Science Fiction & Fantasy

Das Zeichen des Drachen

Stefan Dolezal

Das Zeichen des Drachen

Leseprobe:

New Orleans, am 15. Mai 1944

Die große Wanduhr schlägt gerade zum achten Mal. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und blicke einen Moment lang hinaus in die Ferne. Die Sonne ist im Begriff unterzugehen und ihre letzten Strahlen streicheln sanft die Landschaft, als wolle sie gute Nacht sagen. Kein Passant, der noch dringend die letzten Einkäufe vor dem Wochenende zu erledigen hat, ist dort draußen zu sehen. Schon lange nicht mehr war die Stimmung so friedlich wie am heutigen Tag. Einzig die Vögel durchbrechen die Stille und stimmen ihren abendlichen Gesang an. Ein leichtes Lüftchen streift durch meinen Garten und wiegt die Gräser sanft hin und her. Die Sitzschaukel auf meiner Veranda wurde schon lange nicht mehr benutzt und quietscht alt und verrostet vor sich hin. Oft bin ich hier mit ihr gesessen und habe das Meer betrachtet.
Die friedliche Stimmung ist trügerisch, denn sie verschweigt, welche Zerstörung, angetrieben von blankem Hass, gerade die Welt erschüttert. Die Menschheit schafft sich ab, ein heiterer Gesang ist unangebracht, doch die Vögel tun dies mit fröhlicher Leichtigkeit.
Die Feuchtigkeit spiegelt sich in den Fenstern, denn der starke Regen, der sich den ganzen Nachmittag über dieser Stadt ergoss, hat vor wenigen Minuten aufgehört. Die Abkühlung kam zur rechten Zeit, denn eine unsägliche Hitze hielt die Stadt seit Tagen in ihrem Würgegriff. Nicht einmal die Nächte sorgten für die ersehnte Abkühlung. Jedenfalls ist es ein zu extremes Wetter für einen Mann meines Alters. Besonders an solchen Tagen spüre ich, die Zeit ist auch an mir nicht spurlos vorübergegangen. Seit Wochen kann ich nicht mehr gehen und bin an diesen Rollstuhl gefesselt. Meine Glieder schmerzen, die Nahrungszufuhr wird zur Qual, einzig mein Verstand funktioniert noch einwandfrei. Ich möchte keinesfalls einen falschen Eindruck erwecken, denn ich schreibe diese Zeilen nicht, um mich zu beschweren. Einst sagte ein guter Freud zu mir: „Es ist nicht wichtig, wann du gehst. Ausschlaggebend ist, ob es bis dahin das Leben war, welches du dir erträumt hast. Erfüllt sollte es sein, mit den Erfahrungen unterschiedlichster Art. Nur in der Gesamtheit der glücklichen und tragischen wirst du Vollendung erfahren.“
Nun bin ich in der glücklichen Lage, auf ein langes und erfülltes Leben zurückzublicken. Dafür bin ich sehr dankbar. Gerade die dramatischen Momente waren es, die mein Wesen prägten wie keine anderen. Rückblickend betrachtet möchte ich selbst die dunkelsten Stunden nicht missen, haben diese mir doch den Blick für das Wesentliche eröffnet. Selbst die tragischsten Momente habe ich, mit Hilfe treuer Weggefährten, überstanden. Diese Gewissheit erfüllt mich mit Glück und Stolz. So kann ich heute zurückblickend sagen: „Das Mosaik meines Lebens ist vollendet und es wurde ein kleines Kunstwerk.“ Denn was wäre schon mein Leben ohne abenteuerliche sowie bedrohliche Ereignisse gewesen? Vermutlich nie so erfüllt, wie es nun am Ende meiner Zeit der Fall ist. Ein mir unbekannter und doch sehr vertrauter Mann sagte einst: „Eine gute Geschichte beinhaltet immer eine angemessene Portion Dramatik.“ Rückblickend betrachtet muss ich ihm Recht geben.
Eine ganz bestimmte Periode meines Lebens hat den gewichtigsten Fußabdruck hinterlassen. Ich fühle, meine Zeit ist angezählt, somit möchte ich die letzten Momente dafür nutzen, diese Geschichte voller Höhen und Tiefen, Dramatik und Wiederauferstehung auf Papier zu bringen. Vor vielen Jahren haben mich dunkle Mächte herausgefordert, ans Ende der Existenz zu reisen, um dem Tod tief in die Augen zu blicken. Eine Erfahrung, die nichts mehr so sein lässt, wie es zuvor war. Anscheinend war am Ende der Tod selbst der beste aller Lehrmeister. Die Geschichte begann vor 42 Jahren in einer kalten Februarnacht.





