Science Fiction & Fantasy

Avessia

Lisa Koscielniak

Avessia

Licht und Schatten

Leseprobe:

Prolog


Ein See war vor mir aufgetaucht. Im Licht der untergehenden Sonne funkelte er in allen Regenbogenfarben und spiegelte mich auf seiner Oberfläche wider. Durch einen sanften Windhauch raschelten die Blätter und es roch nach frischer Erde und Laub. Ich kniete mich an den Rand des Sees und blickte hinauf zu der Statue von Revalon, dem ersten Wesen. Mein Blick schweifte nach links ab. Dort neben der Statue von Revalon stand, auch als Statue, Lithyja. Sie war ebenfalls eines der ersten Wesen. Sie hielten sich an der Hand und streckten die andere Hand schützend aus. Die Zeit schien die Statuen nicht beeinflusst zu haben. Sie waren noch wunderschön und neu wie am Anfang ihres Baus. Ich versuchte, mich zu konzentrieren, und starrte die Statuen an. Ich musste wissen, was damals geschah. Und nach wenigen Sekunden tauchte ich in eine andere Zeit ein, tauchte ein in eine der ältesten Überlieferungen unserer Zeit.

Der erste Tag: Nichts
Ich blickte in pure Finsternis und schien in ein bodenloses Loch zu fallen. Das Einzige, was ich hörte, war mein eigener Atem.

Der zweite Tag: Schatten und Licht
Dann sah ich ein gleißendes Licht kommen und die Dunkelheit verdrängen. Es sah aus, als würden sie kämpfen, doch sie hielten sich die Waage und keine der beiden Kräfte schien die Oberhand zu haben.

Der dritte Tag: Erstes Leben
Die Magie, die entstand, formte die uns bekannte Welt Avessia. Auf der Seite des Lichts wuchsen Pflanzen und entstanden Tiere. Auf der Seite des Schattens verdorrte das Land und es herrschte Dunkelheit. Dann wurde durch die Magie des Schattens das erste Schattenkind geboren und ging in Richtung Grenze. Es wurden mehr. Doch auf der Sonnenseite entstanden ebenfalls Wesen. Wunderschöne leuchtende Lichtkinder. Auch sie gingen zur Grenze, als würden sie magisch voneinander angezogen werden.

Der vierte Tag: Krieg
Wie ihre Schöpfer begannen die Kinder des Lichts und des Schattens zu kämpfen. Ohne es zu wollen, formten sie unsere Welt, als sie Burgen bauten, um sich zu schützen, und mit ihrer Magie Tag und Nacht herbeibrachten. Der Tag, der den Lichtkindern gewidmet war, und die Nacht, die die Schattenkinder schützte.

Der fünfte Tag: Frieden
Es gab jedoch ein Schattenkind mit Namen Revalon und ein Lichtkind mit Namen Lithyja, die den Krieg beenden wollten. Durch Zufall begegneten sie einander und wie das Schicksal es wollte, verliebten sie sich ineinander. Zusammen schafften sie es, Frieden in die Welt zu bringen. Nacheinander gingen die Kinder des Lichts und des Schattens in ihr neues Reich: die Wolken. Den Himmel. Es entstanden Bindungen zwischen Schatten und Licht. Die daraus entstandenen Kinder wurden auf die Oberfläche geschickt. Die Zeit wurde in Einklang gebracht und es gab genauso viel Tag wie Nacht. Auch die Menschen entwickelten sich und bevölkerten die Welt. Die Licht- und Schattenkinder wachten von ihrem Wolkenreich über die Menschen und ihre eigenen Söhne und Töchter.



Anfang


Ihr merkt, meine Geschichte ist keine normale Geschichte. Und die Geschichte unserer Welt, Avessia, ist schon mal überhaupt keine lahme 08/15-Story. Es ist eine Welt, die voll von Magie ist, die in unsichtbaren Flüssen unter unseren Füßen entlangfließt. Jedoch weiß nicht jeder hier in Avessia, dass es Magie gibt, da sie vom Rat der Sieben geheim gehalten wird. Fangen wir jedoch am Anfang an, als ich noch dachte, ich wäre ein ganz normales Mädchen und nichts von alledem wusste.

Es war ein Tag wie jeder andere. Meine Mutter kam an einem Freitagmorgen in mein Zimmer, riss die Vorhänge zur Seite und rief fröhlich: „Aufstehen, Prinzesschen! Nur noch ein Tag, dann ist Woochenendee.“ Ich verkrümelte mich unter meine Decke und brummte müde vor mich hin. Ich hörte, wie meine Mutter versuchte, sich heimlich anzuschleichen, und ich wusste sofort, was mir jetzt bevorstand. Sie riss mir die Decke weg und strahlte mich an: „Na los, raus aus den Fedeern! Das Frühstück ist schon fertig! Hopp, hopp!!!“ Mit diesen Worten verließ sie mit tänzelndem Schritt mein Zimmer. Mürrisch setzte ich mich auf und wartete, bis mein Kreislauf in Gang kam. Dann ging ich in das Badezimmer, duschte und zog mir eine rote Jeans mit einem schwarzen Muster an und dazu ein schwarzes, schlichtes Top, über dem ein anderes lockereres, schwarzes Top mit einem Muster lag, in das einige Löcher eingearbeitet waren.
Kaum war ich fertig mit Anziehen, föhnte ich meine dunkelblonden Haare. Da sah man doch, dass ich ein ganz normales Mädchen war, oder? Ich war nicht die Größte, hatte eine ganz gute Figur, dunkelblonde, mittellange Haare und grüne, strahlende, freche Augen. Obwohl ich selbst die Farbe meiner Augen auch gern als Moosgrün bezeichnete. Das war der Beweis: An mir war nichts Besonderes – jedenfalls nichts, das man auf den ersten Blick sah oder das einem aufgefallen wäre. Als ich fertig war, fühlte ich mich hellwach und energiegeladen und stürmte die Treppe hinunter in unser Esszimmer. Es war zu dieser Tageszeit immer lichtdurchflutet und strahlte eine einladende Wärme aus.
Dort angelangt, schlang ich mein Morgenmüsli in mich hinein und trank ein Glas Wasser auf ex, wovon ich allerdings einen Schluckauf bekam. Jap. Mir ging es bestens. Heute würde ein guter Tag werden, das fühlte ich in jeder Faser meines Körpers. Als ich fertig war, gab ich meiner Mutter einen Abschiedskuss und ging los, der schon relativ hoch stehenden Sonne entgegen, Richtung Bushaltestelle. Gut gelaunt hörte ich auf dem ganzen Weg zur Schule Musik. Die Musik war ein Teil von mir, ich liebte sie und sang für mein Leben gern. Auch jetzt konnte ich den Drang nicht unterdrücken, wenigstens mitzusummen. Es war alles wie immer, nichts Auffälliges, nichts, was mir aufgefallen wäre. Ich stieg in den Schulbus und suchte mir einen freien Platz. Ich war in meiner Welt und träumte vor mich hin, bis auf einmal alles schwarz vor meinen Augen wurde.
Ich sah nichts mehr, bekam Panik! Der Bus war verschwunden. Hatte Mama mir heimlich irgendwas ins Müsli gekippt? Ich drehte mich im Kreis. Dann urplötzlich explodierte gleißendes Licht vor mir und ich musste die Augen schließen. Eine wunderschöne, in ein Kleid aus Feuer gehüllte Frau stand vor mir. Dann schlug ein Ball aus Finsternis neben ihr ein und ein Mann ganz in loderndem Schwarz nahm ihre Hand in seine. Obwohl ich ihn dort stehen sah, wirkte er merkwürdig fern und fremd, fremder als die Frau zumindest. Sie lächelten auf mich herab. „Al“, sagte die Frau, beugte sich zu mir herab und streichelte behutsam meine Wange. Ich war so perplex, dass ich mich nicht wehrte. Ich starrte sie nur aus großen, ungläubigen Augen an. Ihre Gesichtszüge wurden mitleidig und sie musterte mich. „Bald wirst du verstehen.“ Was würde ich verstehen? Wer waren diese Wesen überhaupt?
Dann wurde wieder alles finster und ich schreckte hoch. Ein dumpfer Knall war zu hören. Ich war mit meinem Kopf beim Aufwachen nach vorne geschreckt und hatte ihn mir am Sitz gestoßen. Heimlich schielte ich zu allen Seiten. Zum Glück! Niemand hatte es bemerkt. Dann hielt der Bus an der Schule und ich stieg schnell aus. Verwirrt ging ich in Richtung meines Klassenraums. Na dieses Ereignis eben konnte aber nichts mehr toppen! Plötzlich kam ein Junge mit dem Fahrrad auf mich zu und starrte mich an, als wäre ich eine Liebesgöttin höchstpersönlich. Dabei sehe ich keiner der Liebesgöttinnen ähnlich, über die ich gelesen hatte. Ich hatte weder ihre Eleganz noch dieses Verführerische, was sie auf den Bildern in unserem Geschichtsbuch ausstrahlten. Ich musterte ihn und überlegte. Den Kerl kannte ich nur vom Sehen und von Erzählungen. Ich hatte gehört, dass er ziemlich selbstverliebt sein soll, aber ich müsste mir erst mal ein eigenes Bild machen. Vor allem verhalten sich Jungs meistens in Gruppen ganz anders. Er könnte ja auch ganz nett sein. Heimlich musterte ich ihn also genauer: Er hatte wuschelige, braune Haare, ebenfalls nussbraune Augen, trug eine kurze Hose und ein T-Shirt. Er war genauso groß wie ich und eher schlaksig. Ein Leberfleck auf seiner Wange betonte dazu noch ganz ungünstig seinen Wangenknochen. Eher nicht mein Geschmack, vor allem nicht bei dem Blick, den er mir zuwarf. Ich fühlte mich unwohl, aber das würde ich sicherlich nicht zeigen. Vielleicht hatte ich ja auch irgendwo einen Fleck? Ich zog die Augenbrauen hoch und sah ihn frech an: „Noch nie ein Mädchen gesehen?“ Wie hieß der Kerl noch mal? Ach ja, Benni, glaubte ich. „Es ist nicht gerade angenehm, angestarrt zu werden, als wäre man ein Alien“, sagte ich und pokerte, dass er mich nicht wegen eines Flecks so anstarrte. Dann blickte ich ihn noch einmal frech an und ging in meinen Klassenraum. Das hatte ich doch ganz gut gelöst.
Unsere Schule war alt und ehrwürdig. Wunderschön, aber kurz vor dem Zerfall. Überall bröckelte der Putz von den Wänden, der Boden knarzte und die Tafeln waren kaum noch beschreibbar. Die Lampen flackerten oft und bei Gewitter regnete es häufig in die Klassenräume. Außerdem hatte die Schule ihren ganz eigenen Geruch, der sich bei mir eingebrannt hatte. So eine Mischung aus Kreide und modrigem Holz. Aber sie war trotzdem einfach schön. Es roch in den Klassenräumen manchmal nach alten Büchern und es herrschte immer eine angenehme Atmosphäre. Wir Schüler hielten zusammen. Jeder kannte hier jeden und es war eine richtige kleine Gemeinschaft. Ich umarmte meine Freundinnen zur Begrüßung und gab meinem Freund einen Kuss. Ja, ich hatte einen Freund! Sein Name war Jack. Er hatte seine schwarzen Haare zu einem Undercut gestylt, ein paar süße Sommersprossen, grüne Augen, so wie ich, einen muskulöseren Körper und war größer als ich. Schon heiß, oder? Aber wir wollen nicht abschweifen. Außer ihm begrüßte ich nur noch einen Jungen, der ein guter Freund von mir war. Er hieß Jason, hatte hellbraune Haare, grünliche Augen, ebenfalls eine muskulösere Statur und war sehr beliebt an der Schule. Die zwei waren meine einzigen männlichen Freunde. Aus irgendeinem Grund hatte ich hier mehr Kontakt zu Mädchen und fungierte meist als Zuhörerin und Trostspenderin. Das konnte ich nämlich echt gut. Ich hatte immer ein paar Tipps parat und behielt alle Geheimnisse für mich. Ich bekam mit, wie die beiden Jungs sich einen nervösen Blick zuwarfen, und sah sie neugierig, aber auch misstrauisch an. „Was ist los?“, fragte ich. „Also … das erklären wir dir … nach dem Unterricht“, sagte Jason vorsichtig und sah mir in die Augen. Ich erkannte darin, dass es etwas Wichtiges war, was sie mir sagen wollten, und nickte schließlich. Ich würde wohl oder übel warten müssen.
Der Tag fing mit Musik an und obwohl ich dieses Fach liebte, ging die Zeit so langsam vorbei, dass ich zwischendurch dachte, sie wäre stehen geblieben. Ablenkung fand ich dadurch, dass ich mich bei einem Stück freiwillig als Sängerin meldete und dieses dann auch mit Begleitung unserer Lehrerin zum Besten gab. Aber trotzdem schlichen die Stunden nur so dahin. Ich wünschte das Ende der Stunden so sehnlichst herbei, dass ich vor Aufregung in der letzten Stunde die ganze Zeit grinste und leise Witze machte. Meine beste Freundin Mona konnte sich vor Lachen kaum noch zurückhalten. Zum Glück nahm mir das unser Klassenlehrer nicht übel und lachte sogar mit. Nach der Stunde schloss ich meine Schulsachen in mein Schließfach und sah Jason und Jack neugierig und aufgeregt an. Immer weniger Leute waren in unserem Klassenraum. „Komm mit. Deine Mutter weiß Bescheid. Wir werden … verreisen“, begann Jack. „Ookay … Und wohin?“, fragte ich etwas verwirrt. „Wir werden alle drei eine neue Schule besuchen“, erklärte Jason. „Was?! Haben wir das Schuljahr denn nicht geschafft?“, fragte ich erschrocken und sah die beiden ängstlich an. „Nein, das ist es nicht, es ist aus einem anderen Grund. Hör zu, wir müssen los! Wir erklären dir alles auf dem Weg zum Bahnhof oder in der Bahn, okay? Es ist im Übrigen eine Art Internat.“ „Ähm … okay, du hast mich zwar noch mehr verwirrt, aber ich kann warten“, begann ich. „Ich denke, wir haben in der Bahn mehr Zeit. Erklärt es mir dann“, entschied ich und lächelte. „Das ist aufregend.“ Mein Lächeln wurde größer und Vorfreude verdrängte die Angst. „Na los“, rief ich, reckte meine Faust gen Himmel und hakte mich bei den beiden ein. „Auf in ein neues Leben!“ „Das wird es auf jeden Fall“, murmelten Jason und Jack lächelnd und zusammen machten wir uns auf in Richtung Bahnhof.
Auf der Hälfte des Weges beugte sich Jason zu mir runter und raunte: „Uns verfolgt da so ein komischer Junge … Kennst du den? Es sieht aus, als würde er … na ja …“, sagte er irritiert und deutete mit seinem Blick nach hinten. „Sieh selbst!“ Ich überlegte, wie ich unauffällig sehen konnte, wer hinter uns lief, und schüttelte schließlich mein Haar gekonnt nach hinten. Dort ging Benni und starrte mich an. Ich drehte mich wieder zu Jason, der mich aufmerksam beobachtete. „Das ist der kleine Stalker vom Pausenhof“, sagte ich theatralisch und sah ihn gequält an. „Der ist mir heute Morgen schon begegnet und hat mich da ähnlich angestarrt, als hätte er noch nie ein Mädchen gesehen oder als hätte ich ’nen fetten Fleck auf meiner Kleidung. Er heißt Benni. Ich kenne ihn nur vom Sehen und aus Geschichten von Freunden“, erklärte ich ihm und mein Blick wurde zu einer schadenfrohen Fratze. „Nur ein falsches Wort von ihm und er kriegt was zu hören, so was ist unhöflich!“, rief ich und fing an zu lachen. Der Blick von Jason sprach Bände. Übersetzt war es wohl so etwas wie: „Als ob.“ Ich ignorierte ihn.
Ich war mir aber trotzdem bewusst, dass Jason recht hatte und ich ihm nicht meine Meinung sagen würde, das war schon immer so. Ich malte mir immer nur in Gedanken aus, wie ich den Leuten die Meinung geigte. Das sollte sich wirklich mal ändern. Jason sah mich grinsend an. „Deshalb mag ich dich so gerne. Immer gut gelaunt!“ Er zwinkerte mir zu und ich antwortete frech: „Na hoffentlich ist das nicht der einzige Grund.“ Dann stupste ich ihn in die Seite. Seine Antwort darauf war eine Kitzelattacke und Jack machte sofort mit. Als ich mich endlich aus ihrem Griff befreit hatte, sah ich sie gespielt böse mit Tränen in den Augen und außer Atem an. „Also jetzt bin ich aber beleidigt!“ Ein paar Sekunden hielten wir das Lachen zurück, dann bekamen wir einen Lachkrampf. Die Passanten neben uns sahen uns erst schräg an, mussten dann aber mitlachen. Plötzlich wurde ich ernst. Ich spürte Bennis Blick in meinem Rücken, schüttelte mich und sah Jack Hilfe suchend an. Ich konnte es gar nicht leiden, beobachtet zu werden. Schon als ich klein war, hatte ich dieses Problem. Es fühlte sich an, als würden sich die Blicke der anderen in meinen Rücken brennen und Male zurücklassen. Er verstand und legte seinen Arm schützend um mich. Ich konnte Bennis Starren nicht verstehen. Ich fand mich selbst nicht so interessant, als dass man mir hinterhergucken müsste, und war deshalb verwirrt. Ich dachte mit leicht geröteten Wangen darüber nach. Was war heute nur los?
Dann erreichten wir endlich die Bahn, konnten sofort einsteigen und bekamen sogar ein freies Abteil. „Müssen wir jetzt immer mit der Bahn fahren?“, fragte ich mit gespielt genervtem Blick. „Nein, nur dieses eine Mal! Weißt du, ganz in der Nähe der Schule ist ein Dorf, dort werden unsere Eltern hinziehen, sodass wir dort in den Ferien leben können. Du wirst sie auf jeden Fall bald wiedersehen und sie sind in alle Vorgänge eingeweiht worden. Die Bindung zwischen dir und ihnen wird nicht abreißen, darauf legt die Schule besonderen Wert. Niemand wird von seinen Eltern getrennt. Das kann niemand verantworten. Das macht außerdem vieles einfacher …“, antwortete Jack lächelnd. „Interessant …“, sagte ich verwirrt und wusste nicht so ganz, wohin das führen würde. „Also hör zu!“, sagte nun wieder Jason und sah mich eindringlich an. „Die Welt, wie du sie kennst, birgt einige Geheimnisse. Und du stehst im Mittelpunkt dieser Welt. Jetzt fragst du dich bestimmt, was das mit dir zu tun hat. Du bist das Kind von Lithyja und Revalon. Sie sind Kinder des Lichts und des Schattens. Dreimal hatten sie einen Nachkommen in die Welt gesetzt und ließen ihn dann von einem Menschen gebären. Es ist so, dass bei einer Verschmelzung von Licht und Schatten, Licht und Licht oder eben Schatten und Schatten mit wenigen Ausnahmen Seelen geboren werden. Diese Seelen brauchen einen Wirt. Also werden sie in Babys gesetzt. So bist du bei deinen Pflegeeltern aufgewachsen. Kommen wir aber wieder zum Thema. Beim ersten Mal hat es nicht funktioniert. Einige Schattenkinder sind uns feindlich gesinnt und haben eigene Pläne und Vorstellungen. Sie haben es geschafft, dieses besondere Kind aufzuspüren und zu töten. Sie waren die Einzigen, die diesem besonderen Kind wirklich gefährlich werden konnten, obwohl es unter dem Schutz seiner Eltern stand. Das Kind war noch viel zu jung und hatte keine Chance. Es besteht die Möglichkeit, dass ein Kind von Lithyja und Revalon nicht nur Licht, sondern auch Schatten kontrollieren kann. Es kann sehr mächtig werden. Magie ist in unserer Welt die mächtigste Waffe. Wer sie richtig beherrscht, kann vieles verändern. Und bei deiner Geburt war allen sofort klar, dass du diejenige bist, auf die so lange gewartet wurde. Deshalb wurdest du versteckt und von deinen Eltern getrennt gehalten. Es war sehr wichtig, dass es dieses Mal funktionierte. Die Schule ist eine Schule des Lichts, in der du lernst, dich zu verteidigen – und jetzt denk nicht an Fantasy-Romane oder die anderen Bücher, die du gelesen hast. Das hier ist etwas völlig anderes. Es ist ernst. Unterschätze es nicht! Außerdem hast du einen Bruder, der von dir getrennt wurde. Das bin ich!“ Er stockte. „Aber ich habe nicht die Schattenmagie geerbt, sondern nur die Lichtmagie. Vielleicht liegt es daran, dass ich vor dir da war oder ein Junge bin, ich weiß es nicht. Jedenfalls bist du die einzige lebende Person, die beide Arten der Magie beherrschen könnte und eine besondere Veranlagung für die Magie hat.“
Überwältigt sah ich ihn an … Ich wusste, dass er die Wahrheit sprach, ich fühlte es, sah es in seinem Blick und Tränen sammelten sich in meinen Augen. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich konnte es noch nicht ganz glauben, aber es fühlte sich so richtig an. Und doch wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Es war, als würde mich jemand aus meiner Komfortzone reißen und in eine andere Welt schmeißen, die allerdings nicht gefährlich wirkte, sondern mich eher weich auffing und mir die Wahrheit ins Ohr flüsterte. Und doch fühlte ich einen tiefen Schmerz in meinem Inneren. So als hätte mir jemand etwas genommen, was mir sehr wichtig war. Ich war zerrissen zwischen meiner alten Heimat und dem Gefühl des Hingezogenseins zu einer für mich neuen Welt. „Warum hast du es mir nicht früher gesagt?“, flüsterte ich und sah ihn an. „Ich konnte nicht! Ich durfte nicht, ich sollte dich nicht in Gefahr bringen. Wenn du früher davon erfahren hättest, hättest du es wahrscheinlich ausprobiert, Magie zu benutzen, und dadurch wären deine Fähigkeiten viel früher erwacht. Es reicht schon, dass sie jetzt anfangen, sich ohne unser Mitwirken bemerkbar zu machen. Alle Menschen, mit denen du Kontakt hattest, mussten schwören, dass sie kein Wort über die Magie verlieren. Du strahlst bereits eine unglaubliche Energie aus. Dich umgibt eine unwiderstehliche Aura, die es fast unmöglich macht, dir nicht hinterherzusehen. Und das macht das Ganze nur noch schwieriger. Jedes Schattenkind und jedes Lichtkind wird bald mitgekriegt haben, wo du dich aufhältst. Deshalb mussten wir dich auch so spontan von hier wegbringen. Es wäre gefährlich, noch länger zu zögern. Ich wollte dich nur beschützen. Wir alle wollten das! Jack und ich wussten schon lange Bescheid und stehen mit der Schule in direkter Verbindung, um über deine magische Entwicklung zu berichten. Ich wollte dich nicht belügen. Ehrlich gesagt war es sogar das Schwerste für mich, diese Distanz zu dir zu bewahren. Jeden Tag, an dem ich dich gesehen habe und es dir nicht sagen konnte, hat es wehgetan. Bitte verzeih mir.“ Seine Worte hatten mein Herz berührt. Tränen liefen über meine Wangen und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Hin- und hergerissen umarmte ich ihn einfach und schniefte in seine Schulter. Es war ein überwältigendes Gefühl der Liebe, das mich in diesem Moment durchströmte. So als würde ich in kurzer Zeit alles aufholen, was ich den Jahren der Unwissenheit verpasst hatte. Nach ein paar Minuten hauchte ich ein „Bruderherz“ in seine Schulter und er flüsterte: „Schwesterlein“ und hielt mich mindestens genauso fest wie ich ihn. Etwas in mir hatte sich geregt und ein Gefühl der Vorfreude ausgelöst. Vielleicht war es dieser Kindheitstraum, den ich immer hatte. Ich hatte immer davon geträumt, Magie benutzen zu können. Und jetzt sagte mir jemand, dass ich es tatsächlich könnte. Trotzdem müsste ich meine Familie zurücklassen. Aber wenn ich sie wirklich in diesem Dorf wiedersehen könnte, wäre es zumindest einen Versuch wert. Einen Versuch, in diese neue Welt, die sich mir da auftat, einzutauchen. Ja, ich sollte es zumindest versuchen. Ich wollte es versuchen und wahrscheinlich könnte ich, wenn ich wollte, sowieso nicht mehr zurück und mein altes Leben weiterleben. Ich nahm mir vor, mich anzupassen und den Versuch zu wagen, die Alison zu sein, von der Jason erzählt hatte. Und wenn ich mit meiner Magie wirklich würde helfen können, dann durfte ich nicht egoistisch sein und einfach Nein sagen. Es war meine Pflicht zu helfen. Ja, ich wollte es versuchen. Ich wollte mich in diese neue Welt eingliedern. Dann sah ich Jack an und er lächelte schwach: „Nein, ich bin nicht mit dir verwandt, keine Angst. Ich bin der Sohn zweier anderer Lichtkinder.“ Vor Erleichterung umarmte ich auch ihn einige Minuten lang. Dann setzte ich mich auf meinen Platz. „Wie lange fahren wir?“, fragte ich und wischte mir die Tränen ab. „Ungefähr drei Stunden“, antwortete Jack und fragte schmunzelnd: „Bist du müde?“ Demonstrativ gähnte ich und streckte mich. „Darf ich einen Oberschenkel von euch als Kissen benutzen?“, fragte ich lächelnd und Jack stand auf und setzte sich neben mich, um Kissen zu spielen. Ich musste das Ganze erst mal verdauen.
Ich rollte mich zusammen und platzierte meinen Kopf auf seinem Oberschenkel. Dann schloss ich meine Augen und träumte.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 218
ISBN: 978-3-95840-689-6
Erscheinungsdatum: 11.07.2018
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