Science Fiction & Fantasy

Das Herz aus Licht

Julia Lepschi

Das Herz aus Licht

Leseprobe:

1

Lauf! Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, wurde in die Tat umgesetzt. Ich riss die Tür auf und rannte los. Aus einem Laufen wurde ein Rennen, ich wollte einfach weg, weg von allem.

Mein Name ist Sophie Times.
Was ich jedoch noch nicht wusste war, dass dieser Name keinerlei Bedeutung hatte.
Seit gut fünfzehn Jahren fühlte ich mich fehl am Platz. Es war nicht nur die Tatsache, dass ich in der Schule gehänselt wurde, und es war auch nicht so, dass ich keine Freunde hatte, nein, es war einfach das Gefühl, nicht hierher zu gehören.

Nach meinem Gefühl war ich jetzt erst gute fünf Minuten unterwegs, war aber schon völlig außer Atem, was wieder einmal bezeugte, was meine Sportlehrerin sagte, ich war eine furchtbare Läuferin. Ich blieb stehen und fand mich in einem kleinen Wald in der Nähe unseres Hauses wieder. Ruhig atmete ich die kühle Waldluft ein und lauschte. Im Wald war es so still, nur die Vögel waren zu hören und das Rauschen des Windes in den Bäumen. Herrlich!
Ich sah mich um und merkte, dass die Sonne langsam unterging und es zu dämmern anfing. Weil ich nicht mehr nach Hause wollte, drehte ich mich um, um zu meiner Freundin zu gehen, als plötzlich ein Reh zwischen den Bäumen hervorkam, und mich verwundert anschaute. Das Reh hatte wunderschönes hellbraunes Fell und türkis-grüne Augen, welche mich aufmerksam musterten.
Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus als würde es auf mich zu laufen. Doch dann drehte es sich plötzlich um und rannte zwischen zwei Bäumen, die wie Torbögen ineinander verschlungen waren, hindurch und verschwand spurlos.

Obwohl ich sah, dass die Sonne längst untergegangen war, folgte ich dem Reh zu den zwei Bäumen. Kurz davor blieb ich stehen und atmete tief durch. Zwar glaubte ich mich zu täuschen und doch konnte ich ein leichtes Flimmern in der Luft ausmachen. Auch wenn ich es nicht glauben konnte, hatte ich eine Vermutung von dem, was gleich passieren würde.
Ich ging hindurch und hatte Recht, ich fand mich in einer anderen Welt wieder. Die Sonne stand hoch am Himmel und die Bäume waren dicker, knorriger, und die Blätter waren saftig grün. Eine leichte Brise fuhr mir durch die Haare und ließ mich den sanften Geruch von frischem Heu wahrnehmen.
Auf den ersten Blick schien der Wald leblos, doch dann erblickte ich Bewegungen in den Schatten. Von überall her schienen mich unsichtbare Augen zu mustern.
Langsam ließ meine Neugier jedoch wieder nach und ich wollte weiter zu meiner Freundin. Ich ging wieder durch die beiden Bäume, aber nichts veränderte sich. Immer wieder lief ich durch das Baumtor, doch ich konnte nicht wieder zurück.

