freunde. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit. Der Park war sein Zuhause geworden. Hier kannte sich einfach jeder. Hier kam man sich ein Stück näher, da schien die Welt noch in Ordnung zu sein.
Leider sollte dies nicht so bleiben. Jetzt haben irgendwelche Immobilienhaie beschlossen, den Park abzureißen und mit ihm die umliegenden Wohnungen und Häuser. Alle würden sie ihr Zuhause verlieren. Emma, die seit Lebzeiten hier wohnte, würde das wohl nicht überleben, es würde ihr das Herz brechen. Luigi müsste wahrscheinlich in ein Heim für Alkoholiker oder wäre restlos obdachlos. Der kleine Ramon und seine kranke Mutter hätten kein Geld für einen neuen Umzug, Gott weiß, was mit ihnen geschehen würde. Nein, das durften sie nicht zulassen, dass wieder einmal mehr die Mächtigen und Reichen über Sein oder Nichtsein entschieden.
Dieser Park sollte weichen für ein neues Einkaufszentrum. Es sollte das größte und mächtigste Einkaufszentrum der Stadt werden. Es gab aber in diesem Bezirk genug kleine Lebensmittelgeschäfte, die auf Kundschaft angewiesen waren. Kleine Familienbetriebe, die mit Herzblut ihre Ware verkaufen, um so zu überleben. Ein riesiger Bau würde dies alles zerstören. Der Hauptakteur, der nichts lieber sah, als schnellstmöglich mit dem Bau beginnen zu können, war Mister Jones. Er war einer der mächtigsten und reichsten Männer der Stadt. Niemand hat so das Sagen wie Mister Jones. Er war rücksichtslos, unsympathisch und größenwahnsinnig. Die halbe Stadt gehörte ihm. Täglich stolzierte er durch den Park und nahm Vermessungen am Grundstück vor. Neben ihm seine Frau, eine Blondine namens Wanda. Sie folgte ihm in hohen Schuhen durch den ganzen Park und konnte sich kaum auf ihren Absätzen halten. Neben ihr der Sohn von Mister Jones. Er hieß Felix und war ein Rotschopf. Er stolzierte wie sein Vater durch das Gelände und suchte bei den friedlich spielenden Kindern Unruhe zu stiften. Er war ein bösartiger Junge mit schlechten Absichten. Man sagt ja so schön, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie der Vater, so der Sohn. Die ganze Familie Jones hasste Tiere. Hunde, Katzen und Tauben hielten sie für eine Pest, die es auszurotten gab.
Vor einiger Zeit starben im Park zwei Katzen unter mysteriösen Umständen. Es war der schlimmste Tag im Leben von Emma, denn sie liebte die Tiere über alles. Es bestanden keine Zweifel an diesen Gerüchten, dass die Tiere vergiftet wurden. Eines schönen Morgens spazierte Ramon mit seinen Hunden durch den Park, wie er es oft tat. Dieser Morgen war der Beginn eines Aufstandes. Sie planten mit allen Mitteln, den Abriss des Parkes zu verhindern. Mit Mister Jones ließ sich nicht verhandeln. Er wollte schnellstmöglich mit dem Bau beginnen. Keine einfache Sache für Ramon und die Hunde, denn mit Mitleid war man bei Mister Jones fehl am Platz. Er hatte kein Herz, und wenn er eins hätte, wäre es aus Eis oder Stein. Im Park versammelt, sprach Ramon jetzt zu seinen Hunden. Lasst uns überlegen, meine Freunde, wie wir die Sache am besten angehen. Daisy äußerte sich lautstark. Wir holen unsere Verbündeten, die Wölfe, in den Park. Vielleicht lassen sie uns aus Angst dann in Ruhe. Benno, der Hundeälteste, schmunzelte nach dieser Aussage von der Pudeldame. Glaube mir, das schreckt diese Bande nicht von ihrem Vorhaben ab. Sie würden wahrscheinlich auf die Wölfe schießen. Das will doch keiner von uns. Die Wölfe könnten die aufgemotzte Mrs. Wanda verschleppen. Sie gäbe ein Festmahl, schnurrte Bodo. Benno konnte ein Lachen nicht unterdrücken und auch Ramon schloss sich Benno an. Wir könnten aber den hässlichen Rotschopf Felix entführen und so Lösegeld verlangen. Das ist eine gute Idee, meinte Ramon, dann wäre ich ihn endlich in der Schule los. Er könnte niemandem mehr was zuleide tun. Er würde niemandem fehlen. Keiner mochte ihn.
Jetzt steht Zottel der Neufundländerhund auf und zieht eine Runde durch den Park. Er war der Ruhige, der sich nur selten freiwillig äußerte. Ein gemütlicher Wonnebrocken, der den ganzen Tag nur ans Essen denken konnte. Heute werden wir die richtige Lösung kaum finden, und ich muss zur Schule, ließ Ramon verkünden. Lasst uns gehen, meine Freunde, ich bringe euch wieder nach Hause. Morgen ist noch ein Tag für neue Ideen, wie wir das Projekt stoppen könnten. Zu Hause angekommen, erwartete Leila Ramon sehnsüchtig. Sie hatte wieder einen ihrer Schmerzschübe und ihr fehlten Medikamente. Lauf schnell und hol mir meine Medizin, es ist kaum auszuhalten, diese Schmerzen. Im Treppenhaus begegnete der Junge seinem Nachbarn Luigi. Dieser bat ihn, beim Einkauf eine Flasche Schnaps zu bringen, da er keinen Alkohol mehr im Hause besaß. Bist ein guter Junge, rief er Ramon hinterher. Hier half jeder jedem. Eine große Familie sozusagen.
Emma vergnügte sich gerade mit dem Füttern der Tauben, wie glücklich sie dabei aussah. Im Laden traf Ramon Wanda, die blonde Gattin des Mister Jones. Ihr Einkaufswagen war prall gefüllt mit feinen Leckereien für ihren Ehegatten und den Rotschopf. Wie gerne hätte Ramon ihr den Einkaufskorb aus den Händen gerissen und ihn selbst nach Hause gebracht, zu seiner Mutter, zu seinen Freunden. Traurig macht er sich auf den Heimweg. In der einen Hand die Medikamente für seine kranke Mutter und in der anderen eine Schnapsflasche für Luigi. Dieser erwartete ihn schon sehnsüchtig im Treppenflur und bedankte sich für den Einkauf. Hast du gut gemacht, mein Junge, darauf trinke ich, lachte er Ramon an. Der Tag neigte sich dem Ende zu und die Nacht brach herein. Benno, der Hundeälteste, zerbrach sich immer noch den Kopf darüber, wie es nun weitergehen sollte, er brachte diese Nacht kaum ein Auge zu. Auch Luigi war lange wach und sein Fernseher lief wohl die ganze Nacht. Emma ging noch einmal in die Nacht hinaus und sammelte den Rest ihrer Katzen ein. Jeder liebte hier sein Zuhause und keiner wollte hier ausziehen. Die Zeit rannte und das Unglück rückte Stück für Stück näher. Ein neuer Tag ist angebrochen und Ramon sammelte seine Hunde ein, um den morgendlichen Spaziergang zu tätigen. Und wie sieht die Lage heute aus? Heute wieder Besprechung im Park? Ja, große Sitzung mit neuen Vorschlägen, meint Benno. Heute lassen wir es krachen, schwanzwedelnd lief er schon ein Stück den anderen voraus.
