Science Fiction & Fantasy

Das Vermächtnis der Venus

Nina Federer

Das Vermächtnis der Venus

Leseprobe:

Der Neue





Driiiiing machte die Pausenklingel, als Clara Summer auf den Schulhof trat. Es war ein klarer Novembermorgen. Schon das zweite Mal in dieser Woche war sie zu spät zur Schule gekommen. Miss Mccain würde ihr den Kopf abreißen, wenn er ihr nicht schon vorher vor Scham platzte. Sie hastete zum riesigen Eisentor vor ihr und stieß es auf. Warme Luft strömte ihr entgegen und es fühlte sich plötzlich so an, als ob warmes Wasser durch ihre Fingerspitzen rieseln würde. In Windeseile spurtete sie den dunklen Korridor entlang. Lichter gingen an, und ab und zu linsten vereinzelte Schüler durch schmale Türspalte, um zu schauen, wer solchen Lärm während des Unterrichts auf den Gängen veranstaltete. Als sie vor dem Klassenzimmer 12a zum Stillstand kam, hoffte sie inständig keine Probleme mit der Direktorin, auch bekannt als das Ekel, zu bekommen. Sie drückte langsam die Klinke hinunter und spürte sofort, wie die Tür mit einem leisen Klick aufsprang. Ihr war klar, dass vor ein paar Sekunden noch laut geschwatzt und Unfug getrieben worden war. Doch just in dem Moment, als sie eintrat, verstummte jeder mit Ausnahme natürlich von Miss Mccain, die, wie es ihr vorkam, jede Gelegenheit nutzte, um ihren Schülern ein peinliches Purpurrot ins Gesicht zu jagen. Doch als Clara sich nach ihr umsah, stellte sie fest, dass ihre Lehrerin ihr nur ein kurzes „Hallo“ zu murmelte und sie dann mit einer Handbewegung aufforderte sich hinzusetzen. Bevor Clara ihr Französischbuch wie üblich am Mittwochmorgen herausholen wollte, bemerkte sie einen Jungen, der sich lässig neben Miss Mccain an die Wand lehnte. Donnerwetter, dachte sie. Plötzlich spürte sie, wie sich ihre Eingeweide zusammenzogen und ihr Blick verschwommen und träge wurde. Als der Junge den Kopf zu ihr herüber drehte, sah sie, dass er dunkle, unergründliche braune Augen hatte und ebenso dunkles Haar. Dann stellte sie fest, dass er einen tollen Modegeschmack besaß, denn er hatte eine schwarze Lederjacke und ein blaues T-Shirt mit schwarzer Schrift darunter an, sodass man seine Muskeln bewundern konnte. Was Clara, wie sie nach wenigen Augenblicken feststellte, überaus gerne tat. Sie seufzte tief. Laut. Sehr laut. Oh nein, dachte sie, wie peinlich! Schnell holte sie ihr Französischbuch unter dem Pult hervor.
„Das brauchst du heute nicht“, wisperte ihr Susan Lugat zu. Susan war Claras beste Freundin seit dem Kindergarten. Als sie in der zweiten Klasse gewesen waren, hatten sie sich sogar einem Blutsschwur unterzogen! Seitdem waren sie so gut wie immer miteinander zu sehen. Außerdem erzählten sie sich alle Geheimnisse und Sorgen. Beide vertrauten sich blind, auch wenn siemanchmal ganz schön stritten. Eben eine echte Freundschaft. Überrascht packte sie ihr Buch wieder weg.
„Das ist Dean Tolder, er ist vor Kurzem erst hergezogen, ich möchte, dass ihr ihn gut in der Klasse aufnehmt“, faselte Miss Mccain munter.
„Nun, wo können wir dich am besten hinsetzen?“
Plötzlich spürte Clara, wie sich etwas Seltsames in ihrem Magen bemerkbar machte und sie dazu brachte, immerzu zu dem Jungen vorne an der Tafel zu schauen. Den Jungen, mit dem sie ganz allein auf der Welt war, wenn er sie mit seinen warmen, aber doch so eisernen Augen, auf seine, ganz spezielle Art ansah. Doch die dunkle grollende Stimme Mccains holte sie wieder in die Wirklichkeit zurück … in die unmögliche Realität.
