Das Erbe
Bens Entscheidung
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-7116-1058-4
Erscheinungsdatum: 17.03.2026
Ben entdeckt nach dem Tod seiner Großmutter auf dem Dachboden seltsame Dinge: Ein altes, schwarzes Tastentelefon und Zeitungen mit handschriftlichen Notizen. Mit seinen Freunden Hannah und Daniel begibt er sich auf die Spur eines Familiengeheimnisses.
1
Es war ein gewöhnlicher Abend in der Bücherei, und Ben hatte gerade das letzte Buch ins Regal gestellt. Die alten, hölzernen Regale knarrten unter der Last der Bücher, und der leise Summton der Neonlichter ließ die Zeit stillstehen. Herr Schröder, der rote Kater, hatte sich auf einen Stapel Romane gelegt und schnarchte sanft vor sich hin. Ben wollte gerade das Licht ausschalten und den Laden schließen, als sein Handy vibrierte. Es war seine Mutter.
„Hi, Mum“, sagte er, während er das Gerät zwischen Schulter und Ohr klemmte. „Was gibt’s? Willst du wissen, ob ich heute Abend wieder auf dem Sofa versinke und ein paar weitere Seiten von meinem Buch lese?“
Doch die Antwort kam nicht mit dem gewohnten Humor, der sonst immer in ihren Gesprächen lag. Stattdessen war die Stimme seiner Mutter dünn und angespannt, fast unhörbar.
„Ben … es ist deine Großmutter. Sie ist … gestorben …“
Es war, als würde der Boden unter seinen Füßen wegbrechen. Das Regal, an dem er gerade gearbeitet hatte, wurde verschwommen vor seinen Augen, und für einen Moment konnte er den vertrauten Klang der Bücherei, das leise Rauschen der Lüftung, nicht mehr hören. Alles war still. Nur das schwere Rauschen in seinen Ohren, das sich wie eine Welle aufbaute.
„Was?“ Ben konnte seine Stimme kaum fassen. „Aber … du hast doch gesagt, es ginge ihr besser. Sie hätte sich erholt …“
„Es ging ihr besser“, wiederholte seine Mutter, aber jetzt klang ihre Stimme brüchig. „Aber heute Morgen … hatte sie einen Schlaganfall. Es war schnell. Und dann …“
„Ich hätte sie besuchen sollen“, flüsterte Ben, ohne es wirklich zu wollen. „Ich wollte doch …“
„Ben, du kannst nichts dafür. Das hätte niemand ahnen können. Aber …“ Sie stockte. „Ich wollte dich nicht anrufen, während du arbeitest, aber ich dachte, du solltest es wissen.“
Ben starrte auf das Handy, als würde es ihm Antworten liefern. „Was ist jetzt? Was machen wir?“
„Dein Vater und ich, wir … wir werden morgen zum Haus fahren, um ein paar Sachen zu regeln. Es wäre gut, wenn du mitkommst. Es tut uns allen gut, wenn wir das zusammen angehen.“
„Ja“, murmelte Ben. „Ich komme mit.“
Die Bücherei war nun völlig still. Das Licht der Straßenlaterne, das durch die Fenster schimmerte, ließ den Raum in einem gespenstischen Dämmerlicht erscheinen. Ben ließ sich in den alten Stuhl hinter dem Verkaufspult sinken und starrte ins Leere.
Herr Schröder, der es sich immer noch bequem gemacht hatte, rollte sich mit einem leisen Schnurren zusammen und öffnete langsam die Augen. Ben streichelte sanft über das dichte, rote Fell des Katers und murmelte: „Schröder, was soll ich jetzt machen?“
Der Kater, ganz in seiner eigenen Welt, schnurrte zufrieden weiter und zeigte keine Anzeichen davon, dass die Welt sich gerade verändert hatte.
Ben schloss die Augen, um die Worte seiner Mutter zu begreifen, aber der Schmerz blieb wie ein dichter Nebel. Was sollte er tun? Wieso hatte er nicht früher gehandelt?
