Das Verhängnis von Al Ard

Das Verhängnis von Al Ard

Walter Siegfried Lorenz


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-99064-129-3
Erscheinungsdatum: 11.05.2018
In der fantastischen Wasserwelt des Planeten Al Ard gedeiht eine fortschrittliche, multikulturelle Gesellschaft. Aber sie ist in Gefahr, denn die Abtrünnigen von Sorr versuchen ein diktatorisches Imperium zu errichten. Kann Al Ard der Bedrohung standhalten?
11
Sahashrel

Al Ard, nördliche Halbkugel. Eine Insel im Weltmeer.
Sahashrel hatte das Sein und das Nicht-Sein überwunden und schwebte in seinem Körper, der nur sein Werkzeug war. Kein Schmerz, kein Gedanke, zu seiner Überraschung hielt ihn etwas in diesem Zustand wie in einer liebevollen Umarmung, die mehr war als er selbst, insgesamt und doch alles umfasste, was er war. Er hätte sich bewegen können, tat es aber kaum, er atmete nur tief und gleichmäßig, die Kraft steuerte seine Atmung und die geringen Bewegungen, die sein Körper noch vollzog. Markanterweise bewegte er sich nicht, er wurde bewegt; doch er fühlte. Er wusste, er war es selbst, der fühlte. Die Gedanken, sofern sie noch von Relevanz waren, wurden gedacht, doch er konnte aus der Distanz beobachten, wie sie entstanden:
„Was bin ich?“
Wie ein feiner Faden durchströmte es seinen Körper und seinen Geist.
„Warum bin ich hier?“
„Du suchtest nach einer Antwort“, kam ihm leise zu Bewusstsein.
„Dies ist die Antwort, kannst du sie jetzt erkennen?“
Er wusste es - alles, alles war so offensichtlich, klar und einfach. Er wurde gelebt. Er war die Marionette und der Marionettenspieler in einem.

So viele Jahre, Jahrzehnte waren vergangen und immer wieder stellte er sich diese Frage, und dann erhielt er nur unzureichende „Antworten“, die ihm jetzt wie perpetuierende Irreführung vorkamen, jetzt, ob der Offensichtlichkeit, der Klarheit, die ihn durchdrang. Nun, er gab sich selbst auch die Schuld: War er einfach so lange Zeit auf dem Holzweg, hatte er gesucht und an die falschen Türen gepocht? An Türen, die nur aufgemalt waren, die sich aber letztlich nur als taubes Mauerwerk herausstellten? Waren seine Intentionen auch fehlerhaft, hinter jedem dieser Versuche steckte obschon der ehrliche Wunsch des „Sich-Befreiens“, das Verlangen nach endgültiger Erfüllung der geheimsten Sehnsucht, mit der Erkenntnis, dass deren Auflösung auch die Erfüllung gebracht, die letzten Schleier gelüftet hatte.
Danach glitt sein Bewusstsein in tiefen, scheinbar endlosen Schlaf.
Dieser Zustand des traumlosen Schlafes war erquickend und das Erstaunliche war: Er konnte sich selbst beobachten, wie er einschlief, er konnte mitzählen, wie oft er sich im Schlaf umdrehte (15 Mal!) und wie er aus dem Tiefschlaf langsam erwachte.
Er brauchte keinen Wecker, um zu wissen, wie spät es war: 7:30 Uhr. Es war Zeit, aufzustehen. Nach Erledigung der Morgentoilette und nachdem er seine Montur angelegt hatte, trat er ins Freie und blickte auf das ihn umspannende Firmament: Wie beeindruckend, der gestrige Sturm hatte sich gelegt, doch konnte er hohe, schnell vorüberziehende Wolken in tiefen Orangetönen im Licht der Morgensonne verfolgen, die Luft war überaus klar und kalt.
Auf den vor ihm liegenden Wegen lagen kreuz über quer die von den Gewalten abgerissenen, noch teilweise belaubten Äste, und unter deren Krachen und Knistern bahnte er sich seinen Weg, indem er in langsamem Trab, seinen Bogen um die Schulter, die Pfeile am Halfter, zielsicher vorankam. Dabei begann die vor ihm liegende Luft, anfänglich fast übernormal klar, zu flimmern. Er selbst beschloss, in Transzendenz zu gehen, zu desintegrieren und in diesem Zustand etwa 200-mal schneller voranzukommen als wäre er nur gelaufen. Er beherrschte diese Technik seit Langem. Dazu bedurfte es lediglich einer geringen Mehranstrengung, einer konzentrierten spontanen Flutung des sich vor ihm öffnenden Zwischenraumes; diese Art der Fortbewegung war überaus ökonomisch.
Er wusste gut, wer er war, er kannte die Bedeutung seines Handelns sehr genau und seine Aufgabe war ihm bestens vertraut: Es war ihm einleuchtend, er würde auch bereit sein müssen zu töten, um zu überleben, auch lag es in seiner Natur, dies zu tun.
Er nannte sich Sahashrel und er war der letzte Kämpfer seiner Art.

