Das Tor nach Aquaterra – Band 1

Das Tor nach Aquaterra – Band 1

Dora Schönfeld


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-99048-972-7
Erscheinungsdatum: 13.12.2017
Anna und Bella sind beste Freundinnen und die Außenseiterinnen der Schule. Eines Tages tritt Samuel in Erscheinung, der sich für Anna interessiert. Wer ist dieser geheimnisvolle Junge? Dann wird Annas Mutter ermordet und plötzlich ist nichts mehr, wie es war.
Prolog



„Mist!“
„Was ist denn jetzt schon wieder los?“
„Heute sind meine Hausschuhe weg! Ich kann sie nirgends finden.“
Ratlos sah sich Bella in alle Richtungen um, als ihr Anna endlich antwortete.
„Die haben bestimmt die Jungs wieder auf einen Kasten geschmissen. Die finden das immer urkomisch, wenn wir uns komplett verrenken müssen beim Herumkrabbeln auf diesen wackeligen Dingern.“
Bella sah hoch und verzog das Gesicht. „Vermutlich hast du recht, ich spiele mal kurz Spiderman und schwing mich da hoch. Machst du mir die Räuberleiter?“
Dabei verzog Bella fragend und bittend ihr Gesicht. „Dass du immer fragst! Es ist ja nicht das erste Mal!“
„Danke, Anna! Du bist ein Schatz!“, sie strahlte übers ganze Gesicht. Bella hielt sich an Annas Schulter und hievte sich hoch, damit sie auf ihren Händen zu stehen kam.
„Du hattest recht, da hinten sind sie, aber ich muss näher ran, ich kann sie nicht ergreifen!“
Bella zappelte, nach den Schuhen fassend, auf Annas Schulter herum. „Dann mach schnell, so ein Fliegengewicht bist du auch nicht!“
„Reib es mir nur unter die Nase, Süße!“
Nach mehreren Versuchen, wie sie es am geschicktesten anstellte, über die Kante des Kastens zu kommen, lag sie endlich flach am Bauch droben und robbte weiter nach hinten. Ihre Beine baumelten noch hinunter, viel Platz war nicht zwischen Kasten und Decke. Aber endlich konnte sie ihre Schuhe mit den Fingerspitzen erreichen und zog sie langsam zu sich, bis sie sie ordentlich greifen konnte. „Achtung! Käseschuhe kommen geflogen!“ Nacheinander warf sie die Hausschuhe zu Boden. Anna versetzte ihr prompt einen Schlag auf den Hintern.
„Autsch, wofür war das denn?“ Anna schimpfte wie ein Rohrspatz. „Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich nicht immer selbst durch den Dreck ziehen!“
„Anna, nimm’s ein bisschen lockerer! Du wirst auch nicht mit einem Schwamm beschossen!“
„Ja, weil ich nicht gleich so aufgehe wie du, bei mir begnügen sie sich mit ordinären Kommentaren.“ Bella sprang nach unten und zog danach ihre Schuhe an. Sie machten sich sofort gemeinsam auf den Weg in die Klasse, da es jetzt schon reichlich spät geworden war. Nach dem zweiten Klingeln durfte sich kein Schüler mehr in den Gängen herumtreiben. Geschwind eilten sie durch die trostlosen Gänge, die Wände waren weiß und der Boden mit einem faden, gesprenkelten, grauen PVC ausgelegt. Es reihte sich Tür an Tür, die nicht etwa braun waren, nein, auch die waren weiß gestrichen. Fenster befanden sich keine in den Gängen, nur gemalte Bilder, die von den Schülern aufgehängt wurden, die sie im Zeichenunterricht selbst anfertigten.
„Dass Jungs nie erwachsen werden können!“, sagte Bella kopfschüttelnd.
„Erwartest du Wunder?“, Anna zog verwundert eine Augenbraue nach oben. Dann betraten sie die Klasse und setzten sich auf ihren Platz in der zweiten Reihe am Fenster. So ließ sich für Bella der Unterricht gut überstehen - mit dem Ausblick auf ihre geliebten Berge, die sich jetzt im Frühjahr wieder in ein strahlendes Grün verwandelten und gelegentlich mit den weißen Blüten für einen herrlichen Farbkontrast sorgten. Stets entflogen da ihre Gedanken und sie befand sich auf einem Gipfel und konnte den Wind in den Haaren spüren und die Luft riechen, die weiter oben einfach anders war - besser. Die Klasse war in drei Reihen zu je fünf Tischen aufgeteilt, an denen jeweils zwei Schüler saßen. Nur gelegentlich saß jemand allein, wenn er zu viel schwätzte. Nach ihnen war umgehend der Lehrer eingetreten, so hatten sie eine Schonfrist bis zur Pause. Denn heute war wieder so ein Tag, an dem sie dran kamen. Das zeichnete sich immer dann ab, wenn am Morgen etwas aus ihrem Spint fehlte. Kurz bevor es zum Ende der Stunde läutete, flüsterte ihr Anna strahlend zu:
„Lass dich nicht unterkriegen, diesen Tag beenden wir phänomenal!“ Mit halb geschlossenen Lippen flüsterte Bella zurück.
„Was hast du vor, Süße?“
„Sag nicht, du hast es vergessen, Kleines!“ Anna sah sie empört an und kicherte in sich hinein. „Was würdest du ohne mich machen!? Heute ist das Dorffest! Da werden wir meinen Geburtstag ordentlich feiern!“ Endlich läutete es und sie konnten sich normal weiter unterhalten. Sie drehten die Oberkörper einander zu und Bella strahlte sie an.
„Es ist wahr! Ohne dich bin ich aufgeschmissen, ich habe wieder mal überhört, was wir zur Hausaufgabe aufbekommen haben. Kannst du es mir noch kurz ansagen?“
„Ach Bella! Von was hast du wieder geträumt?“ Bella schaute sie nur mit ihrem treuesten Blick an, den sie für diese Situationen immer gut beherrschte. Mit einem Seufzen lenkte Anna ein. „Ja klar, Kleines. Hier, schreib ab.“ Da ertönte neben ihnen der Ruf:
„Die zwei Hexenweiber stecken wieder die Köpfe zusammen. Brütet ihr eure Bestien aus? Muss ja voll erotisch sein, wenn man nichts als ein Brett vorzuweisen hat.“ Ein anderer schrie von hinten: „Ha, die hat kein Holz vor der Hütte!“ Auch der Dritte im Bunde gab noch sein Wissen zum Besten. „Der arme Mann, der sie einmal abbekommt. Denn schließlich spielen nur Hunde mit Knochen. Die klappert ja, wenn man sie nur anrührt.“ Anna verschloss ihren Geist, sie ließ es nicht an sich heran, zumindest versuchte sie es immer. Der liebevolle Händedruck von Bella aber gab ihr Kraft. Diese flüsterte ihr zu: „Jetzt willst du nicht mehr schlanker sein - so wie ich, oder?“ Annas Grinsen misslang und geriet eher schief.
„Das ist nur, weil du größer bist, da verteilt es sich anders“, wehrte sich Bella.
„Sei doch froh, nicht so groß zu sein. Bei deiner Statur begnügen sie sich damit, mit dem Schwamm nach dir zu schießen, damit sie deine Vorzüge an der Frontseite durch ein nasses T-Shirt betonen können!“, grinste Anna am Ende des Satzes bereits wieder. Sie hatten gelernt, es locker zu nehmen, vor allem, seit sie zu zweit waren. Ihr Motto könnte lauten: Zwei gegen alle, alle gegen zwei.
„Ha, ha, ich möchte aber noch wachsen! Die Chance habe ich ja noch bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr, wie wir in Biologie letztens gelernt haben“, konterte Bella mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen. Anna schmunzelte.
„Bella, bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr erneuern und regenerieren unsere Zellen schnell. Doch dann beginnt der Stoffwechsel, sich zu verlangsamen, und der Alterungsprozess setzt somit ein. Daher kommt wohl eher die Aussage, dass es möglich sei, bis dahin zu wachsen. Aber ich würde nicht alle Hoffnungen auf diese Aussage hängen, da wirst du nur enttäuscht. Kleines!“
„Anna, du bist so gemein! Kannst du mich nicht einfach hören lassen, was ich hören will? Jetzt hast du meine Illusionen vollständig zerstört.“ Dabei zog Bella eine beleidigte Schnute. Sie wurden vom Eintreten des Lehrers unterbrochen, doch die nächste Pause war die lange Pause, da kamen sie bestimmt nicht nur mit Worten davon und sie sollten recht behalten. Der restliche Tag wurde ein reiner Spießrutenlauf. Beständig warfen sie ihnen die Schulsachen zu Boden oder stellten ihnen das Bein, sodass ihnen alles aus der Hand fiel. Zu guter Letzt landete ein Schwamm auf dem Hausaufgabenzettel, den sie somit nicht mehr abgeben konnten. Dafür kassierten sie wieder einen Eintrag. Ab drei Einträgen hieß es, Extrahausaufgabe oder eine Stunde dableiben. Müde und mit Tintenflecken übersät stapften sie schwatzend heim.










