Aufstieg der Verbündeten – Rise of the allies
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-7116-1520-6
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Endlich ist es so weit!Während Hailey dem Moment ihrer ersten Werwolf-Verwandlung entgegenfiebert, macht ihre beste Freundin Tara eine erschreckende Entdeckung. Doch kann ihre Freundschaft all die bevorstehenden Veränderungen und Herausforderungen überstehen?
1
Aller Anfang ist schwer
Ich sitze gelangweilt in dem Café und schaue meiner besten Freundin dabei zu, wie sie vorne nahe der Bühne steht. Ihr Beinahe-Freund himmelt sie von der Bühne aus durchs Mikro an und ich sitze hier und verdrehe genervt die Augen. Schon seit einer Stunde warte ich darauf, dass mich der Typ da hinten bei der Bar anspricht, aber er unterhält sich lieber mit der total überschminkten Tussi aus meiner Parallelklasse. Jetzt kommt ein Klassenkamerad zu mir und setzt sich mir gegenüber hin. „Was willst du, Eric?“, seufze ich. „Entschuldige, dass ich dir Gesellschaft leisten will“, lacht er. „Ich dachte eigentlich, dass das hier ein toller Abend wird, aber ich habe mich wohl oder übel getäuscht“, mein Blick huscht kurz zu dem Typen an der Bar und wieder zurück zu Eric. „Ah, du findest Jannic also gut“, er wackelt mit den Augenbrauen. „Nein“, lüge ich. Ich weiß genau, was für eine Sorte Junge Jannic ist, aber gefallen würde er mir schon. Nein, Hailey, was würde der schon von dir wollen?, fauche ich mich in Gedanken selbst an.
„Na los, Hailey, ich weiß genau, dass du super singen kannst. Geh doch auch mal auf die Bühne!“, schlägt Eric vor. Ich schüttle den Kopf. Mir zittern bei dem Gedanken an die Bühne da vorne schon die Knie. „Doch, komm jetzt!“, Eric zerrt mich aus meinem Stuhl. „He! Lass das!“, brülle ich, werde allerdings immer noch von dem Gejohle von Taras Beinahe-Freund, Julian, übertönt. Eric schafft es, mich zu der Bühne hinzuziehen. Julian schaut kurz verwirrt von Eric zu mir, wendet sich aber sofort wieder der singenden Tara zu. „Okay! Ich geh ja! Aber lass mich los!“, fauche ich Eric an. „Na geht ja“, grinst er gefällig. Er läuft zum DJ und flüstert ihm was ins Ohr, woraufhin der DJ Julian unterbricht und in sein eigenes Mikro sagt: „So, wir haben dir jetzt schon eine Stunde lang zugehört. Du singst ja nicht schlecht, aber da ist jetzt noch jemand, der gerne singen würde!“ Taras Blick wendet sich zu mir. Verwundert hebt sie die Augenbrauen. Ich zucke die Schultern und werde auch schon von Eric auf die Bühne geschoben, wobei er Julian wieder mit runterzieht. Julian wirft Eric einen bösen Blick zu und zieht Tara zu sich.
Der DJ nickt mir zu und lässt das Lied beginnen.
Die Musik beginnt. Erst jetzt realisiere ich, wo ich überhaupt stehe. Mir kommt es so vor, als würde das gesamte Café nur mich anstarren. Natürlich ist das nicht so, fast niemand beachtet mich, aber trotzdem werden meine Knie weich und ich habe Angst, dass ich umfalle. Ich schnappe Erics Blick auf. Er lächelt mich beruhigend an und nickt mir auffordernd zu. Jetzt hole ich tief Luft und beginne mit dem ersten Ton. Noch etwas leise murmle ich den Text vor mich hin. Immer noch ignorieren mich alle. Eigentlich ist das ja nicht gerade fair. Ich schaue zu Tara. Meine beste Freundin hat sich abgewandt! He! Ich habe Julian auch die ganze Zeit zugehört! Ich verändere meine Haltung und stelle mich hüftbreit auf die Bühne. Beide Hände halten das Mikro und ich hole mehr Volumen aus meiner Stimme. Jetzt kommt der Refrain. Ich schmettere ihn in das Mikro, wobei ich die Augen schließe, um jeden Ton zu treffen. Das ist mein Lieblingslied, ich kenne es genau. Ich weiß, wenn ich die Augen öffne und mich jemand ansieht, dann werde ich keinen Ton mehr herausbekommen.
Deshalb drehe ich mich kurzerhand um und singe mit vollem Volumen weiter. Die Bridge kommt. Ok. Viel schlimmer kann es eh nicht werden. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und wirble beim nächsten Refrain herum. Ich zwinge mich, nur den Spiegel hinter der Bar mir gegenüber anzusehen. Fast geschafft! Nur noch ein letztes Mal den Refrain singen und …
Ich halte den letzten Ton länger aus und lasse erst jetzt das Mikro sinken. Immer noch schaue ich mich selbst im Spiegel an.
Es ist still. Jetzt wende ich meinen Blick zu meinem Publikum unter mir. Alle starren mich an. „Äh“, murmle ich und mache einen Schritt zurück, „’tschuldigung.“ Gerade will ich mich abwenden, da ertönt Erics Stimme: „Das war voll krass!“, brüllt er. Ich nicke ihm dankbar zu. Er beginnt zu klatschen. Immer mehr Leute steigen mit ein. Einige jubeln sogar.
Das ist mir eindeutig zu viel Aufmerksamkeit. Ich lächle kurz, laufe dann aber von der Bühne, wobei ich Tara, die mich gleich empfängt, das Mikro in die Hand drücke. „Hailey, das war große Klasse!“, freut sie sich für mich. Ich nicke halbherzig lächelnd und will mich schon abwenden.
„Das war richtig super“, nickt Julian mir zu. „Danke“, ich senke den Blick und will eigentlich nur noch raus aus diesem Café. Eric erwischt mich allerdings noch am Ärmel. „He Hailey“, er legt einen Arm um mich, „Das war grandios.“ Ich zucke die Schultern und schaue zu Boden. „Ich muss an die Luft“, erkläre ich, befreie mich unter seinem Arm heraus und renne Richtung Ausgang.
Ich atme die frische Luft ein. Die Weiten unseres Schulcampus’ sind doch wirklich unglaublich. Unsere Schule liegt inmitten der Berge. Eigentlich ist es ja gar kein Schulcampus mehr, sondern eher ein Dorf, in dem die Schule so etwas wie der zentrale Punkt ist. Um unsere Schule herum sind die Wohnheime, also einfach Häuser mit Wohnungen, wo wir alle drin wohnen – natürlich jede Spezies für sich. Zwischen den Häusern gibt es verschiedene Geschäfte, wie Lebensmittelmärkte, Modeboutiquen, Friseursalons und so weiter. Und dann gibt es noch, etwas weiter außerhalb der Wohngebiete, die Cafés, Pubs und Discos, wo ich mich gerade befinde.
