Science Fiction & Fantasy

Das Vermächtnis der Familie Millennium

Jennifer Könen

Das Vermächtnis der Familie Millennium

Das Drachenschwert

Leseprobe:

<strong>Hoffnung</strong>

Es war tiefschwarze Nacht und weit entfernt von den uns bekannten Kontinenten wehte ein leichter Wind durch die Baumkronen eines Landes, das für unsere Augen unsichtbar war.
Jener auch uns vertraute Wind durchzog das weite Land, das von seinen Bewohnern Entirel genannt wurde. Und überall, wo der Wind auftauchte, wiegten sich alle Baumkronen im Takt. Er säuselte durch die Städte und ließ auf den Seen von Entirel Wellen entstehen, die sich durch das weite Wasser zogen.
Der Wind eilte zum Schloss der Könige Entirels und hielt inne. Er beobachtete das Spiel der Flammen, die am Hofe tobten, und tanzte um sie herum. Schließlich folgte er dem schwarzen Ungetüm, das sich im Mondschein davonmachte. Die Flüsse und Seen lagen wieder ruhig und die Bäume standen wieder still.

In dieser sternenklaren, tiefschwarzen Nacht lag der Sommer über Entirel und alle Straßen waren trocken und staubig. Der Regen hatte das Land lange Zeit nicht mehr benetzt und Bäume und Pflanzen begannen zu vertrocknen.
In jener schwarzen Nacht, ohne das schützende Licht des Mondes, das silbern erstrahlte, war das Land in Dunkelheit getaucht, niemand war wach, kein Mensch, kein Tier und keines der anderen Wesen im Lande. Und doch – eine einsame Gestalt, in einen seidigen, schwarzen Umhang gehüllt und mit verdecktem Gesicht, ritt auf einem schneeweißen Ross mit Flügeln und goldenem Horn durchs Land. Der schwarze Umhang wehte im Wind, den das Pferd im Galopp erzeugte.
In den Armen hielt die Gestalt ganz fest und sicher ein Baby, das in Leinentücher und eine dunkle Wolldecke gewickelt war. Am Hals trug das Kind einen weißen Drachenzahn und in der flauschigen Wolldecke steckte ein gelblicher Brief mit dem Siegel des Landes Entirel, das die Umrisse von Mond und Sonne in Wachs festhielt.
Die Figur ritt auf einem der staubigsten Wege Entirels. Er war von vielen Bäumen gesäumt, die still im Mondenschein schliefen und schnell und lautlos an ihnen vorbeizogen. Während sie durch die schwarze Nacht ritten, kam wie aus dem Nichts ein stürmischer Wind auf, der die Bäume umstürzen ließ und ihnen den Weg versperrte. Doch das Pferd machte vor den großen Baumstämmen nicht halt. Auf Befehl seines Meisters breitete es seine Flügel aus und flog über die mächtigen Stämme hinweg.
Als sie in der Luft waren, tauchte aus den Wolken hinter ihnen plötzlich ein riesiges Ungetüm auf. Ein Drache, so groß wie ein Haus und so lang wie ein uns bekannter Zug. Seine Schuppen und messerscharfen Klauen waren tiefschwarz, seine Augen schimmerten giftgrün und die weißgelben Fangzähne ragten aus dem Maul heraus. So bedeckte er das Land unter sich mit seinen Flügeln und warf selbst in der Dunkelheit einen verheerend großen Schatten auf Entirels trockenen Boden.
Der Umhang des Reiters bauschte sich im Wind und enthüllte einige lange, gelockte, rote Haarsträhnen. Die Farbe glich der Blüte einer roten Rose, die sich sanft im Sommerwind wiegt. Doch das Gesicht der Gestalt blieb verdeckt und die Kapuze saß fest auf ihrem Kopf.
Der schwarze, Angst einflößende Drache kam immer näher und riss sein großes Maul auf, um nach den Fliehenden zu schnappen. Dabei schien es, als würden sich die schwarzen Pupillen seiner gelblichen Echsenaugen vergrößern, denn er genoss es, den Fliehenden hinterherzujagen, er genoss ihre Hilflosigkeit und seine Überlegenheit in vollen Zügen.
Doch das Pferd mit dem goldenen Horn, das seinem Meister ergeben war, wich den Zähnen des Drachen aus und steuerte im Sturzflug schnell zur Landung. Auf der Erde galoppierte es ohne Schwierigkeiten weiter. Aber der Drache kam ihnen, ebenfalls im Sturzflug, hinterher, denn um keinen Preis wollte er seine Beute entkommen lassen. Er wusste, er konnte nichts verlieren, nur gewinnen, denn es war unmöglich, ihn zu töten.
Als er nur noch einen Meter über seinem Ziel war, setzte sich der Reiter plötzlich verkehrt herum auf das Pferd und enthüllte dabei ungewollt seine Beine, die in feinsten, dunkelroten Stoff gehüllt waren. Er hob seine rechte Hand, denn in der linken, hielt er das Kind, und sprach fremde Worte, die sich für uns wie magische Formeln anhören würden. Kurz darauf leuchtete auf seiner Handfläche ein Pentagramm auf, das den Drachen mit glitzerndem Staub bedeckte und ihn dazu brachte einzuschlafen, denn der Reiter wusste, eine andere Möglichkeit, dieser Sorte von Drachen zu entkommen, gab es nicht. Das Ungeheuer stürzte auf die Erde und prallte dort mit einem lauten Knall auf.
Die Bäume ließen ihre Kronen erneut im Wind tanzen und Staubwolken wehten vom Boden rings um das Ungetüm auf, hinauf in den Himmel. Darauf folgte ein leichtes Grollen und Knurren – das Schnarchen des Drachen. Er war tief und fest eingeschlafen und hatte seine Beute entkommen lassen und alles nur, weil er sich zu überlegen gefühlt hatte.
Die in den Umhang gehüllte Gestalt hielt das Baby immer noch sicher am Körper, es schlief tief und fest, ganz ruhig und behütet, in den Armen seines Beschützers.