Plötzlich wurde mir in den Oberschenkel gepikst und als ich mich umwandte erblickte ich ein kleines hässliches Männlein. Es war keinen halben Meter groß, hatte warzige, gelblich-grüne Haut und eine dicke Kolbennase mitten im Gesicht.
Die Ohren des Wesens waren spitz und ein zerschlissenes Hemd war seine gesamte Körperbedeckung. In der Klaue des Männleins befand sich ein kleiner Speer, der aussah als wäre er aus einem einzigen Knochen geschnitzt. Und ich vermutete, dass es mir damit in den Oberschenkel gepikst hatte.
Als es den Mund öffnete erschrak ich, denn die Zähne des Wesens erinnerten mich an die eines Hais. „Gutes Fleisch!“, kreischte es und ehe ich mich versah huschten geschätzt zwei Dutzend dieser hässlichen Viecher aus dem Gebüsch und umzingelten mich. Eines nach dem anderen stach mir in die Beine, bis ein zustimmendes Gemurmel ausbrach.
„Bringen wir es zum Chef!“, brüllte eines der Wesen und erntete Beifall.
Bevor ich realisieren konnte was gerade passierte, flitzte einer von ihnen zwischen meinen Beinen hindurch und schlang ein Seil um sie herum.
Das andere Ende des Seils warf es einem Kumpan zu und mit einem Ruck zogen sie so fest daran, dass ich das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.
Ich begann zu strampeln und versuchte mich zu befreien, als die kleinen Wichte anfingen meine Arme am Rücken zusammenzubinden. „Aua, lasst das!“, fauchte ich, doch sie ignorierten mich.
Da spürte ich wie sie ihre kleinen Krallen unter mich schoben und versuchten mich anzuheben.
„Ho Ruck!“, riefen sie und mit einem Mal wurde ich vom Boden gerissen und über ihre Köpfe transportiert.
Als sie mit mir im Gepäck losliefen bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich versuchte mich herumzuwerfen, doch mit jeder Bewegung drückten sie ihre Krallen fester in meine Haut.
Ich schrie und versuchte mich verzweifelt loszumachen, doch ich kämpfte vergeblich.
Eifrig liefen die kleinen Wichte durchs Gebüsch, wobei sie jedoch nicht darauf achteten mich vor den Dornen zu schützen. Das Einzige, was sie taten, war mir hungrige und gierige Blicke zuzuwerfen. Als sich plötzlich ein dunkler Schatten über uns senkte.
Die kleinen Wesen erstarrten und ich versuchte so gut es ging den Kopf zu heben, um den Verursacher des Schattens auszumachen.
Ein tiefes Knurren ertönte und wie auf Kommando ließen sie mich einfach fallen. Unsanft landete ich auf dem Boden und sah wie sich die hässlichen Männlein aus dem Staub machten.
Gefesselt ließen sie mich liegen und lieferten mich dem nächsten Wesen aus.
So gut es ging schielte ich nach oben und blickte in die Augen eines riesigen Wolfes. Dieser fletschte die Zähne und beugte sich über mich.
Ich schloss die Augen und unterdrückte einen Schrei.
Plötzlich jedoch hörte ich den Wolf aufheulen und leise knurren. Hinter mir ertönte eine tiefe Stimme: „Lass sie!“
Darauf folgten ein bedrohliches Knurren und ein leises Rascheln, was mir verriet, dass sich der Wolf ins Gebüsch zurückzog.
Immer noch hatte ich die Augen geschlossen, denn ich hatte Angst davor, was als nächstes passieren würde.
„Du sitzt ja mächtig in der Patsche“, ertönte es hinter mir. Ich spürte wie sich jemand leise lachend über mich beugte und mich von meinen Fesseln befreite.
Als ich die Augen aufschlug erblickte ich einen jungen Mann, der mir eine Hand entgegenstreckte. Zögernd ergriff ich sie und wurde von dem Jungen auf die Beine gezogen.
„Danke“, sagte ich und musterte meinen Gegenüber.
Aschebraunes Haar hing ihm wirr in die Stirn und wunderschöne bernsteinfarbene Augen blickten mir entgegen. Er war um einiges größer als ich und aus seinem Haar blitzten spitze Ohren hervor.
Was mich jedoch wachsam werden ließ war, dass hinter dem Mantel des Jungen ein langes scharfes Schwert hervor lugte.
Im Großen und Ganzen sah er aus als wäre er einem Fantasy-Film entsprungen.
„Mit wem habe ich die Ehre?“, fragte er und musterte mich.
„Sophie, ich heiße Sophie“, erwiderte ich.
„Es ist mir eine Freude dich kennenzulernen“, sagte er und wandte sich zum Gehen.
Er war noch nicht weit gekommen als er sich noch einmal umdrehte. „Was ist? Kommst du?“
Als ich ihn fragend … wohl eher verwirrt anstarrte erwiderte er: „Wenn du schon nicht weißt, wie man Zwergkobolden entkommt, dann bezweifle ich, dass du über Nacht hierbleiben willst.“
Obwohl mir mein gesunder Menschenverstand riet, es nicht zu tun, folgte ich ihm, vor allem da ich sowieso nicht wusste, was ich tun sollte.

