Science Fiction & Fantasy

Chol

J.S. alias E.A. Oannes

Chol

Band 2

Leseprobe:

7


Meredea saß im Becken mit einer Schüssel voll der neuartigen Reis-Kräcker vor sich. Sie warteten auf das Zeichen des Kommandanten. In den nächsten Sekunden würden die Tore eingeschaltet werden. Jeder der Mannschaft war im Labor, bis auf die zwei Mann Wache auf der Brücke. Lan und Cheung hatten diese Aufgabe übernommen, da sie auch den Anfang des Wassertransfers auf Cholar sehen wollten, und dieser kam auf dem Bildschirm der Brücke herein. Die beiden würden diese Aufnahmen speichern, denn natürlich wollte das jeder sehen, aber da sie nicht so viele Bildschirme hatten, würde das nur die Brückenmannschaft live zu sehen bekommen. Kein Bildschirm sollte etwas zeigen, was schon auf einem anderen Bildschirm gezeigt werden würde. Inzwischen herrschte schon eine Feierlaune auf dem Schiff. „Ich komme mir vor wie in einer deutschen Kneipe kurz vor dem Anpfiff eines wichtigen Fußballspieles der deutschen Nationalmannschaft“, war Meredeas Aussage. Ein paar der Mannschaftsmitglieder jubelten, als der Bildschirm ansprang, welcher die Satellitenmannschaft auf der Station zeigte. Dann kam das Zeichen des Kommandanten auf dem Schirm, und die Mannschaft zählte laut von zehn bis eins mit, wie beim Start einer Rakete. Bei null konnten sie wieder diese kurze Bewegung des Wassers auf dem Schirm sehen, das aufgenommene Tor schien kurz zu verschwimmen, und eine der Farbkugeln der Drandar zeichnete eine schnell länger werdende Linie im Wasser, bis der Faden im Tor verschwand. Sie jubelten wieder. „So, wie es aussieht, arbeiten alle Tore. Jetzt sind zweitausend Tore in Betrieb. Der Satellit über Cholar meldet, dass alle zweitausend Tore auf Cholar empfangen. Keine roten Lämpchen. Wir werden somit von dort bald den Empfang des Wassers bestätigt bekommen“, der Kommandant hieb, während er das sagte, freudig auf sein Pult, „also scheint doch alles zu klappen, aber jetzt muss ich mir die Winkel ansehen, es müssen immer die richtigen Tore eingeschaltet sein.“ Er sah nicht in die Kamera, bediente aber seinen Rechner. Die Mannschaft auf der Meeresblüte reichte inzwischen die ersten Gläser mit Sekt herum. Die Kinder waren in eines der mittelgroßen Becken verbannt worden und prosteten sich mit Orangensaft zu.
„Auf einen glücklichen Ausgang des Experimentes. Darauf, dass Cholis näher an Chol bleibt“, gab Meredea von sich, als er angestarrt wurde, um den Trinkspruch von sich zu geben. Sie hoben die Gläser und tranken dann. Einer der Schirme würde dann darauf geschaltet, die Flutwelle im Vergleich zum Stand zu Chol zu zeigen. Es gab aber noch keine Abweichungen der Linien. Danach, über den Bildschirm der Drandar, eine Aufnahme von deren Satelliten, wie mehrere hundert Tore gleichzeitig anfingen, Wasser zu speien. Keiner der Drandar war auf Cholar geflogen, sie hatten auf Cholis zu viele Aufzeichnungen zu überwachen, um auch nur einen der ihren entbehren zu können, aber sie hatten einen ihrer Satelliten nach Cholar entsandt, und dieser nahm nun dort Bilder auf. „Von oben sieht das schon gut aus, aber ich bin auf die Aufzeichnungen von Aiga gespannt. Da haben wir dann noch mehr Auswahl.“ Liu neben ihm nickte. Meredea starrte weiter auf den Schirm, auf welchem gezeigt wurde, wie die Farbkugel der Drandar ihren Streifen zog. Das Wasser floss schnell. Häppchen wurden herumgereicht. Es wurde genüsslich gegessen. Meredea starrte weiter den Bildschirm an. Chantal hatte sich neben ihn gesetzt mit einer weiteren Schüssel voller Kräcker. Diese waren sauerscharf. Meredea verzog das Gesicht. „Gut, aber wirklich scharf“, meinte er. Han starrte zu ihm hinüber. „Nein, Han die sind wirklich zu scharf. Die schmecken dir nicht.“ Doch Chantal nahm sich grinsend ein paar und schob sie sich in den Mund.