***

Wie dem auch sei; Imperien entstehen, erblühen in ihrer ganzen Pracht, doch auch die am längsten bestehenden Reiche sind - und dies ist eine historische Tatsache - letztlich dem Untergang geweiht gewesen. Selbst die Götter werden alt, zur Legende und durch neue Götter ersetzt, die die alten sagenumwobenen Figuren ablösen und deren neuer Imperativ den Geist und das Gewissen von Abermillionen beherrscht, die Allmacht verkündet und die Menschen leiten soll. Was wäre gottgefällig und wodurch wird das bestimmt? Gewiss, es gibt sogenannte bleibende Werte, welche die Zeiten überdauern und derer sich zu besinnen wohl nie ein Fehler sein kann, in einer Welt, deren offenkundig stetige Veränderungen sich aus ihrer jeweiligen eigenen Natur definiert. Ohne sich weiter ethnologischen Fragen zu widmen, kann ein göttlicher Plan im Spiegel der Natur und ferner auch der menschlichen Natur gesucht und gefunden werden, mit den Methoden der Wissenschaften lassen sich viele Phänomene ergründen, deren Gesetzmäßigkeiten erkennen, um jedoch immer wieder auf neue Barrieren zu treffen, wo anerkannte Wissenschaften nur noch eine Anzahl von Hypothesen zu bieten haben, zur Findung einer allgemeingültigen Wahrheit jedoch nicht in der Lage sind. Das Nicht-Wissen dieses offenbar schier unendlichen Teiles unserer Existenz verleitet uns möglicherweise dann, auch andere als die wissenschaftlich erprobten Wege zu beschreiten zu versuchen, wie früher in der Alchemie, der Magie, der Welt der Kulte und Rituale, deren es wohl keiner auch so winzigen menschlichen Kultur ermangelt, um wiederum in all unserer Schlichtheit unserer eigenen Ohnmacht gegenüberzustehen, den Sinn unserer Existenz eben nur ansatzweise verstanden zu haben.

***



13
Jagd auf Hanaquik

Die Alte stand gemütlich in ihrer Hütte, zufrieden mit sich selbst und kochte gerade Gemüsesuppe. Sie summte leise ein Lied, lupfte nacheinander mehrere Kochtopfdeckel und schnupperte mit ihrer Nase tief hinein. Man sagt, Leute werden allmählich etwas eigenartig, wenn sie lange Zeit für sich alleine leben, nun, Hanaquik hatte da schon noch ihre Kontakte … Sie konnte es jedoch noch nicht verwinden, dass sie der dreckige, verstoßene Dreel einfach aus dem Haus geworfen hatte.
Auf verstohlenen Wegen, um nicht nachverfolgt zu werden, war sie erst mit einem Shuttle nach Juhndeet, einem Eisplaneten, gezogen, dort in einer psychiatrischen Klinik untergetaucht, um Monate später mittels Raumfähre zusammen mit mehreren entkommenen Geisteskranken nach Al Ard zu fliehen. Dort hatte sie es sich auf Runi, einer kleinen, sonst unbewohnten Insel mit Süßwasser und mildem Klima, gemütlich gemacht. Hier war sie einstweilen unbehelligte Selbstversorgerin mit einer kleinen, gemütlichen Hütte, vier Schafen und zwei Ziegen, einem Esel zum Lastentragen und baute ihr eigenes Gemüse an. Niemand dort störte ihre Kreise und sie konnte sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren, ohne jemanden, der ständig versuchte, sie zu gängeln, ungestört und vorerst ungestraft ihre transdimensionalen „Kontakte“ pflegen und ihr eigenes, kleines Reich aufbauen, durch das sie die bestehende Weltenordnung bald erneuern würde. Es hatte sich vieles zu ändern, auch wenn sie dafür alle Energiequellen des Universums für sich nutzbar machen musste.
Gusch erschien in Menschengestalt mit vier anderen Dreel direkt aus dem transdimensionalen Bereich, und zwar genau vor Hanaquiks Haustür. Während sie mittels ihrer Tentakel um die Hütte einen mehrfach interdimensionalen Käfig aufzubauen begannen, stießen sie auf Widerstand. Die Hexe hatte die Lunte bereits gerochen, bevor die ungebetenen Gäste materialisierten. Schon beim Aufspüren hatte sie Gegenmaßnahmen ergriffen und mehrere Kraftfelder aufgebaut, die unbemerktes Ein- und Ausgehen in schlauchförmigen Bereichen ermöglichten. Fluchtwege, Löcher im Gefängnis. Und die wusste sie auch zu nutzen, nur kam sie nicht weit, da Gusch so etwas geahnt hatte. Vor den Ausgängen platzierte sich jeweils ein Dreel und versperrte ihr den Weg. Doch war sie nicht zu fassen, denn sie multiplizierte
sich einfach:
Hanaquik saß ruhig auf ihrem Stuhl, aber auch gleichzeitig verkehrt herum im Schneidersitz an der Decke, machte in einer Ecke Handstand und zeigte in einer anderen den Zusehern ihr entblößtes Hinterteil, und alle Hexen lachten. Gusch war kurzzeitig verwirrt, die anderen hielten ihre Stellungen.
„Du kannst jetzt aufhören, wir haben dich!“ Ihn verließ langsam die Geduld und er lief auf eine der Erscheinungen zu, um … einfach durch sie hindurch zu gleiten, er stolperte, drehte sich um und auf ein Neues … die nächste, wieder bekam er nichts zu fassen. Und die Hanaquiks? Die begannen sich langsam aufzulösen, eine nach der anderen verwandelte sich in viele bunte Lichter, die nach und nach verglommen und aus dem Nichts erschien vor ihm Suuhf, der Esel mit der Sternenkrone, der, wie zum Hohn, mehrmals Gusch mitten ins Gesicht „iahte“.
Sie hatte ihn zurückgelassen, ihren lieben Gefährten, der ihr ans Herz gewachsen, so dienlich war und bescheiden geholfen hatte. Der arme Suuhf. Doch sie war frei, Inselhüpfen, jedoch auf die andere Seite des Planeten, wo sie sich vorsorglich ein zweites Heim geschaffen hatte. Auf Lemp, der kleinsten der Inseln der Drachen. Die dort lebenden Riesenwarane waren ihr jedoch schon hörig und noch einmal gestört, würde Gusch oder ein anderer unerwünschter Besucher sein blaues Wunder erleben. Mit den Viechern war nicht zu spaßen. Außer Hanaquik, die hatte ihre Freude mit ihren neuen Freunden. Auch hier stapelte sich ein Jahresvorrat Zigarren von der Erde. Sie steckte sich erst noch eine an und kam ins Sinnieren. Man war ihr auf die Schliche gekommen, auch wenn es Gusch erst einmal nichts gebracht hatte, musste man sich jetzt vorsehen.
Der Vorfall hatte sie eine Menge Energie gekostet, und unvermittelt rutschte die Alte in einen erquickenden Trancezustand, wo sie mit Elfen und kleinen blutroten Dämonen, die sie an der Nase herumführte, tanzte:

Der Blick
Der Hanaquik
Führt zu Schmerzen im Genick
Sausen, Brausen, einerlei
Und im Herzen vogelfrei
Liebt sie ihre Kinder
Jetzt auch noch den Inder
Der hütet seine Rinder
Echsenkot, die Sonne rot
Ist gar mancher Gast schon tot
Der ihr einst die Stirne bot

… und Gusch hatte fürchterliche Nackenschmerzen. Doch tot war er noch lange nicht … Der Esel trabte langsam aus der Hütte, der Glatzkopf sah sich um, für die Dreel-Sippe war hier nichts mehr zu holen, leise vernahm er jedoch ein Wispern im Schläfenbereich, sein Hirnschädel waberte dreelartig wie ein bläulicher Pudding. Sie war noch auf Ard, kein Zweifel. Er beschloss, wieder nach Addhaduun zu teleportieren. Die Jagd würde zweifellos weitergehen, diesmal jedoch mit anderen Mitteln. Eine neue Sekte im ewigen Traum der Dreel war ein Fremdkörper, nicht kontrollierbar und in jedem Fall schädlich. Hanaquik war ein verdorbener Charakter, ihre „Kinder“ bedauernswerte, hinters Licht geführte Sklaven ihrer Launen, auch wenn sie zuweilen ihre guten Seiten hatte, sie war und blieb eine Gefahr, die beseitigt werden musste. Doch Guschs Aufgabe war nicht leicht, die Listen der Gegnerin mannigfaltig.



15
Die andere Seite

Vilandar, zentrales Machtzentrum Brufans, größter Ballungsraum von Sorr. Die Höhle des Löwen. Hier liefen alle Fäden des Konterimperiums und der Dreel’schen Revolution zusammen. Die Stadt war über einem weitverzweigten, von brackigem Wasser teilweise erfüllten, dunklen Höhlensystem aufgebaut, eine Unzahl verschieden großer Hohlräume war mit einem noch größeren Netz schmaler, oft gefluteter Gänge verbunden, wobei einige der Haupttunnel zu dem nahe gelegenen Ozean im Westen sowie einem riesigen Binnensee im Osten Verbindung hatten. Vor tausenden Jahren gab es hier nur einige wenn auch enorm dimensionierte Tropfsteinhöhlen, der größte Teil der Anlage war jedoch mittlerweile künstlich erweitert worden, ursprünglich zwecks Abbau von seltenen Erzen. Bei Versiegen der Vorkommen diente sie dann als Gefängnis, welches bis vor einigen Jahrzehnten von einem multidimensionalen Kraftfeld umgeben war. An der Oberfläche hingegen ragten mit Erkern und bizarren Vorsprüngen versehene Türme hoch in den rosaroten Himmel, die Stadt durchzogen von einem dichten Verkehrsnetz und verbunden mit mehreren Satellitenstädten, welche teilweise lediglich von Androiden oder Cyborgs „bewohnt“ waren. Nichtsdestoweniger herrschte dort ein geschäftiges Treiben und Maschinenlärm war über viele Kilometer außerhalb noch zu hören. Weiter im Norden sowie an den Ufern des Binnensees erstreckten sich die enorm dimensionierten Raumschiffwerften und stark frequentierten Raumhäfen eines sich rasch entwickelnden Machtimperiums. Im Herzen der Stadt lag der ehemalige Hochsicherheitstrakt des inzwischen lange aufgelassenen Gefängnisses, welcher zur Schaltzentrale und Residenz des Herrschers von Sorr umgebaut worden war.
Brufan, nach einem Transformatorunfall bei der Zerstörung des Dreelgefängnisses verstümmelt, fehlten über die Hälfte seiner wertvollen Tentakel, darüber hinaus hatte er drei seiner fünf Augen eingebüßt. Vor 43 Jahren noch Mitglied der Schubbutz, war er den Machthabern unbequem und verstoßen worden, hierher, auf die öden Felsen von Sorr, die er und die Seinen in mühevoller Arbeit wieder einigermaßen lebenswert gemacht hatten. Seit dem Unfall waren seine multiplen Fähigkeiten zu kommunizieren eingeschränkt. Während ein gesunder Dreel in allen Farben irisieren konnte, brachte er lediglich einige Schwarz-Weiß-Töne zum Ausdruck, was ihm den Namen „Dunkler Dreel“ eingebracht hatte. Doch im selben Maße, wie er gezeichnet war, waren seine übrigen Sinne stärker als üblich ausgebildet, vor allem verfügte er über viel Geduld und einen eisernen Willen, mit dem er auch andere in seiner Umgebung im Zaum halten, begeistern und bei Bedarf beherrschen konnte.
In seinem an den Wänden von Algen schwach lumineszierenden Gemach war er niemals alleine, stets umgeben von zahlreichen um ihn wuselnden Dreelkindern, welche er von verschiedenen Teilen der Galaxis gestohlen hatte. Wie viele seiner ehemaligen Mitgefangenen ernährte er sich auch nicht von Kleinstlebewesen und Plankton, stets knabberte er an halb verwesten Säugetierknochen und schlürfte oft schon in Fäulnis zerflossene Innereien aus mehreren, ständig um ihn herumstehenden Schalen und Amphoren, sodass ein süßlich-abstoßender, Übel erregender Geruch allgegenwärtig war.
Hinter ihm türmte sich zudem ein meterhoher Berg leerer Schneckenhäuser, Muscheln und anderer Krustentiere, die Dreel besaßen einen Stachel, mit dem sie die harten Schalen durchbohrten, einen gewebsverflüssigenden Brei injizierten und nach Minuten das Innere aussaugten. Ganz ohne Meeresfrüchte ging es eben doch nicht.
Die härteste Strafe für Brufan war aber nicht das Gefängnis gewesen, sondern der unvermeidliche Verlust der Sippe, der übrigen vier, das heißt, drei von ihnen, denn Tissar war ihm geblieben, sie trat freiwillig die Strafe zusammen mit ihm an und wich nicht von seiner Seite, wogegen sich Jolan, Bischuur und Nekett von ihm abgewendet hatten, sie waren auf Ard geblieben, seinen Beschwörungen zum Trotz und in Missbilligung seiner Pläne. Der Teufel sollte sie holen. Doch seit jenen Tagen lag eine Schwermut über ihm, die er nicht abstreifen konnte, wenngleich die Liebe Tissars herzzerreißend war. Aber auch die gestohlenen Dreeljungen konnten den erlittenen Verlust nicht wettmachen.
Er spürte ihre Gegenwart, noch bevor sie aus einem Seitengang auf ihn zukam, die Getreue, und seine Nähe aufsuchte, mit ihren Tentakeln seinen Körper zart berührte, wobei sie ihm Kraft durch in allen Farben leuchtende, kleine elektrische Entladungen spendete. Mit seinen traurigen Augen, die er milde auf sie richtete, nahm er die Zuwendungen dankend entgegen und sein Körper straffte sich. Er riss sich von Tissar los und bewegte sich zielstrebig in eine Ecke, wo sich eine bioplastische Haube von der Decke her auf seinen halbkugeligen Körper senkte. Ein Geschenk der Psutt, der Ureinwohner von Sorr. Die dunkelgrün leuchtende Kopfbedeckung stabilisierte seine Psyche und bahnte seine hyperdimensionalen Fähigkeiten, gab ihm zusätzliche Kraft und Schutz vor jeder Beeinflussung von außen. Auch kompensierte sie seine offensichtlichen körperlichen Makel, wenn auch nur unvollständig. Was er anderen antat, nämlich die oft zwangsweise Umwandlung in bio-robotische Lebensformen, lehnte er an sich selbst strikt ab, denn kybernetische Tentakel und Augen wären für ihn durchaus machbar und eine große Hilfe gewesen. Auch wäre durch diese Eingriffe seine Glaubwürdigkeit bei den Abtrünnigen von Sorr gestiegen, er wäre sozusagen „mit gutem Beispiel vorangegangen“, doch sträubte sich bei ihm jede Faser seiner selbst gegen die Applikation der mechanischen Implantate.
„Die Hinrichtungen sind in vollem Gange“, gab er Tissar zu verstehen. Die Gnadengesuche hatte er rundweg abgelehnt, ein Einlenken wäre nur als Zeichen von Schwäche interpretiert worden, und klares, rigoroses Handeln war das Gebot der Stunde. Wer nicht auf einer Linie mit seiner Führungsgewalt war, hatte in seiner Nähe nichts zu suchen. Er konnte auch niemanden laufen lassen, da Ard bald gewarnt sein würde und seine Stärke im Überraschungseffekt lag. Lediglich Umwidmung zur Neuerschaffung kybernetischer Lebensformen war erwägenswert, und die infrage gekommenen Individuen waren an einschlägigen Orten bereits in Arbeit. Überall in Vilandar erklangen die markerschütternden Schreie der Sterbenden und herrschte das Entsetzen der in Umwandlung Begriffenen. Auch Fremdorgane von Säugern anderer Welten fanden darin ihre Verwendung. Die neue Ordnung sollte effizient eingeläutet werden, stets kontrollierbar und jederzeit einsetzbar, genau nach den Plänen seines Konzils.

5 Sterne
Das Verhängnis von Al Art - 16.06.2018
Ralf Vetter

Interessant und spannend geschrieben, Sehr phantasiereich.

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