„Warte hier“, sagte der Fremde. „Ich werde Feuerholz sammeln.“
Mit diesen Worten ließ er mich in der Dunkelheit zurück. Um mich zu beruhigen setzte ich mich und lehnte mich mit dem Rücken an den Stamm einer riesigen Eiche.
Hier alleine zu sitzen war wie in der Hölle zu schmoren. Um mich herum war es stockfinster und es schien als würde hinter jedem Strauch eine Kreatur auf mich warten.
Außerdem gingen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, ein gutaussehender Junge, den ich nicht kenne, rettet mir einfach das Leben vor einem Monsterwolf, welcher mich in gewisser Weiße vor Zwergkobolden gerettet hatte.
„Ach ja … ich heiße Jonas“, erklang die Stimme des Jungen hinter mir, riss mich aus meinen Gedanken und erschreckte mich fast zu Tode.
Er legte einen Stapel Holz auf den Boden und schaffte es irgendwie ihn zu entzünden. Sofort wurde die Dunkelheit erhellt und die Flammen warfen tanzende Schatten im Wald wieder.
Weil mir nichts einfiel, was ich sagen konnte um das Schweigen zu brechen, sagte ich: „Danke. Danke, dass du mich vor dem Wolf gerettet hast.“
Der Fremde … ähm … Jonas erwiderte nichts darauf und sah ins Feuer, und es wurde wieder still zwischen uns. Eine unerträgliche Stille und sie schien mich zu erdrücken.
„Du kommst nicht von hier, habe ich Recht?“, Jonas sah mich mit einem Mal fragend an.
„Ja …“, antwortete ich zögernd.
„Du bist auch keine von uns, oder?“
„Wie meinst du das?“
„Naja, du … ich glaube, du bist ein Mensch“, erwiderte er.
„Ja, du doch auch …“, und nach einer kurzen Pause, „oder?“
Nichts, keine Antwort. Ich glaubte schon, keine Antwort mehr zu bekommen, als Jonas sagte: „Nicht ganz. Ich bin eher wie ein Elf.“
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte und es wurde wieder still.
Rund um uns wurde es finster, nur noch das Feuer spendete Licht unter der Eiche. Nach kurzer Zeit stand Jonas auf und begann auf die Eiche zu klettern.
„Komm. Ich will dir etwas zeigen.“
Langsam stand ich auf und ging zu ihm hinüber. Ich hatte keine Ahnung, warum ich das machte, aber ich kletterte hinter ihm die Eiche hinauf. Leichter gesagt als getan, im Dunkeln auf einen Baum zu klettern war nicht einfach.
Als ich endlich bei Jonas oben angekommen war, bog er die Äste auseinander und gab den Blick zum Himmel frei. Zuerst war er nur schwarz, doch als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, wurden die Sterne sichtbar.
Sie waren wunderschön!!! Mir war als könnte ich sie berühren, es war unglaublich … es war der Wahnsinn!
„Sie sind wunderschön“, sagte er und suchte sich einen Ast, um sich drauf zu setzen.
Ich kletterte zu ihm und nahm neben ihm Platz. Ich war wie verzaubert von den Sternen, ich fühlte mich frei.
„Ja, das sind sie“, stimmte ich ihm zu. „Ich habe noch nie so viele so hell gesehen.“
Gebannt starrte ich zu den Sternen hinauf. Ich war immer noch überwältigt und konnte es nicht glauben, als ich auf einmal bemerkte, dass Jonas mich ansah. Unsere Blicke trafen sich und Jonas sah verlegen wieder zu den Sternen. Ich war froh über die Dunkelheit, weil ich nicht wollte, dass er sah, wie rot ich geworden war.
Was ich jedoch nicht bemerkte war der kleine Vogel, der unweit neben mir saß und mich mit seinen türkis-grünen Augen musterte.

„Wie hast du es in unsere Welt geschafft?“, fragte Jonas nach langer Zeit.
„Du willst die Geschichte von Anfang an hören?“
Er nickte, also begann ich zu erzählen. Jonas hörte zu und unterbrach mich kein einziges Mal.
Als ich fertig war saßen wir einfach nur da, ohne zu reden, und schauten zum Himmel.
Dieses Mal bekam ich nicht mit wie Jonas mich ansah, bis er sagte: „Die Sterne spiegeln sich wunderschön in deinen Augen.“
„Danke“, ich konnte mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen.
„Nein, wirklich. Es sieht so echt aus“, brachte er heraus.
Er konnte den Blick einfach nicht von mir nehmen, bis mein Kopf auf seine Schulter fiel und ich einschlief.