Jetzt höre ich die Tür des Cafés, die sich öffnet. „Puh, ganz schön stickige Luft hier“, ertönt Erics Stimme. Ich drehe mich zu ihm um. Er lässt die Tür hinter sich zufallen. Dann grinst er mich an und kommt zu mir her.
„Lust auf einen Spaziergang?“, fragt er. Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich bin müde. Ich werde jetzt ins Bett gehen“, erkläre ich und lächle noch kurz, „Bis morgen“, ich winke ihm zu und lasse Eric vor dem Café zurück.
Endlich liege ich im Bett. Ich starre die Decke an. Hoffentlich kommt Tara noch vor ein Uhr nachts nach Hause, sonst gibt’s wieder Ärger.
2
Die Rudel
„WACH AUF! WACH AUF“, brüllt mein Wecker. Ich fahre hoch und werfe ihn von meinem Nachtkästchen. „Aua“, murmelt er und klettert zurück. Der sprechende Wecker war einer der ersten Zauber, die Tara angewendet hat. Ich ignoriere ihn und setze mich auf die Bettkante.
„Man, Hailey! Wieso hast du den verdammten Wecker gestellt?“, faucht Tara, die im Nebenzimmer offenbar auch meinen Wecker gehört hat. „Weil wir Schule haben!“, knurre ich.
Ich ziehe mich hoch und krame irgendwas aus meinem Kleiderschrank.
Unmotiviert ziehe ich mich an und schlurfe ins Wohnzimmer. Meine Haare irgendwie in die Höhe steckend, beginne ich, den Toast aus dem Schrank zu räumen und in den Toaster zu schieben.
Endlich hat es Tara auch aus dem Bett geschafft und schlurft in die Küche. Sie kratzt sich am Kopf und setzt sich gähnend zum Tisch. „Gib mir ein Joghurt“, verlangt sie, „Bitte“, fügt sie noch schnell hinzu, als sie meinen grimmigen Blick sieht. Wir sind beide keine Morgenmenschen. Murrend hole ich einen Joghurtbecher aus dem Kühlschrank und stelle ihn auf den Tisch. Jetzt hole ich meinen Toast und lege Tara noch einen Löffel hin.
Nach dem Frühstück schaffen wir uns aus der Wohnung hinaus und schlendern langsam Richtung Schule. „Wann hast du heute aus?“, fragt Tara. Kurz muss ich überlegen. „Du weißt ja, dass mein 20. Geburtstag immer näher rückt. Vielleicht muss ich heute etwas länger bleiben“, erkläre ich. Sie nickt.
Anders als bei ihr aktiviert sich mein spezielles Gen erst an meinem 20. Geburtstag. „Ich muss heute sowieso noch einkaufen. Ich brauche einige Dinge aus dem Voodooshop. Mein Klassenvorstand besteht darauf, dass ich diese Magie erlerne“, meint meine Freundin.
Ich schaue sie verwundert an. „Aber du hast doch erst seit einem halben Jahr überhaupt deine Kräfte“, erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch. Tara nickt. Sie wirkt ein wenig nervös. „Sie werden mich bald einem der Zirkel zuteilen“, sie atmet tief durch.
„Wow, das ist ja ein recht großer Schritt“, antworte ich und verziehe das Gesicht, weil ich weiß, dass ich sie dann nicht mehr so oft sehen werde. „Mach dir nichts draus. Du verwandelst dich bald, das wird sicher super laufen, und dann kommst du sowieso zu deinem Rudel“, sie lächelt mich an.
Der Gedanke daran, meine beste Freundin alleine zu lassen, weil ich zu den Rudeln wechseln werde, lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Hoffentlich wird das alles gut gehen! Aber am meisten wünsche ich mir, dass Tara und ich noch Freunde bleiben können, auch wenn Freundschaften zwischen verschiedenen Wesen nicht gern gesehen werden.
Wir sind in der Schule angekommen. Die vielen Schüler machen mich immer etwas nervös. Ich atme tief durch und richte meine Aufmerksamkeit auf Tara. „Treffen wir uns zum Mittagessen in der Mensa?“, frage ich. Tara nickt: „Wenn es sich ausgeht und ich in die Wolfsmensa darf, dann gern.“ „Bis später!“, schon verschwindet sie in ihrer Klasse.
Ich schlendere den Gang entlang und erreiche den Wolfscampus. Hier fühle ich mich schon viel heimischer. Deutlich weniger Schüler laufen hier durch die Gänge. Es dauert gar nicht lange, und ich entdecke Eric. „Hey Eric!“, begrüße ich ihn. Der Dunkelhaarige dreht sich um. „Oh, hi, Hailey“, er lächelt mich an. Gemeinsam suchen wir unsere Klasse auf.
„Hallo, liebe Klasse“, meine Lieblingsprofessorin steht vor uns, „Einige von euch werden heute aufgefordert, in den Wald zu gehen. Für alle Septemberkinder aus dieser Klasse ist es heute Zeit“, fordert sie auf. Da ich weiß, dass in unserer Klasse nur drei Leute im September Geburtstag haben, bin ich ziemlich nervös, als ich vortrete. „Sehr gut. Thomas, Oliver und Hailey, wartet kurz“, die Professorin verschwindet wieder. Alle aus der Klasse starren uns an. Wir sind die ersten, die dieses Jahr gehen dürfen.
Jetzt kommt unsere Lehrerin wieder herein. Hinter ihr erscheint ein großer, muskulöser Mann. Seine schwarzen Haare kräuseln sich auf seinem Kopf und enden in einem Bart, der fast sein ganzes Gesicht ausfüllt. Mit erhobenem Haupt tritt er vor uns.
„Das ist Blake. Er ist der Alphawolf der Blutmondwölfe. Blake wird euch drei mit sich nehmen“, erklärt die Professorin. Seine grünen Augen betrachten uns von oben bis unten. Jetzt lehnt Blake sich zu unserer Lehrerin herab und flüstert ihr etwas ins Ohr. Die beiden schauen zu mir her.
Die Professorin nickt leicht. „Geht nun mit Blake. Ihr anderen, setzt euch, wir haben viel zu lernen“, erklärt sie.
