Cover: Das Geheimnis der vier Türen

Das Geheimnis der vier Türen
Der rote Gang


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 472
ISBN: 978-3-99185-263-6
Erscheinungsdatum: 07.09.2026
Kari und Lykke erleben, wie der Mythos der Großmutter lebendig wird. Mit fünf Verbündeten folgen sie einer gefährlichen Spur – und müssen die Wahrheit finden, um ihren Großvater aus den Händen des Drachenkönigs zu retten.
Erster Teil:
„Eine Reise beginnt“



Kapitel 1
„Sie haben die Suche eingestellt“

»Die Kreaturen verschwinden in den Wolken. Kurz wird es still, obwohl in den Bergen ein heftiger Wind tobt. Sie bleibt angespannt. Die Augen heften sich an den Teil des Himmels, der die Drachen in sich aufgenommen hat. Sie hat den Tanz der Bestien nun schon eine Weile beobachtet. Es scheint, als ob sie Formationen und riskante Manöver üben. Die Ruhe wirkt bedrohlich. Sam tänzelt aufgeregt hin und her. Er stabilisiert so ihren Stand in dem abschüssigen Gelände. Ihr Blick bleibt weiter fixiert auf die Wolken über ihr. Im gleichen Augenblick schießt einer der Drachen im Sturzflug auf sie zu. Ein verzweifelter Schrei von Lykke unterbricht ihre Konzentration. Am Waldrand steht ein Reiter. Ein Pfeil ist auf sie gerichtet. Augen, die sie anstarren. Ein verzweifelter Blick. Ein fremdes Gesicht. Bevor der Pfeil sie trifft, sitzt sie aufrecht in ihrem Bett.«
Kari braucht einen Moment, um zu begreifen, wo sie sich befindet. Bekannte Geräusche des Hauses holen sie zurück in die vertraute Umgebung. Nebenan hört sie Lykke, ihre Schwester, die sich lautstark mit einem ihrer „sogenannten Freunde“ unterhält. Sie ist zu Hause. In dem kleinen Ort im Norden des Landes, wo sie mit ihren Eltern, ihrer Zwillingsschwester und ihrem Bruder lebt. Kari sinkt erleichtert zurück in ihr Kissen. Da fällt ihr ein, welcher Tag heute ist. Sie setzt sich auf die Bettkante, im nächsten Moment öffnet sich die Tür und Lykke steckt den Kopf herein.
„Guten Morgen, du Schlafmütze. Wenn du noch frühstücken willst, solltest du dich beeilen.“
„Ja, ja, ich komme ja schon. Wer war denn heute Morgen schon bei dir zu Besuch? Der Troll von letzter Woche?“
„Sehr witzig. Mach dich ruhig lustig über mich. Vergiss mal lieber nicht deinen Reithelm, sonst erlaubt Moma uns nicht auszureiten.“ Im nächsten Moment ist sie aus der Tür und rennt die Treppe nach unten. Kari bleibt kopfschüttelnd sitzen und fragt sich wie so oft, wie es wohl wäre, wenn sie als eineiige Zwillinge auf die Welt gekommen wären. Hätte sich die überbordende Fantasie von Lykke dann auch auf sie übertragen? Oder wäre ihre Schwester vielleicht ein wenig zurückhaltender? Sie wischt den Gedanken weg. Es ist gut so, wie es ist. Zwei gleichaltrige Mädchen, die gern in einen Topf gepackt werden und unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie streckt ihre Glieder und schüttelt entschieden den Traum ab, der nun schon seit einiger Zeit ihren Schlaf wiederkehrend abrupt beendet.