Der uns bekannte Wind, der das Spiel beobachtet hatte, flog jetzt wieder davon. Er hatte genug gesehen, nun war es Zeit zu gehen, um eines Tages zurückzukehren – an den Ort, an dem das Abenteuer begann. Das Abenteuer eines kleinen Kindes, kaum zwei Jahre alt und schon beraubt.
Somit herrschten wieder Windstille und Ruhe im Land sowie die unerträgliche Hitze. Nur die Hufe des Pferdes erklangen durch die dunkle, schwarze Nacht und wirbelten Staub vom trockenen Sommerboden auf.

Als die Drei in Adona angekommen waren, ritten sie im Galopp zu einem abseits stehenden Haus. Seine Bauart ähnelte der aller anderen Gebäude mit dem einzigen Unterschied, dass es Schnitzereien an Fenstern und Türrahmen aufwies. Es waren Pferde, Blumen, Rehe, Jäger und Hunde eingeritzt worden und an den Fenstern hingen rote Blumen in hölzernen Blumenkästen heraus, ganz schlapp von der Hitze, die sogar nachts wütete. Neben dem kunstvoll verzierten Haus stand ein großer, roter Pferdestall für die Tiere des Besitzers.
Die in den schwarzen Umhang gehüllte Person ging zum Haus hinüber und legte das kleine Baby vor der Türschwelle ab. „Sei immer ein braves Kind“, sprach sie, „und mach ihnen keine Schwierigkeiten. Ich weiß, dass sie dir gute Eltern sein werden. Ich kann dich nicht behalten, meine Kräfte schwinden. Eines Tages wird auch dein Stern erleuchten, doch dann werde ich nicht mehr am Leben sein.“ Es war eine liebliche und weiche Stimme, die zitterte und bebte vor Kummer und Leid. Tränen tropften schließlich auf den trockenen Boden und es war nur noch ein Schluchzen zu hören. „Bitte vergiss mich nicht und vergiss auch nie, wer du bist!“, schluchzte die Stimme weiter. Dann streichelte die Person kurz das runde, friedliche Babygesicht und klopfte heftig und laut gegen die Tür, bis von innen eine Frauenstimme erklang. „Ich komme ja schon!“
Die Frau im Haus hielt einen Kerzenleuchter in der Hand, an dem fünf Kerzen flackerten und ihr den Weg wiesen. Sie erhellten die Treppen, von denen sie herabstieg, und das Wohnzimmer, durch das sie lief, und beleuchteten viele hölzerne Möbel. Schließlich stand sie vor der Eichentür, die einen Messingknopf als Türgriff hatte. Sie fasste nach dem Griff und schaute zunächst durch das Fenster hinaus. Jemand in einem schwarzen Umhang stand vor ihrer Tür, aber wer es war, wusste sie nicht und sie war misstrauisch gegenüber Fremden.
„Wer bittet um Einlass?“, fragte sie mit erhobener Stimme, bekam jedoch keine Antwort. „Antwortet!“, rief sie streng. Doch nichts geschah. Sie stellte den Kerzenhalter auf einen der nächstgelegenen Tische und nahm sich einen Besen, der in ihrer Nähe an der Wand stand. Sie schaute noch einmal durch das Fenster. Jetzt sah sie nicht nur den schwarzen Umhang, sondern auch ein Pferd in purem Weiß. Sie fragte sich selber immer wieder, wer das wohl sein könne, und öffnete schnell die Tür. Doch draußen stand niemand mehr, keine Person in einen schwarzen Umhang und auch kein weißes Pferd. Nur das Baby, in Leinentücher und eine Wolldecke gewickelt, lag vor der Tür.
Die Frau atmete auf, als sie niemanden mehr an der Tür sah, und dachte, es wäre ein dummer Scherz gewesen, als sie plötzlich das Schreien eines Babys vernahm. Das Weinen erklang ganz in ihrer Nähe und sie sah automatisch zu ihren Füßen herab – direkt auf das kleine Baby. „Ach du meine Güte, du armes kleines Geschöpf!“, rief die noch junge Frau und hob das verlassene Kind auf.
„Klara, was ist passiert, wer war an der Türe?“, fragte nun ihr Mann, der gerade die Treppen des Hauses herunterkam, weil er sich Sorgen machte um seine Frau, die zu lange weg gewesen war. Er hatte längeres, schwarzes Haar und strenge Gesichtszüge. Es sah so aus, als wäre er ein Griesgram, der jeden Menschen schlecht machte, doch in seinen Augen lag Freundlichkeit. Sein Gesicht war das vollkommene Gegenteil von dem seiner Frau.