Oliver und Thomas folgen dem bärtigen Alpha sofort. Ich zögere noch, laufe ihm dann aber ebenfalls nach. Nervös knete ich meine Finger und versuche, ruhig zu atmen. Es wird alles gut gehen, beruhige ich mich in Gedanken.
„Wie sind eure Namen?“, Blakes Stimme ist noch tiefer, als ich erwartet habe. Wir sind inzwischen schon aus dem Schulgebäude draußen und auf dem Weg Richtung Wald. „Ich bin Thomas“, erklärt Thomas stolz. „Oliver“, auch er scheint keine Nervosität zu empfinden. „Und unser Mädchen hier?“, fragt Blake und schaut mich direkt an. „Hailey“, antworte ich, ohne zu zögern. Ich werde mein mulmiges Gefühl nicht zeigen.
Blake nickt. Er führt uns eine Forststraße entlang. „Wie ihr wisst, gibt es verschiedene Rudel hier draußen. Die Halbmondwölfe, das Sichelmondrudel, das Vollmondrudel, die Blaumondwölfe und mein Rudel, die Blutmondwölfe. Jeder Alpha der Rudel wird heute hier sein. Sie haben einige ihrer Leute mitgebracht. Ihr seid mit dem Aufnahmeritual ja bekannt gemacht worden, oder?“, fragt er.
„Natürlich“, antwortet Thomas für uns. Er kommt mir etwas eingebildet vor. Hoffentlich werden wir nicht in dasselbe Rudel aufgenommen.
„Gut. Ihr werdet gegen verschiedene Wölfe und anschließend gegen euch gegenseitig kämpfen, und dann wird hoffentlich jeder von euch in eines der Rudel aufgenommen“, erklärt Blake.
„Und wenn nicht?“, fragt Oliver und schaut verwundert zu dem Alphawolf auf. Blake schaut in den Wald hinein. „Lasst uns hoffen, dass es nicht so weit kommt“, brummt er. Ich schlucke. Na, wenn das mal gut ausgeht.
Je näher wir der Grenze der Rudelterritorien kommen, desto nervöser werde ich. Ich will in ein Rudel aufgenommen werden!
Es ist erst einmal in meiner Schullaufbahn passiert, dass einer der Anwärter nicht in ein Rudel aufgenommen wurde. Ich kann mich noch an seinen Blick erinnern. Zorn, Hass und Schmerz lagen darin. Niemand hat ihn seither mehr gesehen.
Ich schlucke bei dem Gedanken, dass mir dasselbe Schicksal wiederfahren könnte. Reiß dich jetzt zusammen, Hailey, du hast trainiert und kannst dich gut verteidigen. Die Rudel werden dich aufnehmen, spreche ich mir in Gedanken selbst Mut zu.
„Wir sind da“, erklärt Blake.
Ich finde mich auf einer Lichtung wieder. Es ist zwar Vormittag, aber der Nebel im Wald lässt das Zwielicht der Sonne auf die Lichtung scheinen, als wäre es bereits Abend. Konzentriert horche ich. Alle Vögel sind verstummt. Ich kann nur den Wind vernehmen, der uns als Begleiter beisteht.
Wie aus dem Nichts tauchen aus dem Nebel große Gestalten auf. Sie haben uns umkreist. „Lasset das Ritual seinen Lauf nehmen“, ertönt eine tiefe Stimme.
Langsam lichtet sich der Nebel und ich kann die Männer ausmachen, die uns umkreisen. Jetzt bleiben sie stehen. Blake nickt. Es geht los. Zuerst werden sich die Alphas vorstellen, so wie es uns unsere Lehrerin erklärt hat. Und schon beginnt der erste.
„Mein Name ist Liam. Ich bin der Alpha der Vollmondwölfe. Mein Stellvertreter Jake ist mit mir gekommen und dessen Sohn Adrian“, er ist ebenfalls so groß und breit gebaut wie Blake.
„Ich bin Jackson, der Alpha der Halbmondwölfe. Mein Stellvertreter Ryan begleitet mich und auch Elijah“, nur in seiner Haarfarbe unterscheidet er sich von Blake. Jacksons Haare sind braun.
„Riley, Alpha der Sichelmondwölfe. Meine Begleiter sind Jaden und Tyson“, er scheint kein Mann großer Worte zu sein, aber das wird von den Sichelmondwölfen sowieso behauptet. Sein Erscheinungsbild ähnelt den anderen Alphas, allerdings ist Riley blond, wodurch sein Bart nicht sehr zur Geltung kommt.
„Man nennt mich Dylan. Mein Rudel sind die Blaumondwölfe. Mit mir gekommen sind Kyle und Adam“, Dylan ist etwas schmaler als die anderen Alphas, aber genauso groß und muskulös.
„Ich bin Blake, Alpha der Blutmondwölfe. Meine Begleiter sind Max und James“, Blake hat sich zu seinen Rudelgenossen gestellt, wodurch wir drei alleine im Mittelpunkt stehen.
Eigentlich sollte ich keinen Favoriten wählen, aber ehrlich gesagt möchte ich nicht zu den Sichelmondwölfen. Sie scheinen sehr verschlossen zu sein. Da würde ich wahrscheinlich nicht gut hinpassen.
Ich weiß, dass wir uns jetzt vorstellen müssen. Deshalb schaue ich zu Oliver. Er schluckt.
„Ich bin Oliver aus der Blutlinie der Ferres“, er neigt vor den Alphas den Kopf. Eigentlich bin ich jetzt dran, werde aber, bevor ich auch nur einen Ton sagen kann, von Thomas unterbrochen.
„Ich bin Thomas aus der Blutlinie der Fitz-Geralds“, er zeigt keinen Respekt gegenüber den Alphas, denn er schaut ihnen in die Augen, anstatt sich zu verneigen.
Innerlich verdrehe ich die Augen, reiße mich aber zusammen. Ist doch seine eigene Schuld, wenn er sich nicht zu benehmen weiß. Jetzt bin ich an der Reihe.
„Ich bin Hailey aus der Blutlinie der Montgommerys“, sage ich selbstbewusst, neige aber meinen Kopf vor den Alphas, um meine Ergebenheit zu demonstrieren.
Ein kurzes Raunen geht die Runde.
„Es beginnt Oliver“, bestimmt Blake, „Du wirst gegen James kämpfen.“ Es geht los.
Oliver hat sich gut geschlagen. Aus jedem Rudel wurde ein Wolf gebeten, gegen ihn zu kämpfen. Er hat niemanden besiegt, aber das wird von uns auch nicht erwartet. Es ist fast unmöglich, einen der besten Wölfe aus dem Rudel beim ersten Mal zu schlagen. Es geht um die Dauer des Kampfes, je länger, desto besser.