Annas Geburtstag



Lachend marschierten sie in den Ort hinauf, gegenseitig untergehakt scherzten sie über alles, was ihnen in den Sinn geriet. An so einem Abend ließen sie sich von niemandem den Spaß verderben. Sie spazierten am Gehsteig neben der Hauptstraße den kürzesten Weg entlang. Das Wetter meinte es gut mit ihnen und die Sonne strahlte auch am Abend noch fröhlich auf sie herab. Anna, Bellas beste Freundin seit der dritten Klasse im Gymnasium, feierte heute ihren achtzehnten Geburtstag. Okay, tatsächlich Geburtstag hatte sie erst am Dienstag, den 5. Mai, aber feiern musste man, wie die Feste fielen, und heute war eben ein Dorffest inklusive Maibaum aufstellen. Das wurde hier in Gschwandt immer groß gefeiert, unterstützt von einigen Vereinen. Es halfen die Landjugend, die Feuerwehr und die Musikkapelle bei diesem Anlass. Die Burschen und jungen Männer halfen dabei, den Baum aufzustellen, die Mädels beim Verköstigen. Musikalisch untermauerte dies die Ortskapelle. Heuer hatten sie einen etwas mickrigen Baum erwischt, der schon etwas zerrupft ausschaute, aber die Spannung beim Aufstellen, vor allem der Moment, bevor er ins Loch hineinrutschte und dann gerade stand, war jedes Jahr gleich. Aber anschließend folgte dann die Feier. Anna und sie, Bella, waren da live dabei, beim Aufpassen auf den Maibaum und auf das Taferl. Nicht dass es ihnen ein Verein der umliegenden Gemeinden noch klaute. Mit der Landjugend hatten sie schon so manche geselligen Abende verbracht, da es ihnen leichter fiel, in eine vom Alter her bunt gemischte Gemeinschaft einzutauchen. In ihrer Klasse hatten sie da eher große Schwierigkeiten. Denn bis zu dem Tag, an dem Anna hierher zog, war sie in der Schule immer allein gewesen. Niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben. Von vielen wurde sie gehänselt und gepiesackt, sodass sie bald auf anderen Kontakt gerne verzichtete. Das alles ereignete sich in einem Jahr. Doch ihr kam es vor wie ihr ganzes Leben, so lange zog es sich. Aber mit Annas Ankunft hatte sich das geändert. Na ja, ein kleines bisschen wenigstens. Seit dem Zeitpunkt waren sie unzertrennlich. Hier, bei der Landjugend, wurde nicht lange gefragt, jede helfende Hand akzeptiert und unterhalten konnte sie sich auch mit Anna. Auch wenn sie beide recht ansehnlich waren, hatten sie bisher noch keinen Freund. Dieser Umstand hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Bella erinnerte sich an so eine Situation und sprach prompt Anna darauf an.
„Kannst du dich noch an Lukas erinnern?“ Schnaufend vom Gehen fragte Anna.
„Moment, ich kann deinem Gedankensprung gerade nicht folgen. Klär mich auf!“ Bella machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Ach, ich habe gerade darüber nachgedacht, ob wir heute vielleicht jemanden Interessanten kennenlernen, aber da ist mir die peinliche Situation mit Lukas vor zwei Jahren wieder eingefallen!“ Ernst schritt Anna neben ihr her.
„Du meinst den Idioten, der gemerkt hat, dass du auf ihn stehst, oder besser gesagt, dass du ihn ganz ansehnlich fandest? Der dann so getan hat, als würde er dich ebenfalls mögen, und sich aus diesem Grund mit dir verabredet hat? Nur, um dich voll auflaufen zu lassen, und dich voll blöd dastehen ließ und noch dazu in aller Öffentlichkeit!?“ Bella seufzte.