Klara hatte ihr Haar zu einem seitlichen langen Zopf gebunden, es war weich und leicht gelockt. Sie trug einen Pony der ihr Gesicht umrahmte und war ungefäir Mitte zwanzig. Ihre Augen waren saphirblau und sie hatte ein schönes Gesicht, eine feine, kleine Nase und weiche Gesichtszüge. Doch wenn sie wütend war, konnte sich ihr Gesicht so stark verändern, dass jeder sie fürchtete. Während ihr Mann stahlblaue Augen hatte, die freundlich wirkten, blickten ihre Augen streng. Er wirkte trotzdem viel älter als sie, war ungefähr achtundzwanzig und etwas blass im Gesicht.
Nun schaute der Mann in ihre Arme und stieß ein frohes Lachen aus, das seine Züge stark veränderte. Er blickte fröhlich und schien jünger als zuvor. Er streckte seine Hände nach dem kleinen Geschöpf aus und Klara legte das Baby in seine Arme. Er lächelte und wiegte den Säugling sanft in den Armen, bis das Kind schließlich aufhörte zu weinen. Danach sprach er leise zu Klara, die auf das kleine Kind schaute, das friedlich in das Gesicht ihres Mannes sah. „Wie ruhig es jetzt ist.“ Sie lächelte kurz und schaute dann zu John und lächelte noch einmal. „John, das arme Kleine lag plötzlich vor unserer Tür, was machen wir jetzt? Es behalten?“
Sie wartete gespannt auf die Antwort ihres Mannes, denn sie hatten sich schon immer Kinder gewünscht, konnten aber keine bekommen. Ihr Mann sah von dem friedlichen Gesicht des Kindes auf und in die Augen seiner Frau. Er blickte zur immer noch offenen Tür und wieder zu Klara. „Es scheint wohl so, als wäre das Kind absichtlich hier bei uns gelassen worden. Also wird es auch nichts helfen, wenn wir melden, dass jemand bei uns sein Kind gelassen hat. Hm, scheint wohl so, als seien wir doch noch Eltern geworden!“ Er zwinkerte seiner Frau zu und nickte. Klara lächelte und wollte ihren Mann umarmen, ließ es dann aber doch wegen des Kindes. „Sieh, in der Wolldecke steckt ein Brief!“, sagte John plötzlich, als seine Frau von ihm zurücktrat. Klara nahm den Brief aus der Wolldecke und las ihn vor.
„Hier steht geschrieben:
Das verborgene Licht leuchtet in der Dunkelheit.
Behütet das Licht und es hilft euch in der Dunkelheit.
Kein Absender und nicht einmal eine Anrede, das ist kein Brief. Für mich klingt das eher wie eine kleine Nachricht. Bedeutet wohl, dass es jemand eilig hatte. Komisch, wessen Kind könntest du denn sein?“, murmelte Klara und gab John das Kuvert mit dem Brief. Sie nahm das Kind wieder an sich, zog ein wenig die Wolldecke zur Seite und streichelte dem Kind über das weiche Gesicht. Dann schloss sie die Tür, die die ganze Zeit offen gestanden hatte, und drehte sich zu John. Sie schaute dem Baby in die Augen. Es hatte einige rote Haare auf dem Kopf und eisblaue Augen, es schaute erstaunt in die Augen von Klara, die das kleine Kind anlächelte.
John aber, der das Kuvert in den Händen hielt, spürte kein weiches Papier. Es fühlte sich so an, als sei noch etwas anderes im Briefumschlag. Schließlich öffnete er eine Hand, während er mit der anderen das Kuvert umdrehte und etwas aus dem Umschlag fallen ließ. In seine Hand fiel ein goldenes Medaillon. Er betrachtete es kurz, strich über die Oberfläche, drehte es um und schob es zurück in den Briefumschlag. Er hatte zwar die Gravierungen auf dem Rücken des Medaillons gesehen, ihnen aber keine weitere Beachtung geschenkt. Er verschloss den Brief erneut und legte ihn fürs Erste auf den Holztisch ganz in seiner Nähe. John blickte Klara in die Augen und fing an vergnügt zu lächeln. „Nun, unser Kind. Jetzt ist es unser Kind.“ Dann beugte er sich über das Bündel in Klaras Armen „Willkommen in der Familie! Ach, hm, wie sollst du eigentlich heißen?“
„Vielleicht sollten wir erst einmal wissen, ob es ein Bengel oder doch eher ein liebes Engelchen ist, mein Liebster!“
Während in dem Haus am Rande des Dorfes um einen Namen gerungen wurde, ging die Sonne langsam auf. Der Himmel wurde heller und die dunkle, schwarze Nacht verbannt. Draußen, in der jetzt noch drückenderen, trockenen Sommerluft, schaute jemand im verborgenen Gegenüber des Hauses, in einen schwarzen Umhang gehüllt, der neuen Familie zu. Schließlich ritt die Gestalt auf dem weißen Ross weiter, rasend schnell dem blutroten Sonnenaufgang entgegen, hinaus aus dem Dorf Adona, hinaus aus der Vergangenheit, hinein in das vorbestimmte Schicksal, ohne auch nur einmal zurückzuschauen.