Kapitel 1
Brighton, am 5. Februar 1902

Endgültig verstummte der Lärm, den die metallbeschlagenen Holzräder auf dem alten und desolaten Kopfsteinpflaster verursachten. Unsanft beendete der Kutscher die Fahrt, klappte die Innenscheibe des Wagens herunter und meinte: „Sir, wir sind am Ziel.“ Ich nickte und reichte ihm das Geld für die Fahrt. Er schnappte sogleich danach und schloss in Sekundenschnelle das kleine Fenster hinter sich. Rasch knöpfte ich mir meinen Mantel zu und nahm den Hut in die Hand. Kaum hatte ich die Wagentüre einen Spaltbreit geöffnet, riss ein starker Windstoß sie aus meiner Hand. Sogleich peitschte mir frostig feuchte Luft in mein Gesicht. Nachdem ich ausgestiegen war, setzte sich die Kutsche tosend in Bewegung und war bald darauf in der Dunkelheit verschwunden. In der Ferne konnte ich das dumpfe Schlagen einer Kirchenglocke vernehmen. Demzufolge musste es zwei Uhr morgens sein. Dichte, feuchte Nebelschwaden, typisch für diese Jahreszeit in dieser Gegend, zogen über die Straße und hüllten mein Haus in einen grauen Schleier. Die kleinen Türmchen hoben sich aus dem Nachtschwarz hervor und der sichelförmige Mond warf seine schwachen Schatten auf die mit Efeu bewachsene Hausfassade. Dieser Anblick bereitete mir Sorgen, denn das Haus lag völlig im Dunklen, durch kein Fenster drang Licht nach außen. Das war normalerweise nicht Minas Art. Sie hatte alleine meist Angst und ließ stets die Kerzen brennen. Einen Moment lang grübelte ich darüber nach, setzte jedoch kurz darauf meinen Weg zur Eingangstüre unbeirrt fort. Ich war schon beinahe am Gartentor angekommen, da fiel mir noch etwas Sonderbares auf. Es sah so aus, als liege in der Hausecke etwas, dass einem pelzigen Tier ähnelte. Bei genauerer Betrachtung stellte es sich als eine Fellmütze heraus. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, wie zum Teufel dieses Kleidungsstück dorthin gelangt war, wobei es bei diesen Temperaturen mehr als nur angenehm zu tragen gewesen wäre. Irgendwie kam mir diese Art Mütze bekannt vor, konnte sie aber nicht zuordnen, zumindest noch nicht.
Ich nahm sie in meine Hand, doch nach kurzer Betrachtung legte ich die Fellmütze wieder zur Seite, öffnete die Haustüre und trat ein. Gleichzeitig überkam mich ein unangenehmes Gefühl, das ich schon lange nicht mehr verspürte hatte. In der Regel fühlte ich die Nähe meiner geliebten Frau, doch genau diese Empfindung von Geborgenheit und Wärme fehlte mir in diesem Augenblick. Ich hoffte, mir alles nur einzubilden, zündete die Kerzen auf einem Leuchter an und machte mich vorsichtig auf den Weg ins Schlafzimmer. Die alte Treppe knarrte unter der Last meines Körpers, während ich zum ersten Stockwerk emporstieg. Dort angekommen, stieß ich behutsam die Türe des Zimmers auf und beleuchtete mit dem schwachen Lichtschimmer des Kerzenleuchters den finsteren Raum. Die Vorhänge waren zugezogen, das Bett aufgeschlagen, jedoch leer. Meine Aufmerksamkeit richtete sich sogleich auf das kleine Tischlein. Darauf lag ein beschriebenes Blatt Papier. Aufgeregt nahm ich es zur Hand und las folgende Zeilen:


Lieber Jonathan

Vor einigen Wochen begann alles von Neuen. Es tut mir leid, dass du es auf diesem Weg erfährst und ich nicht mit dir darüber sprechen konnte. Es ist nicht so, dass ich dir misstraue, nein, ganz im Gegenteil, ich wollte dich damit nicht belasten. Nicht nach allem, was wir damals durchmachen mussten. Außerdem dachte ich zuerst, der dunkle Schatten würde wieder verschwinden, so wie er gekommen war. Es kam jedoch anders. Etwas regt sich im Osten. Der tödliche Drache ist zurück. Weit hat er bereits seine Schwingen ausgebreitet und ruft mich immer lauter. Nun kann ich diesem Begehr nichts mehr entgegensetzen. Ich fühle seine Gegenwart, auch wenn er weit von mir entfernt ist. Ich höre ihm immer zu und er befiehlt mich zu sich. Du darfst nicht vergessen, sein vergiftetes Blut fließt immer noch durch meine Adern. Langsam, aber sicher verliere ich die Kontrolle über meinen Körper und es fühlt sich an, als ob jemand Fremdes ihn zu übernehmen versucht. Mein Geist wird schwächer. Der Schleier senkt sich behutsam, lähmt und zerfrisst alles, was mir wichtig ist. Je stärker ich dagegen ankämpfe, desto schneller gewinnt dieses Gefühl die Oberhand. Es ist zwecklos, ich kann ihm nicht mehr widerstehen. Wenn ich nicht gehe, wird er kommen und mich holen und dich dabei töten. Er wird nicht eher ruhen, bis ich den Platz an seiner Seite eingenommen habe. Der Schritt dazu fällt mir schwer, wird mir jedoch durch die Tatsache leichter gemacht, dich damit zu retten. Folg mir nicht, du kannst mich ohnehin nicht mehr einholen, denn wenn du diese Zeilen liest, bin ich ihm schon sehr nahe. Ich werde sogleich nach London aufbrechen, das erste Schiff nehmen, um nach Rumänien zu reisen. Ein jeder hat seine Bestimmung und ihr muss auch ich Folge leisten. Glaube mir, ich habe Angst, jedoch stirbt sie von Tag zu Tag. Immer schneller, mit jenem Teil, den du einst geliebt. Lebe wohl, Jonathan und vergiss mich nicht!