„Patrice!“, sagte sie spitz und kräuselte auf eine, wie es ihr anscheinend vorkam, mütterliche Weise den Mund, der mit sattem pinken altmodischen Lippenstift beschmiert war. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn du ein bisschen Platz machst? Schließlich ist Pamela heute ja nicht anwesend.“ Patrice wurde rot, kicherte und nickte dann kurz. Sie rückte ihre Tasche mitsamt Stuhl einen Platz weiter. „Nun geh schon oder wartest du auf eine schriftliche Einladung?“, blaffte Miss Mccain Dean verärgert an. Clara musste lächeln. Vor ein paar Sekunden war Miss Maccain noch liebevoll und freundlich mit Dean umgesprungen, doch kurz danach fiel diese Fassade und sie war wieder die barsche und kalte Lehrerin, die sie kannten und fürchteten.
Als Dean seinen ziemlich perfekten Mund aufmachte, um zu antworten, blitzten zwei Reihen strahlend weiße Zähne auf. „Natürlich nicht!“ Er lächelte charmant, bevor er sich leise neben Patrice setzte.
Kurz darauf klingelte es zur Pause. Betrübt schlurfte Clara, wie sie es schon gewohnt war, zu der streng blickenden Miss Mccain nach vorne zum Lehrerpult. Sie wusste bereits, dass sie einer ordentlichen Strafe nicht entgehen konnte, die nun mal der Preis dafür war, wenn man zweimal in Folge zu spät zur Schule kam.
„Nun?“, fragte Miss Mccain mit säuerlichem Gesichtsausdruck.
Clara wollte den Mund aufmachen, um eine annehmbare Erklärung abzuliefern. Doch dann schloss sie ihn wieder. Erstens, weil ihr langsam die Ideen ausgingen. Sie konnte ja schlecht sagen, dass sie schon wieder vergessen hatte den Wecker zu stellen, obwohl genau das passiert war. Zweitens, weil sie wusste, dass dieser Dean immer noch neben seinem Platz kniete undauffällig lange dabei war seine Schnürsenkel zu binden. Außerdem wagte sie nicht, etwas zu sagen, weil sie fürchtete, dass ihr nichts einigermaßen Cooles über die Lippen kommen würde. „Sagen Sie mir einfach, was meine Strafe ist!“, brachte sie hervor, nach langem Grübeln im letzten Hinterstübchen des Gehirns, das ihr immer, wenn sie Dean in die Augen blickte, matschig vorkam.
„Du sitzt nach, und zwar am nächsten Freitag um 17:00 Uhr wirst du in mein Büro kommen und die Schülerakten sortieren!“
„Okay“, murmelte sie matt und trottete auf wackligen Beinen hinaus. Als sie den breiten Flur in Richtung Schulausgang, wo sie das Gelächter der Schüler hörte, die draußen ihre Pausenbrote aßen oder Fußball spielten, entlangging, rief jemand nach ihr!
„Warte! Warte doch!“ Es war eine sehr warme, dunkle Stimme, die doch etwas hysterisch klang, als sie noch einmal nach Clara rief.
Sie wusste, wer ihr hinterherrannte. Sie wollte sich umdrehen, doch mitten in ihrer elegant geplanten Bewegung kam ihr die Vorstellung, dass Dean tatsächlich nach ihr rief, wie ein Blitz entgegen und sie geriet ins Stolpern. Sie hörte nur noch das entfernte Lachen der Kinder und sah das letzte Mal auf die bunt bemalten Wände, bevor sie in zwei der wunderschönsten Augen blickte, die sie an den Himmel erinnerten und an den Wunsch, alles, was dahinter liegt, zu entdecken. Gleichzeitig spürte sie, wie sich ein Paar muskulöse Arme um ihre Taille schlossen und sie sanft auffingen. Als sie wieder auf festem Boden stand, sah sie Dean erstaunt an.