„Ja, genau daran hab ich gedacht. Seither hab ich nie mehr gewagt, einem Jungen nachzusehen oder irgendwie Interesse zu bekunden.“ Schelmisch erzählte Anna von ihrer Situation.
„Davon kann ich auch ein Lied singen. Weißt du noch, was vor drei Jahren passiert ist? Da hast du dich schließlich noch nicht für Jungs interessiert, da du ja um zwei Monate jünger bist als ich.“ Anna lachte erheitert. „Da hat Markus mich zu der angesagtesten Party eingeladen, nur damit ich von allen verarscht werde, was so eine Bohnenstange ohne jegliche Figur bei ihnen zu suchen habe!?“ Bella schnaubte frustriert.
„Ja, ja, geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber im Ernst, ich bin froh, dass wir heute darüber lachen können und wenigstens uns haben.“ Gerade versuchten sie, die Straße zu überqueren. Anna war schon einen Schritt voraus auf dem Zebrastreifen. Da sah Bella ein Auto auf sie zurasen. Mit kreischenden Reifen schoss es direkt auf Anna zu. Mit einem raschen Hechtsprung riss Bella sie zurück, da die Freundin wie paralysiert stehen geblieben war. Mit einem Schlenker wich nun das Auto aus und fuhr im Affentempo davon. Laut empörte sich Bella.
„Was war das für ein Idiot?! Hat der den Führerschein in der Lotterie gewonnen?“ Anna sah sie immer noch mit riesigen Augen an.
„Der hätte mich beinah überfahren! Der hat überhaupt nicht geschaut!“ Sie zitterte noch immer und ging fassungslos weiter, doch Bella schlang ihren Arm um sie und tröstete sie damit.
„Was bleibst du auch wie ein scheues Reh vor den Scheinwerfern stehen und rührst dich nicht mehr?“
„Das weiß ich jetzt auch nicht mehr. Fährt schon am frühen Abend besoffen durch die Straßen. Aber ich hatte es überhaupt nicht bemerkt!“
„Das sind diese doofen Elektroautos, die sind ganz leise und können superschnell beschleunigen. Aber irgendwie kam mir das Auto bekannt vor!“ Kurz legte Bella ihre Stirn in tiefe Falten. „Auch egal!“, Anna schubste sie spielerisch und so gingen sie weiter. Inzwischen kamen sie am Dorfplatz an, der eigentlich der Parkplatz der Raiffeisenbank und der Gemeinde des Ortes war, und mischten sich unter die Leute, die diese Veranstaltung immer zahlreich besuchten. Für den Moment konnten sie das Auto hinter sich lassen. Sich umblickend meinte Anna:
„Kleines, ist es nicht urkomisch, wenn uns jetzt alle so eigentümlich ansehen, da sie davon ausgehen, dass wir ein Paar sind?“ Wie immer schlenderten sie Arm in Arm durch die Massen.
„Wollen wir das nicht heute noch ein bisschen toppen?“, schelmisch grinste Bella, doch Anna blickte sie fragend an.
„Wie meinst du das?“ Bella zwinkerte ihr zu.
„Na, wie wohl? Schau her und lerne vom Meister. Leg deine Arme um meine Hüften und kuschle dich an mich ran, dann haben die Leute wieder mal was zu reden.“ Dabei summte Bella das Lied von den Ärzten Anna ins Ohr. Schallend lachte Anna auf.