2

Nachdem das Mädchen an meiner Schulter eingeschlafen war, konnte ich endlich wieder klar denken.
Vorsichtig hob ich sie hoch und kletterte vom Baum, wo ich sie behutsam neben das Feuer legte und sie betrachtete.
Irgendetwas an ihr war eigenartig und das war nicht nur die Tatsache, dass sie ein Mensch war. Es kam zwar hin und wieder vor, dass sich ein Mensch in unsere Welt verirrte und dieser anschließend von irgendwelchen Wesen gefressen wurde.
Doch dass ein Wolf auftauchte, ein Matrix-Wolf, war höchst ungewöhnlich, vor allem da es so aussah als hätte er ihren Weg nicht zufällig gekreuzt.
So beschloss ich Vater zu fragen, ich war gespannt was er dazu sagen würde, denn es war niemals Zufall, wenn Matrix die Finger im Spiel hatte.



3

Als ich am nächsten Tag wieder aufwachte wusste ich zuerst nicht, wo ich war. Doch dann fiel mir alles auf einen Schlag wieder ein. Ich blickte mich um und bemerkte, dass ich neben der Feuerstelle lag. Jonas muss mich nach unten getragen haben, dachte ich.
Und als hätte ich ihn gerufen kam Jonas plötzlich hinter der Eiche hervor.
„Komm!“, sagte er. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“
Bevor ich auch nur irgendetwas erwidern konnte, war er schon wieder zwischen den Bäumen verschwunden. Kurz dachte ich darüber nach, ob ich einfach hierbleiben sollte, doch dann sprang ich auf und rannte ihm nach.
Als ich ihn endlich eingeholt hatte fragte ich: „Wohin gehen wir eigentlich?“
„Zum Palast“, erwiderte er ohne sich umzudrehen.
„Was bitte soll ich dort?! … Ich will nach Hause!“
Jetzt drehte sich Jonas so ruckartig um, dass ich direkt in ihn hineinlief. „Wir müssen den König um Rat fragen, wie du wieder nach Hause kommst.“
„Und wie weit ist es zum Palast?“, fragte ich.
„So ausgedrückt wie bei euch Menschen ca. dreizehn Meilen.“
Mir klappte der Mund auf, ich konnte nicht glauben, was er gerade gesagt hatte! Dreizehn Meilen und das zu Fuß?!
„Ich gehe sicher nicht so lange zu Fuß!“
Jonas seufzte und sagte: „Ihr Menschen seid auch immer so voreilig. Ich habe nichts von gehen gesagt.“
Dann grinste er, nahm die Finger in den Mund und stieß einen lauten Pfiff aus.
Der Pfiff hallte zwischen den Bäumen wider, als plötzlich ein lautes Wiehern zu hören war und zwei wunderschöne stattliche Pferde auf uns zu galoppiert kamen. Eines der beiden war so braun wie Ebenholz und das andere schneeweiß. Es waren unglaublich anmutige Tiere!
Jetzt wurde Jonas’ Grinsen nur noch breiter, vor allem als er meinen Blick sah. Ohne abzuwarten hielt er sich am Rücken des braunen Pferdes fest und schwang sich geschickt hinauf.
Ungeduldig stand das weiße Pferd vor mir und wartete darauf, dass ich ebenfalls aufstieg.
Ich war bisher noch nie auf ein Pferd aufgestiegen, geschweige denn darauf geritten. Also probierte ich es wie Jonas, ich hielt mich am Rücken des Pferdes und versuchte mich hinauf zu hieven. Doch ich schaffte es nicht und rutschte ab.
Mit einem lautem Plumps landete ich am Boden. Jonas, der natürlich alles genauestens beobachtet hatte, fing lauthals an zu lachen und fiel dabei selbst fast vom Pferd. Wütend auf ihn, weil er lachte, stand ich auf und rieb mir den Hintern.
Jonas stieg von seinem Pferd ab und kam zu mir.
Dann legte er seine Hände an meine Hüfte und hob mich auf das weiße Pferd.
Gemeinsam ritten wir aus dem Wald heraus. Und mit dem Wind, der in meinen Haaren wehte, verflog auch mein Ärger.
Es war einfach zu reiten, weil das Pferd immer dem von Jonas nachlief und ich nichts tun musste.
„Wie heißen sie?“, fragte ich.
„Deines heißt Wolkenbruch und meines heißt Sturmflut. Es sind die zwei schnellsten und stärksten Pferde im Magischen Reich“, Jonas klang stolz als er das sagte und als er dem Pferd auf die Schulter klopfte schnaubte es zufrieden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 198
ISBN: 978-3-99107-565-3
Erscheinungsdatum: 15.04.2021
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre