Cover: Der Apfel der Erkenntnis

Der Apfel der Erkenntnis


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 760
ISBN: 978-3-7116-0803-1
Erscheinungsdatum: 16.09.2025
Adam Zeiger hat es geschafft. Er hat die Weltformel gefunden, nach der Physiker bereits seit Ewigkeiten suchen. Doch dann wird sie ihm gestohlen. Und das ist erst der Anfang eines aberwitzigen Abenteuers, das ihn bis in die Ukraine und nach China führt.
Teil I - Knospen


Die Bettlerin

»Der Weg in die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert«, dachte Adam Zeiger, als er die Bettlerin sah. Er war auf dem Weg ins Hotel und musste in die Innenstadt. Die alte Frau saß nun schon den dritten Tag dort und hatte einen Kaffeebecher aus Plastik aufgestellt, in den man seine Münzen werfen konnte. Die Frau tat ihm leid, doch ehe er seine Brieftasche erreichte, war er schon vorüber. Was hätte es auch für einen Sinn gehabt, ihr da zwanzig Cent reinzuwerfen oder fünfzig Cent oder meinetwegen auch einen Euro. Was konnte sie sich schon davon kaufen? Das half doch keinem und machte am Ende noch abhängig. Dann ließe ihr Clan sie jeden Tag dort sitzen und er hätte das noch gefördert. Vielleicht gehörte die Frau sogar zu einer organisierten Bettlerbande, wie sie gerade aus dem Boden schossen. Anderseits, wenn sie wirklich in Not war, musste man ihr da nicht helfen? Aber woher sollte man das wissen? Man konnte ja nicht einmal fragen, die Frau sprach kein Deutsch, ganz sicher nicht.
Aber damit konnte er sich jetzt nicht weiter befassen, vielleicht morgen. Dann würde sie wieder da sitzen. Warum machte er sich überhaupt darüber Gedanken, wo er doch im Moment ganz andere Sorgen hatte. Er musste seine neue Theorie vollenden. Er war extra hierher nach Augsburg gekommen, um an einem Treffen der wichtigsten Quantenphysiker teilzunehmen. Er wollte die letzten Zweifel beiseiteräumen. Dann würde er endlich das Tor zu völlig neuen Möglichkeiten aufstoßen. Hier jedoch eilten alle Leute achtlos vorüber, er war nur einer von ihnen. Niemand forderte etwas, keiner erwartete von ihm, dass er dies oder jenes tat.
Er ging weiter und sah sich in Gedanken hinter dem Rednerpult, vor sich die Menschenmenge, wartend auf die große Verkündigung. Plötzlich stellte sich ihm eine junge Frau in den Weg. Nein, so plötzlich war es gar nicht, vorher begegneten sich ihre Blicke. Er fand das eine Sekunde lang sehr merkwürdig, denn wann schaute man schon einer jungen Frau so direkt in die Augen. Die Frau war vielleicht fünfundzwanzig, unwahrscheinlich, dass sie sich für ihn interessierte. Ausgerechnet für ihn, der zwar gut aussah, über eins achtzig groß und schlank war, sich aber auf den ersten Blick von einem normalen Mann nicht unterschied. Aber das Quäntchen Eitelkeit, das jeden Mann dazu bringt, gegen alle Vernunft zu glauben, eine viel jüngere Frau könne ihn attraktiv finden, brachte auch Adam dazu, kurz innezuhalten. Und genau das war einen Tick zu lange.
»Hätten Sie einen Moment Zeit, um mir zuzuhören?«, fragte die Frau.
»Hm, eigentlich nicht, ich habs eilig.« Seine Antwort war eindeutig, denn er hatte sofort erkannt, worum es sich hier handelte. Früher fragte man, haste mal ’ne Mark. Heutzutage ging das etwas geschmeidiger.
»Ich will kein Geld, ich suche nur Arbeit. Haben Sie nicht vielleicht irgendeinen Job für mich?«
Sehr geschickt, sie hatte sofort gesehen, dass er sich ausklinken wollte. Nun, also kein Geld, sondern Arbeit, das war ja aller Ehren wert, fand Adam.