Die Fahrt zu ihrer Großmutter dauert nicht lange. Das Haus liegt in derselben kleinen Stadt, nur am anderen Ende des Sees. Es wurde mit roten Backsteinen errichtet und in die für die Gegend typischen weiß-grünen Sprossenfenster scheint am heutigen Tag hell die Sonne. Es ist der erste schöne Sommertag. Die Blumen rund um die Rasenfläche blühen und werden von allerlei Insekten besucht. Hinter dem Grundstück wiegen sich hohe Bäume, die den Eingang zu einem kleinen Wald markieren, sanft im lauen Sommerwind. Die beiden Mädchen finden ihre Großmutter, die sie liebevoll Moma nennen, wie so oft im Garten auf der Rundbank unter der großen Eiche sitzend und in Gedanken verloren.
„Da seid ihr ja“, ruft sie ihnen entgegen, als sie die beiden bemerkt. Nach einigen Umarmungen haken sich die Mädchen bei ihr unter und gehen zur Auffahrt zurück, um sich von ihren Eltern und ihrem Bruder zu verabschieden, die gerade dabei sind, die Koffer aus dem Auto zu hieven und ins Haus zu bringen.
Nach einer kurzen Begrüßung sagt Momas Tochter kopfschüttelnd, die ihre Zwillinge beobachtet, wie sie sich schon beim Reintragen der Gepäckstücke ins Haus darüber streiten, warum die eine ausgerechnet die Tasche der anderen benutzen musste: „Sie streiten im Moment über jede Kleinigkeit.“ Moma lacht nur und antwortet:
„Darüber mach dir mal keine Sorgen, ich denke, damit kann ich umgehen.“ Dann sehen sich die beiden an und kurz blitzt die Sorge auf, die sie sonst vor den Kindern verbergen.
„Bist du in Ordnung, geht es dir gut?“, fragt die Tochter.
„Ah, du hast sicher auch einen Brief erhalten, nicht wahr?“ Traurig senkt Moma den Kopf.
„Sie haben die Suche vor Ort eingestellt. Er ist einfach spurlos verschwunden. Ich fürchte, dass wir lernen müssen, uns damit abzufinden. Aber das fällt mir schwer. Dein Bruder sagt, es gäbe noch eine Möglichkeit, weitere Anstrengungen zu unternehmen. Mal sehen, was daraus wird. Ich hoffe, dass ihr auf eurer Reise eine Spur findet.“
Sie nimmt ihre Tochter in den Arm.
„Was uns angeht, macht euch keine Sorgen, wir halten hier die Stellung und drücken euch die Daumen.“
Die Mädchen verabschieden sich und ihre Mutter erinnert sie noch einmal ausdrücklich daran, was sie doch alles bitte beachten sollen. Dann rollt das Auto hupend vom Grundstück in Richtung Flughafen.
„Kommt, lasst uns in die Küche gehen, ich habe uns Schokomuffins gebacken“, sagt die Großmutter. Das lassen sich die Mädchen nicht zweimal sagen. Das Haus ist schon sehr lange im Besitz der Familie. An der Wand im Obergeschoss, die zum Schlafzimmer der Großeltern führt, hängen alte Meisterbriefe der letzten drei Generationen, die an diesem Standort eine Malerei betrieben. Der Urgroßvater war der letzte Maler der Familie. Der Bruder von Opa Gunnar hätte die Tradition fortgeführt, wäre er nicht bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Großvater selbst hat mit der Malerei nichts am Hut, sondern entschied sich für einen Beruf in der Schifffahrt. Das führte dazu, dass die Familie für mehr als zwei Jahrzehnte in verschiedenen Ländern auf der Erde lebte. Die Erinnerungen an diese Zeit spiegeln sich in allen Räumen des Hauses wider. Ein Zusammenspiel aus traditionell norddeutschem Stil, mit knarrenden Treppenstufen und knarzenden Balken, sowie Kunst, die aus fremden Kulturen stammt. Dieser kreative Stil, der ungewöhnlich scheint, doch sehr einladend wirkt, strahlt im Haus eine große Gemütlichkeit aus. Den Mädchen wird es hier nie langweilig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Großmutter den Kindern gern Geschichten aus den fernen Ländern erzählt, die sich hinter diesen Gegenständen verbergen.