„Hi!“, sagte dieser etwas verlegen. Die Art, mit der er sie ansprach, gefiel ihr ausgesprochen gut! Sie hatte ja zuvor gefürchtet, dass er sie nicht mögen würde. Sie blinzelte verdutzt. Wieso war er ausgerechnet ihr nachgerannt? Der Eindruck, er könne sie nicht mögen, schwebte zwar noch immer gefährlich laut in ihrem Hinterkopf, doch die ehrliche Freude in seinen Augen verriet ihr, dass es nicht so war.
„H…Hallo!“
„Du bist Clara Summer, oder?“, fragte er mit einem umwerfend schüchternen Lächeln, für das jeder andere bestimmt jahrelang üben müsste.
„Ja, aber die meisten nennen mich nur beim Vornamen!“, lachte sie immer noch etwas überwältigt.
„Okay. Clara, ich … ich wollte dich etwas fragen.“
„Ja, was denn?“, fragte sie neugierig und spielte aufgeregt mit ihrem schwarzen Lederarmband. Wollte er sich etwa mit ihr verabreden? Nein, so etwas durfte sie gar nicht erst denken, doch sie kam nicht dazu, sich diesen Wunsch aus dem Kopf zu schlagen.
„Ich wollte dich fragen, wo du wohnst. Weil wir ja vielleicht ein Stück zusammen heimgehen können?“
„Oh!“, brachte sie schließlich mühsam hervor, war das in seinen Augen so etwas wie ein Date? Ihr Herz begann beim Gedanken daran höher zu schlagen.
Dean musste ihren überraschten Gesichtsausdruck wohl bemerkt haben, denn kurz darauf sagte er: „Also weißt du, nur weil ich hier neu bin, da muss man sich immer etwas zurechtfinden.“
„Ich weiß, ich ziehe dauernd um, glaub mir, ich versteh das!“, erwiderte sie lachend. „Ja, doch, das ist eine gute Idee, ich wohne in diesem alten Haus am Rand des Willowbie Waldes.“
Deans Ausdruck verriet ihr, dass er wohl nicht gedacht hätte, dass in dem unheimlichen, sehr alten Haus noch jemand wohnte, und seine nächsten Worte bekräftigten ihre Ahnung nur umso mehr: „Aber das Haus ist doch schon halb zerfallen!“, sagte er erstaunt.
„Ja, das ist es, aber das soll auch so sein, sonst hätten wir es nicht gekauft“, schmunzelte sie. Dean schaute immer noch etwas verwirrt. „Weißt du, mein Dad liebt es, Häuser zu restaurieren! Seine liebsten Objekte sind große Häuser, wie unser jetziges. Ehrlich, manchmal rauf ich mir die Haare, aber am Ende kommt immer ein echt tolles Ergebnis dabei raus. Das Blöde ist nur, dass wir danach gleich wieder weiter müssen, um, wie Dad immer sagt, eine neue Muse zu finden.“ Sie schaute Dean bekümmert und auch etwas verlegen an. Sie kannten sich erst seit ein paar Minuten und sie erzählte ihm schon beinahe ihre halbe Lebensgeschichte! Doch ihm schien das überhaupt nichts auszumachen, er blickte immer noch völlig normal, obwohl man diesen Blick nicht normal nennen konnte, denn bei einem normalen Blick wären die Schmetterlinge in ihrem Bauch wohl kaum herumgeflattert und hätten auch keine Purzelbäume geschlagen! Trotz der Tatsache, dass sie gerade tiefsten Winter hatten, der außergewöhnlich kalt war. In Winslow, einem abgelegenen Ort in Arizona, war es eigentlich so gut wie immer drückend heiß, doch diesen Winter schien es sich Petrus wohl anders überlegt zu haben!