„Oliver darf sich nun ausrasten. Hailey, du bist dran“, erklärt Blake und lächelt mir zu. Ich nicke und trete in den Kreis. Meine Schuhe habe ich ausgezogen, so habe ich besseren Halt. Nur ein kurzes Trägershirt trage ich und Leggings, um mich gut bewegen zu können.
Ich schaue kurz in eines der Gesichter. Max schaut mich zweifelnd an. Sie alle kennen meine Familie, die Blutlinie der Montgommerys reicht weit zurück. Allerdings hat sich mein Familienrudel aufgelöst. Vampire und Hexen haben es zerstört, wodurch ich die Letzte meiner Art geblieben bin.
„Dein erster Gegner wird Elijah aus dem Halbmondrudel“, bestimmt Jackson. Offenbar will er mich in seinem Rudel haben, denn normalerweise hätte Blake den Vortritt, weil er uns, die Neulinge, abgeholt hat.
Elijah tritt vor. Kurz neigen wir die Köpfe. Ich muss mich jetzt konzentrieren.
Elijah beginnt, mich zu umkreisen. Ich tue es ihm gleich, während ich ihn genau beobachte. An seiner Körperhaltung merke ich, dass auch er nervös ist. Wahrscheinlich ist es sein erster Kampf für sein Rudel. Vielleicht kann ich mir diese Nervosität zunutze machen.
Seine linke Schulter hängt ein wenig weiter hinab als die rechte, wodurch ich erkenne, dass links seine schwächere Seite ist. Mir ist durchaus bewusst, dass er das Recht hat, mich als Erste anzugreifen, aber ich könnte das Überraschungsmoment nutzen und ihn somit eventuell besiegen.
Nein. Ich werde fair kämpfen.
Elijah wiegt seinen Körper hin und her. Dann stürzt er nach vorne. Gerade noch kann ich zur Seite springen. Ich wirble herum und werfe mich auf meinen Gegner, der jetzt mit dem Rücken zu mir steht. Mit beiden Armen umklammere ich seinen Hals. Mit meinen Beinen umfasse ich seinen Bauch. Blitzschnell klettere ich an ihm hinauf. Mit einem Ruck zerre ich ihn nach hinten und er fällt zu Boden.
Ich, da ich ebenfalls auf dem Boden liege, rolle mich auf ihn und setze mich auf seinen Bauch. Etwas unwohl fühle ich mich dabei schon, da ich ihn ja nicht kenne, aber ich gebe mein Bestes. Mit beiden Armen wild fuchtelnd versucht er, mich von sich zu stoßen, aber ich schlage ihm zweimal gezielt ins Gesicht. Knurrend schafft er es, mich von sich zu werfen.
Ich fliege über die halbe Lichtung und komme hart am Boden auf. Keuchend stütze ich mich auf meine Hände. Ich höre, wie Elijah knurrend auf mich zukommt. Daher vollführe ich eine Rolle vorwärts und stehe schnellstmöglich wieder auf.
So leicht werde ich mich nicht bezwingen lassen!
Elijah mustert mich. Einige Tropfen Blut haben sich in seinem linken Mundwinkel gesammelt. Seine Unterarme sind voll Dreck und Erde. Er kommt auf mich zu.
Ich ducke mich ein wenig und schüttle kurz den Kopf. Tief atme ich ein – ich bin ein wenig außer Atem –, bevor ich nach vorne stürze. Elijah wirkt überrascht, denn ich kann ihn direkt umrennen.
Ich lasse ihm keine Chance, sich zu wehren, und ringe ihn zu Boden. Ein Adrenalinschub lässt mich den Rest vollführen. Schnell ziehe ich Elijahs Kopf zur Seite und deute einen Biss an, ehe er reagieren kann.
„Genug!“, höre ich eine tiefe Stimme. Ich werfe den Kopf herum. Jackson zieht die Augenbrauen hoch. „Lass ihn bitte wieder frei“, der Alpha grinst mich erfreut, aber zugleich auch erstaunt an und wendet seinen Blick kurz seinem zweiten Begleiter zu, ehe er wieder zu Elijah und mir sieht.
Mit der rechten Hand wische ich mir die Blutspuren von meiner rechten Wange, während ich mich erhebe und somit Elijah freigebe.
„Hailey Montgommery“, ertönt Jacksons Stimme. Keuchend und zu Atem kommend, richte ich mich zur Gänze auf. „Du hast es geschafft, einen meiner Leute heute zu besiegen. Elijah ist ein tapferer, junger Krieger. Ich dachte nicht, dass er heute geschlagen wird, aber du hast mich eines Besseren belehrt. Ich möchte dich gerne im Rudel der Halbmondwölfe willkommen heißen“, Jackson schaut mir direkt in die Augen und lächelt freundlich.
Hat er mich gerade jetzt schon in sein Rudel eingeladen? Mein Blick hellt sich auf. Freude kribbelt in meinen Händen und Füßen. Ist das ein Trick oder meint der Alpha das Angebot ernst?
„Wartet, so weit sind wir doch noch gar nicht! Ich habe noch nicht gekämpft“, mischt sich Thomas ein.
Die Köpfe aller Beteiligten, inklusive Oliver und mir, wirbeln zu dem Anwärter hinüber. Er steht am Rande des Kreises und sieht mich aus schmalen Augen an.
„Wir hätten dich schon nicht vergessen“, erklärt Blake ein wenig genervt. Dann schaut er von Thomas zu mir und wieder zurück.
„Dein erster Gegner wird Hailey aus dem Halbmondrudel sein“, erklärt er und kann sich offenbar ein Grinsen nicht verkneifen.
Ich starre geschockt zu Blake. Er darf gar nicht für mich sprechen! Das ist nur Jackson erlaubt, wenn der mich gerade wirklich in sein Rudel aufgenommen hat. Genau der greift jetzt auch ein. „Wer hat dir, Blake, erlaubt, für meine Wölfe zu sprechen?“, knurrt er. Er hat es also ernst gemeint! Ich bin jetzt eine Halbmondwölfin! Trotz blutender Nase grinse ich übers ganze Gesicht. Ich bin jetzt offiziell ein Mitglied des Halbmondrudels!
Blake schaut ihn schulterzuckend an. „Wäre nur ein fairer Kampf, nach dem, was Hailey gerade hingelegt hat“, lacht er.
Jackson schaut von Blake zu Ryan, der leicht nickt, und dann zu mir. „Gut. Hailey wird für mein Rudel kämpfen“, stimmt der Alpha zu. Was für eine Ehre!
Elijah klopft mir auf die Schultern und lächelt kurz. „Viel Glück“, flüstert er und zieht sich zu Jackson und Ryan zurück. Seine Niederlage von gerade hat er wohl gut verkraftet.
...
Aller Anfang ist schwer
Ich sitze gelangweilt in dem Café und schaue meiner besten Freundin dabei zu, wie sie vorne nahe der Bühne steht. Ihr Beinahe-Freund himmelt sie von der Bühne aus durchs Mikro an und ich sitze hier und verdrehe genervt die Augen. Schon seit einer Stunde warte ich darauf, dass mich der Typ da hinten bei der Bar anspricht, aber er unterhält sich lieber mit der total überschminkten Tussi aus meiner Parallelklasse. Jetzt kommt ein Klassenkamerad zu mir und setzt sich mir gegenüber hin. „Was willst du, Eric?“, seufze ich. „Entschuldige, dass ich dir Gesellschaft leisten will“, lacht er. „Ich dachte eigentlich, dass das hier ein toller Abend wird, aber ich habe mich wohl oder übel getäuscht“, mein Blick huscht kurz zu dem Typen an der Bar und wieder zurück zu Eric. „Ah, du findest Jannic also gut“, er wackelt mit den Augenbrauen. „Nein“, lüge ich. Ich weiß genau, was für eine Sorte Junge Jannic ist, aber gefallen würde er mir schon. Nein, Hailey, was würde der schon von dir wollen?, fauche ich mich in Gedanken selbst an.
„Na los, Hailey, ich weiß genau, dass du super singen kannst. Geh doch auch mal auf die Bühne!“, schlägt Eric vor. Ich schüttle den Kopf. Mir zittern bei dem Gedanken an die Bühne da vorne schon die Knie. „Doch, komm jetzt!“, Eric zerrt mich aus meinem Stuhl. „He! Lass das!“, brülle ich, werde allerdings immer noch von dem Gejohle von Taras Beinahe-Freund, Julian, übertönt. Eric schafft es, mich zu der Bühne hinzuziehen. Julian schaut kurz verwirrt von Eric zu mir, wendet sich aber sofort wieder der singenden Tara zu. „Okay! Ich geh ja! Aber lass mich los!“, fauche ich Eric an. „Na geht ja“, grinst er gefällig. Er läuft zum DJ und flüstert ihm was ins Ohr, woraufhin der DJ Julian unterbricht und in sein eigenes Mikro sagt: „So, wir haben dir jetzt schon eine Stunde lang zugehört. Du singst ja nicht schlecht, aber da ist jetzt noch jemand, der gerne singen würde!“ Taras Blick wendet sich zu mir. Verwundert hebt sie die Augenbrauen. Ich zucke die Schultern und werde auch schon von Eric auf die Bühne geschoben, wobei er Julian wieder mit runterzieht. Julian wirft Eric einen bösen Blick zu und zieht Tara zu sich.
Der DJ nickt mir zu und lässt das Lied beginnen.
Die Musik beginnt. Erst jetzt realisiere ich, wo ich überhaupt stehe. Mir kommt es so vor, als würde das gesamte Café nur mich anstarren. Natürlich ist das nicht so, fast niemand beachtet mich, aber trotzdem werden meine Knie weich und ich habe Angst, dass ich umfalle. Ich schnappe Erics Blick auf. Er lächelt mich beruhigend an und nickt mir auffordernd zu. Jetzt hole ich tief Luft und beginne mit dem ersten Ton. Noch etwas leise murmle ich den Text vor mich hin. Immer noch ignorieren mich alle. Eigentlich ist das ja nicht gerade fair. Ich schaue zu Tara. Meine beste Freundin hat sich abgewandt! He! Ich habe Julian auch die ganze Zeit zugehört! Ich verändere meine Haltung und stelle mich hüftbreit auf die Bühne. Beide Hände halten das Mikro und ich hole mehr Volumen aus meiner Stimme. Jetzt kommt der Refrain. Ich schmettere ihn in das Mikro, wobei ich die Augen schließe, um jeden Ton zu treffen. Das ist mein Lieblingslied, ich kenne es genau. Ich weiß, wenn ich die Augen öffne und mich jemand ansieht, dann werde ich keinen Ton mehr herausbekommen.
Deshalb drehe ich mich kurzerhand um und singe mit vollem Volumen weiter. Die Bridge kommt. Ok. Viel schlimmer kann es eh nicht werden. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und wirble beim nächsten Refrain herum. Ich zwinge mich, nur den Spiegel hinter der Bar mir gegenüber anzusehen. Fast geschafft! Nur noch ein letztes Mal den Refrain singen und …
Ich halte den letzten Ton länger aus und lasse erst jetzt das Mikro sinken. Immer noch schaue ich mich selbst im Spiegel an.
Es ist still. Jetzt wende ich meinen Blick zu meinem Publikum unter mir. Alle starren mich an. „Äh“, murmle ich und mache einen Schritt zurück, „’tschuldigung.“ Gerade will ich mich abwenden, da ertönt Erics Stimme: „Das war voll krass!“, brüllt er. Ich nicke ihm dankbar zu. Er beginnt zu klatschen. Immer mehr Leute steigen mit ein. Einige jubeln sogar.
Das ist mir eindeutig zu viel Aufmerksamkeit. Ich lächle kurz, laufe dann aber von der Bühne, wobei ich Tara, die mich gleich empfängt, das Mikro in die Hand drücke. „Hailey, das war große Klasse!“, freut sie sich für mich. Ich nicke halbherzig lächelnd und will mich schon abwenden.
„Das war richtig super“, nickt Julian mir zu. „Danke“, ich senke den Blick und will eigentlich nur noch raus aus diesem Café. Eric erwischt mich allerdings noch am Ärmel. „He Hailey“, er legt einen Arm um mich, „Das war grandios.“ Ich zucke die Schultern und schaue zu Boden. „Ich muss an die Luft“, erkläre ich, befreie mich unter seinem Arm heraus und renne Richtung Ausgang.
Ich atme die frische Luft ein. Die Weiten unseres Schulcampus’ sind doch wirklich unglaublich. Unsere Schule liegt inmitten der Berge. Eigentlich ist es ja gar kein Schulcampus mehr, sondern eher ein Dorf, in dem die Schule so etwas wie der zentrale Punkt ist. Um unsere Schule herum sind die Wohnheime, also einfach Häuser mit Wohnungen, wo wir alle drin wohnen – natürlich jede Spezies für sich. Zwischen den Häusern gibt es verschiedene Geschäfte, wie Lebensmittelmärkte, Modeboutiquen, Friseursalons und so weiter. Und dann gibt es noch, etwas weiter außerhalb der Wohngebiete, die Cafés, Pubs und Discos, wo ich mich gerade befinde.
Jetzt höre ich die Tür des Cafés, die sich öffnet. „Puh, ganz schön stickige Luft hier“, ertönt Erics Stimme. Ich drehe mich zu ihm um. Er lässt die Tür hinter sich zufallen. Dann grinst er mich an und kommt zu mir her.
„Lust auf einen Spaziergang?“, fragt er. Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich bin müde. Ich werde jetzt ins Bett gehen“, erkläre ich und lächle noch kurz, „Bis morgen“, ich winke ihm zu und lasse Eric vor dem Café zurück.
Endlich liege ich im Bett. Ich starre die Decke an. Hoffentlich kommt Tara noch vor ein Uhr nachts nach Hause, sonst gibt’s wieder Ärger.
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Die Rudel
„WACH AUF! WACH AUF“, brüllt mein Wecker. Ich fahre hoch und werfe ihn von meinem Nachtkästchen. „Aua“, murmelt er und klettert zurück. Der sprechende Wecker war einer der ersten Zauber, die Tara angewendet hat. Ich ignoriere ihn und setze mich auf die Bettkante.
„Man, Hailey! Wieso hast du den verdammten Wecker gestellt?“, faucht Tara, die im Nebenzimmer offenbar auch meinen Wecker gehört hat. „Weil wir Schule haben!“, knurre ich.
Ich ziehe mich hoch und krame irgendwas aus meinem Kleiderschrank.
Unmotiviert ziehe ich mich an und schlurfe ins Wohnzimmer. Meine Haare irgendwie in die Höhe steckend, beginne ich, den Toast aus dem Schrank zu räumen und in den Toaster zu schieben.
Endlich hat es Tara auch aus dem Bett geschafft und schlurft in die Küche. Sie kratzt sich am Kopf und setzt sich gähnend zum Tisch. „Gib mir ein Joghurt“, verlangt sie, „Bitte“, fügt sie noch schnell hinzu, als sie meinen grimmigen Blick sieht. Wir sind beide keine Morgenmenschen. Murrend hole ich einen Joghurtbecher aus dem Kühlschrank und stelle ihn auf den Tisch. Jetzt hole ich meinen Toast und lege Tara noch einen Löffel hin.
Nach dem Frühstück schaffen wir uns aus der Wohnung hinaus und schlendern langsam Richtung Schule. „Wann hast du heute aus?“, fragt Tara. Kurz muss ich überlegen. „Du weißt ja, dass mein 20. Geburtstag immer näher rückt. Vielleicht muss ich heute etwas länger bleiben“, erkläre ich. Sie nickt.
Anders als bei ihr aktiviert sich mein spezielles Gen erst an meinem 20. Geburtstag. „Ich muss heute sowieso noch einkaufen. Ich brauche einige Dinge aus dem Voodooshop. Mein Klassenvorstand besteht darauf, dass ich diese Magie erlerne“, meint meine Freundin.
Ich schaue sie verwundert an. „Aber du hast doch erst seit einem halben Jahr überhaupt deine Kräfte“, erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch. Tara nickt. Sie wirkt ein wenig nervös. „Sie werden mich bald einem der Zirkel zuteilen“, sie atmet tief durch.
„Wow, das ist ja ein recht großer Schritt“, antworte ich und verziehe das Gesicht, weil ich weiß, dass ich sie dann nicht mehr so oft sehen werde. „Mach dir nichts draus. Du verwandelst dich bald, das wird sicher super laufen, und dann kommst du sowieso zu deinem Rudel“, sie lächelt mich an.
Der Gedanke daran, meine beste Freundin alleine zu lassen, weil ich zu den Rudeln wechseln werde, lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Hoffentlich wird das alles gut gehen! Aber am meisten wünsche ich mir, dass Tara und ich noch Freunde bleiben können, auch wenn Freundschaften zwischen verschiedenen Wesen nicht gern gesehen werden.
Wir sind in der Schule angekommen. Die vielen Schüler machen mich immer etwas nervös. Ich atme tief durch und richte meine Aufmerksamkeit auf Tara. „Treffen wir uns zum Mittagessen in der Mensa?“, frage ich. Tara nickt: „Wenn es sich ausgeht und ich in die Wolfsmensa darf, dann gern.“ „Bis später!“, schon verschwindet sie in ihrer Klasse.
Ich schlendere den Gang entlang und erreiche den Wolfscampus. Hier fühle ich mich schon viel heimischer. Deutlich weniger Schüler laufen hier durch die Gänge. Es dauert gar nicht lange, und ich entdecke Eric. „Hey Eric!“, begrüße ich ihn. Der Dunkelhaarige dreht sich um. „Oh, hi, Hailey“, er lächelt mich an. Gemeinsam suchen wir unsere Klasse auf.
„Hallo, liebe Klasse“, meine Lieblingsprofessorin steht vor uns, „Einige von euch werden heute aufgefordert, in den Wald zu gehen. Für alle Septemberkinder aus dieser Klasse ist es heute Zeit“, fordert sie auf. Da ich weiß, dass in unserer Klasse nur drei Leute im September Geburtstag haben, bin ich ziemlich nervös, als ich vortrete. „Sehr gut. Thomas, Oliver und Hailey, wartet kurz“, die Professorin verschwindet wieder. Alle aus der Klasse starren uns an. Wir sind die ersten, die dieses Jahr gehen dürfen.
Jetzt kommt unsere Lehrerin wieder herein. Hinter ihr erscheint ein großer, muskulöser Mann. Seine schwarzen Haare kräuseln sich auf seinem Kopf und enden in einem Bart, der fast sein ganzes Gesicht ausfüllt. Mit erhobenem Haupt tritt er vor uns.
„Das ist Blake. Er ist der Alphawolf der Blutmondwölfe. Blake wird euch drei mit sich nehmen“, erklärt die Professorin. Seine grünen Augen betrachten uns von oben bis unten. Jetzt lehnt Blake sich zu unserer Lehrerin herab und flüstert ihr etwas ins Ohr. Die beiden schauen zu mir her.
Die Professorin nickt leicht. „Geht nun mit Blake. Ihr anderen, setzt euch, wir haben viel zu lernen“, erklärt sie.
Oliver und Thomas folgen dem bärtigen Alpha sofort. Ich zögere noch, laufe ihm dann aber ebenfalls nach. Nervös knete ich meine Finger und versuche, ruhig zu atmen. Es wird alles gut gehen, beruhige ich mich in Gedanken.
„Wie sind eure Namen?“, Blakes Stimme ist noch tiefer, als ich erwartet habe. Wir sind inzwischen schon aus dem Schulgebäude draußen und auf dem Weg Richtung Wald. „Ich bin Thomas“, erklärt Thomas stolz. „Oliver“, auch er scheint keine Nervosität zu empfinden. „Und unser Mädchen hier?“, fragt Blake und schaut mich direkt an. „Hailey“, antworte ich, ohne zu zögern. Ich werde mein mulmiges Gefühl nicht zeigen.
Blake nickt. Er führt uns eine Forststraße entlang. „Wie ihr wisst, gibt es verschiedene Rudel hier draußen. Die Halbmondwölfe, das Sichelmondrudel, das Vollmondrudel, die Blaumondwölfe und mein Rudel, die Blutmondwölfe. Jeder Alpha der Rudel wird heute hier sein. Sie haben einige ihrer Leute mitgebracht. Ihr seid mit dem Aufnahmeritual ja bekannt gemacht worden, oder?“, fragt er.
„Natürlich“, antwortet Thomas für uns. Er kommt mir etwas eingebildet vor. Hoffentlich werden wir nicht in dasselbe Rudel aufgenommen.
„Gut. Ihr werdet gegen verschiedene Wölfe und anschließend gegen euch gegenseitig kämpfen, und dann wird hoffentlich jeder von euch in eines der Rudel aufgenommen“, erklärt Blake.
„Und wenn nicht?“, fragt Oliver und schaut verwundert zu dem Alphawolf auf. Blake schaut in den Wald hinein. „Lasst uns hoffen, dass es nicht so weit kommt“, brummt er. Ich schlucke. Na, wenn das mal gut ausgeht.
Je näher wir der Grenze der Rudelterritorien kommen, desto nervöser werde ich. Ich will in ein Rudel aufgenommen werden!
Es ist erst einmal in meiner Schullaufbahn passiert, dass einer der Anwärter nicht in ein Rudel aufgenommen wurde. Ich kann mich noch an seinen Blick erinnern. Zorn, Hass und Schmerz lagen darin. Niemand hat ihn seither mehr gesehen.
Ich schlucke bei dem Gedanken, dass mir dasselbe Schicksal wiederfahren könnte. Reiß dich jetzt zusammen, Hailey, du hast trainiert und kannst dich gut verteidigen. Die Rudel werden dich aufnehmen, spreche ich mir in Gedanken selbst Mut zu.
„Wir sind da“, erklärt Blake.
Ich finde mich auf einer Lichtung wieder. Es ist zwar Vormittag, aber der Nebel im Wald lässt das Zwielicht der Sonne auf die Lichtung scheinen, als wäre es bereits Abend. Konzentriert horche ich. Alle Vögel sind verstummt. Ich kann nur den Wind vernehmen, der uns als Begleiter beisteht.
Wie aus dem Nichts tauchen aus dem Nebel große Gestalten auf. Sie haben uns umkreist. „Lasset das Ritual seinen Lauf nehmen“, ertönt eine tiefe Stimme.
Langsam lichtet sich der Nebel und ich kann die Männer ausmachen, die uns umkreisen. Jetzt bleiben sie stehen. Blake nickt. Es geht los. Zuerst werden sich die Alphas vorstellen, so wie es uns unsere Lehrerin erklärt hat. Und schon beginnt der erste.
„Mein Name ist Liam. Ich bin der Alpha der Vollmondwölfe. Mein Stellvertreter Jake ist mit mir gekommen und dessen Sohn Adrian“, er ist ebenfalls so groß und breit gebaut wie Blake.
„Ich bin Jackson, der Alpha der Halbmondwölfe. Mein Stellvertreter Ryan begleitet mich und auch Elijah“, nur in seiner Haarfarbe unterscheidet er sich von Blake. Jacksons Haare sind braun.
„Riley, Alpha der Sichelmondwölfe. Meine Begleiter sind Jaden und Tyson“, er scheint kein Mann großer Worte zu sein, aber das wird von den Sichelmondwölfen sowieso behauptet. Sein Erscheinungsbild ähnelt den anderen Alphas, allerdings ist Riley blond, wodurch sein Bart nicht sehr zur Geltung kommt.
„Man nennt mich Dylan. Mein Rudel sind die Blaumondwölfe. Mit mir gekommen sind Kyle und Adam“, Dylan ist etwas schmaler als die anderen Alphas, aber genauso groß und muskulös.
„Ich bin Blake, Alpha der Blutmondwölfe. Meine Begleiter sind Max und James“, Blake hat sich zu seinen Rudelgenossen gestellt, wodurch wir drei alleine im Mittelpunkt stehen.
Eigentlich sollte ich keinen Favoriten wählen, aber ehrlich gesagt möchte ich nicht zu den Sichelmondwölfen. Sie scheinen sehr verschlossen zu sein. Da würde ich wahrscheinlich nicht gut hinpassen.
Ich weiß, dass wir uns jetzt vorstellen müssen. Deshalb schaue ich zu Oliver. Er schluckt.
„Ich bin Oliver aus der Blutlinie der Ferres“, er neigt vor den Alphas den Kopf. Eigentlich bin ich jetzt dran, werde aber, bevor ich auch nur einen Ton sagen kann, von Thomas unterbrochen.
„Ich bin Thomas aus der Blutlinie der Fitz-Geralds“, er zeigt keinen Respekt gegenüber den Alphas, denn er schaut ihnen in die Augen, anstatt sich zu verneigen.
Innerlich verdrehe ich die Augen, reiße mich aber zusammen. Ist doch seine eigene Schuld, wenn er sich nicht zu benehmen weiß. Jetzt bin ich an der Reihe.
„Ich bin Hailey aus der Blutlinie der Montgommerys“, sage ich selbstbewusst, neige aber meinen Kopf vor den Alphas, um meine Ergebenheit zu demonstrieren.
Ein kurzes Raunen geht die Runde.
„Es beginnt Oliver“, bestimmt Blake, „Du wirst gegen James kämpfen.“ Es geht los.
Oliver hat sich gut geschlagen. Aus jedem Rudel wurde ein Wolf gebeten, gegen ihn zu kämpfen. Er hat niemanden besiegt, aber das wird von uns auch nicht erwartet. Es ist fast unmöglich, einen der besten Wölfe aus dem Rudel beim ersten Mal zu schlagen. Es geht um die Dauer des Kampfes, je länger, desto besser.
„Oliver darf sich nun ausrasten. Hailey, du bist dran“, erklärt Blake und lächelt mir zu. Ich nicke und trete in den Kreis. Meine Schuhe habe ich ausgezogen, so habe ich besseren Halt. Nur ein kurzes Trägershirt trage ich und Leggings, um mich gut bewegen zu können.
Ich schaue kurz in eines der Gesichter. Max schaut mich zweifelnd an. Sie alle kennen meine Familie, die Blutlinie der Montgommerys reicht weit zurück. Allerdings hat sich mein Familienrudel aufgelöst. Vampire und Hexen haben es zerstört, wodurch ich die Letzte meiner Art geblieben bin.
„Dein erster Gegner wird Elijah aus dem Halbmondrudel“, bestimmt Jackson. Offenbar will er mich in seinem Rudel haben, denn normalerweise hätte Blake den Vortritt, weil er uns, die Neulinge, abgeholt hat.
Elijah tritt vor. Kurz neigen wir die Köpfe. Ich muss mich jetzt konzentrieren.
Elijah beginnt, mich zu umkreisen. Ich tue es ihm gleich, während ich ihn genau beobachte. An seiner Körperhaltung merke ich, dass auch er nervös ist. Wahrscheinlich ist es sein erster Kampf für sein Rudel. Vielleicht kann ich mir diese Nervosität zunutze machen.
Seine linke Schulter hängt ein wenig weiter hinab als die rechte, wodurch ich erkenne, dass links seine schwächere Seite ist. Mir ist durchaus bewusst, dass er das Recht hat, mich als Erste anzugreifen, aber ich könnte das Überraschungsmoment nutzen und ihn somit eventuell besiegen.
Nein. Ich werde fair kämpfen.
Elijah wiegt seinen Körper hin und her. Dann stürzt er nach vorne. Gerade noch kann ich zur Seite springen. Ich wirble herum und werfe mich auf meinen Gegner, der jetzt mit dem Rücken zu mir steht. Mit beiden Armen umklammere ich seinen Hals. Mit meinen Beinen umfasse ich seinen Bauch. Blitzschnell klettere ich an ihm hinauf. Mit einem Ruck zerre ich ihn nach hinten und er fällt zu Boden.
Ich, da ich ebenfalls auf dem Boden liege, rolle mich auf ihn und setze mich auf seinen Bauch. Etwas unwohl fühle ich mich dabei schon, da ich ihn ja nicht kenne, aber ich gebe mein Bestes. Mit beiden Armen wild fuchtelnd versucht er, mich von sich zu stoßen, aber ich schlage ihm zweimal gezielt ins Gesicht. Knurrend schafft er es, mich von sich zu werfen.
Ich fliege über die halbe Lichtung und komme hart am Boden auf. Keuchend stütze ich mich auf meine Hände. Ich höre, wie Elijah knurrend auf mich zukommt. Daher vollführe ich eine Rolle vorwärts und stehe schnellstmöglich wieder auf.
So leicht werde ich mich nicht bezwingen lassen!
Elijah mustert mich. Einige Tropfen Blut haben sich in seinem linken Mundwinkel gesammelt. Seine Unterarme sind voll Dreck und Erde. Er kommt auf mich zu.
Ich ducke mich ein wenig und schüttle kurz den Kopf. Tief atme ich ein – ich bin ein wenig außer Atem –, bevor ich nach vorne stürze. Elijah wirkt überrascht, denn ich kann ihn direkt umrennen.
Ich lasse ihm keine Chance, sich zu wehren, und ringe ihn zu Boden. Ein Adrenalinschub lässt mich den Rest vollführen. Schnell ziehe ich Elijahs Kopf zur Seite und deute einen Biss an, ehe er reagieren kann.
„Genug!“, höre ich eine tiefe Stimme. Ich werfe den Kopf herum. Jackson zieht die Augenbrauen hoch. „Lass ihn bitte wieder frei“, der Alpha grinst mich erfreut, aber zugleich auch erstaunt an und wendet seinen Blick kurz seinem zweiten Begleiter zu, ehe er wieder zu Elijah und mir sieht.
Mit der rechten Hand wische ich mir die Blutspuren von meiner rechten Wange, während ich mich erhebe und somit Elijah freigebe.
„Hailey Montgommery“, ertönt Jacksons Stimme. Keuchend und zu Atem kommend, richte ich mich zur Gänze auf. „Du hast es geschafft, einen meiner Leute heute zu besiegen. Elijah ist ein tapferer, junger Krieger. Ich dachte nicht, dass er heute geschlagen wird, aber du hast mich eines Besseren belehrt. Ich möchte dich gerne im Rudel der Halbmondwölfe willkommen heißen“, Jackson schaut mir direkt in die Augen und lächelt freundlich.
Hat er mich gerade jetzt schon in sein Rudel eingeladen? Mein Blick hellt sich auf. Freude kribbelt in meinen Händen und Füßen. Ist das ein Trick oder meint der Alpha das Angebot ernst?
„Wartet, so weit sind wir doch noch gar nicht! Ich habe noch nicht gekämpft“, mischt sich Thomas ein.
Die Köpfe aller Beteiligten, inklusive Oliver und mir, wirbeln zu dem Anwärter hinüber. Er steht am Rande des Kreises und sieht mich aus schmalen Augen an.
„Wir hätten dich schon nicht vergessen“, erklärt Blake ein wenig genervt. Dann schaut er von Thomas zu mir und wieder zurück.
„Dein erster Gegner wird Hailey aus dem Halbmondrudel sein“, erklärt er und kann sich offenbar ein Grinsen nicht verkneifen.
Ich starre geschockt zu Blake. Er darf gar nicht für mich sprechen! Das ist nur Jackson erlaubt, wenn der mich gerade wirklich in sein Rudel aufgenommen hat. Genau der greift jetzt auch ein. „Wer hat dir, Blake, erlaubt, für meine Wölfe zu sprechen?“, knurrt er. Er hat es also ernst gemeint! Ich bin jetzt eine Halbmondwölfin! Trotz blutender Nase grinse ich übers ganze Gesicht. Ich bin jetzt offiziell ein Mitglied des Halbmondrudels!
Blake schaut ihn schulterzuckend an. „Wäre nur ein fairer Kampf, nach dem, was Hailey gerade hingelegt hat“, lacht er.
Jackson schaut von Blake zu Ryan, der leicht nickt, und dann zu mir. „Gut. Hailey wird für mein Rudel kämpfen“, stimmt der Alpha zu. Was für eine Ehre!
Elijah klopft mir auf die Schultern und lächelt kurz. „Viel Glück“, flüstert er und zieht sich zu Jackson und Ryan zurück. Seine Niederlage von gerade hat er wohl gut verkraftet.
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