»Niemand will mit mir sprechen. Können wir kurz reden, ich brauche unbedingt eine Arbeit, haben Sie irgendwas? Ich kann Au-pair, ich kann Wohnung sauber machen, irgendwas.«
Adam dachte kurz nach, bei ihm zuhause müsste dringend aufgeräumt werden. Nachwuchs hatte er nicht, aber immerhin Dreck, den mal jemand beiseiteschaffen sollte. Eigentlich eine gute Gelegenheit. Aber die Sache gefiel ihm irgendwie nicht und er sagte:
»Geben Sie mir am besten Ihre Handynummer. Ich rufe Sie zurück, sobald ich alles geklärt habe. Ich hätte da vielleicht was.«
Ein Rückruf war immer gut. Er hätte nochmal Zeit, sich die Sache zu überlegen und sie dann rücksichtsvoll zu begraben.
»Ich habe keine Telefonnummer. Kein Geld, kein Handy«, sagte sie prompt.
»Warum gehen Sie nicht zum Arbeitsamt, da muss Ihnen doch jemand helfen können. Ich bin bestimmt nicht der Richtige«, hielt er dagegen.
»Ich bin illegal in Deutschland. Arbeitsamt geht nicht. Aber ich brauche unbedingt Job, kann sonst Miete nicht zahlen. Der Vermieter will Geld sehen. Er schmeißt mich raus.«
Adam seufzte mit einem tiefen Atemzug: »Hhhhm, passen Sie auf, ich gebe Ihnen zwanzig Euro. Mehr habe ich im Moment nicht dabei.«
»Das ist viel zu wenig. Wenn Sie keinen Job für mich haben, können Sie mir nicht wenigstens sechshundert Euro geben für die Miete. Ich wills nicht geschenkt, ich zahl es Ihnen zurück.«
»Ähh « Er wusste nicht, was er sagen sollte. Die Frau hatte ihn für den Moment überrumpelt. Sechshundert Euro, das war ja mal ein ordentlicher Betrag, natürlich nicht geschenkt, nur geborgt.
Erst jetzt schaute er sich die Frau genauer an. Wer war so dreist, sich auf der Straße sechshundert Euro borgen zu wollen, um sie dann garantiert nicht zurückzuzahlen? Aber das war es nicht, was ihn beschäftigte. Wer hatte die Zuversicht, ja, wer hatte die Naivität, so etwas überhaupt zu versuchen? Die Sache begann ihn zu interessieren. Die junge Frau stand immer noch vor ihm, nicht hübsch, nicht hässlich. Sie hatte ein recht durchschnittliches, rundliches Gesicht. Vielleicht eine Mischung aus slawisch und südländisch, wenn man das überhaupt sagen konnte. Sie trug eine Brille, eher Kassengestell als Designermodell. Dann dunkle, glatte, halblange Haare. Wahrscheinlich würde er sie in einer Woche nicht mehr wiedererkennen. Ihre Größe, ihre Figur, die Kleidung, alles war völlig unauffällig. Sie wirkte auf keinen Fall ungepflegt oder abstoßend. Aber auch nicht besonders attraktiv. Das Aussehen konnte es nicht sein, was ihn davon abhielt, einfach zu gehen und sie stehen zu lassen. Sie richtete ihre braunen Augen auf ihn und suchte seinen Blick. Schon wieder. War das ein Trick, eine Taktik, um jemanden festzunageln und einzuwickeln? So oder so, es schien bei ihm zu funktionieren. Oder besser, er ließ zu, dass es funktionierte. Schließlich hätte er jederzeit gehen können.
»Bitte sprechen Sie mit mir. Niemand will mit mir sprechen«, sagte sie wieder.
»Aber wir reden doch gerade.«
»Können wir uns nicht irgendwo hinsetzen, dann kann ich Ihnen alles über mich erzählen. Bitte glauben Sie mir. Wenn ich die Miete nicht zahle, dann fliegen wir morgen oder übermorgen raus. Meine Freundin, mit der ich zusammenwohne, hat ein kleines Kind, sie kann nicht arbeiten, bitte.«
»Oh je, geht mich das etwas an? Jetzt will sie mir ihre Lebensgeschichte auftischen und die ihrer Freundin mit Baby gleich dazu«, dachte er.