In Liebe und Treue, Mina


Die ganze Zeit über zitterte meine Hand, während ich diese Zeilen las. Wachs floss über meine Finger, sodass ich den Kerzenleuchter abstellen musste. Ich ließ mich auf das aufgeschlagene Bett fallen und starrte stumm auf das Papier. Mein Kopf voller Gedanken, unfähig, sie zu sortieren. War es ein schlechter Traum oder doch Realität? Konnte es denn wirklich der Wahrheit entsprechen? Fünf Jahre zuvor hatte ich dem Drachen eigenhändig einen Dolch in sein Herz gestoßen. Sein hasserfüllter Blick war in meinem Gedächtnis immer noch präsent, als wäre es gestern gewesen. Ich erinnere mich an seine funkelnden Augen, die langsam erloschen, während er sein Leben aushauchte. Diese Zeilen konnten unmöglich der Wahrheit entsprechen. Doch haben wir es mit Mächten zu tun, die wir weder verstehen noch kontrollieren können. Wenn ich Minas Worten wirklich Glauben schenkte, dann war er zurück, um uns erneut heimzusuchen. Tief in meinem Innersten spürte ich, diesmal würde es eine schier unlösbare Aufgabe.
Ich versuchte, mich nun wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren. Nachdem ich den ersten Schock verarbeitet hatte, machte ich mich daran, den Brief eingehend zu studieren. Ich las die Zeilen aufmerksam, immer und immer wieder. Je öfter ich sie mir durch den Kopf gehen ließ, desto sicherer war ich mir. Mina hatte diese Zeilen geschrieben, jedoch nicht aus freien Stücken. Ich kannte sie besser als sonst wer auf dieser Welt. Es war zwar ihre Handschrift, diese Tatsache hatte jedoch nichts zu bedeuten. Vor allem ein Satz machte mich sehr stutzig. Sie schrieb davon, ein Schiff zu besteigen, um nach Rumänien zu reisen. Mina litt unter panischer Angst vor Schiffsreisen. Selbst der Ruf dieses Dämons hätte sie nicht dazu bewegen können, freiwillig ein solches Gefährt zu besteigen. Der Anblick allein löste Angstgefühle aus. Völlig ausgeschlossen, dass sie freiwillig auf ein Schiff gegangen wäre. Selbst der Bann des Drachen hätte nicht ihre Ängste verfliegen lassen. Niemals hätte sie alles liegen und stehen gelassen, um ins Ungewisse zu reisen. Das war einfach nicht ihre Art, das alles passte ganz und gar nicht zusammen. Ich stand auf, ging zum Fenster hinüber und schob die schweren Vorhänge zur Seite. Gedankenvoll starrte ich in die Dunkelheit hinaus. Über den schemenhaft erkennbaren kleinen Hafen hinweg, über die vielen farbigen Dächer, deren Rauchfänge anständig dampften, wieder zurück bis vor meine Hauseinfahrt. Da fiel mir erneut die Fellmütze auf, die dort achtlos in der Ecke lag. So eine Haube hatte ich zuvor schon gesehen, aber der Zusammenhang fiel mir nicht ein. Da schoss mir die Antwort durch den Kopf und ich konnte das Puzzle schlagartig zusammensetzen. Doch das Ergebnis gefiel mir ganz und gar nicht. Wütend über meine eigene Ratlosigkeit, schlug ich mit der geballten Hand auf das Nachtkästchen. Nun wusste ich, woher ich dieses Kleidungsstück kannte, jedoch waren meine Erinnerungen daran nicht gerade die besten.
Da störte das Knarren der alten Holztreppe meine Gedanken. Einen Moment hielt ich inne. Die Sekunden tickten, da war das Geräusch erneut. Deutlich konnte ich nun Schritte vernehmen, die sich langsam, aber stetig in meine Richtung bewegten. Ich hielt den Atem an, blieb still und starr, gelähmt vor Anspannung.
Der Gedanke, es könnte Mina sein, kam mir unweigerlich in den Sinn. Das kurzzeitige Gefühl der Euphorie wich und starkes Unbehagen breitete sich aus. Ich überwand meine Schockstarre, bewegte mich so leise es möglich war zum Kästchen, um die Kerze auszupusten. Ich wollte meinen Vorteil nutzen und gegen jeglichen Angreifer gerüstet sein. Ich bewaffnete mich mit einem Stuhl und verschanzte mich hinter der halb geöffneten Türe. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sich die Schritte näherten. Fest davon überzeugt, erbarmungslos zuzuschlagen, verharrte ich stumm, den Stuhl in meiner rechten Hand. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb, immer schneller und intensiver. Nach quälenden Sekunden war es so weit, der Eindringling war an der Türe angekommen. Unsanft wurde sie aufgestoßen und eine Gestalt betrat den Raum. Ich sah einen kleinwüchsigen Mann, bekleidet mit einem Pelzmantel, in seiner Hand blitzte ein spitzer Dolch. Suchend ließ er seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, versetzte der Türe einen starken Tritt und sie fiel donnernd ins Schloss. Bevor sich der völlig überraschte Eindringling umdrehen konnte, ließ ich den Stuhl mit voller Wucht auf seinen Rücken krachen. Durch die Wucht des Aufpralles zerbrach das Holz in sämtliche Einzelteile, die lautstark durchs ganze Zimmer flogen.
Wimmernd vor Schmerz, verlor der Angreifer das Gleichgewicht und knallte mit dem Kopf gegen die Bettkante. Regungslos blieb er am Boden liegen. Ihm zuvorkommend, sprang ich mit einem Satz hinüber, packte den Kerl am Kragen und schleuderte ihn erneut zu Boden. Nach Luft ringend, wälzte er sich vor Schmerz. Bevor ich ihn jedoch erneut greifen konnte, rollte er zur Seite und packte mich mit einem starken Handgriff am Bein. Kräftig zog er daran, sodass ich schlagartig das Gleichgewicht verlor und mit voller Wucht zu Boden krachte. Benommen und überrascht wollte ich mich aufrichten, da tauchte der Fremde schon vor meinen Augen auf, um mich mit voller Kraft gegen die Steinwand zu schleudern. Schmerzen durchzuckten meinen Körper und ich spürte mein warmes Blut über die Wangen tropfen. Nun war mir klar, wollte ich hier lebend heraus, musste ich entweder rasch die Flucht ergreifen oder mich erfolgreich gegen die Angriffe zur Wehr setzen. Ich konnte Schmerzen ertragen, jedoch ein oder zwei Schläge mehr, und ich wäre diesem Monster wehrlos ausgeliefert. Der Angreifer stand erneut vor mir, holte aus, um kräftig auf mich einzuschlagen. Diesmal war ich jedoch schneller, duckte mich und seine Faust donnerte mit voller Wucht gegen die Wand. Schmerzerfüllt schrie er lautstark und taumelte durchs Zimmer. Ich nutzte den kleinen Moment seiner Unaufmerksamkeit, um ihm einen Tritt in den Magen zu verpassen. Da brach der Eindringling endgültig zusammen und blieb regungslos auf dem Boden liegen. Das Zimmer war von dem unfreiwilligen Kampf völlig verwüstet.
Die Gefahr war noch nicht vorüber, da dieser Kerl sicherlich nicht alleine war. Er gehörte den Zigeunern an. In Siebenbürgen wurden diese Leute Szekler genannt. Söldner, vom Fürsten angeheuert, bereit für Geld alles zu tun. Schon bei meinem ersten Besuch in Rumänien konnte ich keine guten Erfahrungen mit diesen Leuten sammeln. Meine schlechte Meinung über diese Lumpen würde sich durch dieses erneute Zusammentreffen kaum zum Besseren wenden. Sie waren es, die im Auftrag des dunklen Grafen Mina entführt hatten, um sie nach Transsilvanien zu schaffen. Die Pelzhaube am Tor gehörte einem von ihnen, da war ich mir nun sicher.
Ich packte diesen Zigeuner am Kragen und zog ihn unsanft empor. Wütend brüllte ich ihn an, um zu erfahren, was sie mit Mina gemacht hatten. Doch der Eindringling stammelte nur wirre und undeutliche Wortfetzen. Ich wiederholte meine Frage und schüttelte ihn dabei stark. Da vernahm ich Stimmen und Schritte, die vom Treppenhaus zu mir herüberdrangen. Ich schleuderte den Kerl zu Boden, riss die Türe auf und sprang mit einem Satz hinaus auf den Flur. Vor mir standen zwei weitere Männer. Einer der beiden war groß und muskulös, der andere eher schmächtig. Der Kleinere hielt mir drohend die Klinge seines Messers entgegen, während der andere eine dicke, schwere Kette in seiner Hand hin und her baumeln ließ. Ich vergeudete nun keine Sekunde mehr, denn wäre einer der beiden auf mich losgegangen, hätte ich keine Chance gehabt. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sprintete ihnen entgegen. Überrascht von meinem Angriff, rissen beide die Augen auf. Ich rammte den Größeren, taumelte und stürzte zu Boden. Etwas benommen blickte ich auf und sah den Kleineren sich bereits über mich beugen. Dabei fuchtelte er drohend mit seinem Messer vor meinen Augen herum. Hasserfüllt blickte er mich an, holte aus und ließ seinen spitzen Dolch auf mich herabschnellen. Instinktiv rollte ich mich zur Seite und verspürte dabei einen höllisch brennenden Schmerz. Er verfehlte zwar sein Ziel, denn sein Wunsch war sicherlich, mich zu töten. Doch bohrte sich sein Dolch erbarmungslos in meine rechte Schulter. Der Schmerz durchströmte meinen gesamten Körper und ließ mich für einen Moment benommen am Boden liegen. Ich blickte zu meiner Schulter und sah das Messer tief im Fleisch stecken. Aus der klaffenden Wunde trat sofort Blut. Warm floss es meinem Arm hinab und färbte mein Hemd tiefrot. Rasch holte ich zum Gegenschlag aus, ballte meine Faust und schlug dem überraschten