<strong>Alte Geschichten</strong>

Sie sah nach draußen, John berührte mit seiner rechten Hand die Tür der Scheune und strich an einigen Einkerbungen entlang. Er beugte seinen Kopf nach vorn, um genauer zu sehen. Plötzlich wurde alles um sie herum zu Feuer. Wie sie sich auch drehte und wendete, alles um sie herum stand in Flammen und es gab keinen Ausweg weit und breit. Sie hörte das Wiehern eines Pferdes und die Todesschreie vieler Menschen. Sie hörte ein Trampeln, das Trampeln von vielen Soldaten, gehüllt in schwarze Umhänge. Und sah, wie vom Himmel herab zwei leuchtend rote Augen schauten und jemand in einer tiefen Stimme lauthals lachte. Sie sah, wie die großen Männerhände sich zu einem Kelch formten und alles um sie herum in tiefe Dunkelheit verfiel. Nichts war mehr zu sehen, kein Licht, sooft sie sich auch drehte und wendete, kein Licht der Hoffnung.

Der blaue Saum eines Kleides streifte die dunklen Treppenstufen. Es war das Kleid, das Klara trug und immer gerne getragen hatte. Sie ging die knirschenden Treppenstufen hinauf. Im ersten Stock des Hauses angekommen, hob sie ihr Kleid hoch und enthüllte dunkle, dreckige Lederstiefel. Sie ging etwas schneller und ihre Schritte wurden lauter. Am Ende des Flurs blieb sie vor der letzten Türe zu ihrer Rechten stehen. Sie atmete tief ein.
Klara war nun schon fünfunddreißig Jahre alt. Ihre stro­higen Haare hatte sie wieder zu einem langen, seitlichen Zopf geflochten und ihre Augen hatten trotz ihres Alters ihren Glanz nicht verloren. Aber ihre Gesichtszüge hatten sich verändert. Sie waren strenger geworden und reifer, vielleicht auch schon etwas älter. Ihre Figur glich der eines Engels und durch die Veränderung ihres Gesichtes war sie noch schöner als zuvor geworden, obwohl das Alter sie prägte. Sie strahlte Stärke aus und Furchtlosigkeit, doch in ihrem Innern war sie gutmütig und besaß ein liebevolles Herz. Sie nahm den Türknauf in die Hand und drehte ihn langsam nach links, dann öffnete sie die Tür mit Schwung und trampelte laut in das Zimmer hinein. Sie riss alle blauen Vorhänge auf und rief dann schließlich laut und herzhaft durch den ganzen Raum: „Guten Morgen, Cecilia!“
Cecilia blinzelte leicht und drehte sich im Bett herum, sodass sie mit dem Rücken zu Klara lag. „Na! Jetzt steh schon auf, Schlafmütze, wir haben noch viel zu tun!“, rief diese fröhlich. Cecilia streckte sich etwas, dann setzte sie sich auf, brummte, quietschte und gähnte. Schließlich setzte sie zum Reden an: „Ich bin so müde und ich mag nicht aufstehen.“ Klara plusterte sich auf und stellte sich vor das Bett des Mädchens. Dann nahm sie die dicke Decke in die Hände, schlug sie zurück und meinte streng: „Du hättest gestern nicht so lange wach bleiben sollen! Ich habe dir gesagt, du sollst schlafen gehen, aber du hörst ja nie auf mich!“