„Soso“, meinte Dean, „das hört sich aber so an, als würdest du nicht lange an einem Ort bleiben.“
„Ist auch so! Leider“, sagte sie ein wenig betrübt, aber dann schob sie das traurige Gefühl sofort wieder weg. „Eigentlich ist es ja total spannend, so viele Orte schon als Kind zu sehen!“
„Hm, ja, das leuchtet ein, so hab ich das noch nie gesehen! Weißt du, mein Dad reist mit mir auch immer von Ort zu Ort, aber dieses Mal scheint er einen längeren Aufenthalt geplant zu haben.“ Einen Moment lang schien er zu zögern, doch dann erhellte sich sein perfektes Gesicht. Es war so, als ob sich eine Schar Regenwolken verzogen hätte und plötzlich die Sonne anfangen würde zu scheinen. Auch Clara musste jetzt lächeln, dann sprach er weiter: „Weißt du, mein Vater ist Mythologiesprofessor, na ja, ehrlich gesagt ist er eher ein wenig verrückt! Versteh mich bitte nicht falsch, er ist ein genialer Kopf, aber er jagt ständig Mythen und Legenden hinterher. Seit Jahren ist er auf der Spur eines alten Volkes, er nennt sie Véniren. Er ist fest davon überzeugt, dass sie auf einer geheimen Insel mitten im Ozean leben.“ Er verdrehte die Augen und lachte. „Es ist vollkommen verrückt, weißt du. Dieses Königreich existiert auf keiner Karte und man hätte es sonst bestimmt auch schon von den Satelliten aus gesehen.“ Seine Miene veränderte sich plötzlich zusehends, jetzt fixierte er sie - oder nagelte sie förmlich mit seinem Blick fest. Plötzlich sagte er mit einer ihr bis jetzt unbekannt gebliebenen Stimme: „Aber das sollte besser unter uns bleiben, verstanden? Man kann ja nie wissen.“
Vor ihrem Kopf war plötzlich das Bild einer fremdartigen Gegend vorbeigehuscht, mit eigenartigen Tieren und Pflanzen. Jetzt konnte sie die Silhouette eines spärlichen Fischerhafens erkennen. Direkt neben dem lottrigen Steg wackelte ein morsches Holzschild im Wind. Darauf stand etwas geschrieben, was sie unmöglich erkennen konnte, da ihr einige lästige Nebelschwaden die Sicht nahmen. Dann fiel ihr wieder ein, dass Dean vor ihr stand und sie nervös beobachtet hatte. Wie hatte sie ihn nur vergessen können?
„Clara? Alles okay?“, fragte er vorsichtig und musterte sie besorgt.
„Ja, klar, wieso fragst du?“ Sie lachte ein wenig zu hysterisch, was ihm aber nicht aufzufallen schien. „Dann bis später! Wir müssen raus, sonst kann ich gleich zweimal nachsitzen.“
Er lachte, obwohl es ihr voller Ernst war! „Ja gut … bis dann“, sagte er, was sie aber nur noch halbwegs wahrnahm, da er sie schon wieder angelächelt hatte. Während sie in Richtung Ausgang lief, tobten die Schmetterlinge weiter, inzwischen sprangen sie sogar übermütig herum.
In der Pause spielte Dean mit einer Handvoll Jungen aus verschiedenen Klassen Fußball. Sie selbst stand etwas abseits der anderen Schülerinnen und dachte über das Geschehene nach. Mochte Dean sie tatsächlich? Oder hatte sie sich das eben nur eingebildet? Wie konnte sie nur, ja, wie konnte sie sich nur Hoffnungen machen, dass ausgerechnet Dean Tolder, der neue gut aussehende Junge mit den tollen dunkelbraunen beinahe schwarzen Augen, sich für sie interessieren könnte? Als es wieder zur nächsten Stunde klingelte, stellte sie fest, dass sie ihren Apfel, den sie seit einer Viertelstunde in der Hand hielt, nicht einmal angerührt hatte. Die nächsten zwei Schulstunden bekam Clara nicht mehr richtig mit, alles kam ihr vor wie in einen dichten Nebel gehüllt. Abwesend packte sie ihre Bücher zusammen, verabschiedete sich von Susan und den anderen und machte sich an der kalten Türklinke zu schaffen. Als die Tür aufsprang und sie in den von Schülern wimmelnden Korridor hinaustrat, tippte ihr jemand auf die Schulter. Sie schloss die Augen und drehte sich langsam um, diesmal aber glücklicherweise, ohne gleich umzufallen. Wieder blickten ihr die gleichen sanften, braunen Augen entgegen.
„Gehst du etwa ohne mich?“, wollte Dean mit gespielter Enttäuschung wissen.
„Sorry!“, stotterte Clara und lächelte entschuldigend. Dann kam ihr ein Gedanke: „Hast du denn jetzt überhaupt den gleichen Weg wie ich?“
„Ja, es liegt auf dem Weg.“ Er musterte sie kurz, lächelte verschmitzt und bot ihr seinen muskulösen Unterarm an. „Wollen wir?“, fragte er und reckte dabei sein Kinn übertrieben hoch in die Luft.
„Natürlich“, antwortete sie und schritt dabei weit aus, was ein wenig zu komisch ausgesehen haben musste, denn um sie herum kicherten ihre Mitschüler und dabei machten sie sich sichtbar keine Mühe, es zu verbergen, als sie nämlich anfingen mit dem Finger auf sie zu zeigen. Sogar Dean grinste, was sie dazu brachte, wieder normal zu gehen, und zwar möglichst unauffällig. Grinsend gingen sie hinaus, es fühlte sich so an, als würde man in einen halb zugefrorenen Bergsee getaucht werden. Fröstelnd liefen sie nebeneinander her. Hin und wieder stiegen ihnen kleine Dampfwolken aus Mund und Nase. Clara sah in den Himmel hinauf und bekam plötzlich ein ungutes Gefühl, als sie die grauen, sich zusammenziehenden Gewitterwolken sah.
„Dean?“, fragte sie und drehte sich zu ihm um, um sein Gesicht betrachten zu können.
„Ja?“ Auch er wandte sich zu ihr um, jedoch nur, um sie mit seinen wunderbaren Augen zu röntgen, damit es ihr schwerfiel, ihre Frage auszusprechen. Doch als sie schließlich wegsah, gelang es ihr doch. „Wo wohnst eigentlich du?“
Er presste die Lippen zusammen, so als hätte er diese Frage schon befürchtet. „Ich wohne in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz „Halloway“. Bevor du etwas Falsches über mich denkst, musst du wissen, ich bin kein Landstreicher oder so. Aber mein Dad, du weißt schon, wie kann man besser von einem Ort zum andren wechseln als mit einem Wohnwagen.“ Er schaute betreten zu Boden.
„Also ehrlich gesagt, find ich die Vorstellung irgendwie echt witzig, in einem richtigen Wohnwagen zu leben. Du hast es jedenfalls besser als ich, bei mir ist es schon ein Risiko, wenn ich nur mal auf die Toilette muss!“
Er lachte leicht. „Ja, möglicherweise doch gar nicht mal so übel.“
Dann liefen sie stumm nebeneinander her. Keinem von beiden war diese Stille peinlich, im Gegenteil, es war entspannend. So gingen sie weiter, man hörte nur noch das Geräusch des knirschenden Kies unter ihren Schuhen. Auf einer Seite war eine große schlammige Wiese und auf der anderen bloß ein kahler, rauer Felsbrocken.
„Wir sind da“, seufzte Dean. Wie auf Kommando begann es zu nieseln. Clara verzog das Gesicht, sie hasste Regen. Währenddessen fing Dean an nervös mit seinem Reißverschluss zu spielen.