Seit einiger Zeit jedoch steht ihr nicht der Sinn danach: Der Großvater ist von seiner letzten Reise nicht zurückgekommen und gilt seit einem halben Jahr als vermisst. Keiner in der Familie kann sich einen Reim darauf machen, was ihm geschehen ist. Wie es den Anschein hat, kann es die Polizei auch nicht. Daraufhin haben die Kinder entschieden, weitere Anstrengungen zur Aufklärung selbst in die Hand zu nehmen. So sind die Eltern der Zwillinge auf dem Weg nach Singapur, dem letzten Aufenthaltsort vor dem Verschwinden des Großvaters. Kari und Lykke hingegen haben sich fest vorgenommen, ihre Großmutter aufzumuntern und die seitdem herrschende gedrückte Stimmung, so gut es geht, zu verscheuchen.
Der schönste Platz im Haus ist die große Wohnküche. Es gibt einen Tisch, der aus zwei Ulmenstämmen gefertigt wurde, an dem zu den Feiertagen die gesamte Familie Platz findet. Hier sitzen jetzt die Mädchen und verspeisen genüsslich die Schokomuffins mit einem Glas kalter Milch. Die Großmutter sitzt auf ihrem Lieblingsplatz mit einer Tasse Tee. Eine gemütliche Holzbank, die vor der alten Fachwerkwand steht, die der Küche einen besonderen Charakter verleiht.
„Moma, die sind köstlich. Dürfen wir noch einen?“
„Gern, ich freue mich, wenn es euch schmeckt.“
„Ist es okay, wenn wir gleich mal nach Emma und Bella sehen?“, will Kari kauend wissen.
„Ich denke, Benno wird nichts dagegen haben.“
Die Großmutter schaut sich ihre Enkelinnen schmunzelnd an und fragt sich, wo nur die Zeit geblieben ist. In Kari, der Älteren, steckt ein aufgewecktes und neugieriges Wesen. Ihre zierliche Gestalt, die blonden Locken und die Sommersprossen harmonieren perfekt mit ihrer geselligen Art. Ihr reger Geist sucht ständig nach Abwechslung. Sie liebt Bücher und Rätsel. Beim Suchen nach Lösungen benutzt sie aber nicht nur ihren klaren Verstand, sondern verlässt sich auch auf ihr Bauchgefühl. So lenkt sie ihren Blick nicht nur auf das Offensichtliche, was ihr zunehmend ernstere Züge verleiht.
Die Großmutter seufzt. Ihr Blick wandert zu Lykke. Obwohl die beiden nur eine halbe Stunde trennt und einige Charakterzüge ähnlich sind, unterscheiden sich die Schwestern nicht allein durch ihr Aussehen. Lykkes freundlicher Charakter, ihre fröhlichen blauen Augen und ihre widerspenstigen blonden Haare lassen sie so sympathisch wirken, dass sich die Menschen wie selbstverständlich von ihr angezogen fühlen. Zudem verfügt sie über eine große Lebensenergie und hat ein natürliches Selbstverständnis. Sie liebt die Natur und fühlt sich als Beschützerin aller Lebewesen, die daraus hervorgehen. Das macht sie sehr sensibel für Ungerechtigkeiten, die sie vehement verurteilt.
Die beiden Mädchen haben einen Weg gefunden, den Vergleichen, denen sie als Zwillinge immer wieder ausgesetzt sind, nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Zwilling zu sein ist eben schwierig. Sie legen Wert auf ihre eigenen Vorstellungen und sind sich dennoch sehr verbunden. Darüber freut sich Moma, genau wie über den Appetit, den die beiden an den Tag legen. Nachdem die kleine Zwischenmahlzeit verzehrt ist, laufen sie in den Garten zum westlichen Zaun, in der Hand ein paar Möhren und Äpfel. Sie müssen nicht lange warten und schon traben Emma und Bella, die beiden Haflingerstuten des Nachbarn heran. Hinter ihnen taucht Benno auf und begrüßt die Mädchen:
„Ah, wen haben wir denn da?“
„Hallo Benno, ist es okay, wenn wir Emma und Bella füttern?“
Sie halten die Möhren und Äpfel in die Luft.