Eindringling ins Gesicht. Wimmernd ging er zu Boden und rang röchelnd nach Luft. Der Größere der beiden erhob sich, ergriff die schwere Kette und kam mit raschen Schritten näher. Ich versuchte den Schmerz auszublenden und rollte mich zur Seite. Dabei griff ich nach dem Messer, das immer noch in meiner Schulter steckte, zog es mit einem Ruck heraus und schleuderte es ihm entgegen. Es verfehlte zwar den Zigeuner, doch musste er, um auszuweichen, zu Boden gehen. Nun war der Moment gekommen, um die Flucht zu ergreifen. Sogleich richtete ich mich auf und erreichte mit einem Satz die Treppe. Ich hastete so schnell es ging hinunter, riss dabei den Vorhang aus der Befestigung und war nach wenigen Schritten an der Eingangstüre angelangt. Die beiden Eindringlinge konnten sich gerade einmal aufrichten, da war ich schon durch die Türe in den Garten geflohen. Während ich mir den Weg zur hinteren Gartenmauer bahnte, zerriss ich den Vorhang und band einen Streifen um meine stark blutende Schulter. Mit einem mächtigen Satz schwang ich mich über die hüfthohe Mauer, landete jedoch unsanft auf einem Stein, verlor das Gleichgewicht und stürzte. Zum wiederholten Male von starken Schmerzen gebeutelt, stemmte ich mich auf, rannte zur Nachbarsscheune und trat mit einer ungeheuren Wucht die Stalltüre ein. Zu meiner Erleichterung erblickte ich meine Rettung, denn der Bauer hatte seine Pferde dort immer noch eingestellt. Rasch band ich eines los und schwang mich auf seinen Rücken. Zu meinem Glück war das Tier willig und ich ritt im Galopp aus der Scheune hinaus auf die Straße. Die Zigeuner, gerade aus dem Haus kommend, hatten keine Möglichkeit, mich einzuholen. Wir bewegten uns, so schnell es ging, die holprige Straße entlang, weg von diesem Ort. Am alten Wegweiser angekommen, schlug ich die Richtung nach London ein. Ängstlich blickte ich alle paar Sekunden über meine Schulter, jedoch war von den Verfolgern nichts zu erkennen. Erleichtert setzte ich meinen Weg etwas gemächlicher fort. Mein Ziel war es, meinen treuen Freund Steward zu erreichen, der mir schon beim letzten Kampf hilfreich zur Seite gestanden hatte. Es war nun tiefste Nacht, Hindernisse waren nur schwer zu erkennen und der Weg in keinem guten Zustand. Zum Glück schien dieses treue Tier über einen ausgezeichneten Orientierungssinn zu verfügen, denn es navigierte spielend durch die Finsternis. Indessen wurde ich immer schwächer und die eisige Kälte setzte mir stark zu. Die Strapazen hinterließen ihre Spuren. Meine Schulter brannte und ich verlor immer noch Blut. Vorbei an nebelbedeckten Feldern führte uns der Weg, während ich mich, immer kraftloser, gerade noch so auf dem Pferd halten konnte. Am Ende meiner Kräfte erreichten wir London und dieses wundervolle Tier bahnte sich völlig unbekümmert den Weg durch die engen Gassen. Es war nun vier Uhr morgens, die Straßen waren menschenleer, nur hin und wieder huschten schemenhafte Gestalten an uns vorbei.
Ich erblickte eine Brücke, unter der sich einige in Lumpen gehüllte Gestalten an einem Feuer wärmten. Diese Leute blickten kurz auf, musterten mich von oben bis unten und wandten ihre leeren Blicke erneut Richtung Feuer. „Von denen brauche ich mir keine Hilfe erwarten“, dachte ich und steuerte mein braves Pferd durch die verdreckten Straßen. Beißender Gestank drang in meine Nase und zur schmerzenden Schulter kam nun auch noch Übelkeit hinzu. „Nicht mehr weit“, motivierte ich mich und steuerte auf Stewards Haus zu. Völlig erschöpft erreichte ich mein Ziel, rutschte vom Rücken meines Pferdes herunter, taumelte und fiel zu Boden.
Mit letzter Kraft richtete ich mich auf, kämpfte mich die Treppen empor und hämmerte gegen Stewards Eingangstüre. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis ich Schritte im Inneren des Hauses vernahm. Quietschend drehte sich der Schlüssel im Schloss und eine müde Gestalt öffnete mir. Steward stand vor mir und starrte mich entgeistert an. Ich musste einen recht erbärmlichen Anblick abgegeben haben. Endlich war ich in Sicherheit und meine Anspannung löste sich. Nun konnte mich nichts mehr auf den Beinen halten, ich wankte, stürzte und blieb bewegungslos auf der Schwelle liegen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 194
ISBN: 978-3-99107-064-1
Erscheinungsdatum: 31.08.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 15,90
EUR 9,99

Frühlings-Tipps