„Was hast du?“
„Wir sind da“, wiederholte Dean. Seine Stimme war wegen der Aufregung etwas höher als sonst. Erst jetzt bemerkte sie die winzige Abzweigung, die sich rechts von Dean eröffnete. Dahinter kam eine Reihe kleiner friedlich wirkender Wohnwagen. Die meisten hatten blassweiße zierliche Vorhänge, die mit Rosen, schönen Mustern oder anderen Dingen bestickt waren. Die meisten Wagen waren weiß, es gab sogar einen kleinen blauen mit der Aufschrift „Bluenose“. Plötzlich stach ihr aber ein anderer ins Auge. Er hatte einen roten Lack. Auf seiner Motorhaube prangte eine schöne, altmodische, schwarze Schrift, darunter war eine seltsame Zeichnung, welche einem Wappen ähnelte, das sie von irgendwoher zu kennen glaubte. Der Wohnwagen stand etwas abseits der anderen und wirkte irgendwie so, als wäre er von der restlichen Welt abgeschnitten, um in einer eigenen zu existieren. Er besaß keine Fenster, nur eine kleine Öffnung im Dach. Wie ungemütlich das sein musste, dort drin zu wohnen. Ein unerklärbarer Schauer lief ihr den Rücken hinunter, als sie daran dachte, wie schön es bei den restlichen war. Sie begann zu frieren. Als Dean plötzlich verächtlich schnaubte, wurde ihr schlagartig bewusst, dass er die ganze Zeit neben ihr gestanden hatte. Wie hatte sie seine Anwesenheit nur schon wieder vergessen können?
„In welchem wohnst du?“, fragte sie leise, doch sie wusste bereits, was er erwidern würde. Er drehte sich zu ihr um. Seine Miene verriet nichts, als er auf den von Clara schon erwarteten Wohnwagen zeigte. Sie schwieg und schaute bedrückt zu Boden. Ohne noch etwas Weiteres zu sagen, hob er die Hand und ging schwerfällig den schmalen Kiesweg, der zur Höhle des Löwen zu führen schien, entlang. Sie sah ihm dabei zu, wie er, als sie ihm hinterher kommen wollte, den Kopf schüttelte, sodass seine Frisur sich noch mehr zerzauste.
Eine dünne Stimme mit herrischem Unterton sagte plötzlich: „Was tust du da, Junge?“
Alles Weitere konnte Clara nicht mehr hören, da die Wohnwagentür mit einem lauten Knall zugeflogen war, obwohl sie sogar mehrere Schritte in deren Richtung gewagt hatte. Durch den Rückspiegel des Jeeps konnte Clara undeutlich zwei Personen ausmachen. Die eine war um einiges größer als die danebenstehende. Sie musste sich etwas vorbeugen, um die hektischen Gesten der beiden zu deuten. Sie traute sich jedoch nicht, noch einen winzigen Schritt in Richtung des besagten Wohnwagens zu schleichen, aus dem Grund, dass der seltsame Mann, der wahrscheinlich Professor Tolder war, herauskommen könnte und sie verjagte, das wäre ja nicht weiter schlimm, aber Dean würde dann womöglich in Schwierigkeiten geraten. Als sie so ganz in Gedanken versunken weiter auf den Rückspiegel starrte, erschien wie aus dem Nichts ein Gesicht, es war das überaus schmächtige und nicht schön anzusehende Gesicht eines Mannes. Schon die grob geformte Hakennase, auf der ein ziemlich auffälliger Pickel thronte, gab den Ausschlag. Die Ohren standen merkwürdig vom Kopf ab und sein Mund war zu einem wutverzerrten Strich verzogen. Von Weitem sah es so aus, als ob er zugenäht worden wäre. Kein wirklich schöner Anblick. Sie machte sich lieber auf den Heimweg, bevor er sie davonjagte, denn er sah nicht aus wie einer, mit dem gut Kirschen essen war. Schnell lief sie zum Tor. Sie fummelte fahrig am eisernen Griff herum und zuckte zusammen, als sie seine durchgehende Kälte spürte. Sie verspürte ein immer drängenderes Verlangen, von diesem Ort zu verschwinden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-99048-942-0
Erscheinungsdatum: 28.08.2017
EUR 15,90
EUR 9,99

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