„Sicher. Seht, sie können es kaum erwarten. Eure Großmutter hat mir erzählt, dass ihr diesmal länger hier seid. Hättet ihr da nicht Lust, euch um die beiden zu kümmern?“
„Heißt das auch, dass wir ausreiten dürfen?“, fragt Kari, um ganz sicherzugehen.
„Darüber würden sich nicht nur die Ponys freuen. Ich schaffe es einfach nicht und die Damen werden immer unerträglicher.“
Wie zur Bestätigung stößt Emma Lykke an, sodass sie die Äpfel fallen lässt.
„Da habt ihr den Beweis, sie haben keine Geduld mehr.“
Lachend hebt Lykke die Äpfel auf und hält sie Emma entgegen.
„Gleich morgen früh geht es los, meine Kleine.“
Benno zeigt den Mädchen, wo sie alles zur Pflege der Stuten finden können, und geht dann wieder in die Werkstatt. Kari und Lykke verbringen den Nachmittag im Stall. Die Stuten erhalten frisches Heu und werden ordentlich gestriegelt und geputzt. Dann hören die Zwillinge, wie ihre Großmutter nach ihnen ruft. Sie verabschieden sich und laufen zum Haus zurück. Beim Abendessen gibt es nur ein Thema: Bella hier, Emma dort. Plötzlich klopft es an der Hintertür. Es ist Benno, der sich mit der Großmutter unterhält. Sie stecken die Köpfe zusammen und gehen ein Stück auf den Rasen.
„Kannst du hören, worum es geht?“, fragt Kari.
„Schmitz, wer ist Schmitz?“
„Moma ist richtig sauer“, antwortet Lykke. Die beiden recken die Hälse und lauschen angestrengt auf die Wortfetzen, bis Moma sich umdreht und wieder ins Haus kommt. Wieder in der Küche fragt Kari, was der Nachbar denn wollte.
„Es geht um seinen Kater. Ich habe ihn erwischt, wie er aus unserem Haus spaziert kam. Er weiß, dass ich ihn nicht leiden kann.“
„Warum hast du Benno nicht reingebeten, wie sonst immer?“, hakt Kari nach.
„Er wollte das nicht vor euch besprechen, da es ihm peinlich war. So, meine Lieben, ich glaube, es wird Zeit, schlafen zu gehen.“
Die Mädchen rennen die Treppe nach oben und beeilen sich im Badezimmer. Das Beste an den Aufenthalten bei der Großmutter sind die Geschichten vorm Einschlafen. Auch wenn sie manches Mal dazu führen, dass es dann schwierig wird. Als sie kleiner waren, las sie ihnen immer vor. Voller Vorfreude liegen die Mädchen in ihren Betten und warten auf Moma. Nach einiger Zeit kommt sie und setzt sich auf einen Stuhl zwischen ihnen.
„Ihr seht so aus, als ob ihr auf etwas wartet. Ich dachte, ihr seid langsam zu alt für die ollen Geschichten eurer Großmutter“, beginnt sie lächelnd.
„Wie kommst du nur auf so was?“, antworten die Mädchen kopfschüttelnd.
Moma lacht und erklärt, dass sie eine Geschichte im Sinn hat, die ihr in letzter Zeit öfter durch den Kopf spukt.