»Ok, reden kann man ja immer. Aber helfen kann ich Ihnen nicht.«
Er deutete einen Blick auf seine Uhr an, um seinen Zeitmangel irgendwie geltend zu machen. Ein Reflex, ein Zucken, der letzte Widerstand.
»Wollte wirklich niemand mit Ihnen sprechen, bin ich der Einzige?«, brachte er noch heraus.
»Gehen wir doch in ein Café. Wissen Sie, wo eins ist?«
Und sie zog ihn schon mit ihren braunen, treuherzigen Augen fort.


Halbe Miete

Das Café befand sich glücklicherweise gleich um die Ecke. Adam wollte nicht lange mit der Fremden durch die Stadt spazieren. Irgendein Fachkollege hätte ihn sehen können. Er konnte keine neugierigen Fragen gebrauchen, zumal er selbst nicht wusste, was das hier werden sollte.
Sie fanden draußen ein paar freie Plätze. Um diese Zeit war es hier nie voll. Es war noch warm. Die Sonne schien und zauberte im Untergehen golden leuchtende Giebel in die Altstadt. Wenn er hier gesehen wurde, war das egal. Die Fremde am Tisch hätte ja schon vorher dort sitzen können, unverdächtig also.
Er bestellte zwei Cappuccino und zweimal Erdbeertorte mit Sahne. Die zwanzig Euro würden reichen. Das Gespräch war durch den Ortswechsel ins Stocken geraten. Nicht, dass es vorher besonders anregend gewesen wäre, aber nun blätterte er das Menü durch, um irgendetwas zu tun. Die junge Frau saß ihm ruhig gegenüber. Sie schien es nicht eilig mit ihrer Geschichte zu haben. Adam suchte nach Zeichen an ihr, die ihm hätten sagen können, dass sie ihn auf den Arm nahm. Ein verstecktes Grinsen in den Mundwinkeln, ein spöttisches Flackern in den Augen. Aber da war nichts, bis auf eine gespannte Aufmerksamkeit. Sie saßen eingerahmt von Blumenkübeln gemütlich drei Meter von den Straßenbahnschienen entfernt und das Quietschen der Tram fuhr durch ihr Schweigen. Er musste zugeben, dass die Frau auf eine irritierende Art echt wirkte. Irritierend deshalb, weil ihre scheue, rehhafte Ausstrahlung nicht zur Entschlossenheit passte, mit der sie immer wieder seinen Blick fixiert und ihre Bitte geäußert hatte. Ihre Überzeugungskraft konnte nicht gespielt sein. Sie brauchte das Geld, ganz klar. Wer würde sich sonst auf die Straße stellen und die Leute anquatschen. Sie wollte sich das Geld ja sogar ehrlich verdienen, nach einem kleinen Überbrückungskredit, versteht sich. Vielleicht zahlte sie es tatsächlich zurück, wenn er ihr etwas gab, so unwahrscheinlich das auch schien. Auch in seiner Welt der Teilchen geschahen ja die unwahrscheinlichsten Dinge.
Der Cappuccino und Kuchen kamen und sie saßen weiter da, ohne Worte zu machen.
»Ich sollte sie nach dem Namen fragen«, dachte Adam. Er wusste, dass das unklug war, denn dadurch stellte er mehr Verbindlichkeit her, als ihm lieb sein konnte. Aber worin bestand das Risiko? Er hasste seine feigen Hintergedanken. Er hatte sich auf diese Situation eingelassen, dann konnte man das wenigstens freundlich angehen.
»Mein Name ist Adam Zeiger, darf ich fragen, wer Sie sind?«
»Swetlana, ich komme aus Bosnien. Wir sind geflüchtet, weil es dort immer noch ethnische Verfolgung gibt. Ich bin jetzt seit zwei Jahren illegal in Deutschland und habe als Kellnerin gejobbt, aber das ist seit Kurzem vorbei.«
»Es muss doch möglich sein, dass Sie einen anderen Job finden. Sie sind jung, Sie sprechen gut Deutsch. Woher können Sie übrigens so gut Deutsch, wenn Sie erst zwei Jahre hier sind?« Er musste das ansprechen, denn ihm fiel jetzt auf, dass das nicht ins Bild einer unverschuldet in Not geratenen Flüchtlingsfrau passte.