Ben zog den Rollladen hinter sich zu und machte sich auf den Heimweg.
2
Es war ein kühler, feuchter Abend, und der Nebel lag schwer über den Straßen, als Ben den langen Weg nach Hause antrat. Die feuchte Kälte kroch langsam in seine Knochen, doch es war nicht nur der Nieselregen, der ihn frösteln ließ. Es war die Stille – eine Stille, die sich wie ein schwerer Mantel über die Stadt legte. Herr Schröder hatte sich tief in seiner warmen, gemütlichen Tasche vergraben und seufzte verschlafen. Der Nebel war so dicht, dass Ben die vertrauten Häuser nur schemenhaft erkennen konnte, die Straßenlaternen in blasses, verschwommenes Licht tauchten.
Ben zog seinen Kragen enger und blickte auf den nassen Asphalt vor sich. Er hatte keinen bestimmten Plan, wo er gehen wollte. Der Weg nach Hause war längst ein vertrauter, aber nun fühlte sich jede Ecke, jeder Schritt, als würde er auf unbekanntem Terrain wandeln.
Er ging einen großen Umweg, als ob er sich selbst aus der Richtung der Gedanken und Gefühle stehlen wollte, die ihn verfolgten. Die Nachricht von seiner Großmutter, die ihn so völlig überrascht hatte, ließ ihn nicht los. Er fühlte sich wie gelähmt, als würde er in einem Moment der Zeit gefangen sein, aus dem er nicht entkommen konnte. Was sollte er jetzt tun? Warum hatte er nicht mehr Zeit mit ihr verbracht? Warum war er nicht öfter zu ihr gegangen?
Er versuchte, sich abzulenken – dachte an die letzten Sommerferien, die er bei ihr verbracht hatte. Diese Sommer, als er in den drei Wochen, die seine Eltern regelmäßig verreisten, in ihrer alten Villa lebte, wurden für ihn zu einem eigenständigen Universum. Damals war es noch nicht so ruhig in der Bücherei, und er hatte viel Zeit mit seiner Großmutter verbracht, um zur Ruhe zu kommen.
„Warum war ich nie bereit, wieder zu reisen?“, murmelte er, als er sich an eine der vielen Sommerferien erinnerte. Reisen hatte ihn immer gestresst. Das Unbekannte, der ständige Wechsel von Orten, das Gefühl, niemals wirklich anzukommen. Doch bei ihr fühlte er sich zu Hause. Das Haus, der Garten, die seltsamen, fast magischen Geschichten, die sie ihm erzählte – all das war für ihn ein fester Anker. Die letzten Monate hatte er die Besuche immer abgelehnt, vielleicht, weil er wusste, dass es nicht mehr so war wie früher. Sie war nicht mehr die Gleiche, und er hatte nie verstanden, warum.
Er bog eine Ecke nach der anderen, verlor sich immer weiter in seinen Gedanken. In seiner Erinnerung war sie immer die Gleiche: die Großmutter, die mit ihm auf dem Schaukelstuhl saß, die ihm Geschichten von vergangenen Zeiten erzählte, die ihn oft zur Welt der Märchen führte, die er nie ganz verstand, aber immer hören wollte. Doch jetzt war sie nicht mehr da.
Er ging weiter durch die nebligen Straßen, der kalte, feuchte Nebel umhüllte ihn und schien alles in eine graue, verschwommene Unwirklichkeit zu tauchen. Der Klang seiner Schritte war das einzige Geräusch, das nun durch die Stille drang. Es war ein seltsam einsamer Abend, und der Gedanke an die Nachricht über seine Großmutter ließ ihn nicht los.
Plötzlich spürte er eine Bewegung am Rande seines Blicks. Er blickte auf und sah eine Frau mit einem kleinen Kind, die langsam die gegenüberliegende Seite der Straße entlanggingen. Die Frau war in einen langen, dunklen Mantel gehüllt, der ihre Gestalt fast verschwinden ließ, während der Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, an ihrer Seite ging.