„Also, lass mich kurz überlegen. Sie spielt in China und wurde mir während unseres Aufenthaltes auf Taiwan erzählt. Es handelt sich um eine alte Sage, in der es um Götter, Könige, Drachen, Krieger, aber auch um eine Prinzessin geht. Was meint ihr? Wäre das was für euch?“
„Oh ja, das ist genau das Richtige.“
„Dachte ich mir. So beginnt sie:
Über Guan Yin wurden im Laufe der Jahrhunderte viele Geschichten bekannt. Immer wieder gab es Erzählungen, die auf diese außergewöhnliche Göttin hinwiesen. Die wohl bekannteste beginnt im Himmel, im Palast des Jadekaisers, der als Herrscher über die Erde verehrt wurde. Er sandte Guan Yin auf die Erde, um allen Geschöpfen zu zeigen, wie sie gut miteinander auskämen, um glücklich zusammenzuleben. Gab es Meinungsverschiedenheiten, baten sie Guan Yin um Rat und sie fand eine gute Lösung. Guan bedeutet in unserer Sprache: den Blick auf etwas werfen; Yin bedeutet: Ton, Laut oder Schall; zusammen wird ihr Name als ‚die Töne der Welt wahrnehmend‘ übersetzt. Sie hörte den Lebewesen mit Geduld zu und brachte für jedes Problem, war es auch noch so widersinnig, Verständnis auf. Diese Gabe, jeder Seele auf der Erde mit großem Mitgefühl zu begegnen, machte sie in kurzer Zeit zur Göttin der Barmherzigkeit. Sie lebte lange auf der Erde und hoffte, dass die Bewohner in dieser Zeit so viel wie möglich von ihr lernen würden, damit sie, sollte Guan Yins Zeit vorbei sein, in Frieden miteinander leben könnten.
Der Tag kam und die Göttin der Barmherzigkeit kehrte zurück in den Himmel. Auf der Erde verehrten sie die Menschen weiter, doch fehlte ihnen in verschiedenen Situationen die Gabe, richtige Lösungen zu finden. So kam es, wie es kommen musste. Die Menschen begegneten sich zunehmend feindseliger und fühlten sich den Tieren und allen anderen Lebewesen überlegen. Der Jadekaiser beschloss, dass dieser Kreislauf durchbrochen werden sollte. Er sandte dem herrschenden Drachenkönig eine Frau, die ihm eine liebevolle Partnerin sein sollte. Sie trug den Namen Miào Shàn. Ihr Name bedeutet so viel wie ‚Tempel der Güte‘. Der Drachenkönig verliebte sich beim ersten Anblick in die Prinzessin und war so entzückt von ihrem Liebreiz und der Wirkung, die sie beim Volk hatte, dass noch im selben Jahr geheiratet wurde. Miào Shàn liebte die Natur und reiste durchs Königreich, um sich mit ihrer neuen Heimat vertraut zu machen. Im Laufe der Zeit verschwanden die Sorgen und Ängste der Menschen und die Feindseligkeiten hörten auf. Das Volk freute sich darüber und schrieb es der Königin zu. Dem König jedoch gefiel diese Entwicklung nicht. Er war neidisch auf die Beliebtheit seiner Frau. Auch fiel ihm auf, dass das Gefühl des Neids in ihrer Anwesenheit wie verflogen schien. Es kam ihm vor, als würde sie ihn verzaubern. Misstrauisch beobachtete er seine Frau und ließ sie auch von einer Zofe überwachen. Das Schicksal wollte es so, dass ihn die Neuigkeit über den zu erwartenden Nachwuchs am gleichen Tag wie der Bericht der Zofe erreichte. Die Freude war einerseits sehr groß, endlich den ersehnten Nachwuchs zu bekommen, doch andererseits beunruhigte ihn der Bericht der Zofe. Es schien, dass Miào Shàn, bevor sie sich zeigte, stets eine Maske anlegte, die ihr die Kraft gab, den Menschen mit Güte entgegenzutreten. So hatte sie eine ausgleichende Wirkung. In ihrer Nähe schöpften die Bewohner wieder Mut. Ebenso erinnerten sie sich daran, wie schön das Leben in der Gemeinschaft sein konnte, und waren so bereit, Kompromisse einzugehen. Der König jedoch war erbost über den Bericht der Zofe. Die Königin benutzte Zauberei, die