»Ich war Deutschlehrerin in Bosnien und was machen Sie beruflich?«, fragte sie knapp.
»Ich bin Physiker und arbeite am CERN. Das ist ein großes Forschungszentrum in der Schweiz.« Sie ging nicht darauf ein, es schien eher so, als hatte sie gar keine Antwort erwartet.
»Sie müssen mir helfen, ich muss meine Miete zahlen. Können Sie mir nicht bitte die sechshundert Euro leihen. Das ist doch für Sie nicht viel Geld.« Sie klang ernsthaft flehentlich. Ganz direkt, alles oder nichts. Er konnte es nicht fassen. Es berührte ihn und er fing an zu schwitzen, die Hitze stieg ihm ins Gesicht. Und das lag nicht am Cappuccino, den er gerade schlürfte.
»Swetlana, das ist eine Menge Geld. Ich gebe dir hundert Euro, okay?«
Das war ein mehr als großzügiges Angebot, zumal offenblieb, ob »geben« schenken oder borgen bedeutete. Er war, ohne es zu merken, vom Sie zum Du übergegangen. Ihre Reaktion war unerwartet heftig, aber ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte.
»Was soll ich mit hundert Euro? Ich brauche doch sechshundert. Der Vermieter schmeißt mich raus. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Willst du etwa, dass ich mich einem Mann hingebe, um an das Geld zu kommen?«
Das war ihm etwas zu viel. Er sollte schuld daran sein, wenn sie auf den Strich ging!
»Willst du mich moralisch unter Druck setzen? Du musst doch nicht gleich deinen Körper verkaufen. Das wäre schrecklich.«
Er wunderte sich, dass sie ihm so eine Frage stellte, und staunte gleichzeitig, wie verständnisvoll er darauf reagierte. Für sie schien diese Möglichkeit sehr wohl sehr real zu sein, anders konnte er sich das nicht erklären. Er hätte es unverschämt finden müssen, dass sie mit diesem Vorwurf kam. Er wollte doch helfen. Als ob er sie mit den hundert Euro beleidigt hätte. Aber so war es nicht. Sie meinte es ernst. Sie war bestürzt, offenbar hatte sie fest damit gerechnet, dass er half. Und hundert Euro brachten sie verdammt noch mal nicht weiter. Er hatte immer noch nicht richtig begriffen, dass es hier um ein existenzielles Problem ging. Seine Probleme drehten sich stets um das ganze Universum. Er musste das jetzt sinnvoll herunterskalieren.
»Ich zahle dir das Geld zurück. Bald kann ich wieder arbeiten. Bitte«, hakte sie nach.
Sie ließ völlig offen, wann sie das Geld zahlen wollte und warum sie bald wieder arbeiten können würde. Es war auch egal, sie konnte ihm erzählen, was sie wollte. Er glaubte es oder nicht. Das wiederum erinnerte ihn an seinen Job als Wissenschaftler. Da war es oft genauso, auch wenn man das nicht laut sagen durfte. Sicherheiten hatte auch Swetlana nicht vorzuweisen, aber er war ja keine Bank. Er war der Gläubiger, weil er glaubte, das Geld wiederzusehen.
Kam daher das Wort Gläubiger?
»Adam, bitte, du würdest uns wirklich sehr helfen. Du verlierst nichts dabei und wir sind gerettet.«
Sie ließ nicht locker. Und er merkte, wie sein Widerstand nachließ. Nicht etwa, weil das Ganze immer glaubhafter für ihn wurde, sondern weil sie ihn beeindruckte. Wann hatte ihn jemals jemand so inständig um Hilfe gebeten? Hilfe, die er geben konnte, ohne dass es ihn juckte. Das Einzige, was ihn noch abhielt, war die Frage, wie er damit umgehen sollte, dass er ein Narr war. Sie hatte ihm nicht mal ihren vollen Namen genannt, wahrscheinlich auch nicht ihren richtigen Namen. Swetlana, so hieß man in Russland, aber doch nicht in Bosnien. Sie wollte sich offenbar schützen. Er respektierte das, aber etwas mehr Vertrauen hätte er sich schon gewünscht. Ihm war jedoch klar, dass er gerade Luxusgedanken dachte. Bei ihr ging es ums Überleben oder wenigstens ums Überleben in Würde. Bei ihm ging es um nichts als verletzte Eitelkeit und um das unbestimmte Gefühl, verschaukelt zu werden. Andererseits hatte er alles im Griff. Swetlana hielt ihm keine Pistole vor die Brust und machte ihm kein unmoralisches Angebot, bei dem er gezwungen gewesen wäre, ernsthaft darüber nachzudenken. Alles war ganz harmlos. Wenn er auf sie zuging, so war das seine souveräne Entscheidung und seine persönliche Geste an eine Hilfesuchende.