Jetzt sind Lösungen gefragt, meinte Daisy. Der dicke Mister Jones zog auch schon wieder an diesem Morgen mit seinem Messgerät durch den Park. Am einen Ohr hielt er sein Handy und war im Gespräch mit dem Bauführer. Er klang irgendwie verärgert und seine Birne lief blutrot an. Er brummte Schimpfwörter vor sich hin und wir hatten unseren Spaß dabei. Was lief wohl schief bei ihm? Zeit ist Geld, hörten wir ihn sagen. Zeit, die uns zugute kam. Ja, Zeit, die konnten wir wirklich gut gebrauchen, sie war jetzt unser Vorteil. Wieder alle versammelt, wollten wir beginnen, nach neuen Lösungen zu suchen, doch da fehlte noch einer. Bodo, der Dackel, war spurlos verschwunden. Daisy machte sich schreckliche Sorgen, wo er wohl mögen bleibe. Das ist sonst gar nicht seine Art, dem Erscheinen fernzubleiben. Benno, der Hundeälteste, versuchte Daisy zu beruhigen. Er wird bestimmt gleich auftauchen. Na warte, dem werde ich mächtig den Marsch blasen. Sekunden erschienen uns wie Stunden und mit jeder Minute, wo Bodo nicht kam, ging die Angst um, es könnte ihm etwas Böses zugestoßen sein. Ramon wollte nicht mehr einfach nur rumstehen und warten. Also beschlossen sie gemeinsam, nach ihm zu suchen. Wo war eigentlich Mister Jones? Der hatte sich nach seinem Gespräch schnellstmöglich aus dem Staub gemacht.
Auf der Suche nach dem Dackel Bodo begegneten wir Luigi, der gemütlich auf einer Parkbank saß und an seiner Drehorgel spielte. Aufgeregt fragten wir ihn nach dem Verbleib unseres Freundes Bodo. Er nickte nur und verneinte, ihn gesehen zu haben. Nun beschlossen wir, uns aufzuteilen, um die Suche besser fortzuführen. Jeder lief in eine andere Richtung und hoffte so, Erfolg zu haben, Bodo zu finden. Ramon schwänzte für einmal die Schule, denn er wollte sich unbedingt an der Suche beteiligen. Auch Luigi hörte auf, an der Orgel zu drehen, und nahm einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche. Wir konnten jetzt jeden gebrauchen, um uns zu helfen. Wir machten zu einer bestimmten Zeit am Treffpunkt ab, wo wir uns wieder gemeinsam versammelten. Die Zeit verging wie im Fluge. Erfolglos und ratlos kamen alle zum vereinbarten Termin zurück.
Da fehlte aber Luigi, er war noch nicht eingetroffen. Nach einer Weile kam er schwankend, in der einen Hand die leere Schnapsflasche haltend, auf uns zu. Seine Augen waren glanzvoll und über seine Wangen liefen dicke Tränen. Dies ließ nichts Gutes heißen. Ramon umarmte ihn. Jetzt wussten wir zu diesem Zeitpunkt, dass Bodo nie mehr zurückkehren würde, die schreckliche Vorwarnung wurde mit einem Schlag zur bitteren Realität. „Euer Bodo“, stammelte Luigi leise die Worte, „liegt im Wald hinterm Park. Bodo ist tot.“ Für einen Augenblick herrschte eine seltsame Stille. Was war geschehen? Ratlos sahen wir uns an. „Ich glaube“, so erzählte Luigi weiter, „er ist vergiftet worden.“ Vergiftet? Von wem? Wer konnte so etwas Grausames tun? Es war wie damals mit den Katzen, auch sie erlitten einen qualvollen Tod. Wir waren uns alle sicher, dass es die oder der selbe Täter gewesen sein musste.
Warum Bodo? Er war ein lieber kleiner Dackel, der niemandem etwas Böses antun konnte. Wer hasste Tiere so sehr, dass er sie mit dem Tode bestrafte? Die Antwort darauf war nicht weit zu finden. Wir waren uns sicher, dass Mister Jones in diese schreckliche Sache verwickelt war. Noch am selben Tag begruben wir Bodo am schönsten Ort im Park. Wir wollten ihm damit ein würdiges Andenken bewahren. Alle kamen sie und beteten, damit Gott seine Seele zu sich holte. Luigi spielte auf der Drehorgel und Emma brachte alle Katzen zum Begräbnis mit, das hättet ihr einmal sehen sollen. Ein ganzer Bezirksaufmarsch zu Ehren Bodo, dem Hund. Ruhe in Frieden, unser Freund. Am nächsten Morgen ließ Ramon den Spaziergang mit den Hunden aus und machte sich auf die Suche nach dem Täter. Sein Weg führte ihn geradewegs in den Park, wo er eine seltsame Entdeckung machte. Der hässliche Rotschopf strich durch das Gelände und streute aus seiner Jackentasche ein weißes Pulver. Keine Ahnung, was es beinhaltete, aber es schien nichts Gutes zu sein. Ramon schaute gespannt seinem Treiben zu und der Verdacht, es könnte Gift sein, wurde immer wahrscheinlicher.
Felix, der kleine dicke Junge mit rotem Haar und Sommersprossen im Gesicht, ein Hundemörder? Ramon blieb stehen, was war zu tun in einem solchen Moment? Die Polizei einschalten? Wer hätte denn einem armen spanischen Jungen schon geglaubt? Die Hunde in Kenntnis setzen? Die hätten Felix geradezu zerfleischt! Nein, er stand alleine dem Schrecken gegenüber. Ramon dachte sich, er würde zuwarten, bis Felix verschwunden sei, um danach Proben von diesem weißen Pulver zu nehmen. Es ging nicht lange und Ramon war alleine im Park, endlich konnte er zur Tat überschreiten und sammelte Beweismaterial ein. Wieder zurück zu Hause fragte er Emma nach Rat.
Emma kannte aus dem Park einen alten Schulkollegen, der zu seiner Jugendzeit Chemielaborant war und sich bestens mit Chemikalien auskannte. Keinen Moment zögerte sie, diesen anzurufen, und verabredete sich auf den kommenden Tag. Ramon fiel ein Stein vom Herzen, denn er wollte die Sache so schnell wie möglich aufklären. Auch Emma hatte große Angst um ihre geliebten Katzen. Jederzeit könnte wieder ein Tier dem Täter zum Opfer fallen. Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Nicht auszumalen, was da noch alles auf sie zukam. An diesem Abend hatte Leila wieder erhebliche Schmerzen und Ramon hörte sie die ganze Nacht weinen. Wie gerne hätte er ihr die Schmerzen abgenommen.
Komischerweise war es in dieser Nacht im ganzen Haus mäuschenstill. Es schien, als wäre niemand zu Hause. Auch der sonst laut laufende Fernseher in der Wohnung von Luigi schien den Geist aufgegeben zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war nichts, wie es üblicherweise sein sollte. Müde von den Aufregungen des Tages ließ Ramon sich ins Bett fallen und fiel gleich in den Tiefschlaf. Als er morgens wieder zu sich kam, hörte er laute Stimmen im Treppenhaus. Es waren keine vertrauten Laute, mehr die eines Fremden. Natürlich richtig angenommen, stand da ein Handlanger von Mister Jones im Flur und verteilte Briefe an alle Bewohner. Es waren keine normalen Briefe. Bestimmt waren es die Kündigungen an jeden Einzelnen in diesem Haus. Es war ein Schreiben, das uns über den bevorstehenden Umbau informierte. Schöner ausgedrückt wurde uns beschrieben, wann wir die Wohnungen zu räumen hätten. Ramon versuchte, die Post der alten Dame immer abzufangen, da er ihr dieses Schreiben körperlich und seelisch nicht mehr zumuten wollte. Es gelang ihm, ihre Post entgegenzunehmen, da er wusste, dass sie unterwegs in wichtiger Mission war. Luigi zerriss den Brief noch im Hausflur und widmete sich den schönen Dingen des Lebens zu. Ein Schluck aus der Schnapsflasche war jetzt genau das Richtige für ihn.
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