„Hat die Linie sich nicht gerade bewegt?“, fragte sie dann und deutete auf den Schirm, welcher die Flutwelle im Verhältnis zu Chol anzeigte. Meredea sah hinüber. Chantal nahm sich weitere Kräcker. „Du musst dich getäuscht haben. Das wäre zu früh, und der Kommandant hätte uns das sofort gemeldet. Chantal lächelte. „Vielleicht war es nur die Anpassung an die Rotation von Cholis selbst“, erwiderte sie. Meredea zuckte mit den Schultern. Der Kommandant meldete sich. „Nun kommt die Anpassung der Tore an den Winkel zur Welle, hundert sollten sich abschalten, und hundert andere sollten sich einschalten“, verkündete dieser. Meredea nickte. Es musste automatisch klappen. Der Kommandant lehnte sich zurück und starrte weiter auf den Schirm. Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis er freudig nickte. „Es hat geklappt. Das Programm funktioniert. Wir werden es also dem Computer überlassen können. Müssen nur den überwachen, aber das kriegen wir hin.“ Meredea applaudierte. Der Kommandant nickte in die Kamera. „Auch Glückwünsche von Andak und den Drandar. Dass dies von Anfang an klappt, hatten sie nicht erwartet. Sie haben schon gedacht, dass ich da ein paar Fehler suchen gehen müsste. Nun, jetzt wissen sie es.“ Meredea nickte nun seinerseits in die Kamera. Er räkelte sich extrem wohlig im Wasser. „Bei uns darf es ja auch klappen, nicht wahr? Ich hoffe nur, dass die Menge an transferiertem Wasser groß genug sein wird, der Anziehungskraft dieses fünften Planeten etwas zu entgehen. Da erwarte ich mehr davon als auf die Bewegung der Welle.“ Der Kommandant zuckte mit den Schultern. „Etwas werden wir während des Transfers schon berechnen können. Aber die Resultate sind dann zwei bis drei Monate nach dem Transfer erst wirklich evident, wenn wir nicht die Berechnungen nehmen müssen, sondern die Position Cholis’ neu messen können.“ Meredea zuckte mit den Schultern. „Cholis wird lange genug an Chol bleiben, um Cholar und Basis mit Wasser versorgen zu können. Auf alles Weitere, wie eine erfolgreiche Fischzucht auf Cholis, hoffe ich zwar auch, schon für die Wale und insbesondere unsere Verbindung zu diesen, aber das waren die wirklichen Ziele in letzter Zeit. Unsere Fischzucht wird immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Ich glaube sogar, dass die Wale uns da ganz schön etwas vormachen werden. Aber dadurch werden wir auch nur lernen können, aber das große Geschäft, wie antizipiert, wird es lange nicht werden. Wie Ken es richtig ausgedrückt hat, der wirkliche Gewinn für die Menschheit liegt im Transfer des Wassers. Wir werden zwei Planeten zum Leben erwecken, und wenn wir unsere Fische dort züchten müssen, und nicht hier, dann werden wir es eben dort tun.“ Masme nickte zustimmend zu dem Gesagten. „Und wenn wir Cholis komplett den Walen überlassen würden und sie uns nur einen Teil des Fanges überlassen, wir aber dafür beobachten dürften, was genau sie tun. Der Untergang wäre es nicht. Wir hätten die Möglichkeit, viel zu lernen. Das ist wichtig. Wir werden in Zukunft sicherlich weitere, ähnliche Projekte durchführen müssen, um mehr Lebensraum für die Menschen zu schaffen, und das Lernen liegt dabei auf dem Wege.“ Meredea grinste den Priester an, während er das sagte. Dieser lächelte einfach nur zurück.