eigentlich nur den Drachen vorbehalten war. Das machte ihm Angst und so verschloss er sein Herz. Am Tag der Geburt seines Sohnes befahl er seinem ergebensten Drachen Xièè, das bedeutet ‚der Böse‘, der vom Volk sehr gefürchtet wurde, die Königin auf eine Insel zu bringen und den Bewohnern aufzutragen, sie nicht von der Insel zu lassen. Seinem Volk und später auch seinem Sohn erzählte er, die Königin sei bei der Geburt gestorben. Miào Shàn war unendlich traurig und weinte sehr um ihr Kind. Die Inselbewohner wiederum hatten Mitleid mit ihr, jedoch auch große Angst vor dem Drachen des Königs und so brachten sie die Königin in eine Höhle in der Mitte der Insel und versorgten sie mit dem Nötigsten. Ein Mönch, der die Insel oft besuchte, um auf den Berg zu wandern und in der Abgeschiedenheit zu beten, fragte sich, wer diese regelmäßigen Zuwendungen bekam und was es damit auf sich hatte. Eines Tages schlich er an den Wachen vorbei, um der Sache auf den Grund zu gehen. Miào Shàn hörte die Schritte, die ihn im Nachhall der Höhle ankündigten. Automatisch setzte sie sich die Maske der Vergebung auf, wie sie es früher immer getan hatte, wenn sie den Menschen in schwierigen Situationen geholfen hatte. Sie unterhielt sich mit dem Mönch. Als er sie fragte, warum sie hier bewacht werde, antwortete sie, dass sie ungestört für die Seeleute beten möchte. Das Tragen der Maske weckte in ihr ein Gefühl von Verständnis. Langsam eroberte der Lebensmut erneut ihre Seele und sie fand zu ihrer alten Stärke zurück. Jahre danach berichteten die Späher des Königs, dass es rund um die Inselgruppe Veränderungen gab. Die Netze der Fischer waren immer voll und kaum ein Schiff geriet in der sonst so rauen See in Seenot. Die Seefahrer kamen auf die Insel und huldigten Miào Shàn, die fortan als Schutzpatronin der Seeleute galt. Miào Shàn war auf der Insel nicht mehr eingesperrt und half den Menschen, in Harmonie und Einklang miteinander sowie mit der Natur zu leben. Der Drachenkönig war von der Nachricht so aufgebracht, dass er Xièè anwies, ein weiteres Mal auf die Insel zu fliegen, um Miào Shàn in ein Drachenverlies zu sperren und ihr die Maske zu entwenden. Der Drache tat, wozu er aufgefordert wurde, sperrte sie in die Höhle, nahm ihr die Maske ab und versiegelte den Eingang mit einem Zauber. Niemand sollte je wieder in der Lage sein, ihn zu finden. Doch mit dieser Tat erzürnte Xièè die Götter, schließlich waren sie es, die Miào Shàn das Geschenk gemacht hatten. Sie schickten ein großes Unwetter. Der Drache wurde bei seinem Versuch, zum Drachenpalast zurückzufliegen, so durchgeschüttelt, dass er die Maske über dem Meer verlor. Gleichzeitig wurden die Schiffe mit den fliehenden Inselbewohnern auf das naheliegende Riff geschleudert, sodass viele bei diesem Sturm umkamen. Die Unruhe unter den Göttern blieb auch nicht dem Jadekaiser verborgen. Der Jadekaiser ist der Hauptgott unter den Göttern, müsst ihr wissen. Er war sehr aufgebracht. Er empfand es als Unverschämtheit, dass die Kreaturen, die ihm auf Erden dienten, solch ein Durcheinander hervorriefen. Er beschloss, dass der König und der Drache sich nicht mehr an das Versteck der Königin erinnern sollten. Zudem verfügte er, dass auf der Erde erst wieder Frieden und Harmonie herrschen sollten, wenn das Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt sei. Dazu benötigen die Menschen die Maske der Vergebung, die laut der Sage von zwei Kriegern gefunden und Miào Shàn zurückgegeben werden sollte.“
Moma beendet ihre Geschichte, indem sie wie immer aufsteht und anfängt, die beiden Mädchen zuzudecken.
