Science Fiction & Fantasy

Avessia

Lisa Koscielniak

Avessia

Die Traumweberin

Leseprobe:


Prolog

In einer nicht ganz so weit entfernten Zukunft:
Ängstlich rannte ich in purer Finsternis. Es war, als würde ich mich durch eine eiskalte, zähe, schwarze Suppe kämpfen, und schon nach kurzer Zeit war ich völlig erschöpft. Es war, als würde ich kein Stück nach vorne kommen, obwohl ich doch gefühlt schon eine Ewigkeit unterwegs war. Meine Beine knickten ein und ich fiel auf die Knie. Tränen rannen mir die Wangen herunter, und ich fing an zu schluchzen. Das war ein Albtraum! Wie sollte ich nur jemals den Ausgang aus dieser Dunkelheit finden? Moment mal, was hatte ich da gerade gedacht? Ein Albtraum? Natürlich, das musste es sein! Nilona hatte mich manipuliert. Ich hatte doch noch ihre Präsenz gespürt! Auf einmal wusste ich wieder, warum ich eigentlich von zu Hause aufgebrochen war. Oh nein! Ich musste schnellstmöglich zu Jason! Leider hatte ich jedoch keine Ahnung, wie ich das machen sollte. Das war ein Problem.

Suchend sah ich mich um, aber es war immer noch so dunkel wie vor meinem Geistesblitz. Vielleicht hatte mich Nilona irgendwie zum Träumen gebracht, als ich ihre Präsenz gespürt hatte. Ob es wohl funktioniert, wenn ich mich mal kräftig kneife? Es wäre zumindest eine Möglichkeit. Ich kniff mir kräftig in meinen Oberarm, bis mir wieder die Tränen kamen, jedoch schien es überhaupt nichts an meiner Situation zu ändern. Wahrscheinlich war es auch kein Traum. Das konnte doch gar nicht sein. Angestrengt dachte ich nach. Ob meine Magie hier wohl auch funktionierte? Einen Versuch war es jedenfalls wert. Ich schloss die Augen und legte eine Hand auf den Boden. Schon spürte ich, wie die Magie in mir pulsierte, und ich genoss das Gefühl von Stärke, das mich durchflutete. Dann versuchte ich, die Dunkelheit durch eine Lichtexplosion zu verdrängen. Als ich meine Augen vorsichtig wieder öffnete, erblickte ich eine weite Wüste. Auf einmal war es auch gar nicht mehr kalt, sondern eher beunruhigend warm. War ja klar, dass Nilona es mir nicht einfach machen würde. Immerhin konnte ich jetzt etwas sehen. Mühsam rappelte ich mich auf und begann der Sonne entgegenzugehen, die gemeinsam mit der Wüste aufgetaucht war. Irgendwo würde ich bestimmt eine Tür oder ein Loch finden, dass mich aus diesem Albtraum führte.

Schon nach kurzer Zeit bereute ich es, die Dunkelheit vertrieben zu haben. Es wurde immer heißer. Ich hatte bereits meinen Pulli ausgezogen und hatte nur noch ein Top und eine hochgekrempelte Hose an. Den Pulli hatte ich um meinen Kopf gewickelt, um einen Sonnenstich zu vermeiden. Ich musste ziemlich lächerlich aussehen, aber das war mir egal. Ein Sonnenstich fehlte mir jetzt noch! Meine Magie sagte mir, dass irgendwo in der Nähe eine Oase sein sollte, jedoch fand ich sie einfach nicht. Ob es wohl auch Halluzinationen für die Magieanwendung gab? Konnte ich mich in dieser Wüste nicht mehr auf meinen Instinkt verlassen? Wenn ja, dann hatte ich ein sehr großes Problem.

Ich hatte das Gefühl, dass meine Haut komplett durchgegart war, und war in ein Humpeln übergegangen, da meine Beine langsam schlappmachten. Wenn das so weiterging, würde ich wohl verdursten oder einfach wegen Kraftlosigkeit umkippen. Ich war schon fast davor aufzugeben, als ich in der Ferne etwas entdeckte. War das etwa eine Palme? Wenn ja, dann war dort bestimmt auch eine Oase! So schnell ich konnte, rannte ich auf die Palmen zu – okay eigentlich stolperte ich mehr, ich gebe es ja zu –, die sich wirklich als reale Oase entpuppten. Dort angekommen blieb ich jedoch wie eingefroren stehen. Mein geschockter Blick war auf einen Jungen gerichtet, der mit zerrissenem Pullover von der Sonne gebraten wurde und wie halbtot auf dem Boden lag. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass es Lenni war, dann sprintete ich entsetzt auf ihn zu. „Lenni!“, schrie ich aufgeregt. Ängstlich gab ich ihm leichte Backpfeifen und kontrollierte seinen Atem. Er schien noch zu leben, jedoch war seine Haut von Brandblasen übersät. Mit meinen letzten Kraftreserven zog ich ihn so nah an die Oase ran, wie ich konnte, schöpfte dann mit meinen Händen Wasser und flößte es ihm vorsichtig ein.

Zu meiner Erleichterung schien es seine Wirkung zu zeigen, und er schlug hustend seine Augen auf. Glücklich strahlte ich ihn an und half ihm sich aufzusetzen. Dann musterte er mich. „Alison?“ Ich nickte eifrig. „Wie siehst du denn aus?“, krächzte er, runzelte die Stirn und musterte meinen Pulloverturban. „Gefährliche Situationen erfordern spezielle Maßnahmen. Das ist besser als ein Sonnenstich, den du mit Sicherheit bekommen hast.“ Ich stützte ihn, während er vorsichtig noch etwas trank, und als er fertig war, trank auch ich endlich etwas. Es fühlte sich einfach wundervoll an! Ich spürte, wie das Wasser durch meinen Körper floss, und fühlte mich gleich ein bisschen besser. „Wo sind wir hier eigentlich?“, fragte Lenni mit rauer Stimme, und ich antwortete: „Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich glaube, dass Nilona hiermit zu tun hat. Ich dachte eigentlich, sie hätte mich in meinen Träumen eingesperrt, aber da du jetzt auch hier bist, denke ich, dass es noch mit etwas anderem zu tun hat, doch ich kann mich nicht mehr erinnern, was passiert ist, bevor ich hier aufgewacht bin. Ich weiß nur noch, dass wir Jason gesucht haben, und dann war da Nilona, und ab da reißt es ab …“ „Bei mir ist es ähnlich“, überlegte Lenni, „fest steht zumindest, dass uns ganz schnell etwas einfallen muss. Hier können wir nicht lange überleben.“ Da stimmte ich ihm voll und ganz zu. Jedoch hatte ich auch keine Ahnung, wie wir hier rauskommen sollten.



Alles normal?

Einen Monat zuvor:
Der kalte Wind ließ meine Ohren zu Eiszapfen gefrieren. Zum Glück verhinderte Moonlights Körperwärme, dass ich wie ein Stein von seinem Rücken fiel. Die letzten Tage war ich oft mit den anderen ausgeritten. Es brachte mich auf andere Gedanken und vertrieb die Langeweile. Wir hatten bereits das komplette Dorf und seine Umgebung erkundet. Dabei hatten wir eine kleine Höhle entdeckt und einen schmalen Pfad im angrenzenden Wald, der allerdings nur ins Leere führte. An jedem einzelnen Tag unserer freien Zeit schienen wir neue Dinge zu entdecken. Es gab kaum eine Minute, in der ich allein war. Manche könnten dies als lästig betrachten, aber ich persönlich genoss es. Ich hatte mich lange genug schonen müssen.

Als ich nach dem Kampf in den Katakomben aufgewacht war und kurze Zeit später mit den anderen ausgeritten war, hatte ich gemerkt, dass ich noch nicht wieder ganz auf dem Damm war. Es hatte mehrere Tage gedauert, bis ich mich komplett erholt hatte. In dieser Zeit war Lenni kaum von meiner Seite gewichen. Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln. Zum Glück hatten wir Ferien, und ich konnte in Ruhe wieder zu Kräften kommen. „Alison, was ist denn los? Du wirkst so abwesend?“, fragte Maja, die mich eingeholt hatte, neugierig. „Ach, ich habe nur … ach, ist ja auch egal, wir sollten uns langsam auf den Rückweg machen. Die Sonne geht bald unter, und die anderen werden bestimmt schon auf uns warten.“ Ich sah in Majas Augen, dass sie sich mit dieser Antwort auf die Dauer nicht zufriedengeben würde, deshalb drehte ich schnellstmöglich um und preschte nach vorne. So hatte sie keine Möglichkeit, weiter nachzufragen. „Hey, was soll denn das, warte doch!“ Aber selbst sie konnte Moonlight nicht so leicht einholen, wenn er erst mal Betriebsgeschwindigkeit erreicht hatte.

Als wir endlich in unserem Stall angekommen waren, waren unsere Wangen knallrot und unsere Haare zerzaust. Kaum erblickten wir die Sturmfrisur der jeweils anderen, mussten wir losprusten. Maja und ich waren in den letzten Tagen sehr gute Freundinnen geworden. Natürlich haben die vergangenen Ereignisse uns alle zusammengeschweißt, aber zwischen uns bestand eine besondere Verbindung. Sie war für mich wie eine Schwester geworden, und ich wusste, dass sie es ähnlich empfand. Gemeinsam brachen wir kurz darauf auf zu Lenni, da wir bei ihm eine Überraschungsparty für Luke geplant hatten, der heute Geburtstag hatte. Schnell holten wir noch unser Geschenk und zogen uns etwas anderes an, das nicht so sehr nach Pferd roch. Kurz vor Lennis Haus trennten sich unsere Wege, da ich die Aufgabe bekommen hatte, Luke abzuholen und ihn hierherzu lotsen. Als ich an seinem Haus ankam, wartete er bereits draußen und winkte mir freudig zu, als er mich entdeckte. Nachdem wir uns auf den Weg gemacht hatten, führte ich ihn auf ein paar Schleichwegen direkt in Lennis Garten. Er warf mir zwar ab und zu ein paar misstrauische Seitenblicke zu, aber er schien noch nicht zu ahnen, wo ich mit ihm hinwollte. Vielleicht wunderte er sich auch nur, dass ich ihm noch nicht gratuliert hatte. Perfekte Voraussetzungen für unsere Überraschung!

Als wir an unserem Ziel ankamen, war erst mal niemand zu sehen, und ich tat so, als würde ich überhaupt nicht wissen, wo die anderen waren. Die ließen dann auch nicht lange auf sich warten, sprangen aus den Büschen, sangen Happy Birthday und ließen Konfetti fliegen. Es war eine gelungene Überraschung. Die Torte, die Jason und ich in mühevoller Kleinarbeit gebacken hatten, war schon nach kurzer Zeit aufgegessen, und obwohl wir alle noch total satt waren, machte Benni sich bereits daran, die Kohlen für den Grill heiß zu machen. Um die Zeit bis zum nächsten Essen zu überbrücken, spielten wir ein paar Spiele. Luke wünschte sich Kanaster, sein neues Lieblingskartenspiel, welches er natürlich auch gewann. Ich hatte ihn im Verdacht, heimlich geübt zu haben. Danach spielten wir Tabu. Wir Mädchen und Luke gegen Jason, Lenni und Benni am Grill. Es wurde spannender, als ich gedacht hatte. Am Ende stand es knapp für die anderen, und Maja war als Letztes dran. Unter höchster Konzentration errieten wir eine Karte nach der anderen, und das, obwohl die anderen die ganze Zeit versuchten, uns abzulenken. Somit schafften wir es noch knapp, den Sieg zu erringen. Allerdings blieb uns die Freude darüber nicht lange. Die anderen forderten eine Revanche, und diese nahmen wir natürlich auch an.

Diesmal war die Disziplin Magisches Dart. Ein recht großes Spielfeld wurde dafür in den Himmel projiziert, und man musste mit magischen Pfeilen möglichst die Mitte treffen oder wenigstens das Spielfeld. Das hört sich jetzt vielleicht einfach an, aber das war es ganz und gar nicht. Ich verfehlte zu meinem Leidwesen nicht nur einmal das Spielfeld. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Wind meine Pfeile jedes Mal wegpustete. Die anderen schienen damit nicht so ein großes Problem zu haben und lachten mich aus. „Im Bogenschießen kann dir keiner das Wasser reichen, und im Dart bist du grottenschlecht!“, meinte Maja und kriegte sich kaum ein vor Lachen. Ich warf ihr einen bösen Blick zu und schmollte. „Das ist überhaupt nicht vergleichbar!“ Selbst Jason konnte sich sein Lächeln nicht verkneifen und strich mir zur Entschuldigung mitleidig über die Haare. Das machte mich nur noch ehrgeiziger. Einen Pfeil nach dem anderen werfend arbeitete ich mich immer näher ans Spielfeldinnere. Am Ende war ich zwar trotzdem die Letzte, aber dafür hatte ich wenigstens mehr als null Punkte erzielt. Ein voller Erfolg also! Natürlich sah mein Team, das durch mich verloren hatte, das Ganze ein wenig anders. Das Spiel hatte uns stärker zum Schwitzen gebracht, als wir gedacht hätten, aber zum Glück war in diesem Moment die erste Bratwurst fertig. Schnell versammelten wir uns am Gartentisch, und die zweite Essensrunde begann.

Noch genudelter als vorher beschlossen wir einen Verdauungsspaziergang zu machen. Von Lennis Garten aus konnte man gleich in den Wald und von dort einen der vielen Schleichwege nehmen, die einen manchmal an sehr überraschende Orte führen konnten. Bei mir machte sich schon nach wenigen Minuten Suppenkoma breit, und sowohl meine Lust auf den Spaziergang als auch meine Konzentration ließen nach. Das hatte zur Folge, dass ich, wie zu erwarten, über eine der zahlreichen Wurzeln stolperte. Ich hatte es nur Lenni zu verdanken, dass ich nicht komplett hingeflogen war, denn er fing mich im letzten Moment auf. „Alles okay?“, fragte er grinsend, und ich versuchte zuversichtlich auszusehen „Ja, mir geht es gut. Habe nur die Wurzel übersehen.“ Ich sah ihm an, dass er mir nicht glaubte, aber ich würde den anderen doch nicht ihren Spaziergang versauen, nur weil ich zu vollgefuttert war. Damit Lenni nicht noch weiter nachfragte, gab ich ihm einen Kuss auf die Wange, schnappte mir seine Hand und schloss mit ihm im Schlepptau dann schnell zu den anderen auf. Zum Glück verloren auch die anderen schnell die Lust, und so gingen wir wieder zurück. In Lennis Garten angekommen schoben wir alle Bänke und Stühle zusammen um ein Lagerfeuer herum, holten Decken und Kissen und einen großen Holznachschub.

Während die anderen es sich schon gemütlich machten, gingen Jason und ich noch ins Haus, um die Bowle zu holen, die Jason im Kühlschrank platziert hatte. Da er Angst hatte, dass ich die Bowle verschütte, musste ich die Gläser tragen, die wir mit Limetten verziert hatten. Als ob das jetzt viel ungefährlicher war! Auf meine Anmerkung, dass die Gläser auch zerspringen könnten, wenn ich sie fallen lassen würde, sagte er aber nichts. Kaum waren alle Gläser verteilt, stießen wir gemeinsam auf Luke an. Die Sonne verschwand langsam, und eine kühle Brise frischte auf. Die ersten Glühwürmchen zogen ihre Kreise, und jetzt kam auch Thomas, wie soll es anders sein, mit noch mehr Essen. Unter unserem Jubel brachte er lange Stöcke, Marshmallows und kleine Snacks mit. Er konnte leider nicht früher kommen, da er noch seinen Eltern hatte helfen müssen. Natürlich hatten wir ihm ein bisschen was vom gegrillten Essen übrig gelassen, was er auch dankend annahm und schnell noch per Magie erwärmte. „Könnte man nicht auch komplett auf einen Grill verzichten? Ich meine, wenn man doch mit Magie alles aufheizen kann?“, fragte ich, und Benni antwortete sogleich: „Nein, es schmeckt ganz anders, wenn man das Fleisch mit Magie brät. Das kann ich nicht empfehlen. Die klassischen Methoden sind da deutlich besser.“ Ich nickte und versank mit meinem Blick wieder voll und ganz im Feuer.

Wir saßen noch lange beieinander und plauderten. Erst als sich bei allen eine bleierne Müdigkeit breitmachte, lösten wir uns langsam auf. Bevor wir uns jedoch auf den Weg machten, vereinbarten wir noch ein Treffen für morgen. Kaum waren wir bei uns angekommen, fiel ich wie ein Stein ins Bett. Ich schaffte es nicht einmal mehr, mir meinen Schlafanzug anzuziehen. Meine Träume waren wild und verwirrend, doch einmal hatte ich ein klares Bild vor Augen, das mir einen Schock versetzte:

Ich stand auf einem nebligen Feld. Es war eine so dichte Suppe, dass ich kaum etwas sehen konnte. Es herrschte eine bedrückende Kälte, und ich fröstelte. Immer wenn Wind aufkam, fühlte es sich so an, als würden eisige Hände nach mir greifen. Eine Zeit lang stand ich einfach auf der Stelle und versuchte nicht so sehr zu zittern. Dann setzte ich mich in Bewegung und steuerte einen schwarzen Fleck in der Ferne an. Er entpuppte sich als eine Art Scheune. In der Hoffnung, dass es drinnen etwas wärmer und windgeschützter wäre, öffnete ich vorsichtig die knarrenden Türen und trat ein.

Als das erste Licht auf den Boden der Scheune fiel, blieb mein Herz für einen Moment stehen. Ich hatte Angst umzukippen und stolperte deshalb schnell zu dem Körper, der dort an der Wand lag. Es gab keinen Zweifel. Jason lag da vor mir, und er schien nicht mehr zu atmen. Meine Beine knickten ein, und ich merkte, wie Tränen meine Wangen herunterliefen und kalte Spuren hinterließen. Warum träumte ich denn so was? Oje, was, wenn das gar kein Traum war? Ängstlich strich ich Jason über die Wange und prüfte dann seinen Herzschlag. Tatsächlich konnte ich ihn nicht spüren. Auch der Gedanke daran, dass das alles wahrscheinlich nur ein Traum war, konnte mich nicht beruhigen. Es war einfach zu real. Dann spürte ich eine weitere Präsenz in meiner Nähe. Erschrocken wirbelte ich herum und blickte in das Gesicht einer Frau. Sie war hochgewachsen, hatte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, schmale Lippen und eisige Augen. Ihr enganliegendes schwarzes Kleid betonte jede ihrer Kurven und damit auch jeden Knochen.

Sie strahlte eine unglaubliche Macht aus, die mich entfernt an Esthor erinnerte, nur, dass sie mir eine wahre Todesangst einflößte, welche ich bei Esthor nicht verspürt hatte. Eine eisige Gänsehaut lief meinen Rücken herunter, als sie lächelte und ihre blitzweißen Zähne entblößte, die durch den schwarzen Lippenstift noch stärker hervorgehoben wurden. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen, doch mein Körper und meine Stimme schienen eingefroren zu sein. „Wenn ich mich vorstellen darf …“ Sie verbeugte sich leicht. „Ich bin Nilona, die Traumweberin. Falls du dich fragst, warum ich hier bin: Ich will deinen Bruder.“ Die letzten Worte hatten alle Freundlichkeit verloren, und ich schreckte zurück, als sie sich mir bedrohlich näherte „Alison, Süße, du kannst mir doch helfen, nicht wahr?“, ihre Stimme schnurrte, aber ihre Augen waren eindringlich und eisig. „Wenn du ihn mir nicht bis zur Neujahrswende bringst, werde ich härtere Maßnahmen ergreifen. Das willst du doch nicht, oder? Versuche bloß nicht mich zum Narren zu halten. Ich merke das sofort. Die Strafe für deinen Ungehorsam würde dir nicht gefallen. Oder möchtest du immer und immer wieder seinen Tod miterleben?“ Ich war mittlerweile bis zur Wand zurückgewichen und starrte sie nur verständnislos an. „Ich dachte, du wärst so ein kluges Mädchen? Dafür scheinst du aber recht schwer von Begriff zu sein.“ Ich starrte sie immer noch wortlos an, dann brachte ich endlich die Frage heraus, die mir auf dem Herzen lag. „Warum?“ Sie schien amüsiert, beugte sich noch mehr zu mir herunter und nahm eine meiner Haarsträhnen in ihre Hand. „Nun liegt das nicht auf der Hand? Hast du gedacht, mit Esthor wäre das Böse für immer besiegt? Er war doch nur die Vorhut. Er war der Test. Natürlich wusste er das nicht, das hätte sein Ego verletzt, und ich brauchte doch seine Unterstützung. Also, Alison, zurück zum eigentlichen Thema: Ich will dein Brüderchen, mehr brauchst du momentan nicht zu wissen. Bring ihn mir zur Neujahrwende zum Pass am alten Baum, südlich von eurer geliebten Schule. Sei ein liebes Mädchen und versuch keine Tricks, die wirst du nämlich bereuen. Wir sehen uns …!“ Mit diesen Worten verschwand sie in einer Rauchwolke und ließ mich atemlos zurück. Mit ihr verschwand auch die Kälte, und die Umgebung änderte sich. Erleichtert, dass ihre Präsenz verschwunden war, schloss ich die Augen und fiel sogleich in Tiefschlaf.

Als ich aufwachte, brauchte ich ein paar Minuten, um zu verstehen, was ich da geträumt hatte. Dann sprang ich aus dem Bett, rannte zu Jason, der bereits aufrecht in seinem Bett saß, und umarmte ihn fest. Das Bild von seinem toten Körper wollte nicht aus meinem Kopf verschwinden. Dabei bekam ich einen Heulkrampf und hörte erst auf, als er mich vorsichtig von sich löste und mir besorgt in die Augen sah. „Alison, was ist los?“ Ich riss mich zusammen und erzählte ihm von meinem beunruhigenden Traum.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 338
ISBN: 978-3-99107-248-5
Erscheinungsdatum: 27.10.2020
EUR 13,90
EUR 8,99

Herbstlektüre