„Entschuldige! Versprochen – jetzt mach ich nur noch genau das, was du sagst!“, erwiderte Cecilia zitternd. Ihr war jetzt ziemlich kalt, da sie vorher unter der warmen Decke gelegen hatte. „Versprich nicht zu viel, Cecilchen! Jetzt mach dich fertig und komm frühstücken. Dann ist dir auch nicht mehr kalt!“ Mit einem strengen, auffordernden Blick wandte sich Klara von dem Mädchen ab und schloss die Tür hinter sich.
Klara war ihre Mutter, denn sie war diejenige, die Cecilia erzogen und sie alles, was sie wissen musste, gelehrt hatte. Sie weckte sie jeden Morgen und jeden Morgen erfolgte die gleiche Prozedur. Wenn Cecilia krank war, pflegte Klara sie sorgenvoll und verließ ihre Seite vierundzwanzig Stunden lang nicht einmal. Für Cecilia war Klara ihre Mutter und würde es auch immer bleiben. Nichts und niemand, so wusste sie, könnte etwas daran ändern.
Cecilia setzte sich auf die knirschende Kante ihres ­Bettes aus dunklem Eichenholz und starrte eine Weile in ihr Zimmer. Es war schlicht und einfach eingerichtet. Ihr Bett, von ihrem Vater John selbst gefertigt, stand am Ende des Zimmers. Es besaß feine Schnitzereien. Sie blickte zu ihrer Kommode gegenüber, die aus demselben Holz bestand wie ihr Bett, was auch für ihre anderen Möbel galt, denn alles war aus Eichenholz. Die Kommode war ebenfalls mit Schnitzereien verziert worden, auch das hatte John alles selber ­gemacht. Er war gelernter Schreiner und hatte nicht nur sämtliche Möbel gefertigt, sondern auch das Haus selbst gebaut.
Neben ihrer Kommode hing ein Spiegel mit einem Holzrahmen, in den Einhörner geschnitzt waren. Neben ihrem Bett, auf dem sie jetzt ihre blau karierte Bettwäsche zurechtzupfte, stand ein kleiner Kleiderschrank, der etwas größer war als Cecilia. Nur sein Holz bestand aus Buche, seine Griffe sahen aus wie Diamanten, aber sie waren nur aus Zinn. In diesem Schrank befanden sich viele schöne Kleider, die ihr Klara genäht hatte. Auf den Türen des Schrankes sah man zwei große Rehe eingeschnitzt und jeden Morgen fuhr Cecilia mit ihrer Hand über diese Schnitzereien.
Ihr Zimmer besaß unter dem einzigen kleinen Fenster, das zwischen Tür und Kleiderschrank eingebaut war, ein kleines Regal, in dem viele Bücher standen und einige Gegenstände lagen, die sie aufbewahrt hatte. Darunter befanden sich viele glitzernde Steine und Spielzeug, wie etwa ein Holzkreisel. Für uns wäre es nichts Besonderes, doch für Cecilia war es wertvoll. Sie besaß nicht viel, war aber glücklich mit dem, wie es jetzt war. Sie wurde von ihren Eltern geliebt und das reichte ihr.
Sie ging, in ihrem Nachtkleid, langsam zum Fenster. Ihr Nachtkleid war blau kariert, so wie ihre Bettwäsche. Cecilia öffnete schnell das Fenster und plötzlich kam ihr ein eiskalter Wind entgegen, der sie noch mehr frösteln ließ als zuvor. Sie nahm ihre Arme über Kreuz und rieb ihre Hände an ihren Schultern. Dabei entfuhr ihr ein zischendes Geräusch durch die Zähne und sie schloss eine Weile ihre Augen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 536
ISBN: 978-3-99003-254-1
Erscheinungsdatum: 02.03.2011
EUR 17,90
EUR 10,99

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