„Das ist doch ungerecht. Warum wird die Königin denn auch bestraft?“, will Kari wissen.
„Das ist eine gute Frage. Es hat mit dem Gleichgewicht der Kräfte zu tun. Wir kennen es als Yin und Yang. Alles hat ein Gegenüber. Erinnert ihr euch?“
„Etwa wie Tag und Nacht, Sonnenschein und Regen, Hitze und Kälte?“
„Genau. Die Menschen benötigen einen Reiz. Die Ungerechtigkeit ruft zum Handeln auf. Erst wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat, wird Frieden herrschen.“
„Du meinst, die Königin muss im Gefängnis bleiben, damit die Krieger auftauchen, um sie zu befreien?“
„So wird die Sage erzählt, richtig.“
„Die arme Miào Shàn, was wohl aus ihr geworden ist? Der Drachenkönig ist ein böser Mann. Er war doch verliebt, wie konnte er so etwas tun?“ Lykke ist ganz außer sich.
„Weißt du, Lykke, wenn wir verliebt sind, dann sehen wir den perfekten Menschen vor uns und jeder Moment mit ihm ist wunderbar. Doch dieser Zustand bleibt nicht für immer. Mit der Zeit ändert sich dieses Gefühl und wir lernen den Menschen besser kennen und bemerken, was wir vorher nicht gesehen haben. Unweigerlich kommt es dazu, dass wir ihn mit uns vergleichen. Der König hat festgestellt, dass ihm die Beliebtheit seiner Frau schaden könnte. So kam ihm der Vorwurf der Zauberei gerade recht.“
„Das ist aber nicht fair! Für eine Begabung kann doch niemand etwas, die bekommen wir doch einfach.“
„Das stimmt und jeder Mensch sollte stolz auf seine Begabung sein.“
Kari ist ganz aufgewühlt von dieser Geschichte. Das Schicksal der Königin berührt sie zwar, doch es verwirrt sie viel mehr, dass ihre Großmutter gerade jetzt eine Geschichte auswählt, in der ein Drache vorkommt, wo sie doch ständig von Drachen träumt. Sie wird das Gefühl nicht los, dass diese Geschichte etwas mit ihrem Traum zu tun hat. Moma ist schon an der Tür, da ruft Kari:
…
5 Sterne
Spannend und gut zu lesen!! - 29.09.2026
Carlotta, 12 Jahre

Das Buch "Das Geheimnis der vier Türen" geschrieben von Ute Schlotfeldt ist ein Fantasy Abenteuerroman der die Geschichte der Zwillinge Kari und Lykke erzählt, dessen Großvater spurlos verschwunden ist und sie sich auf die Suche nach ihm begeben. Durch eine geheimnisvolle Tür gelangen sie in das alte China und erleben eine Menge Abenteuer. Dort lernen sie neue Freunde kennen, von denen einige ziemlich witzig sind und andere furchteinflößend.Toll fand ich, dass die Sicht der Geschichte von verschiedenen Personen ( Kinder, Erwachsene, Fabelwesen) geschildert wurde. Dadurch konnte ich mich in die Charaktere hineinversetzen und konnte ihre Taten besser verstehen. Die Mischung aus Abenteuerreise und Fantasy hat mir gut gefallen. Ich finde, dass dieses Buch etwas Besonderes ist, weil es den Zusammenhalt in der Familie zeigt und es gut erzählt wurde.

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