„Du bist mir eine! Aber ich bin dabei! Den Spaß machen wir uns heute. Heute ist mir alles egal, auch wenn ich es morgen wieder bereue, wenn uns diese vielsagenden Blicke verfolgen und alle hinter unserem Rücken tuscheln.“ Sie tanzten eng umschlungen und wie wild einen Disco Fox, je nach Lied, das gespielt wurde. Es kümmerten sie keine Blicke und keine Kommentare. Trafen sie jemanden aus der Schule, ignorierten sie sich gegenseitig, wie es sich schon eingespielt hatte. Sie tranken und feierten ausgelassen, achtzehn wurde man nur einmal im Leben! Irgendwann aber ging jedes Fest zu Ende und sie begaben sich auf den Heimweg, auf dem sie noch genauso beherzt lachten. Müde fiel Bella anschließend ins Bett und schlief auf der Stelle ein. Es dauerte nicht lange und sie befand sich wieder in ihrem Traum.
Sanft und doch kraftvoll flog sie über die Erde, aber es war eine andere Welt als jene, die sie bisher kennengelernt hatte. Von oben war sie wundervoll zu betrachten. Ein Landstreifen, der sich wie eine Schlange um den Planeten wand, ausgehend vom Südpol bis zum Nordpol. Von einer Küste aus konnte man bereits am Horizont die nächste Küste erblicken. Im Norden befanden sich die höchsten Berge mit den Gletschern, die in der Sonne funkelten. Sie liefen Richtung Süden immer mehr aus bis in eine weite, ebene Fläche hinein. Zurück blieb eine hügelige, grüne und bewaldete Landschaft, in der es immer wärmer wurde, je weiter sie sich nach Süden bewegte. Am Ende sah man sogar eine Wüste, die sich zum Pol hin wieder regenerierte und eine liebliche, abwechslungsreiche Landschaft aufwies, wie sie es nur von Neuseeland her kannte. Alle hier lebenden Tiere hatten ihren entsprechenden klimatischen Raum. Das Besondere daran war, die Tiere lebten in friedlicher Gemeinschaft mit den Bewohnern. Die Luft war rein und erfüllt vom süßen Duft der Blüten von Blumen und Bäumen, die im Sommer reichlich Obst tragen würden. Der Wind umschmeichelte ihre Schuppen und sang sein Lied nur für sie. Die fruchtbaren Felder und Bäume wurden von einem großen Strom mit zahlreichen Seitenarmen gespeist, der ungefähr in der Mitte der Landzunge floss. Er schlängelte sich vom Gebirge her durch sanfte, grüne Hügel bis ins Flachland hinunter. Zumindest schien es von oben so. So mancher Seitenarm gelangte bis ins Meer, das diese Landmasse umgab. Rundherum erblickte man Wiesen und Felder, die von den Bewohnern bestellt und gepflegt wurden. Die Häuser waren aus Naturmaterialien gefertigt. Zuhauf waren Baumhäuser zu sehen, die einen liebreizenden Charakter aufwiesen. Viele waren mit Hängebrücken verbunden. In den Bergregionen war zu erkennen, dass die Häuser ins Gestein gebaut oder auf der Hangseite in die Hügel integriert waren. Viele Häuser standen allein, weit abseits. Andere wieder bildeten richtige Siedlungen. Es machte alles einen idyllischen Eindruck, fast wie im Altertum oder einem Märchenbuch entsprungen, das von naturliebenden Elfen erzählte. Das Atemberaubendste aber war das Schloss, das am Ende des Gebirges, aber noch von Bergen umgeben, stand. Dort wartete er, auf einer großen, freien Fläche - einer großen Landefläche für sie. Immer wartete er dort auf sie, als hätten sie eine Verabredung. Er war groß und imposant mit seinem mächtigen, stolzen Geweih. Anmutig und geschmeidig bewegte er sich, um ihr Platz zu machen. Dabei funkelte sein Fell in der Sonne, als wäre es mit Diamanten bestückt. Ein weißer Hirsch. Hier begannen die Absonderlichkeiten, die das Ganze erst recht surreal erscheinen ließen. Denn die Bewohner hier waren nicht nur Menschen, nein, sie konnten sich in Tiere verwandeln. Sie hatte auch schon beobachtet, wie sie die Elemente beherrschten oder zauberten. Kaum war sie mit viel Wind durch ihre Flügelschläge gelandet, wurde sie auch schon wie gewohnt begrüßt. „Willkommen, meine Schöne, es ist mir immer eine Ehre, wenn Ihr zu mir auf Besuch kommt.“ Anmutig neigte er dabei sein Haupt. Selbst begrüßte sie ihn immer mit einem beeindruckenden Feuerstrahl Richtung Himmel, da sie in seinen Augen erkannte, dass ihn dies mächtig beeindruckte. Wollte sie damit angeben? Ja, eindeutig bezweckte sie genau das.
„Sei gegrüßt, mein Hübscher, es freut mich immer wieder, dich auf mich warten zu sehen“, erwiderte sie keck. In ihrem Kopf erklang ein schönes, volles Lachen, das sie gern immer wieder hören wollte, aber auch dem Tier entfuhr ein Röhren, das wohl das Lachen eines Hirsches darstellte. Ihr selbst kam dabei ein Grinsen, welches vermutlich überhaupt nicht gruselig herüberkam, wenn man sich vorstellte, dass ein Drache grinste und dabei eine Reihe scharfer, spitzer Zähne entblößte. Zu ihm aber sagte sie glücklich:
„Es wärmt mir das Herz, dich zu sehen, gerade in Stunden wie diesen bist du mir Trost.“ Er neigte seinen Kopf zur Seite.
„Was bedrückt dich, meine Schöne?“ Sie mochte ihm nicht ihr Leid klagen, dass sie von den jungen Männern nicht beachtet wurde. Es konnte ja sein, dass er das nicht sehr erbaulich fand. Aber wenn sie mit ihm redete, vergaß sie all diese Abfuhren und fühlte sich rundherum geliebt. Eingebettet in eine rosarote Wolke.
„Es sind nur alltägliche Dinge, deret willen ich mir hier nicht die Stimmung verderben lasse.“
„Wäre ich bei dir, ich würde jeden in den Boden stampfen, der dich nur schief anschaut!“ Er sagte das so ernst, dass sie ihn sofort beim Wort nahm und zufrieden und dumm vor sich hin grinste.
„Erzähl mir von deinem Vater! Geht es ihm besser?“ Sofort sank seine Laune auf den Nullpunkt. Das hast du gut gemacht, Bella! schimpfte sie mit sich selbst.
„Nein, es wird wohl auch nicht besser werden. Es ist meine Mutter, die er so vermisst.“ So einer Liebe würde sie auch gerne begegnen. Immer von Hoffnung erfüllt, sobald sie in einen Traum eintauchte, fragte sie:
„Werden wir uns auch einmal im realen Leben treffen, mein Hübscher?“ Auch wenn sie nicht an eine andere Welt glaubte, so hoffte sie doch inständig, dass er irgendwo existierte. Ein tiefer Seufzer war auch von ihm zu vernehmen.
„Ich hoffe es so sehr, das kannst du gar nicht ermessen, meine Schöne.“ Sie sah die Ränder schon wieder verblassen. Gleich würde sie erwachen. Schnell rief sie noch:
„Leb wohl, mein Hübscher! Wir sehen uns wieder!“ Es war jedes Mal ein Versprechen, bei dem sie nie wusste, ob sie es einhalten könnte. Denn warum sie von ihm träumte oder wann, konnte sie nicht beeinflussen oder lenken. Oft hatte sie das schon versucht mit speziellen Meditationsübungen. Doch alle blieben erfolglos. „Gute Reise, meine Schöne! Möge dich der Wind wieder zu mir tragen und die Sonne bis in dein Herz scheinen!“
5 Sterne
Echt tolles Buch - 16.02.2018
Renate

Spannend, liab, lustig, tolle Fantasie, warte schon auf den nächsten Teil!

5 Sterne
Tolles Buch, - 08.02.2018
Susanne

Einfach spannend, könnte es nicht mehr weglegen

5 Sterne
Tolles Buch - 22.12.2017

Spannendes, tolles Buch!Wo bleibt Band 2?

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