Es dauerte Stunden, bis der Kommandant bestätigte, dass die Flutwelle auf Cholis sich in Bewegung gesetzt hatte. Das rief wieder das Interesse der Mannschaft der Meeresblüte zurück, welche sich inzwischen mehr darauf konzentriert hatte, das Fest zu feiern, auch Musik zu hören, in der Kantine zu tanzen und dabei weiter Sekt zu trinken und Häppchen zu sich zu nehmen. Der Schirm, welcher den Winkel der Welle zu Chol zeigte, wurde angestarrt, und niemand aß oder trank mehr etwas, aber es schien tatsächlich so, als ob der Gipfel der Welle nicht mehr direkt auf Chol zeigen würde, sondern um ein paar Grad gewandert war. Es brach Jubel aus. „Nun muss das nur noch dafür sorgen, dass auch Chol sich schneller um seine Achse dreht, aber das werden wir erst in ein paar Monaten wirklich beweisen können“, meinte der Kommandant, als der Jubel etwas leiser geworden war. „Um wie viel muss sich die Rotation eigentlich beschleunigen, damit wir tatsächlich einen spürbaren Effekt sehen können?“, wollte Meredea dann wissen. „Nun, laut der Angaben Andaks müssen das mindestens zehn Minuten pro Tag sein, also würden eure Tage zehn Minuten kürzer werden müssen, um die Ellipse etwas abzuflachen. Ob wir das bei diesem Experiment erreichen werden, das wissen wir noch nicht, aber wir haben ja in fünf Jahren eine ähnliche Konstellation, nur dass wir da dann schon hinter dem fünften Planeten den Scheitelpunkt der Ellipse erreichen. Also wird die Gewichtsabnahme da einen geringeren Effekt haben. Das konnten wir jetzt schon berechnen, und das war kompliziert genug, aber es wird trotz des Widerspruches in sich selbst einen noch größeren Effekt auf die Gravitation hervorrufen als jetzt. Ich weiß, das klingt jetzt widersinnig, aber vieles von dem, was wir im Augenblick berechnen, klingt widersinnig. Aber dann werden wir größere Mengen an Wasser zur Verfügung haben, um unser Experiment durchzuführen. Aber, wie gesagt, um einen sehenswerten Effekt hervorzurufen, müsste Cholis’ Tag sich um zehn Minuten verkürzen. Langfristig wäre das Ziel eine halbe Stunde, so wollen die Wale es, dann hätten wir einen wirklich sehenswerten Effekt, aber das ist mir zu utopisch. Jetzt ein paar Minuten und in fünf Jahren genug, um die zehn Minuten voll zu machen. Das ist realistisch für mich.“ Meredea nickte die Erklärung des Kommandanten ab. „Das wird auf alle Fälle viel Wasser benötigen. Mir drängt sich da ein Dreisatz auf“, murmelte Meredea dann. „Nun, ganz so einfach ist es nicht, aber ich verstehe, was du meinst“, erwiderte der Kommandant, „es geht auch um die Geschwindigkeit, welche das Wasser erreicht. Vergiss eines nicht: Eigentlich dreht die Flutwelle sich in vierundzwanzig Stunden um den ganzen Planeten, um es mal so auszudrücken. Das Wasser steht zwar, aber jetzt berücksichtige die Geschwindigkeit, mit welcher Cholis sich unter dem Wasser hinweg dreht.“ Der Kommandant starrte in die Kamera, doch er sah, dass Meredea das nicht erfassen konnte. „Meredea, das ist erheblich kompliziertere Mathematik und Physik, vergiss auch nicht, dass der Planet kleiner wird, auch das hat einen Effekt. Was wir erreicht haben, werden wir erst zwei Monate nach dem Ende des Transfers messen können. Berechnungen sind hier mal richtig kompliziert. Aber ich kann nachvollziehen, was du mit deinem Dreisatz meinst.“
Meredea nickte einfach nur wieder. „Nun, dann lass es mich wissen, sobald ihr es gemessen habt, aber dass die Welle sich bewegt und Geschwindigkeit aufnimmt, ist schon mal was, aber ich glaube nicht, dass sie lange existieren wird, aber das werden wir noch sehen. Zum Beispiel, wenn wir hier oben im Norden plötzlich ein Problem mit der Seitenströmung haben.“ „Genau das meine ich. Wir wissen nicht, wie viel Wasser schmelzen wird, wenn die Pflanzendecke auf dem Eis aufsitzt, aber wir werden es bald wissen.“ Meredea starrte dann auf den Schirm. „Wie sieht es dann eigentlich aus, wenn nächstes Jahr Cholar wieder an uns vorbeizieht? Auch wenn der fünfte Planet dann nicht in unserer Nähe sein wird, das Experiment mit der Welle kann ja dann auch durchgeführt werden.