»Zahlen bitte.«
»Das macht fünfzehn achtzig.«
Oh nein, diese Einladung auf eine Tasse Kaffee kam ihn wesentlich teurer zu stehen. Das war ihm klar. Aber er hatte es so gewollt.
»Swetlana, komm, ich hebe jetzt das Geld ab. Hier sind meine Kontaktdaten. Ruf mich nicht an, sondern schicke mir eine Mail, wenn du so weit bist, mir das Geld zurückzuzahlen.«
Sie ließ seine Visitenkarte, ohne darauf zu schauen, ganz schnell in ihrer Einkaufstüte verschwinden. Fast so, als ob sie etwas mitgehen lassen würde. Merkwürdig.
Sie standen auf und steuerten den nächsten Geldautomaten an, der sich ganz in der Nähe befand. Adam hob dreihundert Euro ab. Er gab Swetlana zweihundertfünfzig Euro. Das war nun wirklich das Limit. Ihr sechshundert Euro zu geben, kam aus Prinzip nicht in Frage. Mit Prinzipien kannte er sich wenigstens aus. Es war ihre Sache, wie sie klarkam, nicht seine. Er hatte seinen Beitrag geleistet. Er rollte die Fünfzig-Euro-Scheine diskret zusammen und drückte sie ihr in die Hand. Sie hatte zurückhaltend etwas abseitsgestanden und gewartet. Schämte sie sich etwa? Egal, er wollte das jetzt hinter sich bringen. Swetlana rollte die Scheine ein wenig auseinander und zählte. Kein Anzeichen von Freude oder Dankbarkeit. Sie war sichtlich enttäuscht.
»Mehr habe ich auch nicht«, sagte er. »Damit kommst du die nächste Zeit über die Runden. Ich muss jetzt los, machs gut.«
Damit setzte sich Adam in Bewegung, das reichte jetzt. Aber sie folgte ihm.
»Und was sollen wir essen? Meine Freundin hat doch ein Baby, sie stillt noch. Das Geld ist doch gleich weg für Miete.«
Er hätte ihr beinahe entgegnet, dass von Essen nicht die Rede gewesen war, verkniff es sich aber. Das wäre entwürdigend und gemein gewesen. Er zog aus seinem Geldbeutel zwanzig Euro hervor, die er eigentlich für sich reserviert hatte, und steckte sie ihr zu.
»Für zwanzig Euro kann man nicht viel zu essen kaufen. Das musst du doch wissen. Bitte gib noch was«, sagte sie und schaute ihn wieder mit ihrem Röntgenblick an, der ihr verriet, dass hier bestimmt noch mehr zu holen war.
Jetzt musste er ernsthafte Anstrengungen unternehmen, um sie loszuwerden. Es schien so, als wollte sie die Schleusen, die sie einmal erfolgreich geöffnet hatte, nicht leichtfertig schließen. Adam schwitzte, das wurde so langsam bedrohlich. Jetzt bereute er, ihr ohne Not seine Visitenkarte gegeben zu haben. So etwas Idiotisches aber auch. Was sollte er machen, wenn sie ihn weiter mit Solidaritätsanfragen überzog, telefonisch, postalisch, an der Wohnungstür, am Institut, weiß der Teufel, wo. Er musste jetzt wirklich los. Er gab ihr seinen letzten Zwanzig-Euro-Schein und setzte zur Flucht an.
»Warte, Adam«, rief sie.
Sie sagte danke und dass seine Wünsche mit Gott in Erfüllung gehen mögen, umarmte ihn für zehn Sekunden, wendete sich ab und ging. Kein Theater, keine Tränen, keine Freude. Sie drehte sich nicht um. Er konnte ihr noch viel Glück zurufen, dann war sie weg. Er stand da, komplett ausgenommen, leer. Es war ihm peinlich. Er verstand nicht, warum er das getan hatte. Wie konnte er sich so um den Finger wickeln lassen, sich sehenden Auges fast dreihundert Euro abnehmen lassen, von einer Premiumbettlerin. Das durfte niemand erfahren.


Frühreife Äpfel der Erkenntnis

Eva Halter hatte sich ihre Karriere als Kriminalkommissarin bei der Genfer Polizei anders vorgestellt. Sie war seit Kurzem im Dezernat für Einbruch und Diebstahl. Davor hatte sie bei den Kollegen für Urkundenfälschung und Internetbetrug einige Fälle bearbeitet. Letztendlich alles Bürokram. Da hätte sie auch Versicherungskauffrau oder Steuerberaterin werden können. Selbstverständlich mit mehr Gehalt. Was sie am meisten ärgerte, war die Gutgläubigkeit der Leute, wenn man es nicht gleich Dummheit nennen wollte. Diese Naivität öffnete jedem dahergelaufenen Gauner Tür und Tor, bevorzugt digitale Türen und Tore. Unglaublich, wie leichtfertig die Leute ihre Daten überall verschütteten. Der krasseste Fall, den sie bearbeitet hatte, betraf einen Mann, der von einem gefakten Microsoft-Kundenservice angerufen worden war, weil angeblich ein gefährliches Virus gestoppt werden müsse, das sich auf seinem Rechner eingenistet habe. Die ach so nette Servicemitarbeiterin war sogar in der Lage gewesen, sich persönlich auf seinem Rechner umzusehen, um das Biest zu killen. Wer wollte bei so viel Kompetenz und Freundlichkeit die seriösen Absichten anzweifeln!
Ein paar Tage später hatten zehntausend Euro auf seinem Konto gefehlt. Das war ein ziemlich teurer Service gewesen. Natürlich keine Chance für sie, an die Täter heranzukommen. Wenn ich dem Einbrecher meine Wohnungsschlüssel gebe, hinterlässt er keine Spuren. Sie begann sogar allmählich Verständnis für die digitalen Kleinkriminellen zu entwickeln. Sie taten das, was sie tun konnten, weil es andere ermöglichten oder nicht verhinderten. Das war wie ein Naturgesetz. Jäger und Gejagte hatte es schon immer gegeben. In ihrer neuen Abteilung hatte sie es allerdings mit handfesten Einbrüchen und Diebstählen zu tun, noch die alte Schule. Man hatte zwar auch hier digital aufgerüstet, aber der letzte Meter zum Kunden wurde immer noch zu Fuß zurückgelegt.
»Eva, hast du einen Moment Zeit?«, fragte Edgar, der kurz zur Tür reinschaute und sie aus ihren Gedanken riss. Edgar war zwar ein netter Kollege, Halbglatze, leichter Bauchansatz, ohne Allüren und meist hilfsbereit, aber er nervte manchmal genau zur unpassenden Zeit. Sie war gerade dabei, das Protokoll der letzten Besprechung zu schreiben, und hatte sich auf ihren heißen Kaffee gefreut, der ihr etwas Trost bei dieser öden Tätigkeit spenden sollte.
»Tut mir leid, wenn ich störe, aber der Chef will dich sprechen«, sagte Edgar, der stets merkte, wenn er jemanden nervte. Das musste man ihm lassen.
»Was will der schon wieder? Das eine Protokoll ist noch nicht mal fertig, da kommt die nächste Besprechung. Wie soll man da arbeiten?«, dachte Eva.
Hauptkommissar Krüger war ein altes Eisen. Er war gehärtet durch die jahrelange Berufspraxis als Ermittler, aber war ein Fall heiß genug, konnte er jede notwendige Form annehmen. Wie flüssiger Stahl füllte er die Kavität, wenn es galt, sich in die Lage eines Täters zu versetzen, wurde dünn wie Blech, um sich unsichtbar zu machen, oder zeigte Profil, wenn er den Vizepräsidenten überzeugen musste. Eva schätzte ihn, nur seine Humorlosigkeit störte sie.
...

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