Als Ben die beiden ansah, traf ihn der Blick des Jungen. Die Augen des Kleinen waren groß und neugierig, fast als würde er Ben schon kennen – oder als würde er ihn mit einer intensiven, unerklärlichen Frage ansehen. Der Junge blieb kurz stehen und starrte Ben an, doch die Frau, die ihm offenbar eine enge Hand hielt, ging weiter und zog das Kind nach, ohne sich umzudrehen.
Ben blieb ebenfalls stehen und sah zu, wie die beiden weitergingen, aber der Blick des Jungen ließ ihn nicht los. Die Frau und der Junge gingen langsam weiter, verschwanden dann lautlos im Nebel, als wären sie einfach ein Teil der dichten, grauen Wand, die die Straßen verschlang.
Ben stand noch eine Weile regungslos da, der Blick des Jungen in seinem Kopf. Was war das eben gewesen? Es war so flüchtig, so seltsam, dass er sich fragte, ob er sich das alles nur eingebildet hatte. Aber der Moment fühlte sich zu klar an, als dass er einfach verschwinden könnte.
Er schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort, doch das Gefühl, dass etwas Ungeklärtes in der Luft lag, blieb bei ihm – wie ein Fragment einer Erinnerung, das er nicht ganz greifen konnte.
3
Ben nippte an seinem heißen Tee, der ihm helfen sollte, die Kälte aus seinem Körper zu verdrängen. Er legte das Fotoalbum beiseite und starrte nachdenklich auf das Bild. Es war ein Moment aus seiner Kindheit, der sich ihm immer wieder eingeprägt hatte. Die Sonne, das Lächeln seiner Großmutter, das Gefühl von Geborgenheit. Doch nun hatte er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Etwas an diesem Bild fühlte sich … anders an.
Er schüttelte den Kopf und stand auf. Es war nichts Greifbares, nur ein flüchtiger Eindruck, der ihm für einen Moment das Gefühl gab, als hätte er etwas übersehen. Aber es war nur ein flimmernder Gedanke, der so schnell, wie er gekommen war, wieder verschwand.
„Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein“, murmelte er, während er das Album zurück ins Regal stellte. Herr Schröder sprang lautlos auf den Tisch und legte sich schnurrend auf die Fotokiste. Ben streichelte den Kater, doch der Gedanke an das Bild, das Gefühl von etwas Unvollständigem, ließ ihn nicht ganz los.
Es war, als ob die Erinnerung an diesen Moment, den er so gut kannte, in diesem Moment etwas in ihm berührte, das er nicht erklären konnte. Aber es war nur ein flüchtiger Gedanke, eine Erinnerung, die in den Ecken seines Verstandes schwirrte. Nichts, worüber er sich weiter den Kopf zerbrechen wollte.
4
Ben wachte früh auf, als das Licht durch das Fenster drang und die ersten Strahlen des Morgens die Zimmerwand erleuchteten. Doch die Nacht hatte ihm keine Ruhe gebracht. Die Gedanken an die seltsame Begegnung gestern und das Bild mit seiner Großmutter ließen ihn nicht los. Ein vages Gefühl, als ob ihm etwas entglitten wäre, schwirrte in seinem Kopf.
Er drehte sich zur Seite und starrte auf die Decke, noch immer von einer inneren Unruhe geplagt. Die Stille des Morgens, die ihn normalerweise beruhigte, schien ihn heute noch mehr zu quälen. Ohne wirklich darüber nachzudenken, griff er nach seinem Handy und wählte die Nummer der Bücherei. Heute konnte er nicht arbeiten. Es war nicht, dass er sich krank fühlte, aber er brauchte Abstand – Abstand von den Gedanken, den Erinnerungen und dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
„Ich komme heute nicht“, sagte er, als die Stimme von Daniel, seinem Kollegen, am anderen Ende der Leitung sich nach dem Grund erkundigte. „Bin einfach nicht fit.“
Nachdem er aufgelegt hatte, schlurfte er in die Küche und begann, sich ein schnelles Frühstück zu machen. Der rote Kater, Herr Schröder, schlich wie immer um seine Füße und sprang schließlich auf den Tisch. Er schnupperte am Toast, der vor Ben auf dem Teller lag, und begann, mit der Zunge die Marmelade zu lecken, die Ben unbewusst vom Brot hatte fallen lassen. Ben ließ es geschehen, während er gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Der Nebel draußen hatte sich inzwischen verzogen, doch es war ein trostloser, grauer Morgen, der nicht viel Hoffnung versprach.
„Was mache ich hier eigentlich?“, murmelte er leise, während er in seine Tasse Kaffee blickte.
Seine Eltern hatten gerade erst ihre eigenen Gewohnheiten hinter sich gebracht. Sie waren zu Hause, wie immer. Es war still im Haus, das typische Bild der frühen Morgenstunden. Doch heute hatte Ben das Gefühl, dass es auch nicht viel Unterschied machte, wo er war.
„Du solltest wirklich mal aus dem Haus kommen“, hatte seine Mutter gestern gesagt, als sie von der Nachricht vom Tod der Großmutter erfahren hatte. „Es ist nicht gut, wenn du dich immer so zurückziehst.“
Sie hatten geplant, am Vormittag zum Haus der Großmutter zu fahren, um dort mit dem Ausräumen zu beginnen. Das war jetzt die nächste Aufgabe, die vor ihnen lag. Ben hatte noch nie wirklich darüber nachgedacht, was dieses Haus für ihn bedeutete. Es war nur der Ort gewesen, an dem er aufgewachsen war, und doch hatte es jetzt eine seltsame Bedeutung, die er nicht genau benennen konnte.
Er seufzte und nahm einen weiteren Schluck Kaffee, während Herr Schröder ihm weiterhin die Marmelade vom Toast leckte. „Du bist schon ein Genießer, was?“, sagte Ben und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
Doch auch das Schmunzeln brachte ihm keine Erleichterung. Irgendetwas nagte weiterhin an ihm – das Gefühl, dass er auf etwas stieß, was noch nicht ganz erkennbar war.
5
Ben fuhr durch die trüben Straßen und ließ die gewohnte, graue Stadt hinter sich. Die Fahrt war ruhig und unspektakulär, ein langsames Dahingleiten auf den vertrauten Wegen. Als er schließlich vor dem Haus seiner Eltern anhielt, fühlte es sich wie ein Rückzugsort an, ein temporärer Schutz vor allem, was ihn beschäftigte.
Das Elternhaus war groß, aber gemütlich. Ein imposantes, altmodisches Gebäude mit einer breiten, mit Efeu überwachsenen Fassade. Die Türen waren stets offen, so wie er es kannte, auch wenn seine Eltern es in letzter Zeit immer weniger mochten, Besucher zu empfangen. Es war nie ihr Stil gewesen, zu protzen. Der Garten war ordentlich, mit ein paar verwilderten Ecken, in denen die Pflanzen ihren eigenen Willen durchzusetzen schienen – ganz im Gegensatz zu den klar strukturierten Köpfen seiner Eltern.
Ben trat durch die Vordertür, und sofort empfing ihn der vertraute Geruch nach Kaffee und Büchern. Die Wohnung wirkte stets gepflegt, aber nie steril. Ein warmer Mix aus Tradition und einer gewissen künstlerischen Ungezwungenheit, den Ben immer mit seinen Eltern in Verbindung brachte.
„Da bist du ja“, sagte seine Mutter, als sie die Küchentür öffnete und Ben mit einem müden, aber freundlichen Lächeln begrüßte. Sie war eine feingliedrige, eher zurückhaltende Frau, die ihren Job als Lektorin in einem kleinen, aber renommierten Verlag mit Leidenschaft ausübte. Ihre Liebe zur Literatur war in Ben übergegangen, seit er denken konnte. Schon als Kind hatte er auf ihren Knien gesessen, während sie ihm aus den klassischen Werken vorlas. Es war nie nur die Geschichte selbst gewesen, sondern die Liebe zu den Worten, die sie ihm vermittelte und die er gierig in sich aufnahm.
...
Es war ein gewöhnlicher Abend in der Bücherei, und Ben hatte gerade das letzte Buch ins Regal gestellt. Die alten, hölzernen Regale knarrten unter der Last der Bücher, und der leise Summton der Neonlichter ließ die Zeit stillstehen. Herr Schröder, der rote Kater, hatte sich auf einen Stapel Romane gelegt und schnarchte sanft vor sich hin. Ben wollte gerade das Licht ausschalten und den Laden schließen, als sein Handy vibrierte. Es war seine Mutter.
„Hi, Mum“, sagte er, während er das Gerät zwischen Schulter und Ohr klemmte. „Was gibt’s? Willst du wissen, ob ich heute Abend wieder auf dem Sofa versinke und ein paar weitere Seiten von meinem Buch lese?“
Doch die Antwort kam nicht mit dem gewohnten Humor, der sonst immer in ihren Gesprächen lag. Stattdessen war die Stimme seiner Mutter dünn und angespannt, fast unhörbar.
„Ben … es ist deine Großmutter. Sie ist … gestorben …“
Es war, als würde der Boden unter seinen Füßen wegbrechen. Das Regal, an dem er gerade gearbeitet hatte, wurde verschwommen vor seinen Augen, und für einen Moment konnte er den vertrauten Klang der Bücherei, das leise Rauschen der Lüftung, nicht mehr hören. Alles war still. Nur das schwere Rauschen in seinen Ohren, das sich wie eine Welle aufbaute.
„Was?“ Ben konnte seine Stimme kaum fassen. „Aber … du hast doch gesagt, es ginge ihr besser. Sie hätte sich erholt …“
„Es ging ihr besser“, wiederholte seine Mutter, aber jetzt klang ihre Stimme brüchig. „Aber heute Morgen … hatte sie einen Schlaganfall. Es war schnell. Und dann …“
„Ich hätte sie besuchen sollen“, flüsterte Ben, ohne es wirklich zu wollen. „Ich wollte doch …“
„Ben, du kannst nichts dafür. Das hätte niemand ahnen können. Aber …“ Sie stockte. „Ich wollte dich nicht anrufen, während du arbeitest, aber ich dachte, du solltest es wissen.“
Ben starrte auf das Handy, als würde es ihm Antworten liefern. „Was ist jetzt? Was machen wir?“
„Dein Vater und ich, wir … wir werden morgen zum Haus fahren, um ein paar Sachen zu regeln. Es wäre gut, wenn du mitkommst. Es tut uns allen gut, wenn wir das zusammen angehen.“
„Ja“, murmelte Ben. „Ich komme mit.“
Die Bücherei war nun völlig still. Das Licht der Straßenlaterne, das durch die Fenster schimmerte, ließ den Raum in einem gespenstischen Dämmerlicht erscheinen. Ben ließ sich in den alten Stuhl hinter dem Verkaufspult sinken und starrte ins Leere.
Herr Schröder, der es sich immer noch bequem gemacht hatte, rollte sich mit einem leisen Schnurren zusammen und öffnete langsam die Augen. Ben streichelte sanft über das dichte, rote Fell des Katers und murmelte: „Schröder, was soll ich jetzt machen?“
Der Kater, ganz in seiner eigenen Welt, schnurrte zufrieden weiter und zeigte keine Anzeichen davon, dass die Welt sich gerade verändert hatte.
Ben schloss die Augen, um die Worte seiner Mutter zu begreifen, aber der Schmerz blieb wie ein dichter Nebel. Was sollte er tun? Wieso hatte er nicht früher gehandelt?
Ben zog den Rollladen hinter sich zu und machte sich auf den Heimweg.
2
Es war ein kühler, feuchter Abend, und der Nebel lag schwer über den Straßen, als Ben den langen Weg nach Hause antrat. Die feuchte Kälte kroch langsam in seine Knochen, doch es war nicht nur der Nieselregen, der ihn frösteln ließ. Es war die Stille – eine Stille, die sich wie ein schwerer Mantel über die Stadt legte. Herr Schröder hatte sich tief in seiner warmen, gemütlichen Tasche vergraben und seufzte verschlafen. Der Nebel war so dicht, dass Ben die vertrauten Häuser nur schemenhaft erkennen konnte, die Straßenlaternen in blasses, verschwommenes Licht tauchten.
Ben zog seinen Kragen enger und blickte auf den nassen Asphalt vor sich. Er hatte keinen bestimmten Plan, wo er gehen wollte. Der Weg nach Hause war längst ein vertrauter, aber nun fühlte sich jede Ecke, jeder Schritt, als würde er auf unbekanntem Terrain wandeln.
Er ging einen großen Umweg, als ob er sich selbst aus der Richtung der Gedanken und Gefühle stehlen wollte, die ihn verfolgten. Die Nachricht von seiner Großmutter, die ihn so völlig überrascht hatte, ließ ihn nicht los. Er fühlte sich wie gelähmt, als würde er in einem Moment der Zeit gefangen sein, aus dem er nicht entkommen konnte. Was sollte er jetzt tun? Warum hatte er nicht mehr Zeit mit ihr verbracht? Warum war er nicht öfter zu ihr gegangen?
Er versuchte, sich abzulenken – dachte an die letzten Sommerferien, die er bei ihr verbracht hatte. Diese Sommer, als er in den drei Wochen, die seine Eltern regelmäßig verreisten, in ihrer alten Villa lebte, wurden für ihn zu einem eigenständigen Universum. Damals war es noch nicht so ruhig in der Bücherei, und er hatte viel Zeit mit seiner Großmutter verbracht, um zur Ruhe zu kommen.
„Warum war ich nie bereit, wieder zu reisen?“, murmelte er, als er sich an eine der vielen Sommerferien erinnerte. Reisen hatte ihn immer gestresst. Das Unbekannte, der ständige Wechsel von Orten, das Gefühl, niemals wirklich anzukommen. Doch bei ihr fühlte er sich zu Hause. Das Haus, der Garten, die seltsamen, fast magischen Geschichten, die sie ihm erzählte – all das war für ihn ein fester Anker. Die letzten Monate hatte er die Besuche immer abgelehnt, vielleicht, weil er wusste, dass es nicht mehr so war wie früher. Sie war nicht mehr die Gleiche, und er hatte nie verstanden, warum.
Er bog eine Ecke nach der anderen, verlor sich immer weiter in seinen Gedanken. In seiner Erinnerung war sie immer die Gleiche: die Großmutter, die mit ihm auf dem Schaukelstuhl saß, die ihm Geschichten von vergangenen Zeiten erzählte, die ihn oft zur Welt der Märchen führte, die er nie ganz verstand, aber immer hören wollte. Doch jetzt war sie nicht mehr da.
Er ging weiter durch die nebligen Straßen, der kalte, feuchte Nebel umhüllte ihn und schien alles in eine graue, verschwommene Unwirklichkeit zu tauchen. Der Klang seiner Schritte war das einzige Geräusch, das nun durch die Stille drang. Es war ein seltsam einsamer Abend, und der Gedanke an die Nachricht über seine Großmutter ließ ihn nicht los.
Plötzlich spürte er eine Bewegung am Rande seines Blicks. Er blickte auf und sah eine Frau mit einem kleinen Kind, die langsam die gegenüberliegende Seite der Straße entlanggingen. Die Frau war in einen langen, dunklen Mantel gehüllt, der ihre Gestalt fast verschwinden ließ, während der Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, an ihrer Seite ging.
Als Ben die beiden ansah, traf ihn der Blick des Jungen. Die Augen des Kleinen waren groß und neugierig, fast als würde er Ben schon kennen – oder als würde er ihn mit einer intensiven, unerklärlichen Frage ansehen. Der Junge blieb kurz stehen und starrte Ben an, doch die Frau, die ihm offenbar eine enge Hand hielt, ging weiter und zog das Kind nach, ohne sich umzudrehen.
Ben blieb ebenfalls stehen und sah zu, wie die beiden weitergingen, aber der Blick des Jungen ließ ihn nicht los. Die Frau und der Junge gingen langsam weiter, verschwanden dann lautlos im Nebel, als wären sie einfach ein Teil der dichten, grauen Wand, die die Straßen verschlang.
Ben stand noch eine Weile regungslos da, der Blick des Jungen in seinem Kopf. Was war das eben gewesen? Es war so flüchtig, so seltsam, dass er sich fragte, ob er sich das alles nur eingebildet hatte. Aber der Moment fühlte sich zu klar an, als dass er einfach verschwinden könnte.
Er schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort, doch das Gefühl, dass etwas Ungeklärtes in der Luft lag, blieb bei ihm – wie ein Fragment einer Erinnerung, das er nicht ganz greifen konnte.
3
Ben nippte an seinem heißen Tee, der ihm helfen sollte, die Kälte aus seinem Körper zu verdrängen. Er legte das Fotoalbum beiseite und starrte nachdenklich auf das Bild. Es war ein Moment aus seiner Kindheit, der sich ihm immer wieder eingeprägt hatte. Die Sonne, das Lächeln seiner Großmutter, das Gefühl von Geborgenheit. Doch nun hatte er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Etwas an diesem Bild fühlte sich … anders an.
Er schüttelte den Kopf und stand auf. Es war nichts Greifbares, nur ein flüchtiger Eindruck, der ihm für einen Moment das Gefühl gab, als hätte er etwas übersehen. Aber es war nur ein flimmernder Gedanke, der so schnell, wie er gekommen war, wieder verschwand.
„Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein“, murmelte er, während er das Album zurück ins Regal stellte. Herr Schröder sprang lautlos auf den Tisch und legte sich schnurrend auf die Fotokiste. Ben streichelte den Kater, doch der Gedanke an das Bild, das Gefühl von etwas Unvollständigem, ließ ihn nicht ganz los.
Es war, als ob die Erinnerung an diesen Moment, den er so gut kannte, in diesem Moment etwas in ihm berührte, das er nicht erklären konnte. Aber es war nur ein flüchtiger Gedanke, eine Erinnerung, die in den Ecken seines Verstandes schwirrte. Nichts, worüber er sich weiter den Kopf zerbrechen wollte.
4
Ben wachte früh auf, als das Licht durch das Fenster drang und die ersten Strahlen des Morgens die Zimmerwand erleuchteten. Doch die Nacht hatte ihm keine Ruhe gebracht. Die Gedanken an die seltsame Begegnung gestern und das Bild mit seiner Großmutter ließen ihn nicht los. Ein vages Gefühl, als ob ihm etwas entglitten wäre, schwirrte in seinem Kopf.
Er drehte sich zur Seite und starrte auf die Decke, noch immer von einer inneren Unruhe geplagt. Die Stille des Morgens, die ihn normalerweise beruhigte, schien ihn heute noch mehr zu quälen. Ohne wirklich darüber nachzudenken, griff er nach seinem Handy und wählte die Nummer der Bücherei. Heute konnte er nicht arbeiten. Es war nicht, dass er sich krank fühlte, aber er brauchte Abstand – Abstand von den Gedanken, den Erinnerungen und dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
„Ich komme heute nicht“, sagte er, als die Stimme von Daniel, seinem Kollegen, am anderen Ende der Leitung sich nach dem Grund erkundigte. „Bin einfach nicht fit.“
Nachdem er aufgelegt hatte, schlurfte er in die Küche und begann, sich ein schnelles Frühstück zu machen. Der rote Kater, Herr Schröder, schlich wie immer um seine Füße und sprang schließlich auf den Tisch. Er schnupperte am Toast, der vor Ben auf dem Teller lag, und begann, mit der Zunge die Marmelade zu lecken, die Ben unbewusst vom Brot hatte fallen lassen. Ben ließ es geschehen, während er gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Der Nebel draußen hatte sich inzwischen verzogen, doch es war ein trostloser, grauer Morgen, der nicht viel Hoffnung versprach.
„Was mache ich hier eigentlich?“, murmelte er leise, während er in seine Tasse Kaffee blickte.
Seine Eltern hatten gerade erst ihre eigenen Gewohnheiten hinter sich gebracht. Sie waren zu Hause, wie immer. Es war still im Haus, das typische Bild der frühen Morgenstunden. Doch heute hatte Ben das Gefühl, dass es auch nicht viel Unterschied machte, wo er war.
„Du solltest wirklich mal aus dem Haus kommen“, hatte seine Mutter gestern gesagt, als sie von der Nachricht vom Tod der Großmutter erfahren hatte. „Es ist nicht gut, wenn du dich immer so zurückziehst.“
Sie hatten geplant, am Vormittag zum Haus der Großmutter zu fahren, um dort mit dem Ausräumen zu beginnen. Das war jetzt die nächste Aufgabe, die vor ihnen lag. Ben hatte noch nie wirklich darüber nachgedacht, was dieses Haus für ihn bedeutete. Es war nur der Ort gewesen, an dem er aufgewachsen war, und doch hatte es jetzt eine seltsame Bedeutung, die er nicht genau benennen konnte.
Er seufzte und nahm einen weiteren Schluck Kaffee, während Herr Schröder ihm weiterhin die Marmelade vom Toast leckte. „Du bist schon ein Genießer, was?“, sagte Ben und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
Doch auch das Schmunzeln brachte ihm keine Erleichterung. Irgendetwas nagte weiterhin an ihm – das Gefühl, dass er auf etwas stieß, was noch nicht ganz erkennbar war.
5
Ben fuhr durch die trüben Straßen und ließ die gewohnte, graue Stadt hinter sich. Die Fahrt war ruhig und unspektakulär, ein langsames Dahingleiten auf den vertrauten Wegen. Als er schließlich vor dem Haus seiner Eltern anhielt, fühlte es sich wie ein Rückzugsort an, ein temporärer Schutz vor allem, was ihn beschäftigte.
Das Elternhaus war groß, aber gemütlich. Ein imposantes, altmodisches Gebäude mit einer breiten, mit Efeu überwachsenen Fassade. Die Türen waren stets offen, so wie er es kannte, auch wenn seine Eltern es in letzter Zeit immer weniger mochten, Besucher zu empfangen. Es war nie ihr Stil gewesen, zu protzen. Der Garten war ordentlich, mit ein paar verwilderten Ecken, in denen die Pflanzen ihren eigenen Willen durchzusetzen schienen – ganz im Gegensatz zu den klar strukturierten Köpfen seiner Eltern.
Ben trat durch die Vordertür, und sofort empfing ihn der vertraute Geruch nach Kaffee und Büchern. Die Wohnung wirkte stets gepflegt, aber nie steril. Ein warmer Mix aus Tradition und einer gewissen künstlerischen Ungezwungenheit, den Ben immer mit seinen Eltern in Verbindung brachte.
„Da bist du ja“, sagte seine Mutter, als sie die Küchentür öffnete und Ben mit einem müden, aber freundlichen Lächeln begrüßte. Sie war eine feingliedrige, eher zurückhaltende Frau, die ihren Job als Lektorin in einem kleinen, aber renommierten Verlag mit Leidenschaft ausübte. Ihre Liebe zur Literatur war in Ben übergegangen, seit er denken konnte. Schon als Kind hatte er auf ihren Knien gesessen, während sie ihm aus den klassischen Werken vorlas. Es war nie nur die Geschichte selbst gewesen, sondern die Liebe zu den Worten, die sie ihm vermittelte und die er gierig in sich aufnahm.
...