“ „Rein theoretisch schon, aber wir wollten für diese Zeit ja Cholis so schwer wie möglich lassen, um von Cholar und Chol selbst so stark wie möglich angezogen zu werden. Ich weiß, diese Unterschiede spielen sich nicht einmal mehr im Promillebereich ab, aber es könnte einen Unterschied machen. Wenn jedoch das Experiment mit der Welle einen guten Erfolg erzielt, dann werden wir neu berechnen und sehen, ob es uns nicht mehr helfen würde, die Welle jedes Jahr in Gang zu setzen oder sie sogar in Gang zu halten, indem wir zu Basis in der Zwischenzeit durch mehr Tore Wasser schicken. Das wäre eventuell auch möglich. Mit den jetzigen fünfzig Toren dürfte das zwar nicht klappen, aber es sind inzwischen schon weitere Tore zu Basis geplant, und mit der Hilfe der Drandar werden diese Tore schnell installiert sein. Dann werden es zweihundert oder mehr Tore zu Basis sein, welche wir konstant nutzen können. Damit werden wir zwar keine Bewegung der Welle erzeugen können, aber wir wären eventuell in der Lage, eine Welle, welche bereits in Gang ist, in Gang zu halten. Doch das wissen wir jetzt noch nicht, wir wollen zuerst sehen, was die Resultate des jetzigen Experimentes sind, und dass die Welle sich so früh schon bewegt, ist für uns eine gute Sache, damit hatten wir zum Beispiel noch nicht gerechnet.“ Meredea nickte. „Verstanden, da werden wir uns sicherlich später nochmals darüber unterhalten, aber ich sehe ein, dass ihr das nicht mehr berechnen könnt, sondern wir zuerst die Resultate abwarten müssen.“
Der Schirm mit der Anzeige der Welle wurde nun genauer beobachtet. Aber noch machte sich keine Seitenströmung bemerkbar. Auch Stunden nach dem Einschalten der Tore nicht. Sie fuhren weiter, und Meredea übernahm mit Liu die Wache auf der Brücke. Als Erstes ließen sie auf dem Bildschirm auf der Brücke die Szene wiederabspielen, welche das Eintreffen des Wassers auf Cholar zeigte. Es gab einen Schnitt im Schirm, und die Szene wurde von zwei verschiedenen Kamerateams gezeigt. Als Erstes die Tore, welche noch kein Wasser von sich gaben, was sich jedoch nach wenigen Sekunden änderte. Dann wurde der Strahl immer dicker und anscheinend auch immer schneller. „Mann, wird das ein Sog hier“, war der erste Kommentar, welcher einer der Kameramänner von sich gab, welche diese Tore filmten. „Wir gehen besser ein bisschen weiter weg. Es wird auch verdammt kalt. Eigentlich sollte heiße Luft nachgezogen werden, dass es einen Sog gibt, das haben wir ja gewusst, aber dass es kalt werden würde, das haben wir nicht erwartet.“ Der andere Kameramann schien zu nicken, und die Tore waren für einige Sekunden aus dem Sichtbereich, aber dann gingen die Leute rückwärts. „Wie kann es sein, dass es so kalt wird? Wir wissen, dass das Wasser kalt ist, aber die Luft, welche nachgezogen werden sollte, sollte doch heiß sein, verdammt.“ „Nun, es mag einen Wirbel gegeben haben, wir sind immer noch verdammt nahe dran, und der Ausstoß der Tore wird immer schneller. Wir sollten weiter weg. Ich meine richtig weiter weg, nicht nur ein paar Schritte“, war dann zu hören. Wieder verschwanden die Tore aus dem Sichtbereich, und es wurde gezeigt, wie die Männer sich von der voherigen Stelle entfernten, aber als sie sich wieder umdrehten und die Tore aufnahmen, schien der Sog immer noch anzuhalten. „O. K., noch weiter weg. Das kann nicht wahr sein. Der Wind nimmt konstant zu.“ Der andere Kameramann schien wieder zu nicken. „Lass uns zum Fahrzeug gehen und weiter wegfahren. Das wird mit hier zu arg. Der Wind wird immer heftiger.“ Als Meredea das sah, hätte er fast gelacht. Doch er konnte sich beherrschen. „Ich bin mit hundertsiebzig durch das Eis gejagt, was meinst du, was für einen Sog ich dabei verursacht habe“, murmelte er erklärend zu einer entrüsteten Liu hin. Diese nickte dann auch leicht grinsend.
Dann wurde ein anderes Kamerateam gezeigt, dass anscheinend von Anfang an eine andere Position bezogen hatte. Sie zeigten die Tore von der Seite, man konnte also nicht sehen, wie viele Tore es an dieser Stelle waren. Doch man konnte sehen, wie tief das Wasser fiel. Man konnte sehen, wie schnell und wie weit es aus den Toren schoss. Doch der Strahl schien am Anfang nicht einmal den zukünftigen Meeresboden zu erreichen. Die Tore standen auf einer Klippe, der Grund bis zum zukünftigen Meeresboden fiel weit ab. Es schien mehr als ein Kilometer zu sein, was es aber sicherlich nicht war. Der Wasserstrahl verwandelte sich vor dem Aufschlag in einen Nebel, der zuerst davongetrieben zu werden schien. Doch dann konnte man erkennen, dass das Wasser auftraf. Ein Dröhnen setzte ein. „Also, jetzt weiß ich, von was die sprechen. Es wird auch hier tatsächlich kälter. Es muss ein Wirbel in der Luft geben. Aber unangenehm ist es nicht. Die Luft wird auch feuchter. Man kann es richtig auf der Haut spüren. Sieh, wie sie rennen.“ Das Bild wechselte zu dem anderen Kamerateam, welches die Tore von hinten aufgenommen hatte, und zeigte, wie dieses zu einem Fahrzeug rannte, aber man konnte dabei auch erkennen, wie es einem starken Wind ausgesetzt schien. Die Kameraleute lachten. Liu konnte beim Betrachten der Bilder nur den Kopf schütteln. „Ich wüsste zu gerne, wie viele Tore das waren“, murmelte sie, doch Meredea konnte keine Antwort geben. Dann gingen die Bilder zurück zu den Toren. Das Wasser schien nun noch schneller und noch weiter aus den Toren zu schießen. Der Strahl wurde immer weiter, aber man konnte auch erkennen, wie große Steine vom Meeresboden davonspritzten. „Da haben wir schon eine ganz schöne Wucht“, bemerkte Meredea. Liu nickte nur. „Aber dass es solche Bilder geben würde, kann ich fast nicht glauben.“ Meredea gab keine Antwort, er starrte weiter auf den Bildschirm. Das Wasser war eine Fontäne in der Waagerechten. Es schoss immer weiter über den Abgrund hinweg und traf immer weiter von den Toren entfernt auf dem Boden auf. Geröll wurde aus dem Weg geräumt, als der auftreffende Strahl eine regelrechte Rinne auf dem zukünftigen Meeresboden schuf. „Das ist auf alle Fälle nicht wenig, und das waren erst die ersten fünfzehn Minuten.“
Liu hielt den Film an. Sie und Meredea sahen sich die Anzeigen der Meeresblüte an. Doch sie machten immer noch die gleiche Fahrt wie vor Stunden auch. Der Effekt des Ablassens war noch nicht bei ihnen eingetroffen. Beide wandteen sich wieder dem Bildschirm zu. Stundenlang starrten sie auf die Bilder, welche von Cholar hochgeschickt worden waren.
„Unsere Wache ist um, also auf, zurück ins Becken und ein paar Häppchen genießen, während wir uns wieder andere Bilder ansehen. Ich bin mir sicher, die Welle hat sich weiterbewegt. Und abstürzendes Wasser auf Cholar habe ich zur Genüge gesehen. Wir sind in zwei Tagen wieder mit einer Wache dran. Dann kann ich das sicherlich auch wieder beobachten“, meinte Meredea acht Stunden später. „Genau das. Ab ins Becken und ein paar Häppchen genießen und nochmals eine Flasche Wein aufmachen, wenn wir noch welchen haben, was ich schwer hoffe.“ Sie grinste wieder.
Masme und Weng hatten inzwischen nochmals aufgetischt, und Meredea lag mit Liu und Chantal im Becken und beobachtete den Bericht der Drandar. Das zweite Umschalten der Tore schien auch geklappt zu haben, und die Drandar befanden sich in gehobener Laune. Zwar konnte Meredea nicht alle ihre Späße nachvollziehen, aber wenn die Drandar in guter Stimmung waren, dann war das auch nur gut für sie. Die Linie der Welle hatte sich zwar weiterbewegt, aber da der Kommandant sich nicht mehr meldete, wussten sie auch nicht, wie viel Grad das nun genau waren, was bisher an Bewegung erzielt worden war. Sie sahen sich die Bildschirme an, während sie weiter Häppchen verschlangen, aber irgendwann wurde Liu müde. Meredea ging es genau so. Sie hatten seit dem Anfang des Transfers fast zwanzig Stunden auf den Beinen verbracht. Die Kinder waren schon vor langer Zeit von Chantal ins Bett befördert worden. Liu sah Meredea an. Diese nickte. „Ja, auch für uns wird es Zeit, ins Bett zu kommen. Morgen ist auch noch ein Tag, und bisher habe ich genug gegessen, getrunken und gesehen. Doch diese Party wird weitergehen. Auch wenn wir uns zwischendurch etwas schlafen legen.“ Liu schien froh. „Also noch ein letztes Glas und dann ab ins Bett.“
Am nächsten Morgen wurden sie vorsichtig geweckt. Han rüttelte sie wach. Liu musste grinsen, was Meredea ein Lächeln entlockte. „Ihr verpasst das Frühstück, wenn ihr jetzt nicht aufsteht, und Masme und Weng haben sich große Mühe gegeben. Chantal hat Laura schon gefüttert. Ich durfte zusehen, aber die schläft jetzt schon wieder und Chantal hat gemeint, dass ich euch wecken soll.“ „Wir stehen gleich auf. Ein gutes Essen wollen wir sicherlich nicht verpassen.“ „Gut, ich warte dann in der Kantine.“ Han verschwand hurtig. „Das Familienleben“, kommentierte Meredea. „Und demnächst sind das zwei, welche kommen werden, um uns zu wecken“, grinste Liu zurück. Meredea lachte, nahm Liu in die Arme und sah ihr ein paar Sekunden in die Augen, bevor er anfing zu sprechen: „Guten Morgen, schöne Frau. Ich glaube, ein gutes Frühstück wartet auf uns.“ Liu lächelte ihn an, erwiderte die Umarmung und gab ihm einen Kuss. „Nun, dann werden wir wohl aufstehen müssen.“ „Ja, aber so ein oder zwei Minuten können wir uns ja noch gönnen.“ Sie grinste wieder und drückte etwas fester zu. Doch nach zwei Minuten löste sie sich. „Nun gut, dann auf ins Familienleben“, murmelte er wieder verschlafen. Sie lachte. Aber das Frühstück war es wert, dafür aufgestanden zu sein. Es gab eine gute Suppe und Teigbällchen mit verschiedenen Fisch- und Fleischfüllungen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 558
ISBN: 978-3-95840-558-5
Erscheinungsdatum: 29.11.2017
EUR 17,90
EUR 10,99

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